Schuld und Sühne

OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Captain America / Steven "Steve" Grant Rogers Nicholas Joseph "Nick" Fury
24.08.2016
24.08.2016
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Schuld und Sühne


(Inspiriert von 'All that is good', Tyler Bates [Watchmen-Soundtrack])

Beschämt betrachtete er das Glas Wasser, das Nick Fury für ihn hatte herbringen lassen. Er lebte noch, aber er fühlte sich mehr wie ein wandelnder Toter. Wirklich lebendig zu sein, fühlte sich anders an.
Durst hatte er keinen, das hatte er aber schon gesagt, bevor Fury wie besessen nach einem Glas Wasser für ihn durch den Raum gebrüllt hatte. Hier sollte er sich 'ausruhen', wie der Mann mit der Augenklappe es ausgedrückt hatte.
Dabei lag Steve nichts ferner als sich auszuruhen. Er hatte sich die letzten siebzig Jahre zu genüge ausgeruht. Eingefroren und vergessen, auf einem Kontinent, der nicht lebensfeindlicher sein konnte.
Vor wenigen Stunden hatte Fury ihn mit einigen bewaffneten Agenten mitten in New York eingeholt, um ihn zu beruhigen. Sie hatten ihm schonend beibringen wollen, dass er sich im 21. Jahrhundert befand und nicht mehr im Zweiten Weltkrieg.
Das letzte, woran er sich erinnern konnte, war das Gespräch mit Peggy. Sie war höchstwahrscheinlich auch schon tot, genau wie alle anderen. Genau wie Bucky...
Seit er aufgewacht war, war ihm immer wieder dieses unheimliche Bild durch den Kopf gespukt, wie Bucky sich nicht mehr an dem Zug hatte halten können und dann in den tiefen Abgrund gestürzt war.
Er war sein treuster Kamerad gewesen, sein treuster Freund und doch war er jetzt tot, obwohl er etwas völlig anderes verdient hatte als den Tod. Bucky hatte es verdient gehabt den Krieg zu überleben und zurück nach Amerika zu gehen. Er hatte es verdient eine Frau kennenzulernen und eine Familie mit ihr zu gründen. Er hatte es verdient...
Steve unterbrach seine eigenen Gedanken und seufzte schwer. Das Glas Wasser stand immer noch unberührt vor ihm, genau wie die Akte, in der sich Bilder von dem Ort befanden, an dem man ihn vor ein paar Tagen gefunden hatte, bevor man ihn auftauen konnte.
Innerlich verzweifelt verharrte er weiterhin in seiner Position und suhlte sich in seinen Schuldgefühlen, die sich ihm mit einer plötzlichen Macht aufdrängten, dass er beinahe daran zu ersticken drohte.
Captain America war noch lange nicht in der Lage alles zu ertragen – und Steve Rogers schon gar nicht.
Er saß hier, in einer fremden Zeit und er war vollkommen alleine. Niemand wusste, wie er mit ihm umzugehen hatte, aber er selbst wusste es ja auch nicht. Er war hier und doch nicht, er war sozusagen ein Gefangener, eingeklemmt zwischen den Welten.
Schritte hinter ihm und das Geräusch der Tür, die geöffnet wurde, ließen ihn zusammenzucken. Steve drehte seinen Kopf etwas nach rechts, um den Vorgang hinter sich genauer hören zu können. Es war Nick Fury, der wieder in sein Blickfeld trat und ihn mitleidig ansah.
Etwas an diesem Mann erinnerte ihn an Colonel Philipps. Doch konnte er nicht benennen, ob es die Entschlossenheit war, die aus seinem Blick sprach oder die sarkastischen Sprüche, die Steve innerhalb der ersten Stunden hatte bezeugen können.
Fury ließ sich ihm gegenüber nieder, auf der anderen Seite des Tisches, der zwischen den unbequemen Stühlen stand. Steve wusste zwar, dass er sich in einem zweckentfremdeten Verhörraum befand, doch konnte er darüber hinwegsehen.
Diese Menschen hier hatten wirklich versucht, es ihm schonend beizubringen, doch interessierte ihn die Gegenwart nicht besonders. Die Vergangenheit erweckte schon eher seine Aufmerksamkeit, denn in ihr hatte er so viel Schuld hinterlassen, dass ihm davon schlecht wurde.
„Wie geht es Ihnen, Cap?“ fragte Fury betont freundlich und sah ihn aus seinem Auge an.
Steve zuckte die Achseln und sah zuerst auf die Tischplatte, dann in Furys Gesicht. Er wusste wirklich nicht, was er darauf antworten sollte, denn es gab nichts, was sie gemeinsam hätten, oder worüber sie sprechen könnten.
„Nun, ich weiß, Sie haben viel zu verarbeiten, die letzten siebzig Jahre sind nicht frei von Ereignissen geblieben und Sie haben auch viel nachzuholen. ...Haben Sie sich die Fotos angesehen?“
„Nein, ich wüsste nicht, inwiefern es mir hilft zu sehen, wo ich eingefroren war“, erwiderte Steve zögerlich und sah wieder auf die verschlossene Akte vor sich auf dem Tisch.
„Sie würden sich wundern... Gibt es etwas, was Sie so von mir wissen wollen?“ fragte Fury und Steve bemerkte, dass es dem Mann unheimlich unangenehm sein musste, so behutsam mit ihm umzuspringen, obwohl er eigentlich Captain America vor sich sitzen hatte.
Er zögerte. Aber dann stellte er die Frage, die ihm die ganze Zeit schon auf dem Herzen lag: „Peggy Carter... Lebt sie noch?“
Nick Fury lachte kurz auf und es schlich sich ein Anflug von Stolz in seinen Gesichtsausdruck. „Cap, Sie ist quicklebendig, und so störrisch und selbstbewusst wie immer. Aber...“
Steve fiel ein Stein vom Herzen, auch wenn er sofort die Angst in sich aufsteigen spürte, die ihn zu lähmen drohte. Er wollte sie besuchen, aber mutete er ihr damit nicht zu viel zu? Er wusste es nicht und er hatte wahrhaftig keine Ahnung, ob er es nicht bereuen würde.
Was, wenn sie ihn nicht erkannte?
Was, wenn sie sich vor ihm fürchtete, weil er noch lebte, obwohl er tot sein sollte? Und was hatte Furys 'Aber' zu bedeuten?
„Was 'aber'?“ fragte Steve zaghaft und erntete bloß ein schnelles Abwinken von dem Mann mit Augenklappe. Steve dachte wieder an Peggy und versuchte sich nicht auszumalen, was Fury ihm da gerade verschwiegen hatte.
Er hätte für Peggy da sein sollen, besonders in den letzten siebzig Jahren, statt sie so zu enttäuschen. Auch wenn ihm bewusst war, dass er nichts hätte tun können, so hatte er wieder das Gefühl, Schuld daran zu tragen, was auch immer ihr vielleicht widerfahren sein könnte. Es musste nicht zwangsläufig so sein, aber er hatte ein übles Gefühl in seiner Magengegend.
„Sie waren Helden, Cap. Sie alle. Ihr Howling Commando hat den Krieg maßgeblich gewendet und die ganze Nation ist stolz darauf, was Sie getan haben. Und was Sie geopfert haben. Schließlich dachten alle, Sie wären tot.“
„Wir haben alles getan, was möglich war, ja...“, murmelte Steve mit brüchiger Stimme und wieder dachte er an Bucky, der erneut vor seinem geistigen Auge die Klippe hinunterfiel und für immer im Schnee verschwand.
„Aber der Preis, den wir gezahlt haben, den die ganze Welt gezahlt hat, der war ziemlich hoch für diesen Krieg, finden Sie nicht? So viele Menschenleben ausgelöscht. Dennoch haben wir es im Namen der Freiheit getan, aber das macht es nicht besser. An manchen Tagen macht es das zumindest nicht...“
Steve brach mitten in seinen Ausführungen ab, denn er wusste nicht, was er da überhaupt erzählte. Es war wie ein schräges Theater, das er hier gerade besuchte. Er erzählte einem Mann aus dem 21. Jahrhundert, wie er den Krieg gegen Nazi-Deutschland erlebt hatte. Und er war nicht alt und grau, sondern noch genau so groß und widerstandsfähig wie damals.
„Heute ist so ein Tag?“ fragte Fury leise und sah ihn genau an.
Steve hob seinen Blick und erwiderte mit einem knappen Nicken.
„Ihre Kameraden sind nicht umsonst gestorben. Auch Ihr Freund Bucky nicht. Ganz besonders er nicht“, sagte Fury mitleidig und faltete die Hände auf dem Tisch.
Ein freudloses Lachen entrang sich Steves Kehle und er fuhr sich mit der Handfläche über das Gesicht. Fury hatte nicht den blassesten Schimmer, wovon oder besser über wen er gerade sprach. Es tat ihm leid, dass niemand mehr Bucky kennenlernen würde, um zu sehen, was für ein guter Mensch er doch gewesen war.
„Wissen Sie, Fury, es ist nicht die Tatsache, dass Bucky gefallen ist, die ich betrauere“, raunte Steve gedankenverloren.
„Nicht?“ fragte Fury verwundert und zog eine Augenbraue in die Höhe. Er wirkte skeptisch.
„Nein.“
„Was dann?“
Steve zögerte einen Augenblick, bevor er antwortete.
„Es ist die Tatsache, dass ich genau weiß, dass wenn ich in diesen Abgrund gestürzt wäre, Bucky nicht eine Sekunde gezögert hätte, um mir hinterher zu springen. Was habe ich dagegen getan? Ihn fallen lassen. Meinen einzigen Freund, Fury. Ich habe meinen einzigen Freund fallen lassen. Das ist, was ich betrauere. Nicht seinen Mut, auch nicht seine Tapferkeit oder seine Unerschrockenheit. … Sondern, dass ich ihn alleine habe fallen lassen.“
„Es ist nicht Ihre Schuld, Cap. Das müssten Sie wissen“, versuchte Fury zu widersprechen, doch schüttelte Steve energisch den Kopf.
„Doch, es ist meine Schuld“, insistierte Steve.
Er hatte nur noch nicht überlegt, wie er damit in Zukunft leben sollte. Er war zwar übermenschlich stark, aber konnte er auch diese Last auf seinen Schultern tragen?

Anmerkung: Einer meiner ersten Versuche aus Steves POV zu schreiben. Da mir das Ende des ersten Captain America-Films leider nicht gezeigt hat, inwiefern Steve mit seiner Vergangenheit zu kämpfen hat (weil er schließlich eine große Zeitspanne zwangsweise verpasst hat), dachte ich mir, ich greife die Stunden nach seiner ersten Begegnung mit Nick Fury am Times Square auf und sehe, was ich daraus machen kann.
Eure Rückmeldung besonders zu Steve wäre echt hilfreich! :)
LG, Erzaehlerstimme
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