Buntes Sammelsurium von Kurzgeschichten.

GeschichteFantasy / P12
02.09.2016
12.02.2017
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Der Meister saß in seinem Arbeitszimmer auf einem Stuhl. Der Raum war vollgestopft mit Regalen, in denen Hunderte von Büchern,Tausende Gefäße mit getrockneten Kräutern und alchemistische Geräte ihren Platz fanden. Ein großer Schrank mit Glastüren barg eine gewaltige Sammlung von Flaschen, Schachteln, Krügen, Tigeln und Phiolen. In jedem dieser Behältnisse befand sich der Tod, in all seinen Formen. In der Mitte des Raums befand sich ein schlichter Tisch mit zwei ebenso schlichten Stühlen. Hinter dem Meister stand an der Wand ein Waschbecken, welches in diesem Raum fehl am Platz schien. Gegenüber des Meisters saß dessen Schüler.
Beide trugen einfache braune Leinenhosen und Hemden aus ungefärbter Wolle. Die hatten kurze Haare, der Meister in schwarz und der Schüler in braun. Jeder der beiden war glatt rasiert und hatte einen schlanken, sehnigen Körper, der ihn nur wenn er nackt war, als einen schnellen und starken Kämpfer entlarvte. 20 Jahre trennten sie, doch es sah aus als wären es nur 10, als wären sie Brüder.
"Also Junge, was hast du gelernt?", fragte der Meister.
"Das meiste von dem, was ihr mich lehren konntet", antwortete der Schüler.
Das stimmte. Er konnte klettern, springen, schleichen, einbrechen, sich verstecken, sich tarnen, bei Nacht unsichtbar werden, in Menschenmassen untertauchen, Gifte mischen und verabreichen, fliehen und kämpfen. Ja, kämpfen. Mit Messern und Dolchen, Schwertern und Degen, Säbeln und Äxten, Streitkolben und Morgensternen, Kriegsflegeln und Hämmern, Lanzen und Speeren, Armbrüsten und Bögen, Stäben in allen Längen, Blasrohren und allen Waffen die sich werfen ließen. Er beherrschte auch den waffenlosen Kampf. Seine Hände und Füße, Knie und Ellenbogen und Schienbeine waren Waffen und seine Unterarme waren Schilde.
Wie eine Kobra, so schnell, schoss die Hand seines Meisters vor und landete klatschend auf der linken Wange des Schülers. Dieser zuckte nicht mit der Wimper. Er registrierte den Schmerz, prüfte mit der Zunge, ob seine Zähne noch an ihren Plätzen waren und schob den Schmerz dann zur Seite. Dies war die brutalste Lektion gewesen, die er gelernt hatte und die Erste , die er gemeistert hatte.
"Natürlich habe ich das. Du hast alles gelernt, was du in unserem Gewerbe können musst, mehr noch, genug um eins einer der Besten zu werden, aber zu wenig um mir gleich zu kommen. Solltest du mich einst töten sollen, musst du deine eigenen Tricks entwickeln, sonst wirst du sterben. Also, die Merksätze und ihre Bedeutungen. Wehe du lässt etwas aus!", knurrte der Meister.
"'Steh nie unbedarft auf.' Wenn man aufwacht, soll man sich sofort bewusst werden, was um einem herum passiert. Was man fühlt, was man hört, was man sieht und was man riecht. Am wichtigsten, was einem der sechste Sinn sagt", sagte der Schüler.
"Und was man schmeckt?", fragte der Meister.
"Ist eher unwichtig. Viele Gifte sind ohne Geschmack und wenn man doch eines schmeckt oder etwas das man nicht am Abend zuvor gegessen hat, hat man es verdient zu sterben", antwortete der Schüler und als sein Meister keine Einwände erhob fuhr er fort:
"'Trainiere immer vor dem Scheißen.' Wenn man vor dem Gang zum Abtritt oder dem Frühstück trainiert, kann man auch davor kämpfen, wenn es sein muss.
'Iss immer gut, werde immer satt aber stopfe dich nie voll.' Man soll stets genug essen, zu gleichen Teilen mageres Fleisch, Käse, Brot und Gemüse. Aber nie so viel, dass man danach am liebsten schlafen würde. Wenig Zucker und nur starke Gewürze, wenn es der Auftrag erlaubt. Dies führt zum nächsten Satz:
'Sei ohne eigenen Geruch.' Keine starken Gewürze essen, sich vor jedem Auftrag waschen und die verschiedenen Düfte nur auf die Kleider auftragen. Der richtige Geruch ist eine Verkleidung, genau wie eine Tracht.
'Sei nicht schwarz, sei farblos.' Nur in der Nacht kleidet sich der Auftragsmörder in schwarz. Selbst dann ist ein dunkles fleckigen Grau die bessere Wahl, da es die Konturen verschwimmen lässt, wenn das Licht schlecht ist. Jeder bemerkt einen schwarz gekleideten, vermummten Mann, aber niemand bemerkt jemanden der so aussieht als gehöre er dahin, wo er gerade ist."
"Sehr gut. Das waren die ersten vier. Weiter", lobte ihn sein Meister.
"Gewöhne dich an alles.' Körper und Geist müssen alles erdulden können. Hitze oder Kälte, Schmerz, Hunger oder Durst. Selbst an Gifte muss der Körper gewöhnt werden. An alle ist unmöglich. Einige töten in der kleinstmöglichen Dosis, an andere kann man sich nicht gewöhnen. Es gibt viele Gifte, zu viele um dich an alle zu gewöhnen, an die man sich gewöhnen kann. Man muss eine Auswahl treffen und diese mit bedacht.
'Lies die Stadt wie ein Buch.' Man muss mit einem Blick die Stimmung on der Stadt lesen können. Kann man dies nicht, versagt man.
'Habe immer zwei Pläne zu viel.' Wenn etwas schief gehen kann, soll man erwarten, dass es schief geht. Zwar überleben die wenigsten Pläne den ersten Schritt ihrer Ausführung, dochwer ohne Plan handelt, handelt ohne Kopf.
'Sei nur den flachen Königen treu.' Man soll sich nie in eine Abhängigkeit locken lassen. Töteam einen Tag für den einen, aber wenn andere deinen Tod wollen, lass dich von ihnen bezahlen und töte ihn.
'Du bist kein Künstler.' Es gibt keinen perfekten Mord, keinen perfekten Stich, keinen perfekten Schuss. Strebe nach Perfektion, aber begnüge dich mit allem, was den Auftrag erfüllt.
'Töte in Maßen.' Du wirst für eine bestimmte Anzahl an Toten bezahlt, doch nie für deinen eigenen. Hinterlass keine Zeugen, die dich wiedererkennen können. Töte jeden auf der Flucht, der dir gefährlich werden kann, doch gerate nie in einem Blutrausch.
'Bewahre stets Reserven.' Zeige im Kampf nie alles, was du kannst. Tu es nur, wenn du sonst nicht gewinnen kannst. Es kann immer sein, das dich noch jemand beobachtet. Ein guter Kämpfer wird sofort wissen das er dich nie besiegen kann, aber du musst ihn keine Tipps geben.
'Tu was du kannst und lass was du nicht willst.' Nimm keinen Auftrag an, den du nicht erfüllen kannst und auch keinen den du nicht erfüllen willst. Wenn doch, verzehnfache den Preis.
'Trainiere stets mit Waffen, die dir nicht liegen.' Manche Aufträge verlangen spezielle Waffen. Trainiere mit allen Waffen, doch besonders mit denen, die du nicht magst. Nur wenig ist schlimmer als ein Auftrag, der mit einem Schuss erledigt werden soll, in einem Blutbad endet.
'Sei kein Aktrobat.' Auch wenn man aufwendige Aktionen beherrscht, sollte man bei den einfachen bleiben. Wer Tritte im Kampf gegen einen guten gegner einsetzt, die höher als zum Knie zielen, verliert den sicheren Stand und kann auf den Arsch gesetzt werden. Wer Sprünge einsetzt, kann seine Flugbahn nicht korrigieren. Sprünge im Kampf sind etwas für Vorführungen aber nicht für den echten Kampf.
'Verliere niemals!' Egal wobei, betrüge zur Not, aber verliere niemals. Gewinnen ist bedeutungslos, aber zu verlieren ist eine Beleidigung, die man sich selbst mit aller Verachtung und Gesicht schleudert.
'Lass keine Beleidigung ungesühnt.' Räche dich nicht sofort, aber räche dich. Trage die Maske der Unterwürfigkeit, doch sei darunter stolz. Bist du unterwürfig, wirst du nutzlos. Jedoch bleibe verhältnismäßig. Töte niemand, weil er deinen becher Wein um stößt.
'Gehe jeden Auftrag mit klarem Kopf an.' Wenn man den Kopf voller Gedanken hat, betrunken oder berauscht ist, dann sollte man zu Hause bleiben. Erst nach dem Auftrag sollte man sich berauschen, in die Schenke gehen, oder sich den Kopf, worüber auch immer, zerbrechen.
'Erst wenn der Auftrag erledigt ist, ist er erledigt.' Erst wenn das Ziel tot ist, ist der Auftrag erledigt. Man muss jeden Auftrag erledigen, sonst gibt es keine neuen.
'Gehe immer auf Nummer sicher.' Wenn der es erfordert, das dein Ziel durch Stahl stirbt, vergifte diesen. Wenn es durch Gift sterben soll, nimm die anderthalbfache Dosis.
'Gefühle töten einen Attentäter.' Wenn du dich von Gefühlen leiten lässt, wirst du angreifbar. Lass die Gefühle in deinem sicheren Haus, wenn es nicht anders geht.
'Schmerz ist eine Warnung, doch lass dich von ihm nicht ablenken.' Wenn du dich verletzt, dann ignoriere den Schmerz, bis du zu Hause bist. Der Schmerz ist eine Warnung des Körpers, also höre auf ihn, aber erst wenn der Auftrag erledigt ist.
'Lass alles zurück, wenn es sein muss.' Man muss Freundschaften schließen, Deals abschließen und Gefallen tun, aber wenn du niemand einfach sterben lassen kannst, dann wird man diese Leute als Druckmittel gegen dich einsetzen. Dadurch wirst du sterben.
' Nur eins ist sicher, das man nie sicher ist.' Nirgends ist man absolut sicher. Würde man in einem Tresor schlafen, würde ein Feind ein Lagerfeuer in diesem Tresor herum entfachen, während man schläft.
'2 sind gut, 4 sind besser.' Habe mindestens vier sichere Häuser, mit allen Dingen, die du brauchst. Jedes Haus muss so eingerichtet sein, dass du bei Verlust weiterarbeiten kannst, wenn alle paar Jahre wirst du eines verlieren. Suche jedes einmal in der Woche auf.
'Sei jedermann und niemand.' Du kannst nicht alles selbst herstellen. Vieles muss man kaufen. Für jeden Händler braucht man eine andere Identität.  Genau wie für jede Gesellschaftsschicht und für die Unterzeichnung der Verträge. Verändere dazu mit Kleidung, Perrücken und Schminke dein aussehen. Verstelle deine Stimme, aber nur so sehr das es unglaubwürdig wird.
'Das Lernen endet nie.' Eigne dir immer neue Fertigkeiten an. Mit jeder Fertigkeit, die du lernst, kannst du eine neue Tarnung annehmen. Je mehr du kannst, desto mehr Aufträge kannst du erledigen.
'Suche den Frieden und fliehe vor dem Krieg.' Unser Gewerbe floriert im Krieg, aber jeder Soldat kann durch einen verirrten Pfeil sterben. Dagegen hilft keine noch so gute Ausbildung, sondern nur Glück und nur Narren verlassen sich darauf.
'Habe stets einen Ausgleich.' Suche dir ein Hobby. Auch mit Aufträgen, Besorgungen und dem Training hast du noch genug Mußestunden. Suche für etwas, das die Freude bereitet. Lies oder schreibe Bücher, leg dir einen Garten an oder fang zu spielen. Dies bietet dir Entspannung und du kannst damit neue Tarnungen entwerfen.
'Habe nie Spaß am töten.' Der letzte und wichtigste Merksatz. Das Töten ist eine Arbeit. Wenn du Spaß am töten hast, wird es zu einer Sucht. Wenn es zur Sicht wird, wirst du nachlässig und dadurch stirbst du", beendete der Schüler seinen Vortrag. Der meister nickte und stand auf.
"Sehr gut. Du bist nun selbst ein Meister, oder fast", sagte er und zog aus seiner Hosentasche einen Brief und einen Schlüssel. "Dies ist dein letzter Auftrag als Schüler. Erledige ihn und du bist ein Meister und dieses Haus mit allen darin gehört dir. Versagst du, erwarte ich dich hier und töte dich. Hoffentlich trinken wir irgendwann als Kollegen zusammen ein Bier."
mit diesem Worten verließ der Meister den Raum und Sekunden später das Haus.
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