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K(l)eine Lügen unter Cluster-Buddies

von Idris1707
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / Gen
12.09.2016
12.09.2016
1
1.810
10
Alle Kapitel
8 Reviews
Dieses Kapitel
8 Reviews
 
 
 
12.09.2016 1.810
 
Fandom: Sense8
Charaktere Will, Wolfgang

Vorwort: Kennt hier überhaupt jemand Sense8? Wenn nein .... uhm, das ist schwer zusammen zu fassen. Es geht um 8 Menschen  auf der ganzen Welt, die eines Tages merken, dass sie "connected" sind und das fühlen was die anderen auch fühlen und sogar ihre Fähigkeiten und ihr Wissen anzapfen können (ein Cluster halt). Klingt total Banane (ist es auch) aber macht halt echt Spaß zu gucken. HIer ein Trailer, wenn jemand interessiert ist: https://www.youtube.com/watch?v=E9c_KSZ6zMk
Auf jeden Fall ist Will ein Cop in Chicago und Wolfgang ein Kleinkrimineller in Berlin (der von dem wirklich ganz entzückenden Max Riemelt gespielt wird). Kann ich nur empfehlen.  

Warnungen Schamloses hurt/comfort.  Wolfgangs abusive Kindheit wird erwähnt. Mood Whiplash, weil Wolfgang schamlos und horny ist und Will einfach immer alle beschützen will.


Wolfgang schießt nach oben.
Die Bettdecke ist zu heiß, zu eng. Sie hält ihn umschlungen und er bekommt keine Luft mehr.
Er kämpft sich frei und landet polternd auf dem Boden. Panisch krabbelt er zurück, bis er mit dem Rücken gegen die Wand prallt.  

Nur ein Traum, hämmert in seinem Kopf. Sein eigener rasselnder Atem hallt laut in der Stille.
Nur ein Traum.
„Nur ein Traum“, wiederholt er halblaut und dann: „FUCK! FUCK!“ Das Gefühl bricht aus ihm heraus und er schlägt mit der Handfläche auf den Boden.

Heul nicht.
Wer heult kriegt eine oben drauf. So ist die Regel.
Du kennst doch die Regel, Junge.

Er kennt die Regel.
Er kennt alle Regeln.
Die blöden Regeln können sich mal ins Knie ficken!
Er presst die Handballe gegen seine Augen bis er Sterne sieht.
Es bringt sowieso nichts sich daran zu halten.
Man kann alles richtig machen und trotzdem eine Tracht Prügel kassieren.
Weil es in Wirklichkeit eben doch nur eine einzige Regel gibt.

Er atmet ein und er atmet aus, und er wartet bis das wilde Hämmern in seiner Brust allmählich nachlässt.

Als er die Hände sinken lässt und die Augen wieder öffnet, kniet Will vor ihm.
Wolfgang zuckt so zusammen, dass er mit dem Hinterkopf gegen die Wand prallt. Er atmet aus und flucht leise. Blut rauscht in seinen Ohren.

„Hey, hey“, sagt Will leise, die Hände beruhigend erhoben. Er ist in kompletter Polizeimontur, Uniform, Schussweste, Waffe am Gürtel, das volle Programm. Blut klebt an seinem Kragen. Wolfgang versucht nicht darauf zu fixieren. „Es ist okay. Ich bin‘s nur.“

„Ich seh’s“, gibt Wolfgang zurück, was ziemlich lahmarschig ist, was Erwiderungen angeht. Aber das Herz schlägt ihm bis zum Hals und coole Sprüche sind noch nie seine Stärke gewesen.

Er weiß nicht einmal wieso er überrascht ist.
Natürlich ist Will hier.
Will ist immer der erste, der jemandem zur Seite springt, falls man in Gefahr ist. Will ist wie ihre persönliche Cluster-Polizei. Was lustig ist, weil Wolfgang bis vor kurzem mit der Polizei immer eher negative Erfahrungen gemacht hat.  

„Alles okay?“ fragt Will behutsam und sekundenlang hat Wolfgang die Eingebung, dass das garantiert die Stimmlage ist, mit der er traumatisierte Opfer befragt.
Nachdem er sie heroisch in Sicherheit getragen hat. Aus einem brennenden Haus oder so.
Weil Will der Typ Mensch ist, der nochmal zurückrennt um dich aus einem brennenden Haus zu holen. Wie ein verdammter Superheld.

Wolfgang lacht.
Es ist ein rauer, unpassender Laut, der die Stille zerschneidet und er unterbricht sich selbst, indem er sich mit einer Hand über den Mund fährt. Er fühlt sich unwirklich und aus der Spur geworfen. Verrutscht. Noch mehr als sonst. Als ob die Wirklichkeit ein Film ist, der eine Spur schneller abläuft als er mitkommt.

Er reibt sich mit den Handballen über die Augen. Es ist der vergebliche Versuch seine Gefühle wegzuwischen, wenn er nur fest genug rubbelt. Das hat noch nie geklappt und trotzdem kann er nicht aufhören es zu versuchen. „Du kannst wieder…“ Er macht eine vage abwinkende Handbewegung. „Ich hab keinen Notfall. Sorry wenn ich dich von der Arbeit abhalte.“

„Tust du nicht. Ich bin grade nach Hause gekommen.“

Wolfgang riskiert einen Blick auf die Uhr. Es ist kurz vor zwei Uhr morgens. In Chicago muss es jetzt… früher Abend sein.
„Du musst nicht…“ Er bohrt die Fingernägel in seine Handflächen und zwingt sich tief durch zu atmen. Er macht eine Handbewegung, die das gesamte Zimmer und ihn selbst mit einschließt. „Ich brauche grade keine Polizei.“

„Ich dachte, du brauchst vielleicht einen Freund.“

„Ich bin okay“, erwidert Wolfgang rau.

Wills Gesicht wird ganz weich. Behutsam. „Nein, bist du nicht.“

Es trifft ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Ab und zu vergisst Wolfgang, dass seine Gedanke und Gefühle nicht mehr nur ihm allein gehören.
Es ist dämlich zu versuchen jemanden anzulügen, der alles fühlt, was du fühlt. Keine Lügen unter Cluster-Buddies.
Nein, er ist nicht okay.

Jetzt wo er sich darauf konzentriert, kann er die vielen Gefühle spüren, die in Wellen aus Will strömen und ihn einhüllen, warm und watteweich wie eine Decke.  
Besorgnis. Zuneigung. Unsicherheit. Beschützerinstinkt. Traurigkeit. Wut. Aber nicht auf ihn.  
Kein Mitleid.
Gott sei Dank ist da kein Mitleid.
Mitleid bewirkt, dass Wolfgang auf irgendetwas schießen will. Er braucht kein Mitleid. Von niemandem.

Er will auch gar nicht wissen, welche Gefühle Will in diesem Moment von ihm abbekommt.

„Willst du eine Weile mit rüber kommen?“ fragt Will leise. Er sagt es so leichthin, als seien sie zwei Freunde die sich auf ein Bier in der Kneipe treffen könnten. Als ob nicht 7000 Kilometer und der gesamte Atlantik zwischen ihnen liegen.

Wolfgang blickt an sich herunter und dann wieder hoch. Er hebt die Augenbrauen. „Ich bin nackt.“

Will lächelt. Es sieht verlegen aus. „Ist mir nicht entgangen.“

„Ist das deine Art nach einer schnellen Nummer zu fragen? Weil ich wäre prinzipiell nicht abgeneigt…“

„Nein!“ Wills Augen weiten sich und er wird rot. „Was? Nein.“

Hey, keine Lügen unter Cluster-Buddies‘ liegt auf Wolfgangs Zunge, aber er schluckt es hinunter.
Ihm ist die plötzliche Woge an Interesse/Erregung/Panik/Schuldgefühl in Wills Gefühlsmischmasch nicht entgangen.

Pffft. Amerikaner.
Immer so prüde mit allem.

„Das würde mich aber aufheitern“, sagt er stattdessen und versucht eine Mischung aus anzüglichem Grinsen und Hundeaugen aufzusetzen. Er ist nicht sicher ob es ihm gelingt.

„Nein, würde es nicht“, stellt Will sachlich fest.

„Würde es total.“

„Willst du darüber-…?“

„Nein.“ Wolfgang seufzt und hört auf mit den Augenbrauen zu wackeln. „Ich will nicht darüber reden. Wirklich nicht. Glaub mir.“
Er schnaubt und reibt sich mit einer Hand über die Stirn. „Gib… gib mir einen Moment, okay?“

Will nickt und er verschwindet so schnell wie er gekommen ist.

Wolfgang vergisst manchmal, dass das Ganze nur in seinem Kopf stattfindet. Jedes Wort. Jede Berührung. Dass Will nicht wirklich HIER ist, wenn er hier ist, so wie Kala nicht wirklich hier ist und Lito nicht wirklich hier ist.
Es ist nur schwer das nicht aus den Augen zu verlieren, wenn sie sich realer anfühlen als alle anderen Menschen, die er jemals getroffen hat.

Langsam schiebt er sich an der Wand entlang nach oben. Er streift ein T-Shirt über, das über einem Stuhl hängt und angelt seine Boxershorts vom Boden.
Ein Teil von ihm möchte sich in die schwarze Lederjacke wickeln, die neben der Tür hängt, aber er vermutet, dass das vermutlich ein bisschen zu viel des Guten wäre.
Nackt zu sein ist kein Problem für ihn. Normalerweise. Aber jetzt grade fühlt er sich… emotional ausgepackt. Entblößt.  

Er schließt die Augen und als er sie wieder öffnet, sitzt er neben Will auf einer Couch. Auf dem Couchtisch vor ihm liegen geöffnete Polizeiakten und mehrere leere Kaffeetassen, und Will hat die blutige Uniform gegen weiche, ausgefranste Klamotten ausgetauscht.

„Hier.“ Eine Bierflasche wird ihm entgegen gestreckt und Wolfgang ergreift sie reflexartig.

Er lässt einen Blick durch die Wohnung schweifen. „Weißt du, ich zieh mich normalerweise aus und nicht an, wenn ich ‚mal eben vorbeikomme‘.“

„Danke für die Ausnahme?“ Will klingt mehr amüsiert als verlegen, aber da ist wieder diese Prise Interesse/Erregung/Scham in dem wirren Knäuel an Gefühlen, die er die ganze Zeit mit sich herumträgt.

Eine Augenblick sitzen sie schweigend nebeneinander. Wolfgang nippt an dem Bier (amerikanisch und dementsprechend scheußlich, aber schön kalt) und Will schiebt die unordentlichen Aktenberge auf seinem Tisch zusammen. Draußen rattern die Züge vorbei und der Abendhimmel ist grau und dunkel.

„Und jetzt?“ Wolfgang reibt sich mit den Händen über die Oberschenkel. „Ich will nicht reden. Du willst keinen Sex. Was sollen…“

Er stoppt abrupt als Will einen Arm um seine Schultern legt.

„Oh“, sagt Wolfgang und spürt wie sämtliche Luft seiner Lunge entweicht. „Okay.“
Willenlos lässt er zu, dass Will ihn zu sich hinüberzieht.

Natürlich ist Will der Typ Mensch, dem es nicht peinlich ist das zu machen. Das hätte er sich denken können.
Will ist es peinlich über Sex zu reden. Will ist es peinlich zu flirten.  
Aber das – ausgerechnet DAS ist ihm nicht peinlich.

„Du musst nicht reden“, sagt Will. „Ich geh nur ein paar Akten durch. Ich kann dich mit ein paar Zahlen langweilen.“

Einen Moment lang lehnt Wolfgang steif an seiner Seite, unsicher wie er sich verhalten soll. Er ist besser darin Menschen eine reinzuhauen. Er ist sogar besser darin, wenn Menschen ihm eine reinhauen, denn dann weiß er wenigstens wie er sich verhalten soll.

„Bist du nicht müde?“ fragt Will leise.

Wolfgang seufzt.
Er ist so müde.

Er weiß selbst nicht wie er irgendwann ausgestreckt auf der Couch endet, den Kopf in Wills Schoß und Wills Hand in seinen Haaren.
Es ist überraschend unpeinlich.
Es ist entspannt.
Wills Stimme ist ruhig und angenehm, während er Kriminalstatistiken vorliest. Es ist seltsam einlullend. Er fühlt sich losgelöst und aufgeweicht, so wie er sich sonst nur fühlt, wenn er stundenlang in warmem Wasser treibt. Er vergisst beinah, dass er gar nicht wirklich hier ist.

„Du musst dich nicht schlecht fühlen, wenn du mich ein bisschen scharf findest“, bemerkt Wolfgang irgendwann schläfrig und ohne die Augen zu öffnen. „Das passiert.“

Wills Hand stoppt sekundenlang, bevor er behutsam weiter durch seine Haare fährt.
„Ich weiß… Aber ich… ich bin nicht…“ Will klingt verlegen und nachdenklich. „Ich mag… ich mag Frauen. Ich mag Riley.“

Wolfgang nickt schlaftrunken. Das ist ihm nicht entgangen. „Es ist okay, wenn man beides mag. Männer und Frauen. Willst du wissen wieso ich das weiß?“

„Wieso?“

„Weil mein Vater gesagt hat, es ist nicht okay.“

Er kann spüren wie Will sich anspannt und dann mit Gewalt wieder entspannt. Aus jeder seiner Poren strömt Beschützerinstinkt, als ob er in die Vergangenheit reisen und Wolfgangs Vater nachträglich eine reinhauen will.
Das ist irgendwie nett, aber vollkommen unnötig. Wolfgang hat das schon selbst erledigt.

„Alles was dieser Scheißkerl jemals gesagt hat, war falsch“, fährt er leise fort. „Also bin ich ziemlich sicher, dass das auch falsch war.“

Will ist lange ganz still. „Klingt logisch.“

„Hmhm. Logisch. Das bin ich.“

Wills leises Lachen begleitet ihn in den Schlaf.



Ende
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