he likes baseball

von Na-chanX3
KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12 Slash
A.D.A. Rafael Barba
18.09.2016
18.09.2016
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Der Tag hatte im Stress geendet und nun war Detective Dominick `Sonny` Carisi dabei ins Auto zu steigen. Er schlug erschöpft die Tür zu und lehnte sich mit geschlossenen Augen in seinem gepolsterten Sitz zurück. Auf dem Revier war mächtig was los gewesen und der Gerichtsprozess hatte sie alle ausgelaugt, da der Verteidiger des Angeklagten wirklich hinterlistig und seine Methoden zum Verzweifeln gewesen waren. Die Jury war nach keiner Stunde zurück gewesen und wenn sie den Mistkerl schuldig gesprochen hätten, hätte Sonny jetzt nicht in dieser Position verharrt und den Regentropfen dabei zugesehen, wie sie die Windschutzscheibe verzierten.

Der Counselor hatte gute Arbeit geleistet und selbst auch einige Methoden ausgepackt, die den ein oder anderen verblüfft hatten. Das einzige, was gefehlt hatte, war wahrscheinlich der gesunde Menschenverstand der Geschworenen. Alles in einem konnte man es Barba nicht übel nehmen, er hatte sich wacker geschlagen. Er selbst sah das nicht ganz so und war ohne ein Wort ab gestampft. Es war offensichtlich gewesen, dass sich der ADA die Schuld dafür gab, dass jetzt ein gewalttätiger Vergewaltiger frei rumlief.

Draußen war es schon dunkel, nur noch die Laternen erleuchteten die Straßen. Carisi seufzte müde und stellte dann den wärmenden Motor des Autos an.

»´Nen Drink könnt ich noch vertragen. «  , murmelte er zu sich selbst und fuhr los. Es dauerte keine fünf Minuten, da hielt er vor dem nächstgelegensten Pub mit dem Namen »Freddy´s «  .

Langsam schnallte sich der Detective ab, stellte den Motor aus und verließ den Wagen, wobei er ihn abschloss.

Das Neon-beleuchtete Schild über der kleinen Eingangstür war grün und spiegelte sich in einigen Pfützen wieder, während der Geruch von Regen die Luft durchkreuzte. Carisi atmete ein, nahm diese Atmosphäre mit seinem ganzen Körper auf. Dann hörte man nur noch das Klacken seiner Schuhe auf dem Pflaster und schon war er in der Bar verschwunden.

Drinnen war es dunkel und stickig, eine annehmbare Zahl von Menschen besetzte sowohl die Hocker an der Bar-Theke, als auch die Stühle an den Tischen in der Mitte des Raumes. Sonny stand noch im Eingang, betrachtete die Szenerie und ließ seine Gedanken schweifen.

Er war lange nicht mehr hier gewesen und auch nicht oft. Das erste Mal war kurz nachdem er der SVU beigetreten ist und seitdem war er vielleicht noch zwei bis drei Mal hier gewesen. Zum Beispiel nach einem stressigen Arbeitstag wie heute oder nach Streits innerhalb der Familie. Da brauchte er immer etwas Starkes. Und dieses Mal brauchte er auch etwas Starkes. Benommen lief er vorwärts, beobachtete dabei sich im Rausch befindende Menschen, die scherzten, lachten und grölten, während sie sich einen Schnaps nach dem anderen hinter kippten. Diejenigen, die an der Bar-Theke hockten waren solche Leute, die entweder ruhig dasaßen, ihr Glas anstarrten und über ihr Leben nachdachten oder heulend den Barkeepern von ihren Problemen erzählten, während diese die Theke wischten.

Er schritt an allen von ihnen vorbei, fast bis ganz hinter, wo die Ecken unbeleuchtet und kalt waren. Hier hinten kam kaum ein Ton der Musik, die aus den Lautsprechern vom Eingang erklang, an.

Es war generell sehr ruhig. Carisi setzte sich in die Ecke, auf den hintersten Barhocker und lugte über die Theke, wo etliche Glasflaschen standen, gefüllt mit dem süßen Lebenselixier namens Alkohol. Er bestellte sich sogleich einen Whisky mit Cola und betrachtete dann das Glas. Obwohl er spürte, dass jemand neben ihm saß, drehte er sich nicht nach der Person um, er war gerade eh nicht in Stimmung mit irgendjemandem zu reden. Doch er merkte, dass sich diese gewisse Person im selben Moment zu ihm umdrehte.

Sonnys Blick hing weiterhin am Glas, während er es fasziniert in seinen Händen hin und her schwang.

»Carisi?! «  , die Stimme kam ihm verdammt bekannt vor, weshalb er sich dann doch umdrehte und in das erschrockene Gesicht des Counselors blickte.

»Barba. Was machen Sie hier? «  , wollte der Detective wissen und betrachtete den ADA genauer. Er trug nur ein weißes Hemd, seine schwarz-rote Krawatte hing ihm locker um den Hals und die Knöpfe des Hemdes waren etwas weiter offen als sonst.

»Das Gleiche wie Sie, würde ich sagen. «  , gluckste Barba und hob sein Glas mit Scotch.

Carisi nickte daraufhin verstehend, stierte wieder sein Glas an und dann blieb es einige Minuten still zwischen den beiden. Es dauerte aber nicht allzu lang, da bemerkte Sonny wie der Counselor wieder zum Reden ansetzte. Er begann zwar leise, doch der Detective konnte es gut hören.

»Wissen Sie... «  , Barba machte eine kurze Pause, um sich zu fassen, »...an manchen Tagen wünsche ich mir, ich wäre in der Bronx geblieben. «  

Carisi brauchte einen Moment, die Worte nachzuvollziehen, dann atmete er belustigt aus, wobei ihm ein Grinsen entfloh.

»Sind Sie etwa betrunken? «  , lachte er und deutete mit seinem Blick auf den Scotch in den Händen des Staatsanwaltes.

»Betrunken? Ich bin nicht betrunken. «  , hätte er diese Aussage nicht mit dem Versuch, nicht vom Barhocker zu fallen, gemacht, hätte Sonny es ihm vielleicht geglaubt.

Aber in diesem Falle zog er nur die Augenbrauen in die Höhe, stutzte und starrte den Counselor wortlos an, bis dieser nachgab.

»Schön. Vielleicht ein bisschen. «  , murmelte er und man spürte wie ungern er das zugab, »Aber ich bin noch zurechnungsfähig. Tun sie mir nur einen Gefallen. «  

Der Detective lauschte gespannt.

»Verraten Sie Carisi nicht, dass ich getrunken hab. «  , das haute Sonny vollkommen aus den Latschen, sodass er aufstand und dem Counselor das Glas aus der Hand nahm.

»Kommen Sie. Sie hatten genug. «  

Barba schaute ihn total perplex an, folgte dann aber seinen Bewegungen und stand ebenfalls auf. Wenn auch langsam und deutlich schwankend. Er war nicht der Typ, der dumm rum lallte, wenn er betrunken war. Reden konnte er meist klar, doch Stehen und Denken fielen ihm dann öfters schwer. Das war Carisi schon öfter aufgefallen. Kurz stolperte Barba und wäre sicherlich gestürzt, wenn ihn der Detective nicht rechtzeitig gepackt hätte.

»Sie machen vielleicht Sachen. Betrinken sich wegen einer Niederlage so sehr, dass sie kaum alleine stehen können. «  , kommentierte Carisi, während er Barba half seine Jacke anzuziehen. Dann bestellte er noch schnell etwas  an der Theke, was der Counselor gar nicht mitbekam. Dieser war nämlich zu sehr damit beschäftigt, nicht umzukippen. Keine Minute später bekam er einen Coffee-To-Go in die Hand gedrückt, wofür er sich ausdrücklich bei dem Detective bedankte. Barba hatte nicht wirklich gewusst, dass sie hier auch Kaffee verkauften.

»Ich fahr Sie jetzt nach Hause, na los. «  , mit diesen Worten zog Sonny den ADA mit nach draußen.

Der kalte Regen prasselte auf ihre Schultern, als die kleine Tür hinter ihnen ins Schloss fiel.

Draußen war es noch ein wenig kühler geworden, doch keiner von beiden schien es wahrzunehmen.

Carisi öffnete die Autotür und wollte dem betrunkenen Staatsanwalt beim Einsteigen helfen, aber dieser hob nur abwehrend die Hand und schaffte es mit einigen Turbolenzen schließlich selbst. Verzweifelt schmiss der Detective die Tür zu und stieg dann auf der anderen Seite ein, nur um zu sehen, dass Barbas Kopf an die kalte Scheibe gesunken war und seine Augen geschlossen waren. Ob er nur schlief oder das Bewusstsein verloren hatte, es war Sonny egal. Er wollte einfach nur ins Bett.

Als er den Motor anstellte, durchströmte einige Minuten später eine angenehme Wärme den Wagen, weshalb man kurz darauf das zufriedene Murmeln des Counselors vernehmen konnte.

Selbst im Halbschlaf bekam er nicht mit, wie Carisi seinen Mantel auf ihn legte und bis zur Schulter hochzog. Und doch mummelte er sich noch ein bisschen mehr in den Mantel rein.

Caris musste grinsen, wandte sich dann aber ab und konzentrierte sich auf die Straße.

So lang fuhren sie gar nicht, doch Carisi kam es vor wie zwei Stunden.

Die Stille zerrte an ihm und er wünschte sich, dass sein betrunkener Kollege aufwachen würde, um mit ihm zu reden. Auch wenn wahrscheinlich nichts sinnvolles dabei rauskommen würde. Wenigstens würde er dann etwas Unterhaltung genießen können, anstatt wie jetzt, das Rot der Ampel zu mustern, das sich auf der nassen Straße spiegelte.

Erneut wurde seine Aufmerksamkeit auf Barba gelenkt, welcher mit Drehen und Wenden versuchte eine bequemere Position zu finden.

Carisi hatte das Bild einer verschlafenen Katze im Kopf und der Vergleich zauberte ihm ein warmes Lächeln ins Gesicht. Dann begann er abzuschweifen.



Vier Monate war es jetzt her, dass Sonny dem Counselor seine Liebe gestanden hatte.



An einem Donnerstagmorgen, mit einem schwarzen Kaffee in der rechten und Unterlagen für einen Fall in der linken Hand, betrat Sonny Barbas Büro und es war wirklich sehr früh. Er wusste zwar, dass der Staatsanwalt ein hartarbeitendes Tier war, aber er hatte nicht erwartet ihn schon dort anzutreffen.

Eigentlich hatte er vorgehabt, die Papiere und den Wachmacher auf seinem Schreibtisch zu hinterlassen, um Barba eine Freude zu machen, wenn er eintreffen würe. Er hatte kein Problem damit, es ihm persönlich zu überreichen, aber als er dem gefährlichen Blick des Staatsanwaltes ausgesetzt war, zuckte er innerlich zusammen und sein Herz begann so zu rasen, als würde es das ständig tun. Als wäre es selbstverständlich.

Kurz hatte Sonny überlegt, einfach umzudrehen, zu gehen und Barba die nächsten Tage nur aus der Distanz zu beobachten. Doch seine Füße trugen ihn vorwärts, sein Mund wollte sich nicht öffnen und er geriet immer weiter in die Gefahrenzone. Sein Herzschlag machte es ihm deutlich.

»Carisi, was um Himmelswillen wollen sie um diese Zeit von mir?! «  , seine Stimme war heiser, wurde er krank?

Trotz der drohenden Tonlage trat Sonny näher an den Schreibtisch heran und stellte den Kaffee ab. Im Augenwinkel konnte er den ungläubigen Blick des Counselors erkennen, der ihm schon so oft den Schlaf geraubt hatte. Gleich darauf reichte er ihm die Unterlagen.

Er nahm sie an. Zögernd, aber er tat es.

»Ich wollte ihnen das nur vorbeibringen. «  , antwortete Sonny vorwurfsvoll.

Irgendwie tat es ihm weh so zu reagieren, obwohl der Counselor es nicht anders machen würde, aber bei ihm war es seltsamerweise natürlich. Natürlich schön, wie Carisi fand. Man erwartete bei Barba schon gar nichts anderes mehr. Es gab viele Dinge, die man von ihm gar nicht erwarten würde.

Zum Beispiel, dass er Baseball mochte und romantische Filme.

»Er ist nicht der Typ dafür. «  , würden andere sagen, »Er ist so nicht. «  

Aber das sah Sonny anders. Vor dem Fernseher sitzen, gegen Sieben, den Scotch in der Hand und die Chips oder die Taschentücher auf dem Tisch. Je nach dem. Irgendwie konnte sich Sonny das gut bei ihm vorstellen.

Nachdem einige Sekunden Stille zwischen den beiden geherrscht hatte, war wieder Leben in den Körper des Detectives gekommen, welcher dann dazu ansetzte zu gehen.

Doch er war keine zwei Schritte weit gekommen, als Barbas Stimme erneut erklang, nicht so scharf wie zuvor.

Und das war ungewohnt für Sonny.

»Halt «   war es. Ein »Halt «  , nicht mehr, das ihn dazu verleitete zu bleiben. Und es war nur der kurze Blick in des Counselors grüne Augen, der ihm den Atem raubte und dafür sorgte, dass Sonny ihn ein Stück mehr zu lieben begann.

Barbas Blick wanderte zurück auf seine Schreibtischunterlage und blieb da kurz heften.

»Wie läuft es gerade mit Ihrem Jurastudium? Kommen Sie voran? «  , Sonny war verwundert darüber, dass Barba dieses Thema aufgriff und dass es während eines solchen unpassenden Smalltalks geschah.

Trotzdessen entschied er sich, zu antworten, denn eigentlich, ja eigentlich verwunderte es ihn doch nicht.

Alles war wie sonst auch so.

»Es läuft gut. «  , meinte er knapp, hoffte das Thema damit abgeschlossen zu haben. Er erhielt nur ein Nicken des Counselors, dann war es wieder still.



Ein lautes Hupen ließ Sonny aus seinen Gedanken aufschrecken. Die Ampel war mittlerweile grün, hinter ihm drängelte ein heller Pkw. Schnell gab er Gas, zog an der Kreuzung vorbei und erst als der Drängler außer Sicht war, warf er Barba einen flüchtigen Blick zu. Er schlief noch immer. Erstaunlich. Das war eindeutig mehr als ein Scotch gewesen.

Und er trank öfter mehr als einen Scotch, das hatte Carisi gemerkt. Auch wenn er es nicht gesehen hatte, doch als er an diesem einen Donnerstagmorgen das Büro verließ, wusste er, der Counselor würde wieder zur Flasche greifen, sobald die Tür hinter ihm zufiel.

Er hatte es unterlassen irgendwas dazu zu sagen und nahm es still hin.



Sonny erlaubte es sich, an Barbas Kaffee zu nippen. Ein Fehler. Doch zu seiner Verwunderung verlor der ADA nicht die Besinnung, lediglich ein »Haben sie kein Herz? «   kam über seine Lippen, die sich dann zu einem Lächeln formten. Das war das erste Mal, dass Carisi Barba ehrlich lächeln sah.



Und das hatte ihn so umgehauen.



Wahrscheinlich wäre er vollkommen geblendet stehen geblieben, wenn Barba nicht plötzlich aufgestanden wäre. Locker lief er um den Tisch herum, bis er vor Sonny stand, nur um sich dann auf den Tisch zu setzen. Das war Sonny gar nicht von ihm gewohnt. Aber es blieb ihm nichts anderes übrig, als es hinzunehmen. Also tat er es. Ohne auch nur einmal darüber nachzudenken.

»Wie geht es Ihrem Schwager? «  , er tat es schon wieder, genau wie vorher, mit dem Jurastudium. Und Sonny begann sich zu fragen, ob das schon immer so war. Für einen kurzen Augenblick hatte er das Gefühl den Counselor nicht zu kennen.

Weder wusste er, wo dieser Gedanke herkam, noch interessierte ihn das.

Er wusste, dass er ihn wollte und mehr brauchte er auch nicht zu wissen.

»Er erholt sich noch. «  , erklärte Sonny kurz und beobachtete Barba, der zu seiner Überraschung ein warmes Lächeln zeigte. Schon wieder. Dieser Tag schien ziemlich gut zu laufen für den Detective. Dabei hatte er gerade erst begonnen.

»Das wird schon. «  , Sonny war etwas mulmig.

Er konnte sich nicht daran erinnern, dass Barba schon mal so nett zu ihm gewesen war und langsam begann es unheimlich zu werden.

Der Counselor schien sein Zögern bemerkt zu haben und grinste erneut. Und diesmal wirklich. Sein ganzes Gesicht strahlte, während die süßen Lachfalten auftauchten, die den Detective so begeisterten.

»Was ist los? «   fragte Barba letztendlich, da er immer noch nicht verstand, was Carisi so in den Bann zog.

»Ich mag es wenn Sie lächeln und ich liebe es wenn ich der Grund dafür bin. «  , antwortete Sonny ehrlich, wobei er zusah, wie Barbas Gesicht langsam einschlief. Hatte er jetzt etwas falsches gesagt? Wenn er nochmal so darüber nachdachte, hätte er es jetzt lieber wieder zurückgenommen.

Doch was gesagt war, war gesagt. Ihm blieb nun nichts anderes mehr übrig, als auf Barbas Reaktion zu warten. Aber die kam nicht. Jedenfalls nicht in Worten. Er hob einfach seine Hand und legte sie um Sonnys Nacken. Diese sanfte Berührung sorgte bei ihm für Gänsehaut. Im nächsten Moment zog Barba den Kopf des Detectives zu sich runter und Sonny glaubte das Bewusstsein zu verlieren, als er auf einmal die weichen Lippen des Staatsanwaltes auf seinen spürte. Es war nur ein kurzer, süßer Augenblick und als er den Kuss erwidern wollte, drückte Barba ihn schon von sich weg.

Seine grünen Augen blickten zu Boden, Sonnys blaue Augen fixierten ihn, seine Lachfalten, seine Wangen. Ihre Gesichter waren immer noch keine zwei Zentimeter voneinander entfernt.

Sie konnten gegenseitig ihre warmen Atem spüren. Carisi fühlte tief in seinem Bauch das Verlangen nach den sanften Lippen des Counselors.

»Ich will dich. «  , auch wenn es dem Detective nur rausgerutscht war, fühlte es sich gut für ihn an, das endlich loszuwerden. Jedoch wusste er nicht, ob es Barba auch so gefiel.

Er schien nachdenklich zu werden, suchte am Boden einen Punkt, um sich zu fixieren, schaute Sonny kurz in die Augen und dann wieder zu Boden. Anschließend rutschte er ein Stück von ihm weg. Sein Kopf von ihm abgewandt und gleich darauf sein Körper.

»Geh jetzt bitte. «  , flüsterte er, was ihm nicht einfach zu fallen schien. Sonny stutzte. Nicht, weil er soeben von ADA Rafael Barba geduzt wurde, was er ja selber gerade bei ihm getan hatte, sondern wegen der Tatsache, dass Barba ihm gerade eine Art Zuneigung gezeigt hatte und ihn nun abwies.

»Warum? «  , das war das einzige, was Sonny dazu sagen konnte. Nach einigen Sekunden des Schweigens bekam er tatsächlich eine Antwort.

»Wir dürfen das nicht. Ich könnte meinen Job verlieren. «  , seine Stimme war leise und schwach, als hätte es ihm extreme Schwierigkeiten bereitet, das zu sagen.

»Das könnte ich auch. «  , fügte Carisi hinzu, Barba jedoch blieb weiterhin mit dem Rücken zu ihm stehen.

»Nimm es bitte einfach hin. Würdest du deinen Job riskieren, für das hier? «  

»Du nicht? «  , fragte Sonny. Diesmal schwieg der Counselor. Es war wie eine Faust, gerammt in Sonnys Magen und es tat ihm furchtbar weh. Irgendwie hatte er Verständnis für Barbas Sichtweise. Aber irgendwie auch nicht. Er wollte nicht, dass ihnen irgendwas im Wege stand. Und wenn es nur die Arbeit war.

»Verstehe. «  , und mit diesen Worten hatte der Detective das Büro verlassen.



Seit diesem kleinen Streit hatten sie kein Wort mehr miteinander gewechselt, außer wenn es die Arbeit nicht anders zuließ. Es schien als sei nie etwas zwischen den beiden vorgefallen. Und irgendwie tat es Sonny weh, denn er hatte den Kuss genossen und war davon ausgegangen, dass Barba es auch genossen hatte und vielleicht genauso fühlen würde wie er.

Es gab viele Dinge, die Carisi genossen hatte, was Barba anging. Wenn der Counselor zum Beispiel eine seiner Ideen ins Lächerliche zog. So etwas war nie böse gemeint, Barba piesackte ihn doch immer nur und der Detective liebte diese Art von Aufmerksamkeit, die er von ihm bekam. Es machte ihn glücklich. Er machte ihn glücklich. Oder wenn Barba seine Hemdärmel hochkrempelte und Carisi seine Arme anstarren und anhimmeln konnte.

Aber auch wenn der Staatsanwalt während eines Gerichtsprozesses die Geschworenen mit seinem Schlussplädoyer beeindruckte und Sonny unglaublich stolz war.

»Das ist mein Rafi. «  , dachte er dann immer und er war noch stolzer diese Worte sagen zu können.

Er hätte noch weitere tausend Beispiele nennen können. Carisi beschloss dem Schwelgen in Erinnerungen jetzt ein Ende zu bereiten, indem er sich wieder voll und ganz auf die Straße konzentrierte. Es waren nur noch wenige Minuten zu Barbas Wohnung, dessen Kopf soeben an die Schulter des Detectives gesunken war. Das war das erste Mal, seit diesem einen Donnerstagmorgen, dass die beiden sich so nahe waren. Und wenn Carisi darüber nachdachte, erinnerte er sich an die Worte seines Kollegen in der Bar zurück.



»An manchen Tagen wünsche ich mir, ich wäre in der Bronx geblieben. «  , das war es was er gesagt hatte. Sonny dachte, es bezog sich auf die Niederlage, die der Counselor heute erfahren musste, doch wenn er an die anderen Worte dachte, verblasste das scheinbar Offensichtliche ganz schnell.

»Verraten sie Carisi nicht, dass ich getrunken hab. «  , ja aber warum nicht? Warum war ihm das so wichtig gewesen? Wollte er nicht, dass Carisi erfährt, dass auch er verletzt war und niedergeschlagen?

Wünschte er, er wäre in der Bronx geblieben, weil er dann nicht solche Probleme hätte? Wie zwischen Karriere und Liebe entscheiden zu müssen? Eigentlich wusste Sonny ja gar nicht, ob der Counselor überhaupt etwas für ihn empfand. Zu viele Fragen schwirrten in Sonnys Kopf und er wusste auf keine einzige die Antwort.

Die würde er nur von Barba bekommen.

Kurz erlaubte er sich einen Blick auf den Staatsanwalt. Die Augen geschlossen, ruhte er noch immer an seiner Schulter. Seine Wange war warm und im Gegensatz zu den letzten Monaten, strahlte er genau jetzt eine ansteckende Ruhe aus. Für einen Moment hatte Sonny das Gefühl, alles wäre wieder beim Alten. Und diesen Moment genoss er mehr als alles andere.

Er legte einen Arm um den Counselor und drückte ihn ein wenig fester an sich, dieser begann dabei zu murren.

Sonny gab sich alle Mühe, die Straße zu beobachten, während er Barba eine kleine Strähne seines Haars aus der Stirn strich. Er beruhigte sich allmählich wieder. Sonny wünschte er könnte für immer so bleiben und am liebsten hätte er ihn jetzt geküsst, schließlich hatte er keine Chance gehabt den Kuss von vor vier Monaten zu erwidern.

Jetzt hätte er sie gehabt. Obwohl die Situation ungünstig war.

Doch allein schon, dass er Barba nah sein konnte, ihm hier und jetzt spüren konnte und bei ihm sein konnte, machte ihn zum glücklichsten Menschen auf Erden. Genauso glücklich war er, als er abbog und als der dunkle Wagen seine Kurve schnitt.

Er war auch so glücklich, als er das Lenkrad rumriss, um mit dem Pkw nicht zu kollidieren und als er auf einmal die Kontrolle über sein Auto verlor und sich alles nur noch drehte.

Sein Glück endete auch nicht, als ein riesiger dunkler Baum vor ihm auftauchte, ihn wie ein Monster verschlingen wollte und im nächsten Moment alles schwarz um ihn herum wurde.

Trotzdessen war er der Glücklichste, auch wenn er es in diesem Augenblick nicht gewusst hatte, weil er von Todesangst und Panik durchflutet wurde und er beinah wimmernd

»Keine Sorge, ich hab dich. «  , in das Ohr des Staatsanwaltes flüsterte. Es hätte einem das Herz zerreißen können. Dann drückte er ihn noch fester an sich.

Er war der glücklichste Mensch auf Erden, weil trotz alle dem sein Rafael bei ihm war, ihm nah war und er ihn spüren konnte.



*   *   *




Barba war schon vorher durch das Quietschen von Reifen wach geworden, hatte noch gespürt, wie jemand ihn fest drückte, nur um wieder in die Bewusstlosigkeit zu fallen. Doch als e das nächste Mal aufwachte, spürte er lediglich unglaubliche Schmerzen im Bein. Barba erkannte, dass er sich noch immer in dem Auto befand, in das er vorher eingestiegen war.

Draußen war es dunkel und noch immer verregnet. Aber das Auto fuhr nicht und dichter Qualm kam aus der Autohaube. Der Counselor schaute sich genauer um, sah den Airbag, der vor ihm luftleer nach unten hing. Dann erinnerte er sich auf einmal wieder, zu wem er ins Auto gestiegen war und sofort schlief sein Gesicht wieder ein.

Jedes Mal, wenn er ihn allein so schon sah, brach er innerlich zusammen. Doch jetzt, als er Sonny anblickte, fühlte er eine eiserne kalte Han die sein Herz packte und es ihm aus der Brust riss. Das Gesicht des jungen Nachwuchs-Staatsanwaltes war total verschrammt, aus offenen Wunden im Brustbereich rann unaufhörlich Blut und einige Splitter der Windschutzscheibe hatten sich tief in sein Fleisch gebohrt. Barba wurde schlecht, als er dann Sonnys linken Arm sah, der in einem merkwürdigen Winkel ab stand.

»Scheiße. «  , fluchte der Counselor und versuchte sich abzuschnallen. Aber der Alkohol in seinem Blut schien jegliche Bewegung verhindern zu wollen. Seine Sicht verschwamm und die Welt drehte sich.

Trotzdem gelang es ihm sich mit etwas Anstrengung von dem Gürtel loszumachen. Als er im nächsten Moment versuchte zu dem Detective rüber zu rutschen, um zu schauen, ob er noch atmete, konnte er den Schmerzensschrei nicht mehr unterdrücken und seine Hand fuhr automatisch zu seinem rechten Bein.

Der Aufprall hatte den Wagen so sehr gequetscht, dass es jetzt zwischen dem Armaturenbrett und dem Sitz eingeklemmt war. Er konnte eine Fleischwunde ausmachen, aber es schien nicht allzu sehr zu bluten, Carisi war jetzt Priorität, doch dermaßen bewegungsunfähig kam er nicht an ihn heran.  

»Carisi! Wachen Sie auf, Carisi! «  , er brüllte so laut es ging, doch der Angesprochene rührte sich keinen Zentimeter und Barbas Kopf fühlte sich an wie mit Watte gefüllt. Ihm fiel das klare Denken immer schwerer und seine Glieder kamen ihm so vor, als wären sie aus Blei.

»Wachen Sie auf, Carisi. «  

»Carisi «  

»Wachen Sie auf. «  , seine Stimme wurde schwächer, sein Sichtfeld dunkler.

»Kommen Sie schon. Sagen Sie was. «  

Als er wieder zu seinem Bein schaute, hatte sich bereits eine kleine Blutlache darunter gebildet.

»Scheiße. «  , presste er zwischen seinen Zähnen hervor, lehnte sich dann in seinem Sitz zurück und schloss kurz die Augen.

»Carisi, wachen Sie auf. Wir müssen hier raus. «  , murmelte er, doch

blieb unerhört.

Es vergingen einige Minuten in denen er seine Augen weiterhin geschlossen hielt.

Er  wollte einfach nur noch schlafen.

Seine Augenlider waren so schwer, obwohl er sie schon entlastet hatte. Von weiten hörte er Sirenen, aber er hatte keine Kraft mehr, darauf zu reagieren. Trotz den unglaublichen Schmerzen lehnte er sich wieder an Sonnys Schulter. Und mit der Zeit wurde sein Bein taub, dass er gar nichts mehr fühlte und dann war ihm alles egal.

»Wach auf...Sonny.... «  , vorsichtig griff er seine Hand, sie war kalt und Barba hätte heulen können. Aber er tat es nicht. Er tat es nicht, weil er nicht wollte. Sein Atem wurde schwerer, die Blutlache war größer geworden und die Sirenen nun so nah.

Es war ihm egal. Er wollte jetzt nur einschlafen, mit Sonny an seiner Seite. Dann war er der glücklichste Mensch auf Erden. Barba fand es schade, dass er Sonny nicht mehr kannte, dass er so wenig Dinge über ihn gewusst hatte. Doch Sonny hatte auch nicht alles über ihn gewusst. er hatte nicht gewusst, dass Barba jeden Abend vor dem Schlafen gehen eine Tasse Tee trank und dass er es mochte, wenn die Butter so hart war, dass man sie nicht verschmieren konnte und Jazz. Jazz mochte er auch. Und Nachts schlief er gerne ohne Decke und wenn man ihm durch die Haare wuschelte, das hatte er auch gern. Nichts davon wusste Sonny und Barba wusste nichts über ihn. Aus irgendeinem Grund tat es ihm weh.

Und so öffnete er noch ein letztes Mal seine Augen, beobachtete die Regentropfen, die durch die kaputte Windschutzscheibe ihren Weg auf seine Hände fanden und auf sein Haar und das Carisis. Barba fand es eigentlich schön. Aber ihm fehlte die Wärme.

»Mir ist kalt. «  , sagte er leise und drückte die Hand des Detectives ein wenig fester.

»Mir ist kalt. «  , wiederholte er.



*   *   *




Er starb im Schlaf. Und das war gut so für ihn. Das war es doch, was er immer wollte, oder?  Sonny war schon kurz nach dem Aufprall tot gewesen, aber er hatte es nicht gemerkt. Er hatte seine kalte Hand gehalten, bis auch er schließlich eingeschlafen war.

Er starb im Schlaf.







                               



Ende
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