Einer nach dem anderen

KurzgeschichteKrimi, Mystery / P18
18.09.2016
20.01.2017
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Tick Tock goes the Clock



Dieb! Du hast sie mir genommen!
Das werde ich nich
t auf mir sitzen lassen… Hannah ist mein! Du hattest kein Recht darauf, sie zu heiraten, kein Recht darauf, nein, nein, NEIN!
Aber das werde ich wieder gerade biegen, warte nur ab… Ich finde schon eine Gelegenheit… warte nur ab!!!


Es ist kurz vor Feierabend, als der Klang der Ladenglocke seiner Konditorei erklingt. Lächelnd tritt Paul aus der angrenzenden Küche in den Verkaufsraum. In letzter Zeit lächelte er oft, bemerkt er; wie auch nicht, hatte er doch mehr Glück in seinem Leben, als er es sich je hätte erträumen können!
Seine Hände an einem Tuch abwischend, begrüßt er den Kunden mit seinem Standardspruch: »Guten Tag, werter Herr, herzlich willkommen in der Konditorei Zuckerbrot. Was kann ich für Sie tun?«
»Sterben«, erwidert der fremde Mann knapp, dessen Gesicht Paul seltsam bekannt vorkommt. Als die Worte langsam zu Paul durchsickern, sieht er entsetzt und unfähig, sich zu bewegen, zu, wie der vermeintliche Kunde aus seiner Manteltasche ein langes Messer zieht und damit auf ihn zu rennt. Wie in Zeitlupe sieht Paul das Messer auf sich zurasen… fühlt den dumpfen Aufprall auf seiner Brust… hört das fast hysterische Lachen seines Mörders und nimmt wie aus weiter Ferne Worte war… sieht das Blinken der Digitaluhr auf seinem Tresen.

17:56 Uhr

Der Mann sagt etwas, doch Paul kann ihn nicht hören… etwas anderes drängt sich in sein Bewusstsein… eine lang verschüttete Erinnerung?
»So, Papa?«
»Noch ein wenig höher… ja, genau so! Halten, mein Kleiner, das Gewehr nicht fallen lassen!«
Gelächter erfüllt die Luft, glücklich und unbeschwert. Kinderlachen, vermischt mit dem tieferen Lachen eines erwachsenen Mannes. Wie ein Außenseiter beobachtet Paul die Szene, die ihm so merkwürdig bekannt vorkommt… Er sieht sich um, macht einen Schritt auf den Jungen und den Mann zu. Plötzlich weiß er es wieder.
Das sind er und sein Vater, damals, vor zwanzig Jahren! Sein Vater hat ihn mit auf die Jagd genommen, mit nach England in die Moore. Er war so stolz, so aufgeregt über seinen ersten Fang, den sein Vater so überschwänglich lobte…
Es war eine schöne Zeit, doch er hatte sie vergessen… Bis jetzt.


17:57 Uhr

Wie in Trance starrt Paul auf das Messer in seiner Brust. Er spürt nichts, keinen Schmerz, nur einen leichten Druck. Benommen sackt er unter der Wucht einer weiteren Erinnerung in die Knie.
Das Moor ist fort, ebenso sein Vater. Es ist mitten in der Nacht und der Schein eines großen Lagerfeuers erhellt den sandigen Untergrund. Meeresrauschen – ja, er ist an einem Strand. Die Abschlussparty seiner Klasse, nach bestandenem Abitur. Er erinnert sich. Es war eine große Feier, mit lauter Musik, viel Alkohol und einer Menge heißer Mädchen.
Innerlich lächelt Paul bei dem Gedanken an seine Jugend. Damals war er noch sorglos, ohne Gedanken an die Zukunft zu verschwenden. Er sieht sich da stehen, einen schlaksigen Jugendlichen mit dunklen Haaren, der sich bemüht, nicht in den Ausschnitt einer sehr kurvigen Brünette zu starren. Und kläglich dabei versagt. Paul kann es seinem jüngeren Selbst nicht übel nehmen – dieses Mädchen hatte immer schon einen Busen, der praktisch dazu einlud, dreckige Gedanken zu haben.
Amüsiert beobachtet Paul sich selbst dabei, wie er unbeholfen versucht, die Brünette zu küssen. Paul weiß, dass es misslingen wird; er weiß aber auch, dass er danach noch viel Bier und Wodka trinken wird, und dass er die Party alles andere als alleine verlassen wird.
Ja, seine Jugend war aufregend gewesen, und er bereut sie nicht…


17:58 Uhr

Warum sieht er diese Visionen? Sieht er sein Leben an sich vorüberziehen, so, wie es in den Geschichten heißt?
Sollte er nicht Dinge sehen, die er bedauern müsste, verpasste Chancen, getanes Unrecht? Stattdessen erlebt er glückliche Momente… die auf immer verloren waren.
Vielleicht bereut er doch.
Das Gesicht seiner Frau Hannah erscheint vor seinen Augen. Ihre kastanienbraunen Haare und vollen Lippen, und oh, ihre riesigen braunen Augen, in denen er sich regelmäßig verliert.
Sie sieht jünger aus, vielleicht dreiundzwanzig oder vierundzwanzig. Ihre Augen schwimmen in Tränen – Paul erinnert sich an diesen Tag. Damals war sie noch nicht seine Frau, nicht einmal seine Freundin. Nur eine Freundin, die sich soeben von ihrem Freund getrennt hat, nachdem er immer besitzergreifender geworden war und sie nach und nach immer mehr von ihrem sozialen Leben abgeschnitten hatte, um sie ganz für sich alleine zu haben.
Hannah war zu ihm, Paul, gekommen und hatte Trost gesucht, den er ihr nur zu gerne gegeben hatte. Eine Umarmung war zu einem Kuss, ein Kuss zu einer Nacht, eine Nacht zum Beginn ihrer Beziehung geworden. Danach waren sie es langsamer angegangen, aber in diesem Tag voller Tränen der Trauer und des Glücks war sie sein geworden.


17:59 Uhr

Ihr Exfreund… Er hatte ihn nur einmal gesehen… Auf seiner und Hannahs Hochzeit vor zwei Wochen.
Hannah strahlt ihn an, und es ist das beste Geschenk, das er je von ihr bekommen hat. Sie so glücklich zu sehen… Er will, dass sie ihn jeden Tag für den Rest seines Lebens so ansieht, mehr noch, er will der Grund für dieses Lächeln sein.
Als sie ihm das Ja-Wort gab, war es der glücklichste Moment seines Lebens gewesen, und jetzt lachen und feiern sie mit ihren Familien, essen das Buffet leer und erzählen sich peinliche Geschichten aus ihrer Jugend. Paul glaubt, nichts könnte heute sein Glück trüben, so vollkommen fühlt es sich an, doch dann bemerkt er den Tumult am Eingang des Restaurants. Die angeheuerte Security ringt mit einem Mann, dessen Gesichtszüge sogar auf die Entfernung wutverzerrt aussehen.
Neben ihm erstarrt Hannah, ihre wundervollen Augen zeigen einen Ausdruck puren Entsetzens.
»Kennst du den Mann?«, fragt Paul sie und verdeckt ihr schützend mit seinem Körper die Sicht auf den Kampf. Im Restaurant ist es still geworden, als die anderen Gäste die Rangelei bemerkten, und die lauten Schreie und Drohungen des Mannes dringen an Pauls Ohren.
Er braucht Hannahs Antwort eigentlich gar nicht, so offensichtlich ist sie.
»Das ist… mein Exfreund«, flüstert Hannah und vergräbt ihr Gesicht in Pauls Schulter. Tröstend schlingt Paul seine Arme um ihre Taille und wiegt sie beruhigend. Die Security kümmert sich um den Mann und bringt ihn fort, doch Paul kann seine Drohungen immer noch hören.
»Ich bring dich um, du Schwein! Hannah gehört mir, hörst du? Mir!!«


18:00 Uhr

Paul liegt in einer Lache seines eigenen Blutes und blickt in die Augen seines Mörders. Sein Mörder, der von seiner Frau besessene Exfreund… Ja, Paul sieht es jetzt… Diese kalten, manischen Augen… Er hatte sie also gefunden, obwohl sie doch umgezogen waren…
Es wird immer mühsamer zu denken, noch mühsamer, zu atmen. Es fühlt sich wie Ertrinken an, dabei ist er doch gar nicht im Wasser? Denken ist so schwer…
Schlafen… Ja, schlafen ist leicht… Nur ein kurzes Nickerchen, dann ist es Zeit, die Brötchen aus dem Ofen zu holen… Erschöpft schließt Paul die Augen.
»Freust du dich schon auf unsere Flitterwochen? Morgen geht es los!«
Lächelnd blickt Paul von dem Teig auf, den er gerade knetet, und sieht seine Frau an, die schon den ganzen Tag wie ein Wirbelwind durch das Haus läuft und ihre Koffer packt. Strahlend steht sie jetzt in der Hintertür der Backstube seiner Konditorei, die in ihre Wohnung führt, und sieht so glücklich aus, dass es Paul das Herz erwärmt. Was mehr kann sich ein Mann wünschen?
Paul wischt sich seine mehligen Hände an seiner Schürze ab und geht auf seine Frau zu, um diese vollen Lippen zu küssen, doch bevor er seinen Plan in die Tat umsetzen kann, wedelt Hannah mit vier Tickets vor seiner Nase rum. Zwei für das Musical „Wicked – die Hexen von Oz“, wie es auf Deutsch heißt, und zwei Flugtickets nach London, wo es aufgeführt wird.
»Das«, sagt Hannah, und ihre Augen leuchten liebevoll auf, »ist das beste Geschenk, das mir je ein Mann gemacht hat.«
»Ich weiß, das sagst du mir seit zwei Wochen jeden Tag«, murmelt Paul an ihren Lippen und bekommt nun doch seinen Kuss.
»Und ich werde dich solange deswegen loben, bis du mir ein noch besseres machst«, sagt Hannah leicht atemlos, als sie sich von dem Kuss löst und ihren Mann ansieht.
»Ich kann es kaum erwarten«, erwidert Paul lachend, bevor der Klang der Ladenglocke ihn in den Verkaufsraum ruft. Er hört noch, wie Hannah lacht und wieder in ihre angrenzende Wohnung läuft, um einen weiteren Koffer mit überflüssigen Dingen zu packen, dann macht er sich auf, um seinen letzten Kunden für heute zu bedienen.


Mitleidlos blickt James auf den Mann vor sich herab und wischt sein Messer an dem Handtuch ab, das aus der schlaffen Hand seines Opfers gefallen ist. Einzig Genugtuung erfüllt ihn, als er dem Mann seiner Freundin zusieht, wie er seinen letzten Atem aushaucht.
Es ist vollbracht. Jetzt würde sie endlich wieder ihm gehören.
Mit langsamen Schritten macht er sich auf den Weg, um ihr die frohe Botschaft mitzuteilen.

Ich liebe dich, Hannah.




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Hallo, ich melde mich zurück mit einem Projekt, das ich schon lange beäugt habe (17 Morde? Hell yeah :D)
Ich hoffe, es hat euch gefallen und es sind keine Fehler mehr drin - es war höchst ungewohnt für mich, in der Gegenwart zu schreiben, dementsprechend hatte ich ein paar Schwierigkeiten mit den Zeitformen. Danke an meine Beta Cookie, ohne dich wäre dieser Text hoffnungslos gewesen ^^  Und danke auch an DrummerGirl aka Drummy, die ebenfalls noch einmal drübergeguckt hat - ich hab euch lieb, Leute ^-^
Rückmeldungen sind immer gerne gesehen, konstruktive Kritik gerne angenommen, das Ende darf jeder interpretieren wie er will.
Das Projekt nennt sich Siebzehn Morde und wurde von ayola ins Leben gerufen. Vorgaben findet ihr dort, wen es interessiert, der Rest lässt sich überraschen ^^
Bis zum nächsten Mal, hoffentlich ^-^
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