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Verdammt zu leben

von Kitai
Kurzbeschreibung
OneshotSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
Heike Masaomi Yukihina
04.09.2016
04.09.2016
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// Mini-Vorwort: Die japanischen Regionen, die genannt werden, gab/gibt es wirklich. Die kursiv-geschriebenen Passagen sind Rückblenden; die normal geschriebenen sind Gedanken von Heike, aus dessen Sicht dieser OS verfasst ist.
Viel Spaß beim Lesen! Da es mein erstes Werk in diesem Fandom ist, würde ich mich Rückmeldung sehr freuen! *Kekse hinstell*
//





Mein Leben war langweilig.
General hier, General da–um mich herum nur gehorsame Puppen, blind vor Respekt und Pflichtbewusstsein. Jeder kopierte das Auftreten des Anderen.
Ein Kreislauf aus Eintönigkeit Tag für Tag.


„General! General Masaomi!"

„Hm?"

Ungeduldig wandte ich mich zu dem jungen Soldaten um, der mit wehendem Mantel herbeigeeilt kam. Als er merkte, dass ich ihm meine Aufmerksamkeit schenkte, blieb er augenblicklich wie festgefroren stehen und legte seine Hand an die Schläfe, um mir seinen Respekt zu bezeugen.

„Was gibt es, Junge?"

Wie niedlich... Schon allein mein fester Blick verunsicherte ihn. Ein kleines Grinsen huschte über mein Gesicht, was den armen Jungen nur noch mehr aus der Fassung zu bringen schien. Kein Wunder, er schien noch nicht lange unter meinem Kommando zu stehen, denn ich erinnerte mich nicht an sein Gesicht.
„Ge... General, ich bringe den Bericht über Mission C 149."
„C 149?"
Ich runzelte die Stirn. Ganz offensichtlich war dieser Junge neu...
„Dir ist bewusst, dass C-Rang-Missionen weit unter meinem Niveau sind? Melde dich bei Leutnant Akito und störe mich nicht beim Lesen!"

Also wirklich... Wäre er der Erste heute, der mich bei der Ausübung meiner größten Leidenschaft gestört hätte, hätte ich ihn vielleicht netter behandelt, aber da vor ihm bereits 5 andere in mein Reich eingedrungen waren, waren meine Nerven bereits unangenehm stark gespannt. Genervt deutete ich auf die Tür, als das Lämmchen vor mir nur verdutzt dreinschaute, und setzte mich auf das Pult, auf dem ich zuvor im Schneidersitz mit einer Tasse Tee neben mir in ein wunderbares Buch vertieft gewesen war.
„Aber... Aber bei ihm war ich schon. Und Leutnant Akito meinte, ich solle mit dieser Angelegenheit Sie aufsuchen."

Irritiert verengte ich die Augen und verschränkte schließlich mit einem Seufzen die Arme vor der Brust.
„Dann lass mal hören... Aber beeil dich!"

Hastig nickte der Junge und begann sofort mit zitternder Stimme zu berichten:

„Unser Auftrag war es, eine Söldnerbande aus dem Weg zu räumen, die im Raum von Nagoya ihr Unwesen treibt. Doch entgegen der Beobachtungen, war die Bande um Einiges zahlreicher, sodass war schnell umzingelt waren."
„Und? Wenn es darum geht, dass deine Gruppe ausgerottet wurde – Damit habe ich nichts zu tun. Das ist nur Leutnant Akitos Schuld, da er sich verplant hat. Geh zu ihm..."
„Warten Sie!"
Während ich überrascht über den energischen Tonfall des Rekruten war, erschrak dieser wenige Sekunden nach seiner Aussage merklich, als er realisierte, dass er mich gerade unterbrochen hatte.
„Verzeihen Sie vielmals!"

Erschrocken verbeugte er sich tief und verharrte so stocksteif, was mich schmunzeln ließ. Dieser Rekrut war interessant...
Auch wenn er auf den ersten Blick verschüchtert und normal wie jeder andere Neuling wirkte, schien er doch ein Rückgrat zu besitzen. Sympathisch...
„Junge, wie heißt du?"
Zitternd hob der Braunhaarige vorsichtig den Kopf und antworte zögerlich:
„Anzuki Yoru, General."
Ich begann zu lächeln und packte den Jungen, bevor er reagieren konnte, im nächsten Moment schnell am Kinn. So zwang ich ihn dazu, mir direkt ins Gesicht zu blicken, was den Jüngeren deutlich zu verunsichern schien.
„Anzuki-kun also...~"
Wie putzig er seine Augen ängstlich weitete... Wie ein Hase unter der Krallen eines Fuchses...
„Du bist ein interessanter, junger Mann, Anzuki-kun...~ Ich werde dich im Auge behalten."

Während er mich noch immer wie hypnotisiert anstarrte, ließ ich ihn plötzlich ruckartig los, woraufhin der Junge sehr verwirrt blinzelte.
„Was wolltest du mir denn noch sagen?"
Meine Frage schien Anzuki-kun zum Glück wieder aus seiner Trance zu reißen, weswegen es ihm nach einigem Stottern gelang, eine Antwort zu formulieren.
„Gerade als die Söldner uns angriffen, erschien jedoch wie aus dem Nichts ein junger Mann. Innerhalb weniger Sekunden besiegte alle 50 Räuber, und dass ohne sich nur einen Meter zu bewegen."
Perplex blinzelte ich.
War das ein Witz?
Nein, das würde der Junge doch nicht wagen, oder?
Leutnant Akito hatte ihm offenbar diese Geschichte geglaubt und ihn sogar zu mir geschickt...
Ob es mit meiner Suche nach den besonderen Personen zusammenhing?
Ich hatte Akito-san zwar erst neulich davon erzählt, dass ich nach Kämpfern suchte, die genau wie ich außergewöhnliche Fähigkeiten besaßen, aber es war gut möglich, dass Akito-san deshalb Anzuki-kun zu mir geschickt hatte.

Vor Aufregung begann mein Herz um Einiges schneller zu schlagen.
„Wie hat er sie besiegt?"
Anzuki zögerte, was in mir den Wunsch erweckte, ihn an den Schultern zu rütteln, damit er weitersprach, doch zum Glück spannte er mich nicht zu lange auf die Folter.
„Ich bin mir sicher, Sie werden mir nicht glauben, General, aber ich vermute, er hat alle Gegner in einem riesigen Eiskristall gesperrt. Zumindest würde es erklären, warum die Söldner alle auf einmal gefangen waren. Fragen konnte ihn leider nicht, weil er genauso schnell verschwunden war, wie er gekommen war."

Ja!
Tatsächlich, ein Fähigkeitennutzer so wie ich!

Unbändige Freude kam in mir auf, die mich beinahe sabbern ließ. Doch ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, um mein Gesicht vor dem Rekruten zu wahren.
„Hat er irgendetwas gesagt?"
„Ich bilde mir ein, irgendetwas von Mittagsschlaf und Störung gehört zu haben..."
Ich begann zu grinsen. Dieser Typ hatte Stil. Er würde sicher ein gutes Spielzeug abgeben.
„Wie sah er aus?"
„Er trug einen einfachen, grauen Kimono. Seine Haare sind auffälliger gewesen: Sie sind nämlich ziemlich lang, aber zum Zopf gebunden."
„Farbe?"
„Schwarz. Ach ja, und er ist ziemlich dunkelhäutig!"
„Hm...~"

Gut gelaunt leckte ich mir über die Lippen und schwang mich vom Tisch, um zum Fenster zu gehen, auf dessen Fensterbank mein Mantel ruhte.
„Anzuki-kun, du weißt doch sicher noch, wo ihr auf die Söldner getroffen seid?"
„Natürlich, General!"
„Schön... Schön...~"
Ich lachte voller Vorfreude und zog mir den Mantel an.
„Dann wirst du mich jetzt dorthin führen."
„Jetzt sofort?"
„Natürlich! So ein großartiges Spielzeug lasse ich doch nicht entkommen! Komm!"



Und so bist du mehr oder weniger freiwillig in mein Leben geplatzt und hast meine Weltansichten auf den Kopf gestellt.
Meine Moral war auf einmal unmoralisch, mein Schuldbewusstsein fehl am Platz oder überraschenderweise erforderlich, mein Lächeln ehrlich oder falsch.
Du hast mich als Erster angesehen. Mich als Mensch, nicht nur als General.
Wahrscheinlich weißt du sogar besser als ich selbst über mich Bescheid.


„General Masaomi!"
„Hina... Hatte ich dir nicht gesagt, dass ich es dir gestatte, mich ohne Titel anzusprechen?"
Schmunzelnd wandte ich meinen Blick vom lodernden Lagerfeuer vor mir ab hin zu dem schwarzhaarigen Mann, der mich kühl wie immer musterte. Kritisch runzelte er auf meinen Einwand hin die Stirn, seufzte leise und wandte dann erneut das Wort an mich.
„Masaomi-san, das versiegelte Buch ist bei Samidare-dono in Empfang genommen worden. Die Mission ist damit beendet."
Ich lachte amüsiert.
„Warum so förmlich, Hina? Schön, dass du so schnell wieder da bist. Normalerweise behält einen der alte Quälgeist von Samidare noch mindestens drei Stunden, um einem das Haus zu präsentieren."
„Darum haben Sie mich geschickt, anstatt ihm das wichtige Dokument selbst zu überreichen?"
„Scharfsinnig wie immer...~"

Mein Lachen ging in ein Kichern über, während Yukihina keine Miene verzog. Seine Selbstbeherrschung war wirklich beneidenswert.
„Setz dich doch. Deine Füße müssen von dem langen Weg sicher schmerzen."
„Sie unterschätzen mich, Masaomi-san..."
Trotz dieser Entgegnung ließ sich Yukihina nach kurzem Zögern neben mir nieder, während ich ihn nun nicht mehr kichernd, sondern nur mit einem freundlichen Lächeln beobachtete.

Wie lebendig seine Augen im Schein des Feuers wirkten. Normalerweise schienen seine dunklen Iriden wie tot, doch jetzt im Licht der Flammen waren sie beinahe blau. Eigentlich hatte ich vermutet, seine Augen seien eigentlich braun, aber da hatte ich mich wohl getäuscht. Einer der vielen Aspekte, in denen ich mich in Yukihina getäuscht hatte...

Schweigend saßen wir nebeneinander und starrten in das Feuer vor uns, wobei ich merkte, dass Yukihinas Züge weicher als sonst wirkten, sogar seine sonst militärisch konsequent steife Körperhaltung entspannte sich merklich. Insgeheim freute mich dieser Anblick, denn ich mochte es nicht, wenn ich meinen Gefährten so verkniffen sah. Ich kannte seinen Stolz, doch oft verlangte sich Yukihina zu viel ab, auch wenn er seine daraus resultierenden Verletzungen und seine Erschöpfung vor mir versuchte zu verheimlichen.
Warum ging er nur so fanatisch oft an seine Grenzen?
Was wollte er beweisen?
Und vor allem wem?

Aber war ich in der Hinsicht anders?

Besorgt starrte ich auf meine Hände, die der Schwarzhaarige erst vor Kurzem nach einer unangenehmen Schlacht verbunden hatte, nachdem eine meiner neuen Techniken beinahe in einen Suizid ausgeartet wäre. Nun waren meine Hände fast komplett hautfrei, so schlimm hatte die Explosion gewütet. Yukihina hatte diesen Vorfall nur kommentarlos am Tag der Schlacht hingenommen und hatte mich aus dem Kampfgetümmel getragen, als ich durch die Schmerzen das Bewusstsein verloren hatte.

Erst später, am nächsten Morgen hatte er, als er meine Wunden verbunden hatte, gemeint:

„Sie sollten nur Risiken eingehen, die Sie abschätzen können. Sie brauchen sich nicht mehr beweisen – ihre physische Stärke ist unabstreitbar. Doch mein Urteil über ihre charakterliche muss ich wohl noch einmal überdenken."

Diese Worte hatten wehgetan. Ich hatte es mir selbst nicht erklären können, hatte es mir erst mit verletztem Stolz begründen wollen, doch mit jedem weiteren Mal in Yukihinas Anwesenheit wurde mir mehr und mehr klar, dass nicht mein Stolz in die Brüche gegangen war, sondern... sondern etwas, was ich wohl am ehesten als den Wunsch, Yukihinas Bewunderung auf persönlicher Ebene zu bekommen, beschreiben würde. Egal wie sehr ich es versuchte zu verleugnen, ich konnte Yukihina nicht als einfaches Spielzeug, eine Marionette meiner Fäden sehen. Dafür hatte er sich schon viel zu sehr in meinen Kopf eingeschlichen und meine Gedanken monopolisiert.


Warum also hast du mich hintergangen?
Weißt du überhaupt, was ich in dir gesehen habe?
Noch immer in dir sehen will, egal wie sehr du mich hasst?
Merkst du nicht, was ich für dich empfinde?
Wieso hörst du meine stummen Hilfeschreie nicht, warum fliehst du nicht, wenn ich dich darum anflehe?


„Du verdammter Mistkerl!"
„Hey, nicht so unhöflich, Hina! Sag bloß, du hast in den Jahren, in denen du von mir getrennt leben musstest, deine Manieren verlernt?"
„Verräter wie du verdienen keine Manieren!"
„Oh, ist das nicht ein bisschen harsch? Besonders, weil, wenn ich mich recht erinnere, du doch der Erste warst, der mich verraten hat… Oder habe ich mir die Schwertklinge in meiner Brust nur eingebildet?"
Leicht grinsend beugte ich mich hinab zu Yukihina, der herabgedrückt von sechs Seilen aus Licht wie wild zappelte, um sich aus seiner misslichen Lage zu befreien. Natürlich vergeblich, schließlich war es eine Fesseltechnik von mir, dem Meister der Fesselkünste.

Wie hilflos er da vor mir lag...
Ich konnte es mir nicht verkneifen, das inspirierend zu finden.
Yukihina war so stark und trotzdem konnte ihn unterwerfen. Das an sich war nicht so spannend, sondern vielmehr die Tatsache, dass mein früherer Untergebener sich immer wieder aufbäumte und unablässig versuchte, sich zu befreien.

„Fantastic... ~ Weißt du, Hina, du siehst ziemlich niedlich aus, wenn du so hilflos herumzappelst."
„Mist...Kerl!"
Ich lachte bloß schadenfroh und beugte mich noch tiefer zu ihm hinab, was meinen früheren Gefährten sichtlich anekelte.
„Für so einen Anblick bin ich gerne ein Mistkerl...~"
Empört schnappte Yukihina nach Luft und ich musste kichern, als ich bemerkte, wie er tomatenrot anlief.

Seit wann konnte man ihn denn so gut in Verlegenheit bringen?
Ich hatte bisher doch nur bemerkt, dass er schnell errötete, wenn man ihn für seine gute Arbeit lobte. Zumindest war das so gewesen, als er noch unter mir gedient hatte. Und das war lange her. Viel zu lange...

„Warum ergibst du dich nicht endlich deinem Schicksal, Hina? Deine Seele wird für immer mir gehören..."
Beinahe mitleidig lächelte ich ihn an, woraufhin der Rotschimmer augenblicklich verschwand, da Yukihina vor Wut erblasste. Für einen unerträglich langen Moment war er so still, als hätte er seine Zunge verschluckt und lag wie tot unter meinen Fesseln da, bevor er plötzlich vor Zorn berauscht wie wild um sich schlug, sodass ich schnell auf Sicherheitsabstand huschen musste, um keine Ohrfeige zu kassieren.
„Ich werde dich schon noch besiegen! Nie im Leben werde ich dir gehören! Du Monster!"

Vor Wut überschlug sich Yukihinas Stimme und er schaffte es zu meiner Überraschung sogar, seine Fesseln zu lösen. Seine Kraft war wirklich überwältigend.
Vor Staunen wie erstarrt beobachtete ich mit großen Augen, wie Yukihina zitternd aus vielen Wunden blutend auf die Beine kam. Es war wirklich unglaublich, wie er trotz seiner schweren Verletzungen überhaupt stehen konnte.

Nie im Leben hätte ich es jedoch erwartet, dass er mich auch noch angreifen würde, zwar nicht mit Eis, jedoch mit den erhobenen Fäusten.
Was für eine Willenskraft!
Beneidenswert.

Ich begann zu lächeln.

Es war wirklich die beste Entscheidung meines Lebens gewesen, vor diesem Mann auf die Knie zu fallen und ihn darum zu bitten, mein Teampartner zu werden.
„Ich bin nicht dein kleines Spielzeug, egal wie sehr du dir das wünscht!"
Keuchend wankte er auf mich zu und hob die Fäuste zum Schlag.

Doch gerade als seine blutenden Fingerknöchel meine Brust berührten, verlor sein Schlag urplötzlich an Wucht. Den Grund dafür erkannte ich sofort, denn da hörte ich das vertraute leise Zischen. Mit einem kleinen Leuchten veränderte sich Yukihinas Körper innerhalb von Sekunden, wurde kleiner, schmaler und deutlich kurviger.

„Lost."

Mit gerunzelter Stirn musterte ich die schwarzhaarige Frau vor mir, der das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben stand.
„Nicht... jetzt!"
Doch all der Protest nutzte Yukihina nichts, denn schon taumelte er, oder nun wohl eher sie, sodass sie schließlich gegen mich fiel.
„Zu...früh...!"
Wie blass und zerbrechlich Yukihina in meinen Armen lag... Als wäre mein früherer Gefährte nur noch eine leblose Puppe aus Glas. Auch wenn mir das gerade eine Verletzung erspart hatte, vielleicht sogar Schlimmeres, konnte ich mich bei diesem traurigen Anblick nicht freuen.

„Wieso...?"

Seine Stimme, nun wesentlich höher als zuvor, war kraftlos und zugleich versetzt mit einer Verzweiflung, die mir einen Schauder über den Rücken jagte.

„Wieso... tust du mir das an, Heike?"

Seine Worte waren nur leise, genügten aber vollkommen, um mir tausend glühende Messer in die Brust zu rammen. Ich wusste genau, wovon er sprach.
Schließlich teilten wir dasselbe Schicksal...

Verdammt dazu, ewig zu leben...

„Wieso quälst du mich so?"
Yukihina erzitterte unter meinen aufgeschürften Händen und auch ich wollte mich schütteln, da mir unheimliche Kälte die Kehle begann zuzuschnüren. Was war dieses Gefühl nur?
Und warum rief es ausschließlich Yukihina in mir hervor?
Was war das zwischen uns?

„Heike, liebst du das Leben?"

Die Frage kam unerwartet und ließ mich vor Überraschung scharf die Luft einziehen. Was bezweckte Yukihina mit dieser Aktion?
Welche Antwort erwartete er?
Doch überraschenderweise wartete er meine Antwort gar nicht ab, sondern sprach einfach mit brüchiger Stimme weiter:
„Mir hat es früher kaum etwas bedeutet. Und jetzt..."
Ein bitteres Lachen unterbrach seinen Redefluss.
„Jetzt verbringe ich schon 97 Jahre damit, ihm hinterher zu jagen. War das dein Ziel, Heike?"

Ich erstarrte, als Yukihina auf einmal seine Stirn gegen meine Brust lehnte, genau dorthin, wo mein Herz hastig schlug. Nach kurzer Stille, in der er nur andächtig mit geschlossenen Augen in dieser Position verweilt hatte, begann er auf einmal schwach zu lächeln.
Dieses Lächeln... Wann hatte ich es zum letzten Mal erblicken dürfen?
Es kam mir wie eine Ewigkeit vor.
Vermutlich war es das auch.

„Dein Herz... schlägt ja doch noch... Du lebst... Heike... "

Immer langsamer kamen die Worte über seine spröden Lippen, während die Augenlider immer tiefer sanken. Stumm schloss ich meine Arme fester um den entkräfteten Körper, der mir sonst entglitten wäre.
Vorsichtig legte ich ihn auf den Boden und verweilte für eine Weile kniend neben ihm. Wie erschöpft Yukihina aussah...
Ob er Recht hatte?
Hatte ich ihn durch das Nehmen seines Lebens zu ewigem Leid verdammt?


Ich will dich doch nur schützen. Weil du mir viel bedeutest.

Nein.

Weil du der einzige Grund bist, der mich noch am Leben hält.
Weil du der Einzige bist, der hinter meine Fassade schauen kann. Obwohl du dir dessen gar nicht bewusst zu sein scheinst.


„Heike?"
„Ja?"
„Warum stehst du hier?"
„Warum bist du hierhergekommen?"
„Du siehst einsam aus."
„Ich bin nicht einsam."
„Ach nein?"
„Nein. Du bist doch da, Hina."

Es war ein stummes Einverständnis, das wir uns gaben, als wir da in einer Einträchtigkeit, die wohl jeden in unserem Umfeld erstaunt hätte, nebeneinander auf dem Dach des Hochhauses standen. Die Sonne ging gerade unter und auch wenn einige trübe, graue Wolken die warmen Gelb-, Orange- und Rottöne trübten, war es doch ein hoffnungsspendender Anblick, besonders weil ich einen leichten Duft von Lavendel in der Nase hatte.

Yukihina hatte Lavendel schon immer geliebt, zumindest seitdem ich ihm diese Pflanze auf einer Mission gezeigt hatte.
Mit einem Schmunzeln erinnerte ich mich an seine vor Begeisterung glänzenden Augen, als er an den violetten Blüten der Pflanze geschnuppert hatte – es war einer der seltenen Momente gewesen, in denen er nicht seine eiserne Barriere aus Stolz und Selbstbeherrschung aufrecht erhalten hatte und dadurch doch etwas Menschlichkeit gezeigt hatte.

„Wollen wir bei Gelegenheit zu den Lavendelwiesen in Wakayama?"

Vorsichtig lächelnd wandte ich mich Yukihina zu, der daraufhin mich ebenfalls ansah. Erst war er sichtlich erstaunt, dann erhellte sich jedoch seine Miene und ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Ja, lass uns dorthin bald gehen. Wenn wir Eden wieder in geregelte Bahnen gebracht haben."
Ich erstarrte für einen Moment.
„Du... Du willst mir doch helfen?"
Da grinste Yukihina wirklich und wandte sich mir vollkommen zu.
War dieses Grinsen eher als bedrohlich oder freundlich einzuordnen?
„Du hast doch selbst bei unserem letzten Gespräch gesagt, die Arbeit würde sich mit einem Freund an der Seite leichter erledigen lassen. Hast du das bereits vergessen, Heike?"



Ob ich das Leben lieben würde – das hast du mich einst gefragt.

Nein.

Es lässt einen leiden, dieses launische, sadistische, transzendente Wesen, das nicht zu besiegen ist. Man verliert im Laufe des Lebens viel – oft zu viel. Sei es Freunde, Besitz, Energie, Motivation, Erinnerungen...
Ein langes Leben stumpft ab.
Normalerweise.
Aber wenn ich jetzt hier neben dir stehe, kann ich nicht anders antworten als:

Ja.

Denn ich habe nicht mehr verloren als gewonnen. Weil du an meiner Seite bist. Fragt sich nur, für wie lange noch.
Denn nun bist du nicht mehr verdammt zu leben und ich dadurch auch nicht.
Jetzt sind wir wohl verdammt zu sterben.

Irgendwann.

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