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"How long is forever?" "Sometimes, one second."

GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Das Weiße Kaninchen Der Märzhase Der Verrückte Hutmacher Die Grinsekatze Die Raupe Diedeldum & Diedeldei
03.09.2016
11.09.2016
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03.09.2016 1.023
 
Alle meine Gliedmaßen baumeln nach unten, während ich auf dem Ast eines alten Baumes liege. Seit Jefferson weg ist, ist Wonderland nicht mehr dasselbe. Ich habe keinen mehr, auf den ich aufpasse. Keinen mehr, den ich anschmachten kann. Und keinen, mit dem ich mehr reden kann.
Das Wonderland wirkt auch trister. Zumindest für mich. Die Farbe sind nicht mehr so bunt und die Wunder, die hier passieren, werden weniger.
"Du solltest ihn suchen, wenn er dir so fehlt."
Absolem kriecht unter meinem Ast herum und sieht zu mir hoch.
"Kriech weiter oder ich werf dich den Vögeln vor." murmel ich und schließe die Augen, um dieses Raupernvieh nicht mehr zu sehen.
Er ist das weiseste Geschöpf in ganz Wonderland, doch auch das Nervigste.
"Der Verlust von ihm hat so vieles in dir getötet, Cheshire." sagt Absolem und er denkt gar nicht daran weiter zu kriechen.
Er bleibt dort, wo er ist. Und das ist leider in meiner Nähe.
"Du bist in der Lage zwischen den Welten hin und her zu springen, doch du bist faul." redet Absolem weiter und ich verdrehe die Augen hinter den geschlossenen Lidern.
Vielleicht verschwindet er ja, wenn ich weiter nichts sage...
...doch so ist es nicht.
"Ich dachte immer, dass du ihn liebst."
"Pff..."
Ich öffne meine Augen und strecke mich. Danach springe ich vom Baum und lande elegant vor Absolem.
"...Liebe? Dieses Gefühl kann ich mir gar nicht leisten." sage ich.
"Dieses Gefühl muss man sich nicht leisten können, es ist einfach da. Und wir können alles entbehren, nur sie nicht."
"Jaja..." sage ich nur und wende mich von ihm ab um zu gehen.
"Gefühle zu unterdrücken ist nicht gesund, Cheshire. Niemals." ruft er mir hinterher, doch ich drehe mich nicht um.
ich kann dieses Gequatsche von Absolem nicht mehr ertragen. Ja, ich vermisse Jefferson und ja, er mag vielleicht recht haben, aber kann dieses Vieh sich nicht um wen anders kümmern, als um mich? Jedes Mal geht er nur mir auf den Geist. Er spielt Amor, Psychologe und Hobbyphilosoph. Kann er nicht einfach nur eine Raupe sein, von Ort zu Ort kriechen und die Klappe halten?
Auf meinem Streifzug durch das so trist wirkende Wonderland treffe ich auf so viele. Den weißen Hasen, den Märzhasen, die Haselmaus, Dideldei und Diedeldum und jeder grüßt mich, doch es gibt keine Antwort von mir.
Die gibt es schon lange nicht mehr. Seit das Wonderland seine Farben für mich verloren hat.
Dass das Wonderland nun so ist, wie es ist, ermüdet mich. Früher habe ich mich gerne sattgesehen an ihm, aber das kann ich nicht mehr. Der Anblick macht mich eher traurig.
Mein Weg, den ich unbewusst wähle, führt mich zu Bayard, dem Bluthund. Wir haben uns nie wirklich verstanden, denn er ist nicht gerade ein Katzenfreund und ich bin nicht unbedingt eine Hundenärrin, doch seit mein Sinn verbannt wurde, reden wir ziemlich häufig. Er nervt mich komischerweise auch nicht. Er versteht mich.
"Bayard?"
Er hebt den Kopf, als er seinen Namen hört und sieht mich mit seinem treuen Blick an, als ich mich nähere.
"Cheshire, du schon wieder?" fragt er in seinem langsamen Tempo und steht auf.
"Ja, Absolem hat mich nicht schlafen lassen und so musste ich flüchten." erkläre ich und setze mich auf den Boden.
Bayard setzt sich neben mich und legt seinen Kopf auf meinen Schoß. Langsam beginne ich seinen Kopf zu kraulen.
"Vielleicht war es ja dumm dich zu hassen, nur weil 'Katze' in deinem Namen steckt." murmelt er, während ich über seinen Kopf streichel.
"Ich frage mich aber, warum du eine Katze bist, jedoch deine Gestalt von menschlicher Natur ist."
Ich zucke mit den Schultern.
"Darauf kann ich dir nur eine Antwort geben. Typisch Wonderland. Hier ist doch nichts normal und kaum etwas ergibt Sinn."
"Für Absolem schon."
"Für den ergibt doch sogar Unsinn einen Sinn. Ich befürchte, dass ihm das Inhalieren von seinen Kräutern überhaupt nicht bekommt." sage ich und lache kurz.
"Was meinte er denn eigentlich so?" fragt Bayard.
"Den täglichen Quatsch. Gefasel über Liebe und so..." antworte ich und sehe mich um.
Bayard hebt den Kopf und sieht zu mir.
"Klingt nicht nach Quatsch."
"Für mich schon."
"Für dich klingt eben jeder Sinn Unsinn. Wahrscheinlich magst du die Raupe ja deswegen nicht. Ihr seht zu Verschiedenes."
"Wieso spielt hier jeder Psychologe?" frage ich leicht genervt und springe auf.
"Jefferson würde alles so hin nehmen und mir keinen Vortrag halten oder meine Psyche analysieren und schauen, was für mich Sinn macht."
"Dann solltest du mit ihm reden, wenn er ein besserer Gesprächspartner ist." sagt Bayard und geht wieder zu seiner Hundehütte, um sich dort nieder zu lassen.
Er schließt seine Augen und scheint kurz daraufhin leicht einzunicken.
"Ich kann doch nicht." murmel ich.
"Wieso?" brummt Bayard mit geschlossenen Augen.
"Weil..."
Weiter weiß ich nicht. Es gibt keine Grund, warum ich nicht kann. Ich kann, aber ich bin, wie Absolem eben sagte, faul. Selbst für meinen geliebten Hutmacher kann ich mich nicht aufrappeln und durch meinen Spiegel in die Welt huschen, in der er feststeckt. Wie traurig das ist. Und wie ekelhaft von mir.
"Du findest keinen Grund, wie ich höre. Also geh und such deinen Freund. Du brauchst die Gespräche mit ihm, sonst gibt es bald kein Wonderland mehr." brummt Bayard.
Stumm sehe ich zu ihm und ich verstehe nicht, was das Letzte von ihm zu bedeuten hat, aber ich kann hier sowieso kaum wen verstehen. Sie verstehen mich alle, doch ich sie kaum. Außer eben Jefferson.
"Begleitest du mich?" frage ich, aber der Hund gibt mir keine Antwort.
"Dann eben nicht." murmel ich und gehe.
Wohin ich muss, weiß ich nicht, aber die Bindung, die wir haben, wird mich schon richtig leiten. Selbst in dieser Welt, in der er sich gerade befindet und quält.
 
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