Gurgallgolgall, der Teufelsfelszyklop

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
OC (Own Character)
15.09.2016
29.03.2017
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Diese Geschichte besteht aus Auszügen eines Zamonien-rpgs, welches ich mit zwei Bekannten schreibe. Ich veröffentliche hier nur jene Passagen, die ich selbst verfasst habe, mit Ausnahme einiger Dialogsequenzen, für welche mir die Erlaubnis des Autors vorliegt. Mein Stil ist aufgrund der rpg-Natur hier etwas anders als sonst, denn dort geht es um den gemeinsamen Spaß am Schreiben und nicht um das Resultat. Ich finde dennoch, dass die entstehende Geschichte es verdient hat, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden.

* * *

Ein Zyklop in Buchhaim


Gurgallgolgall war ein Teufelsfelszyklop. Keiner von der primitiven Sorte, wie man sie von den schwimmenden Teufelsfelsen kannte, nein, Gurgallolgall, den die Meisten nur Gur nannten, war kultiviert. Er konsumierte Bücher und zwar regelmäßig. Bücher, die zappelten und schrien, während er Stück um Stück von ihnen abbiss, um es genüsslich zu verzehren. Viele Exemplare hatte er nicht mehr in den Käfigen, die sich hinter der Kellertür seiner spießig eingerichteten Wohnung verbargen. Schwarze Fliesen in Basaltoptik, schwarze Tapete, ein Knochensofa mit rotem Leder aus Blutschinkenhaut und eine dazu passende Esstischgarnitur täuschten den seltenen Besuch darüber hinweg, was hinter der mit schwarzer Tapete beklebten Kellertür verborgen lag.
     Heute war der erste Tag des neuen Monats und somit jener Tag, an dem Gur sich eines der letzten verbliebenen Lebenden Büchern gönnen würde.
     Er schlenderte über den abendlichen Nocturnen Markt, um sich ein paar Kräuter und eine Flasche Wein zu besorgen sowie eine schwarze Kerze, die er entzünden wollte, um den Abend feierlich zu genießen. Er trug seine mit Schuhfett auf Hochglanz polierte rote Lederhose, ansonsten nichts, denn es war ein schwüler Sommerabend. Und auch die Hose trug er nur, damit man ihn nicht schief anschaute, denn auf den Teufelsfelsen lebte man nackt. Ohne Oberteil und ohne Schuhe schlenderte er und besah sich die Marktstände, ob vielleicht das Gesuchte zu finden war. Sein Magen knurrte so laut, dass ein Passant sich erschrocken nach ihm umdrehte. Gur murmelte eine Entschuldigung, kratzte sich die breite, stachlige Brust und ging weiter. Bald fand er eine Bude, die Effektbrennstoffe und Kerzen verkaufte.
     "Ich brauche eine schwarze Kerze", dröhnte Gur. "Aber keine mit Opiumgestank." Die meisten schwarzen Kerzen hatten sich im Nachhinein als sogenannte Duftkerzen entpuppt und beim Abendbrot das wertvolle Aroma der Lebende Bücher verfälscht. Doch ohne Kerze ein so erlesenes Diner einzunehmen kam nicht für ihn in Frage und das Verwenden einer andersfarbigen noch weniger, denn alles sollte sich zu einem solchen Mahl zu einem perfekten, harmonischen Ganzen fügen, auch die Optik seines Esstisches.
     Der Verkäufer des Standes, ein verhutzelter Irgendwas-Zwerg, reichte ihm das Gesuchte. Etwas dick und klobig, Gur bevorzugte eigentlich lange, schlanke Kerzen, da sie eleganter aussahen, aber immerhin glänzte sie eindeutig schwarz und nach kurzer Überprüfung entpuppte sie sich als frei von allen künstlichen Duftstoffen. Ja, dieses Exemplar war es wert, an der Seite des Lebenden Buches seinen Tisch zu zieren. Gur nickte zufrieden.
     "Macht drei Pyras", informierte der Zwerg.
     Gur schob die Pranke in seine Hosentasche. Das war nicht einfach, denn die Hose saß eng und seine Hand war groß. Er angelte mit den Fingerspitzen mühsam das Geld heraus und reichte es dem Zwerg. Zufrieden wollte er mit seiner Kerze weiterziehen, da fiel ihm etwas auf: Der Boden der Kerze strahlte ihm weiß entgegen. Man hatte das Wachs nur beschichtet!
     Erbost knallte Gur sie dem Zwerg auf den Verkaufsstand, etwas zu heftig, so dass sie zerbrach. "Ich sagte schwarz, nicht schwarz beschichtet. Den Dreck kannst du wiederhaben. Gib mir mein Geld zurück!"
     Der Zwerg betrachtete die zerbrochene Kerze. "Bedaure. Ich nehme grundsätzlich keine beschädigte Ware zurück."
     "Du hast mir bewusst eine weiße, brüchige Kerze angedreht!", brüllte Gur. "Du glaubst wohl, wir Teufelsfelszyklopen sind von gestern, nur weil wir als primitive Barbaren gelten? Du elender kleiner Betrüger! Weißt du, was man auf den Teufelsfelsen mit Abschaum wie dir macht? Ich hätte Lust, die deinen Stand kurz und klein zu hauen und dir dann den Skalp abzuziehen, angefangen bei den oberen Augenlidern, damit deine dummen Gedanken besser auslüften können! Ich! will! Mein! Geld! Zu! Rück!"
     Ein hagerer Schreckser, der ebenfalls den Stand beäugte, mischte sich ein.
     "Drei Pyras für eine Kerze sind Wucher, mein Freund." Er beugte sich über den Zwerg, der, nun von zwei furchterregenden Gestalten gleichzeitig belagert, etwas zusammenzuschrumpfen schien. "Jedenfalls für eine normale. Ich kenne mich aus, das da ist keine Effektkerze, die sprüht keine Funken, das sehe ich auf den ersten Blick. Leute bescheißen, was? Pass bloß auf! Ich könnte dafür sorgen, dass man deine Bude hier ganz schnell dicht macht."
     "Schon gut. Wir wollen ja alle keinen Ärger."
     Der Zwerg legte mit zittrigen Fingern die drei Pyras wieder auf den Tresen. "Nehmen Sie Ihr Geld zurück und gehen Sie, bitte."
     "Siehst du", sagte der Schreckser und nickte Gur zu, "man muss nur die richtigen Worte finden. Und wenn du immer noch schwarze Kerzen kaufen willst, ich kenne da einen Laden, da kosten die einen halben Pyra das Stück. Und sind komplett schwarz." Den letzten Satz betonte er mit einem Seitenblick in richtung des Zwergen.
     "Du scheinst es zu verstehen, Leute klein zu halten", sagte Gur anerkennend. "Auf den Teufelsfelsen würdest du zwar nicht unbedingt einen passablen Häuptling abgeben, aber immerhin einen brauchbaren Handlanger. Schade, dass ich kein Häuptling bin, sonst würde ich dir jetzt eine lebende Katze zum Lohn überreichen." Zufrieden stopfte er die Pyras wieder in seine Hosentasche, wobei er sich die Hose ein Stück über den Hintern schob, so dass man seine stachlige Rille sah. Er bemerkte es nicht einmal. "Also, Schreckser. Sei so gut und bring mich zu diesem Laden. Ich habe heut Abend noch eine Verabredung und ohne wirklich schwarze Kerze brauche ich mich da nicht blicken zu lassen. Es wird ein ganz besonderes Mahl, wenn du verstehst, hähä!"
     "Davionas Schraubelocker", stellte der Schreckser sich vor. "Nenn mich ruhig Davi."
     "Gurgallgolgall", stellte Gurgallgolgall sich vor und reichte seinem neuen Bekannten die Pranke. Dabei passte er auf, nicht allzu fest zu zudrücken. "Du kannst mich Gur nennen." Nach seiner Ankunft auf dem Festland hatte er bald feststellen müssen, dass Kopfnüsse und Fausthiebe abseits der Teufelsfelsen nicht unbedingt als herzlich wahrgenommen wurden, ebensowenig wie das gegenseitige Fingerquetschen, um sich zur Begrüßung ein Bild von der Kampfkraft und Kampfwilligkeit seines Gegenübers zu machen. Als kultivierter Teufelsfelszyklop fand Gur das zarte Händeschütteln der Festländler zwar befremdlich, aber er passte sich den Gepflogenheiten an, um jeden Gedanken an seinen barbarischen Ruf gleich im Keim zu ersticken.
     Das Viertel, in das Davi ihn führte, gefiel ihm. Die des Nachts schwarz aussehenden, steil aufragenden Häuser erinnerten ihn angenehm an die Klippen seiner Heimatinsel, ebenso der muffige Geruch der schmalen, verwinkelten Gassen, durch die sie spazierten. Sie betraten einen Laden, der dem Schaufenster nach einer Schreckse gehören musste. Man hatte die Auslage mit schwarzen Tüchern ausgekleidet, verschiedene Totenschädel von allerlei Kreaturen grinsten ihm entgegen, auf einigen standen schwarze Kerzen. Das Wachs, das an den Schläfen herunterlief, sah vielversprechend dunkel aus.
     Gur zog den Kopf ein, als er eintrat, blieb aber dennoch mit seinem linken Horn in einem knöchernen Windspiel hängen, welches mit seinem Klappern nahende Kundschaft ankündigen sollte. Nun war er definitiv nicht zu überhören. Eine ganzes Arsenal von Schrumpfköpfen in einem Regal lachte ihn im Chor mit piepsigen Stimmen aus.
     "Schnauze da drüben", polterte er, während er seinen Kopf mühsam aus dem Windspiel zu befreien versuchte. Die Schrumpfköpfe dachten gar nicht daran, der Aufforderung nachzukommen, ja, ihr unverschämtes Lachen nahm an Lautstärke noch zu, als sie sahen, wie der Teufelsfelszyklop sich mit seinen groben Fingern vergebens bemühte, die filigranen Knöchelchen und Schnüre von seinem Horn zu bekommen, ohne das Windspiel zu beschädigten. Er wurde fahrig und ungeduldig, fummelte immer schneller, die Schrumpfköpfe lachten lauter und schließlich verlor er die Geduld. Er zog er einmal kräftig mit dem Kopf und die Verankerung des Windspiels riss von der Decke. Wie ein skurriles Schmuckstück hing es von seinem Kopf, etwas Putz rieselte auf ihn hinab.
     "Ooohhh", bedauerten hundert Stimmchen gleichzeitig.
     "Eine schwarze Kerze bitte", sagte Gur mühsam beherrscht mit zusammengebissenen Zähnen, während er mit dem Auge in Richtung der Schrumpfköpfe funkelte. "Komplett schwarz, wenn es geht."
     "Alles ist gut, Süße", sagte der Schreckser zu der Verkäuferin. "Der ist ein Freund von mir und meint es nicht böse. Gib ihm eine von den Ritualkerzen. Und das hier tut mir echt leid ... wenn du willst, zahle ich es dir ..." Davi machte sich daran, ihn von seinem unfreiwilligen Kopfputz zu befreien.
     "Danke", sagte Gur mit zusammengebissenen Zähnen, als Davi ihm das Windspiel vom Kopf gepult hatte und obendrein erbot, die Rechnung dafür zu begleichen. Das trug im Wesentlichen dazu bei, dass er langsam wieder herunter fuhr. Für einen Teufelsfelszyklopen war es weder üblich, noch einfach, seinen Zorn zu unterdrücken, anstatt einfach alles kurz und klein zu schlagen. Aber er beherrschte diese Kunst, weil er besser war als seine Artgenossen ... nicht nur stark im Körper, sondern auch stark im Geist! Er war der Inbegriff der Perfektion, wenn man davon absah, das er wegen seiner Krankheit vom Hals abwärts kein schwarzes Fell, sondern nackte, stachlige Haut trug. Aber was machte das schon? Wenn er erst Häuptling war, dann würde dies das neue Schönheitsideal werden! Er würde die Teufelsfelsen fluten mit Nachkommen, die so aussahen wie er! Er würde -
     "Bittesehr." Das zarte Stimmchen riss ihn aus seinen Gedanken.
     Er blinzelte verwirrt, als ihm die verängstigte Schreckse eine Kerze vor die Nase hielt. Es dauerte einen Moment, bis er sich wieder gefangen hatte und sie entgegen nahm. "Danke", sagte er mit belegter Stimme.
     "Die kostet einen halben Pyra."
     Diese Preise! Vier Kupferpyras waren ein Pyra. Also war ein halber Pyra ...
     Hilflos betrachtete er seine Finger, mit denen er versucht hatte, den Preis auszurechnen. Immerhin war er sich sicher, dass ein ganzer Pyra mehr war als ein halber Pyra, schließlich war ein ganzer Kopf auch mehr als ein halber Kopf.
     "Stimmt so", sagte er großmütig und überreichte ihr einen Pyra, den er feierlich zwischen den Fingerspitzen hielt.
     "Was ist das denn für ein besonderes Mahl, wofür du diese Kerze brauchst?", fragte Davi ihn. "Bist du ein Feinschmecker? Oder so was wie ein kulinarischer Puppetist?"
     "Kulinarischer Puppetist?" Gur versuchte sich vorzustellen, was sich hinter diesem Begriff verbergen möge. Vor seinem inneren Auge tanzten gerupfte, noch lebende Hühner, die vor Angst und Schmerzen gar köstlich gackerten, an Marionettenfäden herum, während der Puppenspieler hin und wieder ein Stück aus ihnen herausbiss. Prompt begann Gurs Magen zu knurren.
     "Nein ich, ähm .... " Er blickte sich zur Ladentür um, ob auch keine Kundschaft nahte, beugte sich ein wenig zu Davi herunter und senkte die Stimme. "Ich bin ein Teufelsfelszyklop. Unsere Mentalität trifft leider auf wenig Verständnis, selbst an einem kulturell so vielschichtigen Ort wie Buchhaim. Aber als Schreckser wirst du dies sicher verstehen. Ich werde heute Abend ein Lebendes Buch verzehren ... ein Lebendes Buch, was noch lebt, in den letzten Wochen täglich geimpft mit einem köstlichen Magenbitter nach eigener Rezeptur, gewürzt mit Rosmarin und serviert in einer Preiselbeersoße mit Rotwein." Während er dies erzählte, verdrehte er genüsslich sein Auge und merkte gar nicht, dass er sich die ganze Zeit den Wanst rieb.
     "Moment mal ... du isst Lebende Bücher? Die sind doch aus Papier. Meinst du das ernst?" Er musste auflachen. "Das klingt mir doch sehr nach irgendeiner verrückten Art von Puppetismus, für die du Werbung machst. Ich hab' da schon einiges gesehen … Hör mal, es ist spät, ich würde gerne schnell einen trinken gehen. Kommst du mit in den Schwarzen Oktopus? Da können wir uns weiter unterhalten. Wenn dein Lebendes Buch noch etwas warten kann, versteht sich."
     Gur musste nachdenken. "Hm, der Braten liegt in der Rotweinmarinade, er kann ruhig noch ein wenig ziehen. Und meine liebste Zonk isst ohnehin nie etwas, wenn ich dabei zusehen kann, mag sie ruhig noch ein wenig warten. Den Schwarzen Octopus kenne ich noch nicht, ich bin gespannt, wohin du mich da schleifst." Zufrieden mit sich und der Welt folgte Gur dem Schreckser, die neu erstandene Kerze wie einen kostbaren Schatz an die Brust gepresst, damit er nicht versehentlich damit irgendwo dagegen stieß und sie beschädigte oder gar wieder zerbrach.