Das Blatt

von Nerd
DrabbleAngst, Schmerz/Trost / P16
20.09.2016
20.09.2016
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Januar


Es ist Neujahr. Eiskristalle glänzen auf der Scheibe. Die Straßen sind leer, genau so leer wie dein Kopf, als du auf die Straße starrst, auf der vor wenigen Minuten der Krankenwagen hinfort gejagt war. Deine Handgelenke stechen weiß hervor, so fest klammert sich deine Hand um den Stift. Du hörst deine Schwester weinen, die nutzlose Versuche deiner Mutter sie zu beruhigen. Das Blatt vor dir ist leer. Deine Angst steuert dich, gewinnt die Kontrolle über dich, der Stift wird zur Klinge. Das Blatt ist nun nicht mehr leer, Bluttropfen verteilen sich über dem Weiß. Dein Kopf schreit nach deinem Vater.

Februar


Die Schule hatte schon lange begonnen, dein Kopf  ist immer noch leer, aber dein Blatt voll, mittags voller Aufgaben und nachts voller Blut. Aber trotzdem machst du die Aufgaben,trotzdem schreibst du die Tests, du musst funktionieren, wie die Geräte funktionieren, die ihm am Leben halten. Die Ärzte reden davon, dass alles sich bessert. In deinem Leben aber nicht. Deine Schwester weint nur noch selten, du weinst gar nicht, nicht vor anderen, aber nachts gewinnt immer wieder die Angst. Du schläfst weniger, die Augenringe werden dunkler, die Musik wird lauter, das Lächeln seltener, die Ärmel werden länger. Niemand bemerkt etwas.

März


Es sind zu viele Schritte, zu viele Stimmem. Du stehst auf der Treppe noch bevor deine Mutter dich gerufen hat, deine Familie steht da, alle, du siehst in das verweinte Gesicht deiner Cousine und weißt es. Nun ist nicht nur dein Kopf leer, sondern auch dein Herz. Auch deine Hand bleibt an dem Abend leer, du hast keine Kraft mehr. Du weißt nicht mehr weiter, kannst keine klaren Gedanken fassen. Welcher Wochentag war noch einmal? Deine Hand zittert, die Narben jucken, aber du bist zu schwach. Er ist weg, dieser Gedanke passt nicht in deinen Kopf. Die Angst hat gewonnen.

April


April, April, der macht was er will. Du bekommst nichts vom Wetter mit, nichts von deinem Umfeld. Du funktionierst weiter, machst weiter die Aufgaben. Aber alles ist leer und wenn es nicht leer ist, ist es dunkel. Deine Familie macht weiter, keiner trauert mehr. Heulkrämpfe werden zum Einschlafritus. Deine Versuche, das Blatt weiß zu halten sind genau so nutzlos wie die Textnachrichten deiner Freunde. Die Angst sing ihr schadenfrohes Freudenlied, tanzt in deinem Kopf umher, aber es ist nicht mehr die Angst, sondern die Schwäche. Du bist schwach, wie deine Haut die unter der Klinge nachgibt. Aber du musst funktionieren.

Mai


Langsam wird alles besser, das redest du dir zumindest ein. Eine dünne Staubschicht liegt auf der Klinge und deine Blätter sind weiß. Du weinst immer noch. Alle denken du hast damit abgeschlossen, manchmal denkst du es sogar selber, aber tief in deinem Inneren weißt du, dass es nicht stimmt. Das die Wunde mit halbherzigen, einzelnen Fäden zusammen geflickt wurde und wieder kurz vorm Aufreißen ist. Du lässt dir nichts anmerken, lachst wieder mehr, gehst wieder raus.  Tagsüber genießt du die Sonne, aber nachts, da singt die Schwäche ihr Freudenlied und tanzt, sie tanzt und tanzt, immer weiter, immer das selbe.

Juni


Es wird Sommer, die Sonne wird heller und wärmer. Du hoffst, dass die Wärme dein Herz füllt. Du fährst mit deiner Klasse weg, versuchst alle deine Sorgen zuhause zu lassen. Du versuchst dich selbst zu finden und du findest dich, in der Angst und in der Schwäche. Dann versuchst du nicht mehr dich selbst zu finden und suchst Gott. Gott findest du auch, in den verzweifelten Schreien und in den Tränen. Dann suchst du auch nicht mehr nach Gott. Ohne Suche kommt die Leere zurück. Du fühlst sie mit Belanglosen. Aber Belangloses bleibt nicht lange, aber die Leere, die bleibt.

Juli


Nur noch ein paar Wochen und es sind Ferien. Du weißt nicht was mir dir passiert, aber du hast Hoffnung und Stärke. Deine Ziele hast du fest vor Augen und erreichst sie auch, es mögen kleine Ziele sein, aber es sind Ziele. Beim Aufräumen findest du die Klinge, du wirfst sie in die Schublade. Deine Blätter bleiben die ganze Zeit leer, es gibt keine Aufgaben mehr. Du gehst wieder deinen Hobbys nach, schreibst wieder. Nachts schläfst du und Tags lebst du. Es ist komisch, dein Alltag ist da, aber er ist weg. Du versuchst nicht so oft daran zu denken.

August


Dein Lachen ist ehrlich. Du lachst mit der Sonne und mit deinen Freunden. Der Sommer erhellt deine Gedanken, du bist so kreativ wie noch nie. Jede Sekunde in der du nichts tust, ist eine verschwendete Sekunde. Es ist als nähme dir die Sonne einen tonnenschwere Last von den Schultern. Die Narben verblassen, werden unsichtbar. Langsam verkrustet die Wunde in deinem Inneren. Du wirst noch Zeit brauchen, daran kann keine Sonne etwas ändern, aber du hast die Zeit. Und du nimmst dir die Zeit, du versuchst aber nicht wieder dich selbst zu finden, aus Angst. Die Angst ist immer noch da.

September


Mit dem September kommt die Schwäche wieder. Du versuchst dein Bestes, gibst alles was du hast, aber es reicht leider nicht. Du bist nicht mehr das verzweifelte Kind mit der Klinge und dem Blatt, du bist kein Kind mehr, aber du bist immer noch verzweifelt und du weißt genau, wo die Klinge liegt. In manchen Nächten hattest du sie in der Hand, aber dieses Mal hast du Kraft, nicht viel aber genug.  Du lässt deine Gedanken freien Lauf, aber auf der Tastatur, nicht mehr auf deiner Haut. Auf dem Blatt liegt grauer Staub. Manchmal vergisst du wo die Narben sind.

Oktober


Im Oktober kommt der Herbst. Die Blätter fallen zu Boden und du sitzt wieder an deinem Fenster, wie du da gesessen hast als du den Krankenwagen hinterher gesehen hast, wieder hältst du einen Stift in der Hand, wieder ist das Blatt vor dir leer. Du beobachtest die fallenden Blätter und suchst Poesie in ihnen, du traust dich immer noch nicht dich selber zu suchen, aus Angst. Die Angst ist immer da, sie hat sich in deinen Alltag eingeschlichen. Aber du lebst damit, du funktionierst damit. Einfach weitergehen, nicht nach hinten schauen, dass sagst du zu dir selber, die ganze Zeit.

November


Es wird kälter, lange noch nicht Winter, aber trotzdem kalt. Mit der Kälte geht auch noch die restliche Hoffnung. Du sehnst dich nach der Klinge, der Stift in deiner Hand fühlt sich so unerträglich wirkungslos an. In den wenigen, letzten Blättern die fallen ist keine Poesie mehr. Also musst du was anderes suchen. Du findest nichts, immer und immer wieder suchst du etwas, einen Sinn. Die Menschen beginnen sich auf Weihnachten vor zu bereiten, auch wenn es doch noch so lange braucht. Weihnachten, ein kurzes Lächeln schleicht sich auf deinen Lippen. Weihnachten, das Fest der Liebe. Du spürst keine Liebe.

Dezember


Der Winter ist da, es liegt Schnee, wie an dem Tag, als du ihn zum letzten Mal gesehen hast. Es fällt dir schwer an was anderes zu denken. Die Klinge liegt wieder auf ihrem alten Platz, noch ist das Blatt weiß. Aber nicht mehr lange, das weißt du selber. Du bist enttäuscht von dir selber, hast es nicht geschafft, die Heulkrämpfe kommen zurück und mit ihnen die Angst. Die Angst hatte gewonnen, endgültig. Du hast gesucht und gesucht, aber keinen Sinn gefunden. Dann hast du dich wieder selbst gesucht, hast nicht aus deinen Fehlern gelernt. Und das Blatt ist rot.

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