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Hotel Transsilvanien - Erinnerungen

von Greafy
KurzgeschichteSchmerz/Trost, Suspense / P12 / Gen
Graf Dracula Martha LuBode Dracula Mavis Dracula-Loughran Vlad Dracula
07.09.2016
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Hotel Transsilvanien
Erinnerungen

Es war jetzt 117 Jahre her, als es geschah! Damals, in einer Zeit, in der seine Welt scheinbar noch einigermaßen in Ordnung war! Ein zarter Lichtschein in seiner sonst so finsteren Welt voller Einsamkeit und Schmerz. Eine Welt voller Hindernisse und Hürden, die gemeistert werden sollten!
Doch das war vorbei – ein für allemal! Niewieder würde er sich etwas vorschreiben lassen, niemand durfte ihm helfen und nie mehr würde ihn jemand so herumkommandieren, wie es einst sein Vater getan hatte! Niemand durfte seine Schwächen kennen und niemand durfte seinen Schmerz sehen, den er seit diesem einen schicksalhaften Tag zu jeder Stunde seines Lebens in sich trug. Ein Schmerz, der ihn von innen heraus zu verbrennen drohte, genauso wie das Feuer vor 117 Jahren, welches diesen Schmerz entfacht hatte! Jenes Feuer, welches einst von Menschen – diesen verabscheuungswürdigen Wesen, voller Hass und Gier – gelegt worde war, nachdem sie heraus gefunden haben, dass er selber und seine Gemahlin Vampire seien.
Etwas in ihm zog sich grausam zusammen, als die furchtbaren Bilder wieder vor seinen Augen aufblitzten. Die Hitze, die Qual, die jede ihm entgegenzüngelnde Flamme verursacht hatte und der Schmerz, der seit dem Moment in ihm schlimmer loderte als der Brand um ihn herum, als er Marthas Schrei gehört hatte. Die Erinnerungen an ihren leblosen Körper in seinen Armen – die Menschen um ihn herum, die ihn mit Fackeln und Mistgabeln nach wie vor bedrohten – Mavis, die als Säugling von irgendwoher schrie. Er hatte sie nicht im ersten Moment lokalisieren können – die Tränen verschwammen seine Sicht und der Zorn benebelte seine Sinne! Seine geliebte Martha! Wie konnten die Menschen ihm das nur antun? Wie konnten sie nur?!
Es war jetzt 117 Jahre her, morgen hätte Mavis ihren 118. Geburtstag – sie wäre dann volljährig! Und ausgerechnet er hatte ihr versprochen dann in die große weite Welt hinaus zuziehen, Menschen zu besuchen und sich Gefahren auszusetzen! Er konnte das nicht verantworten! Mavis war das letzte Stück seiner Erinnerung an Martha. Wenn er sie verlöre, verlöre er alles was ihm von ihr blieb. Das würde er nicht überleben! Niemals! Deswegen hatte er sich etwas überlegt, um ihre Sicherheit zu gewähren! Er hoffte nur, dass sein Plan aufging!
Mit verschleiertem Blick sah er auf, direkt auf das angekohlte Gemälde vor ihm in seiner Gruft. Es zeigte ihn selbst und seine Geliebte ein Jahr vor der Geburt ihres gemeinsamen Kindes. Sie waren glücklich gewesen. Nie waren zwei Seelen mehr für einander bestimmt gewesen, wie sie beide! Sie war sein Zing – sein Einziges! Niewieder würde er lieben können, nie wieder sein Herz öffnen. Denn immer, wenn er es getan hatte, hatte sich stets gezeigt, dass man ihn verriet für das was er war – für seine Herkunft! Er war ein Vampir und würde es immer bleiben. Er stammte aus einer jahrtausendlangen Genkette von Vampiren!
So oft hatte er schon hier vor seinem Sarg gestanden und stundenlang auf das einzige Erinnerungsstück, was das Bildnis seiner ermordeten Frau trug, gestarrt. Noch immer konnte er es nicht fassen, dass sie nicht mehr da sein sollte, dass ihr freundliches Wesen ein für allemal verschwunden war. Damals hatte sie etwas hinterlassen – für Mavis! Es war in schlichtes Geschenkpapier eingewickelt, verziert mit einer Schleife. Bis heute wusste er nicht um was es sich da eigentlich handelte, Martha hatte es ihm nie verraten. Bis zu ihrem Tod hatte sie ein Geheimnis daraus gemacht gehabt.
Nachdenklich wendete er immer wieder das Geschenk in den Händen ohne es wirklich anzusehen. Morgen würde sich das große Geheimnis endlich nach so vielen Jahrzehnten lüften, morgen würde er es Mavis zu ihrem 118. Geburtstags überreichen.
Wie in Zeitlupe rutschte er an dem Altar auf dem sein Sarg gebettet lag herunter, das Geschenk für Mavis immernoch fest in der Hand. Alles in ihm verkrampfte sich schmerzlich. Wenn es nach ihm gegangen wäre, würde er den aufsteigenden Tränen freien Lauf lassen, aber er durfte nicht! Er durfte nie Schwäche zeigen! Niemals! Obwohl niemand in seinen privaten Gemächern außer ihm selbst anwesend war, konnte er es nicht! Zutief saß der Schmerz stets das Gesicht zu wahren. Es war ihm so beigebracht worden  –  damals als Kind. Sein Vater Vlad war sehr streng gewesen und hatte ihn gelehrt niemals nachzugeben, zu jeder Sekunde der Nacht und des Tages Stärke und Macht auszustrahlen!
Obgleich es ihn schier zu zerreißen drohte zwang er seinen Blick wieder nach oben zu dem Gemälde, welches majestätisch weit über ihn hinausragte.
„Martha ...“, entwich es seinen bebenden Lippen, „ ... morgen wird unsere kleine Mavis 118! Ich habe vollbracht, um was du mich gebeten hast – ich habe sie beschützt, all die Zeit über! Doch morgen wird sie ...“ Er wagte es nicht seinen Gedanken zuende zudenken. Zu schrecklich war die Vorstellung, dass seine kleine Fledermaus morgen für immer das Hotel verlassen könnte.
„Martha ... wieso? Wieso ist sie dir nur so ähnlich? Wieso will sie um jeden Preis die Welt sehen? Was soll ich tun, wenn ihr etwas passiert – wenn sie nicht wiederkommt ... weil die Menschen sie töten?“ Nun konnte er, trotz größter Selbstbeherrschung eine einzelne Träne nicht verhindern, die sich über seine Wange schlich und schließlich den kalten Steinboden benetzte. Was sollte er tun?
„Wenn ihr etwas geschieht, Martha, ich könnte mir das nie im Leben verzeihen! Wenn ihr etwas passiert, Martha, das schwöre ich dir ... dann werde ich in die Sonne gehen.“ Schwer brachte er diese Worte über die Lippen, aber er würde es versprechen! Die Verzweiflung und die Einsamkeit trieben ihn soweit. Dennoch blieb eine einzige Hoffnung! Sein Plan, den er für morgen vorbereitet hatte. Und wenn der funktionieren wird, dann blieb alles in seinem Hotel wie es war. Dann würde sich nichts verändern und Mavis wäre in Sicherheit!
Er hatte vor so langer Zeit versprochen ihr gemeinsames Kind zu behüten, koste es was es wolle. Denn als Vater tut man alles, um die Familie zu beschützten - selbst wenn er dafür ihr Vertrauen missbrauchen müsste.

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