Ekelhaft nett

von Erenya
GeschichteFreundschaft / P12
25.09.2016
25.09.2016
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Midousuji konnte die Blicke dieser widerwärtigen Gesellschaft die sich „Klassenkameraden“ nannte spüren. Sie waren nicht verächtlich oder wütend, sondern mitleidig. Ekelhaft. Er brauchte kein Mitleid, auch wenn es ihn noch ein wenig störte, dass nicht er es gewesen war, der Manami besiegt hatte. Stattdessen war es Onoda gewesen, der ursprünglich keinerlei Willen hatte zu gewinnen. Der alles nur aus Pflichtbewusstsein seinem Team gegenüber tat und deren Willen erfüllte. Der kleine Otaku, der sich an etwas klammerte, was er als Freundschaft bezeichnete. Ekelhaft. Hakone, Sohoku... Sie waren alle ekelhaft.
„Midousuji-kun, hey... Nächstes Jahr holen wir uns den Sieg.“
Midousuji zuckte zusammen, als ihn eine Hand ermutigend auf die Schulter klopfte.
„Wichtig ist, dass wir uns nun auf die Prüfungen konzentrieren.“
Ekelhaft, ekelhaft, ekelhaft! Sie alle waren ekelhaft. Was war dieses Rennen schon wert, wenn er es nicht gewonnen hatte? Gar nichts. All die Pläne, all die Mühen, all das was er getan hatte war nichts mehr wert. Doch keiner außer ihm sah das. Niemand schien die Sinnlosigkeit hinter diesen Inter-High zu sehen. Sie alle feierten dieses „nah dran“ und die bedeutungslosen Plaketten, die nur dazu hatten dienen sollen, die vergangenen Champions zu demotivieren. Doch es hatte alles nichts gebracht. Ekelhaft.
„Hey, Mido!“
Er verzog angewidert und dennoch lächelnd das Gesicht, als er diese ihm so vertraute Stimme hinter sich vernahm. Das letzte Mal hatte er den Besitzer dieser vor der Inter-High gesehen. Seinen Klassenkameraden der ihm Glück gewünscht hatte. Midousuji erinnerte sich genau, was er daraufhin gesagt hatte. Er hatte sich die Hand dabei vor dem Mund gehalten und gelacht.
„Ich brauche kein Glück, Zaku. Wie ekelhaft, dass du mir Glück wünschst.“
Obwohl einige, denen er ebenso geantwortet hatten, ihn danach mit diesem angewiderten Blick angesehen hatten, blieb das bei seinem Klassenkameraden aus. Im Gegenteil, er hatte einfach gelächelt und nichts mehr gesagt.
„Du, ich hab irgendwie nicht genug für die Englischprüfung gelernt. Hilfst du mir?“
Nichts schien sich nach seiner Niederlage verändert zu haben. Gar nichts. Er behandelte ihn noch wie vorher, lächelte und anders als die anderen, sah Midousuji in seinen Augen kein Mitleid aufblitzen. Ekelhaft.
„Du willst mich nicht fragen wie die Inter-High gelaufen ist?“
„Sollte ich?“
Er grinste weiter, doch Midousuji antwortete nicht. Wollte er denn von ihm gefragt werden? Midousuji wusste es nicht.
„Also nochmal, lässt du mich bitte abschreiben, Mido?“
Ekelhaft.
„Zaku, lern gefälligst besser. Du solltest weniger Mangas lesen und Animes schauen.“
„Wie gemein Mido! Soviel habe ich gar nicht gelesen oder geschaut. Ich hatte besseres zu tun.“
Auch wenn Midousuji es bereits bereute, er musste fragen. Warum nur?
„Und was?“
„Mh... Das ist ein Geheimnis.“
„Ekelhaft.“
Ja, es war ekelhaft, dass dieser Zaku Geheimnisse vor ihm hatte. Er hätte nur zu gerne gewusst, was das für ein Geheimnis war und dass er es nur zu gerne gewusst hätte, war noch ekelhafter.
Das war genug an seltsamen Verhalten, was er an den Tag gelegt hatte. Ohne mit ihm ein weiteres Wort zu wechseln, ging Midousuji in Richtung seiner Klasse. Je schneller er nun das Gespräch mit dem Zaku abwürgte umso besser. Er war ekelhaft.

Es war eigentlich unglaublich, dass er während der Inter-High wirklich Zeit gefunden hatte um zu lernen. Vor allem nachdem er nach dem Rennen des dritten Tages 18 Stunden durchgeschlafen hatte.
Wahrscheinlich verdankte er es Ishigaki, der sich als Teamcaptain und Senpai verantwortlich dafür gefühlt hatte, dass alle Teammitglieder ihren Notenstand hielten oder gar verbesserten um nicht vom Club ausgeschlossen zu werden. Zwischen den Trainingseinheiten und auch in den freien Stunden der Inter-High, hatte er sein bestes als Nachhilfelehrer gegeben. Ekelhaft. Ishigaki war ekelhaft, sein Verantwortungsbewusstsein war ekelhaft, ebenso sein Teamgeist. Alles ekelhaft. Dabei war er für Midousuji nur eine Marionette gewesen, ein Mittel zum Zweck, dass ihn zum Sieg führen sollte. Das hatte er gewusst und dennoch hatte er seine gesamte Hoffnung in Midousuji transferiert. Nutzlos, denn er hatte gegen Kimoizumi verloren. Und dennoch würde Ishigakis Teamgeist sich zumindest in der Englischprüfung bezahlt machen.
Das wurde Midousuji klar, als er die Englischarbeit sah. Ekelhaft. Nicht einmal das würde eine Herausforderung sein. Langweilig. Ohne groß nachzudenken, löste er eine Aufgabe nach der anderen. Er war schnell, blendete alles aus und hatte gerade wieder das Gefühl auf seinem Road Racer zu sein. Frei, unbekümmert und so sicher. Er sah das „gelb“ was ihn immer daran erinnerte, dass er auf der Zielgeraden war.
Und plötzlich, kurz bevor er die Ziellinie überquerte, spürte er etwas. Einen Blick von seiner Linken. Er hatte ihn schon einmal gespürt. Auf dem Weg zur Schule. Damals hatte er geglaubt schneller als alle anderen zu sein, da diese nur auf ihren klapprigen Billigrädern gefahren waren. Er erinnerte sich an diesen Blick, der so bohrend gewesen war, aber in keinster Weise herausfordernd. Und dennoch war er ihm nahe gewesen.
Midousuji sah neben sich in die bittenden Augen des Zakus, der ihn zuvor gebeten hatte, von ihm abschreiben zu dürfen. Ekelhaft. Er tat es schon wieder, genau wie damals auf dem Weg zur Schule. Und dann auch noch halbherzig. Warum? Warum? Warum? Midousuji verstand es nicht. Er wollte es aber verstehen. Und es gab nur eine Möglichkeit wie er das konnte.
Sein Blick glitt nach vorne. Der Lehrer interessierte sich scheinbar nicht für sie und spielte stattdessen mit seinem Handy. Perfekt. Ohne zu zögern und so unauffällig wie möglich, schob Midousuji das Blatt mehr zu seiner Linken, so dass der Zaku alles gut sehen konnte.

Der Zaku bedachte ihn mit einem dankbaren Grinsen, als die Englischprüfung und damit auch die letzte Stunde vorbei war. Midousuji wusste, dass es besser war etwas zu sagen, doch er wartete. Immerhin stand der Zaku in seiner Schuld. Sollte er also den ersten Schritt wagen.
„Hey, Mido-“
„Akira!“
Es hatte Midousuji schon immer gestört und geärgert, wenn der Zaku seinen Nachnamen verunstaltete. Vor allem so respektlos. Da konnte er ihm auch gleich anbieten ihn bei seinen Vornamen zu nennen.
„Dann eben Aki.“
Midousuji murrte. Nein, das war nicht besser. Im Gegenteil, es klang so vertraut und so als seien sie „Freunde“. Ekelhaft. Freundschaft war immerhin etwas, dass er nicht brauchte.
„Lass uns ein Rennen fahren. Die Strecke bis zu dir dürfte doch gut genug sein, oder?“
Midousujis Augen weiteten sich. Hatte er den Zaku gerade richtig verstanden?
„Was hast du gesagt?“
„Lass uns ein Rennen fahren. Ich bin vielleicht nicht so gut wie ihr vom Radrennclub, aber... mh, vielleicht hilft es dir um die nächsten Inter-High zu gewinnen. Ich habe hart trainiert.“
Er hatte es wirklich richtig verstanden. Der Zaku, der einzige, der ihn jemals vor den Inter-High besiegt hatte, wollte gegen ihn ein Rennen fahren. Und dafür hatte er auch noch hart trainiert. Er, der nicht mit einem Road Racer fuhr um zu gewinnen. Er war genauso ekelhaft wie Onoda. Und dennoch...
„Gib dein bestes, Torigami-kun. Wenn ich gewinne, trittst du dem Radrennclub bei.“
„Wohl eher nicht. Das ist mir zu viel Arbeit und ehrlich, auch meine Dankbarkeit fürs Abschreiben hat Grenzen.“
Ekelhaft, Torigami, diese Zaku, war ekelhaft. Aber nur, weil Midousuji wusste dass er heute nicht gegen ihn gewinnen würde. Aber dass konnte er in den nächsten Tagen ändern, bis er es schaffte. Es hatte sich also gelohnt ekelhaft nett zu sein.
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