Was es heißt, ein Vater zu sein

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12
Charlie Bucket Dr. Wilbur Wonka Willy Wonka
11.09.2016
08.10.2016
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Autor: Susanne Christie
Titel: Was es heißt, ein Vater zu sein
Fandom: Charlie und die Schokoladenfabrik
Disclaimer: Sämtliche Rechte und finanziellen Gewinne an den von mir in dieser Geschichte benutzten Charakteren liegen bei deren Erfindern und Copyrightinhabern. Die Plotidee in den Teilen, die nicht mit der Filmhandlung übereinstimmen, beanspruche ich für mich selbst.


Was es heißt, ein Vater zu sein


Willy Wonka wagte es kaum, sich in die Umarmung zu lehnen.
Noch nie in seinem Leben war ihm eine solch liebevolle Umarmung zuteil geworden, und schon gar nicht von seinem eigenen Vater.
Es musste ein schlimmer Schock für Wilbur Wonka gewesen sein, als er Willys Zähne begutachtete und plötzlich begriff, wer da vor ihm auf dem Untersuchungsstuhl saß, nämlich sein eigener Sohn. So schlimm, dass er gar nicht realisierte, was er da tat, als er seine Hand vorsichtig auf Willys Rücken legte und ihn sanft zu sich hinzog.
Willy hatte gezögert, unsicher, ob die Geste auch wirklich so gemeint war, wie er sie verstand. Ziemlich ängstlich und innerlich angespannt hatte er dann nachgegeben und sich an den Körper seines Vaters gelehnt. Und er hatte sehr an sich halten müssen, um nicht in Tränen auszubrechen.
Wie hatte er sich nach einer solchen Geste gesehnt, in all den Jahren, da er allein unterwegs gewesen war, auf seinen Reisen und bei seiner unermüdlichen Arbeit in der Schokoladenfabrik!
Irgendwann hatte er den Wunsch, familiäre Zuneigung zu erfahren, resigniert aufgegeben und jeden Gedanken daran verdrängt. Umso stärker überkamen ihn jetzt die Gefühle. Doch nein, er wollte nicht weinen. Er wollte sich diesen magischen Augenblick nicht durch Tränen verderben. Er wollte lieber intensiv spüren, wie es war, von einem anderen Menschen gehalten zu werden.
Deshalb blieb Willy reglos sitzen, die Wange gegen den Oberkörper seines Vaters gelehnt. Leider dauerte die Umarmung nicht allzu lange. Eine solche Geste war wohl doch zu ungewohnt für seinen Vater.
Als Wilbur Wonka seine Hände fortnahm und zurücktrat, überkam Willy ein Gefühl großer Einsamkeit, stärker, als er es je empfunden hatte.
Bitte, Papa, halte mich!, hätte er am liebsten gefleht. Halte mich fest!
Doch Willy traute sich nicht. Er kannte Wilbur als strengen, tyrannischen Vater und fürchtete seine Reaktion, selbst jetzt, da er erwachsen war, und selbst jetzt, da Wilbur ihn zum ersten Mal auf eine liebevolle Weise berührte.
"Es ist schön, Dich wiederzusehen, Sohn", sagte Wilbur, nachdem er vom Behandlungsstuhl zurückgetreten war.
Im Hinblick auf die vorangegangene, liebevolle Geste klang das ziemlich distanziert.
"Ich freue mich auch, hier zu sein", sagte Willy. "Ich habe oft an Dich gedacht."
"Vor langer Zeit habe ich einmal in der Zeitung gelesen, dass Du sehr erfolgreich eine Schokoladenfabrik führst. Ist das noch so? Ich lese dieser Tage keine Zeitungen mehr."
"Ja, das stimmt. Meine Fabrik ist etwas ganz besonderes", erzählte Willy. "Sie ist auf dem neuesten Stand der Technik, und so groß, wie Du es Dir kaum vorstellen kannst. Du musst es mit eigenen Augen sehen! Ich lade Dich zu einer Besichtigung ein, Dad. Ich möchte Dir so gerne alles zeigen."
Einen Moment lang fürchtete Willy, sein Vater würde das Angebot ablehnen, doch Wilbur Wonka nickte schließlich. "Sehr gern. Ich würde mich freuen."
"Darf ich mitkommen?" fragte Charlie Bucket, der die vorsichtige Annäherung zwischen Wilbur und seinem Sohn pietätvoll aus einer Ecke des Raumes beobachtet hatte. Willy hatte zu diesem ersten Besuch bei seinem Vater nach all den Jahren der Trennung nicht allein gehen wollen, deshalb hatte Charlie ihn begleitet.
Willy schaute zu ihm hin. "Natürlich kannst Du mitkommen, Charlie."
"Danke, Mr. Wonka!"
"Wer wäre ich, es meinem Erben auszuschlagen, die Fabrik bis ins Detail kennenzulernen."
"Hey! Ich bin nicht Ihr Erbe. Ich gehe nicht fort von meiner Familie", erinnerte Charlie ihn.
"Ja, ja. Das sagtest Du schon." Willy erhob sich vom Untersuchungsstuhl. "Wollen wir die Besichtigung morgen machen?"
Niemand hatte etwas dagegen. Sie vereinbarten, sich am Fabriktor zu treffen. Charlie ging zurück zum Haus seiner Familie.
Willy kehrte in die Schokoladenfabrik zurück.
Das einzige Zuhause, das er kannte.

+++++++

In dieser Nacht schlief Willy keine einzige Minute.
Was ist nur los mit mir, überlegte er, erfüllt von innerer Unruhe. Hat mich die Begegnung mit meinem Vater so aufgewühlt?
Irgendwann konnte er die Tränen nicht länger zurückhalten. Die Tränen, die er in Gegenwart seines Vaters nicht zu weinen gewagt hatte. Sie rollten einfach über seine Wangen, ließen sich nicht aufhalten.
Sein Vater hatte nach wie vor keine Ahnung, wie schmerzvoll das alles für ihn gewesen war. Fortzugehen von daheim und auf eigenen Füßen zu stehen, in einem Alter, da andere Kinder sorglos im Schutz ihrer Familie lebten, so wie Charlie. Später dann, sich Tag und Nacht um die Fabrik zu kümmern, für alles alleine verantwortlich zu sein. Die Belastung, die ein derart erfolgreicher Geschäftsmann, wie er es war, zu ertragen hatte, war enorm. Er trug diese Belastung seit vielen Jahren. Warum nur verhielt sich sein Vater so distanziert ihm gegenüber? Merkte er denn nicht, wie sehr er sich nach seiner väterlichen Zuneigung sehnte?
Wilbur war durchaus positiv überrascht gewesen, als er begriff, wen er da vor sich hatte. Dennoch war es ihm nicht gelungen, Willy deutlich zu zeigen, dass er sich über das Wiedersehen freute. Die zaghafte Umarmung hatte Willy jedenfalls mehr aufgewühlt als getröstet. Hatte sein Vater nicht mehr als genug Zeit gehabt in all den Jahren, sich darüber klar zu werden, wie abweisend er sich seinem Sohn gegenüber verhielt? Einem Sohn, der ihm nie den leisesten Grund gegeben hatte, ihn nicht zu mögen.
Willy stand auf und ging barfüßig in seinem dunkelblauen Seidenpyjama ins Bad. Er füllte seinen Zahnputzbecher mit Wasser und trank einen Schluck davon. Dann setzte er sich auf den Rand der Badewanne und bemühte sich darum, sich die Tränen zu trocknen.
Und mit dem Weinen aufzuhören.

+++++++

Am nächsten Tag trafen sich Willy Wonka, sein Vater Wilbur und Charlie Bucket wie verabredet am Eingang zur Schokoladenfabrik.
Willy war von der schlaflosen Nacht nichts anzumerken. Er trug seinen Zylinder und war wie üblich perfekt gestylt und dandyhaft angezogen. Er sah aus wie der sprichwörtliche Prince Charming aus einem Märchen, wie Charlie fand.
Charlie gefiel es, dass Willy so viel Wert auf sein Äußeres legte. Natürlich musste er das als Geschäftsmann, er hatte schließlich täglich mit Menschen zu tun. Allerdings war der gepflegte Stil nicht allein Mittel zum Zweck. Willy genoss es generell, sich herauszuputzen. Und sein gewinnendes Lächeln war geradezu sein Markenzeichen.
Erfüllt von seinem üblichen Elan, wenn es um die Fabrik ging, erklärte Willy seinen Begleitern alles Wissenswerte. Tatsächlich wurde Willy nie müde, das zu tun. Er liebte seine Fabrik wirklich sehr.
Am besten gefiel es Charlie am Schokoladenfluss. An der Stelle, an der sich flüssige Schokolade wie ein Wasserfall in den Fluss ergoss, roch es einfach himmlisch. Sogar Wilbur war davon begeistert.
"Du meine Güte!" entkam es dem hochgewachsenen Mann, während sie auf der Wiese standen und den Schokoladenfluss betrachteten. "Hier riecht es ja wundervoll! Ich meine, natürlich duftet Schokolade lecker, aber das hier ist überwältigend."
Er wandte sich Willy zu, der, lässig auf seinen Stock gestützt, dastand und vor sich hin lächelte, wie üblich, wenn sich Besucher für das begeisterten, was sie sahen. "Wie machst Du das nur, Willy? Wie kommst Du zu diesen genialen Rezepturen?"
"Genaues Wissen über den Geschmack der Inhaltsstoffe, und geduldiges Herumprobieren", erklärte Willy. "Zudem darf man nie nachlassen. Man muss immer bereit sein, Neues auszuprobieren."
"Das ist es, was Spaß macht an diesem Beruf", vermutete Charlie.
"Das stimmt, Charlie. Es ist ein sehr kreativer Beruf."
"Genaugenommen sind Sie also ein Künstler, Mr. Wonka."
"So kann man es nennen."
Willys Lächeln ruhte auf dem Jungen, und eine innere Zufriedenheit erfüllte ihn, gerade diesen Jungen gefunden zu haben. Zwar hatte Charlie ihm rundheraus erklärt, dass er nicht bereit war, die Schokoladenfabrik zu übernehmen, weil das hieß, seine Familie verlassen zu müssen, trotzdem war Willy irgendwie erleichtert, ihn um sich zu haben. Charlie zeigte großes Verständnis für alles, was speziell diesen Beruf betraf. Willy fasste einen Entschluss.
"Charlie, wir sind doch gute Freunde inzwischen, oder?"
"Natürlich sind wir das."
"Was würdest Du sagen, wenn ich Dir erlaube, mich zu duzen und Willy zu nennen?"
Charlie schaute Willy aus großen Augen an. "Wirklich? Das wäre einfach toll!"
Willy erwiderte die Begeisterung, die ihm entgegengebracht wurde. Er hielt Charlie die ausgestreckte Hand hin. "Dann gilt es!"
Charlie schlug ein, und er kam sich plötzlich mächtig erwachsen vor. "Danke, Willy! Vielen Dank!"
Willy winkte seinen Begleitern. "Kommt! Es gibt noch viel zu sehen."
Sie wanderten über die hügeligen Wiesen entlang am Schokoladenfluss. Je länger die Führung dauerte, desto mehr Fragen fielen Charlie ein. Seine Begeisterung für die Fabrik schien von Minute zu Minute zu wachsen. Auch Wilbur zeigte sich interessiert und wollte vieles von Willy wissen.
Manchmal winkten ihnen die Oompa Loompas fröhlich zu, oder sie hielten in ihrer Arbeit inne, um ihren Chef mit einer höflichen Verbeugung zu begrüßen.
Charlie war gesprächig und überraschte Willy mit äußerst klugen Anmerkungen und Vorschlägen zu den Vorgängen und Abläufen in der Fabrik. Das bestärkte Willy in seiner Überzeugung, dass der Junge ein fast unheimliches, intuitives Wissen in Bezug auf diese Profession besaß. Charlies Ablehnung, das nötige Handwerk von ihm zu lernen, kam Willy wie die Verschwendung eines Talents vor, das natürlicherweise in Charlie vorhanden war. Allerdings konnte er Charlie verstehen. Nachdem seine eigene Sehnsucht, wenigstens ein bisschen Zuneigung von seinem Vater zu bekommen, so groß war, musste die Vorstellung, von seiner Familie getrennt zu sein, für Charlie unerträglich sein.
Nachdem sie mehrere Stunden herumgewandert waren und alles ausgiebig betrachtet hatten, ließ sich Wilbur zu einer Äußerung hinreißen.
"Also ich muss sagen, Willy, Du hast Großartiges geleistet. Ich bin überzeugt, es gibt auf der ganzen Welt keine weitere solche Fabrik."
Willy lächelte befangen. "Nein, die gibt es nicht. Danke für Dein Lob. Das bedeutet mir unendlich viel."
"Ich bin wirklich stolz auf Dich", fuhr Wilbur fort.
Dann zeig' es ihm auch. Geh' hin und umarme Deinen Sohn endlich, aber richtig, dachte Charlie voller Inbrunst, als könnte er auf telepathischem Weg erzwingen, was er sich wünschte.
Charlie war sich bewusst, dass Willy Wonka trotz all seines geschäftlichen Erfolgs und seiner sympathischen Persönlichkeit etwas ganz Wichtiges fehlte, nämlich die Liebe und Wärme einer Familie. Er hatte Willys Sehnsucht beinahe körperlich gespürt, gestern, als er beobachtete, wie Wilbur seinen Sohn zu einer viel zu kurzen Umarmung an seinen Körper drückte. Willys Sehnsucht danach, gehalten zu werden, und nicht nur für wenige Sekunden. Charlie hatte gesehen, wie Willy darum kämpfte, nicht zu weinen, und sein Herz war ihm ganz schwer geworden dabei.
"Stimmt das, Dad?" Willy blickte seinen Vater aus großen Augen an. Er konnte kaum fassen, was er da aus dem Mund seines Vaters hörte. "Du bist stolz auf mich?"
"Sehr sogar", bekräftigte Wilbur. "Du hast Außerordentliches geleistet."
Charlie strahlte über sein ganzes Gesicht. Er freute sich so sehr für Willy!
Das Glück währte nicht lange.
Ausgerechnet die ersten positiven Worte, die Wilbur Wonka nach Jahrzehnten der Sprachlosigkeit seinem Sohn gegenüber äußerte, schienen einen Fluch heraufzubeschwören.
Willy schaute seinen Vater noch einen Moment lang an, dann verlor sich sein Blick in der Ferne, und seine Beine gaben nach. Lautlos sank er zusammen und blieb reglos auf der Wiese liegen.
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