Red Star

von Askaja
GeschichteAbenteuer, Romanze / P18
14.09.2016
01.08.2018
63
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Dieses Kapitel
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Bucky

Es war später Abend und in dem Park, in dem er sich in den vergangenen Wochen häufig aufhielt, waren immer weniger Menschen unterwegs. Die letzten Passanten, die an seiner Parkbank vorbeigingen, kamen wohl von ihrer Arbeit nach Hause oder schleppten Einkaufstüten in Richtung des angrenzenden Wohnblocks mit den mehrstöckigen Apartmentgebäuden, die ihre beste Zeit bereits hinter sich hatten. Es war eines der ärmeren Viertel von Washington D.C. mit heruntergekommenen Hochhäusern, schmutzigen und schlecht beleuchteten Straßen. Ein geeigneter Platz für Menschen, die nicht gefunden werden wollten. Menschen wie er.

Er trug einen schwarzen Kapuzenpullover und hatte sein Basecap tief in die Stirn gezogen. Sein Blick war wie immer auf den Boden gerichtet. Seine Hände tief in den Taschen seiner Jeans vergraben. Manchmal saß er stundenlang auf dieser Bank, ohne sich zu bewegen oder aufzusehen. Seine Gedanken kreisten um Dinge, an die er sich nicht mehr erinnern konnte, um Orte, von denen er nicht wusste, ob er schon einmal dort gewesen war oder nicht. Vor seinem inneren Auge blitzten Gesichter auf, von Menschen, deren Namen er nicht kannte oder nicht mehr kannte. Wenn er versuchte sich zu erinnern, fühlte es sich an als würde sein Kopf zerbersten. Der pochende Kopfschmerz hinter seinen Augenhöhlen war zu seinem täglichen Begleiter geworden. Er hatte in den vergangenen Wochen gelernt damit zu leben. In der Nacht aber kamen die Träume. Grässliche Erinnerungen, an das, was er in den letzten Jahrzehnten getan hatte, woran er sich aber bei Tagesanbruch nicht mehr erinnern konnte.

Und immer wieder stieg das Bild des blonden Mannes – sie nannten ihn Captain America – vor seinem Innersten auf. „Ich steh das mit dir durch!“, seine Worte hallten wieder und wieder in ihm nach. Er hatte ihn Bucky genannt. Bucky! Der Name sagte ihm nichts, bedeutete ihm nichts. Es war der Name eines Fremden. Er hatte es nicht glauben können, bis er sich vor ein paar Tagen überwunden und die Ausstellung im Smithsonian besucht hatte. Eine ganze Ausstellung über Captain America, der so etwas wie ein Nationalheld für die Menschen war. Informationstafeln erzählten von seinem Leben, seinem Einsatz im II. Weltkrieg und seinem Werdegang von dem schmächtigen Steve Rogers zu einem Supersoldaten mit übermenschlichen Fähigkeiten, dem Anführer der Avengers.

Und dort hatte er sich selbst gefunden. In einer Ecke stand eine Tafel mit alten Fotografien, die ihn und diesen Steve Rogers zeigten. Lachend, in Uniformen und in freundschaftlicher Umarmung. James Buchanan Barnes stand darüber, Spitzname Bucky, bester Freund von Captain America, gefallen im Kampf gegen die Nazis. Er sollte längst tot sein, ein gefallener Kriegsheld. Stattdessen war er zu einem Mörder ohne Gewissen und ohne Gedächtnis geworden – dem Winter Soldier.

Das klackernde Geräusch von Absatzschuhen riss ihn aus seinen Gedanken. Vor ihm ging mit zügigem Schritt eine Frau vorbei. Sie trug eine dunkle Tasche über ihre Schulter. Ihre hochhackigen Schuhe klapperten über den geteerten Parkweg. Seine Augen folgten ihr. In der einsetzenden Dämmerung war es vor allem ihr goldblondes Haar, das gleich einer Lichtkrone, seine Aufmerksamkeit erregte. Im ersten Moment fragte er sich, ob sie keine Angst hatte als Frau allein durch den nur schlecht beleuchteten Park in einem nicht ungefährlichen Viertel von D.C. zu gehen. In den vergangenen Jahrzehnten war er zu einem geübten Beobachter geworden. Die Art und Weise, wie sie sich bewegte, verriet ihm bei genauem Hinsehen rasch, dass diese Frau offensichtlich über genug Selbstbewusstsein verfügte, um sich nicht vor länger werdenden Schatten und anderen Menschen zu fürchten.

Als er ihr nachblickte, wie sie auf dem geschwungenen Weg zwischen hoch gewachsenen Sträuchern verschwand, sah er wie sich drei Gestalten aus einer dunklen Ecke lösten. Die jungen Männer waren ihm schon vor einiger Zeit aufgefallen. Er hatte sie noch nie zuvor in dem Park gesehen. Offensichtlich angetrunken hatten sie sich noch vor wenigen Augenblicken lautstark unterhalten. Als sich die Frau genähert hatte, waren sie plötzlich verstummt. Er wusste nicht, was es war, dass ihn sich langsam erheben ließ. Unaufgeregt näherte er sich der Stelle, an der der Weg in eine Bepflanzung aus Sträuchern und Bäumen führte. Im Schatten eines Baumes hielt er inne. Wenige Meter von ihm entfernt hatten die drei Betrunkenen ihr Opfer umkreist.

„Komm schon, Kleine. Stell dich nicht so an!“

„Wir sind ganz nette Jungs. Ein Mädel, das sich so rausputzt, will doch angequatscht werden.“

„Ich will vor allem zu Arbeit, also lasst mich bitte durch.“

Der lallende Unterton der Betrunkenen erstaunte ihn nicht. Die Stimme der Frau klang irritiert, aber nicht verängstigt. Einer der Kerle machte einen Schritt auf sie zu. Die Frau wich zurück und hob beschwichtigend ihre Hände.

„Bitte, ich will keinen Ärger. Lasst mich einfach gehen, okay?“

„Wir wollen auch keinen Ärger, Süße, nur ein bisschen Spaß. Du verdienst doch bestimmt dein Geld damit Jungs happy zu machen.“

„Ich gehe jetzt!“

Nun zitterte ihre Stimme in einer Mischung aus Wut und Nervosität. Sie wollte sich zwischen den Männern hindurch drängeln, aber einer packte sie am Arm.

„Du gehst nirgends hin, Schlampe!“

„Verschwindet!“

Er war überrascht auf einmal seine eigene Stimme zu hören. Vier Köpfe fuhren ruckartig zu ihm herum. Als er sich aus dem Schatten des Baumes auf die Gruppe zubewegte, verstummten die Gedanken in seinem Kopf. Da waren keine Zweifel, keine Ängste oder Unsicherheiten. Der Winter Soldier kannte dergleichen nicht. Es war vielmehr ein uralter Instinkt, der ihn dazu veranlasste, einer wildfremden Person in einer Notlage beizustehen.

„Verzieh dich, du Pisser! Wir amüsieren uns gerade.“

Es waren die letzten Worte, die den Mund des Redners verließen, bevor sich sein linker Metallarm mit tödlicher Präzession in seine Magengrube hineinbohrte. Aus seiner kybernetischen Prothese ertönte das vertraute Surren. Mit einem Röcheln sank der Mann gekrümmt zu Boden und ließ von der Frau ab. Bucky hatte sich bereits seinen beiden Kumpanen genähert, von denen einer ein Messer gezogen hatte und damit wild in der Gegend herumfuchtelte. Mit Leichtigkeit wich er dem Messer aus und duckte sich unter den Faustschlägen des zweiten Angreifers, um seinerseits mit seinem rechten Fuß brutal gegen die Kniescheibe des Möchtegern-Messerstechers zu treten. Ein grausiger Schmerzensschrei entfuhr dem Mann, als das vertraute Knacken splitternder Knochen ertönte. Wimmernd brach er zusammen, sein Knie umklammernd. Der letzte der Männer schien kurz seine Chancen abzuschätzen, bevor er stolpernd davon sprintete und seine Kumpanen im Stich ließ.

Heftig atmend beugte er sich zu dem am Bodenliegenden herab, ergriff zuerst das Messer und dann mit seinem freien kybernetischen Arm den Mann am Hals. Mühelos hielt er ihn vor sich in der Luft. Der Kerl versuchte verzweifelnd röchelnd sich aus dem unbarmherzigen Griff zu befreien, der ihm mehr und mehr die Luft abschnitt. Es wäre ein Leichtes dem zappelnden Feigling die Luftröhre zu zerquetschen oder ihn qualvoll zu erdrosseln. Menschen, die sich an Schwächeren vergingen, hatten ihn schon immer angewidert.

„Aufhören!“, erklang auf einmal die Stimme der Frau hinter seinem Rücken und als er nicht reagierte wiederholte sie energischer: „Hör auf, bitte!“

Ihre Stimme holte ihn aus seiner Trance, in die er immer verfiel, wenn der Winter Soldier die Überhand gewann und er wie eine Maschine nur noch den alten antrainierten Verhaltensmustern folgte. Widerwillig ließ er den kaum noch atmenden Mann fallen, um sich der Frau zu zuwenden. Fast schien es ihm, dass es ihre Stimme war, die den Reflex in seiner Hand auslöste, doch er verwarf den Gedanken innerhalb weniger Atemzüge. Sie stand nur ein paar Schritte von ihm entfernt und presste ihre Tasche an sich. Mit ihren hohen Schuhen reichte sie ihm fast bis ans Kinn. Sie hatte ihr helles Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, der weit über ihre Schulter fiel. Er konnte sie zum ersten Mal genauer betrachten und war überrascht, dass sie ihm ebenfalls ohne Furcht in die Augen sah. Was ihn aber vollkommen aus der Fassung brachte, waren ihre Augen. Sie waren hellblau und so durchdringend, dass es ihm für einen Moment die Kehle zuschnürte. Sein plötzlich aufblitzender Kopfschmerz traf ihn mit einer solchen Wucht, dass er einen Schritt nach hinten machte.

„Kennen wir uns?“ Die Frage hatte seinen Mund verlassen, bevor er bemerkte, dass er sie laut ausgesprochen hatte.

„Das glaube ich nicht“, murmelte sie, doch sie sprach nicht Englisch, sondern Deutsch.

Er sah sie wie vom Donner gerührt an. Hatte sie wirklich Deutsch gesprochen, diese Sprache, die er zu hassen gelernt hatte? Die Sprache der Nazis? Die Sprache von Hydra? Sie schien zu bemerken, dass er sie gehört hatte.

„Wir kennen uns nicht“, erwiderte sie diesmal auf Englisch. Sie musterte ihn erneut mit diesem eindringlichen Blick, als könne sie in sein Innerstes sehen. In ihren Augen flackerte Unsicherheit auf.
„Ich hatte hier alles unter Kontrolle, bis du hier einen auf Jean-Claude van Damme gemacht hast!“

Er war kurz versucht zu fragen, wer dieser Jean-Claude sein sollte, aber stattdessen schnaubte er nur verächtlich: „Sah aber nicht so aus.“

Sie atmete tief ein und aus, als wäre ihr plötzlich ein Fehlverhalten bewusst geworden. Für den Bruchteil einer Sekunde zeichnete sich regelrechte Panik in ihrem Gesicht ab. Dann reckte sie ihr Kinn herausfordernd in die Luft. „Wie auch immer, danke oder auch nicht. Und jetzt entschuldige mich, ich warte hier bestimmt nicht darauf, dass die Cops kommen.“

Ohne ihn weiter zu beachten, kehrte sie ihm den Rücken zu und ging ihres Weges als wäre nichts Ungewöhnliches passiert. Er starrte ihr nach. Er hatte ihr nicht geholfen, weil er den edelmütigen Retter spielen wollte. Eigentlich wusste er gar nicht, warum er sich überhaupt eingemischt hatte. Zu seinen Füßen stöhnten die  zwei Männer. Er beschloss, dass es an der Zeit war diesen Ort ebenfalls zu verlassen. Er wollte der Frau unauffällig folgen. Es war ja nicht so, dass er irgendetwas Besonderes zu tun hatte. Zumindest redete er sich ein, dass er sie in der einsetzenden Dunkelheit nur deshalb verfolgte, weil er nichts Besseres vorhatte. In Wirklichkeit wusste er, dass es ihn entsetzt und gleichzeitig fasziniert hatte mitten in Washington eine junge Frau die Sprache von Hydra sprechen zu hören. Es war wahrscheinlich ein absoluter Zufall. Vielleicht stammten ihre Eltern aus Deutschland oder sie kam selbst aus dem Land, aber nach so langer Zeit wieder die Sprache zu hören, die sich wie auch das Russische in sein Gedächtnis eingebrannt hatte, weckte etwas in ihm, was er sehr lange nicht mehr verspürt hatte: Neugier. Er wollte wissen, wer diese Frau war, die im Dunkeln selbstsicher durch Parks stolzierte und nach einem geradeso entgangenen Überfall davonlief ohne mit der Wimper zu zucken. Und noch etwas ließ ihn nicht los, als er vorsichtig in sicherem Abstand der Frau nachfolgte. Ihre Augen, diese hellen blauen Augen voller Traurigkeit, es waren Augen wie die seinen und er hatte kurz das Gefühl gehabt einer verwandten Seele begegnet zu sein, auch wenn er wusste, dass es unmöglich war.

Sie verließ den Park und überquerte eine Straße. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befanden sich mehrere Kneipen. Wenig vertrauenserweckende Gestalten lungerten auf dem Gehweg herum. Er ließ sie nicht aus den Augen und zögerte kurz, als er bemerkte, dass sie durch eine Tür verschwand. Über dem Eingang leuchtete in Rot der Schriftzug „Red Passion“.
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