Terranigma

von Labrynna
GeschichteAbenteuer / P12
Ark (Oberwelt) Ark (Unterwelt) Fluffy (Oberwelt) Fluffy (Unterwelt) Melina (Krysta) Melina (Storkolm)
18.09.2016
11.11.2017
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Er spürte den Wind auf seiner Haut.
Die Luft roch nach Meer und irgendwo weit unter ihm war das Schlagen von Wellen zu hören.
Der Boden unter seinen nackten Füßen war kühl und rau.
Ark wagte sich bis zum Rand der Klippe und beugte sich leicht vor.
Eine steife Brise fuhr ihm ins Gesicht.
Und er fiel.
Tiefer und tiefer.
Graubraune Felswände rauschten an ihm vorbei.
Unter ihm tobten die schwarzblauen Massen des Ozeans wie ein brodelnder Hexenkessel.
Ark schloss die Augen und breitete die Arme aus.
Obwohl ihm bewusst war, dass der Aufprall ihn töten würde, spürte er keine Angst.
Der junge Mann fühlte gar nichts.
Nur ein unbestimmtes Gefühl von Sicherheit.
Gewissheit…

Kurz bevor Ark auf den Wellen aufschlug, wurde sein Körper vom Wind erfasst und wieder empor gerissen.
Der junge Mann segelte durch die Lüfte wie ein Vogel mit ausgebreiteten Schwingen.
Nun wusste er, woher die Gewissheit gekommen war:
Er konnte fliegen.

Während er sich vom Wind treiben ließ, betrachtete Ark die unter ihm entlangziehende Landschaft.
Zunächst war nichts anderes zu sehen als der Fels, auf dem er gestanden hatte, und das Meer, das ohne Unterlass gegen den Berg schlug.
Doch sobald Ark das Gebirge umkreist hatte, bekam er hohe Bäume mit dunkelgrünen Blättern zu sehen.
Das Blätterdach war dermaßen dicht, dass Ark keinen Blick auf den Rest des Waldes erhaschen konnte.
Ein Dschungel.
Die Sonne wanderte wie im Zeitraffer über den Horizont und tauchte die Welt in ihr goldenes Licht.
Der undurchdringliche Urwald wurde schon bald von einer Steppenlandschaft abgelöst, die sich bis in alle Ewigkeit zu erstrecken schien.
Doch schon bald veränderte sich die Landschaft erneut.
Es wurde immer trockener und heißer, bis Ark schließlich über eine Wüste hinwegsegelte.
Nur wenige, ganz vereinzelte grüne Flecken, Oasen, durchbrachen das trostlose, monotone Gelb des Sandes.
Ark wunderte sich, wie es in einer derart unwirtlichen Gegend überhaupt Leben geben konnte.
Bevor er sich selbst eine Antwort darauf hatte geben können, wurde die Welt unter ihm jedoch bereits wieder bunter.
Weite Graslandschaften und zunehmend auch Bäume lösten die Wüste allmählich ab.
Dieses Mal waren die Wälder, über die Ark hinwegflog, jedoch keine Dschungel.
Er konnte sehen wie Eichhörnchen von Ast zu Ast sprangen, Hasen zwischen den Baumstämmen umherhoppelten und Rehe das Laub von niedrigen Büschen knabberten.
Einmal glaubte er gar, in den Schatten eines niedrigen Felsvorsprungs einen Wolf entdeckt zu haben.

Ark flog immer weiter.
Die Sonne zog vom Mond gefolgt mehrfach über den Horizont, aber Arks Arme wurden nicht müde.
Er flog und flog und flog.
Inzwischen wurden die Wälder, Wiesen, Gebirge und Wüsten, über die er hinwegschwebte, von kleinen Ansammlungen einfacher Häuser unterbrochen.
Siedlungen.
Je weiter Ark flog, desto größer wurden die Dörfer, bis sie sich schließlich zu Großstädten auswuchsen.
Zu Arks Überraschung wurden diese Metropolen niemals dunkel.
Das flackernde Licht von Kaminfeuern und Kerzen wurde durch eine andere, offenbar deutlich stabilere Lichtquelle ersetzt.
Wie dieses Phänomen wohl zu erklären war?

Ark ließ sich ein wenig sinken, um bei nächster Gelegenheit näher an einem auf diese kuriose Art beleuchteten Fenster vorbeizufliegen.
Doch bevor er einen Blick in eine Wohnung erhaschen konnte, donnerte unter lautem Getöse ein stählernes Etwas an ihm vorbei und vertrieb ihn zurück in höhere Regionen.
Fasziniert beobachtete Ark wie dieses Ding, das aus vielen langen Stahlkasten zusammengesetzt zu sein schien, auf durch die Stadt verlegten Schienen durch die Stadt ratterte.
Was das wohl sein mochte?
Gerne wäre Ark geblieben und hätte das Rätsel des Stahlrosses gelöst, aber es zog ihn weiter.

Er war von einer unbestimmten Unrast befallen, die ihn weiter vorantrieb.
Weiter, immer weiter.
Der junge Mann konnte weder sagen, wo sein Ziel war, noch warum er es unbedingt erreichen wollte.
Alles, was er wusste, war, dass er unbedingt dorthin musste.
Als hinge das Glück eines geliebten Menschen davon ab, dass er an seinem Bestimmungsort ankommen würde.

Plötzlich durchrissen helle Bahnen gleißenden Lichtes die Szenerie und eine Frauenstimme sagte sanft: „Es ist Zeit aufzustehen, Ark. Es ist schon fast Mittag.“
Blinzelnd schlug Ark die Augen auf und sah sich für einen Moment desorientiert um.
Er befand sich in einem relativ kleinen Raum, der mit schmucklosen Möbeln aus Buchenholz bestückt war.
Neben dem Bett, in dem Ark lag, standen ein nahezu leeres Bücherregal und daneben ein Kleiderschrank mit Doppeltür. Durch ein Fenster mit Kreuzsprossen fiel goldenes Licht, das die feinen Staubpartikel in der Luft samtig schimmern ließ. In der gegenüberliegenden Zimmerecke stand ein alter Schreibtisch, auf dem sich ein Buch und ein kugelförmiges Aquarium, dessen letzter Bewohner bereits vor geraumer Zeit verstorben war, befanden.
Sein Zimmer.
Jetzt, wo der Schlaf allmählich von ihm abfiel, erkannte Ark, dass er zuhause, in seinem eigenen Bett, war und die Panik, die ihn für einen kurzen Moment überkommen hatte, fiel wieder von ihm ab.
„Schon wieder dieser Traum“, murmelte Ark und rieb sich mit der flachen Hand übers Gesicht.
Die junge Frau, die auf seiner Bettkante saß, strich ihm sanft übers Haar und fragte: „Ist es immer genau dasselbe oder variiert es manchmal ein bisschen?“
Die Hand noch immer über die geschlossenen Augen geschlagen, murmelte Ark: „Es ist jede Nacht haargenau dasselbe. Ich träume immer wieder, dass ich auf einem Felsen stehe, hinabstürze und dann über eine unendlich weit wirkende Welt fliege, die sich rasend schnell entwickelt.“
Ark rollte sich auf die Seite, stützte sich auf und sah seine Freundin aus großen, dunkelblauen Augen an: „Meinst du, das hat irgendeine Bedeutung?“
Melina steckte sich eine blonde Strähne hinters Ohr und zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Vielleicht.“ Nach einer kurzen Denkpause fügte sie an: „Aber ich bin mir sicher, dass es keinen Sinn hat, darüber nachzugrübeln. Wenn es eine Bedeutung hat, wirst du es sowieso irgendwann ganz von selbst erfahren.“
„Hm-mh.“ Ark nickte, wirkte jedoch nicht sonderlich überzeugt. Melina betrachtete ihn eine Weile stumm von der Seite.
Er hatte sich ganz schön verändert, seit sie Kinder gewesen waren. Früher war er eher klein und zierlich mit Lücken zwischen den Zähnen und Sommersprossen auf der Nase gewesen. Inzwischen überragte er Melina um mehr als einen Kopf und begegnete den meisten anderen Männern im Dorf auf Augenhöhe. Auch seine schmalen Schultern waren im Laufe der Pubertät deutlich breiter und muskulöser geworden. Die Lücken in seinen Milchzahnreihen hatten sich durch das Nachwachsen der zweiten Zähne geschlossen und selbst die Sommersprossen waren im Laufe der Jahre soweit verblasst, dass sie kaum noch zu sehen waren.
Die einzigen Merkmale, in denen Melina den Jungen von früher wiedererkannte, waren seine stets neugierig wirkenden Augen und das störrisch zerzauste, dunkelrote Haar.
Melina spürte ein Ziehen in ihrer Brust.
Nur zu gerne hätte sie sich in diesem Moment in Arks Arme gelegt und sich von ihm halten, küssen und streicheln lassen, bis die Sonne unterging – doch sie musste dringend zur Arbeit. Der Dorfälteste wartete schon ungeduldig darauf, dass sie endlich seinen neuen Mantel fertigstellte.
Um sich selbst von den Forderungen ihrer Libido und vor allem um Ark von seiner Grübelei abzulenken, ließ Melina sich von der Bettkante gleiten, riss Ark die Decke weg und verkündete betont vergnügt: „Genug gepennt! Die Pflicht ruft.“
Ark knurrte etwas Unverständliches, setzte sich aber auf und schwang die Beine aus dem Bett. Melina bedachte ihn mit einem liebevollen Lächeln und sagte: „Ich warte draußen auf dich. Du bringst mich doch zur Arbeit, oder?“
Das Nicken, das sie als Antwort erhielt, war kaum sichtbar, aber Melina kannte Ark lange und gut genug, um zu wissen, dass er ihr ohne triftigen Grund niemals eine Bitte ausgeschlagen hätte.
Vergnügt vor sich hin pfeifend, verließ die junge Frau das Haus des Dorfältesten, um vor der Haustür auf ihren Freund zu warten.

Noch immer auf der Bettkante sitzend massierte Ark seine Schläfen mit Zeige- und Mittelfingern und versuchte, sich zum Aufstehen zu motivieren. Allmählich begann der immer wiederkehrende Traum lästig und kräftezehrend zu werden. Denn obwohl er weder angsteinflößend noch besonders aufregend war, erwachte Ark jedes Mal mit wild schlagendem Herzen und dem Gefühl ihm liefe die Zeit davon.
Doch für was?
Seufzend hievte sich der junge Mann auf die Beine und schlurfte zum Kleiderschrank herüber, um sich anzuziehen und Melina zu folgen.
Doch kaum war er über seine Zimmerschwelle getreten, wäre er am liebsten wieder umgedreht.
Der Sohn des Dorfältesten, durch dessen Zimmer Arks Weg nach draußen unweigerlich führte, lehnte ihm gegenüber an der Wand und grinste anzüglich. „Na? Hat Melina dich mal wieder wachgeküsst?“
Ark verdrehte die Augen und murmelte: „Und wenn schon…“
Der andere Mann verschränkte die Arme vor der Brust und musterte Ark mit einem dermaßen eindringlichen Blick, dass diesem ein kalter Schauer über den Rücken lief. „Sie ist wirklich eine tolle Frau! Ich frage mich, was sie mit einem Nichtsnutz wie dir will.“
Bei diesen Worten zog sich Arks Herz schmerzhaft zusammen, spiegelten sie doch seine eigenen Gedanken wider. Er hatte sich schon selbst oft gefragt, weshalb Melina mit ihm zusammen war und nicht einem der anderen jungen Männer den Vorzug gab. Einem, der nicht ständig Ärger hatte und im ganzen Dorf als Unruhestifter und Tunichtgut verschrien war.
Einem, der nicht so kaputt war wie er…
Doch anstatt seinem Gegenüber seine Selbstzweifel zu zeigen, setzte Ark ein süffisantes Grinsen auf und entgegnete: „Sie wird schon ihre Gründe haben.“ Dabei fasste er sich andeutungsweise in den Schritt, bevor er über den entsetzten Gesichtsausdruck des anderen lachend das Zimmer verließ.
Sein Lachen erstarb jedoch sehr schnell, als er im Hausflur auf den Dorfältesten traf, der ihn mit strenger Miene ansah und in sein Arbeitszimmer beorderte. Widerstrebend folgte Ark dem alten, gebrechlich wirkenden Mann in den am weitesten hinten gelegenen Raum des Hauses.
Ark hatte die Bezeichnung «Arbeitszimmer» schon immer als ein wenig merkwürdig empfunden. «Chaoskammer» hätte seiner Meinung nach viel besser zu dem kleinen, lichtdurchfluteten Raum gepasst. In dem gesamten Zimmer befand sich kein einziges Möbelstück; nur ein großes, weiches Sitzkissen lag auf dem Boden, umgeben von Unmengen wild durcheinander geworfenen Schriftstücken.
Der Dorfälteste ließ sich auf dem Kissen nieder und maß Ark, der vor ihm stehen blieb, mit einem Blick, der zwischen Wut und Resignation schwankte. Ark verlagerte sich unwohl fühlend das Gewicht von einem Bein aufs andere und fragte, als der Älteste das Gespräch anscheinend nicht selbst beginnen wollte: „Was gibt’s, Alter?“
Alle im Dorf nannten den Ältesten eherbietig «Weiser» – alle, bis auf Ark. Dieser empfand nicht genügend Respekt seinem Ziehvater gegenüber, um ihm mit der Demut der anderen zu begegnen.
Der Älteste schüttelte den Kopf und sagte: „Es wundert mich, dass du das überhaupt noch fragen musst, wo wir derartige Gespräche schon derart oft hatten, dass ich derer müde bin.“
Ark legte den Kopf leicht in den Nacken und rief im Ton der Erkenntnis: „Aaaaah! Du willst mir wieder einen Vortrag halten, dass ich ein nutzloser Tagedieb bin und endlich etwas zum Gemeinwohl beitragen soll, indem ich zum Beispiel helfe, die Felder zu bestellen.“
Der spöttische Unterton, der sich zunehmend in Arks Stimme geschlichen hatte, ließ den Weisen vor Zorn rot anlaufen: „Jawohl! Und ich frage mich, was daran so amüsant sein soll, junger Mann! Alle anderen in diesem Dorf arbeiten hart, damit wir uns als Dorfgemeinschaft ein gutes Leben leisten können. Einzig und allein du trägst absolut gar nichts bei. Du bist ein Schmarotzer und ein Schandfleck!“
Ark ballte bei diesen Worten die Hände zu Fäusten und funkelte sein Gegenüber aus blitzenden Augen an. Doch anstatt verletzt zu sein, empfand der junge Mann nichts als heiß brodelnde Wut und einen tiefsitzenden Hass, der inzwischen Teil seiner Persönlichkeit zu sein schien.
„Dorfgemeinschaft…“, stieß er in zornig-verbittertem Ton aus, „... wenn ich das schon höre! Ein verlogener Haufen seid ihr – mehr nicht!“ Der Älteste schnappte empört nach Luft. „Du wagst es?!“ „Ja!“ Inzwischen schrie Ark beinah. „Ich wage es! Ich wage es, dir und allen anderen einen Spiegel vorzuhalten und euch daran zu erinnern, dass euer Leben nicht so perfekt ist, wie ihr euch einreden wollt!“
Ohne eine Antwort des Weisen abzuwarten, machte Ark auf dem Absatz kehrt und ging mit schnellen Schritten zur Tür. Die Hand bereits auf dem Knauf, setzte er über die Schulter hinweg jedoch noch einmal nach, bevor er das Zimmer verließ: „Und bevor du mir das nächste Mal vorhältst, wie missraten ich doch bin, solltest du dir vielleicht noch einmal durch den Kopf gehen lassen, wer mich eigentlich erzogen hat und wer von uns beiden tatsächlich versagt hat.“
So heftig wie Ark die Tür hinter sich zuschlug, war er beinah überrascht, dass das Holz nicht splitterte. Aber selbst wenn, wäre es ihm egal gewesen…
Ohne auf die neugierigen Blicke seines Stiefbruders, der vom Geschrei angelockt in die Wohnstube vor dem Arbeitszimmer gekommen war, zu achten, marschierte Ark schnurstracks in die Küche, wo er zwei Äpfel aus der Obstschale nahm, obwohl seine Ziehmutter es ihm ausdrücklich verboten hatte. Obst war ihrer Meinung etwas, das nur denjenigen zustand, die etwas zum Allgemeinwohl beitrugen.
Zu Arks Leidwesen dauerte es nicht lange, bis die Hausherrin den Diebstahl bemerkte und laut zeternd nach ihm rief. Doch anstatt umzukehren und sich seine Standpauke abzuholen, schlüpfte Ark aus der Haustür nach draußen.

Die Luft draußen war warm und roch nach Blumen. Ark hielt für einen Moment inne und atmete tief durch, um die negativen Gefühle abzuschütteln, die die Konfrontation mit seiner Pflegefamilie seit geraumer Zeit jedes Mal mit sich brachte. Erst danach sah er sich um und suchte nach Melina.
Es war ein wunderschöner Sommertag, stellte Ark mit einem angedeuteten Lächeln fest. Sogar der Kristallnebel war zu sehen.
Niemand in Krysta, so hieß das kleine Dorf, wusste, wie dieses Wetterphänomen zu Stande kam und manch einer munkelte, dass es sogar gesundheitsschädlich sei, aber Ark scherte sich nicht darum.
Er empfand die Seifenblasen-artigen Nebelwölkchen, die bunt schillernd durch die Luft trieben, als eine Art Schatz. Der Kristallnebel erinnerte Ark stets an seine Kindheit, an glücklichere Tage, bevor sich Wut und Hass so tief in sein Herz gegraben hatten, das sie ihn manchmal ganz zu vereinnahmen schienen.
Einzig Melina konnte seine inneren Dämonen ein wenig zum Schweigen bringen.
So hatte ihr Anblick auch dieses Mal sofort eine beruhigende Wirkung auf Ark. Die junge Frau lehnte am Gartentor, das Gesicht der Sonne entgegen gereckt und beobachtete mit verträumter Miene den trägen Tanz der Kristallnebelblasen.
Ark glaubte, er hatte sie noch nie so schön gefunden wie in diesem Moment.
Langsam ging er den Weg zu ihr herab und ergriff ihre Hand, die sie ihm entgegenstreckte, noch bevor sie ihm das Gesicht zuwandte. Ihre Hand war trocken und warm und lag so perfekt in seiner als wäre sie genau dafür gemacht.
Als Melina ihn ansah, lächelte er sie breit an, doch sie zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen und fragte: „Was ist los?“
„Nichts. Wieso?“ Ark starrte angestrengt in die Ferne und tat so als würde er den zum Angeln aufbrechenden Nachbarn beobachten, um seine Freundin nicht ansehen zu müssen.
Die junge Frau legte den Kopf schief und bedachte ihr Gegenüber mit einem Blick, der deutlich sagte, für wie bescheuert sie seine Frage hielt. „Lüg mich nicht an. Ich seh‘ doch, dass irgendetwas nicht in Ordnung sind. Deine Augen verraten dich immer.“
Reflexartig schlug Ark die Augen nieder und murmelte: „Es ist wirklich nichts. Nur das übliche Gerangel mit dem Alten.“
Melina löste sich vom Tor und nahm ihren Freund tröstend in die Arme. Dieser versteifte sich unter ihrer Berührung jedoch, wand sich aus ihrer Umarmung und fragte etwas barsch: „Sollte ich dich nicht zur Arbeit bringen?“
Im ersten Moment fühlte Melina sich durch seine Reaktion verletzt, aber die junge Frau schluckte den Schmerz herunter und setzte ein kleines Lächeln auf, bevor sie nickte und für Ark und sich das Tor öffnete. Sie wusste, dass Ark dazu neigte, sich in sich selbst zu verkriechen, wenn er Kummer hatte, dies aber nicht böse meinte.
Eine Zeit lang gingen die Beiden schweigend neben einander her. Ihr Weg führte sie an den undurchdringlich wirkenden Baumreihen des Waldes entlang, der das gesamte Dorf umschloss.
Melina bemerkte, dass Ark immer wieder mit nachdenklichem Gesichtsausdruck zu den Bäumen herübersah und fragte sich, was ihm wohl durch den Kopf ging. In der letzten Zeit wirkte er oft angespannt und verhielt sich den meisten Dorfbewohnern gegenüber wie ein Kotzbrocken. Er war rebellisch und dermaßen destruktiv, dass sie ihn manchmal gar nicht wiedererkannte.
Erst vor kurzem hatte er ein komplettes Feld Kürbisse vernichtet und auf die Frage nach dem Warum nur mit einem Schulterzucken reagiert.
Es machte Melina krank, dass sie nicht wusste, was ihn zu solchen Taten trieb.
Ihre Mutter war davon überzeugt, dass Ark einfach von Grund auf verdorben und ein schlechter, bösartiger Mensch war, und lag ihr permanent in den Ohren, sie solle sich endlich von ihm trennen, bevor er sie unglücklich mache.
Aber Melina war sich sicher, dass es einen Grund für sein aggressives Verhalten geben musste.
Früher war er schließlich auch nicht so gewesen.
Als Kind war er aufgeschlossen und hilfsbereit, wenn auch ziemlich schüchtern gewesen. Man hatte nie ein böses Wort von ihm gehört oder ihn gar dabei gesehen, dass er mutwillig etwas zerstört hätte.
Doch irgendwann war er zunehmend verschlossener, ja, irgendwie düsterer geworden…
Melina konnte nicht sagen, wann diese Verwandlung begonnen hatte – es war ein schleichender Prozess gewesen – aber sie glaubte, dass es etwa zur Zeit seiner frühen Jugend gewesen sein musste.
Anfangs hatte sie die Veränderungen in Arks Wesen auf die Pubertät geschoben. In dieser Zeit hatten einige ihrer Freunde merkwürdige Verhaltens- und Persönlichkeitswandlungen durchlaufen, die sich jedoch nur selten gehalten hatten.
Inzwischen waren sie alle junge Erwachsene, aber Ark verhielt sich noch immer aufsässig, bockig und aggressiv.
In schwachen Momenten fragte Melina sich, ob ihre Mutter nicht womöglich doch Recht hatte und sie, Melina, in einen Mann verliebt war, den es gar nicht mehr gab.
Aber immer dann, wenn sie mit Ark allein war, verhielt er sich völlig anders. Dann war er sanft und ruhig und wirkte als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun.
Es musste etwas geben, das ihn dermaßen gegen die anderen – vor allem gegen die älteren – Dorfbewohner aufbrachte, dass er sich ihnen nur noch von seiner trotzigen Seite zeigte, da war Melina sich sicher.
Doch was mochte das bloß sein?

Sie hatten die Weberei, in der Melina arbeitete und lebte, fast erreicht, als Ark unvermittelt fragte: „Was glaubst du, woraus der Kristallnebel besteht?“
Melina blieb irritiert stehen und betrachtete ihren Freund, der auf einmal einen recht entrückten Ausdruck auf dem Gesicht hatte, von der Seite.
Seit wann interessierte er sich denn für sowas?
„Ich weiß nicht“, gab sie nach einem Moment zu. „Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Er ist schön. Reicht das denn nicht?“
„Doch, schon“, stimmte Ark ihr zu. „Ich habe nur gerade daran gedacht, dass ich in einer der Schriften des Alten gelesen habe, der Kristallnebel bestünde aus den Tränen der Oberwelt. Und ich frage mich, was das sein soll. Die Oberwelt.“
„Du darfst in den Schriften des Weisen lesen?“ Melina riss überrascht die Augen auf. Soweit sie wusste, ließ der Dorfälteste niemanden in seiner Privatbibliothek stöbern.
Ark verzog die Lippen zu einem verschmitzten Grinsen. „Hab nie gesagt, dass ich die Erlaubnis dazu hatte.“
„W-Was?“ Für einen Moment blinzelte Melina irritiert, dann schüttelte sie resigniert den Kopf. „Manchmal glaube ich, du willst den ganzen Ärger. Als würdest du ihn regelrecht suchen.“
Das Grinsen erstarb in Arks Gesicht und der junge Mann presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. In diesem Moment wusste Melina, dass er sie vorübergehend aus seinem Herzen ausgesperrt hatte.
Sie hatte einen Nerv getroffen und um sich zu schützen, hatte Ark in seinem Inneren blitzschnell eine Mauer errichtet, die ihn zwar vor weiteren Verletzungen bewahrte, aber auch von ihr und allen anderen entfernte. Es würde vermutlich eine ganze Weile dauern, ihn dazu zu bewegen, diesen Schutzwall wieder einzureißen.
Melina öffnete den Mund, um etwas Beschwichtigendes zu sagen, aber Ark kam ihr zuvor: „Es ging mir nicht um irgendwelchen Ärger. Ich hab etwas Wichtiges in den Papieren des Alten gesucht. Vergeblich…“
„Was denn?“ Die Sehnsucht und der Kummer, die in Arks Augen geschrieben standen, weckten Melinas Neugier. Offenbar bedeutete ihm dieses Etwas, das er gesucht hatte, eine ganze Menge und es schien ihn zu quälen, dass er es nicht gefunden hatte.
Doch bevor Ark antworten konnte, schoss Melinas Mutter, Agathe, mit einem Besen bewaffnet aus der Weberei und schlug mit dem Ende aus gebündeltem Reisig auf Ark ein. „Dass du dich noch hierher traust! Scher dich weg, du Verbrecher!“
Während Ark mit einem leisen Schreckenslaut die Arme nach oben riss, um sich zu verteidigen, stürzte Melina auf ihre Mutter zu und versuchte, ihr den Besen zu entreißen. „Mama! Was soll denn das?!“
„Das solltest du deinen ach so tollen Freund fragen!“, giftete die mittelalte Frau, deren Atmung vor Empörung stoßweise ging. „Er hat gestern, während du unterwegs warst, einige aufgebrachte Hühner in die Weberei gesperrt. Kannst du dir vorstellen, wie lange es gedauert hat, das alles aufzuräumen?! Die Hälfte meiner Arbeiten ist ruiniert. Ru-i-niert!“
„Was?!“ Melina starrte Ark, der seine Arme nach dem Ende der Attacke wieder hatte sinken lassen und nun trotzig aus der Wäsche guckte, aus ungläubig geweiteten Augen an.
Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er so etwas getan hatte. Schließlich hatte er völlig normal gewirkt, als sie abends, nachdem sie ihre Besorgungen erledigt hatte, zu ihm gekommen und bis zum Aufstehen geblieben war.
„Nein, Mama. Ausgeschlossen. Weshalb sollte er so etwas tun?“
„Das weiß ich doch nicht! Ich weiß nur, dass ich ihn erkannt habe!“ Agathes Stimme verkam zu einem schrillen Kreischen.
Melina klammerte sich noch an die Hoffnung, dass ihre Mutter sich irrte, als Ark ihr mit seiner bockig klingenden Antwort auch noch diesen letzten Strohhalm entriss: „Wer sagt denn, dass es nicht vielleicht ein Unfall war?“
„Dann ist es also wahr? Du hast tatsächlich Hühner in unsere Weberei gescheucht? Aber warum?!“ Das Gesicht der jungen Frau war schockbleich. Nicht mal im Traum hätte sie geglaubt, dass Ark je etwas tun würde, dass ihr oder ihrer Familie schaden könnte.
Ark verschränkte die Arme vor der Brust und blickte die beiden Weberfrauen aus Augen an, die an eine stürmische See erinnerten: düster, zornig und unberechenbar.
Irgendwie erweckte dieser Ausdruck in seinen Augen bei Melina den Eindruck, dass er glaubte, er sei derjenige, dem Unrecht getan worden war. Am liebsten hätte sie ihn dafür geohrfeigt.
„Vielleicht einfach nur, weil es mir Spaß gemacht hat.“ Arks Stimme war so ätzend wie Säure.
Doch als er Melinas verletzten Gesichtsausdruck sah, ließ er Schultern und Kopf hängen als ergäbe er sich einem übermächtigen Feind und murmelte: „Aber ich gebe zu, dass es nicht in Ordnung von mir war. Ich hatte mich nicht unter Kontrolle und habe mich von meinen Emotionen mitreißen lassen. Das tut mir aufrichtig leid. Wenn es etwas gibt, mit dem ich meinen Fehler wieder gutmachen kann, wäre ich sehr dankbar, wenn ihr es mich wissen lassen würdet.“
Etwas an Ark – seine gebrochen wirkende Körperhaltung oder der tieftraurige Klang seiner Stimme – rührte Melinas Herz und sie war sofort bereit, ihm zu verzeihen. Ihre Mutter jedoch lachte ungläubig auf: „Du entschuldigst dich?! Das ist ja mal etwas ganz Neues!“
Ark schluckte hart und starrte auf einen Grasbüschel zu seinen Füßen. Er sah aus als kämpfte er mit den Tränen.
Melina legte ihrer Mutter die Hände auf die Schultern und schob sie zurück in Richtung Weberei. „Lass uns bitte einen Moment allein. Ich kläre das mit Ark.“
Zunächst machte Agathe Anstalten, sich Melinas Bitte zu widersetzen. Doch bei dem drängenden Ausdruck in den Augen ihrer Tochter zuckte sie schließlich mit den Schultern und räumte ein: „Nun ja, er hat sich wenigstens entschuldigt und angeboten, seinen Fehler wieder gutzumachen. Ich denke, fürs Erste können wir’s gut sein lassen.“

Nachdem ihre Mutter die Tür hinter sich geschlossen hatte, deutete Melina mit einer Bewegung ihres Kopfes den Weg, den sie gekommen waren, hinab und sagte: „Lass uns ein Stück gehen.“
Ark nickte und schlurfte lustlos hinter ihr her. Es war als wäre plötzlich alle Kraft aus seinem Körper entwichen. Während sie auf den Dorfrand zugingen, fragte sich Melina, wie viel Überwindung es ihn gekostet haben mochte, sich bei ihrer Mutter zu entschuldigen.
Als sie ein ruhiges Plätzchen im Schatten der das Dorf umschließenden Bäume gefunden hatte, drehte Melina sich zu ihrem Freund um und stellte die Frage, die ihr schon lange auf der Seele lag: „Warum tust du sowas? Und damit meine ich jetzt nicht nur das mit unserer Weberei. Ich meine damit auch so Dinge wie das Zertrampeln der Kürbisernte. Wirklich, ich versteh’s nicht. Was treibt dich zu sowas?“
Anstatt ihr direkt zu antworten, blickte Ark aus leer wirkenden Augen an ihr vorbei auf den Wald und fragte: „Hast du dich je gefragt, was hinter diesen Bäumen liegt?“
Für einen Moment war Melina irritiert, dann wurde sie zornig. Da gab sie ihm eine Chance, seine Fehltritte wieder gutzumachen, indem er offen und ehrlich zu ihr war, aber er wich ihr aus, indem er über Irrelevantes philosophieren wollte!
Entsprechend pampig fiel ihre Antwort aus: „Nichts! Das weiß doch jeder. Der Weise hat es uns schon oft erklärt: Hinter dem Wald kommt das Ende der Welt.“
Urplötzlich kehrte Leben in Arks Augen zurück. Es sah aus wie ein Funke, der ein blau brennendes Feuer entfacht. „Dann verrat mir“, forderte er mit ungewohnter Anspannung und Intensität in der Stimme, „wer sind meine Eltern?“
Melina öffnete den Mund, um zu antworten, schloss ihn jedoch wortlos wieder, als ihr bewusst wurde, dass sie keine Ahnung hatte.
Ark stieß schnaubend Luft aus den Nasenlöchern aus und nickte. „Eben.“ Er klang so verbittert und traurig, dass es Melina das Herz brach.
„Du weißt es nicht. Seit ich denken kann, hat man mir immer wieder gesagt, ich sei von Unbekannten vor dem Haus des Alten ausgesetzt worden, als ich noch ein Säugling war – nur wenige Wochen alt. Und man sagt uns, hinter diesem Wald gäbe es nichts. Weißt du, was das bedeutet?!“
Sie konnte seinem Gedankengang sehr gut folgen, aber Melina schüttelte ungläubig den Kopf. Sie wollte nicht glauben, dass das, was Ark andeutete wahr war.
Aber er sprach es unbarmherzig aus: „Entweder der Alte belügt uns und hinter diesem Wald gibt es eine große weite Welt, die es zu erforschen gäbe. Oder meine Eltern sind hier nicht so unbekannt, wie man mir weißmachen will. Und sie leben tagtäglich neben mir, ohne sich mir zu erkennen zu geben. Ohne sich auch nur ein bisschen für mich zu interessieren. Und keiner von dieser verlogenen Bande denkt auch nur im Traum daran, mir zu verraten, wer meine Eltern sind.“
Ein dicker Kloß schnürte Melina die Kehle zu.
Sie kannte Ark seit sie beide Kleinkinder gewesen waren. Sie waren zusammen aufgewachsen, waren stets gemeinsam durch Dick und Dünn gegangen und trotzdem hatte sie nichts von der Seelenpein geahnt, die ihr Freund offenbar schon seit Jahren mit sich herumtrug.
„Vielleicht weiß es niemand“, versuchte sie Ark zu beschwichtigen.
Dieser lachte jedoch bitter auf. „Sei doch nicht so naiv! Du weißt genauso gut wie ich, dass hier jeder alles über die anderen weiß. Und du glaubst im Ernst daran, dass man hier eine Schwangerschaft geheim halten könnte? Ich lasse mir ja noch eingehen, dass die Gemeinschaft nicht weiß, wer mein Vater ist. Aber wer meine Mutter ist, müssen die Älteren wissen. Daran gibt es gar keinen Zweifel. Und trotzdem lügen sie mich seit jeher an, wenn ich danach frage, und behaupten, sie hätten keine Ahnung. Ich hab sogar schon häufig gehört, meine Eltern seien von außerhalb nach Krysta gekommen, um mich hier auszusetzen – aber wie denn, wenn es hinter diesen Bäumen angeblich nur das große Nichts gibt?!“
Ark redete sich immer mehr in Rage und brüllte Melina inzwischen regelrecht an. Die junge Frau starrte ihn aus geweiteten Augen an und fragte sich, wie sie diesen Hass auf die gesamte Dorfgemeinde hatte übersehen können.
„Statt mir die Wahrheit zu sagen“, fuhr Ark zunehmend erregter fort, „fordern sie Tag ein Tag aus von mir, ich solle mich in die Gemeinschaft einbringen und etwas fürs Dorf tun. Ich denk im Traum nicht dran! Weshalb sollte ich auch nur einen Finger krumm machen, für Leute, die mir so etwas Substanzielles wie den Ursprung meines Daseins verschweigen? Die mir nicht einmal genügend Respekt entgegenbringen, um ehrlich zu mir zu sein?!“
„Ich verstehe deinen Zorn“, setzte Melina an und legte ihrem Freund sanft eine Hand auf den Unterarm, um ihn wieder zu beruhigen. „Du hast auch jedes Recht dazu. Aber siehst du nicht, dass du dir selbst im Weg stehst? Du wirst die Menschen nicht ändern können, indem du dich aufführst wie ein Berserker. Vermutlich verstehen sie nicht einmal, gegen was sich dein Zorn richtet.“
„Ja, vielleicht“, räumte Ark ein. Ein Lächeln stahl sich auf Melinas Gesicht, als sie merkte, dass er langsam ruhiger wurde und wieder gleichmäßiger atmete.
Von diesem ersten Erfolg beflügelt, wagte sie sich weiter vor: „Ich bitte dich, vergiss das Ganze. Lass mich deine Familie sein, wenn du dich so sehr danach sehnst.“
Ein Fehler!
Von erneut aufflammender Wut befeuert, entriss Ark Melina seinen Arm und schrie: „VERGESSEN?! Ich soll das Ganze einfach vergessen?! Das kann nur jemand fordern, der nicht weiß, wie es ist, keine Eltern zu haben. Du musst dich nicht jedes Mal fragen, weshalb man dich verstoßen hat! Du musst nicht bei jedem Treffen rätseln, ob du vielleicht gerade deinem Vater oder deiner Mutter gegenüber stehst. Ich weiß ja nicht mal, ob du nicht womöglich meine Schwester bist!!!“
Melina klappte vor Überraschung der Mund auf. Dieser Gedanke war ihr noch gar nicht gekommen.
War das möglich?
Hatte womöglich einer ihrer Elternteile eine Affäre gehabt und dabei Ark gezeugt?
Es war sehr wahrscheinlich, dass Ark Produkt einer außerehelichen Beziehung war, das musste Melina zugeben – andernfalls hätte vermutlich niemand einen gesunden, hübschen Jungen ausgesetzt.
Aber konnte sie sich vorstellen, dass eines ihrer Elternteile so etwas getan hatte?
Nein. Absolut unmöglich. Völlig absurd.
„Ark, ich bitte dich“, versuchte sie erneut, ihren Freund zu beruhigen, „du steigerst dich da in eine fixe Idee hinein, die…“
Er ließ sie nicht ausreden. Stattdessen fiel Ark ihr ins Wort: „Lass gut sein. Du verstehst es nicht. Du wirst es nicht verstehen. Niemand wird es je verstehen!“
Mit diesen Worten machte er auf dem Absatz kehrt und strebte mit langen Schritten aufs Haus des Dorfältesten zu. Melina blieb allein, mit vor Kummer schwerem Herzen, zurück und fragte sich, was sie falsch gemacht hatte.
Warum nur hatte sie nicht früher erkannt, dass er ihre Hilfe brauchte?
Wieso ließen ihn alle dermaßen leiden?

Wut, Zorn und Enttäuschung wirbelten wie ein Feuersturm durch Arks Inneres, als er wie ein wilder Stier zurück ins Haus des Dorfältesten stürmte. Niemals im Leben hätte der junge Mann daran geglaubt, dass Melina genauso wie die anderen reagieren würde.
Wie oft hatte er schon gehört, er solle die ganze Angelegenheit vergessen?
Er konnte diese Worte inzwischen nicht mehr hören…
Wieso nur verstand niemand, weshalb es ihm so wichtig war zu wissen, wer seine Eltern waren?
Es war gar nicht so, dass er sich nach einem harmonischen Familienleben sehnte oder danach zusammen mit seinen Eltern verpasste Gelegenheiten seiner Kindheit nachzuholen.
Alles, was er wollte, war zu wissen, wer er war und woher er kam.
So lange er denken konnte, hatte er immer ein unsichtbares Loch in seiner Brust gespürt. Es hatte Jahre gedauert, bis er dieses Gefühl hatte benennen können, doch heute war ihm klar, dass er sich nirgends richtig zugehörig fühlte, weil er nicht wusste, woher er kam – und warum man ihn bereits als Säugling verstoßen hatte; ganz so als wäre er schon im Alter weniger Wochen irgendwie fehlerhaft gewesen.
Vielleicht hatte der Alte ja Recht und er, Ark, war tatsächlich von Anfang an ein hoffnungsloser Fall gewesen…
Ark stieß einen unartikulierten Schrei aus, weil der Druck seiner Gefühle in seinem Inneren zu groß wurde, und stellte erleichtert fest, dass er offenbar allein im Haus war. Andernfalls hätte er sich nun wegen des Gebrülls sicherlich eine Standpauke anhören müssen…
Bei der Entdeckung seiner Ungestörtheit schlich sich ein angedeutetes Lächeln auf Arks Lippen und er stampfte hart auftretend in den Raum vor dem Arbeitszimmer des Dorfältesten, wo er wie ein gefangenes Raubtier hin und her lief.
Noch immer spielte sich das Gespräch mit Melina in einer Endlosschleife in seinem Inneren ab.
Ja, er hatte sie enttäuscht.
Die Hühner in die Weberei zu scheuchen war wirklich dumm von ihm gewesen. Er hatte Melina nie verletzen wollen und hatte es mit dieser Kurzschlussreaktion trotzdem getan – und alles nur, weil er kurz zuvor den Müller mit seinen beiden Kindern gesehen hatte und seinem tief verwurzelten Zorn erlegen war. Dass es die Weberei getroffen hatte, war reiner Zufall gewesen.
Seufzend hielt er inne und ließ resigniert den Kopf sinken. Es gab keinen Zweifel: Er hatte ein ernsthaftes Aggressionsproblem, wenn er es nicht einmal schaffte, die Frau, die er liebte, vor seinem Rachedrang und seiner von ohnmächtigem Zorn getriebenen Rebellion zu bewahren.
Einen Moment lang erwog Ark auf dem Absatz kehrt zu machen und zu Melina zurück zu laufen, um sich zu entschuldigen.
Doch bei dem Gedanken an das Aufeinandertreffen mit Melinas Mutter verkrampfte sich sein Magen zu einem harten Knoten und die kurzfristig abgeflaute Feuersbrunst seines altbekannten Zorns loderte wieder auf.
Er konnte sich bildlich vorstellen, wie sie seinen Versuch, sich zu entschuldigen, mit nörgelnden und bissigen Zwischenkommentaren torpedieren würde. Wahrscheinlich war sie in genau diesem Moment munter dabei, Melina einzuimpfen, wie nutzlos und ungeeignet als Lebenspartner er war.
Und irgendwann würde Melina einknicken und sich von ihm abwenden. Sie hatte ja gerade erst bewiesen, dass ihr Verständnis für ihn geringer war als er bisher immer geglaubt hatte…
„Ich bitte dich, vergiss das Ganze.“
Ein weißer Schleier der Wut legte sich vor Arks Augen und er ballte die Hände derart fest zu Fäusten, dass ihm die Fingernägel in die Handfläche schnitten.
Melina verstand ihn nicht.
Niemand verstand ihn.
Alle stellten immer nur Forderungen an ihn, aber nie gab sich einer die Mühe, ihm entgegenzukommen.
Schmerz, Enttäuschung und ein allumfassendes Gefühl von Ohnmacht raubten Ark schier den Verstand und er krampfte verzweifelt nach einem Ventil suchend die Finger in sein volles, sowieso schon zerzaustes Haar.
Er war sich sicher, eines Tages würde er platzen – einfach von innen nach außen aufreißen, weil all diese Emotionen zu gewaltig für ihr Gefängnis aus Fleisch und Knochen würden.
Von dem Druck seiner Gefühle in die Knie gezwungen, rutschte Ark an der Wand entlang zu Boden, als sein Blick auf die blau gestrichene Tür ihm gegenüber fiel. Der Dorfälteste hatte allen – und insbesondere ihm, Ark – verboten, sich der Tür zu nähern und soweit Ark wusste, war sie stets verschlossen.
Auf einmal war es als würde ein Schalter in Arks Innerem umgelegt und den jungen Mann befiel eine trügerische Ruhe.
Wie ferngesteuert stand er wieder auf, ging auf die Tür zu und streckte die Hand nach dem Knauf aus. Wie erwartet war abgesperrt, aber das veranlasste Ark nicht dazu aufzugeben. Stattdessen ließ er seinen Blick schweifen, bis er in der Ecke des Raums große, schwere Tonkrüge entdeckte.
Kurz entschlossen hievte Ark einen der Krüge hoch und schmiss ihn so kräftig er konnte gegen die Tür.
Das Klirren des brechenden Tons und das Krachen des splitternden Holzes waren ohrenbetäubend laut, doch Ark stand grinsend in dem Chaos, das er angerichtet hatte.
Er wusste nicht, wieso, aber das Brechen von Regeln und Vorschriften, brachte seine inneren Dämonen zu schweigen wie nichts anderes. Selbst in Melinas Gegenwart fühlte er sich nicht so ruhig und gelassen wie in den Momenten nach einem solchen Akt der Rebellion.
Mit vor Neugierde wild schlagendem Herzen trat Ark die letzten verbliebenen Türblattreste aus ihrem Rahmen und trat über die Schwelle, wo er irritiert die Augenbrauen zusammenzog. Hinter der verbotenen Tür schien sich nichts weiter zu verbergen als ein Treppenhaus, das in einen Keller hinabführte.
Weshalb hatte der Alte ein solches Gewese um einen einfachen Keller gemacht?
Langsam und mit steigender Verwirrung stieg Ark eine Treppe nach der anderen herab. Außer muffig riechender Luft schien sich absolut gar nichts hier unten zu befinden…
Doch dann hörte Ark es.
Eine gedämpfte Stimme, die um Hilfe rief.
Sofort hetzte Ark die letzten Stufen herunter und stürzte in den langgezogenen Raum, der am unteren Ende des Treppenhauses lag. Fast erwartete der junge Mann einen gequälten und gefolterten Gefangenen zu entdecken, der in einer Ecke angekettet war.
Doch der Raum schien leer zu sein…
Verwirrt ging Ark tiefer in das gewölbeartige Zimmer hinein und drehte sich dabei um die eigene Achse.
Er war sich ganz sicher, dass er eine Stimme gehört hatte!
Und ja, da war sie wieder!
Vollständig verwirrt blieb Ark vor einer kleinen, bunten Truhe stehen, die am hinteren Ende des Raums stand als hätte sie jemand dort vergessen.
Kam die Stimme aus dieser Truhe?!

Unterdessen stand Melina vor ihrem Webstuhl und versuchte, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, doch ihre Hände hielten immer wieder wie von selbst inne und ihre Gedanken schweiften zurück zu ihrem Gespräch mit Ark.
Sie wusste zwar nicht wodurch sie es getan hatte, aber es gab keinen Zweifel daran, dass sie ihn verletzt hatte.
Tief verletzt.
Noch immer konnte Melina den Ausdruck in Arks Augen sehen, der zwischen Schock, Wut und Trauer geschwankt hatte, bis der Zorn schließlich die Oberhand gewonnen hatte.
Immerhin verstand die junge Frau nun ein wenig besser, weshalb ihr ansonsten so sanftmütiger Freund immer häufiger zu blinder Zerstörungswut neigte.
Dieser ungerichtete Zorn war nichts weiter als Bestandteil seines Verteidigungsmechanismus‘ gegen eine Welt, die er als verlogen und unfair empfand. So lange er sich auf seinen Hass konzentrierte, musste er sich nicht der tiefen Trauer in seinem Innersten stellen.
Melina seufzte auf und legte das Knäul Wollgarn in ihrer Hand zur Seite. Dass sie Ark nun besser verstand, führte nur dazu, dass sie sich jetzt schuldig fühlte.
Wie hatte sie übersehen können, wie schwer seine unbekannte Herkunft und die diesbezügliche Ignoranz der Dorfbewohner auf seinen Schultern lastete?
Sie hatte immer geglaubt, sie wüsste – zumindest ungefähr – wie er sich fühlte. Immerhin war ihr Vater an einer Lungenentzündung gestorben, als sie erst wenige Wochen alt war. Es war zwar nicht hundertprozentig korrekt zu sagen, sie hätte ihren Vater nie kennen gelernt, aber natürlich konnte sie sich nicht an ihn erinnern. Für sie war es als hätte sie ihren Vater niemals im Leben getroffen.
Heute erst verstand Melina, dass zwischen Arks und ihrem Schicksal dennoch ein himmelweiter Unterschied bestand.
Denn erstens kannte sie zumindest ihre Mutter und zweitens hatte sie von Kindesbeinen an von Verwandten und Bekannten immer wieder Geschichten über ihren Vater gehört. Auf diese Weise hatte sie sich zumindest ein ungefähres Bild von dem Mann machen können, dessen Lenden sie entsprungen war.
Ark wusste rein gar nichts über seine Eltern – weder über seine Mutter noch über seinen Vater.
Ihm war ja nicht einmal bekannt, ob seine Eltern noch lebten oder lange tot waren. Er wusste auch nicht, ob sie gütige oder boshafte Menschen waren und welche Erbanlagen womöglich in ihm schlummerten.
Aber spielte das überhaupt eine Rolle?
Melina beobachtete eine dicke Staubflocke, die träge durch die Luft trieb und in dem strahlenden Sonnenlicht, das durch das Fenster neben ihr in den Raum fiel, wie mit Silberfäden durchzogen schimmerte, und fragte sich, ob es bei genauerer Betrachtung irgendeine Relevanz hatte, wer die eigenen Eltern waren.
Natürlich, sie hatte gut reden, sie kannte ihre Eltern oder hatte zumindest eine genaue Vorstellung von ihnen. Sie kannte die Not nicht, die die Frage nach der eigenen Herkunft auslösen konnte.
Dennoch fand sie, dass Ark schlicht und ergreifend Ark war – egal, wer seine Eltern sein mochten.
Er würde immer noch dieselbe Person sein, selbst wenn urplötzlich ein Verwandter auftauchen würde. Und diese Person hatte – auch wenn das unter seinem Rebellionsdrang zu verschwinden drohte – ein gutes Herz und einen starken Charakter.
Ark konnte stolz auf sich sein, weil er es ganz ohne seine Eltern geschafft hatte, zu dem wunderbaren Menschen zu werden, der er heute war.
Mit einem Lächeln auf den Lippen und neuem Mut wandte Melina sich von ihrem Webstuhl ab und lief beschwingt zur Haustür, um zu Ark zurückzukehren. Sie musste diese Gedanken, die sie soeben gehabt hatte mit ihm teilen – vielleicht würde es sein Leid lindern, wenn sie ihm begreiflich machen konnte, dass die Vergangenheit nicht zählte, sondern nur die Zukunft.
Und die gehörte ihm allein.

Mit wild schlagendem Herzen schob Ark sich vorsichtig näher an die ominöse Truhe heran. Inzwischen hatte der junge Mann keinen Zweifel mehr, dass die Stimme aus dem bunt bemalten Holzkasten drang.
Aber wie konnte das sein?
Die Truhe war viel zu klein für einen Menschen – selbst ein Kind hätte nur mit Mühe hineingepasst.
Arks Hand zitterte, als er sie nach dem Truhendeckel ausstreckte.
Ein eiskalter Schauer kroch ihm über den Rücken wie die Finger einer knochigen Skeletthand, die ihm mit den Resten ihrer Fingernägel leicht über die Haut kratzte.
Irgendwie hatte er das Gefühl, die Truhe zu öffnen war eine ganz, ganz blöde Idee…
Vermutlich hatte der Alte sie nicht ohne Grund in den Keller hinabgeschafft und den Eingang versiegelt.
Andererseits hatte Ark schon immer den Eindruck gehabt, dass mit dem Dorfältesten etwas nicht stimmte, dass ihn ein dunkles Geheimnis umgab. Und die Stimme aus der Truhe hatte deutlich nach Hilfe gerufen!
Außerdem war Ark schon immer neugieriger gewesen als gut für ihn war…
Obwohl sein Herz so heftig schlug, dass Ark das Gefühl hatte, die Besinnung zu verlieren, und ihm Übelkeit die Kehle zuschnürte, packte er fest den Truhendeckel und stemmte ihn unter Aufbietung all seiner Kräfte auf.
Es war erstaunlich wie schwer die Holzplatte war, obwohl sie kleiner als ein durchschnittliches Tischblatt war. Dicke Schweißtropfen rannen über Arks Stirn, bevor er es endlich schaffte den Deckel vollständig von der Truhe zu stoßen.
Schwer atmend und angespannt bis in die Haarspitzen lehnte Ark sich vor, um einen Blick ins Innere der Kiste zu werfen.
Mehr als ein bläuliches Funkeln konnte er nicht entdecken, da sprang auch schon etwas aus der Truhe und sauste fröhlich quiekend um den jungen Mann herum. Im ersten Moment dachte Ark auf Grund der schnellen Bewegungen an eine Katze, doch die Geräusche passten nicht dazu.
Außerdem war dieses Etwas so rosa wie die nackte Haut eines Kleinkindes…
Als es endlich innehielt, taumelte Ark vor Schreck zurück und wäre beinah rücklings in die Truhe gefallen.
Was auch immer er da befreit hatte, es war in etwa so groß wie ein Fußball, rosarot und sah aus wie ein riesiges Bonbon mit Libellenflügeln.
„W-Was bist du…?“, stammelte Ark, wobei er mehr mit sich selbst sprach als dass er eine Antwort von dem sonderbaren Wesen ihm gegenüber erwartete.
Dieses sah ihn lächelnd aus tiefschwarzen Knopfaugen an und entgegnete mit glockenheller Stimme: „Ich bin Fluffy.“
Ark zitterte nun am ganzen Leib und sein Atem ging flach und stoßweise.
Dieses Etwas sprach!
Hatte ‚Fluffy‘ etwa um Hilfe gerufen?
„B-Bist du ein Dä-Dämon?“ Unter normalen Umständen hätte Ark sich darüber geärgert, nicht Herr seiner Stimme zu sein, doch in diesem Moment fiel es ihm nicht einmal auf. „Hat der Alte dich deswegen hier unten gefangen gehalten?“
Das Bonbon-Wesen runzelte verstimmt die Stirn und murrte: „Wieso nur glaubt ihr Menschen immer gleich, dass etwas, das nicht zu eurem Alltag gehört etwas Schlimmes sein muss?“
Ark öffnete den Mund, um etwas zu entgegnen, aber Fluffy fiel ihm ins Wort: „Mach dir nicht die Mühe, es abzustreiten. Ich kenne deinesgleichen. Ich bitte dich nur, mich als deinen Freund zu akzeptieren.“
„Dann bist du uns wohlgesinnt?“ Ark hatte das Gefühl als befände er sich in einem Albtraum.
Alles fühlte sich so surreal an...
So unauffällig wie möglich kniff sich der junge Mann in den Oberschenkel, um sich davon zu überzeugen, dass er tatsächlich bei Bewusstsein war.
Fluffy nickte unterdessen mit Nachdruck. „Natürlich bin ich das!“
„Aber warum hat der Alte dich dann hier im Keller eingesperrt?“ Ark fasste hinter sich und krallte seine Finger um die Ecke der Truhe, um sich irgendwo festhalten zu können. Er hatte das Gefühl, der Boden unter seinen Füßen würde schwanken – dabei waren es nur seine Knie, die nachzugeben drohten.
Sein Gegenüber zog ein traurig-nachdenkliches Gesicht. „Ich fürchte, die Antwort auf diese Frage ist sehr kompliziert.“
„Erklär’s mir trotzdem“, forderte Ark atemlos.
„Nun ja“, begann Fluffy zögerlich, „ich bin der Hüter dieser Truhe.“
Als keine weiteren Ausführungen folgten, warf Ark irritiert die Stirn in Falten. „Das klingt weder kompliziert, noch erklärt es, warum du hier unten bist.“
Ein kleines Kichern entwischte Fluffy, bevor er antwortete: „Ich bin hier unten, weil die Truhe hier unten ist.“ „Also wollte der Alte die Truhe verstecken und nicht dich?“ „Genau.“
„Aber warum? Und wieso hast du um Hilfe gerufen, wenn du gar nicht unfreiwillig in der Truhe gefangen warst?“ „Weil es an der Zeit war, dass jemand die Truhe findet.“
Ark blinzelte verwirrt und schüttelte dann resigniert den Kopf. „Ich glaube, ich verstehe gar nichts mehr…“
Fluffy machte ein mitfühlendes Gesicht. „Das wirst du noch. Mit der Zeit.“
Dann machte das sonderbare Wesen große Augen und rief: „Wir bekommen Besuch!“

Ark wirbelte auf dem Absatz herum und suchte krampfhaft nach einem saloppen Spruch, den er dem Dorfältesten entgegenschmettern konnte. Doch anstatt die gebückt gehende Gestalt des Weisen zu erblicken, entdeckte er Melina am anderen Ende des Raums.
Die junge Frau trat unsicher über die Türschwelle und rief leise: „Ark? Bist du das? Was machst du hier unten?“
Als Melina Fluffy entdeckte, stieß sie einen schrillen Schrei aus und taumelte rückwärts. „Was… Was ist das?!“
Während Ark an die Seite seiner Freundin eilte, entgegnete Fluffy mit einer Mischung aus Kränkung und Amüsement in der Stimme: „Auch dir einen wunderschönen Tag, anmutige Sterbliche.“
„Melina, ich…“, setzte Ark in dem Versuch, das Unerklärliche zu erklären, an, aber Melina unterbrach ihn. Mit geweiteten Augen und bebenden Nasenflügeln griff sie nach seinem Arm und sah ihn flehentlich an. „Ark, ich bin eigentlich gekommen, um mich für vorhin zu entschuldigen, aber dann hat mich auf einmal eine furchtbare Vorahnung überkommen. Ich hab das Gefühl, etwas Schreckliches wird passieren, Ark! Spürst du auch diese furchtbare Kälte?“
Bevor Ark etwas entgegnen konnte, wurden Melinas Finger auf einmal hart und eisig und nur wenige Herzschläge später war die junge Frau komplett zu Eis erstarrt.
Ungläubig auf seine gefrorene Freundin starrend schrie Ark: „Was passiert hier?!“
Fluffy sah aus als ließe er den Kopf hängen, wobei das schwer zu sagen war, da sein gesamter Körper aus einer einzigen Kugel bestand. „Das ist der Fluch der Truhe. Es fängt an… Bald wird das ganze Dorf zu Eis geworden sein.“
„WAS?!“ Ark riss den Kopf herum und blickte Fluffy fassungslos an. „Das hängt mit der Truhe zusammen?! Dann mach etwas dagegen!“
„Ich fürchte, das kann ich nicht.“ Fluffy klang nun ehrlich betroffen.
„Aber du bist doch der Hüter der Truhe!“ Arks Stimme überschlug sich vor Aufregung, während das rosafarene Wesen vor ihm mit dem Kopf zu schütteln schien. „Das schon… Aber du hast sie geöffnet und ihr magisches Siegel gebrochen. Damit bist du zu ihrem Herrn geworden. Nur du kannst diesem Fluch ein Ende setzen.“
„Wie?!“ Es juckte den jungen Mann in den Fingern, Fluffy zu schütteln, damit er endlich mit allem herausrückte, was er wusste.
Dieser ließ die Mundwinkel hängen und gestand: „Das… das weiß ich leider nicht…“
Ark hatte das Gefühl als verlöre er den Boden unter den Füßen.
Er allein hatte das Dorf ins Verderben gestürzt – und das nur, weil er wütend und zu neugierig gewesen war…
Er musste diesen Fluch so schnell wie möglich brechen, aber er hatte keine Ahnung, wie ihm dies gelingen sollte.
Es musste doch eine Lösung geben!
Als ihm endlich eine zündende Idee kam, löste er seinen Arm so sanft wie möglich aus Melinas steif gefrorenen Fingern. „Der Alte! Wenn er die Truhe versiegelt hat, verfügt er offenbar über magische Fähigkeiten. Vielleicht ist er dem Fluch entgangen!“
Fluffy nickte zustimmend als befände er diesen Einfall für gut. Dann deutete er mit einer Bewegung seines gesamten Körpers auf die Truhe. „Nimm mit, was du in ihrem Inneren findest. Diese Ausrüstungsgegenstände sind vom Beginn der Zeit an für den Herrn der Truhe gedacht gewesen.“
Ark legte Melina eine Hand gegen die eisige Wange und flüsterte: „Ich verspreche dir, ich breche diesen Fluch! Und dann kehre ich so schnell wie möglich zu dir zurück, um alles wieder gut zu machen, was ich je falsch gemacht habe.“
Anschließend kehrte er zur Truhe zurück und warf erneut einen Blick hinein.
Dieses Mal konnte er erkennen, dass das bläuliche Funkeln von einer mit blauem Kristall besetzten Waffe ausgegangen war. Der Speer war so lang, dass er seinen neuen Besitzer um eine Kopflänge überragte, wunderschön geschnitzt und am oberen Ende mit einer messerscharfen Klinge versehen. Eigentlich war es mehr eine Hellebarde als ein Speer.
Daneben lagen ein lederner Brustharnisch, Schulterschützer, eine einfache Armschiene und ein dicker wollener Umhang.
Während Ark sich fragte, wie dies alles in die kleine Truhe gepasst hatte, legte er die Rüstungsteile und den Umhang an und staunte, dass sie ihm perfekt passten – ganz so als wären sie speziell für ihn angefertigt worden.
Ein Schaudern unterdrückend fasste der junge Mann seine neue Waffe fester und warf Melina einen letzten wehmütigen Blick zu. Dann hastete er aus dem Keller, um den Dorfältesten zu suchen. Fluffy folgte ihm dabei auf dem Fuße.

Zu Arks großer Erleichterung musste er den Weisen nicht lange suchen. Er stand vor dem Kellereingang und funkelte seinen Ziehsohn zornig an, als dieser die Treppe hinauf gerannt kam. Fluffy schien er hingegen entweder nicht zu bemerken oder zu ignorieren.
„Alter! So ein Glück – du bist tatsächlich noch normal!“ Ark hatte das Gefühl, ihm fiele ein zentnerschweres Gewicht von den Schultern.
Statt zu antworten, schlug der Dorfälteste Ark mit seinem Gehstock auf die Schulter. „Du dummer, dummer Junge! Was hast du getan?!“
Betroffen ließ Ark den Kopf hängen und setzte zu einer Entschuldigung an. Doch trotz der Umstände schnürte die Vorstellung, den Weisen um Vergebung zu bitten, ihm die Kehle zu.
Der alte Hass saß zu tief…
Also schluckte Ark die Entschuldigung herunter und entgegnete stattdessen: „Was passiert ist, ist passiert. Es hat keinen Sinn, mich deswegen niederzumachen. Verrate mir lieber, ob du weißt, wie dieser Fluch zu brechen ist. Denk dran, wenn du nichts weißt, sind wir dazu verdammt, den Rest unserer Leben in trauter Zweisamkeit zu verbringen. Nur du und ich und ein paar dekorative Eisskulpturen…“
Der Dorfälteste verdrehte die Augen. „Verschone mich mit deinen Horrorvisionen… Wenn du Melina und die anderen retten willst, musst du das Dorf verlassen und in den fünf Türmen ihre gefangenen Seelen befreien. Du kannst sofort aufbrechen. Das Tor ist offen.“
Mit diesen Worten ließ der Weise Ark irritiert zurück.
Hatte er tatsächlich gesagt, Ark könne das Dorf verlassen?
Von einer Mischung aus Angst und Vorfreude erfüllt, trat Ark durch die Haustür ins Freie und staunte nicht schlecht.
Ihm gegenüber war aus dem Nichts ein gigantisches Tor aufgetaucht, hinter dem sich ein Weg durch den undurchdringlichen Wald schlängelte.
„Ich… Ich kann das Dorf tatsächlich verlassen…“ Für einen kurzen Moment flammte Triumph in Ark auf.
Er hatte immer gewusst, dass der Älteste log!
Würde er auf seiner Reise womöglich sogar etwas über seine Herkunft herausfinden?
Doch dann kehrte der Ernst zu dem jungen Mann zurück.
Die Rettung der Dorfbewohner hatte Vorrang.
Er durfte sich nicht ablenken lassen!
Tief durchatmend nickte er Fluffy zu, der neben ihm in der Luft schwebte, und lenkte seine Aufmerksamkeit dann wieder aufs Tor.
Er würde das Dorf verlassen, die fünf Türme finden, die Seelen der Dorfbewohner befreien und danach nach seinen Wurzeln suchen!
Seine Hellebarde als Wanderstock missbrauchend machte der junge Mann sich auf den Weg ins Unbekannte…
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