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Asche auf dem Wasser

von SIButzy
KurzgeschichteFantasy, Schmerz/Trost / P12 / Gen
OC (Own Character)
09.09.2016
09.09.2016
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Leise pfeift der Wind durch das Blätterdach und lässt das Laub der großen Espe erzittern. Vögel singen in den Bäumen ringsherum, und leise sind auch die Geräusche anderer Waldtiere zu hören. Durch das Halbdunkel lässt sich in der Ferne das Glitzern des Flusses erkennen.

Ich sitzte auf einem Ast und lausche entspannt. In der Harmonie der Natur fühle ich mich zu Hause. Es ist nicht mehr weit, doch dieser Ort lud dazu ein, eine Rast einzulegen.

Varra`ya wird sich freuen mich wiederzusehen. Er war traurig, als ich beschloss, mich ein Stück von der Sippe zu entfernen. Doch er hatte es auch verstanden.

Obwohl sie mich vollkommen akzeptierten, seit er mich als Säugling in die kleine Siedlung brachte, können sie nicht ändern, dass ein Teil von mir menschlich ist. Genauso wenig wie ich es kann. Doch die Fügung meinte es gut mit mir. In den Städten der Menschen gibt es andere wie mich. Feytala die ihr Leben auf der Straße verbringen oder ihre Körper verkaufen müssen.

Mir schaudert es. Ein Leben ohne Familie, ohne Sippe ist das schlimmste Schicksal, dass einer Feyde zuteilwerden kann. Selbst wenn man sie nur alle paar Wochen sieht.

Von jeher Sehnsucht erfasst, steige ich den Baum hinab.

Ein Wildwechsel führt mich weiter in Richtung Siedlung. Die Tiere stören sich nicht an meiner Anwesenheit, denn sie wissen, dass im Augenblick keine Gefahr von mir droht.

Ab und zu weiche ich tief hängenden Ästen oder Wurzeln aus, doch ich komme zügig voran. Schon bald gelange ich an den Fluss. Sein Wasser glänzt in der Abendsonne. Nun dauert es noch etwa eine halbe Stunde, bis ich die Lichtung erreiche. Sie liegt an einer kleinen Bucht, in der es reichlich Fisch gibt. Fast schon erwarte ich Feysiriel dort in einem awasela zu sehen. Er ist der beste Fischer der Siedlung und verbringt den Großteil seiner Zeit auf dem Wasser.

Ich bin immer noch ein paar  Meilen vom Dorf entfernt, als meine Ohren zucken. Nur leise, dringt das Geräusch zu mir, doch es stört unverkennbar die übliche Melodie der Umgebung.

Meine Schritte beschleunigen sich, sobald ich bemerke aus welcher Richtung die unbekannten und doch seltsam vertrauten Töne kommen. Je weiter ich mich ihnen nähere, desto mehr wird mir bewusst, dass sie mich an ein Lagerfeuer erinnern.

Doch es passt nicht.

Die Geräusche sind zu polternd, zu dröhnend. Sie schwellen mit jedem meiner Schritte weiter an. Ich höre auch ein Knistern und Knacken, doch es ist zu laut, zu impulsiv.

Mein Herz klopft heftig in der Brust. Ich renne mittlerweile durchs Unterholz. Die Angst treibt mich voran.

Ein Flackern bricht zwischen den Bäumen hervor. Meine Befürchtungen bewahrheitet zu sehen, lässt mich für einen Moment erstarren. Fast stolpere ich über meine eigenen Beine, als sie einfach aufhören sich zu bewegen.

In der schwachen Hoffnung noch etwas retten – noch helfen zu können, beginne ich erneut zu rennen. Ohne darauf zu achten, dass Zweige an meiner Kleidung zerren.

Eine erdrückende Stille legt sich auf mich. Zwar füllt das Tosen des Feuers noch immer meine Ohren, doch etwas anderes fehlt. Da sind keine Stimmen. Keine Rufe. Nicht einmal das Geräusch von panischen Schritten, außer meinen eigenen.

Ich breche zwischen den Bäumen durch, die die Lichtung umranden.

Zunächst spüre ich nur die sengende Hitze des Feuers. Mein Geist will nicht begreifen, was meine Augen sehen.

Die Flamen schlagen immer noch hoch. Ein kleiner Teil meines Verstandes, der nicht vollständig gelähmt ist bemerkt, dass sie das in dem feuchten Wald nicht dürften.

Überall liegen leblose Körper. Der Rauch bringt den Gestank von verbranntem Fleisch mit sich, in den sich der Geruch von Blut mischt.

„Nein!“ Der lange Schrei löst sich aus meiner Kehle, als mich die anfängliche Starre freigibt.

Unter meinen Knien fühlt sich der Boden hart und uneben an. Meine Beine müssen nachgegeben haben, ohne dass ich es bemerkte.

Ich rapple mich wieder auf. Was, wenn noch jemand lebte? Sie würden leiden, während ich mich meiner Verzweiflung hingebe.

Sala!“ Ich rufe in der Hoffnung, dass jemand antwortet. Lausche nach dem kleinsten Rascheln.

Der Lärm des Feuers irritiert mein Gehör. Ist da hinten etwas? Angestrengt versuche ich mich auf das Geräusch zu konzentrieren.

Ein schwaches Seelenlicht flackert am anderen Ende der Lichtung auf.

Hektisch setze ich mich in Bewegung. Immer wieder stolpere ich, noch immer unter Schock stehend, während ich versuche den Flammen auszuweichen.

Nur ein Licht. Da ist nur ein einziges Licht.

Ich versuche den Gedanken zu verdrängen. Später ist noch genug Zeit zum Trauern.

Vor mir taucht ein Körper auf, der genauso leblos daliegt wie die anderen. Dennoch spüre ich noch Leben in ihm. Es ist Varra`ya.

Neben ihm lasse ich mich auf die Knie fallen. Mir schnürt sich die Kehle zu, als ich die Bauchverletzung sehe. Verzweifelt lege ich die Hände auf sein Herz und versuche mich auf die richtige Melodie einzustellen.

„Bitte hör auf, Tochter… Es ist zu spät für mich… Die Sippe ist tot… Ich möchte nicht allein zurückbleiben.“ Blut rinnt ihm aus dem Mundwinkel, während er die Worte angestrengt hervorbringt.

„Denkst du ich will es?“ Meine Stimme zittert.

Kaum merklich versucht er den Kopf zu schütteln. „Du warst immer eine von uns… Doch du bist Feytala…und du bist jung… Geh zu den Menschen… Dort bist du sicher.“

„Sicher wovor? Wer hat uns das angetan?“

Telor… werden dich nicht unter ihnen vermuten.“ Ich spüre, dass er immer schwächer wird.

„Warum sollten sie mich suchen?“

„Wegen… deiner Mutter.“

Zuvor hatte er nie von den Umständen gesprochen, aufgrund derer es zu meiner Geburt gekommen war und ich habe nicht gefragt. Dass es deswegen jetzt zu dieser Katastrophe gekommen ist, kann mein Verstand nicht begreifen.

Ich versuche die Tränen zurückzuhalten. „Es tut mir so leid.“

„Dich… trifft keine Schuld… Lebe wohl, Tochter… lass nicht zu,… dass dich die Trauer… zu sehr verändert.“ Varra`ya schließt die Augen. Sein letzter Atem entweicht.

Ich stoße einen Schrei aus, der mehr tierisch, als elfisch klingt.

Von einem inneren Drang getrieben springe ich auf. Es muss Spuren geben. Irgendetwas muss es geben, was ich tun kann.

Ziellos blicke ich mich an dem Ort um, der bis vor wenigen Stunden mein zu Hause gewesen war.

Hier scheint nichts außer Chaos zu sein. Das Feuer wird nur langsam kleiner. Von den meisten say’dhaba ist nichts als Kohle übrig geblieben.

Viele der Bäume haben Schaden genommen, doch die Natur wird sich erholen. Meine Sippe allerdings wird für immer fort sein.

Jäh erkenne ich Spuren, die in Richtung Waldinneres führen. Äste wurden gewaltsam zur Seite gebogen und die Abdrücke schwerer Stiefel sind deutlich zu erkennen.

Als ich sie genauer untersuche, kann ich noch andere Fußspuren, deutlich kleinere, im feuchten Boden erkennen, die von den Stiefelabdrücken zum Teil überdeckt werden. Es kann höchstens ein Abstand von wenigen Augenblicken zwischen ihnen gelegen haben.

Ich folge der Spur tiefer in den Wald. Wer auch immer dies getan hat, muss schon über zwei Stunden weit weg sein. So wie sie durch den Wald gebrochen sind, hätte ich sie noch meilenweit gehört.

Ein dunklerer Fleck erregt meine Aufmerksamkeit. Einige Tropfen Blut sind hier auf die Erde gefallen. Ich hebe den Blick. Weiter vorne verdichtet sich die Fährte. Langsam gehe ich weiter. Immer mehr Blut bedeckt den Boden.

Voraussichtlich nehme ich den Bogen von der Schulter und lege vorsichtig einen Pfeil ein. Die Stille um mich herum ist fast schon unwirklich. Obwohl ich nichts höre, prickelt mir die Haut, als würde jeden Moment ein Gegner vor mir auftauchen.

Sträucher verdecken meine Sicht. Als ich um sie herumtrete erblicke ich die Ursache der Blutspur.

Ich bin zu keiner Reaktion mehr fähig, fühle mich nur noch wie betäubt. Das was meine Augen sehen scheint sich hinter einem Schleier zu befinden.

Dort sind die Kinder. Hanyariel, der Älteste gerade einmal sieben Jahre alt. Er und die beiden jüngeren Nyrociel und Milaileé liegen mit verrenkten Gliedern und im Entsetzen erstarrten Augen im Sand. Ihre Bäuche sind aufgeschlitzt, genau wie bei Varra`ya. Sie müssen versucht haben zu fliehen, sind jedoch entdeckt worden.

Welches Monster tut Kindern so etwas an? Wer hat all dies getan? Selbst Menschen können doch nicht so grausam sein, einfach so ein ganzes Dorf auszulöschen.

In diesem Moment wird mir bewusst, dass ich es herausfinden muss. Trotz des Wissens, das Varra`ya mich in Sicherheit wünscht, kann ich nicht eher ruhen, bis ich die Verantwortlichen finde. Die Zeit ist gekommen die Antworten über meine Herkunft zu erhalten.

Doch zunächst warten noch andere Aufgaben auf mich.

Behutsam nehme ich Milaileé, die kleinste, auf die Arme. Langsam trage ich sie zurück zur Siedlung und lege sie in die Mitte der Lichtung, bevor ich umkehre und die anderen Kinder hole.

Einen nach den Anderen, trage ich die irdischen Überreste derjenigen, die meine Familie waren, dorthin und bette sie in einen Kreis. Sorgsam entkleide und säubere ich sie. Auch wenn es nur noch leere Hüllen sind, hilft es mir, mich von ihnen zu verabschieden. Nur Bogen und Iama bleiben bei ihnen.

Um Varra`ya s Körper kümmere ich mich als letztes. Als ich ihm die Tunika absteifen will, bemerke ich einen kleinen Gegenstand in einer seiner Taschen. Vorsichtig ziehe ich ihn heraus.

Zum Vorschein kommt eine kleine silberne Querflöte mit wunderschönen Gravuren.

Verwundert betrachte ich sie. Nie habe ich Varra`ya  auf ihr Spielen sehen. Sein Iama ist eine kleine Harfe, die er stets an seinem Gürtel befestigt bei sich trug.

Was hat es mit diesem Instrument auf sich, dass er es mir nie gezeigt hat?

Meine Neugier unterdrückend lege ich die Flöte vorsichtig zur Seite und widme mich wieder dem Begräbnisritual.

Ich nehme eine Eichel vom Waldboden und lege sie genau in die Mitte des Kreises und knie mich davor.

Wie bereits vor wenigen Stunden, lausche ich auf die Melodie meiner Umgebung. Doch diesmal beginne ich leise meine eigene einfließen zu lassen. Mit meinen Fingen spüre ich den Rhythmus des kleinen Keimlings und greife ihn in meinem Gesang auf.

Zunächst bilden sich nur zögernd zwei Blätter. Der Spross verlängert sich und beginnt nach einiger Zeit, an Umfang zuzunehmen. Er bildet erste Verzweigungen und Knospen, aus denen sich weitere Blätter entwickeln. Die Wurzeln werden kräftiger und dringen tiefer in den Waldboden ein. Rinde beginnt sich zu bilden, zunächst noch dünn, dann immer kräftiger. Aus zarten Zweigen werden stabile Äste. Der Stamm umfasst mittlerweile einen Spann.

Ich lege mit jedem Finger Zuwachs mehr Kraft in meine Stimme, um der Eiche die richtige Größe zu geben. Alleine ist es schwieriger, als im Salasandra, doch ich weiß, dass ich es schaffen kann. Glücklicherweise gibt es in den Auen genügend Wasser, um das rasante Wachstum zu unterstützen.

Immer weiter weiche ich zurück, da der Baum den Platz für sich selbst fordert. Die Wurzeln sind schon bald breiter als meine Beine. Sie breiten sich auch zu den Seiten aus und Hüllen den Kreis der toten Körper ein. Das Erdreich scheint sich zu öffnen und sie einzubetten.

Als die Eiche eine Höhe von einigen Dutzend Schritt und einen Umfang von etwa zweieinhalb Schritt erreicht hat, lasse ich mein Lied verklingen. Ich sacke leicht in mich zusammen, denn ich fühle mich so leer wie nie zuvor.

Meine Hand liegt nach wie vor auf dem mächtigen Stamm, der meinen Freunden und meiner Familie ein neues Schicksal weisen soll.

Ich lasse mich zu seinen Wurzeln, auf den Waldboden sinken und hohle die kleine, silberne Flöte hervor. Nach wie vor, lässt mich die Frage nicht los, woher Varra`ya sie hat und warum ich sie nie zu Gesicht bekommen habe. Ich drehe sie in meinen Händen und betrachte erneut die Verzierungen. Allem Anschein nach, handelt es sich um die Arbeit eines Menschen. Zumindest ist die Querflöte nicht von einem Elfen gefertigt worden.

Mein Blick gleitet über eine Stelle am Fuß. Zunächst hatte ich sie für einen Teil der üblichen Gravuren gehalten. Doch bei genauerem Hinsehen, erkenne ich, dass es sich um Buchstaben handelt.

In Erinnerung


U. v. G. F.


War es möglich, dass Varra`ya sie von meiner Mutter hatte? Es wäre zumindest naheliegend und neben den Spuren der Mörder, der einzige Anhaltspunkt den ich habe, auch wenn er noch so klein ist.

Schweren Herzens stehe ich auf. Da alles im Dorf zerstört wurde, kann ich nur mitnehmen, was ich am Leib trage. Man kann es fast als Glück bezeichnen, dass ich gewohnt bin, damit auszukommen. Die persönlichen Besitztümer meiner Sippe lege ich in eine kleine Asthöhle der Eiche. Nur die Flöte verberge ich in meinem Hemd.

Als ich einen letzten Blick auf den Baum richte, weht eine Böe durch sein Laub. Wahrscheinlich bilde ich es mir in meiner Trauer nur ein, aber für ein paar kostbare Augenblicke, meine ich das Salasandra meiner Sippe zu hören.

Daraus Kraft schöpfend wende ich mich nach Süden, der Fährte der Mörder zu.




Varra`ya – Vater

FeytalaHalbelfe (Elfmensch)

Feyde – Elfe

awasela – Einbaum

Sala – Schwer zu übersetzen: Gemeinschaft, Sippe, Freunde, Familie…

Telor – schlechter Mensch

say’dhabaWohnbaum

Iama – Seeleninstrument

Salasandra – gemeinsames Seelenlied der Sippe





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