Selbst für Leute wie uns

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12
Lennier
23.08.2016
26.07.2017
10
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Musik:

,,Final Masquerade“ –Linkin Park

,,The Angel and the One“ – Weezer

,,Bomb” - Faithless

,,Obedear” – Purity Ring

,,Hundred Miles” – Yall (auch wenn die Lyrics so überhaupt nicht passen, irgendwie verbinde ich das Lied damit)

,,Mirrorage“ - Glasser












Prolog

Seine Finger lagen auf dem Schalter der Luftschleuse. Er bemerkte, dass seine Hände zitterten. Eine kleine Bewegung, eine kurze Muskelanspannung, und das Schott würde hochfahren und die Luft würde aus dem Raum entweichen und er würde ins Vakuum des Alls schweben. Leere, nur ein paar Grad über dem absoluten Nullpunkt. Die Äderchen in seinen Augen würden durch den fehlenden Druck aufplatzen. Seine Lunge würde kollabieren. Sein Körper würde gefrieren, erst die Haut, dann die Muskeln und das Gewebe darunter, dann die inneren Organe. Aber vorher würde er ersticken. Sein Gehirn würde noch ungefähr drei Minuten funktionieren, und dann durch den Sauerstoffmangel absterben. Lennier war sich absolut sicher, dass das letzte, an das er denken würde, sie sein würde.

Er starrte auf den stahlgrauen Schott und versuchte sich die Sterne dahinter vorzustellen, ein unendliches Universum, und seine Seele würde darin in einem neuen Wesen wieder geboren werden. Würde er wieder ein Minbari werden? Oder ein Mensch? Ihm entfuhr ein helles Wimmern. Er hatte ihr versprochen, dass sie sich wiedersehen würden, aber das würden sie nicht. Vielleicht in einem anderen Leben. Vielleicht wären sie und er dort sogar füreinander bestimmt. Doch dieses Leben hier hatte längst keinen Sinn mehr.

Er war von der Whitestar, auf der er beinah zum Mörder geworden wäre, geflohen, ohne zu wissen wohin, einfach weg. Hatte Delenns Übermittlung  abgebrochen, weil es nichts gab, über das noch hätte geredet werden können, keine Art, sich irgendwie zu entschuldigen, es wiedergutzumachen.  Er hatte den gestohlenen Kampfflieger in einer Raumstation der Brakiri gelandet und das Sendegerät in einem heruntergekommenen Netzcafé so manipuliert, dass man darüber seinen Standort nicht verfolgen konnte.

Er dachte an sein letztes Gespräch mit Delenn und heller Schmerz schoss durch sein Herz. Lebte sie überhaupt noch? Oder war sie gestorben, innerlich verblutet weil ihr Körper nicht mit einem Hybriden klarkam? Sie war so unglaublich zäh, doch konnte sie eine Schwangerschaft mit einem halb menschlichen Kind überhaupt überleben?

Ein paar Mal hatte er nachlesen wollen, wie es ihr ging und hatte es sich doch nicht getraut, aus Angst vor dem, was er sehen würde. Er hatte sie verraten. Wenn sie wirklich tot war, hatte er sich nicht einmal von ihr verabschieden können.

Seine Augen fingen an zu brennen, und er riss sie weit auf und starrte angestrengt auf den verdammten Schott, um nicht in Tränen auszubrechen. Er schaffte es nicht. Die Tränen brannten in seinen Augenwinkeln und glitten über seine Wangen, als er versuchte, sie wegzublinzeln. Sie lösten sich in langen Fäden von seinem Gesicht und schwebten als kleine, wabernde Kugeln in der Schwerelosigkeit davon. Er sah ihnen nach, nahm sie jedoch nicht wirklich wahr. Alles war nur noch dumpf und Schmerz und grauenvolles Realisieren dessen, was er fast getan hatte.

Nach diesem letzten Gespräch war er auf den Rand zugeflogen, und hatte dabei versucht, alle Kolonien, Schiffe und Stationen der Minbari und der Menschen so weit wie möglich zu umgehen. In den ersten paar Wochen, als er noch gar nicht richtig begriffen hatte, was passiert war, und der Schock und die Aufregung noch seinen Körper beherrschten, hatte er Orte gesehen, die er sich vorher kaum hätte vorstellen können. Einen planetarischen Nebel, in dem neue Sterne entstanden. Ein Sonnensystem, dessen Asteroiden und Planeten und Monde niederfrequente, langwellige Energieempulse zwischen sich herschickten und auf eine völlige fremdartige Weise lebendig zu seinen schienen. Sogar etwas, dass vielleicht ein zurückgelassenes Schiff der Allerersten sein könnte, ein amorphes Gebilde aus dunklem Nebel, der wie graue Flüssigkeit aussah, rauen Platten und Energie, das ständig seine Form veränderte. Er war auf einem Mond mit Sauerstoff-Atmosphäre gelandet und hatte in einer Höhle darüber meditiert, wie er seinen schrecklichen Fehler nur wieder gut machen könnte. Doch es gab einfach nichts, und stattdessen waren seine Gedanken ständig zu ihr zurückgekehrt. Wie enttäuscht und entsetzt sie sein würde. Trotzdem würde sie ihm verzeihen, und sie würde sich vielleicht sogar dafür schämen, dass sie seine Liebe nicht früher erkannt hatte und nicht erwidern konnte. Sie war viel zu gut für ihn. So weise und stark.

Nach zwei Wochen hatte er es aufgegeben. Er war weitergeflogen und hatte ohne Plan Arbeiten an Bord von Schiffen und Stadtionen angenommen, ohne zu wissen, was er eigentlich wollte. Dabei war er kreuz und quer zwischen den verschieden Territorien hin und her geflogen, ohne sein Ziel zu kennen oder überhaupt eins zu haben. Seine Gedanken kreisten um seinen Verrat. Er hatte nichts gegessen in den zwei Wochen, in denen er meditiert hatte, aber er war trotzdem nicht hungrig. Er zwang sich, zu essen, doch mehr als ein paar Bissen schaffte er nie. Bald fürchtete er sich vor den Nächten, denn dann fehlten seinem Geist alle Formen von Ablenkung. Und er dachte nach. Er begriff mehr und mehr, wie sehr er Delenn verraten hatte, wie sehr er alles, woran er je geglaubt hatte, verraten hatte, was für eine erbärmliche Person er eigentlich war. Minbari logen nicht, aber sein Volk war so unglaublich gut darin, sich selbst zu belügen. Er hatte damals zu Marcus gesagt, seine Liebe wäre so viel mehr als einfach nur die romantische Liebe der Menschen. Tiefer, reiner, heilig. Er hatte sich geirrt. War er damals einfach noch zu naiv und verblendet gewesen, um es zu begreifen, oder hatte er sich selbst belogen? Denn er war nur ein verliebter Niemand, zu unerfahren, um es früh genug zu begreifen, zu feige, um es ihr zu gestehen und zu langweilig, schüchtern und unbeeindruckend, um ihr auch nur einen einzigen Grund zu geben, sich für ihn zu interessieren. So sehr er es wollte, er konnte die Gefühle nicht kontrollieren, selbst wenn er wusste, dass es nicht sein Schicksaal war, von Delenn geliebt zu werden. Er war zu schwach, um damit klarzukommen.

Er drehte sich von einer Seite auf die andere und seine Gedanken zerfetzten ihn innerlich. Ich bin schuld daran, dass Virs Heimatplanet angegriffen wurde. Ich habe die Minbari verraten. Ich wollte zusehen, wie John Sheridan erstickt. Delenn liebt mich nicht.

Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, in der er es irgendwie aushielt, aber dann konnte er nicht mehr und öffnete die Augen und blickte in die Dunkelheit, und als er auf die Uhr auf seinem eReader sah, bemerkte er, dass wieder nur ein paar Minuten vergangen waren. Also las er, doch er war so müde, dass er einen Satz dreimal lesen musste, um seine Bedeutung ansatzweise zu erfassen. Und egal, worum es in dem Buch ging, es leitete seine Gedanken zuverlässig wieder zu der grauenvollen Erkenntnis zurück, wer er wirklich war. Irgendwann versuchte er wieder zu schlafen, doch dann war er allein, ohne Deckung vor seinen Erkenntnissen. So wurde jede Nacht zum Kampf mit der zäh dahinfließenden Zeit. Tagsüber schien alles zähflüssig wie Sirup zu werden. Er nahm kaum noch wahr, was um ihn herum passierte, es schien viel zu schwierig zu sein, und über die einfachsten Dinge musste er minutenlang nachdenken und begriff sie trotzdem nicht. Seine Gedanken wurden trüb und verschwommen und unendlich langsam, aber immer noch deutlich genug, um ihm schmerzhaft klar werden zu lassen, was er getan hatte.

Es ging jetzt schon seit über sechs Monaten so, und obwohl er schon nach der ersten Woche geglaubt hätte, es könnte nicht noch schlimmer werden, wurde es es doch. Er fand keinen Ausweg und es kam ihm vor, als würde es immer unmöglicher, sein Versprechen einzuhalten, einen Weg zu finden, es wieder gut zu machen.

Seit über einem halben Jahr hatte er kaum geschlafen und fast nichts gegessen. Es war seinem Körper anzusehen, den er hassen gelernt hatte weil Delenn ihn verschmähte. Schon vorher war er dünn genug gewesen, um seine Rippen zu sehen, doch jetzt zeichneten sie sich überdeutlich ab, die Haut spannte sich über seinem Schlüsselbein und seine Beckenknochen stachen scharf heraus. Die Rückenwirbel waren spitz unter dem himmelblauen, verwischten Streifen auf seinem Rücken. Sein Knochenkranz schien zu groß um sein ausgemergeltes Gesicht. Er hatte dunkle Ringe unter den rot geäderten Augen, die durch den Kontrast zu seiner hellblauen Iris auf eine geistesgestörte Art und Weise leuchteten. Er sah aus wie der irre Mörder in einem Horrorfilm.

Er trug nicht mehr die Anla‘Shok-Uniform, weil er es nicht mehr würdig war und es ihm so falsch vorkam, sondern einen zerschlissenen, beigen Overall.

Er stellte sich vor, wie er aussehen würde, wenn die Crew des heruntergekommen Schiffes bemerken würde, dass jemand unautorisiert die Luftschleuse geöffnet hatte.

Seine Haut wäre überzogen von Eiskristallen und seine Augen würden in die Sterne starren, blau leuchtend vor dem rot der geplatzten Äderchen. Er sah vor sich, wie verstört die Crew sein würde, als sie es entdeckte. Und dann dachte er an Vir Cotto – inzwischen Botschafter auf Babylon 5.  Sein bester Freund nach Delenn, von der er schon lange nicht mehr wusste, ob er sie als Mentor, engste Freundin oder die Liebe seines Lebens bezeichnen sollte. Mit dem er auch seit einem halben Jahr nicht mehr geredet hatte. Vir würde zuerst denken, jemand würde sich einen gemeinen Scherz mit ihm erlauben: ,,Lennier? Aus einer Luftschleuse gesprungen? Ich kenne ihn doch, sowas würde er nicht tun!“ Aber bei der Zeremonie für die Freigabe seiner Seele würde er ihn sehen und könnte die Wahrheit nicht mehr verdrängen. Er würde nicht weinen, nur ungläubig ganz leicht den Kopf schütteln. Zuerst, die Flut an Tränen würde erst später kommen. Lennier hatte Vir nie weinen sehen, doch er kannte ihn gut genug, um es sich in jedem Detail vorzustellen. Würde Captain Ivanova anwesend sein, um Delenn zu trösten? Oder Botschafterin Yeestrell und ihre beiden Attachès, Minbars neue Vertretung auf Babylon 5? Oder Captain Lennan, oder Nur und Barenn? Auch sie würden ungläubig den Kopf schütteln, und leise diskutieren, wie das nur hatte passieren können. Vielleicht hätte einer von beiden sogar eine Träne im Augenwinkel. Seine Tante würde in die Ecke des Raumes gedrängt dastehen, klein und verloren zwischen den Außerirdischen, heillos schluchzend, die Arme um den Oberkörper geschlungen, wie sie es so oft nach dem Krieg mit den Menschen getan hatte, und ihre Weinen würde sich anhören wie das Jaulen eines verletzten Tieres.

Andere Familienangehörige würden keine da sein. Einst hatte er eine große Familie gehabt. Aber dann kam der Erd-Minbari-Krieg. Sein Vater war auf dem Schiff gewesen, das die Menschen bei ihrem Erstkontakt angegriffen hatten, in einer der Sektionen, die durch die Explosion zusammenbrachen, zerquetscht unter Stahlträgern, Elektronik und Teilen der Außenhülle. Morisen und Tellar, seine Mutter und seine Schwester, waren auf der Black Star gewesen, als Starkiller sie in das verminte Asteroidenfeld lockte und kaltblütig alle auf dem Schiff ermordete. Trotziger Hass erfüllte Lennier, denn egal was für eine großartige Anführerin Delenn war, ohne Starkiller hätten sie den Schattenkrieg wahrscheinlich nur mit sehr viel höheren Verlusten überstanden und er war sowieso ein so viel besser Mann und größerer Held als Lennier je seien würde. Nach dem, was er beinah getan hatte, hatte er absolut kein Recht, ihn zu hassen. Aber er konnte nichts dagegen tun. Starkiller würde auch bei der Verabschiedungszeremonie dabei sein. Er würde seine betroffene Mine aufsetzen, die, die er auch hatte, wenn einer von Babylon 5s Kampfliegerpiloten getötet worden war oder wenn er eine seiner berühmten Rede über Missstände hielt, und er würde wissen, dass er gewonnen hatte. Und natürlich würde Delenn da sein. Wenn sie noch lebte. Er wäre endlich wieder bei ihr, wenn sie gestorben war.  Aber wenn sie noch lebte, würde sie bei seiner Freigebungszeremonie erscheinen, und sie würden sich so ein letztes Mal treffen. Er hatte ihr versprochen, er würde einen Weg finden, seinen Fehler wieder gut zu machen, und sie würden sich wiedersehen. Das würden sie nie mehr. Sein Herz krampfte sich zusammen, zusätzlich zu dem dumpfen aber heftigen Schmerz, der sowieso schon allgegenwärtig war. Er sah vor sich, wie sie weinte und schluchzte und sich an Ivanova oder Lennan oder irgendeinen der anderen klammerte, um nicht zusammenzubrechen. Sie würde sich Selbstvorwürfe machen, und sie würde zwei Wochen lang fasten und meditieren, um zu trauern. Er war es nicht wert, aber sie würde es trotzdem tun.

Er wollte nicht, dass sie wegen ihm litt. Er wollte das keinen von ihnen antun.

Er hob die Finger, um mit dem wieder senken die Luftschleuse zu öffnen, und lies dann die Hand fallen. Ein letzter Blick auf den Schott. Er hatte fast einen halben Tag gebraucht, um die Sensoren so zu manipulieren, dass sie ihn ohne Raumanzug in die Schleusenkammer ließen, doch er würde jetzt nicht Gebrauch davon machen, konnte es Delenn und seiner Tante und Vir und Ivanova und Londo einfach nicht antun. Und er konnte Starkiller diesen Triumph nicht gönnen. Er stieß sich mit der rechten Hand von der Wand ab und hangelte sich zurück in Richtung Brücke.







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Firell hatte immer gewusst, wo ihr Platz im Universum war. Das hieß jedoch trotzdem nicht, dass sie diese simple Tatsache immer akzeptieren konnte.

Wie letztes Jahr, als der Bürgerkrieg ausbrach. Wie immer hatte sich ihre Kaste im Hintergrund gehalten und die Religösen und die Krieger ihre ewigen Machtkämpfe austragen lassen. Nur, dass die auf einmal übereinander herfielen, als hätte es den tausendjährigen Frieden nie gegeben. Das Jaulen des Alarms, das sie eines Tages aufgeweckt hatte, klang manchmal immer noch in ihren Ohren. Zuerst dachte sie, es wäre Probe, um die Sirenen zu testen. Dann bemerkte sie den Rauch und glaubte im ersten Moment die Schatten wären doch zurückgekehrt und hätten Minbar angegriffen. Hektisch hatte sie ihren Kram zusammengepackt. Ihr Blick fiel nach draußen. Feuer schlug aus einem der kristallenen Türme, Rauch lies den Stadtteil jenseits des Flusses im Nebel verschwinden und sie erinnerte sich noch, wie sie sich fragte, warum ein Gebäude aus Kristall überhaupt brennen konnte. Gleiter schossen hektisch durch die Luft, und sie sah, wie die Leute in den Straßen durcheinander hetzten, sie trugen das Schwarz der Krieger und das blau-gelb, grün und rötlichbraun der Arbeiterkaste. Nur im Norden gab es ein paar Personen, die nicht in Panik durcheinander stieben: Eine geschlossene Formation aus schwarz marschierte den Hang nach unten in die Stadt herunter, es sah aus wie zähflüssiges schwarzes Öl, dass drohte, Chalra‘szenn unter sich zu ersticken.

Der Angriff war nicht völlig unerwartet gekommen, schon Wochen vorher hatte es Berichte über den sich immer weiter verschärfenden Konflikt zwischen der Kriegerkaste und der religiösen Kaste gegeben. Aber Firell hatte niemals erwartet, dass tatsächlich Krieg ausbrechen würde. Sie glaubte selbst jetzt nicht. Ihr Volk hatte den Krieg schließlich schon vor tausend Jahren besiegt, als Valen den Grauen Rat gründete.

Irgendwann, sie konnte hinterher nicht mehr sagen, ob nach Stunden oder Minuten oder auch nur ein paar Sekunden, war ihre Lehrmeisterin aufgetaucht, und brüllte, sie sollten sich einfach so viel Kleidung wie möglich überziehen und Essen, Decken, warme Kleidung und Medikamente und Verbandszeug einpacken. Wilkin schlurfte hinter ihr her, noch halb am Schlafen, in seiner rot-orange gestreiften Pyjama-Hose und mit nacktem Oberkörper. Firell war zu verstört vom Chaos draußen, um auch nur darauf zu achten, nicht hinzusehen.

,,Was?“

,,Die Krieger greifen die Stadt an. Du hast zehn Minuten.“

Dann waren die vier anderen Heilerlehrlinge und Indell auch schon im Erdgeschoss, Firell stand einfach nur da, in Wanderstiefeln, dickem Mantel und mit ihrem alten, völlig überpackten Rucksack auf dem Rücken, und im Nachthemd, dass noch unter dem Mantel hervorlugte und sich ständig in den Schnallen ihrer Stiefel verhakte.

,,Los, raus. Wir versuchen nicht, über die Weststraße zu entkommen, durch die Massenpanik da kämen wir nicht durch. Wir gehen übers Julierer‘ Moor“

Indell packte sie am Oberarm und zerrte sie mit, als sie nicht reagiert. Firell stand zu sehr unter Schock, um sich irgendwie dagegen zu wehren.

Sie stolperte nach draußen. Sirenengeheul und Schreien und das dröhnenden Rauschen von Gleitern stürzte auf sie ein. Von einem Moment auf den anderen bestand die Welt nur noch aus Lärm und Angst. Die Straße war völlig leer, nur eine zerknitterte Zeitung wehte einsam im Wind. Von hinter einem Häuserblock irgendwo in der Ferne hallten Schüsse und dumpfe Geräusche, die sich anhörten, als würden irgendjemand wie verrückt auf etwas weiches einschlagen – Körper, es hörte sich an wie Schläge gegen Körper! Erstickte Schreie. Eshak, ein paar Schritte vor ihr, schluchzte auf. Er hörte einfach nicht mehr auf zu weinen.

Sie hetzten eine schmale Gasse hoch und landeten vor einer Reihe schlichter Häuser, die Straße genauso unheimlich verlassen wie die vorherige. Sie sprinteten auf die andere Seite zu. Urplötzlich, wie aus dem Nichts, kollidierte ihre Gruppe mit einer anderen Gruppe flüchtender Minbari. Jemand rammte Firell mit voller Geschwindigkeit, Ellenbogen und zu Fäusten geballte Hände trafen sie im Bauch, und instinktiv stemmte sie sich gegen die Flut aus panischen Körpern, drückte sie weg, schubste und stieß Leute aus dem Weg. Irgendwer trat auf ihre Zehen, harte Fäuste stießen in ihre Flanken, ihr Kopf kratzte an dem eines anderen entlang, ein ekelhaftes Knirschen, jemand blieb an ihrem Rucksack hängen und riss sie fast mit, eine Frau stieß mit ihr zusammen. Firell stolperte. Grade noch erwischte irgendetwas glattes, stoffartiges und fing sich ab.

Sie sah, wie der Typ, in dessen Rucksack sie sich gekrallt hatte, aus dem Gleichgewicht gebracht nach vorne stürzte. Irgendjemand, war es Nimaan mit ihrem spitz geschleiftem Knochenkranz, war es Dukhenn oder jemand fremdes, versuchte, sich an ihm vorbei zu kämpfen. Ein helles ,,Klong“, dass viel mehr nach Holz als nach dem Teil einer lebenden Person klang, ein wiederlich nasses Schleifen, plötzlich klebte leuchtend rotes Blut auf hellgrauem Knochen. Im nächsten Moment war Firell raus aus dem Chaos, und sie sah noch, wie der zierliche junge Mann umgerempelt wurde und fiel, Blut strömte aus der Platzwunde an seiner Stirn, über sein Gesicht. Niemand half ihm hoch, die Fremden rannten panisch gradewegs über ihn drüber. Blieben fast an seinem Körper hängen. Auch ihre eigene Gruppe hetzte einfach weiter, und Firell war zu panisch, um auch nur daran zu denken, dem Jungen zu helfen.

Endlich erreichten sie das Moor im Süden der Stadt. Sonst ging sie hier manchmal spazieren, doch heute genoss sie nicht die Schönheit der blattlosen Bäume, der geduckten Pflanzen und der zugefrohrenen Wasserlachen auf dem Weg. Sie suchte nur die kargen Wiesen nach den schwarzen Uniformen der Krieger oder dem verlogenem weiß der Religiösen ab. Niemand anderes da.

Also stolperten sie weiter, schweigend, bis auf Eshaks leises Schluchzen und Wilkins Versuch, sie mit Gesprächen abzulenken.

Die kurzen Gräser gingen in kleine, karge Bäume über. Bald fiel der Wald links von ihnen ab. Sie liefen schon seit einigen Minuten neben dem Hang, da rief Nimaan urplötzlich leise und doch schrill: ,,Stopp!“

Einen Sekundenbruchteil später sah Firell warum. Am Abhang, da, wo sie auch hin mussten,  waren drei Personen, das Weiß ihrer Mäntel verschmolz mit der hellen Rinde der Bäume.

,,Religiöse.“

Eshak heulte auf: ,,Wir werden sterben!“

Indell drückte Firell zu Boden, und sie duckte sich hinter das klägliche Unterholz vor ihr. Die anderen kauerten sich neben sie. Trotzdem würden die Religösen sie entdecken, würden sie zu ihnen hoch blicken. Das Gestrüpp wuchs nicht dicht genug, um sie zu verbergen.

Angst raste durch Firells Körper. Sie atmete tief ein und musste all ihre Kraft aufwenden, nicht einfach panisch wegzustieben.

,,Die bewachen irgendeine Maschine.“, sie hörte genau, wie Dukhenn versuchte, die Panik aus seiner Stimme zu verbannen. Es gelang ihm nicht. Dukhenn, der bald wegen ihr…

Zwei der drei Religiösen standen rechts und links eines Schwebehebers, auf dem eine Maschine thronte, bestimmt doppelt sie hoch wie sie und dreimal so lang. Ein sich unten verjüngerndes Rohr zielte in den Himmel, darunter kugelförmige Bauteile, Motoren, Batterien, Drähte und Leitungen, so dick wie Firells Oberarme.

,,Das ist ein stationäres Plasmageschütz.“, Firell hatte sich schon immer für Raumfahrt interessiert, und die Ausbildung zur Raumbergung auf der Station Yushuna hatte ihr Wissen noch erweitert. Sie hörte, wie ihre Stimme zitterte und fast versagte, und zwang sich, weiterzusprechen, ,,Die werden auf Raumbasen, Kolonien, in den orbitalen Verteidigungsanlagen und millitärischen Raumhäfen am Boden eingesetzt, um feindliche Raumschiffe abzuwehren. Aber hier auf der Planetenoberfläche könnte man“, nein, das konnte einfach nicht wahr sein, sie musste sich irren, ,,mit ihnen militärische… und… zivile Schweber abschießen.“

,,Bei Valen!“, murmelte Dukhenn.

,,Die wollen eine Blockade errichten. Die wollen die Versorgungswege von Chalra’szenn abschneiden, so wie sie’s beim ersten Haus von Lir gemacht haben. Weil wir nicht Partei ergriffen haben.“, meinte Wilkin.

Niman richtete sich auf: ,,Wir müssen die angreifen, das Teil bringt ihnen in der Nähe nichts.“

,,Ja, wir sind mehr als die, und die sehen ziemlich am Ende aus, wenn wir sie einfach überrennen…“, stimmte Wilkin zu.

,,Wir bleiben hier!“, befahl Indell, ,,Die besitzen garantiert Schusswaffen, damit hätten sie euch erschossen bevor ihr auch nur nah genug herankämt.“

Die dritte Personen gab irgendein Kommando, und die beiden anderen und der Schwebeheber mit dem Plasmageschoss setzten sich in Bewegung.

,,Seht! Die ziehen sich zurück, jetzt, wo die Kriegerkaste Chalra’szenn einnimmt. Die wissen genau, dass sie gegen deren millitärische Übermacht in einer direkten Konfrontation keine Chance haben.“

,,Bei Valen, die haben doch nicht etwa den Wald vermint?“

Ein weiteres Schluchzen von Eshak.

,,Das würde die religiöse Kaste niemals tun“

,,Oh doch, Firell. Die sind hoffnungslos unterlegen, und umso grausamer und verbissener müssen sie kämpfen.“, fauchte Nimaan, ,,Die Krieger und wir besonders waren für die doch eh immer nur wertlose Spielfiguren zum rumschieben. Andere Leben als die ihrer eigenen Leute hat die doch noch nie interessiert, solange nur das passiert, was deren Meinung nach das Richtige für unseren Planeten ist!“

Die Religiösen zogen sich tatsächlich zurück. Jeden Moment erwartete Firell, eine von ihnen würde hochsehen und sie entdecken. Bald schmerzten ihre Knie und wurden schließlich ganz taub, als sie so lange in der gleichen Haltung dakauerte. Doch würde sie die Position ändern, würde sie über den kläglichen Sichtschutz aus Dornen hinüberragen.

Endlich waren die Religösen verschwunden.

,,Äh, wo gehen die jetzt eigentlich lang?“, Dukhens Stimme zitterte. Alle starrten ihn an.

,,Oh Scheiße!“, murmelte Niman noch.

Im selben Moment begriff Indell. ,,Die kommen hier hoch. Rennt den Hang runter! Sofort!“

Firell wuchtete sich hoch, stolperte nach vorne. Sie kümmerte sich nicht um die Dornen, die an ihrer Kleidung zogen, sich in ihrem Rucksack verhakten. Sie riss sich los, schlidderte ins freie, rannte. Immer weiter. Sie wusste nicht, wo die anderen waren, ob sie irgendwen verloren hatten, ob die Religiösen jemanden erschossen hatten, doch sie durfte sich nicht umsehen, keine Zeit verlieren. Sie wurde zu schnell. Ihr Gepäck riss sie nach vorne, sie verlor fast den Halt und fiel eher als dass sie rannte. Kleine, schnelle Schritte, um die Wucht abzufangen. Sie sprintete über den Weg, auf dem vor ein paar Minuten noch die Religösen mit ihrem Plasmageschütz gestanden hatten, in den Wald dahinter. Jeden Moment erwartete sie, von einer Ladung Plasma zerfetzt zu werden.

Der Hang wurde immer steiler. Grade noch konnte sie einem Baum ausweichen, schrammte mit der rechten Schulter daran entlang. Dann rutschte der Boden unter ihren Füßen weg. Sie fiel hart auf die linke Seite, der Aufschlag presste ihr die Luft aus der Lunge. Sie schlidderte weiter den Hang hinunter. Sie trat wild mit den Beinen und langte nach Halt, um ihren Sturz zu stoppen. Endlich blieb ihre Hand an einer Wurzel hängen, sie riss ihr die Haut auf, sie bemerkte den Schmerz kaum. Firell stieß sich hoch.

Ihre Lunge brannte, ihre Beine konnten all das Gewicht ihres Gepäcks kaum noch halten, doch sie rannte weiter.

Erst als die Wege schon weit außer Sicht waren stoppte sie schliddernd. Nach und nach trafen auch die anderen ein. Firell stützte die Hände auf die Knie und keuchte. Sie brauchte dringend eine Pause. Doch Indell, selber auch viel zu sehr außer Atem, um sprechen zu können, winkte sie weiter.

Die ersten zwei Stunden schaffte Firell es sogar, auf die wunderschöne Natur um sie herum zu achten oder mit den anderen zu reden. Gespräche über anstrengendes Theorienlernen, Filme und Bücher, während sich  in Chalra’szenn die Krieger und die freiwillige Stadtwache der Arbeiterkaste gegenseitig abschlachteten.

Irgendwann fiel Indell immer mehr hinter ihren Schülern zurück, und Dukhenn übernahm die Führung. Er schritt rasch voraus, schnelle stetige Schritte. Firell wollte sagen, er sollte langsamer gehen. Doch sie kriegte nicht genug Luft, sie musste nur versuchen, nicht zurückzufallen. Das Tempo zu halten. Sie wusste, vom medizinischen Standpunkt aus betrachtet müsste ihr Körper mit der Belastung fertig werden. Trotzdem war jeder Schritt eine unglaubliche Anstrengung. Entgegen allem, was sie in ihrem Studium gelernt hatte, glaubte sie, die Muskeln ihrer Beine müssten jeden Moment reißen. Stechender Schmerz bei jedem Schritt, erst in den Beugemuskeln ihres Unterschenkels, dann im graden vorderen Oberschenkelmuskel. Dumpfer Schmerz strahlte von ihrem Rücken aus. Die Träger ihres Rucksacks schnitten sich in ihre Schultern. Ihre Hände brannten vor Kälte. Auch ihre Lunge brannte.

Sie hörte ihr eigenes, rasselndes Keuchen wie durch eine unsichtbare Pappwand. Wilkins hechelnde Atemzüge von irgendwo hinter ihr mischten sich dazu. Eshak schluchzte nicht mehr, er stolperte nur noch stumm weinend vorwärts.

Firell nahm die Umgebung nur noch fragmentarisch war. Weg vor ihr, Eshak, Dukhennn viel zu schnell vorausschreitend. Keuchen, Schmerz.

Für einen Moment wollte sie sagen, Dukhenn solle langsamer gehen, sie könnte nicht mehr. Doch sie hatte keine Kraft mehr zum Sprechen. Selbst denken war zu anstrengend.

Noch einen Schritt und noch einen, immer weiter. Es schien ewig so weiterzugehen.

Immer wieder verschwamm alles vor ihr. Sie stellte sich dumpf vor, angekommen zu sein und sich auszuruhen. Es kam ihr fast unmöglich vor, dass das tatsächlich irgendwann geschehen würde.

Dann endlich kamen sie in der Nachbarstadt an. Sie war zu erschöpft, um mehr als kurz aufblitzende, resignierte Angst zu empfinden, als sie Rauch über dem anderen Ende der Stadt aufsteigen sah. Sie konnte von hier aus nirgendwo weiter.

,,Bereitet euch darauf vor, schwerverletzten Kriegsopfern helfen zu müssen und Tote zu sehen!“, Indell war wieder da. Sie bewegte sich langsam, weil sie für alles andere zu erschöpft schien, ihre Stimme klang rau und leise. Sie versuchte, sich nicht auf Nimaan zu stützen, und schaffte es doch nicht. Ihre Kraft reichte nicht mehr aus, um allein zu stehen.

Sie trotteten ins Stadtinnere, an zerstörten Häusern vorbei, denen die Fassade fehlte, sodass man gradewegs in die Wohnungen hineinsehen konnte. Ein paar Kinder wurden von ihren Eltern weiter ins Hausinnere gezogen, als sie die Gruppe unten in der Straße bemerkten.

Schutt und Kristallsplitter lagen mitten auf dem Weg, und sie humpelten daran vorbei.

Das alles erschien Firell völlig unwirklich. Als könnte das hier doch nur die Kulisse für einen dieser verblödeten Endzeit-Action-Holofilme sein.

Sie erreichten das Krankenhaus, fanden irgendwie einen Platz zwischen all den Leuten und Indell gestattete ihnen eine Stunde Pause. Firell aß die köstlichste Dose kalter Nudeln ohne Soße, die sie je gegessen hatte, dann ließ sie den Kopf gegen die Wand sinken und versuchte zu meditieren. Selbst dafür war sie zu erschöpft. Eine halbe Stunde später rief einer der schon dort arbeitenden Heiler sie, um ihm zu unterstützen. Allein würden sie das nicht mehr hinkriegen, sagte er.

In den folgenden Monaten erwischte sich Firell immer wieder dabei, sich zu wünschen, sie könnte bloß weg von all dem Blut und Kämpfen und Sterben, und schämte sich für diesen selbstsüchtigen Gedanken. Sie war der leisen Stimme ihres Herzens gefolgt und lies sich zur Heilerin ausbilden. Es war ihre Pflicht, ihrem Volk zu dienen, indem sie die Opfer des Krieges versorgte. Selbst wenn sich ihr Volk selbst abschlachtete.

Es war grausam und hilfreich zugleich; irgendwann gewöhnte sie sich daran, zerfetzte und verbrannte Körper zu sehen, Leute schreien zu hören und mit ansehen zu müssen, wie sie starben. Aber sie konnte nicht schlafen, und lauschte Nachts dem Heulen der fallenden Bomben. Irgendwann bekam das Geräusch etwas seltsam ablenkendes, beruhigendes, da sie wusste, dass ja nur die entfernten Stadtteile angegriffen wurden. Ständig musste sie an eine ehemalige Freundin denken, die zwar eigentlich zu so etwas wie ihrer Feindin geworden war, deren Schicksaal ihr aber trotzdem nicht aus dem Kopf ging. Sjon hatte sich für die Kriegerkaste entschieden. Würde sie jetzt gegen ihre beide besten und engsten Freunde kämpfen müssen, bloß weil die der Arbeiterkaste angehörten? Wo waren Tanann und Feelier überhaupt, lebten sie noch?

Und egal wie sehr sie sich anstrengte, Firell war nicht gut genug für diese Arbeit. Doch wie hätte sie auch, der Krieg hatte ihre Ausbildung im letzten Jahr unterbrochen, und im überfüllten Krankenhaus der Nachbarstadt, in dem man in leisen Momenten die Schüsse und die Explosionen der Bomben an der Front hören konnte, mangelte es zunehmend an Material.



Egal wie schlecht ausgebildet sie für das kommende war, sie hatte das damals überlebt, es konnte gar nicht so schlimm werden wie damals. Und trotzdem spürte sie, wie ein winziges bisschen Angst in ihr hochkroch.








A/N: Das ist die Geschichte, wegen der ich anfing, Fanfiction zu schreiben. Sie ist jetzt so ziemlich genau ein Jahr alt, und momentan stecke ich ein wenig fest, aber ich hoffe, sie hochzuladen bringt mir wieder neuen Elan. Ich werde jetzt alle zwei Wochen ein Kapitel hochladen, bis mir die Kapitel ausgehen.

Lenniers Mutter und Schwester, Morisen und Tellar, sind aus dieser Fanfiction: Waiting fort he Dead, während Nur und Barenn, alte Freunde Delenns und Mitglieder des neuen Grauen Rates, in mehreren Geschichten der genialen Deborah Juge vorkommen, unter anderem dieser Third Rituals. Ich habe für diesen ,,Roman“ die Backstory von Firell aus dieser Fanfiction (Who sail away (and then come back)), auch Indell und Dukhenn stammen daraus.

Ich würde mich sehr über Kommentare freuen, danke!
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