Nur ein Undercover-Einsatz ... (?)

GeschichteHumor, Freundschaft / P12
20.09.2016
20.09.2016
2
8154
3
Alle
4 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
Mit einem flüchtigen Lächeln drückt Natasha die schwere Tasche Bruce in die Arme und verabschiedet ihn so aus ihrer ersten gemeinsamen Avenger-Mission. „Auf Wiedersehen, Doktor Banner.“, meint sie etwas zu förmlich und Bruce hat das dumpfe Gefühl, sie weiß bereits mehr als er. Als sei das nächste Wiedersehen gar nicht so weit entfernt, wie er selbst noch glaubt. Er lächelt nur zurück und nickt ihr dankend zu, ehe er zu Tony ins Auto steigt – er bedankt sich damit nicht nur für die Gepäckübergabe, doch das wissen nur Natasha und er. Nach dem Shawarma-Essen gestern Abend haben sie noch lange zusammen mit Clint in dem Bistro gesessen und über alles Mögliche wie Unverfängliche gesprochen. Irgendwann hat sich Clint etwas wankend erhoben und gemurmelt, dass er sich aufs Ohr hauen muss, wenn er am nächsten Tag noch zurechnungsfähig sein soll. Auch Natasha und Bruce haben kurz darauf das Bistro verlassen. Sie sind spät nachts durch die noch ziemlich zerstörten Straßen New Yorks gelaufen, wirklich zur Ruhe kam keiner von beiden, und in den Stark-Tower wollten sie auch noch nicht zurück kehren … es wurde ein etwas anderer Nachtspaziergang.


Rückblick:

Die Räumungsarbeiten laufen zu so später Stunde zum Teil noch auf Hochtouren, so manche Rauchfahnen ziehen noch immer durch die Häuserschluchten, viele Straßen sind seit Stunden für den allgemeinen nächtlichen Straßenverkehr gesperrt, Rettungswagen bahnen sich Wege durch Schutt, Staub, Autowracks, verstreute Sachen, Trümmerberge und kommen doch oftmals gar nicht durch … einige Feuerwehrmänner, Rettungskräfte und auch ganz normale Bürger der Stadt schuften auch jetzt noch in den Trümmern, bergen Verschüttete, räumen die Fußwege, organisieren Helferketten. Die Stark-Katastrophenhilfe koordiniert derweil die umfangreicheren Räumungsarbeiten.

Bisweilen blicken überraschte und verwirrte Helfer Natasha hinterher – sie ist in ihrer vom Kampf gezeichneten Kleidung und ihrem roten Haarschopf doch noch immer als einer der Avengers zu erkennen, zumindest auf den zweiten, etwas aufmerksameren Blick – wenn man ihn riskieren kann. Bruce blickt sich nervös nach den nicht wohl gesonnenen Schaulustigen um, einer brüllt ihnen irgendetwas nach, was mehr als nur frustriert klingt. Dafür pfeift ein anderer begeistert und anerkennend – so oder so, die Stimmung ist hier so spät in der Nacht, bei all dem Chaos, so kurz nach der beinahe-Katastrophe noch ziemlich aufgeladen. „Agent Romanoff. Undercover-Mission – so heißt das doch bei Ih – bei dir. Was meinst du?“, murmelt Bruce neben ihr, als beide zum wiederholten Mal skeptische Blicke treffen vor denen er sich unwillkürlich wegduckt und den Blickkontakt meidet. Er ahnt nicht, wie sehr er diesen Vorschlag noch bereuen wird.

Sie duzen sich erst seit einigen Stunden, seit dem Shawarma-Essen um genau zu sein – Thor hat darauf bestanden, seine Logik war simpel wie einleuchtend: sie hätten als Team gesiegt, der Kampf wiederum habe sie als Team geformt, sie haben sich aufeinander verlassen können, haben Seite an Seite gekämpft – wenn das kein Grund zum duzen sei … Hoch die Tassen. Tony fand das gut, die anderen waren zu sehr in Gedanken, um sinnvolle Diskussionen anzufangen. Steve widersprach nicht einmal Tonys Begeisterung ob Thors Vorschlag – Prioritäten verschieben sich bisweilen schnell.

Natasha nickt bestätigend: „Undercover-Mission.“ Bereits zwei Straßen weiter findet sie für sich eine Fliegerjacke, die vermutlich einer von den vielen flüchtenden Passanten vor einigen Stunden dort fallen gelassen hat. Nicht weit davon entfernt liegt eine Sporttasche, wohl ebenfalls in Panik verloren und nicht unerheblich zertrampelt, aber vielleicht sah die schon vorher so aus. „Bis gleich.“, lächelt Natasha und verschwindet mitsamt Jacke und Tasche hinter einer noch rauchenden Hausfassade. Währenddessen angelt Bruce aus einem halb zerquetschten Auto einen Hut heraus. Keine zwei Minuten später kommt Natasha wieder zurück, ganz leger in einer ziemlich kurzen Jeans Hose, bestimmt für offensichtliche und viel Beinfreiheit, Schnürstiefeln bis über die Waden, zudem bekleidet mit einem kurzem verwaschenem hellen Shirt und darüber die besagte Fliegerjacke. Natasha versucht gerade mit einem Schnürsenkel ihre Haare hochzubinden, die improvisierte Frisur sitzt nur leidlich. Bruce starrt sie an: „Wollen wir nicht nach einer anderen Tasche mit besserem Inhalt suchen, das sieht ziemlich … gewagt aus.“ Himmel, wer trägt so etwas im wahren Leben? „Um so besser.“, freut sich Natasha, sie scheint nicht wirklich eitel zu sein – das muss Bruce einmal mehr feststellen. „Ich will mich nicht in deinen Beruf einmischen.“, wagt er einen weiteren Einwurf: „Aber ist es nicht Ziel der Verkleidung eben nicht  verkleidet auszusehen?“ - „Du warst lange nicht mehr in New York, hm?“, erwidert Natasha nur lachend: „Hier fällt nur jemand auf, der nackig durch die Straßen rennt, ansonsten gibt es hier nichts, was es nicht gibt. Auch nicht kurz nach Mitternacht, so wie jetzt.“, sie nickt ihm wissend zu und fummelt dabei weiter an ihrer Frisur herum. Bruce zuckt mit den Schultern: „Wenn du meinst. Moment, das hält gleich viel besser.“, meint er im Hinblick auf ihre  wirren Haare und drückt ihr vorsichtig den Hut auf den Kopf. „Perfekt.“, zumindest aus seiner Sicht. Doch wenn er geglaubt hat, er selbst würde ungeschoren davon kommen, hat er sich sehr in seiner Begleitung geirrt. „Hier, das ist für dich. Die Tasche war wirklich ein Jackpot. Die Besitzer würde ich gerne mal kennen lernen ...“, Natasha kramt leise lachend aus der Sporttasche eine Schiebermütze, ein abgetragenes Sakko und ein paar Hosenträger heraus. „Da hat wohl jemand gesammelt und wollte damit zum Secondhand-Laden.“, stellt Natasha amüsiert fest, während Bruce nach wie vor irritiert auf die für ihn bestimmten Sachen blickt und murmelt: „Ist das Ihr … dein Ernst? Da fehlt jetzt nur noch ein Pullunder und eine dicke Randbrille und ich sehe aus wie der letzte Nerd.“ - „Seit wann so korrekt?“, lächelt Natasha und hält ihm gnadenlos die Sachen vor die Nase, schließlich gibt Bruce dem aufmunterndem Blick der Agentin nach. Im Grunde hätte er das hier alles weniger nötig als Natasha, als Dr. Bruce Banner ist er bereits undercover genug – doch Natasha findet: mitgegangen, mitgefangen. Also macht er mit. Natasha verwuschelt ihm die dunklen strähnigen Haare noch etwas mehr, ignoriert standhaft seinen Protest, um ihm dann die Mütze auf den Kopf zu setzen. Sie lächelt ihn an, sie lächelt ihn ziemlich viel an seit ihren entspannten wie halbwegs gesprächigen Stunden in dem zerstörten Shawarma-Bistro.… und Bruce wird dabei nie das Gefühl los, dass sie irgendwelche Hintergedanken hat. Nichts körperliches, nur irgendeine fixe Idee – in deren Umsetzung er bereits heillos mitten drin steckt, ohne es selbst zu wissen.

Natasha nickt, sie scheint mit dem Resultat seiner äußerlichen Veränderung zufrieden zu sein. Sie laufen weiter, Bruce trägt die Sporttasche mit Natashas Kampfkleidung, während sich die Agentin neben ihm in ihren unmöglichen Sachen durchaus wohl zu fühlen scheint. So schlendern sie durch die Nacht, unablässig passieren sie Viertel und Straßen, in denen der Kampf heftige Spuren hinterlassen hat, bisweilen ist kaum ein Durchkommen möglich …
„Wir haben ziemlich viel Schaden angerichtet.“, murmelt Bruce immer wieder und blickt traurig auf die Trümmer. „Und wir haben ziemlich viel Leid verhindert.“, erwidert Natasha dann sofort. Bruce sieht das anders: „Wenn es danach geht, hätten wir es gar nicht erst soweit kommen lassen dürfen. Und das schlimme daran ist: es wäre uns möglich gewesen, wenn ich auf dem Helicarrier nicht ...“
„Lebst du immer im wäre-hätte-Land?“, unterbricht ihn Natasha erstaunt. „Du weißt, dass dieses Land einen sehr schlechten Ruf hat, hm? Dort leben ausschließlich Zweifler, und die bekommen nichts fertig. Fangen viel an, hören nie auf, beenden alles nur halb, stapeln unglaublich tief, blicken nur zurück nie nach vorn, sehen nur das was sie nicht erreicht haben, denken dass alles andere  besser wäre als das was gerade ist, meinen sie verpassen viel und verdienen das auch so, glauben sie versagen nur und gewinnen nie, halten weniger von sich selbst als ...“
„Ich glaube ich habe ein Bild davon, danke.“, unterbricht Bruce ihre Ausführung: „Aber ich meine das anders.“
„Das glaube ich dir nicht. Du meinst es ganz genau so, wie du es sagst.“, widerspricht ihm Natasha, während sie in eine weitere Seitenstraße einbiegen: Hier scheint es Glasscherben geregnet zu haben, die Bürgersteiger sind noch immer übersät von den Überresten ehemaliger Fensterfassaden. Zum Teil kleben Blutspuren daran. Bruce bleibt abrupt stehen, er erkennt diese Straße sofort, hier ist er bei dem Kampf mehrmals durchgepflügt – da muss er nicht mal hoch schauen, um die Ursache des Scherbenmeeres zu wissen. Er blickt einen Moment schweigend auf die Szenerie, ehe er sich wortlos auf dem Absatz umdreht und in die entgegengesetzte Richtung weiter geht. Natasha seufzt leise und folgt ihm. Sie lässt ihn eine Weile in Ruhe, sie bemerkt, dass er dabei ist Gedanken zu formulieren. Er ist für sie bisweilen ziemlich gut zu durchschauen,  denn er besitzt sehr zuverlässige Eigenheiten und Handlungsroutinen, die sie trotz ihrer kurzen Begegnungen schnell erkannt und begriffen hat. Schließlich meint er: „Wenn du dir rein statistisch vor Augen führst, was der Andere heute alles zerstört hat, wie viele Menschen durch ihn  gestorben sind und nicht  durch die Invasion ...“
Natasha lässt sich nicht beirren: „Dann lege einen anderen Schwerpunkt auf die Statistik: wie viele Menschen hast du bewahrt, und wie viele wären ohne dich durch die Invasion vernichtet worden, hm?“
„Jeder hat seine eigenen Prinzipien für sein Handeln, jeder legt andere Schwerpunkte, die man nicht einfach austauschen kann. Ein Prinzip wird durch vermeintlichen Sichtwechsel nicht weniger relevant. Es besteht, und bleibt bestehen. Und ich kann keinen andere Sichtweise zulassen, als meine eigene … Verzeihung, in dieser Hinsicht bin ich wohl doch ein Egoist.“
„Wenn das deine Definition von Egoismus ist, dann bist du der bescheidenste Mensch, der mir je begegnet ist.“, lächelt Natasha flüchtig.  
„Wir sollten nicht hier durch die Straßen gehen. Das ist … das ist schwer zu ertragen.“, murmelt Bruce und blickt sich nach einem besseren Weg um.
„Wenn du nur die Trümmer siehst, kann ich dich verstehen.“
„Siehst du denn noch etwas anderes?“
Natasha deutet sofort nach vorne: „Im nördlichen Teil der Stadt, dort hinten ab der Neununddreißigsten, steigt kein Rauch auf. So weit sind die Chitauri gar nicht erst gekommen, wir haben sie gut eingekesselt und aufgehalten, vor allem mit deiner Hilfe. Meinst du nicht?“
„Ich meine nach wie vor, dass dieser Kampf heute hätte verhindert werden können. Aus dieser Sicht ist jede zerstörte Straße eine zerstörte Straße zuviel.“, Bruce blickt Natasha bedauernd an, er weiß ihre Aufmunterungen zu schätzen, doch er kann sie nicht annehmen.
„Ich glaube, ein anderer Blickwinkel tut dir mal ganz gut.“, befindet Natasha.

An einer Straßenecke treffen sie schließlich auf Steve, sicherlich nicht zufällig, vermutet Bruce vage, doch er sagt nichts weiter dazu. Steve wäre sowieso kaum ansprechbar, denn konzentriert stellt er sich in seiner vollen Kampfmontur dem Chaos, und steht tatkräftig einem der vielen Räumungskommandos helfend zur Seite. Er schleppt Trümmer, zerteilt schwer zu transportierende Fassadenreste, schiebt Autos beiseite … Es ist seltsam den Captain so halbwegs normal zu sehen, ohne Sprungeinlagen und beeindruckend gezielten Schildwürfen, lediglich als einen von vielen. Natasha nickt Bruce flüchtig zu: „Na, dann mal los.“, Bruce blickt sie fragend an: „Womit?“ Hat er irgendeinen imaginären Startschuss verpasst? Und im nächsten Moment ahnt er, dass dieser Startschuss vermutlich schon vor einigen Stunden beim Shawarma-Essen fiel. Er seufzt leise, er hätte doch einfach zum Stark-Tower zurück gehen sollen, er hätte zusammen mit Barton das Bistro verlassen können, er hätte nicht … Natasha wartet sein Einverständnis gar nicht erst ab, sondern schreitet mit großen Schritten auf Steve zu, knotet währenddessen das Shirt über den Bauchnabel zusammen, kneift sich in die Wangen, sodass sie rosiger erscheinen, schiebt sich einen Kaugummi in den Mund, rückt den Hut etwas schiefer auf den Kopf und bewegt die Hüfte beim Gehen mehr als sie muss. Bruce blickt reflexartig zur Seite weg und fragt sich, was zum Henker er hier eigentlich mitten in der Nacht macht. „Hey, junger Mann!“, ruft Natasha Steve zu, dieser hält kurz inne und braucht einen Moment um sicher zu sein wer  dort vorne steht und zu ihm herüber winkt. Auch Steve hat schon von gewissen Undercover-Einsätzen von Natasha gehört und gelesen, er hat eine Menge Akten in den letzten Monaten durchwühlt, nicht nur um S.H.I.E.L.D. zu verstehen - er weiß gern vor einem Einsatz, mit wem er zusammen arbeitet und wie verlässlich die Leute sind... und offenbar, im Fall von Natasha, sind manche auch mit einem seltsamen Humor gesegnet. Ihre Verkleidung ist auf schräge Art und Weise doch ein Hingucker. Er verkneift sich ein Schmunzeln und will schon laut zurück rufen, doch Natasha legt nur kurz warnend den Zeigefinger an den Mund. Andere Helfer schauen bereits skeptisch zu ihnen herüber. Steve versteht und kommt mit fragenden Blick auf sie zu, doch ehe er etwas sagen kann, blickt ihn Natasha bereits mit großen Augen an und fragt ihn mit verwirrtem Blick und perfektem russischem Akzent: „Was ist denn hier passiert, was ist los mit New York, hm? Ich kommen gerade mit Freund von Reise, und dann sehen wir hier Chaos. Nur Chaos. Können wir helfen, hm?“ Noch während sie das fragt, krempelt sie bereits die Jackenärmel hoch. Bruce hat mittlerweile zu Natasha aufschließen können und blickt Steve nur kurz entschuldigend und irritiert blinzelnd an, er weiß auch noch nicht, worauf Natasha hinaus will. Die beiden Männer grüßen sich mit einem flüchtigen Handzeichen, Bruce ist anzumerken, dass er sich in der Situation alles andere als wohl fühlt. Er mag keine unerwarteten Wendungen, doch offenbar scheint er bereits, wie auch Steve, in Natashas kleines Schauspiel integriert zu sein – und ihr wiederum scheint es zumindest Spaß zu machen, in diesem Moment mal nicht als Avenger, sondern als verwirrte, leicht prollige Passantin wahrgenommen zu werden. Steve räuspert sich, er versucht mitzuspielen und vorzugeben, die zwei Spaßvögel da vor sich nicht zu kennen. Dafür, dass er im Grunde nicht lügen kann, gelingt ihm das sogar sehr gut: „Was hier geschehen ist, ist eine lange Geschichte. Für eine Berichterstattung habe ich jetzt wenig Zeit, Ma'am, das tut mir leid. Doch wenn Sie sich nützlich machen wollen ...“
„Wollen wir, wollen wir!“, unterbricht ihn Natasha voller Emotionen: „Das hier ist so schöne Stadt und nun kaputt, so schlimm kaputt. Krasiwoje gorod! So schöne Stadt ... mit guten Menschen.“, und sie wirft Bruce einen strahlenden Blick zu, dieser wird kurz sichtlich verlegen, räuspert sich und wendet sich dann so ruhig und unbefangen wie möglich an Steve: „Also, junger Mann.“, er reibt sich nervös die Hände: „Wo können wir uns nützlich machen,… Mr. America?“, er blickt Natasha kurz fragend an, ob er das jetzt richtig so gemacht hat, diese nickt flüchtig und zwinkert ihm zu. Na also.
„Überall. Dort hinten müssen die nicht mehr tragfähigen Hausfassaden weggerissen werden... schaffen Sie das?“, Steve grinst Bruce zu, dieser lächelt bedauernd zurück: „Ich fürchte, das ist zu groß für mich. Ich melde mich beim Straßenreinigungskommando dort drüben, in Ordnung?“
„Natürlich. Danke für Ihre Hilfe. Wir können hier wirklich jede Hilfe gebrauchen, die Räumfahrzeuge kommen noch nicht überall durch.“, und schon ist Steve wieder diensteifrig verschwunden. In seiner offensichtlichen Funktion als Captain America verwundert es niemanden, dass er sich für größere Dinge wie die Beseitigung von zertrümmerten Autos und größeren Schuttresten verantwortlich fühlt. Natasha hilft bereits bei einer Arbeiterkette, welche Schuttreste in allen möglichen Behältern von Hand zu Hand in einen von mehreren riesigen Containern befördert. Bruce schnappt sich eine Schaufel und hilft seinerseits dabei, größere Berge an Schutt zusammenzutragen und die Fußwege zu räumen. Eigentlich hatte er sich seinen Feierabend heute anders vorgestellt: einsamer, ruhiger, von Selbstzweifeln zerfressen, das Übliche … doch davon ist er gerade ziemlich effektiv abgelenkt, und es tut gut, einen helfenden Beitrag, wenn er auch noch so klein ist, für diese angeschlagene Stadt zu leisten. Als vermeintlich normaler Bürger. Er könnte hier auch ganz anders „aufräumen“, aber das würde Kollateralschäden nach sich ziehen – und davon hat er genug.

Natasha bleibt in Bruce' Hörweite, befüllt die Behälter der Menschenkette mit Mauerresten und Kleinkram, unermüdlich spricht sie dabei auf die ihr zur Seite stehenden Helfer ein: „Was hier passiert? Haben wir Weltuntergang verpasst?“
„Nicht ganz, Madame. Aber fast.“, erwidert ein junger Mann neben ihr lächelnd, er scheint schon seit Stunden zu arbeiten, er schwitzt, hat sich die Hände zum Teil an den Trümmern aufgerissen, und wirkt bereits ziemlich müde. Um diese Uhrzeit auch nicht verwunderlich, es mag jetzt gegen 2:00 Uhr Nachts sein. Er bindet sich die eigenen improvisierten, aus Baumwolltüchern bestehenden, Knieschoner von der schmutzig verschmierten Hose ab, um sie Natasha zu überreichen: „Hier, nehmen Sie das. Nicht, dass Sie sich noch die schönen Beine aufschlagen.“, er zwinkert ihr zu, Natasha nimmt dankend an: „Spasiba,  Handschuhe hab ich eigene...“. Natasha will sich gerade die zu langen Jackenärmel über die Hände ziehen, da lässt sie ein Pfiff herumfahren. Bruce winkt ihr mit einem übrig gebliebenen Paar Arbeiterhandschuhen zu, die wohl einer aus seiner Helfertruppe noch in Reserve hat: „Hey, ...“, sie haben sich nicht darauf geeinigt wie sie sich nennen sollen, also ruft er das Erstbeste was ihm einfällt und Sinn ergibt: „Rufina, für deine Hände.“ Natasha fängt die Handschuhe beeindruckend ungeschickt auf und wirft ihm eine Kusshand als Dank zu, gefolgt von einem Blick, der Bruce' sichtlich irritiert, sodass er sich mit einem schnellen Räuspern wieder seinem Helfertrupp zuwendet. Natashas Nebenmann pfeift anerkennend und lacht: „Ihr versteht euch gut, hm?“
„Wir kennen uns noch nicht sehr lange. Aber er ist ein guter Mann, ja.“, erwidert Natasha mit einem flüchtigen Blick zu Bruce, einer ihrer wenigen wahren Sätze in diesen Momenten, ehe sie erneut fragt, während sie einen Eimer in die andere Richtung weiter reicht: „Was hier passiert, hm?“ Ihr Nebenmann nickt verstehend, er schuftet unermüdlich weiter, und wirkt im Moment sehr erfreut darüber, eine so redselige Helferin neben sich zu wissen. Er selbst scheint auch gern Auskunft zu geben: „Das war echt abgefahren, was Sie hier verpasst haben. Wie in so nem krassen Science-Fiction-Film. Plötzlich öffnete sich der Himmel, und dann bekamen wir Besuch, von riesigen, wirklich riesigen  Viechern … die sind durch die Stadt geflogen, bamm, bamm. “ er fuchtelt entsprechend mit den Armen herum: „Die haben alles aus dem Weg geräumt, wie in der Apokalypse. Drüben in der Elften, da liegen noch Reste von so einem abgestürzten Riesenvieh. Die Kollegen räumen das gerade beiseite, in der Vierzehnten lag auch eines, aber das wurde schon abtransportiert. In ner Menge Einzelteilen.“
„Und warum sind abgestürzt, die Viecher?“, will Natasha interessiert wissen, während sie einen neuen Behälter mit Schutt belädt, ihn weiter reicht und somit einen quer liegenden Pfeiler frei schaufelt. Ihr Gesprächspartner stemmt verbissen mit drei weiteren Helfern und Bruce den im Weg liegenden Pfeiler zur Seite und bringt ihn zu Fall, während er keuchend berichtet: „Ha, das war überhaupt das Beste! Stellen Sie sich vor, um Sie herum stürzt alles zusammen und dann kommen sie: die Avengers!“
„Was ist das, so etwas wie Heilsarmee?“, fragt Natasha gekonnt naiv. Bruce unterdrückt ein verächtliches Lachen mit einem Husten, während er zusammen mit den drei anderen Helfern den Pfeiler in den Riesencontainer hievt.
„Nein, das ist so ne Superhelden-Elite-Einheit! Wahnsinnstypen!“, der junge Mann scheint immerhin ein Fan zu sein und den Avengers wohl gesonnen, das ist in dieser Nacht nicht selbstverständlich – und das wiederum ist nachvollziehbar. Die Avengers haben eine Menge Schaden hinterlassen, einen Anteil davon beseitigen sie hier gerade...
„Ich habe gehört, ja ja, das ist mit fliegenden Eisenmann und der tschelowek dort vorne, Mr. America, ist auch einer davon, verstehe ich richtig?“, staunt Natasha und beobachtet Steves Aufräumarbeiten einen Moment mit vollendeter Begeisterung, als sehe sie ihn heute tatsächlich zum ersten Mal leibhaftig, während sie den Schutt neben den zu befüllenden Behälter schaufelt: „Wen du magst am meisten von Elite-Kollektiv?“, fragt sie etwas abwesend. Ihr Gesprächspartner ergeht sich förmlich in einer Abhandlung der einzelnen Vor- und Nachteile der Kampfeigenschaften eines jeden einzelnen Avenger, ehe er bemerkt, dass seine Zuhörerin etwas überfordert damit zu sein scheint, also fasst er zusammen: „Die haben alle tolle Fähigkeiten, aber so richtig mit gemischt haben da heute Thor und der Hulk.“
„Thor ist Donnergott, oder?“
„Jap, wenn der mit dem Hammer ausholt, da bleibt kein Stein auf dem anderen. Und Hulk ist … nun ja, ein riesiger starker grüner Kerl. Hat vor einigen Jahren Harlem zu Kleinholz verarbeitet, und noch einiges mehr. Er hat auch dieses Mal viele Hausfassaden hier zerstört, und vermutlich auch einige Zivilisten dadurch begraben, aber  er hat auch ne Masse an Menschen gerettet, weil er gleich mal Unmengen von den großen und kleinen Viechern platt gemacht hat! Und wenn man den Schaden gegen den Gewinn aufwiegt war der Kerl der absolute Matchwinner, wenn Sie mich fragen. Und er hat Iron Man gerettet! Für mich ist er rehabilitiert.“
Natasha blickt flüchtig zu Bruce und macht einen beeindruckten Gesichtsausdruck, ganz nach dem Motto: Na guck mal einer an  - Bruce lächelt nur schief zurück, als wolle er sagen: Man tut was man kann.

„Avengers haben viel gerettet, aber auch viel zerstört, sehe ich das richtig?“, greift Natasha den etwas unschöneren doch wahren Gedanken ihres Nebenmannes auf, sichtlich bedauernd.
„Nun ja, so ist das im Krieg. Richtig machen kann man da nichts. Auch nicht als Sieger, denn Opfer gibt es immer, auf beiden Seiten. Das ist schon ein beschissenes Gleichnis, und es trifft immer die Falschen.“, erwidert der Mann vage, offenbar will er sich auf keine Meinung festlegen, daher lenkt er ab: „Aber hey, warum fragst du mich das alles – das lief doch in den Nachrichten rauf und runter.“
Natasha beugt sich etwas weiter zu ihm hinüber und sagt dann: „Mein Freund und ich kamen von Reise, waren im Zug, aber hatten anderes zu tun als Nachrichten schauen, du verstehst?“, sie lächelt vielsagend und hebt eine Augenbraue. Bruce im Hintergrund lässt das Ende des soeben getragenen Balkens fallen. Er starrt Natasha kurz an, als habe er sich verhört und es ist ihm anzusehen, dass er jetzt am liebsten bis zum inneren Erdkern im Boden versinken würde. Natasha wirft ihm einen flüchtigen Seitenblick zu, der seine Situation keineswegs besser macht, um dann ihren Gesprächspartner wieder in eine Unterhaltung zu verwickeln.

Und so unterhalten sie sich weiter, mehr als eine Stunde lang, Natasha ist sehr beharrlich und sie lacht viel...während Bruce ziemlich zufrieden damit ist, einfach bei den Räumungsarbeiten mithelfen zu können, und sich irgendwann außer Hörweite von Natasha zu befinden. Sie spinnt dort gerade Unmengen an Geschichten, Fragen, Feststellungen und Halbwahrheiten zusammen, dass Bruce sich fragt, ob das nicht ihre ganz eigene Art ist, die Dinge zu verarbeiten, und er selbst einfach nur ein Mittel zum Zweck. So wie sie sich jetzt verhält wirkt sie anders, ungewohnt redselig, fast schon ungehemmt, im natürlichen Sinne, so nah an anderen Menschen die nicht  auf den Zuruf „Avenger“ die Hacken zusammenschlagen. Er glaubt nicht, dass sie das alles nur spielt. So relativ ungezwungen außerhalb ihres Agentenmodus hat er sie bisher nur in Kalkutta erlebt und vorhin nach dem Shawarma-Essen, als nur noch Barton bei ihnen saß. Und er ertappt sich dabei, dass ihm diese Seite an ihr durchaus sympathisch ist, nicht nur weil sie ihm ehrlich erscheint … aber vielleicht ist das auch der einzige Grund, warum er das Ganze hier mitmacht, warum er überhaupt damals mit ihr mit gegangen ist. Er hat nie die Welt retten wollen, allein der Gedanke an dieses endlose zum scheitern verurteilte Unterfangen würde ihn in Abgründe stürzen. Doch wenn er einen kleinen Beitrag zu einer besseren Welt leisten kann, dann tut er das. Und verschwindet dann auch gerne wieder. Er braucht kein dankbares Händeschütteln, nur Gewissheit. Es ist seltsam, auf welche Gedanken man so kommt, wenn man sich von den Menschen um sich herum ablenken muss und die Tätigkeit des Räumens nicht wirklich viel Geisteskraft erfordert … hier müssen keine Formeln gelöst und keine Gleichungen zerlegt werden, hier wird der Geist plötzlich rastlos weil er sich nirgendwo fest beißen kann. Irgendwie beklemmend, aber auch entspannend.
In diesen zwei Stunden des stoischen Schaffens in den nächtlichen zerstörten Straßen von New York überhört Bruce mindestens fünf an ihn gerichtete Fragen und ignoriert zwei: „Vorsicht, Schwerkraft!“-Rufe, er reagiert lediglich instinktiv – aber vielleicht reagiert auch der Andere. Wer weiß das schon.

... hat Natasha ihn gerade wirklich „Maksimuschka!“ gerufen? Ausgerechnet. Bruce zieht die Augenbrauen zusammen und überlegt nicht zum ersten Mal einfach in die nächste Seitenstraße zu verschwinden. Natashas erneutes Rufen und gellender Pfiff lässt ihn schließlich von seiner Arbeit aufblicken. Als er sie auf der gegenüber liegenden Straßenseite im Dunst aufgewirbelter Staubmassen und grell leuchtender Baustrahler erblickt, ziemlich verdreckt aber unverkennbar nach wie vor in diesen aus seiner Sicht gewagten Kleidungsstücken, wird er ihm einmal mehr bewusst in welcher Situation er sich noch immer befindet bzw. in welcher Rolle  … und doch will er es ihr nicht verderben. Sie hatte ihren Spaß, und er so seine Erkenntnisse ... - ein klassisches Win Win.

Wirklich?





-----

Anmerkung:
Maksim – (Bed.) der Große; Koseform: Maksimuschka
Rufina – (Bed.) die Rothaarige
Review schreiben
 
'