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Damals im Schnee

von Farasch
OneshotLiebesgeschichte / P12 / Gen
Dr. Alan McMichael Edith Cushing Lady Lucille Sharpe Sir Thomas Sharpe
16.09.2016
16.09.2016
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Ich stehe vor einem der großen Fenster im Wohnzimmer. Ich sehe die Sonne langsam hinter den Bäumen aufgehen und spüre die ersten Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Ich lausche dem Zwitschern der ersten Vögel. Ich liebe es, wie zu dieser Jahreszeit die Bäume und Sträucher in einem Grün erstrahlen und die Blumen vor unserem Haus blühen. Alles wirkt so lebendig. Bis jetzt deutet alles darauf hin, dass dieser Tag, genauso wie die letzten, ein sonniger, warmer Sommertag werden würde. Doch heute wird kein gewöhnlicher Sommertag für mich werden. Heute werde ich Alan heiraten.
Bei dem Gedanken musste ich lächeln und mir wurde warm. Schon so lange freute ich mich auf diesen Moment. Wir kannten uns nun schon eine Ewigkeit und wir haben beide so viel gemeinsam durchgestanden. Ich berührte die langen Spitzenärmel meines weißen Kleides. Dieser Tag schien für mich immer noch wie ein Traum, ein Wunsch, doch nun wurde er war.

Obwohl dieser Tag nur Alan und mir gehören sollte, konnte ich nicht vermeiden, dass dieser Gedanke, dieser Gedanke der mir schon seit fast drei Jahren in meinem Kopf herumgeistert, wieder da war. Der Gedanke an meinen ersten Ehemann und erste Liebe, Sir Thomas Sharpe. Alan und ich sprachen schon seit langem nicht mehr über die Ereignisse damals und Alan versuchte vor allem Thomas im Gespräch zu vermeiden. Außerhalb unseres Hauses gab es ihn nicht und dies schien auch innerhalb des Hauses zu gelten. Doch ich würde vermutlich nie aufhören können an Thomas zu denken, und ich denke, Alan weiß das auch.

Nachdem Alan mich von Crimson Peak befreit hat, sind wir in eine neue Stadt gezogen. Niemand sollte jemals von dem erfahren, was passiert ist. Auch nicht, dass die Geschwister Thomas und Lucille Sharpe jemals in unserem Leben eine Rolle gespielt haben. Alan und ich verschwiegen das Thema und wir wurden gut in der neuen Stadt aufgenommen. Auch wenn wir bereits zusammenlebten ohne verheiratet zu sein, wurden wir mit offenen Armen empfangen, auch wenn das hauptsächlich an der Tatsache lag, dass die Stadt einen neuen Arzt brauchte, den sie in Alan fanden. Wir haben einige nette Bekanntschaften gemacht und auch Freundschaften geschlossen.

Wir haben hier ein schönes, helles Haus gefunden, in dem wir uns schnell eingelebt haben und uns auch sehr wohl fühlten. Vermutlich wäre ich auch mit einem Schuppen glücklich geworden, solange das bedeutete, dass ich nicht mehr in diesem schrecklichen Haus leben musste, dass ich mir für eine kurze Zeit mit Sir Thomas und seiner Schwester teilte. Ich dachte anfangs jedenfalls, dass nur wir drei dieses Haus bewohnten, doch ich wurde eines anderen belehrt. Nicht nur die Geister der Ehefrauen von Thomas, die in diesem Haus ermordet wurden, sowie der Geist des Babys von Lucille, auch die Mutter der Geschwister schien immer anwesend zu sein. Ich erinnere mich noch immer ganz genau an das ungute Gefühl, das ich bekam, wenn ich vor dem riesigen Gemälde der Frau stand und es war, als würde sie uns bei allem beobachten.
Ich mochte das Haus auch schon nicht, als ich noch nichts von den unbemerkten Mitbewohnern wusste. Es war durch seine gewaltige Größe sehr beeindruckend und es gab sicherlich eine Zeit, in der die Villa wunderschön gewesen sein musste, doch davon war nicht viel übriggeblieben. Der Wind pfiff durch alle Räume und durch das Loch im Dach war man weder vor Kälte, Schnee oder Regen geschützt. Auch der Ton, der das Haus förmlich zum Sinken brachte, und das Wasser aus dem Hahn rot färbte, machte mir Sorgen. Auch Thomas Erfindung, die das Problem lösen und uns gleichzeitig auch Geld einbringen sollte, beruhigte mich nicht im Geringsten.

Doch nun lebte ich in diesem wunderschönen Haus, das weder zu versinken drohte, noch Löcher im Dach hatte, und das Beste war, dass ich es mir nicht mit Lucille teilen musste. Jedes Mal, wenn ich an diese Frau denke, bekomme ich Gänsehaut. Der Gedanke daran, dass sie mich vergiften wollte, und es beinahe auch geschafft hätte, ist beinahe unerträglich. Sie machte kein großes Geheimnis daraus, dass sie mich von Anfang an nicht ausstehen konnte. Ich war jedoch so naiv und dachte, dass wir uns sicher verstehen werden, wenn wir uns näher kennenlernten. Schließlich waren wir eine Familie. Doch ich hätte ja niemals ahnen können, was tatsächlich hinter ihrem Hass steckte.
Ich versuchte den Gedanken an diese grauenvolle Frau aus meinem Kopf zu verdrängen. Heute sollte sie keinen Platz haben. Doch sie war da. Nicht nur, weil sie mir mein Leben zur Hölle gemacht hat und es beinahe beendet hätte, sondern auch, weil sie mir etwas sehr Wertvolles genommen hat. Das ist vermutlich auch der Grund, warum ich kein Problem damit habe mich an den Moment zu erinnern, als ich Lucille mit der Schaufel erschlagen habe. Das Gefühl von Erleichterung, dass ich nun sicher war, aber auch das Gefühl der Rache, die mich beide mit einem Mal überströmten.

Ich werde mir nie verzeihen, dass ich mich auf Thomas Shape eingelassen habe. Ich war schuld daran, dass mein Vater nun nicht mehr lebte. Er hatte mich von Anfang an gewarnt. Er wusste von Anfang an, dass etwas mit den Geschwistern nicht stimmte. Ich wünschte ich hätte auf ihn gehört. Ich wünschte auch, dass ich Mutters Warnung, die sie mir aus dem Jenseits überbracht hat, als ich noch ein Kind war, verstanden hätte. Doch wie hätte ich ahnen können, dass das Anwesen Allerdale Hall Crimson Peak war?
Nun würde ich nachher zum Altar gehen, ohne die Begleitung meines Vaters. Alans Vater hat mir angeboten mich zu begleiten, da er natürlich von der Ermordung meines Vaters wusste, auch wenn für ihn, wie für alle anderen Verwandten und Bekannten der Mörder, oder besser die Mörderin, unbekannt blieb.

Ich hatte einen Kloß im Hals bekommen und war den Tränen nahe. Doch nachdem ich ein paar Mal tief ein und ausatmete, die Augen schloss und die Sonne auf meinem Gesicht genoss, beruhigte ich mich. Ich versuchte mich abzulenken und dachte an den Tag, der mir heute bevorstand. Ich spürte den kurzen weisen Schleier auf meinen Schultern und stellte mir vor, dass ich schon sehr bald mit Alan vor dem Altar stehen würde. Ich bekam Schmetterlinge im Bauch. Ich spürte, wie ich langsam aufgeregt wurde. Ich konnte es kaum abwarten endlich Alan zu heiraten.
Alan gab mir immer das warme Gefühl von Heimat und Geborgenheit. Er ist so schön mit ihm stundenlang zu reden und zu lachen. Er war so lange in meinem Leben und wir sind uns so vertrau. Es ist immer schön Zeit mit ihm zu verbringen. Er kümmert sich so gut um mich und will immer, dass es mir gut geht. Ich werde ihn niemals genug dafür danken können, was er damals für mich getan hat. Er hat sein eigenes Leben aufs Spiel gesetzt, um mich zu retten und mich aus dieser Hölle zu befreien.
Doch obwohl ich Alan sehr liebe, ist es anders, als es damals mit Thomas war. Thomas hat mich angeguckt und mir schwirrten tausend Schmetterlinge im Bauch herum. Ich werde nie den Augenblick vergessen als wir uns das erste Mal trafen und er mir das vermutlich größte Kompliment gab, dass ich jemals bekam. Er lobte mein Geschriebenes. Ich hatte schon oft Spott und Kritik bekommen, dass ich als Frau Geschichten schreibe. Doch nicht Thomas. Er nahm mich von Anfang an ernst und ihm gefiel, was ich geschrieben habe.
Thomas war ein faszinierender Mann. Er schien meine Gedanken lesen zu können, wenn er mich anschaute und las mir sofort jeden Wunsch von den Augen ab. Er konnte einem wie etwas ganz Besonderes fühlen lassen, wie bei unserem ersten Walzer. Es war, als wären alle Menschen in dem Raum verschwunden und es gab nur mich und Thomas, wie wir gemeinsam tanzten.
Ich genoss es auch immer Zeit mit ihm in seiner Werkstatt zu verbringen. Wie seine Augen leuchteten, wie die eines kleinen Jungens an Weihnachten, wenn er mir eine neue Erfindung zeigte. Die Stunden auf dem Dachboden in seiner Werkstatt waren immer sehr schön, bis sie wie beinahe jedes Mal von Lucille unterbrochen wurden.
Ich habe so viele Momente mit Thomas geteilt, die ich niemals vergessen werde. Unser erstes Treffen, der erste Tanz, unser erster Kuss, die Nacht, die wir, dank eines Sturmes, in der Poststation verbrachten. Jedoch werde ich auch niemals die Schrecklichen Dinge vergessen, die er mir angetan hat. Wie er vor mir mehrere Ehefrauen hatte, die er nur wegen ihres Geldes geheiratet hatte, wie er mich nur wegen meines Geldes geheiratet hatte, wie er es zuließ, dass seine Schwester mich langsam vergiftete und der schlimmste Moment von allen, als ich in erwischte, wie er mir mit seiner eigenen Schwester untreu wurde.

Alan würde mir so etwas niemals antun, doch Alan wird auch niemals dieses Kribbeln, diese Faszination und diese Gefühle auslösen, wie Thomas es konnte.

Ich wurde von einem Klopfen aus meinen Gedanken gerissen. Alans Schwester wartete auf mich. Sie war gekommen um mich abzuholen und zur Kirche zu begleiten. Somit trat ich an diesem warmen Sommermorgen aus der Vordertür unseres Hauses und begab mich auf den Weg in die Kirche, in der Alan, mein zukünftiger Ehemann, vor dem Altar auf mich warten würde.
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