Süße Träume

OneshotDrama, Freundschaft / P18
Black Widow / Natasha Romanoff Captain America / Steven "Steve" Grant Rogers
21.09.2016
21.09.2016
1
2003
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Süße Träume


„Oh Mensch! Gieb Acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
Ich schlief, ich schlief –,
aus tiefem Traum bin ich erwacht.
Die Welt ist tief,
und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr weh –,
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit –
will tiefe, tiefe Ewigkeit!“
- Friedrich Nietzsche (1844 – 1900)

***
„Du wirst dich fügen müssen, wenn du wirklich hier bleiben willst. Du hast keine Wahl, denn du hast von Anfang an gesagt, dass du zu uns gehörst. Jetzt ist es zu spät, Romanoff“, sagte diese widerliche Frauenstimme erneut.
Sie war vom Klang her fast mit der Intensität eines Fingernagels vergleichbar, der über eine Schultafel kratzte und jeden Muskel ihres Körpers verkrampfen konnte. Sie zuckte zusammen und drehte den Kopf weg, der in der alten Hand der Frau verweilte, weil die ihr Kinn gepackt hatte.
Die Hand war schrumpelig und die Finger waren mit krallenartigen Nägeln ausgestattet, die ihr in jedem Moment den Hals aufschlitzen konnten, wenn sie es nur wollte. Diese Hexe hatte sie in ihrer Gewalt und sie konnte nichts dagegen unternehmen.
Sie war ihr ausgeliefert und sie musste gehorchen, denn sonst wäre sie tot. Die Aufnahme in die hohen Kreise war schon immer ihr Ziel gewesen, doch hatte sie nun Angst. Todesangst...
Panisch drehte sie ihren Kopf wieder nach vorne und kniff die Augen zusammen. Da stand keine Frau vor ihr, sondern ein Ungeheuer mit schuppiger Haut und stechend gelben Augen. Ein Monster, das sie zu zerreißen drohte.
„Romanoff, steh auf. Sonst ziehe ich dir die zarte Haut in Streifen vom Körper“, zischte die Echse und packte ihren Hals noch fester, sodass sie keine Luft mehr bekommen konnte. Sie wollte schreien, doch kam kein Laut aus ihrem Mund.
Sie wollte sich bewegen, doch war sie wie versteinert. Wie nach dem Blick in Medusas wunderschöne Augen, die Diamanten glichen und den Tod bedeuteten... Todbringende Schönheit und mindestens genau so giftige Scheußlichkeit paarten sich hier und brachten diese Bestie hervor, die sie mit ihren Echsenaugen anstierte.
Dann wurde sie hochgerissen und durch die Zeit gewirbelt. Ohne den Weg hierher gesehen zu haben, fand sie sich im roten Raum wieder, der sich wie ein Kerker auf ihr ausbreitete. Wie eine Decke aus Blei lag er auf ihr und drückte ihr die Luft ab, sodass sie beinahe erstickte.
„Du bist gleich eine von uns, Romanoff. Ich mache eine nach Vernichtung dürstende Erinnye aus dir. Und du wirst mein Meisterwerk sein“, züngelte die Echsenfrau und sie spürte kurz darauf eine kalte Klinge, die sich durch ihren Unterleib schnitt und alles in ihr zerstörte, das ein Leben hervorbringen könnte...
***
„Nein!“ schrie sie aus voller Kehle und saß kerzengerade in ihrem Bett, in welchem sie sich bis gerade herumgewälzt haben musste. Natashas Atmung ging unregelmäßig und in tiefen, lauten Zügen, die sie selbst kaum ertragen konnte, so ohrenbetäubend waren sie.
Der Schweiß lief ihr in Strömen über die Stirn, über den Nacken und sog sich letztlich in ihr dünnes Schlafshirt, das sie sich übergeworfen hatte. Fahrig wischte sie sich mit der flachen Hand über das Gesicht und versuchte sich zu beruhigen.
Es war nur ein Traum gewesen, es war alles gut...
Da sie nun hellwach war, schob sie ihre Beine über die Bettkante und torkelte unsicheren Schrittes auf das kleine Bad zu, das zu ihrem Zimmer hier gehörte, welches sie im Hauptquartier bewohnte. Der Raum war so klein, dass sie sich kaum darin drehen konnte, doch musste der Platz reichen, um sich eine Hand voll Wasser ins Gesicht zu scheppen.
Die kalte Flüssigkeit flutete ihr Waschbecken und sie stützte sich irgendwann mit ihren Händen daran ab, um in den winzigen Spiegel darüber zu blicken.
Sie war blass und sie hatte Augenringe. Gesund sah sie auch nicht aus, aber das tat sie generell nicht, seit der Sache mit Ultron und Bruce... Ganz besonders seit der Sache mit Bruce. Dieser Mistkerl.
Aber im selben Moment zog sie diesen Gedanken wieder zurück, denn er hatte Recht mit dem, was er über ihre Zukunft gesagt hatte, die es nicht gab. Sie waren nicht dafür geschaffen und er schützte sie beide durch sein Verschwinden vor einem Fehler.
Wenigstens war er ein ehrlicher Mistkerl.
Natasha drehte den Wasserhahn zu und löste sich langsam von ihrem eigenen – und ihrer Meinung nach ziemlich erbärmlichen – Anblick im Spiegel. Unwillkürlich legte sie eine Hand auf ihrem unteren Bauchbereich ab.
Sie hatte lange nicht mehr davon geträumt, aber seit Wanda ihr vor kurzem in Wakanda diese unheimlichen Gedanken eingepflanzt hatte, waren die Erinnerungen wieder präsent geworden. Eigentlich wollte sie nicht mehr darüber nachdenken, denn es war längst vergangen, doch spukten ihr diese Zeiten damals bei den Russen sehr intensiv durch den Geist.
Gedankenverloren verließ sie ihre Unterkunft und lief ziellos durch den Wohn- und Gemeinschaftsraum des Quartiers. Dabei vergaß sie sogar, dass sie bloß ein viel zu großes T-Shirt und ein Höschen trug, doch war ihr gerade mitten in der Nacht um halb drei nichts gleichgültiger. Selbst wenn sie Vision über den Weg laufen sollte.
Ohne einen besonderen Grund ging sie erst zur Küchenzeile, die in den Raum integriert war und öffnete den Kühlschrank. Desinteressiert nahm sie eine Flasche mit Orangensaft heraus, aus welcher sie sich ein wenig in ein Glas einschenkte.
Achtlos ließ sie die Flasche auf der Arbeitsplatte stehen und ging mit dem Glas in der Hand zu der großen Fensterfront, durch die sie auf die Wiese blicken konnte, auf der sie am nächsten Morgen zusammen mit Steve an den Fähigkeiten der 'Neuen' feilen würde.
Natasha stellte erleichtert fest, dass sie sich wieder im Griff hatte. Die Nachwirkungen des Traums ließen langsam nach und sie blickte sich auch nicht mehr in dem Wohnbereich um, um nach der Echse Ausschau zu halten.
Nach mindestens zehn Minuten, die sie unbeweglich da herumgestanden und in welchen sie nicht einen einzigen Schluck von ihrem Orangensaft getrunken hatte, vernahm sie leise Schritte hinter sich.
Die Person war barfuß unterwegs, also wahrscheinlich auch ein Nachtschwärmer. Doch ging sie auf Nummer Sicher und drehte sich um. Ihre Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt und sie konnte sehen, dass es ein Mann war, der sich da näherte.
„Natasha, bist du das?“ fragte er dann und sie erkannte Steves Stimme. Sie war plötzlich so erleichtert, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen. Niemand anderem wollte sie so verletzlich gegenüberstehen.
„Ja, Steve“, murmelte sie mit brüchiger Stimme und unterdrückte die Tränen so gut es ging. So beschissen hatte sie sich seit langem nicht mehr gefühlt und jetzt kam auch noch der Captain und konnte sich dieses Elend ansehen.
Na hervorragend...
Er trat auf sie zu und blieb direkt vor ihr stehen. Seine Anwesenheit beruhigte sie und wühlte sie im gleichen Moment auf. Er war einer der wenigen, den sie tatsächlich als Freund bezeichnen würde, doch wusste sie gerade nicht, ob sie nicht lieber alleine wäre.
„Ich hab dich schreien hören... Ist alles in Ordnung?“ fragte Steve vorsichtig und legte eine seiner warmen Hände auf ihre Schulter, ohne dabei aufdringlich zu sein. Er war wirklich der letzte Gentleman auf Erden.
Sie rang sich ein Nicken ab, doch wusste sie nicht wie ihr geschah, als sie einfach zu weinen begann, wenn auch kontrolliert und ohne einen Laut von sich zu geben. Die Tränen liefen einfach, obwohl sie sie zurückhalten wollte.
„Hey, komm her“, flüsterte Steve mitleidig und zog sie in die Arme. Dabei schwappte etwas von dem Orangensaft über den Rand des Glases und klatschte auf den Fliesenboden unter ihren nackten Füßen.
„Ach Scheiße“, murmelte sie erstickt und zog die Nase hoch, während sie sich einfach von Steve festhalten ließ.
„Ich wisch das gleich weg. Ansonsten behaupten wir morgen, Vision wäre es gewesen“, scherzte er behutsam und sie musste tatsächlich lächeln, auch wenn sie wieder die Bilder ihres Traums heimsuchten.
So standen sie mindestens weitere fünf Minuten einfach da, bis ihre Tränen versiegten und ihre Hand versteifte, weil sie sich so vehement an ihrem Glas festklammerte. Irgendwann lehnte Natasha sich zurück, um Steve ins Gesicht zu sehen.
Seine Umrisse erkannte sie nur schemenhaft, doch reichte die Außenbeleuchtung rund um das Gelände, das durch die Scheiben in den Raum schimmerte, um zu erkennen, dass so viel in Steve vorging, was er jedoch für sich behielt, um sie nicht zu stören.
Er wusste, dass es Dinge gab, die wertvoller waren als eintausend Worte. Dann ließ er von ihr ab und nahm ihr das Glas aus der Hand.
„Na los, geh schlafen. Ich wische den Saft noch auf“, sagte er leise und sie nickte einfach, während er ihr zielsicher eine Träne von der Wange strich. Sehr viel ruhiger kam sie in ihrem Raum an und ließ sich auf das zerwühlte Bett nieder.
Der Sturm, der in ihrem Inneren tobte hatte sich nicht vollständig gelegt, doch war er etwas flauer geworden. Es war vielleicht an der Zeit mit der Vergangenheit abzuschließen.
Erneut.

Anmerkung: Aus Natashas Sicht habe ich noch nicht oft geschrieben. Mein erster Versuch heißt Jäger und Gejagte und auch da bin ich noch immer an Rückmeldung interessiert (genau wie hier), denn Natasha fällt mir nicht besonders leicht. Wer also gerade im Natasha-Fieber ist, der ist herzlich eingeladen! :)
LG, Erzaehlerstimme
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