Nächte wie Feuer

KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
Timothy Tiberius "Timmy" Turner
30.08.2016
30.08.2016
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Der blasse Schein des Vollmondes schimmerte matt durch mein Zimmerfenster herein und ließ ein paar dunkle Schatten über die Wand tanzen. Rasch hüllte ich mich fester in meine Bettdecke ein und warf einen Blick auf die dunkelgrünen Ziffern meines Digitalweckers auf dem Nachttischchen, die, vom Licht des Mondes mal abgesehen, das einzige waren, das die Dunkelheit zerbrach.
Inzwischen war es schon kurz vor Mitternacht, doch ich konnte immer noch keine Ruhe finden. Ich konnte mich nicht einfach umdrehen, meine Augen schließen und einschlafen. Ich konnte das Beben in meinem Bauch, das aufgeregte Zittern meines ganzen Körpers nicht einfach so abschalten. Konnte das Herzflimmern nicht ignorieren, das mir wieder einmal jeglichen Schlaf raubte, weil ich wusste, dass es nichts bringen würde.
Ich wusste, dass mich die Sehnsucht längst in ihrer Gewalt hatte und nicht die geringsten Anstalten dazu machte, mich wieder loszulassen. Das Verlangen hatte mal wieder über meine Vernunft gesiegt und machte mir bewusst, dass ich wehrlos war. Wehrlos gegen dieses starke Gefühl, das sich jede Nacht um diese Zeit in mir ausbreitete.
Seit es vor sieben Wochen begonnen hatte, fieberte ich jedes Mal sehnsüchtig diesem Augenblick entgegen. Diesem einen Augenblick, der mein Herz beim bloßen Gedanken daran schneller schlagen ließ. Der mich atemlos machte und meine sämtlichen Sinne betäubte.
Jede Nacht durchflutete mich dieses Gefühl, während ich hier in meinem Bett lag, mich eng in meine Decke kuschelte und wartete. Auf diesen einen, besonderen Moment wartete, nach dem ich mich schon den ganzen Tag über gesehnt hatte. Diesen Moment, der die Welt um mich herum stillstehen ließ, sie einfach ausschaltete, als würde sie überhaupt nicht existieren und meine sämtlichen Gedanken in seinen Bann zog.
Dieser Moment war es, der mich auch heute Nacht überhaupt nicht daran denken ließ, einzuschlafen. Der mich Nacht für Nacht wachhielt, damit ich nicht eine einzige Sekunde davon versäumte. Es war der Moment, dem ich auch jetzt wieder mit Spannung und Herzklopfen entgegenfieberte. Der eine Moment, wenn er zu mir kam.
In dem er plötzlich wie aus dem Nichts auftauchte und mir aus diesen klaren, königsblauen Augen heraus einen unmissverständlichen Blick zuwarf. Einen Blick, der mir ohne ein einziges Wort vermittelte, wie sehr er mich vermisst hatte. Wie sehr er unsere gemeinsamen Nächte liebte und genoss.
Dieser eine, einzige Augenblick in jeder Nacht, wenn er mit leisen Schritten zu meinem Bett herüberkam und sich langsam zu mir setzte. Wenn er nach meiner Hand griff und sie lächelnd streichelte, bevor er zu mir unter die Decke schlüpfte und mich eng an sich heranzog. Mich mit seinen Küssen, seinen Blicken und Berührungen verzauberte und ihm erlegen machte. Mir dadurch zeigte, dass er mich liebte. Dass er mich brauchte. Mich WOLLTE. Mich nur für sich haben wollte. Für sich ganz allein.
So viele Nächte waren inzwischen vergangen, seit es das erste Mal zwischen uns passiert war. So viele besondere, zärtliche Stunden hatten wir bereits miteinander geteilt. So viele Küsse ausgetauscht. So oft hatten wir uns seitdem schon geliebt. Uns heiß und tief geliebt.
Unzählige Male hatte ich meine Finger bereits durch sein seidiges, schwarzes Haar gleiten lassen, um mich zu vergewissern, dass er wirklich da war und dass ich das alles nicht nur träumte. So oft hatte ich mit der Hand nach ihm getastet und mir gewünscht, sie niemals wieder loslassen zu müssen. So oft hatte ich bereits in seinen Armen gelegen und mich eng an ihm festgehalten. Hatte ihm leise ins Ohr geflüstert, wie sehr ich ihn liebte und dass ich ihn für immer so nah bei mir spüren wollte. Hatte ihn mit Tränen in den Augen angesehen und ihn angefleht, für alle Zeit bei mir zu bleiben. Den Kopf in seiner starken Schulter vergraben und aus Schmerz geweint.
Aus Schmerz darüber, dass er wieder von mir gehen würde, sobald die Morgensonne hinter den Dächern aufging. Dass der wunderschöne Traum einer Nacht ein weiteres Mal in der eiskalten Realität zerbrechen würde. Dass der neue Tag mich ein weiteres Mal von ihm trennen und meine Sehnsucht erneut hochkommen lassen würde. Mich einen weiteren Tag lang begleiten würde, bis endlich wieder die Nacht kam und ihn zu mir zurückbrachte, um dieses Spiel von neuem beginnen zu lassen.
Dieses zärtliche Spiel, das wir seit nunmehr sieben Wochen miteinander spielten. Das ich auf der einen Seite so sehr liebte, auf der anderen Seite jedoch über alle Maßen hasste. Das mich einerseits auf Wolken schweben ließ und mich atemlos machte, mir aber andererseits tausend Pfeile durch das Herz jagte und mich vor Liebeskummer fast umbrachte.
Weil ich genau wusste, dass es nur eine Nacht war. Nur eine einzige Nacht, um meine Zeit mit ihm zu teilen und ihm meine Gefühle zu schenken. Nur eine Nacht, um ihn spüren zu lassen, wie viel er mir bedeutete. Eine Nacht, die uns ein weiteres Mal auseinanderreißen würde, sobald der neue Tag anbrach.
Wie oft hatte er mir nun bereits versprochen, dass er eines Tages jedes Morgenrot mit mir sehen würde? Wie oft hatte er bereits gesagt, dass uns eines Tages nichts und niemand mehr voneinander trennen würde? Wie viele Male hatten wir bereits darüber gestritten, dass er mich zu oft allein ließ und mein Verlangen nach ihm so stark war, dass ich es kaum mehr in Zaum halten konnte? Wie viele Male war er einfach gegangen und hatte mich mit meinem Schmerz und meinen Tränen zurückgelassen?
Zu oft. Viel zu oft. Viel zu oft hatte ich ihn einfach von mir gehen lassen und nicht einmal den Versuch gemacht, ihn aufzuhalten. Zu oft hatte mir der erneute Abschied von ihm bereits das Herz zerrissen und mich in Tränen ausbrechen lassen. Zu oft hatte ich mir bereits geschworen, ihn festzuhalten und es nie wieder geschehen zu lassen, dass er fortging. Und doch war es jedes Mal wieder dasselbe. Jedes Mal, wenn der Morgen kam, verschwand er, genauso schnell wie er gekommen war. Jedes Mal ließ er mich in meiner Einsamkeit zurück und ignorierte meine Worte, mit denen ich ihm vergeblich zu vermitteln versuchte, dass ich ihn brauchte. Ihn Tag und Nacht an meiner Seite brauchte und es nicht aushielt, ein weiteres Mal seine Nähe zu verlieren.
Ich hatte genug. Ich hatte endgültig genug davon, mich immer wieder von ihm zu trennen, nur um zu verhindern, dass jemand hinter unser Geheimnis kam. Ich hatte genug davon, mir seine Erklärungen darüber anzuhören, dass es besser war, wenn niemand etwas von uns beiden wusste. Ich ertrug es einfach nicht mehr, mich tagsüber von ihm zu distanzieren und so zu tun, als wäre da überhaupt nichts. Hielt es nicht mehr aus, dass er in der Schule mit den Mädchen flirtete und ihnen mehr als eindeutige Blicke zukommen ließ.
Er gehörte zu mir. Er gehörte verdammt noch einmal zu mir. Und ich wollte auch, dass die ganze Welt das wusste. Ich wollte, dass sie erfuhren, in welcher Beziehung wir beide zueinander standen. Ich wollte ihn öffentlich meinen Freund nennen dürfen und nicht mehr vorgeben, dass sich zwischen uns nicht das Geringste abspielte. Ich wollte, dass die Mädchen endlich damit aufhörten, ungeniert mit ihm zu flirten und ihm ihre Telefonnummern zuzustecken, in der Hoffnung, dass er sich bei ihnen melden würde.
Er war mein Freund, zum Teufel noch einmal! Ich war derjenige, an dessen Seite er gehen und mit dem er seine Zeit verbringen konnte. Ich war der, mit dem er flirten und herumturteln konnte. Den er an die Hand nehmen und küssen konnte, wann es ihm gefiel. Ich war der, der ihn über alles liebte.
Da hatte ich doch wohl auch das verdammte Recht dazu, dass er sich zu mir bekannte! Dass er endlich öffentlich zu unserer Beziehung stand und nicht ständig versuchte, sie so gut wie nur möglich zu vertuschen, damit ja niemand auch nur den Hauch eines Verdachtes schöpfte. Ich wollte nicht bloß ein Spielzeug für ihn sein, mit dem er nachts seinen Spaß haben konnte und das tagsüber in irgendeiner Ecke verstaubte. Ich wollte mehr sein als nur sein Lover, an dem er sich nachts austobte und von dem er sich tagsüber distanzierte, als würde er ihn gar nicht kennen.
Ich liebte ihn, verflucht! Ich liebte ihn mehr als ich es mit Worten jemals zum Ausdruck bringen konnte. Und er hatte zu mir gesagt, dass er dasselbe für mich empfand. Dass er sich richtig in mich verliebt hatte und jede Nacht, die wir zusammen verbrachten, über alle Maßen genoss.
Warum zum Teufel behandelte er mich dann wie ein Stück Dreck?! Warum ging er immer auf Abstand, wenn wir unter Menschen waren? Warum versuchte er, so zu tun, als sei zwischen uns rein gar nichts? Als wären wir lediglich zwei gute Freunde?
Warum konnte er nicht endlich über seinen Schatten springen und zu mir stehen? Den anderen sagen, dass ich sein fester Freund war und dass er mich über alles liebte? Warum erzählte er das immer bloß mir? Warum hielt er nicht endlich einmal sein Versprechen, dass wir eines Tages zusammen sein konnten, ohne uns dabei verstecken zu müssen? Dass endlich Schluss war mit dieser Heimlichtuerei und wir jeden Morgen zusammen aufwachen würden?
Wann zur Hölle war denn dieser Tag endlich da? Wann machte er endlich den entscheidenden Schritt und bekannte sich zu mir und unserer Beziehung? Wie lange wollte er mich noch mit Ausreden und Erklärungen vertrösten? Wie lange wollte er mir noch weismachen, dass es seine bescheuerte Coolness in Gefahr bringen würde, wenn das mit uns beiden herauskam? Warum konnte er sich nicht einfach dazu bekennen? Mich an die Hand nehmen und dazu stehen, dass sein Herz mir gehörte?
Nur, weil er vertuschen wollte, dass er schwul war? Nur, weil er befürchtete, dass die anderen ihn dann nicht mehr für cool hielten, wenn jemand erfuhr, dass er auf Jungs stand? Nur aus diesem Grund machte er so ein Riesentheater als würde davon die gesamte Welt untergehen?
Es wollte mir nicht in den Kopf. Es wollte mir partout nicht in den Kopf. Ich begriff einfach nicht, wie er auf der einen Seite zu mir sagen konnte, dass ich sein Liebling war, sich auf der anderen Seite aber davor scheute, es jemandem zu erzählen. Wenn er mich tatsächlich so abgöttisch liebte, wie er immer behauptete, warum veranstaltete er dann so einen Zirkus? Warum bestand er darauf, dass wir uns nur nachts sehen konnten, weil es tagsüber zu riskant war?
Hatte er überhaupt eine Vorstellung davon, wie weh das tat? Wie sehr er mich mit seinem Verhalten verletzte? Wusste er, dass er mir das Herz damit brach, wenn er einfach mit jedem Mädchen flirtete, das ihm über den Weg lief, während ich dabei zusehen musste und rein gar nichts dagegen unternehmen konnte? Wusste er, wie einsam ich mich oft fühlte, während ich die endlosen Stunden zählte, bis es endlich Mitternacht war? Wusste er, wie verflucht weh es tat, mich immerzu von ihm zu distanzieren? Wusste er das?!
Nein, natürlich wusste er das nicht. Er wusste nicht, dass mich die Sehnsucht nach seiner Nähe langsam aber sicher zerfraß. Er wusste nicht, dass ich ihm am liebsten an den Hals springen würde, wenn er mit einer unserer Mitschülerinnen herumturtelte und ihr schöne Augen machte. Er nahm mich nicht ernst, wenn ich ihm sagte, dass ich ihn für mich allein haben wollte. Er lachte nur. Er lachte mich aus.
Zerstörte meine Träume von dem glücklichen Pärchen, die ich mir ausgemalt hatte, als wir uns das erste Mal getroffen hatten. Zerstörte meine Hoffnung darauf, dass er eines Tages über seinen Schatten springen und zu uns stehen würde. Ich war ihm nichts wert. Ich war ihm überhaupt nichts wert.
All die Worte, die ganzen Versprechen, die er mir Nacht für Nacht ins Ohr flüsterte, wenn wir uns in den Armen lagen, waren bedeutungslos. Sie waren vollkommen bedeutungslos und leer. Er liebte mich nicht. Er liebte mich überhaupt nicht. Ich war nichts weiter als ein Flittchen für ihn, das er ganz nach seinem Belieben benutzen konnte. Ich war eine Hure. Eine billige, wertlose Hure.
Tränen liefen ein weiteres Mal über mein Gesicht hinab, während ich darüber nachdachte. Tränen der Wut und der Verzweiflung. Ich liebte ihn doch. Ich liebte ihn über alles. War dazu bereit, mich öffentlich zu uns zu bekennen und den anderen klarzumachen, dass er zu mir gehörte. Dass ich bis ans Ende der Welt gehen würde, nur um ihn glücklich zu machen.
Und er sah es nicht. Er sah einfach nicht, wie abgrundtief ich mich in ihn verliebt hatte. Sah die Tränen nicht, die ich alle nur wegen ihm weinte. Alles, was er konnte, war mir die Ohren damit vollzusäuseln, dass eines Tages alles anders werden würde. Dass wir eines Tages ein echtes Pärchen werden würden.
Aber wann?! Zum Teufel noch einmal, wann?! Er hatte es mir versprochen! Er hatte mir verdammt noch einmal versprochen, dass er zu mir gehörte! Dass er absolut alles dafür tun würde, um immer mit mir zusammen sein zu können.
Stattdessen lachte er mich aus. Verspottete mich für meine Vorstellung von uns beiden als festes Pärchen. Verpasste mir einen Messerstich nach dem anderen. Das war keine Liebe. Das war verdammt noch einmal keine Liebe! Aufgelöst vergrub ich meinen Kopf in den Händen und weinte. Weinte meinen Schmerz und meine Wut über ihn heraus.
Warum musste es mir auch so verdammt wehtun? Warum konnte ich nicht einfach stark sein und diesem herzzerreißenden Spiel ein Ende setzen? Warum konnte ich ihm nicht endlich sagen, dass es mir unglaublich wehtat, ihn jedes Mal wieder gehen lassen zu müssen? Dass ich so nicht mehr weitermachen wollte und er sich entweder für oder gegen mich entscheiden musste? Warum konnte ich ihm nicht einfach ein Ultimatum setzen und ihn, wenn er sich nicht daran hielt, zur Hölle schicken?
Weil ich ihn liebte. Weil ich ihn über alles auf dieser Welt liebte. Weil mein Herz zu rasen begann, wenn ich ihn nur in meiner Nähe sah. Weil ich jedes Mal wie Wachs zerschmolz, wenn er mich mit diesen sanften, zärtlichen Händen berührte. Weil mein ganzer Körper kribbelte, wenn ich mich ganz nah an ihn kuschelte und den süßlich-milden Duft seiner weichen, schwarzen Haare einatmete. Weil ich ihm verfallen war. Völlig verfallen.
Nur darum klammerte ich mich verzweifelt an den letzten Strohhalm, der mir noch geblieben war. An die einzige Hoffnung, für die es sich lohnte, diesen ganzen Schmerz zu ertragen. Die Hoffnung darauf, dass er sein Versprechen ernst gemeint hatte. Dass er mich eines Tages an die Hand nehmen und mir sagen würde, dass er niemals wieder von mir fortging. Dass er endlich den Mut gefunden hatte, sich öffentlich zu uns beiden zu bekennen und fortan jede Sekunde mit mir teilen wollte.
Nur aus diesem Grund gab ich nicht auf. Aus diesem Grund betete ich Tag für Tag, dass er mir endlich erzählen würde, was ich mir schon so lange Zeit von ihm wünschte. Dass er bereit war. Dass er endlich dazu bereit war, zu unserem Glück zu stehen. Mich an die Hand zu nehmen und den anderen alles über unsere Beziehung zu berichten. Alles über die ganzen leidenschaftlichen Nächte, die wir schon zusammen verbracht hatten. Über die vielen Küsse, die wir getauscht hatten. Die vielen Berührungen. All die einmaligen, unglaublichen Momente.
Auf diesen Schritt wartete ich. Auf diesen einen, entscheidenden Schritt, der endlich jegliche Zweifel in mir ersticken würde. Der Schritt, der mir ein für alle Mal bewies, dass seine Worte der Wahrheit entsprachen. Dass er mich wirklich liebte. Genau wie ich ihn.
Darum musste ich ihm noch einmal deutlich klarmachen, wie wichtig es mir war, dass er endlich öffentlich zu mir stand. Dass er unsere Liebe nicht mehr länger versteckte, sondern geradeheraus sagte, was Sache war. Dass wir beide ein Pärchen waren. Ein junges, verliebtes und glückliches Pärchen.
Auch wenn wir dieses Thema mittlerweile tausende Male durchgekaut hatten, ich musste noch einmal mit ihm darüber sprechen. Ich musste ihm deutlich vor Augen führen, dass es so mit uns nicht mehr weitergehen konnte. Er musste eine Entscheidung treffen. Entweder war er für mich – oder er war gegen mich. Mehr Optionen gab es nicht. Auf keinen Fall wollte ich mich noch einmal mit einer seiner billigen Ausreden abspeisen und mich noch länger hinhalten lassen. Ich wollte endlich Taten sehen.
Und wenn er nicht endlich den Mut hatte, sich zu mir zu bekennen, musste ich ernsthaft überlegen, wie es mit uns weitergehen sollte. Denn wie bitteschön sollte ich mit einem Jungen zusammenbleiben, der mir zwar sagte, dass er mich über alles liebte, aber einfach nicht fähig war, es mir zu zeigen? Wie sollte ich ihm noch glauben, wenn er nichts weiter tun konnte als mich mit seinen Erklärungen zu vertrösten?
Wie lange wollte er denn dieses gottverdammte Spiel eigentlich noch treiben? Was musste noch passieren, damit er sich endlich ein Herz fassen und zu mir stehen konnte? Warum konnte er nicht einfach über seinen Schatten springen, seinen blöden Coolnessstatus außer Acht lassen und meinen Wunsch respektieren? Warum begriff er nicht endlich, dass ich so viel mehr von ihm wollte als nur die Nacht? Mehr als nur ein paar Stunden, die jedes Mal bei Sonnenaufgang verblassten, als wären sie überhaupt nicht geschehen?
Ich brauchte ihn ganz. Ich brauchte ihn Tag und Nacht an meiner Seite. Wollte unsere Beziehung nicht mehr nur auf diese paar Stunden in der Nacht begrenzen. Ich wollte, dass wir zusammen aufwachten und den Tag miteinander verbrachten. Wollte, dass er in der Schule neben mir saß und mich mit demselben, sanften Blick ansah wie er es jedes Mal tat, wenn er nachts zu mir kam.
Ich wollte, dass er den Arm um meine Schulter legte und wir zusammen nach Hause gingen, egal, wer uns dabei beobachtete. Dass er mich spontan küsste, ohne darauf zu achten, ob man uns zusah oder nicht. Ich wollte endlich eine richtige Beziehung mit ihm führen und meine Gefühle nicht immer wegsperren und verheimlichen müssen. Warum fiel es ihm denn bloß so schwer, das zu begreifen?
Was war denn bitte so schlimm daran, wenn das mit uns beiden herauskam? Was glaubte er, würde passieren, wenn die anderen von uns erfuhren? Was genau war es, das ihn vor diesem Schritt stets zurückschrecken ließ? Wovor hatte er Angst? Dass man uns deswegen auslachte? War es vielleicht das? Schämte er sich etwa dafür, dass ausgerechnet ich sein Auserwählter war? Schämte er sich dafür, dass er und ich ein Pärchen waren? Schämte er sich für mich? Weil ich nicht einmal annähernd denselben Beliebtheitsstatus besaß wie er? War es vielleicht Angst, dass er sich unbeliebt machte, wenn er sich mit jemandem wie mir abgab?
Fragen über Fragen schossen mir durch den Kopf und deprimierten mich noch mehr als ich es ohnehin schon war. Vielleicht lag es ja wirklich an mir. Vielleicht hielt er sich deswegen mit dem Schritt an die Öffentlichkeit zurück. Weil er sich schämte. Dafür schämte, dass ausgerechnet ich es war, dem er sein Herz geschenkt hatte. Vielleicht konnte er deswegen nicht über seinen Schatten springen. Weil er nicht riskieren wollte, dass er seine gesamte Coolness verlor. Weil ich nicht einmal ansatzweise so beliebt und begehrt war wie er.
Ein leises Schluchzen drang aus mir heraus, als mir bewusst wurde, dass das wahrscheinlich der Grund für sein Zögern war. Dass er mich zwar liebte, aber aus Angst, seine Beliebtheit zu verlieren, nicht den Mut fand, es bekanntzugeben.
Es war meine Schuld. Es war alles nur meine Schuld. Nur wegen mir scheute er sich, den nächsten Schritt zu machen. Weil ich nicht cool genug war. Nicht beliebt genug. Und ich Trottel hatte ihm noch Vorwürfe gemacht, dass ich ihm überhaupt nichts bedeutete. Hatte geglaubt, dass er an allem schuld war. Dabei konnte er doch überhaupt nichts dafür. Er war immerhin einer der beliebtesten und natürlich auch begehrtesten Schüler der gesamten Eastpark High.
Natürlich konnte er sich da nicht mit jemandem wie mir abgeben. Wie kam ich denn bloß auf die Idee, ihm auch noch Vorwürfe zu machen? Obwohl die ganze Sache allein meine Schuld war? Was musste er denn von mir denken, weil ich nicht schon früher kapiert hatte, was der eigentliche Grund für seine Zurückhaltung war? Für wie bescheuert musste er mich halten?
Aufgelöst vergrub ich mein Gesicht in den Händen und weinte. Weinte meine ganze Wut über mich selbst heraus. Die Erkenntnis darüber, dass ich an allem schuld war. Dass er nicht das Geringste dafür konnte. Dass er sich nur meinetwegen so verhielt. Um sich nicht völlig zu blamieren.
Ein leises Knarren schreckte mich aus meinen Überlegungen hoch und ich ließ meinen tränenblinden Blick kurz zur Zimmertür hinüberschweifen. Das Mondlicht, das durch mein Zimmerfenster hereinfiel, ließ seinen Schatten über den Boden tanzen, während er mit langsamen und leisen Schritten zu meinem Bett herüberkam.
„Hallo Tim-Tim“, hörte ich ihn sanft flüstern, doch ich war viel zu aufgelöst, als dass ich ihm hätte etwas darauf antworten können. Stattdessen wandte ich meinen Blick von ihm ab und wischte mir rasch die Tränen aus den Augen, da ich auf keinen Fall wollte, dass er irgendetwas davon mitbekam.
Kurz darauf spürte ich seine Hand vorsichtig über meine streicheln und rutschte automatisch ein Stückchen rüber, damit er zu mir unter die Bettdecke schlüpfen konnte. „Ich habe dich vermisst, Tim-Tim“, fügte er leise hinzu, als er sich neben mich legte und mit der Hand nach meiner Wange tastete. „Ich habe dich sogar sehr vermisst“.
Mit diesen Worten küsste er mich kurz und wollte mich streicheln, hielt dann jedoch mitten in seiner Bewegung inne und setzte sich ein Stück hoch. Mit einem Ruck drehte er sich um und griff hinüber zum Nachttischchen, auf dem ich, so wie jedes Mal, eine Taschenlampe abgelegt hatte. Die einzige Lichtquelle, die wir benutzen durften, um zu verhindern, dass meine Eltern, die zwei Zimmer weiter schliefen, uns erwischten.
„Warum hast du geweint, Tim-Tim?“, wollte er wissen, während die Taschenlampe einschaltete und einen kurzen Blick in mein Gesicht warf. „Was ist passiert?“. „Wie... wie kommst du darauf, dass ich geweint habe?“, erwiderte ich und versuchte, so normal wie immer klingen.
Auf diese Worte hin leuchtete er mir noch einmal ins Gesicht und legte dann einen besorgten Blick auf. „Was ist los?“, fragte er noch einmal und umschloss fürsorglich meine Hand. „Warum hast du geweint? Was ist denn passiert, hm?“. „Gar nichts“, schwindelte ich und schüttelte den Kopf, um meine Aussage demonstrativ zu unterstreichen. „Wirklich, überhaupt nichts“.
„Bitte lüg mich nicht an, Tim-Tim“, meinte er ernst. „Irgendetwas hast du doch, das merke ich. Also sag schon, was ist los? Ist irgendetwas Schlimmes passiert?“. „Also schön“, gab ich nach, weil ich ohnehin wusste, dass er mir keine Ruhe lassen würde, ehe er nicht herausgefunden hatte, was mich beschäftigte. „Schön, ich sag es dir. Aber du darfst dich nicht wieder aufregen, okay?“.
„Versprochen, mein Süßer“, stimmte er mir mit einem leichten Lächeln zu und wartete dann gespannt darauf, was ich ihm gleich erzählen würde. „Gut“, meinte ich und holte noch einmal tief Luft, ehe ich schließlich zu erklären begann. „Weißt du, es... es geht um uns“, fing ich an und warf ihm einen kurzen Blick zu, um sicherzugehen, dass er nicht wieder aus der Haut fuhr. Doch er blieb ganz ruhig und lauschte geduldig meinen Worten.
„Ich habe nachgedacht, wie es mit uns weitergehen soll“, setzte ich fort, woraufhin er mich überrascht ansah. „Weißt du, ich... ich habe das Gefühl, dass du mich nicht richtig ernst nimmst“. „Das ist Blödsinn, Tim-Tim“, entgegnete er und wollte mich streicheln, doch ich blockte ihn sanft ab. „Nein“, wehrte ich mich. „Nein, das ist es nicht. Jedes Mal, wenn ich dich auf unsere Beziehung anspreche, weichst du mir aus und vertröstest mich mit irgendwelchen Erklärungen. Du hörst mir gar nicht richtig zu, wenn ich sage, dass ich mehr von dir will als nur die Nacht“.
„Aber Tim-Tim, das hatten wir doch jetzt schon so oft...“, meinte er leise seufzend, doch ich unterbrach ihn. „Genau!“, stimmte ich ihm zu und fühlte wieder die Wut auf ihn in mir hochkommen. „Du sagst es. Wir hatten es schon so oft. Viel zu oft, wenn du mich fragst. Deswegen möchte ich endlich einmal wissen, wie lange du das mit uns noch geheimhalten willst. Wie viele Nächte müssen noch vorübergehen, bis du dich endlich zu uns bekennst?“.
„Timmy, versteh doch...“, wollte er antworten, doch erneut fiel ich ihm ins Wort. „Nein!“, rief ich aus und bemühte mich, trotz meiner Enttäuschung nicht allzu laut zu sein. „Ich verstehe gar nichts, Gary! Du hast zu mir gesagt, dass du mich liebst und alles dafür tust, damit wir zusammen sein können. Du hast versprochen, dass irgendwann der Tag kommt, an dem du jeden Morgen mit mir aufwachen wirst. Du hast versprochen, dass du über deinen Schatten springst und meine Wünsche und Bedürfnisse ernst nimmst. Aber jedes Mal, wenn ich den nächsten Schritt mit dir machen will, dann schreckst du zurück und verlangst von mir, dass ich noch ein bisschen Geduld habe. Aber langsam habe ich keine mehr, Gary. Ich will, dass du dich endlich entscheidest, was du willst“.
„Wie meinst du das?“, fragte er, da er mir scheinbar nicht ganz folgen konnte. „Ganz einfach“, antwortete ich und wehrte einen weiteren Berührungsversuch von ihm ab. „Entweder du bist für mich – oder du bist gegen mich. Entweder du stehst endlich zu uns und lässt die anderen denken, was sie wollen – oder ich muss mir ernsthaft überlegen, ob wir noch eine Zukunft zusammen haben. Ich kann so nicht mehr weitermachen, Gary. Ich halte es einfach nicht mehr aus!“.
„Das meinst du nicht ernst, Tim-Tim, oder?“, fragte er, völlig fassungslos von meiner Forderung. „Doch“, antwortete ich und schaute ihm ins Gesicht. „Doch, Gary, das meine ich ernst. Entweder du stehst zu mir oder du lässt es bleiben. Dann muss dir allerdings klar sein, dass sich alles zwischen uns verändern wird. Ich kann, will und werde das so nicht mehr mitmachen. Das kannst du nicht von mir verlangen, Gary. Das kannst du einfach nicht“.
„Das heißt, du willst... Schluss machen?“, erwiderte er perplex und atmete überrascht auf. „Du willst unsere Beziehung wegwerfen? Einfach so?“. „Was denn bitte für eine Beziehung?!“, zischte ich ihn wütend an. „Du und ich, wir führen doch noch nicht mal eine richtige Beziehung! Denn wenn das so wäre, würdest du nicht so herumdrucksen, sondern verdammt noch einmal zu mir stehen! Dann wäre es dir egal, was andere von dir halten und was sie dazu sagen. Aber so wie es scheint, ist dir deine ach so heilige Coolness wichtiger als ich!“.
„Das ist doch nicht wahr, Timmy“, erwiderte er leise, was mich noch wütender machte, als ich es ohnehin bereits war. „So ist das doch nicht. Ich...“. „Wie ist es dann?!“, wollte ich aufgebracht wissen und stieß ihn erneut weg, als er mich berühren wollte. „Sag mir, wie es dann ist, Gary! Was zum Teufel hält dich zurück, das mit uns bekanntzugeben? Wenn nicht an deiner Coolness, woran liegt es dann, dass du nicht zu mir stehen willst? Liegt es vielleicht an mir? Bin ich dir vielleicht nicht beliebt genug? Schämst du dich für mich? Ist es das?“.
„So ein Unsinn“, wehrte er rasch ab und schüttelte den Kopf. „Das ist kompletter Quatsch, Timmy. Und das weißt du auch. Ich liebe dich über alles, mein kleiner Prinz. Mehr als ich es dir je sagen könnte“. „Warum tust mir dann so etwas an?!“, fauchte ich, woraufhin er mir rasch die Hand vor den Mund hielt, um mir dadurch anzudeuten, dass ich nicht so laut sein durfte.
Aber ich konnte einfach nicht anders. Ich kochte innerlich vor Wut. Ich wollte endlich klipp und klar von ihm wissen, aus welchem Grund er so einen Aufstand um unsere Beziehung machte und von mir forderte, dass sie geheim blieb. Ich wollte endlich erfahren, was überhaupt sein Problem war und warum er nicht einfach dazu stehen konnte.
„Das ist nicht fair“, warf ich ihm unter Tränen vor und wandte mein Gesicht von ihm ab. „Das ist einfach nicht fair, Gary. Du sagst zu mir, dass du mich über alles liebst. Du sagst, dass es nichts gibt, das dir wichtiger ist als unsere Liebe. Und trotzdem bestehst du darauf, dass wir uns immer nur nachts treffen können und von niemandem gesehen werden dürfen. Du tust so, als wäre das zwischen uns beiden etwas Verbotenes. Warum, Gary? Warum fällt es dir nur so schwer, diesen Schritt mit mir zu machen? Wie lange erwartest du noch von mir, dass ich dieses Spiel mitspiele? Wie lange soll ich noch so weitermachen, hm?“.
„Timmy...“, begann er leise und stieß ein Seufzen aus. „Timmy, ich weiß ja, dass...“. „Was weißt du?!“, fuhr ich ihn zischend an. „Was weißt du schon, hä?! Was weißt du von meinen Träumen, die ich mir Tag für Tag ausmale, seit es zwischen uns beiden angefangen hat? Was weißt du von der Sehnsucht, die mich quält, wenn du nicht bei mir bist? Was weißt du von dem Schmerz, den ich ertragen muss, wenn ich dabei zuschaue, wie du in der Schule mit den Mädchen flirtest und ihnen schöne Augen machst? Was weißt du schon davon, Gary?!“.
„Oh Timmy...“, fing er ein weiteres Mal an, doch erneut fiel ich ihm ins Wort. „Gar nichts weißt du!“, setzte ich wütend hinzu. „Überhaupt nichts weißt du, Gary! Nicht das Geringste, kapiert? Du hast keine Ahnung, wie weh es mir tut, dabei zuzusehen, wie du hemmungslos mit anderen flirtest, während ich dich dabei beobachten muss und rein gar nichts unternehmen kann. Du weißt nicht, dass es mir das Herz zerreißt, mich immer von dir distanzieren zu müssen. Du hast keine Ahnung, was du mir damit antust. Keine Ahnung hast du, Gary! Und da erwartest du allen Ernstes von mir, dass ich dich verstehe?!“.
Die letzten Worte schrie ich regelrecht aus mir heraus, weil ich einfach nicht mehr in der Lage war, mich zu beherrschen. Ich konnte meine Wut und die Enttäuschung darüber, dass er allem Anschein nach gar nicht vorhatte, sein Versprechen jemals einzulösen, nicht länger zurückhalten. Ich wollte, dass er endlich begriff, wie sehr er mich durch sein Verhalten verletzte. Wie sehr ich es hasste, immerzu dieses Spiel spielen zu müssen.
Eine kleine Träne floss über meine Wange hinab, doch er legte mir rasch die Hand darauf und wischte sie vorsichtig weg. „Mein armer Tim-Tim“, flüsterte er mir dann zu, woraufhin ich nur noch wütender wurde, weil er doch tatsächlich die Frechheit besaß, sich auch noch über mich lustig zu machen. Ich schüttete ihm hier gerade mein Herz aus – und er hatte nichts besseres zu tun als sich darüber zu amüsieren. Das war nicht fair. Das war einfach nicht fair.
„Lass das“, zischte ich giftig, als er mir durchs Haar streicheln wollte und stieß ihn von mir weg. Wütend verschränkte ich die Arme vor der Brust und drehte meinen Kopf von ihm weg. „Wie lange soll das eigentlich noch so weitergehen?“, fragte ich verletzt. „Wie lange willst du das mit uns noch geheimhalten, bis du endlich mal den Arsch in der Hose hast, zu mir zu stehen?! Wie lange soll ich noch dabei zusehen, wie du mit anderen rumflirtest? Weißt du überhaupt, wie weh das tut?!“.
„Oh“, erwiderte er, überrascht von dieser Aussage, während sich ein Schmunzeln auf seinem Gesicht ausbreitete. Dann beugte er sich ganz nah an mein Ohr heran und streichelte kurz über mein Haar. „Ist mein kleiner Tim-Tim etwa eifersüchtig?“, wollte er leise wissen, ehe er mir beide Hände um die Hüften legte und mich dann vorsichtig auf die Wange küsste. „Dazu habe ich doch auch allen Grund!“, konterte ich zornig. „Glaubst du vielleicht, es macht mir Spaß, dich dabei zu beobachten, wie du den Mädchen in unserer Klasse schöne Augen machst und ihnen deine Nummer zusteckst? Hast du auch nur den Hauch einer Ahnung, wie weh du mir damit tust?!“.
„Aber mein Prinz“, flüsterte er mir sanft ins Ohr. „Du musst doch nicht eifersüchtig sein. Ich liebe nur dich ganz allein. Das weißt du doch“. „Warum stehst du dann nicht einfach zu mir?!“, wollte ich aufgebracht wissen. „Warum verlangst du von mir, dass ich weiterhin dieses Spiel mit dir spiele? Warum pochst du so darauf, dass wir uns nur nachts treffen dürfen, damit niemand was von uns erfährt? Was soll denn Schlimmes passieren, wenn herauskommt, dass wir ein Paar sind? Was zum Teufel ist der Grund dafür, dass du dich nicht einfach dazu bekennen kannst? Sag mir das endlich, Gary! Ich habe ein Recht, es zu erfahren“.
„Ich weiß“, erwiderte er mit einem leisen Seufzen. „Ich weiß ja, Tim-Tim. Mir ist bewusst, dass es nicht leicht für dich ist, mit der momentanen Situation klarzukommen. Ich kann mir vorstellen, wie sehr es dich verletzen muss, unsere Beziehung geheimhalten zu müssen. Und ich verstehe nur zu gut, dass du so nicht mehr weitermachen willst“.
„Ach, das verstehst du also, ja?“, fragte ich bissig, doch er versuchte, mich durch ein paar weitere Streichler wieder zu besänftigen. „Ich verstehe dich, Tim-Tim“, wiederholte er aufrichtig. „Glaub mir, ich verstehe dich wirklich. Ich kann mir vorstellen, wie schwer es dir fallen muss, so zu tun, als wären wir beide nichts weiter als gute Freunde. Und ich weiß auch, dass du deswegen völlig zurecht wütend bist. Aber eines musst du mir wirklich glauben: Du hast nicht den geringsten Grund, eifersüchtig zu sein. Ich würde noch nicht einmal im Traum daran denken, dich zu hintergehen. Ich liebe dich, Tim-Tim. Über alles“.
„Du liebst mich, ja?“, wollte ich mit zusammengekniffenen Augen wissen, woraufhin er bestätigend nickte. „Über alles“, versicherte er mir noch einmal. „Bitte glaub mir. Ich liebe dich über alles“. „Fein“, erwiderte ich und umschloss fest seine Hand. „Dann beweis es mir. Beweis mir, dass du mir gerade die Wahrheit sagst. Beweis mir, dass deine Worte nicht nur leere Versprechungen sind. Zeig mir, dass du zu mir und unserer Beziehung stehst“.
„Ich soll es dir... beweisen?“, hakte er unsicher nach, im Unklaren darüber, worauf ich mit dieser Aussage anspielte. „Ja“, stimmte ich ihm ernst zu. „Beweis es mir, Gary“. „Und... und wie?“, fragte er zögernd und senkte kurz seinen Blick. „Bleib“, antwortete ich knapp. „Bleib bei mir und geh nicht, wenn die Nacht vorbei ist. Wach mit mir auf und lass uns das Morgenrot zusammen ansehen. Lass uns den neuen Tag gemeinsam beginnen. Lass mich nicht noch einmal allein. Wenn du das für mich tust, dann weiß ich, dass du mir die Wahrheit gesagt hast“.
„Und... wenn nicht?“, fragte er und schluckte schwer. „Wenn nicht...“, erwiderte ich und atmete tief durch, weil es mir ausgesprochen schwer fiel, ihm das so einfach ins Gesicht zu sagen. „...dann ist es vorbei“. „Vorbei?“, wollte er überrascht wissen und atmete laut auf. Ich nickte nur und schaute ihm danach ernst in die Augen. „Vorbei“, wiederholte ich entschlossen. „Wenn du heute Nacht noch einmal von mir gehst, dann brauchst du auch nicht wiederzukommen. Dann war es das mit dir und mir, Gary. Dann mache ich Schluss. Weil es so einfach keinen Sinn mehr mit uns hat, das musst du doch einsehen“.
„Du willst wirklich Schluss machen?“, fragte er enttäuscht. „Du... du schmeißt alles einfach hin?“. „Du lässt mir doch keine andere Wahl“, flüsterte ich und spürte kalte Tränen in meinen Augen. „Du zwingst mich doch dazu, dich vor die Entscheidung zu stellen. Du sagst Nacht für Nacht zu mir, dass du mich abgöttisch liebst und dass es für dich nichts Wichtigeres gibt als mich. Du erzählst mir, dass unsere Liebe etwas Besonderes für dich ist und du alles dafür tust, damit sie niemals zu Ende geht. Und trotzdem verschwindest du jeden Morgen einfach, als wäre überhaupt nichts passiert. Du lässt mich allein und gehst auf Abstand, wenn ich in der Öffentlichkeit deine Nähe suche. Du spielst allen vor, dass wir nur Freunde sind und merkst überhaupt nicht, wie sehr du mich damit verletzt. Das ertrage ich einfach nicht mehr länger. Ich habe schon viel zu lange den Mund gehalten und mir eingeredet, dass du dein Versprechen irgendwann einlöst. Aber jetzt bin ich endlich an dem Punkt angekommen, an dem ich erkennen muss, dass ich so nicht mehr weitermachen kann. Darum musst du dich heute Nacht entscheiden. Entweder du bekennst dich zu mir – oder du und ich sind Geschichte“.
„Timmy“, wisperte er, ebenfalls unter Tränen und wollte mich in die Arme schließen, doch ich wies ihn zurück. „Ich brauche eine Entscheidung“, wiederholte ich und spürte ein paar Tränen über meine Wangen kullern. „Ich muss endlich wissen, woran ich bei dir bin und ob du es wirklich ernst mit mir meinst. Ich muss wissen, ob du mich wirklich liebst. Wenn ich heute allein aufwache, dann weiß ich, dass die Antwort Nein heißt“.
„Timmy, das kannst du nicht machen...“, protestierte er schluchzend. „Du kannst doch unsere Beziehung nicht einfach so wegwerfen. Du kannst nicht...“. „Hör auf damit, Gary“, unterbrach ich ihn fast flüsternd und unterdrückte ein Schluchzen. „Das Einzige, das ich nicht kann, ist weitermachen wie bisher. Wenn du mich wirklich liebst, wenn deine Gefühle wirklich ernst gemeint sind und du mit mir zusammen sein willst, dann weißt du, was du zu tun hast. Ich lege heute alles in deine Hände. Es ist deine Entscheidung. Und egal, wie auch immer sie ausfällt, ich werde sie so akzeptieren“.
„Tim-Tim, ich kann nicht...“, begann er noch einmal, doch ich schüttelte nur den Kopf. „Es liegt alles an dir“, wiederholte ich dann und nahm ihn an die Hand. „Du bestimmst, wie es mit uns beiden weitergeht. Und ich werde es akzeptieren. Auch wenn es wehtut“.
„Bitte, Timmy“, flehte er mich weinend an. „Verlang das nicht von mir. Ich kann doch nicht... ich...“. „Du musst“, entgegnete ich ernst. „Du musst dich heute Nacht für eine Sache entscheiden. Ich kann wie bisher nicht mehr weitermachen. Das tut mir einfach zu weh. Es geht nicht mehr, Gary. Es geht einfach nicht mehr. Entweder du bekennst dich zu mir und machst mich offiziell zu deinem festen Freund – oder du gehst einfach durch diese Tür und wir ziehen einen Schlussstrich. Du bestimmst, Gary. Es liegt nur an dir“.
„Timmy, warum tust du das?“, wollte er aufgelöst wissen. „Warum verlangst du das von mir? Warum verstehst du nicht, dass ich nicht bleiben kann? Ich dachte, du liebst mich. Warum quälst du mich dann so?“.
„Du bist derjenige, der mich quält“, antwortete ich unter Tränen. „Du haust jeden Morgen einfach ab als wäre nichts gewesen. Du distanzierst dich von mir und hältst mich mit Erklärungen und Ausreden hin. Du machst es uns beiden schwer, obwohl doch alles so einfach sein könnte. Darum bitte, Gary. Sei endlich ganz ehrlich zu mir und sag mir die Wahrheit. Sag mir, was der Grund dafür ist, dass du dich vor dem Schritt an die Öffentlichkeit scheust. Sag mir, was dich zurückhält. Es muss doch einen Grund dafür geben, warum du so darauf pochst, dass niemand etwas von uns beiden mitkriegt. Und darum bitte ich dich – wenn du mich liebst, dann sag mir diesen Grund. Sag mir endlich, was los ist, Gary. Bitte“.
Er schluchzte laut und vergrub das Gesicht in meiner Schulter, meine Frage ließ er jedoch unbeantwortet. Aus einer Reflexhandlung heraus küsste ich kurz sein seidiges, schwarzes Haar und streichelte zärtlich über seine Hand. „Bitte, Gary“, bat ich ihn ein weiteres Mal. „Sag mir, was dich zurückhält. Hast du Angst davor, dich zu outen? Glaubst du, dass es deinen Ruf schädigt, wenn herauskommt, dass wir beide ein Paar sind? Oder liegt es doch an mir? Habe ich irgendetwas gesagt oder getan, das dich verunsichert hat?“.
„Nein“, schluchzte er zur Antwort und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. „Es liegt nicht an dir. Bitte glaub mir, Tim-Tim. Du hast nichts damit zu tun. Absolut nichts“. „Aber was ist es dann?“, fragte ich nach und bemühte mich, nicht allzu aufgewühlt zu klingen.
Auch wenn ich immer noch ein bisschen sauer auf ihn war, dass er mir nun schon so lange Zeit Versprechungen machte, die er einfach nicht einhielt – im Augenblick schluckte ich meine ganze Wut hinunter und versuchte, ihm Trost zu spenden. Ich ertrug es einfach nicht, wenn er so furchtbar weinte. Ich hielt es nicht aus, ihn so aufgelöst zu sehen und hoffte, dass ich die Situation jetzt ein für alle Mal klären und ihm seine sämtlichen Ängste und Bedenken – oder was auch immer ihn sonst davon abhielt, zu uns zu stehen – nehmen konnte.
Natürlich war ich noch immer sehr verletzt, dass er mich nun schon so oft mit seinen Erklärungen vertröstet hatte, aber ich beschloss, meine Enttäuschung und meinen Ärger hinunterzuschlucken und ihm zuzuhören. Er war trotz allem noch mein Gary. Und ich liebte ihn. Über alles.
„Bitte sag es mir, mein Hübscher“, wisperte ich leise. „Sag mir, was du hast. Lass uns ein für alle Mal die Karten auf den Tisch legen und Klarheit schaffen. Bitte, Gary. Ich möchte dir doch nur helfen, deine Ängste – oder was auch immer dich sonst zurückschrecken lässt – zu überwinden. Darum sei bitte ehrlich. Sei ganz ehrlich zu mir und sag mir die Wahrheit. Warum kannst du das mit uns nicht öffentlich machen?“.
„Weil das alles kaputtmachen wird“, antwortete er winselnd. „Wenn jemand von uns erfährt, dann wird das alles zerstören, was wir jetzt haben“. „Aber Gary“, erwiderte ich verständnislos und zog eine Augenbraue hoch. „Warum sollte das denn alles kaputtmachen? Wie kommst du denn nur auf diese verrückte Idee?“. „Die anderen werden mich hassen“, entgegnete er und biss sie angespannt auf die Unterlippe. „Sie werden mich alle hassen, wenn herauskommt, dass ich mit dir zusammen bin“.
„Aber mein Hübscher, was redest du denn da, hm?“, erwiderte ich durcheinander. „Wie kommst du denn auf so einen Blödsinn? Niemand wird dich hassen, wenn...“. „Doch!“, keifte er, noch ehe ich dazu kam, meinen Satz zu beenden. „Doch, das werden sie. Sie werden mir das Leben zur Hölle machen, wenn sie davon erfahren. Jeder wird mich verachten und versuchen, mir zu schaden“.
„So ein Quatsch“, meinte ich kopfschüttelnd, weil ich gar nicht fassen konnte, was er da eigentlich sagte. „Wer hat dir denn bloß diesen Müll erzählt? Was lässt dich denn bloß auf solch abstruse Gedanken kommen? Wer sollte dich denn bitte hassen und versuchen, dir etwas anzutun?“.
„Die Mädchen“, antwortete er schluchzend. „Die ganzen Mädchen aus unserer Klasse. Sie alle werden eifersüchtig sein, wenn sie erfahren, dass wir zusammen sind“. „Die Mädchen aus unserer Klasse?“, wiederholte ich fragend und wunderte mich noch mehr. „Wieso sollten...?“.
„Du bist so verblendet, Timmy“, winselte er zur Antwort. „Du hast überhaupt keine Ahnung, wie verrückt sie alle nach dir sind. Du hast keine Ahnung davon, dass sich alle Mädchen um dich reißen“. „Was?“, wollte ich verblüfft wissen. „Wie bitte? Was erzählst du da denn nur für einen Quatsch?“.
„Das ist kein Quatsch!“, protestierte er und schlug mit seiner Faust gegen die Bettdecke. „Das ist die totale Wahrheit. Auch wenn du es niemals bemerkt hast, aber die ganzen Mädchen aus unserer Klasse sind verrückt nach dir. Sie würden alles dafür geben, um mit dir zusammen sein zu können. Du glaubst wahrscheinlich, dass ich der Schwarm aller Mädels bin, weil sie alle ständig mit mir sprechen, aber da irrst du dich. Du irrst dich gewaltig“.
„Was soll das heißen?“, fragte ich nach und bemühte mich immer noch darum, seine Worte richtig zu verstehen. „Hast du dich nie gefragt, warum sie alle so wild mit mir flirten?“, entgegnete er meine Frage. „Weißt du, warum sie sich alle auf mich stürzen wie die Geier? Es liegt nicht daran, dass sie mich unwiderstehlich finden, sondern dass ich mit dir befreundet bin. Sie wollen überhaupt nichts von mir. Sie alle sind ganz scharf auf dich. Sie wollen, dass ich ihnen deine Nummer gebe oder dich dazu bringe, sie anzusprechen. Ein paar wollten mich sogar schon bestechen, nur damit ich dich ihnen vorstelle. Sie sind alle verrückt nach dir, Timmy. Du bist der Schwarm unserer Klasse. Nicht ich“.
„Was bin ich?“, entgegnete ich völlig durcheinander, weil ich gar nicht glauben konnte, was Gary da überhaupt sagte. „Wovon sprichst du eigentlich? Du bist doch derjenige, der...“. „Nein“, konterte er und ließ ein leises Seufzen verlauten. „Nein, Tim-Tim, das bin ich nicht. Du bist der begehrteste Junge der Klasse. Du ziehst alle Blicke auf dich, wenn du den Korridor entlanggehst. Von dir schwärmen alle Mädchen – und manchmal sogar ein paar Jungs – in der Mittagspause wie verrückt. Ich bin nur der, der das Glück hat, mit dir befreundet zu sein. Nur deswegen werde ich von allen Seiten angeflirtet. Nur, weil sie sich dadurch erhoffen, dass ich sie mit dir bekanntmache“.
„Aber... das kann doch gar nicht...“, protestierte ich fassungslos und schüttelte heftig den Kopf, als könnte ich dadurch wieder vergessen. „Es ist so“, erwiderte Gary leise und seufzte noch einmal. „Es ist wirklich so, Tim-Tim. Und das ist auch der Grund dafür, warum ich mich nur nachts mit dir treffen kann. Warum niemand etwas über uns herausfinden darf. Die anderen würden mich fertigmachen, wenn bekannt wird, dass ich mit dem Klassenschwarm zusammen bin. Sie würden mir keine ruhige Minute mehr lassen und alles versuchen, um mich von dir fernzuhalten. Du kennst sie nicht, Timmy. Du weißt nicht, wie falsch und skrupellos die Mädchen sein können, wenn es um dich geht“.
„Ich kapiere das nicht“, antwortete ich kopfschüttelnd. „Ich kapiere das alles einfach nicht, Gary. Wie kann es möglich sein, dass ich...?“. „Dass du der Klassenschwarm bist?“, beendete er meine Frage, woraufhin ich zögernd nickte. Er lachte gezwungen, ehe er mir einen kurzen Blick zuwarf und zu einer Antwort ansetzte.
„Du brauchst dich doch bloß mal anzuschauen“, meinte er dann. „Du bist süß, witzig, hast eine Menge Charme, viel Talent, bist sportlich und attraktiv noch dazu. Du hast alles an dir, was man sich nur wünschen kann. Da ist es doch kein Wunder, dass alle auf dich stehen und dich als Freund haben wollen. Natürlich wünscht sich jedes Mädchen, mit dir zusammen zu sein. Ich konnte dir ja schließlich auch nicht widerstehen. Aber wer könnte das schon?“.
„Wie... wie meinst du das?“, fragte ich zögernd, während in meinem Kopf die Gedanken Fußball miteinander spielten. Ich begriff absolut nicht, wovon Gary sprach. Seine Worte ergaben für mich einfach keinen Sinn. Denn wie bitteschön konnte einer wie ich – ausgerechnet ich – den Ruf des Klassenschwarms haben? Wie konnte es möglich sein, dass ich bis zum heutigen Tag nie etwas davon gemerkt hatte?
„Du bist so naiv, Timmy“, beantwortete Gary meine Frage und holte mich zurück in die Wirklichkeit. „Hast du denn niemals bemerkt, dass alle dich am laufenden Band anstarren? Sind dir nie die verliebten Blicke der ganzen Mädchen und die eifersüchtigen Gesichter der Jungs aufgefallen?“. „Also, ich...“, wollte ich antworten, doch er ließ mich den Satz nicht zu Ende bringen.
„Aber mir ist es aufgefallen“, erwiderte er und biss sich kurz auf die Lippe. „Mir ist aufgefallen, wie verliebt sie dich alle anschauen und sich dabei wahrscheinlich Dinge mit dir vorstellen, von denen ich lieber gar nichts wissen will. Zu mir kommen sie alle, damit ich ein Treffen mit dir arrangiere und sie dann hemmungslos mit dir flirten können. Mir haben sie schon oft genug erzählt, wie unwiderstehlich sie dich finden und dass ich mich glücklich schätzen kann, dich in meinem Freundeskreis zu haben. Glaub mir, ich habe schon genug eindeutige Gespräche und Kommentare mitangehört, um das sagen zu können“.
„Ja, aber... wie...?“, wollte ich wissen, konnte noch immer nicht ganz begreifen, was ich da gerade zu hören bekam. „Wie ist das denn nur möglich? Wieso habe ich nichts gemerkt? Und viel wichtiger noch: Wenn du die ganze Zeit darüber Bescheid wusstest, warum hast du nie einen Ton gesagt?“.
„Weil ich dich liebe, Tim-Tim“, antwortete er mit einem kaum vernehmbaren Schluchzen. „Weil ich dich über alles liebe und dich nicht verlieren will. Nur darum konnte ich es dir nicht sagen. Ich hatte Angst, dass du nichts mehr von mir wissen willst, wenn du erst einmal weißt, wie begehrt du eigentlich bist. Ich dachte, wenn du es erfährst, dann machst du mit mir Schluss und wendest dich von mir ab“.
„Aber Gary, das ist doch Quatsch“, wehrte ich rasch ab. „Ich liebe nur dich, mein kleiner Prinz. Das weißt du doch. Nie würde es mir auch nur in den Sinn kommen, mir jemand anderen zu suchen“. „Das sagst du jetzt“, erwiderte er unter Tränen. „Aber nachdem du nun alles weißt, wird es nicht mehr lange dauern, bis du Gefallen an deinem Beliebtheitsstatus gefunden hast und mich fallen lässt. Denn warum solltest du dich mit einem wie mir abgeben, wenn du genauso gut alle anderen haben kannst?“.
„Was redest du nur für einen Blödsinn?“, antwortete ich verständnislos. „Wie kommst du denn nur auf so seltsame Gedanken? Ich will doch überhaupt niemand anderen. Ich will dich. Nur dich allein, Gary. Ich liebe dich“.
„Das kannst du leicht behaupten“, wisperte er schluchzend. „Aber wenn du erst einmal merkst, wie beliebt und begehrt du eigentlich bist, wirst du mich irgendwann einfach fallen lassen, weil du genauso gut alle anderen haben kannst. Du wirst mit mir Schluss machen und dir einen anderen suchen, der tausendmal besser und hübscher ist als ich. Das weiß ich einfach, Timmy. Das mit uns wird bald vorbei sein. Also bringen wir es am besten gleich hinter uns. Na los. Trenn dich von mir. Brich mir das Herz. Früher oder später wirst du es ohnehin tun. Darum lass es uns gleich erledigen, dann habe ich es schneller hinter mir“.
Auf diese Aussage hin verpasste ich ihm einen Klaps auf den Kopf und schüttelte ihn kurz. „Hast du's bald mal, du Drama-Queen?“, fragte ich sarkastisch und nahm ihn an die Hand. Ich streichelte sie vorsichtig und gab ihm einen Kuss auf die Wange, ehe ich ihn enger an mich heranschob und sanft lächelte. „Gary, ich liebe dich“, fügte ich leise hinzu. „Ich liebe dich über alles, du blöder Trottel. Also hör bitte damit auf, so ein Blech zusammenzuquatschen, das hinten und vorne keinen Sinn ergibt. Glaub mir, wenn ich mich wirklich von dir trennen wollte, hätte ich das längst getan und nicht so lange damit gewartet. Darum lass bitte dieses Theater und hör mir für einen Augenblick ganz genau zu, okay?“.
„Okay“, stimmte er mir winselnd zu, woraufhin ich seinen Kopf gegen meine Schulter lehnte und meine Finger durch seine schwarzen Haare gleiten ließ. „Ich liebe dich, Gary“, erklärte ich ihm noch einmal. „Und selbst wenn es stimmt, was du mir erzählt hast, ändert das zwischen uns beiden nicht das kleinste bisschen. Selbst wenn ich tatsächlich der Schwarm der Mädchen bin, ist mir das vollkommen egal. Denn für mich gibt es nur einen einzigen Menschen, dem ich mein Herz und meine Liebe schenken will. Und dieser Mensch bist du, Gary. Du ganz allein. Ich will niemand anderen. Ich will nur dich. Weil ich dich mehr liebe als ich es dir mit Worten jemals sagen könnte. Hast du das verstanden, Gary?“.
„Ist das wirklich wahr?“, fragte er gerührt, was mich dazu veranlasste, ihn noch einmal auf die Wange zu küssen. „Natürlich ist es wahr“, versicherte ich ihm. „Meine Liebe gehört ganz allein nur dir. Sie wird immer nur dir gehören, völlig gleich, was passiert. Bitte glaub mir das, Gary. Ich würde dich niemals wegen jemand anderem verlassen. Nie würde ich dir so etwas antun. Niemals, Gary. Ich verspreche es dir“.
„Oh Timmy“, weinte er bewegt und vergrub sein Gesicht in meiner Schulter. „Timmy, ich...“. „Na, na“, flüsterte ich beruhigend und ließ meine Finger noch einmal durch sein weiches Haar gleiten. „Ist ja wieder gut, mein Hübscher. Ist alles wieder gut, ja?“.
Einen Moment lang dachte ich nach, ehe ich mich schließlich zu der entscheidenden Frage durchrang, die mir die ganze Zeit über schon auf der Zunge brannte. „Deswegen gehst du also jeden Morgen?“, wollte ich flüsternd wissen. „Deswegen hast du Angst, das mit uns öffentlich bekanntzugeben? Weil du befürchtest, dass die anderen eifersüchtig auf dich werden?“.
„Wenn es nur das wäre“, antwortete er und versuchte, sich wieder ein bisschen zu beruhigen. „Was ist es dann?“, hakte ich vorsichtig nach. „Was ist der Grund, dass du solche Angst davor hast?“. „Du weißt nicht, wie sie sind, Timmy“, antwortete er mit einem leisen Schluchzen. „Du hast keine Ahnung, wie hinterhältig die anderen sein können, wenn es um dich geht. Sie werden mir keine ruhige Minute mehr lassen, wenn herauskommt, dass wir ein Paar sind. Sie werden mich jagen und dazu zwingen, mit dir Schluss zu machen. Ich bin geliefert, wenn jemand erfährt, dass ich jede Nacht mit dir verbringe“.
„Ach komm schon“, erwiderte ich. „Findest du nicht, dass du ein bisschen übertreibst, hm?“. „Nein“, antwortete er ernst. „Nein, ich übertreibe nicht, Timmy. Du hast keine Ahnung, wie diese Mädchen in Wirklichkeit sind. Du weißt nicht, was für arglistige Bestien in ihnen stecken. Sie werden mich jagen. Sie werden sich auf mich stürzen wie die Haie und mich zerfleischen“.
„Nun hör aber auf“, wehrte ich ab und schaute ihn mit einem zuversichtlichen Lächeln an. „Glaubst du etwa wirklich, dass ich das zulassen würde? Glaubst du, dass ich dabei zusehen würde, wie man meinem Süßen wehtut, hm?“.
„Was willst du denn unternehmen?“, fragte er enttäuscht und ließ den Kopf hängen. „Du kannst nicht immer und überall an meiner Seite sein. Irgendwann werden sie mich schnappen“. „Das werden sie nicht“, erwiderte ich optimistisch. „Glaub mir, Garylein, das werden sie nicht. Weil ich einen Plan habe“.
„Einen... Plan?“, wollte er verwundert wissen und schaute mich überrascht an. „Was denn für einen Plan?“. „Ich sage ganz einfach die Wahrheit“, antwortete ich lächelnd. „Ich werde mich einfach outen. Glaubst du, dass sich noch ein einziges Mädchen für mich interessiert, wenn sie erfahren, dass ich schwul bin?“.
„Du willst dich... outen?“, fragte er und atmete überrascht auf. „Ganz richtig“, stimmte ich ihm zu. „Glaub mir, sie werden relativ schnell das Interesse an mir verlieren, wenn ihnen klar wird, dass sie überhaupt keine Chance bei mir haben. Dann können wir beide ganz ungestört zusammen sein“.
„Bist du sicher, dass du das möchtest?“, hakte er nach und schluckte schwer. „Ich... ich meine, dir ist bewusst, dass du dadurch deinen Klassenschwarmstatus verlieren würdest, oder?“. „Wen interessiert's?“, konterte ich seine Frage mit einem Grinsen und zog ihn dann in einen langen, atemlosen Kuss.
„Alles, was für mich zählt, bist du“, fügte ich hinzu, als wir den Kuss auflösten. „Und dass du glücklich bist. Darum bitte ich dich noch einmal: Bleib heute Nacht bei mir und lass uns den anderen gegenüber reinen Tisch machen. Lass deine ganzen Befürchtungen beiseite und geh diesen entscheidenden Schritt mit mir. Damit würdest du mich zum glücklichsten Jungen der ganzen Welt machen“.
„Bist du dir sicher, Tim-Tim?“, fragte er zögernd und wich meinem Blick aus, als ich ihn anschaute. „Absolut sicher“, antwortete ich mit einem zustimmenden Nicken. „Glaub mir, Garylein. Ich bin mir absolut sicher. Weil ich dich über alles liebe und es niemals zulassen würde, dass sich irgendjemand zwischen uns stellt. Und egal, was die anderen darüber denken oder wie sie darauf reagieren, zwischen uns beiden wird das nie etwas ändern. Du wirst immer mein Prinz sein und ich werde auch immer zu dir stehen. Immer, mein Hübscher. Versprochen“.
„Danke, Tim-Tim“, erwiderte er mit einem gerührten Lächeln. „Danke, dass du das sagst. Ich hätte ja nie gedacht, dass das zwischen uns dir so unglaublich wichtig ist“. „Das ist es“, versicherte ich ihm. „Wirklich, Gary, das ist es. Deswegen werde ich mich auch durch nichts und niemanden beirren lassen und dich für alle Zeit so lieben wie jetzt. Denn in der Nacht, in der wir uns das erste Mal getroffen haben, habe ich gefühlt, dass du der Richtige für mich bist. Darum werde ich auch alles dafür tun, damit unsere Beziehung niemals zu Ende geht. Egal, was auch auf der Welt passiert, unsere Liebe zueinander wird uns immer verbinden. Sie wird immer so sein wie am allerersten Tag. Darauf gebe ich dir mein Wort“.
„Ich liebe dich auch, mein Tim-Tim“, flüsterte er mir zur Antwort zu und schmiegte sein Gesicht ganz eng an meines heran. „Und damit du niemals wieder Zweifel daran bekommst, werde ich dich heute auch nicht alleinlassen. Wenn der Morgen kommt, werde ich noch immer in deinen Armen liegen, genauso wie jetzt“.
„Meinst du das ehrlich?“, wollte ich wissen und lächelte tief bewegt. „Du wirst wirklich bei mir bleiben und das Morgenrot mit mir sehen?“. „Das habe ich dir doch versprochen“, antwortete er zärtlich. „Ich habe dir doch gesagt, dass irgendwann der Tag kommen wird, an dem ich nicht mehr von dir fortgehe. Und ich glaube, es ist längst überfällig, dieses Versprechen einzulösen. Durch deine ehrlichen Worte habe ich endlich die Kraft dazu gefunden, meine Ängste zu überwinden und fest dazu zu stehen. Darum werde ich nicht fortgehen. Ich bleibe bei dir. Von heute an werden wir jeden Morgen zusammen aufwachen und den neuen Tag gemeinsam beginnen. Ich lasse dich nicht mehr allein, Tim-Tim. Nie mehr“.
„Nie mehr?“, wollte ich leise wissen, während ich beide Arme um ihn legte und ihn so eng an mich presste wie ich nur konnte. „Nein, nie mehr“, flüsterte er zur Antwort in mein Ohr und küsste mich danach vorsichtig auf die Wange. „Du und ich, Tim-Tim, wir gehören zusammen. Wir gehören für alle Zeit zusammen. Darum kannst du jetzt ruhigen Gewissens einschlafen. Mach deine Augen zu und träum etwas ganz Schönes. Und ich gebe dir mein Wort, wenn du wieder aufwachst, werde ich dir noch genauso nah sein wie im Augenblick. Ich lasse dich niemals wieder allein, Tim-Tim. Niemals wieder, das schwöre ich dir. Im Namen unserer Liebe“.
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