Red Star

von Askaja
GeschichteAbenteuer, Romanze / P18
Captain America / Steven "Steve" Grant Rogers OC (Own Character) Winter Soldier / James Buchanan "Bucky" Barnes
14.09.2016
16.02.2019
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Becca

Sie versuchte nicht hektisch zu werden, während sie die Straße überquerte und auf das „Red Passion“ zusteuerte. Mit größter Mühe hatte Becca es geschafft nicht in Panik zu verfallen, als sie versehentlich dem Fremden auf Deutsch geantwortet und seine Reaktion bemerkt hatte. Oh, er schien geübt darin zu sein, seine Emotionen nicht in seinem Gesicht zu zeigen, doch sie musste nur in seine kalten eisblauen Augen sehen, um zu spüren, was in ihm vor sich ging. Sie hatte mit ihren Worten eine alte Erinnerung in ihm geweckt.

Und dann war es passiert. Vier lange Jahre hatte Becca es geschafft. Sie hatte eine Festung um ihr Innerstes errichtet. Es hatte sie viel Zeit gekostet, unzählige Stunden der Meditation und Augenblicke voller Frust und Verzweiflung. Ihre Gabe, ihr so genanntes Talent, war zugleich ihr Fluch. Sie wollte das nicht mehr, nur wenn ihr kein anderer Ausweg blieb. Sie wollte nicht mehr in die Köpfe anderer Menschen. Sie wollte ein normales Leben führen, wenn es so etwas für sie überhaupt geben konnte.

Das Deutsche war ihr einfach so über die Lippen gekommen. Manchmal, wenn sie ihre Gedanken nicht rechtzeitig ordnen konnte, rutschten ihr einzelne Wörter oder manchmal auch Sätze in ihrer Muttersprache aus dem Mund. Normalerweise bedachten sie ihre Mitmenschen in solchen Momenten mit einem erstaunten Gesichtsausdruck, doch der Mann aus dem Park hatte sie für einen Atemzug mit Augen angestarrt, die voller Entsetzen weit aufgerissen waren. Einen Herzschlag später hatte er sich offensichtlich wieder gefangen. Sein Gesicht war erneut eine emotionslose Maske, aber Becca konnte er nicht täuschen. Und dann war es geschehen. Sie war ihrer natürlichen Veranlagung gefolgt. Ohne nachzudenken, ohne an die möglichen Konsequenzen zu denken, drang sie in seine Gedanken ein. Seine kristallklaren Augen waren für Becca offene Fenster zu seinem Innersten. Und was sie dort für den Bruchteil einer Sekunde sehen konnte, verstörte und faszinierte sie gleichermaßen. Sie sah nichts! Keine Gefühle, keine Gedanken, da war einfach nichts. Fast wäre sie ihrer Neugier gefolgt und tiefer in sein Innerstes vorgestoßen, aber dann bemerkte Becca ihren Fehler. Auf ihren Unterarmen bildete sich eine Gänsehaut. Was hatte sie getan? Wie hatte ihr die Kontrolle nur so entgleiten können? Es war gefährlich ihre Gabe bei Menschen einzusetzen, noch dazu in aller Öffentlichkeit! Was wenn sie damit in irgendeiner Weise Aufmerksamkeit auf sich zog? Dann wäre alles umsonst gewesen.

Becca hatte sich schnellstens von diesem fremden Mann entfernen müssen, der mit der mühelosen Effizienz und Kaltblütigkeit eines Killers die drei Betrunkenen ausgeschaltet hatte, mit denen sie selbst auch fertig geworden wäre. Als sie ihn beobachtete, wie er mit beinahe übermenschlicher Schnelligkeit ihre Angreifer niedergestreckt bzw. in die Flucht gejagt hatte, war kurz in ihr die alte Angst aufgestiegen, dass sie sie gefunden hatten. Nach all den Jahren ließ die Panik sie doch nie los, dass man sie entdecken würde und für einen Augenblick hatte sie geglaubt, dass ihr Retter in Wirklichkeit ein auf sie angesetzter Killer sein könnte. Als sich die Eingangstür hinter ihr schloss, atmete sie tief durch.

„Da bist du ja endlich, Rebecca!“

Mr. Brown erhob sich aus seinem roten Lieblingsessel und musterte sie mit einem unzufriedenen Gesichtsausdruck.

„Jetzt steh nicht dumm in der Gegend rum, sondern schaff dich an die Theke. Wir haben heute genug Kundschaft!“

Becca warf einen kurzen Blick in den rauchschwangeren Raum der Tabledancebar und nickte dann ihrem Chef zu.

„Tut mir Leid, Mr. Brown, ich wurde auf dem Weg aufgehalten.“

Der korpulente Mann in dem weißen Anzug mit dem schwarzen Hemd winkte mit einer Hand genervt ab und sie huschte schnell an die Bar, wo schon der Barkeeper Patrick eifrig Gläser füllte. Während sie ihren Trenchcoat auszog und zusammen mit ihrer Tasche unter dem Tresen verstaute, sah sie sich noch einmal in der Bar um. Die runden Tische waren tatsächlich schon gut gefüllt. An der Bühne mit der Poledance-Stange saßen die besonders neugierigen Gäste. Manche der Männer zählten zu den Stammgästen. Sie saßen an der Theke oder im hinteren Bereich der Bar. Eine Gruppe junger bereits angetrunkener Männer saß an einem Tisch direkt vor der Poledance-Stange und blickte erwartungsvoll in Richtung des roten Vorhangs am hinteren Ende des Raumes. Die Mädchen hatten noch nicht mit ihrer Show angefangen. Becca wusste, dass jetzt der Zeitpunkt war, an dem es ihre Aufgabe war, möglichst viele Getränke an den Mann zu bringen.

„Wo hast du denn gesteckt, Becca? Der Alte ist hier fast durchgedreht.“

Patrick begrüßte sie mit einer kurzen Umarmung. Dann griff er nach einer neuen Flasche Rum, um die Longdrinks aufzugießen.

„Ein paar Trottel haben mich angemacht, nichts Tragisches, aber hat Zeit gekostet.“

Sie sah prüfend an sich herab und konnte sich einen leisen Seufzer nicht verkneifen. Sie hasste diesen Job. Sie wusste es, Patrick wusste es, die Tänzerinnen wussten es sowieso und wahrscheinlich wusste es auch Mr. Brown, aber solange sie genug Drinks verkaufte, schien es ihrem Chef herzlich egal zu sein. Es waren nicht nur die zudringlichen Gäste, die Betrunkenen oder der miefige Geruch in der Bar. Die Art, wie sie sich hier als Kellnerin kleiden musste, widersprach dem Bild, wie sie sich selbst sah bzw. gesehen werden wollte. Die Typen hatten sie als Schlampe bezeichnet. Wenn sie ihre schwarzen Lackpumps, die Netzstrumpfhosen und das kurze enganliegende schwarze Kleidchen mit den Dreiviertelarmen betrachtete, das sie heute trug, konnte sie fast verstehen, dass die Männer sie für eine Prostituierte gehalten hatten.

„Oh Mann, Becca! Bitte sag mir nicht, dass du schon wieder allein durch diesen dunklen Park gelaufen bist?“

Patrick fuhr sich durch seine lockigen rotblonden Haare. Seine moosgrünen Augen musterten sie besorgt. Sie ergriff das Tablett mit den Drinks und machte sich auf den Weg.

„Tisch Vier“, rief Patrick ihr hinterher.

Mit ihrem antrainierten Kellnerinnen-Lächeln schritt sie an den Tisch und lieferte die Getränke ab, ohne sich auf den üblichen Smalltalk einzulassen.

„Es ist nun mal der kürzeste Weg, Pat“, entgegnete sie ihrem Arbeitskollegen, als sie wieder neben ihm stand und zuckte mit den Schultern.

„Du bist so dickköpfig, manchmal frage ich mich, ob nicht doch irisches Blut durch deine Adern fließt.“

Er stupste sie aufmunternd an. Becca konnte nicht anders als ihn anzulächeln. Nicht alles war schlecht an diesem Laden. Sie mochte ihren irischen Kumpel Pat mit seinem schwarzen Humor sehr und auch die Mädchen waren freundlich. Nach ihrer Schicht gingen sie oft zusammen noch in ihr Stammcafé, um einfach einmal ungestört zu quatschen und zu lachen. Nein, nicht alles war schlecht! Sie hatte schon weitaus schlimmere Zeiten erlebt und der Job hier war einer der wenigen, für den sie weder einen gültigen Ausweis noch andere Dokumente vorlegen musste. Und wenn sie sich Mühe gab, dann konnte sie in einem Monat bei spendierfreudigem Publikum genug Trinkgeld verdienen, um sich neben der Miete für ihr kleines Apartment auch einmal eine schöne Handtasche oder hübsche Ohrringe zu leisten.

„Ich kann dich ja heute Abend nach Hause begleiten, wenn du willst.“

Pat hatte den Blick aufgesetzt, von dem er überzeugt war, dass keine Frau ihm widerstehen konnte.

„Lass gut sein, Pat, das hatten wir doch alles schon durch!“

Sie musste auflachen, als sie den niedergeschlagenen Gesichtsausdruck des Barkeepers bemerkte. In diesem Moment öffnete sich die Eingangstür und er trat in die Bar. Becca gefror das Grinsen im Gesicht.

„Scheiße!“

Pat sah sie verwundert an: „Was ist los, Becca? Fluchen auf Deutsch? Das will bei dir was heißen.“

Sein Blick wanderte zu dem breitschultrigen Mann mit dem dunklen Kapuzenpullover, den seine Freundin mit fast schon verängstigtem Gesichtsausdruck anstarrte.

„Kennst du den Typ? Hat der dir auf dem Weg Ärger gemacht? Wenn der dich belästigt hat, dann knöpf ich mir den vor, ja?“

„Schon gut, Pat“, sie legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Rücken.

„Ich habe den Kerl mit jemandem verwechselt, alles in Ordnung“, log Becca und ging mit ungewöhnlichem Eifer auf die Gruppe junger Männer zu, die lautstark nach Drinks verlangten.

Warum war er ihr gefolgt? War er ein Irrer? Ein Perverser oder so etwas? Sie hatte kein Bedürfnis nach einem persönlichen Stalker. Sie atmete tief durch. Kein Problem, wahrscheinlich wollte er einfach in eine Bar oder Kneipe, um ein paar Bierchen zu trinken. Es war Samstag, da zogen die Leute um die Häuser. Als sie vor den jungen Männern zum Stehen kam, ließ sie sich ihre Aufregung nicht anmerken und strahlte stattdessen in die ihr zugewandten Gesichter.

„Ihr wollt noch ein paar Drinks?“

Sie zückte ihren kleinen Block und hielt in ihrer Rechten den Stift, um die Bestellungen zu notieren.

„Nochmal fünf Bier und noch ein Extrabier für dich! Du trinkst doch eines mit uns, oder?“

Der Sprecher sah mit einem wissenden Schmunzeln an ihren Beinen herab.

„Klar“, antwortete sie, schluckte einmal mehr ihren Stolz hinunter und machte sich auf den Rückweg zur Theke.

„Sechs Bier also“, kommentierte Pat mit säuerlichem Gesichtsausdruck, zog die Heineken aus der Kühlung und begann die Verschlüsse zu öffnen. Sie zog fragend eine Augenbraue nach oben.

„Was denn? Wenn alle Gäste so brüllen würden, könnte ich die Bestellungen direkt hier an der Theke annehmen. Außerdem hasse ich es, wenn die Typen nicht nur die Mädels so angaffen, sondern auch dich!“

Becca verpasste ihm einen freundschaftlichen Klapps auf den Arm, während sie den Raum nach dem Fremden aus dem Park absuchte. In einer schlecht ausgeleuchteten Ecke der Bar konnte sie schließlich seine Gestalt ausmachen. Schnell schnappte sie sich das Tablett mit den Bierflaschen und machte sich wieder zu der Männergruppe auf.

„So, hier eure Bier!“

Sie setzte die Flaschen nacheinander auf dem kleinen runden Tisch ab und lud dann die leeren Flaschen wieder auf das Tablett. Mit ihrer freien Hand ergriff sie ihre eigene Bierflasche und stieß mit den Gästen an.
„Tanzt du heute auch noch für uns?“, fragte einer der Männer mit einem jungenhaften Gesicht und süßen Sommersprossen.

„Nein, ich tanze nicht. Ich arbeite hier nur als Kellnerin. Ach so, und danke für den Drink!“, antwortete sie und nahm noch einen tiefen Zug aus der Flasche, bevor sie sich zum Gehen wandte.

Bekundungen, was das für eine Verschwendung sei, verfolgten sie bis an die Theke. Beinahe wäre es ein unbeschwerter Abend gewesen, wenn die beunruhigende Präsenz des Fremden nicht gewesen wäre. Sie konnte seine kalten Augen auf sich spüren, während sie durch die Bar ging. Als sie das Bier neben Patrick abstellte und plötzlich feststellte, dass der Mann aus dem Park seine Hand zum Bestellen gehoben hatte, seufzte sie wieder auf.

„Mr. Dark and Dangerous will also auch mal was trinken“, merkte Patrick mit sarkastischem Unterton an.

Becca zog eine Grimasse. Mit gezücktem Block und Stift bewaffnet, ging sie auf ihren ungebetenen Retter zu.

„Verfolgst du mich jetzt oder was?“

Sie hatte es mit einem schärferen Ton gesagt, als sie es geplant hatte und er sah sie mit seinen hellen Augen überrascht an.

„Werden hier so alle Gäste begrüßt?“, kam der unerwartete gemurmelte Konter und nun war es an ihr den Mann verdutzt anzusehen.

„Ich…ähm…ich“, stotterte sie und ärgerte sich, dass er sie so einfach aus der Fassung gebracht hatte.
„Was willst du?“, blaffte sie ihn etwas zu laut an.

Sie konnte schon Mr. Browns mörderischen Blick spüren, der sich wie ein giftiger Pfeil in ihren Rücken bohrte.

„Ich meine zu trinken, was willst du trinken?“, haspelte sie eilig weiter.

Dabei krakelte sie unbewusst auf Deutsch mit ihrem Stift auf ihrem Block das Wort „Scheiße“. Es war erstaunlich, dass sie nach all den Jahren in bestimmten Situationen ungewollt immer wieder in ihre Muttersprache verfiel.

Zum ersten Mal sah sie ihn sich genauer an. Becca musste sich eingestehen, dass der Parkspinner definitiv einer der attraktivsten Männer war, der ihr in letzter Zeit in Washington über den Weg gelaufen war. Er war kein typischer Modeltyp, aber sein Gesicht hatte ebenmäßige Züge, der Anflug eines Bartes umspielte sein Kinn und seine Augen waren so ausdrucksstark, wie sie es selten bei einem Mann gesehen hatte. Ihr Blick wanderte auf seinen Mund mit den sinnlichen Lippen, die zum Küssen geschaffen waren. Küssen? Wo kam dieser Gedanke auf einmal her? Wann hatte sie zum letzten Mal an Küssen gedacht? Und warum dachte sie nun ausgerechnet in seiner Anwesenheit daran?

Seine Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Sie errötete, als sie bemerkte, dass sie ihm nicht zugehört hatte. Stattdessen gaffte sie ihn wie ein pubertierendes Schulmädchen an. Ärgerlich räusperte sie sich.

„Entschuldigung, was darf es sein?“, sie gab sich alle Mühe freundlich zu klingen.

„Ein Wasser ohne Kohlensäure, bitte.“

Becca wollte gerade den Stift ansetzen, als sie mit aufgerissenen Augen zu ihm aufsah. Er hatte ihr auf Deutsch geantwortet und studierte nun ihre geschockte Reaktion mit einem Gesichtsausdruck voller Genugtuung. Ihr entglitt der Block und er fiel auf den runden Tisch vor ihr.

„Du sprichst also doch Deutsch“, stellte er emotionslos fest.

Langsam lehnte er sich nach vorne. Dann ergriff er ihren Block und warf einen kurzen Blick auf das Geschriebene.

„Das habe ich aber nicht bestellt!“

Nun brachte er tatsächlich ein halbes Grinsen zustande, auch wenn es nicht bis in seine gefühlsleeren Augen reichte. Becca riss ihm förmlich den Block aus den Händen.

„Stilles Wasser gibt’s nur aus der Leitung“, antwortete sie patzig.

Auf dem Rückweg knickte sie fast in ihren hohen Schuhen um. Patricks Gesicht war ein einziges Fragezeichen, als er seine Freundin beobachtete, wie sie ihre Bierflasche ergriff und gierig den Inhalt in sich kippte.

„Verpass ich hier gerade was?“

Er sah sie belustigt an, aber ihr war in diesem Moment überhaupt nicht nach seinen Späßen zumute.

„Ein Glas Leitungswasser“, zischte sie und rammte dem kichernden Barkeeper unsanft einen Ellenbogen in die Seite.

„Autsch, du bist ja brutal, Becca“, protestierte Patrick mit unterdrücktem Glucksen und füllte ein Glas unter dem Wasserhahn.

Wütend ergriff sie es. Als sie vor ihrem ungebetenen Gast erneut stand, knallte sie beinahe das Glas auf den Tisch, besann sich aber eines Besseren, da sie Mr. Browns prüfenden Blick wieder auf sich spürte und keine Lust auf eine erneute Standpauke an diesem Abend hatte.

„Wie heißt du?“

Wieder Deutsch! Langsam entwickelte sich der Parkspinner zu einer echten Nervensäge.

„Das geht dich einen feuchten…“, hob sie gerade an, als die verärgerte Stimme ihres Chefs hinter ihr erklang.

„Rebecca! Wir haben auch noch andere Kunden. Also wenn du aufhören würdest deinen neuen Verehrer anzumachen und endlich deinen hübschen Hintern zu der Männergruppe vor der Bühne bewegen könntest!“

Auf dem Gesicht des Fremden zeichnete sich für einen Wimpernschlag ein triumphierendes Lächeln ab. Ihr eigenes Gesicht fühlte sich hingegen schlagartig glühend heiß an. Oh Gott, musste sie nun auch noch vor ihm rot anlaufen wie eine Tomate? Eilig drehte sie sich um und ging wieder zu der Männerrunde. Diesmal orderten die Jungs Tequila. Becca war geradezu dankbar, dass sie ihr wieder einen Drink spendierten. Normalerweise trank sie selten mehr als ein Bier an einem Abend, aber sie fragte sich, wie sie die nächsten Stunden ohne eine gehörige Dosis Alkohol überstehen sollte. Nachdem sie die Bestellung notiert hatte, kehrte sie zu Pat hinter den Tresen zurück.

„Sechs Tequila!“

„Oho, Becca, du lässt dich doch sonst selten von Gästen einladen.“ Patrick schien der Einzige zu sein, der sich über ihre momentane Verfassung amüsieren konnte. „Hat dich Mr. Dark and Dangerous etwa auch zu einem Glas Leitungswasser eingeladen?“

Sie schnaubte verächtlich und schnappte sich eilig das Tablett mit dem Schnaps. Sie musste sich endlich beruhigen. Der Parktyp wollte sie vielleicht wirklich nur auf eine ganz komische Art anmachen. Wahrscheinlich war er der Meinung, dass er sie mit seinen Sprachkenntnissen beeindrucken konnte. Jedenfalls musste sie aufhören sich von ihm derart aus der Fassung bringen zu lassen. Es war sonst überhaupt nicht ihre Art so emotional auf ihre Mitmenschen zu reagieren.

„Hier die Tequilas, Jungs!“

Sie setzte das Tablett ab und stellte die kleinen Gläschen mit den Zitronenscheiben vorsichtig auf den Tisch.

„Prost!“

Becca trank ihr Glas in einem Zug aus und biss anschließend in die Zitrone. Die Säure prickelte angenehm in ihrem Mund.

„Hey, du hast das Salz vergessen!“, lachte der Sommersprossen-Typ und zwinkerte ihr zu.

„Ich steh nicht so auf salzig“, entgegnete sie, was die fünf Männer veranlasste lauthals loszulachen

„Worauf stehst du denn dann?“, wollte ein Anderer wissen. Er hatte strohblonde Haare, die akkurat nach oben gegelt waren und in seinem Gesicht zeichneten sich niedliche Grübchen ab, als er sie anlächelte.

„Hmm, kommt drauf an.“

Das Winken eines anderen Gastes erlöste sie von dem beginnenden Verhör. Nachdem sie die Bestellung des älteren Herrn aufgenommen hatte, kehrte sie zu Pat zurück. Die Musik wurde lauter. Das Signal, dass die Show gleich anfangen würde.

„Sind die Mädels heute gut drauf?“, fragte sie Pat, der neben ihr Gläser spülte.

„Wie immer. Susan hat sich mal wieder krankgemeldet, weil ihre Mutter arbeiten muss und nicht auf die Kleine aufpassen kann. Ach ja, und Anna ist heute total zickig, hat wohl wieder ihre Tage. Die Anderen sind aber gut drauf, würde ich sagen.“

Becca spürte wie er sie mit seinen sanften Augen musterte.

„Bei dir auch alles in Ordnung, Sternchen?“

Als sie ihren Kosenamen hörte, musste Becca einfach schmunzeln. Pat war der Einzige, der sie so nannte. Er war auch der Einzige, dem sie es jemals erlauben würde, sie so zu nennen.

„Du kennst mich doch, alles in Ordnung!“

Mit einem Bier in der Hand machte sie sich zu dem älteren Mann auf. In dem Moment trat Anna in roten Dessous durch den Vorhang auf die Bühne. Die Show ging los.
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