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Honey Heaven

von Serpa
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Humor / P18 / MaleSlash
Danger Sister
16.09.2016
27.01.2017
17
58.819
2
Alle Kapitel
6 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
16.09.2016 4.546
 
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Die Zollkontrolle lässt zu viel Realismus nicht durch.
Humor allerdings hat uneingeschränkt freie Fahrt.

Kann Spuren von verdorbenem Trash enthalten. Lehn dich zurück und denk nicht zu viel über das nach, was auf dich zukommt.

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Quell aller Inspiration

Charakterübersicht

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Kapiteltitel by Mindless Self Indulgence


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Honey Heaven

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- [Sister & diverse andere schwedische Musiker] Jamie, Cari, Tim und Rikki landen im Rahmen ihrer Tour in einem Dorf, welches eigentlich ein bloßer Schreibfehler sein sollte und eigentlich gar nicht existieren dürfte. Allerdings ist es genauso echt wie all die Jungs, die es bewohnen. Ja, richtig gehört: Dieses verfluchte Vändersbög ist das Zuhause unzähliger Kerle. Kerle, die gut aussehen. Kerle, die alle nur das eine wollen. Kerle, die auf Kerle stehen. Wie zum Henker sollen sich die Sister-Boys nur in Schwuchtelhausen behaupten? Ob sie diesem Wahnsinn jemals wieder entkommen? Oder infizieren sie sich vorher mit der grassierenden Schwulitis? -

*


Prolog - Issues



Im Grunde begann alles mit einem vermeintlichen Schreibfehler. Ohne diese Verwechslung zweiter Buchstaben hätte sich die Zukunft wohl nicht in die Richtung entwickelt, die es seit dem Zuschlagen des Fehlerteufels einschlug. Wahrscheinlich wäre dann aus der Europatour Sisters nichts weiter als eine stinknormale Konzertreise geworden und nicht etwa eine lebensverändernde Erfahrung. Selbstverständlich erlebte man auch eine Menge auf stinknormalen Konzertreisen, und einige Gigs taugten tatsächlich dazu, das Leben eines Musikers nachhaltig zu beeinflussen, aber sie reichten nicht an jenes unvorhergesehene Abenteuer heran, welches die vier jungen Schweden erwartete, welche nichtsahnend in ihrem Tourbus hockten und sich quer durch die tröge Landschaft bugsieren ließen.

- Gechillte Vorspannmusik mit fidelen Gitarrenklängen wird eingeblendet -


Der nachtschwarze Tourbus rollte scheinbar unbeschwert die Landstraße entlang, während der Motor ein paar vergnüglich-brummende Geräusche von sich gab. In seinem Inneren befand sich eine Truppe von gelangweilt dreinblickenden Männern, welche in dem Versuch, es sich annährend gemütlich zu machen, die Füße gegen die Vordersitze gestemmt hatten und wie nasse Sandsäcke in ihren Sitzen lümmelten. Insbesondere ein Kerl mit hüftlangen Haaren hatte eine recht bizarre Haltung angenommen. Seine Beine ruhten gar auf dem oberen Rand der Lehne und drohten, den Herrn Fahrer am Kopf zu treffen. Jamie aber, wie der Kerl mit den Rapunzelhaaren hieß, scherte sich einen Scheißdreck um eventuelle Verletzungsgefahren. Er dachte auch nicht darüber nach, dass er durch eine Verletzung des Mannes hinter dem Lenkrades selbst die Arschkarte ziehen würde, denn der Bus fuhr sie leider noch nicht selbstständig zu ihrem Ziel. So hatte Jamie selbst seine Stiefel angelassen, auf Anraten Tims hin, denn dieser war der Meinung, dass Jamies Socken stanken und er einen grausamen Tod erleiden würde, wenn er auch nur mit der Idee liebäugelte, sie an die stickige Busluft zu lassen.
Da Jamie keinen Bock auf einen grausamen Tod hatte, trug er also noch seine Schuhe. Genau wie Cari zu seiner Rechten, der ihm mit ausdruckslosen Blick dabei zusah, wie er an seinem T-Shirt nuckelte. Jamies orale Phasen kannte inzwischen jeder, weshalb sie keine sonderliche Sensation mehr darstellten. Nur entpuppte sich der der abwesend stofflutschende Jamie als unfreiwillig sehr ins Bild passender Musikvideoprotagonist. In Caris Gehörgängen trieben gerade die Dead Boys ihr Unwesen und performten einen Songs namens 'Caught with the meat in your mouth'. So, wie Cari näher darüber nachdachte, fand er den Zufall ziemlich komisch, und wie das mit komischen Sachen so war, sorgten seine Gedanken dafür, dass seine Mundwinkel dezent zuckten.
'Everyone knows Jamie was caught with the meat in his mouth...'
Ein Stoß traf ihn gegen die Schulter und wischte ihm das immer diebischer werdende Grinsen aus dem Gesicht. Während er sich die Stöpsel aus den Ohren zog, wandte er sich herum, nur um in Tims behaarte Visage zu blicken. Der Typ rasierte sich zu selten für seine Menge an Haarwuchs. Gut, das tat Cari auch, aber er sah trotz ein paar Bartstoppeln nicht gleich aus wie ein gerade aus dem Urwald gekrochener Höhlenmensch.
"Die fahren uns jetzt wirklich nach Vänersborg", informierte ihn der Gitarrist mit einem etwas skeptischen Gesichtsausdruck. "Nach Vänersborg, Mann."
Cari hob die Schultern.
"Na und? Stand ja so auf dem Zettel."
"Du weißt, dass das nicht da stand..."
Tief seufzend lehnte der Drummer den Hinterkopf gegen das Polster.
"Weil das ein verdammter Schreibfehler war."
"Er glaubt immer noch, dass es dieses Vänersbög* tatsächlich gibt", gab Rikki ein paar Sitze weiter seinen Senf dazu und schmunzelte belustigt in die Runde, wofür er einen grimmigen Blick seitens Tim erntete, welcher an seiner Überzeugung festhielt.
"Kann doch sein..."
"Klar, Schwuchtelhausen ist real." Offenbar hatte Tim ein paar Fantasien bezüglich dessen, was ihn in einem Ort mit Namen Vänersbög erwarten mochte, gegenüber Rikki geäußert während Cari in seine Fantasien bezüglich des fleischfressenden Jamies vertieft gewesen war. "Schlag dir deine feuchten Träume aus dem Kopf."
"Das sind überhaupt keine feuchten Träume." Regelecht bockig verschränkte Tim seine Arme vor der Brust und zog den Ansatz eines Schmollmundes. "Als ob ich gerne nach Schwuchtelhausen reisen würde." Mit scharfem Blick zu Cari hin fuhr er fort. "Oder seh ich so aus?"
Der Drummer aber wirkte lediglich etwas ratlos.
"Weiß nicht." Er zuckte die Achseln. "Wie sieht man denn als Schwuchtel aus?"
"So wie Jamie", half Rikki ihm aus und schaute erwartungsvoll hin zu ihrem Sänger, der nach wie vor in seinem Sitz hing und offenbar nichts zu dem Gespräch beizutragen hatte, da sein Mund anderweitig beschäftigt war, genau wie seine Augen, die auf seinem Smartphone klebten.
"Keine Antwort ist auch eine Antwort", meinte Rikki deutlich amüsiert, woraufhin Jamie doch träge den Blick hob.
"Was ist mit mir?"
Tim erklärte ihm gerne die Sachlage.
"Du bist ne Schwuchtel, Alter."
"Hä?"
"Haben wir grad einstimmig beschlossen."
Die Dead Boys in Caris Gedanken performten den Fleisch-Song immer heftiger und mit immer mehr Inbrunst. Unmöglich, sich in Anbetracht dieses Spektakels sich noch das Grinsen zu verkneifen. Die Strafe dafür war ein Stoß gegen die Jamie zugewandte Schulter.
"Und du lachst auch noch", maulte der Sänger, so wie er ihm ins Gesicht schaute. "Wenn ich ne Schwuchtel bin, dann bist du aber auch eine."
"Und wieso?" Cari zog die Augenbrauen hoch. "Weil das durch Tröpfcheninfektion übertragbar ist?"
"Ja. Der Speichel einer Schwuchtel ist hoch infektiös."
"So? Das ist ja-"
Caris Hirn konnte das Geschehen gar nicht so schnell einordnen, wie Jamie sein Kinn gepackt, sein Gesicht zu sich gedreht und ihm einen Kuss auf den Mund gedrückt hatte. Erst, als er Tims und Rikkis gackerndes Gelächter wahrnahm, schnitt er mit, was ihm gerade widerfahren war.
"Hab dich angesteckt", erklärte Jamie mit einem unschuldigen Lächeln und blinzelte lieblich. "Und? Bist du nun bereit für Vänersbög?"
"Ich fahr gleich zurück nach Stockhomo", grummelte Cari, in dessen Schädel unentwegt eine einzige Frage herumzuckte.
Hat der Typ mich gerade echt geküsst?
"Zu spät", kam es da aus der Richtung ihres Fahrers. "Wir sind gleich in Vänersborg."
"...um dort einen Gig vor gefühlten zehn Leuten zu spielen", ergänzte Rikki gelangweilt, doch Tim hielt ein Pro-Argument bereit.
"Vor zehn Leute, aber am Wasser."
"Und vor Fischen", kam es von Caris Seite. "Damn, ich wollte schon immer mal nen Gig vor ner Horde stummer Fische spielen."
"Halts Maul, Tiefseefische sind cool." Jamie hielt schon wieder sein Handy in der Hand und tippte darauf herum. Wahrscheinlich vollführte er gerade schriftlichen Phonesex mit seiner Freundin. Ihn danach zu fragen wäre zwecklos gewesen, das wusste Cari. Wenn Jamie etwas nicht preisgeben wollte, dann blieb es auch dabei.
"Du bist ja selber so ein Fisch. Ein Blindfisch", meinte Cari, runzelte allerdings schon im nächsten Augenblick die Stirn, während er angestrengt zur Frontscheibe hinausschaute. "Was ist das denn bitteschön?"
"Zollkontrolle", mutmaßte Tim, klang aber ebenfalls irritiert. "Aber mitten in der Pampa?"
Dass hinter der kleinen Zollstelle keine Pampa lauerte, konnten die unwissenden Bandmitglieder nicht ahnen. Und auch nicht, dass hinter ihr Paradies und Hölle zugleich - es lag im Auge des Betrachters, was eher zutraf - lauerten.

Notgedrungen hielt der Bus auf das schlichte Gebäude zu, an welchem ein Typ in offensichtlicher Polizeiuniform lehnte. In zu offensichtlicher Polizeiuniform, wenn man es sich recht überlegte.
"Da will uns einer verarschen", befand nun selbst Jamie. "Ich hab in meiner Vergangenheit schließlich genug mit Polizisten zu tun gehabt, um einen falschen von einem echten unterscheiden zu können."
"Du kleinkrimineller Bastard!" Noch schlug Cari seinem Kumpel übermütig auf die Schulter und fantasierte über das imaginäre Fleisch in dem Mund des bösen Buben neben ihm, doch so wie der Bus schließlich hielt und Johnny die Scheibe herunterließ, galt seine Aufmerksamkeit nur noch dieser Parodie von einem Bullen. Der Kerl trug in der Tat eine Offiziersmütze, aber genau wie auch der Rest seines Outfits bestand sie aus glänzendem, schwarzem Lack, wodurch er viel mehr aussah wie aus einem Fetischschuppen ausgerissen.
Alsbald trat er näher an ihren Bus heran und schaute in das Fahrzeug hinein. Zunächst maß er Johnny recht missbilligend, dann die Truppe auf dem Rücksitz, woraufhin sich sein Gesichtsausdruck dezent aufklarte, um dann wieder einer professionellen Miene Platz zu machen.
"Ich möchte gerne Ihre Ausweise sehen."
"Das ist ein verdammtes Kind!", zischte Rikki Tim zu, welcher jedoch nichts erwidern konnte, da der unkonventionelle Bulle ihn mit emporgezogener Augenbraue rügend anschaute. Wenn der Typ tatsächlich ein Kind war, dann wohl eines mit ziemlich dominanten Anwandlungen, überlegte Cari. In der Tat wirkte der Kerl noch ziemlich jugendlich. Vielleicht lag dies an seinem sehr schlanken Körperbau, vielleicht aber auch an seinen schwarz umrandeten Augen, welche sich in einem objektiv betrachtet ziemlich hübschen, fein geschnittenen Gesicht befanden. Das Piercing in der Mitte seiner Unterlippe fügte sich in das Gesamtbild und verlieh dem Kerl einen ungemein faszinierenden Touch. Das musste sogar Tim insgeheim für sich feststellen. Genau wie Rikki, der Frischfleisch mochte. Zwar eigentlich kein männliches, aber an maskuliner Schönheit weidete er sich trotzdem hin und wieder ganz gerne. Zumindest aus der Ferne.
Egal, wie hübsch der Herr Officer auch sein mochte - der Bassist hielt dennoch nicht viel davon, ihm seinen Ausweis zu überreichen. Die anderen ebenso wenig, denn ein jeder fühlte sich von diesem Bengel hinters Licht geführt. Aber da er nachdrücklich darauf bestand, bekam er schließlich doch die gewünschten Dokumente geliefert. Da die Tourcrew aus zahlreichen Mitgliedern bestand, dauerte es eine ganze Weile, ehe der Kerl sie alle eins nach dem anderen studiert hatte, doch schließlich erhob er seine Stimme für weitere Anweisungen.
"Ihr könnt alle wieder zurückfahren", bestimmte er, und gerade, als die Sister-Boys sich davon ebenfalls angesprochen fühlen wollten und schon damit abschlossen, vor einem Haufen Tiefseefische zu performen, heftete sich der strenge Offiziersblick des langhaarigen Buben auf Tim. "Nur die Typen auf der Rückbank erhalten das Privileg, in Vänersbög einzureisen. Eventuell."
Alle vier Musiker plapperten aufgebracht durcheinander. Einer rief ein fassungsloses 'Was?' aus, der nächste stellte fest, dass dieses mysteriöse Vänersbög offenbar doch existierte, während sich wieder ein anderer um die Crew sorgte und der letzte nichts anderes tat als wie ein Postkutscher zu fluchen in seiner Hilflosigkeit.
"Nun beruhigt euch doch!", schrie jetzt auch noch der vermeintliche Zollbeamte dazwischen, woraufhin die Sister-Boys allmählich, aber doch recht widerwillig verstummten. "Was macht ihr denn so einen Aufstand, wo ihr doch sowieso nach Vänersbög wolltet? Seid doch froh."
Abermals hatten alle gleichzeitig etwas dazu beizutragen, doch dieses Mal brachte der junge Polizist die Kerle schneller zum Schweigen.
"Ihr Vier steigt nun aus, keine Widerrede. Ich muss euch auf verbotene Gegenstände und eure Ausstattung hin kontrollieren."
Misstrauische Blicke wurden unter den Bandmitgliedern getauscht, und doch beschlossen sie durch wortlose Kommunikation, zu tun, wie ihnen befohlen wurde. In der Regel ließen sie sich allesamt nicht gerne etwas von Fremden vorschreiben, aber sie fürchteten, dass dieser hübsche Bengel zu einem Kampfterrier mutieren konnte. Schließlich prangte an seinem Gürtel neben einem paar silbern funkelnden Handschellen eine Pistolenhülle. Und diese war ganz bestimmt nicht leer...

Da sich ein jeder der Sister-Boys darüber im Klaren war, dass man oftmals gerade den hübschesten Personen nicht trauen durfte, beeilten sie sich, aus dem Bus zu klettern, einer nach dem anderen, und sich wie von Officer Ludwig Nordlander - so der auf dem kleinen Schild an seinem Hemd genannte Name - gewünscht in einer Reihe aufzubauen. Cari war es fast schon peinlich, dass er derart vor einem Kerl kuschte, der sicherlich ein paar Jahre jünger war als er, aber mit einer geladenen Knarre in der Hand konnte selbst ein Fünfjähriger zu einer gefährlichen Bestie mutieren. Oder gerade ein Fünfjähriger. Man vermochte es nicht direkt zu sagen. Zumal die Jungs wahrlich andere Dinge zu tun hatten, als über hanebüchene Theorien nachzudenken.
Ludi, das Luder, wie Rikki ihn insgeheim nannte, weil er ganz schnuckelig aussah und sich dabei aufführte wie eine herrische Bitch, blickte nun einen nach dem anderen in gewohnt strenger Manier an und hob dann bestimmt das Kinn.
"Hat irgendeiner von euch eine Waffe dabei? Ein Messer? Oder eine Pistole?"
"Nein", entgegnete Tim prompt, deutete aber mit dem Zeigefinger zu seinem Nebenmann, welcher Jamie war. "Aber der leidet an einer übertragbaren Krankheit."
"Schwulitis", ergänzte Cari, welcher einen Schrei unterdrückte, als der Sänger ihm mit aller Kraft auf den Fuß trat und fügte mit vor Schmerz aufeinander gepressten Zähnen noch etwas hinzu. "Plus Sadistitis."
Rikki war daraufhin so, als würde der Anflug eines Grinsens über Ludis Gesicht huschen, aber eventuell hatte er sich dies nur eingebildet. Schließlich passte eine solche Gefühlsregung keineswegs zu einem strengen Polizisten. Ganz egal, wie wannabe und fetisch er auch sein mochte. Dieser Bursche nahm seine Rolle ohne Frage ernst. Und das sorgte wiederum, dass Rikki ihn nicht ernst nahm. Ganz und gar nicht.
"Zumindest an ersterer vermeintlichen Krankheiten leiden in Vänerbög alle", meinte er nur beiläufig, was dafür sorgte, dass der Bassist noch mehr an seiner Glaubwürdigkeit zweifelte. "Sonst würden sie es hier wohl keine einzige Sekunde aushalten."
"Der verarscht uns nach Strich und Faden", flüsterte Cari Rikki zu, der das ganz genauso sah. Ob Ludi seinen Kommentar vernommen hatte, ließ sich nicht sagen, denn der Kerl fuhr einfach unbeirrt fort.
"Was ist nun? Tragt ihr gefährliche Gegenstände bei euch?"
"Wir sind die harmlosesten Typen überhaupt", meinte Tim und breitete die Arme aus. "Überzeug dich doch selbst."
Das tat Ludi, und er hätte es sicherlich auch unaufgefordert nicht nehmen lassen, jeden einzelnen von ihnen abzutasten. Als der dünne Bub Tims Hintern befühlte, löste dies ein Kichern bei Rikki und Cari aus.
"Herzlich Willkommen in Vänersbög, Tim", grinsten sie schäbig. "In Vänersbög, wo Schwulitis zum guten Ton gehört."
Sie ernteten für diese Worte nur einen erhobenen Mittelfinger seitens des Gitarristen. Währenddessen erweckte er nicht gerade den Eindruck, als würde es ihm unangenehm sein, von einem Kerl derart intim berührt zu werden. Jamie an seiner Stelle wäre sicherlich durchgedreht. Aber leider war dieser als nächster an der Reihe, nachdem Tim sich als sauber herausgestellt hatte.
"Pack mich nicht an, Schwuchtel", fauchte er, so wie Ludi sich an seinen Beinen zu schaffen machte und tastend an diesen emporwanderte. Cari unterdessen entdeckte eine gewisse Unlogik in Jamies Verhalten. Vor ein paar Minuten noch hatte er den Drummer mitten auf den Mund geknutscht, aber jetzt hatte er sogar ein Problem damit, von einem Kerl durch die Klamotten hindurch berührt zu werden.
"Das ist Beamtenbeleidigung", urteilte Ludi trocken, während er in Jamies Hosentaschen griff, aber nicht mehr als ein verrotztes Taschentuch vorfand, das ihn die Nase rümpfen ließ. Ein Taschentuch, an dem Jamies Schwulitis klebte, war ja auch nicht gerade als appetitlich zu bezeichnen.
"Oh, Beamtenbeleidigung." Rikki warf die Hände in die Luft. "Kleiner, vielleicht sollten wir mal deiner Mami stecken, dass du deine perversen Polizeifantasien an wildfremden Männern auslebst. Ich glaube nicht, dass sie darüber glücklich ist."
Gemächlich schlenderte Ludi auf Rikki zu und baute sich schließlich mit beharrlichem Blick vor ihm auf. Offenbar brachte diesen Kerl nichts so schnell aus der Ruhe. Nicht einmal der Fakt, dass Rikki etwas größer als er war, schien ihn von seiner dominanten Haltung abzubringen.
"Weißt du, ich hab hier keine 'Mami', wie du so schön sagst", erklärte er ihm in bestimmtem Ton. "Niemand von uns hat eine Mami. Jedenfalls nicht im Umkreis von zehn Kilometern. Wir sind hier auf uns allein gestellt." Nun zeigte sich ein eindeutiges Grinsen auf seinem Gesicht. "Und deshalb machen wir auch jede Menge Scheiße..."
"Dieses Vänersbög scheint also ein einziger, unbeaufsichtigter Kindergarten zu sein", warf Jamie wenig beeindruckt ein. "Und hier sollen wir nen Gig geben? Sehen wir aus wie ne Boyband?"
Ludi musterte ihn mit schiefgelegtem Kopf.
"Für mich schon, ja."
Dass der Kerl nicht mehr ganz dicht war, das hatten sie längst feststellen dürfen, aber dass er auch noch regelrecht weltfremd zu sein schien, kristallisierte sich erst jetzt heraus.
"Wisst ihr, warum ich eure Crewmitglieder nicht durchlassen kann, aber euch schon?" Erwartungsvoll blinzelte er die Jungs der Reihe nach an, doch als diese nicht einmal mit der Wimper zuckten, fuhr er fort. "Weil sie optisch nicht ansprechend genug sind."
"Was?" Cari konnte es kaum fassen. "Vänersbög ist ein Kindergarten mit Gesichtskontrolle? Was für ein oberflächlicher Haufen."
Abermals wirkte Ludi sehr gefasst.
"Ihr habt keine Ahnung, wie es bei uns läuft - aber wenn ihr es dann herausgefunden habt, werdet ihr einsehen, dass diese Methode der Sondierung sinnvoll ist."
"Aber wir brauchen unsere Crew, wenn wir hier auftreten sollen!" Jamie konnte im Gegensatz zu Ludwig sein Temperament nicht unter Verschluss halten. Der Kerl flippte bei so viel Dummheit beinahe aus. Und den anderen Bandmitgliedern erging es nicht viel anders. Auch sie richteten ihren Blick nun anklagend auf den Polizisten.
"Mann, bleibt doch mal cool", meinte dieser jedoch nur gelangweilt. "Wisst ihr, Oberflächlichkeit kann manchmal ganz schön entspannend sein. Uns ist es schnurzpiepe, wie gut eure Instrumente klingen - so lange ihr geschminkt und halb nackt auftretet, sind wir zufrieden."
Niemand wusste mehr etwas darauf zu erwidern. Die Überzeugtheit, mir der Ludi die vermeintlichen Gepflogenheiten erklärte, die in diesem seltsamen Dorf herrschten, machte alle schier fassungslos. Glaubte der Typ seinen Bullshit etwa selbst? Nun, es sah ganz danach aus...
"Gut, wenn ihr keine Waffen bei euch tragt, schlage ich vor, dass ihr nun eure Hosen herunterlasst", redete er mit einer Selbstverständlichkeit weiter. "Es obliegt mir nämlich, zu prüfen, ob untenherum alles groß und schön genug ist. Man legt viel Wert auf meine Urteilsfähigkeit. Man nennt mich auch den Dick-Expert."
"Vergiss es", echauffierte Jamie sich prompt. "Ich zeig dir bestimmt nicht meinen Schwanz, nur weil du Bock drauf hast. Wo leben wir denn?"
"In Vänersbög."
"Du kannst mich gleich mal am Arsch lecken, wenn dir so viel dran gelegen ist."
"Erotisch oder reinigend?"
Offenbar gefiel Ludi das freche Verhalten Jamies, denn er besah sich den Kerl mit einem kecken Schmunzeln, ehe Rikki seine Aufmerksamkeit einforderte.
"Die Kerle werden echt immer kreativer, wenn sie ficken wollen", staunte der Bassist. "Nun verkleiden sie sich schon als Polizisten und behaupten, der Staat würde es wollen, dass unsere Schwänze von ihnen gelutscht werden."
Trotzdem Ludi noch immer sein Poker Face wahrte, griff er nun an die Pistolenhülle an seinem Gürtel und holte langsam aber sicher seine Waffe heraus. Nun bestätigte sich der Verdacht Rikkis, dass es sich bei dem Teil um eine echte Knarre handelte und nicht um ein dämliches Spielzeug, wie man sie eigentlich in einem großen Kindergarten erwartet hätte.
"Hosen runter, Jungs", forderte Ludi mit einer Endgültigkeit in der Stimme und deutete der Reihe nach mit dem Lauf der Pistole auf jedes der Bandmitglieder. "Und keine Mätzchen, sonst erleg ich eure Hosenschlangen."
Selbstverständlich wollte niemand seinen Schwanz in Gefahr bringen, weshalb die Jungs sich nach kurzem Zögern an ihren Gürtelschnallen zu schaffen machten. Währenddessen vernahm man vom Bus her Stimmen, die nach Aufklärung über den Sachverhalt verlangten, aber anstatt irgendwelche Informationen zu erhalten, richtete Ludi den Lauf seiner Waffe nun auf die ein Stück weit entfernten Crewmitglieder.
"Zischt ab, Freunde, für euch ist hier Endstation!", brüllte der schmächtige Kerl ihnen mit überraschend kräftiger Stimme zu. "Hab ich mich nicht klar ausgedrückt?"
Den Männern blieb nichts anderes übrig, als sich resigniert in den Bus zurückzuziehen. Natürlich fuhren sie nicht sofort los, sondern wollten noch auf die Rückkehr der Band warten, doch als der Pistole ein Schuss entfloh, sprang der Motor an und man wendete den Bus, um sich vom Acker zu machen.
"Aber unsere Instrumente!", ereiferte Cari sich, und das, obwohl er seine Hosen bereits heruntergelassen hatte und unten ohne in der Weltgeschichte herumstand, während er dem Bus entmutigt nachschaute. "Wenn ich meine Drums nicht habe, muss ich Jamies Dickkopf ja rhythmisch gegen die Wand schlagen, damit Klänge entstehen."
Theoretisch hätte Jamie nun etwas Deftiges darauf zu erwidern gewusst, doch er kämpfte gerade mit seiner Nacktheit und einem gewissen Schamgefühl. Er mochte einen wirklich wunderbaren, kräftigen Körper besitzen, aber in einigen Bereichen hatte Satan dann doch bei ihm gespart...
"Bisschen klein, findest du nicht?"
Ludi hatte die Knarre wieder weggesteckt und inspizierte nun der Reihe nach die nackten Schwänze. Jamies Teil stupste er gar mit dem Knüppel an, was dem Sänger einen knallroten Kopf vor Wut und Scham bescherte.
"Ich dreh dir deinen dürren Hals um, kleines Miststück", grollte er, wofür Cari ihm beruhigend auf den Rücken klopfte.
"Mach dir nichts draus, das ist nur eine objektive Beurteilung."
"Nun ja, das mag stimmen", bestätigte Ludi, während er Caris Teil mit einem Meterband vermaß. "Allerdings ist es Vorschrift, nur Männer mit einem Mindestmaß von fünfzehn Zentimeter durchzulassen. Alle anderen fallen leider durch die Matrix, und die muss ich nach Hause schicken."
"Als ob du fünfzehn Zentimeter vorzuweisen hättest", höhnte Tim prompt, was Ludi ein spitzbübisches Grinsen abrang.
"Bei Bottoms ist es egal, wie gut oder schlecht sie bestückt sind."
"Bottoms?"
"Die, die beim schwulen Sex unten liegen."
Entgeistert schüttelte Jamie den Kopf.
"Bäh, was?"
Niemand klärte ihn genauer über den Sachverhalt auf, insbesondere nicht Ludi. Dieser schüttelte gedanklich nur den Kopf über so viel Unwissenheit. Dieser Typ schien so unbedarft zu sein wie ein neugeborenes Baby.
"Also meinst du, wir sind schwule Tops?"
Ludi nickte, und Cari seufzte.
"Puh, das heißt also, dass wir uns nicht den Arsch ficken lassen müssen."
"Aber was ist nun mit Jamie?", wollte Tim wissen, der gar nicht auf Caris Worte einging. "Was passiert mit ihm, wenn er einen zu Kleinen hat? Wird er zum Bottom degradiert?"
"Der ist gar nicht klein", befand Cari und streckte die Hand nach Jamies Schwanz aus, um verstohlen an diesem zu zupfen. "Er ist nur auf das Beste reduziert. Und außerdem ein Blutpenis. Der wächst noch, wenn man lieb zu ihm ist."
Dass der Sänger daraufhin zu einer Wildsau mutieren würde, hatte er sich denken können, aber ihn zu ärgern machte zu viel Spaß, um darauf zu verzichten. Selbst der rote Abdruck auf Caris Unterarm, den Jamie ihm hatte zukommen lassen, ließ ihn keinerlei Reue spüren. Und erst recht nicht der böse Blick. Als ob der Drummer Angst vor seinem besten Freund gehabt hätte. Nicht umsonst erwiderte er seinen Gesichtsausdruck mit einem spitzbübischen Grinsen.
"Eigentlich dürfte ich ihm keinen Einlass gewähren", überlegte Ludi und rieb sich das Kinn, was prompte Proteste lautwerden ließ. Insbesondere von Caris Seite.
"Ohne unseren Sänger sind wir aufgeschmissen!", stellte er empört klar. "Ohne Jamie setze ich keinen Fuß in dieses verkackte Dorf, damit das mal klar ist."
Aus den Augenwinkeln sah er, wie Rikki und Tim miteinander tuschelten und lachten, was ihn noch etwas hinzufügen ließ. "Wer tuschelt, der lügt übrigens."
Jamie wirkte neuerlich peinlich berührt, offenbar weil er genau wie Cari eine Theorie aufgestellt hatte, um was sich Rikkis und Tims Gespräch handeln mochte. Zum Glück jedoch wurden die beiden schnell wieder ernst und gaben dann auch ihren Senf zu der gerade im Raum stehenden Debatte.
"Wir können unmöglich einen Gig absolvieren ohne Sänger, da hat er Recht. Wenn wir schon keine Instrumente haben, dann lass uns wenigstens diesen kleinpimmeligen Idioten."
"Ihr seid so scheiße, wisst ihr das eigentlich?" Jamie wirkte gewissermaßen sauer, aber auch irgendwie verletzt. "Ihr demütigt mich so richtig, ihr Arschlöcher." Und mit Blick auf Cari: "Ja, auch du, Crow."
Gerade, als Cari zu widersprechen ansetzen wollte, meldete sich wieder Ludi zu Wort.
"Da euer Bus ja schon abgefahren ist und ich kein Schwein bin, darf er ausnahmsweise bleiben", gestand er Jamie zu und funkelte ihn mit gebleckten Zähnen an. "Und weil er ausgesprochen gut aussieht. Solche wie ihn mögen die Jungs."
"Mir egal, was irgendwelche Jungs mögen." Jamie, der sich die Hosen als erster wieder nach oben gezogen hatte, kickte nun mürrisch einen Stein weg. "Mir wäre es lieber, wenn Jungs mich nicht mögen würden."
"Auf so etwas hat man keinen Einfluss", erwiderte Ludi. "Man kann höchstens versuchen, die Gaydars der Männer nicht zum Ausschlagen zu bewegen, aber das wird in unserem Dorf wohl auch kein sonderlich einfaches Unterfangen sein."
"Ich bin echt gespannt, was es mit diesem bescheuerten Dorf wirklich auf sich hat", meinte Tim. "Das, was du uns erzählst, klingt so schräg, dass es gar nicht wahr sein kann."
"Überzeugt euch doch selbst." Ludi wies mit der Hand auf den Verlauf der Straße, die tiefer in das Dorf führte. "Viel Spaß bei eurem Gig. Vielleicht komme ich auch. Und wenn nicht, werden trotzdem genügend Jungs da sein, um euch bei Laune zu halten."
Wohl oder übel trollte das Quartett sich und trottete etwas belämmert an Ludi vorbei, um den Weg in das Dorf einzuschlagen. In ihrem Rücken spürten sie noch förmlich den wissenden und zugleich triumphierenden Blick des jungen Offiziers, redeten sich jedoch ein, dass dies bloße Einbildung war.
"Der verarscht uns", sagte Cari, immer und immer wieder, wiederholte diese Worte wie ein Mantra. Nur, um sich selbst und die anderen zu beruhigen. Mehr oder weniger mit Erfolg.
"Hoffentlich gibts in Schwuchtelhausen noch etwas anderes zu Essen als nur Schwänze", äußerte Tim und rieb sich seinen Bauch. "Ich krieg langsam Kohldampf."
Dass er diesen schon bald über all den Eindrücken vergessen würde, die auf die Jungs einprasseln sollten, hätte er wohl zu diesem Zeitpunkt wohl noch nicht für möglich gehalten.
Doch schon wenig später sollte sich herauskristallisieren, dass Offizier Ludi Luder doch kein so großer Lügenbold war, wie die Jungs angenommen hatten...

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*Bög = Schwedisch für 'schwul'.

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