Sympathy for the devil

OneshotFantasy, Freundschaft / P12
Krampus OC (Own Character)
27.08.2016
27.08.2016
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Sympathy for the devil


Good little girl
Always picking a fight with me
You know that I'm bad
But you're spending the night with me
What do you want from my world?

Adventure Time - Good Little Girl




Der Mond hing sichelförmig am Himmelszelt und verlieh dem schmalen Wasserlauf, welchen der fliegende Schlitten überquerte, einen silbrigen Glanz. Zwei mächtige Julböcke führten das Gespann an und gaben hin und wieder ein leises Blöken von sich.

Es war der 05. Dezember und somit der Abend vor Nikolaus, als Krampus – seines Zeichens Herr und Gebieter über die Julzeit – durch die Winternacht flog, um die dunklen Geister und den langen, kalten Winter zu vertreiben. In jener besonderen Nacht hatte er bereits einige Mädchen und Jungen besucht, um ihnen die Wunder und den Zauber der alten Bräuche näher zu bringen, doch ein allerletzter Halt lag noch vor ihm. Der gehörnte Teufelsgott war spät dran und trieb die beiden Böcke Tanngrisnir und Tanngnost zur Eile an.
Unter ihnen zog das ländliche Panorama von Boone County im US-Bundesstaat West Virginia vorbei. Karge Felder verschwammen mit einsamen Landstraßen, wurden von dichten Nadelwäldern abgelöst und wichen hier und dort vereinzelten Häuseransammlungen und schäbigen Wohnwagensiedlungen.
Es dauerte nicht lange, bis Krampus in der Ferne das zweistöckige Haus ausmachen konnte und zügelte das Tempo, während der grüne Schlitten stetig an Höhe verlor. Elegant kamen die gespaltenen Hufen der Julböcke auf dem gefrorenen Boden auf und verfielen in einen leichten Trab, bevor sie letztendlich im Schutz einer stämmigen Tanne hielten.

Für einen kurzen Augenblick musterte Krampus nachdenklich die dunklen Umrisse des Hauses und dachte an den Moment zurück, als er ihr zum ersten Mal begegnet war.
Seine Lippen deuteten den Anflug eines amüsierten Lächelns an, ehe er den schwarzen Zaubersack aus dem Schlitten nahm und sich über die Schulter schwang. Niemals würde der Julherr das Funkeln in ihren Augen und den Ausdruck auf ihrem Gesicht vergessen – diese seltsame Mischung aus kindlicher Neugier und aufrichtigem Mitleid, weil sie ihm keinen Stiefel mit Süßigkeiten herausgestellt hatte. Die meisten Kinder, die er mit seiner Anwesenheit beehrte, blickten ihn mit unverhohlener Furcht an und schienen ihn für den Leibhaftigen höchstpersönlich zu halten.
Mary war anders und womöglich war dies auch der Grund dafür, warum er ihre Gesellschaft bevorzugte. Er hoffte wirklich, dass sie sich einen Teil ihres kindlichen Ichs bewahren würde und niemals den Glauben an die Magie verlor, welche sie tagtäglich umgab. Mit jedem weiteren Jahr musste er mit ansehen, wie sie erwachsener wurde und sich immer mehr von dem kleinen Mädchen entfernte, das in den bitterkalten Nächten ungeduldig auf ihn wartete.

Tief in seine Erinnerungen versunken, schlich Krampus durch den angrenzenden Garten ihres Hauses, als ihn plötzlich eine Stimme in die Gegenwart zurückholte.
„Hey! Runter von meinem Grundstück, du Landstreicher! Das ist Hausfriedensbruch!“
Der Teufel sah auf und bemerkte den herannahenden Schneeball gerade noch rechtzeitig, um geschickt auszuweichen und einen Schritt zur Seite zu treten. Die Kugel verfehlte ihn nur knapp und sauste an seinen gewundenen Hörnern vorbei. „Welch' nette Begrüßung, Mary! Immer wieder ein Vergnügen!“
Krampus runzelte die Stirn und musterte das junge Mädchen vor sich, welches aus ihrem Versteck kam und wenige Meter von ihm entfernt stehen blieb. Ihre Wangen waren durch die Kälte leicht gerötet und ihr dunkelbraunes Haar fiel ihr in sanften Wellen über die Schultern, doch ihre Augen wirkten leer. Nächstes Jahr würde sie achtzehn Jahre alt werden – ein ganz und gar magisches Alter, das den Übergang in die Welt der Erwachsenen bildete.

Etwas Hartes traf ihn seitlich an der Schläfe.
Krampus hörte Marys Lachen, als er sich mit unbewegter Miene den Schnee aus dem Gesicht wischte. Der Teufel würde jeden Schneeball dieser Welt mit Freuden begrüßen, wenn er ihr damit auch nur ein winziges Schmunzeln entlocken können würde.
Mary hatte es schon als junges Mädchen von acht Jahren gewusst, ihn gekonnt um den kleinen Finger zu wickeln und er war sich nur allzu bewusst, dass er sie viel zu sehr verwöhnt hatte. Er hatte ihr viel durchgehen lassen und wäre niemals auch nur auf die Idee gekommen, ihr einen Hieb mit der Birkenrute zu verpassen. Vielleicht war es nun an der Zeit, ihr endlich ein paar Manieren beizubringen.
Mit einem hinterlistigen Grinsen schlich er sich an die Dunkelhaarige heran, welche ihm den Rücken zu gewandt hatte und voll und ganz damit beschäftigt war, eine weitere Schneekugel zu formen. Als Mary seine Anwesenheit bemerkte, war es bereits zu spät - eine gewaltige Ladung Schnee erwischte sie Mitten im Gesicht. Sie strafte ihn mit einem funkelndem Blick, während sie mit ihrem Jackenärmel den Schnee entfernte.
Ihr Anblick entlockte dem Teufel ein raues Lachen. „Du hast da etwas im Gesicht, Mary. Du solltest dich nicht auf Spielchen einlassen, die du so oder so verlieren wirst. Nun sind wir quitt.“
„Nicht gerade die feine Art, jemanden, der einem dem Rücken zugekehrt hat, abzuwerfen, Krampus“, beschwerte sie sich mit gespielter Empörung und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust, doch das leichte Zucken um ihre Mundwinkel herum verriet sie. „Du hast geschummelt.“
Er zuckte gleichgültig mit den Achseln und streckte ihr frech die Zunge heraus. „Tricks und Schummeleien liegen nun einmal in meiner Natur.“
Eine wilde Schneeballschlacht entbrannte zwischen ihnen und ihr beider Lachen hallte durch die leeren Straßen, während die ahnungslosen Bewohner von Goodhope friedlich in ihren Betten schliefen und nichts von alledem mitbekamen.


Schweigend verließen sie die leere Hauptstraße und zogen Seite an Seite durch die dunklen Gärten und Hinterhöfe, während sich immer mehr Schneeflocken ihren Weg in Richtung der Erde bahnten und bald ganz Goodhope unter einer weissen Schneedecke begruben hatten.
Sie passierten den Little Coal River, dessen Oberfläche von einer dünnen Frostschicht überzogen war. Eine alte Holzbrücke führte in das dahinterliegende Dickicht, dessen Tannen und Kiefern dem Winter trotzten und lange Schatten warfen.
Mary lehnte sich gegen das Geländer, betrachtete das schimmernde Abbild der Mondsichel auf dem zugefrorenen Wasserlauf und wünschte sich, dass sie in der Lage dazu wäre, die Zeit anzuhalten. Die Nächte mit Krampus vergingen immer wie im Flug und es kam ihr erst wie gestern vor, dass sie die Treppe in ihrem Elternhaus herunter geschlichen und dabei dem Julherrn zum ersten Mal in die Arme gelaufen war.

„Wir sollten langsam umkehren, Mary.“ Krampus gesellte sich zu ihr. „Es wird schon bald hell werden und dein Daddy wird sich sicherlich wundern, wo denn sein kleines Mädchen abgeblieben ist, wenn du am Morgen nicht in deinem Bett liegst.“
„Vielleicht wird er mir dann endlich glauben, dass es dich wirklich gibt“, gab sie seufzend zurück, ehe sie zu dem gehörnten Teufel aufsah. „Es ist so unfair. Ich wünschte, du würdest mich öfter besuchen kommen können.“
„Das Leben ist nicht fair, Mary. Gewöhne dich besser daran.“ Krampus schenkte ihr ein bitteres Lächeln, während er den tintenschwarzen Samtsack von seiner Schulter gleiten ließ. Mit geschlossenen Augen griff er hinein und holte etwas daraus hervor. Es war eine einzelne, geschwungene Feder, welche selbst im fahlen Mondlicht in den prächtigsten Rot-, Orange- und Goldtönen erstrahlte. „Ich hätte es beinahe vergessen. Ein kleines Geschenk für dich - sie stammt aus dem Gefieder des Sonnenvogels. Verwahre sie gut.“

Als sie wieder vor ihrem Haus angekommen waren und die Zeit des Abschieds nahte, krochen bereits die ersten Strahlen der anbrechenden Morgensonne über den vereisten Rasen und tauchten die Umgebung in ein sanftes Orangerot.
„Danke für das Geschenk. Es ist wunderschön.“ Gedankenverloren strich Mary mit ihren Fingerspitzen über die Feder. „Musst du wirklich jetzt schon gehen?“
Der Teufel seufzte schwer auf und setzte bereits zu einer Antwort an, doch Mary kam ihm zuvor. Sie stellte ihm jedes Jahr aufs Neue diese Frage und jedes Mal vertröstete er sie.
„Schon gut. Ich weiß, ich weiß. Es liegt nicht nicht in deiner Macht. Also … dann sehen wir uns im kommenden Jahr?“
„So wie immer.“ Ein leichtes Grinsen  umspielte seine Lippen. „Benimm' dich und sei ein braves Mädchen, Mary. Du weißt, ich bekomme alles mit.“
„Wer bist du? Der verdammte Weihnachtsmann?“ Die Worte verließen ihren Mund schneller, als es ihr lieb war. Sein Grinsen verblasste augenblicklich und wich Missbilligung. Sie wusste nur zu gut, welche Reaktion dieser Name bei ihm auslöste, doch für den Moment war es ihr schlichtweg egal. Mary wollte Zeit schinden und somit den Abschied um ein paar kostbare Minuten hinauszögern. „Tut mir leid. Ich wollte dich nur aufziehen.“
„Ja, ja.“ Der Teufel winkte beleidigt ab und wandte sich zum Gehen. „Wir sehen uns.“
Für den Bruchteil einer Sekunde rutschte ihr das Herz in die Hose und sie dachte, dass sie es dieses eine Mal übertrieben und zu weit gegangen war. Mary eilte ihm hinterher und ergriff seinen Arm, um ihn zum stehen bleiben anzuhalten. „Du wirst mir fehlen. Du kommst doch wieder, oder?“
Krampus blickte auf sie hinab und zog sie in eine Umarmung. „Ich werde immer für dich da sein, solange du mich nicht vergisst und den Glauben an mich nicht verlierst, kleine Julfee.“


Und der Teufel würde sein Versprechen halten - nichtsahnend, dass es Mary sein würde, die ihn im darauffolgendem Jahr im Stich lassen würde.
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