Was es heißt, ein Vater zu sein

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12
Charlie Bucket Dr. Wilbur Wonka Willy Wonka
11.09.2016
08.10.2016
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11.09.2016 2.385
 
Eine Schrecksekunde lang standen Charlie und Wilbur unbeweglich da.
"WILLY!" brach dann der Schrei aus Charlies Mund. Er rannte zu seinem Freund und fiel neben ihm auf die Knie. Seine kleine Hand legte sich auf Willys Brust.
Endlich kam auch Wilbur und kniete neben seinem Sohn nieder.
"Dr. Wonka", fragte Charlie den Erwachsenen weinerlich. "Was ist mit ihm?"
"Ich weiß es nicht", sagte Wilbur. "Sicher kommt er gleich wieder zu sich."
Sie warteten.
Willy rührte sich nicht, lag unbeweglich da, die Augen geschlossen. Charlie zog seine Jacke aus, knüllte sie zusammen und schob sie Willy unter den Kopf. Wilbur legte den Handrücken zaghaft gegen Willys Wange, um die Temperatur zu prüfen.
Charlie rieb mit seiner kleinen Hand über Willys Brust.
"Willy!" flehte er leise. "Willy! Wach auf!"
Weitere Minuten vergingen. Charlie bekam Angst. Er schaute Wilbur an. "Was ist nur mit ihm?"
"Ich weiß es wirklich nicht, Charlie", murmelte Wilbur. "Aber eine bloße Ohnmacht scheint das nicht zu sein."
"Vielleicht sollten wir ihm Wasser geben."
"Solange er ohne Bewusstsein ist, dürfen wir ihm keinesfalls etwas einflößen." Wilbur schaute sich um. Überall die wunderschöne Landschaft, und der herrliche Schokoladenduft! "Weißt Du, wo seine Privaträume sind?"
Charlie erschrak. Da hatte er nun so viel von der Fabrik gesehen, aber wo Willy eigentlich wohnte, wusste er nicht.
"Nein, Dr. Wonka. Das weiß ich leider nicht. Aber wir können im Aufzug schauen."
Wilbur nickte. "Das ist eine gute Idee."
"Denken Sie, er wacht auf, wenn er zu Hause ist?"
"Keine Ahnung. Wir sollten ihn jedenfalls in ein Bett legen."
Der Zahnarzt schaute sich erneut um, als suche er etwas. Charlie begriff, dass er nur ratlos war. Wie sollten sie den besinnungslosen Willy transportieren?
Charlie kam die einzige Lösung sofort in den Sinn. Wilbur brauchte etwas länger dafür. Zweifellos hatte er Vorbehalte, körperlichen Kontakt mit seinem Sohn aufzunehmen. Doch schließlich begriff auch er, dass es in dieser Situation nur eine einzige Lösung gab. Daher griff Wilbur unter Willys schlanken Körper und hob sich seinen Sohn auf die Arme. Charlie nahm seine Jacke an sich. Sie beeilten sich, zu dem Glasaufzug zu kommen.
Im Innern suchte Charlie die beschrifteten Knöpfe ab. Ein Stein fiel ihm vom Herzen, als er einen Knopf fand, der mit "Private Apartments" beschriftet war.
"Hier muss es sein", verkündete er, und als Wilbur nickte, drückte er auf den Knopf.

+++++++

Willys private Räume in der Schokoladenfabrik waren genauso bunt wie die Fabrik selbst. Überall gab es geschmackvolle Wohnaccessoires. Die Lampen verbreiteten ein angenehmes Licht. Das breite Bett im Schlafraum war mit der farbenfrohesten Bettwäsche ausgestattet, die Charlie je gesehen hatte. Die Ausstattung der Räume ließ jedenfalls keinen Zweifel daran, dass Willy hier wohnte.
Vorsichtig legte Wilbur seinen reglosen Sohn auf das Bett. Charlie half ihm dabei, Willy das Jackett auszuziehen. Sie zogen ihm auch die Schuhe aus und deckten ihn sorgsam zu.
Als Charlie seinen Freund im Bett liegen sah, mitleiderregend blass und schmal, ohne das mitreißende Lächeln auf den Lippen, das Willy Wonka so unwiderstehlich sympathisch machte, war er plötzlich den Tränen nahe. Ein agiler Mann im besten Alter wie Willy wurde nicht plötzlich ohnmächtig, noch dazu für so lange. Es musste etwas Bedeutsames dahinterstecken. Und gewiss nichts Gutes.
Wilbur hatte inzwischen saubere Stofftaschentücher gefunden und eines davon mit kaltem Wasser nass gemacht. Vorsichtig legte er es zusammengefaltet auf Willys Stirn.
"Vielleicht hilft der Kältereiz, ihn aufzuwecken", sagte er zu Charlie.
Mit einem hoffnungsvollen Nicken stimmte Charlie zu. Er beobachtete Wilbur, wie dieser mit unpassender Distanziertheit versuchte, etwas für seinen Sohn zu tun.
Willy tat Charlie schrecklich leid. Nicht nur, weil er diesen Zusammenbruch erlitten hatte, sondern auch, weil sein Vater nicht in der Lage war, seinem Sohn die Zuneigung zu geben, die sich Willy so sehr ersehnte.
Charlie setzte sich neben Willys Körper auf den Bettrand und umfasste mit seinen kleinen Händen Willys Hand. Liebevoll hielt Charlie die Hand seines Freundes, die Augen auf Willys Gesicht gerichtet.
Wenn das Tuch nicht mehr kühl genug war, ging Wilbur und befeuchtete es, um es Willy dann erneut auf die Stirn zu legen.
Auf diese Weise bemühten sich die beiden um Willy, ohne dass sich an dessen Zustand etwas änderte.
"Wir können nicht länger warten", sagte Wilbur schließlich. "Wir müssen einen Arzt rufen."
"Sie sind doch Arzt", erinnerte Charlie den Erwachsenen. "Haben Sie denn gar keine Vorstellung, was mit Willy los ist?"
"Ich bin Zahnarzt. Mit körperlichen Erkrankungen kenne ich mich nicht besser aus als jeder andere Mensch", erklärte Wilbur ihm.
Das verstand Charlie. "Soll ich gehen und einen Arzt holen?"
"Das wäre toll von Dir, Charlie. Ich bleibe inzwischen hier bei Willy. Wir dürfen ihn in diesem Zustand auf keinen Fall allein lassen."
Charlie rutschte vom Bett herunter. Er streichelte über Willys Hand.
"Ich mache so schnell ich kann, damit Du bald gesund wirst", versprach er seinem hilflosen Freund.
"Kennst Du einen Arzt, zu dem Du gehen kannst?" wollte Wilbur wissen.
"Ja. Dr. Keating. Er ist der Arzt meiner Familie. Er kennt mich. Er wird auf jeden Fall mitkommen, wenn ich ihm sage, dass ein Freund krank ist und ich seine Hilfe brauche."
"Gut. Sag' ihm, es ist....... dringend."
Die Aussage machte Charlie Angst. "Geht es Willy so schlecht?"
"Es ist nicht gut, dass er bisher nicht zu sich gekommen ist, Charlie. Er kann in ein Koma fallen, wenn diese Bewusstlosigkeit länger anhält."
Charlie erschrak zu Tode. Der fröhliche, lebhafte Willy Wonka mit dem wunderbarsten Lächeln, das Charlie je an einem Menschen gesehen hatte, für immer besinnungslos und reglos in einem Bett? Unvorstellbar!
"Ich beeile mich!"
Die gekrächzten Worte waren alles, was Charlie noch herausbrachte. Dann rannte er los, als wären alle Teufel der Hölle hinter ihm her.

+++++++

Dr. Keating konnte nicht sofort mitkommen, als Charlie Bucket in seine Praxis kam und seine Bitte vortrug. Im Wartezimmer saßen Patienten, und der Arzt erklärte, er könne nicht einfach weggehen und die Leute warten lassen. Er würde jedoch keine neu ankommenden Patienten mehr annehmen, versprach er.
Charlie blieb nichts anderes übrig, als einverstanden zu sein. Er konnte schließlich nicht ohne Doktor zu seinem kranken Freund zurückkehren! Also setzte er sich selbst ins Wartezimmer des Arztes und wartete, bis der Hausarzt seiner Familie mit dem letzten Patienten gesprochen hatte.
Dieses Warten war nicht angenehm. Charlie konnte kaum stillsitzen vor Nervosität. Er machte sich unendliche Sorgen um Willy. Erinnerungen an Gespräche, die er mit Willy führte, verfolgten ihn, und Eindrücke von Willys freundlicher, mitreißender Persönlichkeit.
Leise Gewissensbisse begannen an ihm zu nagen, weil er dieses unglaubliche Angebot von Willy, ihm die Schokoladenfabrik zu vererben, so vehement ausschlug. Willy hatte unendliche Mühen auf sich genommen, um den passenden Erben zu finden mit dem Eintrittskarten-Wettbewerb. Charlie hatte sich so sehr gewünscht, so ein goldenes Ticket zu finden. Dann war es passiert, sein Traum war in Erfüllung gegangen. Schließlich hatte er den Hauptpreis gewonnen. Und dann hatte er die Frechheit besessen, die Annahme dieses unglaublichen Geschenks zu verweigern. Welche Enttäuschung musste Willy darüber empfinden!
Vielleicht ist Willy deshalb krank geworden, überlegte Charlie voller Reue. Weil ich ihm gesagt habe, dass ich die Fabrik nicht übernehme. Jetzt steht er wieder ohne Erben da. Es muss ihm viele Sorgen bereiten. Was soll aus dieser einmaligen Fabrik werden, wenn sie niemand haben will?
Er fühlte sich plötzlich schäbig, und die Tränen wollten ihm kommen, als er daran dachte, in welch bedauernswertem Zustand Willy war.
Er war so in seine Gedanken versunken, dass er zusammenfuhr, als plötzlich der Arzt vor ihm stand. "Wir können jetzt gehen, Charlie."
"Okay. Danke, dass Sie mitkommen!"
"Welcher Arzt wäre ich, wenn ich nicht helfen würde. Wo wohnt denn Dein Freund?"
"An einem ganz außergewöhnlichen Ort", sagte Charlie. "Sie dürfen sich über nichts wundern, was sie auf dem Weg dorthin sehen."
"Na, Du klingst ja geheimnisvoll! Da bin ich aber gespannt."
Natürlich wunderte sich Dr. Keating. Natürlich stand ihm der Mund offen, als Charlie ihn mit zum Glasaufzug nahm und in dem Gefährt in die Fabrik zurückkehrte. Die Schokoladenfabrik konnte eben niemand betreten, ohne zu staunen.
Schließlich gelangten sie zu Willys Privaträumen.
"Wie geht es ihm?" war Charlies erste Frage, als er hereinkam.
"Unverändert", sagte Wilbur Wonka.
Er begrüßte den Arzt per Handschlag und sie stellten sich einander vor. Dann ging Dr. Keating ans Bett, beugte sich über Willy und zog ihm vorsichtig das Lid eines Auges zurück, um die Pupille zu studieren. Er setzte er sich neben Willy auf den Bettrand, nahm Willys Handgelenk und fühlte nach dem Puls. "Wie lange ist er ohne Bewusstsein?"
"Inzwischen fast vier Stunden", gab Wilbur Auskunft.
"War er in letzter Zeit extremen seelischen Belastungen ausgesetzt?" erkundigte sich der Arzt.
"Nein. Nicht dass ich wüsste", sagte Wilbur leichthin.
Selbstverständlich, wäre Charlie am liebsten herausgeplatzt. Selbstverständlich war er extremen Belastungen ausgesetzt! Er hat einen Erben für das gesucht, was ihm das Wichtigste ist im Leben, seine Fabrik, und er hat gehofft, dass ihm sein Vater endlich aufrichtige Zuneigung entgegenbringt. Und beides hat sich nicht gut entwickelt für ihn.
Doch Charlie blieb stumm. Es stand ihm nicht zu, sich so aufzuführen, schon gar nicht in Gegenwart des Arztes, und erst recht nicht im Hinblick auf den Zustand, in dem Willy war. Charlie wünschte sich nur eines: Dass Willy gesund wurde, und zwar schnell.
Er wollte wieder mit Willy durch die Fabrik spazieren und seiner sanften Stimme lauschen, wenn er voller Begeisterung von den Vorgängen und Erfindungen erzählte, die in der Schokoladenfabrik ununterbrochen im Gang waren. Er wollte die elegante Kleidung bewundern, die Willy trug, und vor allem wollte er ihn wieder lächeln sehen. So strahlend, wie nur Willy Wonka mit seinem hübschen Gesicht und seinen perfekten Zähnen lächeln konnte!
Dr. Keating holte ein Stethoskop aus seiner Tasche. Er öffnete Willys Hemd und lauschte seinem Herzschlag, den ihm das Gerät vermittelte. Schließlich legte er seine Hand auf Willys Stirn, um die Temperatur zu prüfen.  
Dann knöpfte er seinem Patienten das Hemd wieder zu, saß lange da und blickte auf Willy hinab, bis Charlie das Schweigen, das im Raum eingekehrt war, nicht länger ertrug. "Was hat er, Dr. Keating? Wann wird er wieder gesund?"
Zu Charlies Entsetzen schüttelte der Arzt den Kopf. "Was er hat, kann ich unter den gegebenen Umständen nicht beurteilen. Die Bewusstlosigkeit ist jedenfalls kein gutes Zeichen."
"Sie können ihn doch aufwecken, oder?"
"Das kann ich nicht, und das darf man auch nicht so ohne weiteres. Zuerst muss man die Ursache der Bewusstlosigkeit kennen, und Ursachen gibt es viele."
Dr. Keating legte seine Hand auf Willys Wange, und er streichelte ihn auf eine Weise, wie Charlie sich wünschen würde, dass Wilbur Wonka endlich seinen Sohn streicheln würde. Liebevoll. Zugetan.
"Es tut mir leid, das sagen zu müssen, Charlie", fuhr der Arzt fort. "Ich fürchte, Dein Freund ist ernsthaft krank."
"Oh nein." Charlie schüttelte den Kopf. "Nein! Das kann nicht sein. Willy ist kerngesund, das weiß ich. Ich habe ihn gesehen, wie er uns durch die Fabrik geführt hat. Er hat erzählt, und gelacht, und war so fröhlich. Er kann nicht krank sein."
Der Arzt legte Charlie beruhigend eine Hand auf die Schulter.
"Wenn Du bei ihm bist, wird ihm das sicher helfen", versuchte er, den Jungen zu trösten. "Ihr beide habt wohl Freundschaft geschlossen?"
"Ja. Er ist mein bester Freund. Gleich nach meiner Familie."
Und ich, ich bin sein Freund. Sein einziger.
Dachte Charlie und merkte kaum, wie ihm Tränen über die Wangen liefen.
Dr. Keatings Hand drückte seine Schulter. "Du darfst die Hoffnung nicht aufgeben. Im Krankenhaus wird man ihm sicher helfen können."
Charlie starrte den Arzt an. "Im Krankenhaus? Aber das geht nicht! Er muss hier bleiben, hier in seiner Fabrik, die er so liebt! Ihr könnt ihn nicht wegbringen!"
Hilfesuchend schaute er zu Wilbur Wonka auf.
"Wenn Dr. Keating meint, es wäre das Beste für Willy, dann müssen wir den Rat befolgen", sagte Willys Vater.
Sie sind bloß zu feige, sich richtig um ihn zu kümmern!
Charlie schluckte das, was ihm spontan in den Sinn kam, hinunter. Er half Willy nicht damit, wenn er sich den Zorn seines Vaters zuzog.
"Na gut", hörte Charlie sich leise sagen. "Sie haben wahrscheinlich recht. Es wird das Beste für ihn sein. Aber ich komme mit!"
"Selbstverständlich darfst Du Deinen Freund besuchen", sagte Dr. Keating. "Geh' und suche ein paar Dinge zusammen, die er brauchen wird. Du weißt schon, Toilettenartikel und Pyjamas. Das kannst Du sicher. Bist doch ein großer Junge."
"Natürlich kann ich das."
Charlie war beinahe erleichtert. Endlich hatte er eine handfeste Aufgabe! Endlich konnte er Willy tatkräftig helfen.
Er wischte sich die Tränen von den Wangen und begann gewissenhaft mit der Erfüllung dessen, was ihm aufgetragen worden war. Wilbur unterstützte ihn dabei.
Später trug Wilbur seinen Sohn in den Aufzug. Sie suchten zuerst die Praxis des Arztes auf. Dort bestellte Dr. Keating einen Krankenwagen, der Willy ins Krankenhaus fuhr.
Bis der Krankenwagen kam, lief Charlie nach Hause und erzählte seiner Familie, was passiert war. Hauptsächlich deshalb, damit sie wussten, wo er war und sich keine Sorgen machten. Dann rannte er zur Praxis des Arztes zurück.
Im Krankenwagen saß er neben der Liege, auf die sie Willy gelegt hatten, und hielt die Hand seines Freundes, und er wich ihm kein einziges Mal von der Seite, bis Willy schließlich in einem Krankenhausbett lag.
Wilbur Wonka registrierte das Durchhaltevermögen des Jungen voller Erstaunen. Charlie schien außerordentlich viel an Willy zu liegen. Seine Weigerung, die Fabrik zu übernehmen, passte so gar nicht zu der Zuneigung, die er Willy entgegenbrachte.
So, wie er sich für Willy einsetzte, hätte man meinen sollen, Charlie wäre stolz darauf, Erbe der Schokoladenfabrik zu werden.
Doch die Überzeugung des Jungen anzuzweifeln war müßig. Charlie Bucket wusste offenbar genau, was er wollte.
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