Real Talk

von Silvana
GeschichteAllgemein / P12 Slash
Felipe Nasr Jolyon Palmer Kevin Magnussen Marcus Ericsson
22.08.2016
22.08.2016
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Disclaimer: Keine der erwähnten Personen gehört mir. Alles ist frei erfunden, es soll mit der Geschichte keinem geschadet werden und ich verdiene auch kein Geld damit.

Pairing: Jolyon Palmer / Marcus Ericsson
Weitere Charaktere: Kevin Magnussen, Felipe Nasr
Timeline: Sonntag, 23. Oktober 2016
Warnung: Slash, OOC

Anmerkung: Dies ist der voraussichtlich letzte Teil meiner OS-Serie und somit die Fortsetzung von „Fire Meet Gasoline“, „Road Trip“ und „Pretty Little Liar“.

Ich bedanke mich herzlich bei allen, die die Geschichten gelesen, kommentiert, favorisiert und / oder empfohlen haben und würde mich auch diesmal wieder über fleißige Leser und Reviewer freuen. ;) Viel Spaß mit dem letzten Teil und ich hoffe, alle offenen Fragen konnten geklärt werden!


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Es war bereits nach 23:00 Uhr im Trophy Club, einer Bar in Austin, Texas, welche man mittlerweile recht gut besucht nennen konnte. An einem kleinen Tisch abseits in einer Ecke schräg gegenüber der Treppe nach oben saßen Jolyon und Marcus. Von ihrem Platz aus hatten sie zwar keinen guten Überblick über den Rest des großen Raums, aber es hatte auch kaum jemand einen guten Blick auf sie.

„Ich muss dir übrigens noch was zeigen!“, fiel es Marcus plötzlich ein. Er holte sein Smartphone hervor, öffnete die Bildergalerie, wählte ein bestimmtes Bild an und hielt es Jolyon vor die Nase.

Der Brite trank seine Weißweinschorle aus, während er das Foto betrachtete. „Du hast es ernsthaft fotografiert“, konstatierte er amüsiert. Die Aufnahme zeigte ein billiges, schäbiges Motelzimmer mit dunklen Wänden, einem roten großen Doppelbett und roten Vorhängen. Es war das Motel, in dem sie Montagabend für eine Nacht abgestiegen waren. Der Einfall kam ihnen spontan in Suzuka und zunächst war er nur eine blöde Spinnerei gewesen. Sie hatten im Bett gelegen, über den bevorstehenden Texas-GP geredet und kamen dabei von einem Thema aufs andere, bis Marcus irgendwann von heruntergekommenen Motels anfing, die man in amerikanischen Serien ständig sah und in denen meistens der Teufel los sei. ‚Warum besuchen wir nicht nächste Woche eins und finden raus, ob da tatsächlich der Teufel los ist?’, hatte Jolyon spaßeshalber gefragt und ehe er sich versah, war aus dem Scherz ein Plan geboren. Sie könnten ein paar Tage früher anreisen und sich ein wirklich abgelegenes Motel suchen, nicht mal in Austin selber, sondern weiter draußen, wo sie kein Mensch kannte, überlegten sie sich. In Amerika waren sie sowieso nicht besonders bekannt und irgendwo in der texanischen Einöde erst recht nicht. Sicher würde es ein interessantes Erlebnis werden...

Sie schaukelten sich hoch, bis ihr Plan detailreich ausgeschmückt und vollzugsfertig war und so kam es schließlich, dass sie getrennt voneinander am Montag mit dem Flugzeug in Ozona landeten, sich dort trafen, Richtung Sanderson weiterfuhren und sich nördlich der Stadt für eine Nacht im Desert Inn Motel mitten in der Prärie einquartierten. Die Organisation hatte Jolyon alleine übernommen, genau wie das Ein- und Auschecken und dabei bot er noch eine beachtliche Leistung darin, den texanischen Akzent zu imitieren. Das hatte er vorher geübt und zuweilen hemmungslos übertrieben. Marcus lachte sich jedes Mal schlapp, wenn sein Freund anfing, wie eine verzogene, texanische neureiche Ölmilliardärs-Frau daherzureden. Aber das Üben half und beide Rennfahrer blieben völlig unerkannt während ihres Ausflugs.

Das Desert Inn erfüllte sämtliche von Marcus erwähnten Motel-Klischees in beinahe ekelerregender Perfektion. Nur die versteckten Wandlöcher zum Bespannen der Gäste fehlten zum Glück, nach denen hatte Jolyon nämlich zur Sicherheit extra gesucht. Die ganze Atmosphäre hatte vom ersten Moment an etwas dreckig-verruchtes an sich. Er wusste nicht, ob es daran lag oder an seinem erfundenen Rollenspiel vom Staranwalt, der sich dort heimlich mit einem Callboy traf, aber Marcus war in dieser Nacht so zügellos und wild wie selten zuvor.

„Ich brauchte ein Andenken“, sagte der Schwede zwinkernd und steckte das Smartphone wieder ein.

„Wir sinken immer tiefer, weißt du das?“, meinte Jolyon schmunzelnd.

„Mit dir würde ich auch direkt bis in die Hölle sinken“, flüsterte Marcus so leise, dass es nur sein Freund hören konnte. „Es war ein geniales Abenteuer und eine geniale Nacht und das müssen wir eines Tages unbedingt wiederholen...“

„Das machen wir“, versprach der Jüngere und hob sein Glas an, nur um festzustellen, dass er es eben schon leergetrunken hatte.

„Warte, ich hole uns neue Drinks“, sagte Marcus sogleich. „Was willst du haben?“

„Einen Mojito Light.“

„Alles klar, bring ich dir sofort“, antwortete der Blonde und schlängelte sich durch zahlreiche Leute in Richtung Theke. Kurz bevor er sie erreichte, spürte er einen Griff um sein Handgelenk. Verwundert drehte er sich um und sah sich Kevin gegenüber. Seine Miene verfinsterte sich. „Was willst du?“

„Ich muss mit dir reden!“, platzte die Antwort heraus. Seit Monaten wollte der Däne dieses Gespräch und er wusste, wenn er nicht irgendwann die Initiative ergriff, kam er nicht weiter. In Belgien hatte er Jolyon um Hilfe gebeten und sein Teamkollege gab sich wirklich Mühe zu helfen, sagte aber ein paar Wochen später bedauernd, dass Marcus über dieses Thema schlichtweg nicht mit sich reden ließ. Kevin hatte das bereits befürchtet und er schämte sich ein wenig dafür, dass er Jolyon zur Schlichtung eingespannt hatte. Es war feige, ihn vorzuschicken, wenn, dann musste er sich Marcus selbst stellen und das würde er tun. Nur so konnte er klären, woran er war.

„Wir haben vorhin bei der Fahrerparade geredet“, entgegnete der Sauber-Pilot unbeeindruckt.

„Nicht so, ich muss endlich ernsthaft mit dir reden“, sagte Kevin und zog ihn ein Stück abseits der ganzen Menschen.

„Großartigen Ort hast du dir dafür ausgesucht“, merkte Marcus sarkastisch an.

„Anderswo kriegt man dich ja nicht zu fassen, weil du mir ständig ausweichst.“

„Ich frage mich, woran das liegen könnte.“

„Okay, ich weiß, du bist sauer auf mich. Ich weiß, dass ich riesengroßen Mist gebaut habe und es tut mir leid. Aber ich will das bereinigen! Ich vermisse dich und unsere gemeinsamen Unternehmungen.“

„Ah ja? Das hättest du dir vielleicht mal überlegen können, bevor du meinen Freund gevögelt hast!“, zischte der Ältere zornig und blickte sich um, dass keiner zu nahe bei ihnen stand.

Daran war er auch nicht komplett unbeteiligt und er kam auf mich zu, lag es Kevin auf der Zunge, aber er schluckte den Kommentar runter. Erstens hatte er Jolyon zu gern, um ihn damit in die Pfanne zu hauen, zweitens konnte es sein, dass Marcus längst die ganze Wahrheit kannte und drittens spielte die Frage, wer wen verführt hatte, für ihn vermutlich keine große Rolle. Er liebte Jolyon und damit war der Fall klar. „Du hast ihm verziehen“, sagte der 24-Jährige also nur.

„Natürlich habe ich ihm verziehen, aber dir verzeihe ich nicht! Du hast mich hintergangen und gezeigt, dass es dir völlig egal ist, was ich fühle.“

„Ich wusste nicht, dass ihr fest zusammen seid“, rechtfertigte sich Kevin.

„Du hast es geahnt, sonst hättest du mich letztes Jahr nicht nach unserer Beziehung gefragt.“

„Du hast es mir nie bestätigt.“

„Was willst du denn?“, fuhr Marcus aus der Haut. „Ein offizielles Bestätigungsdokument mit Siegel und Unterschrift? Anhand meiner Reaktion hättest du Bescheid wissen müssen, stell dich doch nicht dümmer als du bist!“

Kevin musste zugeben, dass es ihm nicht lag, Zeichen zu interpretieren, er hörte lieber geradeheraus was Sache war. „Ich habe nicht nachgedacht, ich...“

„Das ist wahrscheinlich das Problem, du denkst nie nach! Du handelst einfach und das wird dann schon alles irgendwie passen, aber so läuft das nicht! Nicht mit mir. Und glaubst du eigentlich, ich merke nicht, wie du Jolyon seit Monaten hinterher schmachtest? Es ist dreist von dir, mich hier anzusprechen und mich um Entschuldigung zu bitten, während du immer noch was von ihm willst. Ich falle darauf nicht rein, ich glaube dir kein Wort und ich verspreche dir, wenn du noch mal versuchst, dich zwischen uns zu drängen, dann lernst du mich kennen“, seine Augen funkelten ihn bedrohlich an.

„Ich habe begriffen, dass er vergeben ist und ich will mich nicht zwischen euch drängen, ich will bloß unsere Freundschaft zurück.“

„Stopp!“, Marcus hob die rechte Hand und gebot ihm Einhalt. „Weißt du was, vergiss es! Wie sollte ich dir noch mal vertrauen? Eine Freundschaft funktioniert so nicht und das bedeutet, wir sind demnächst nichts weiter als normale professionelle Kollegen. Ich grüße dich, wenn ich dich im Fahrerlager treffe und wir können ein paar Worte bei der Fahrerparade wechseln, aber was sämtliche Aktivitäten abseits der Strecke angeht, sind wir fertig miteinander! Lass mich in Ruhe und lass vor allem Jolyon in Ruhe!“

„Wir sind Teamkollegen...“

„Du weißt genau, wie ich es meine!“, mit diesen Worten riss er sich los und machte sich auf den Weg zur Theke, um seine Getränke zu bestellen. Er spürte, wie aufgewühlt er war. Einerseits bedauerte auch er das Ende ihrer Freundschaft, die eine Zeit lang durchaus angenehm gewesen ist, aber Kevin hatte ihn enttäuscht und er konnte ihm nicht eine Minute gegenüberstehen ohne an die Nacht im Februar zu denken. Das war keine Basis für eine Freundschaft und egal wie er es drehte und wendete, er würde das nicht vergessen können. Hektisch schnappte er sich die beiden Gläser sobald sie vor ihm standen und ging damit zu seinem Tisch zurück. Er fühlte sich gänzlich überfahren.

„Was war los? Hast du den Drink aus New York geholt?“, fragte Jolyon missmutig darüber, dass es so lange gedauert hatte.

Marcus überhörte die Spitze. „Tut mir leid, ich wurde aufgehalten. Kevin meinte unbedingt, mich ansprechen zu müssen.“

„Was wollte er?“, erkundigte sich der Brite und schaute sein Gegenüber abwartend an, vermied es jedoch bewusst, allzu ungeduldig zu klingen.

„Er hat’s allen Ernstes fertiggebracht, mit mir über unsere Freundschaft diskutieren zu wollen und über... den Februar. Hier. Ausgerechnet hier. In einem Club. Mit hunderten von Leuten. Kannst du dir das vorstellen?“

„Taktgefühl und ein gutes Gespür scheinen nicht seine Stärken zu sein“, antwortete Jolyon und spielte am unteren Knopf seines schwarzen Hemdes herum. „Was hast du ihm gesagt?“

„Dass er uns in Ruhe lassen soll. Ich will seine halbherzigen Entschuldigungen und Rechtfertigungen nicht hören, er kann das nicht wiedergutmachen, ich bin fertig mit ihm“, sagte Marcus und er klang erschöpft.

Besser geht es nicht, dachte Jolyon zufrieden. „Hey, lass dich durch sein Gerede nicht runterziehen“, meinte er mitfühlend. „Ich wünsche mir oft, diese Nacht ungeschehen machen zu können... du hast gelitten wegen mir...“, fügte er an.

Marcus hob beschwichtigend die Hände. „Es ist alles gut, zerbrich dir nicht mehr den Kopf darüber“, er verfluchte sich, dass er die Erinnerung überhaupt wecken und seinem Freund damit den Abend verderben musste. Am liebsten hätte er ihn jetzt einfach in die Arme geschlossen, doch das ging nicht. „Ich bin so froh, dass er uns nicht geschadet hat.“

„Niemand kann das, das weißt du“, Jolyon sah ihn fest an.

„Ja, du hast recht“, seine Stimme wurde weich. „Was meinst du, wollen wir ins Hotel gehen? Ich hab genug von diesem Club und will mit dir alleine sein.“

„Ich hatte auch nicht vor, hier die ganze Nacht zu versauern. Komm!“

~~~~~~~~~~

Wie angewurzelt blieb Kevin stehen und schaute Marcus hinterher, als dieser zur Theke ging. Es dauerte Minuten bis er sich wieder rühren konnte und als er es konnte, zog es ihn mit aller Gewalt an die frische Luft. Er ging nach draußen und setzte sich verloren auf eine der vielen Bänke in der Nähe des Straßenrandes. Er starrte in den bewölkten, dunklen Himmel und eine Flut an Gedanken überschwemmte seinen Kopf. Endlich hatte er seine Aussprache mit Marcus bekommen und sie prompt im großen Stil vergeigt. Nun war es besiegelt, ihre angeknackste Freundschaft gehörte der Vergangenheit an und er wusste nicht, was er dagegen tun sollte. Marcus’ Ansage war eindeutig und jede weitere Aktion würde ihn höchstens noch mehr erzürnen. Kevin seufzte und schüttelte den Kopf. Was für ein sensationell beschissener Abend!

„Hey du“, hörte er urplötzlich Felipes Stimme hinter sich. „Was machst du hier draußen?“, fragte der Brasilianer und setzte sich neben ihn auf die Bank.

„Klapperschlangen suchen“, gab Kevin patzig zurück, denn ihm stand gerade absolut nicht der Sinn nach Gesellschaft.

„Die einzige Giftschlange weit und breit hat eben mit Marcus den Club verlassen“, konstatierte Felipe lächelnd, doch dann wurde er ernster. „Ich habe vorhin gesehen, wie ihr euch gestritten habt, Marcus und du.“

Kevin schnaufte verdrossen. „Tja, wir waren mal Freunde bis ich alles versaut habe. Jetzt will er nichts mehr von mir wissen. Und Jolyon genauso.“

„Willkommen in meiner Welt!“, rief der Sauber-Pilot aus, obwohl er nie mit den beiden befreundet war. „Ich weiß ja nicht, was zwischen euch vorgefallen ist und vermutlich wirst du es mir auch nicht sagen, was dein gutes Recht ist, denn es geht mich nichts an. Aber ganz ehrlich, eigentlich können wir froh sein, dass die beiden nichts mit uns zu tun haben wollen. Jolyon ist kompromisslos, manipulativ und er hält sich für etwas Besseres. Und Marcus ist engstirnig, dünnhäutig und inzwischen fast genauso hochnäsig wie Jolyon. Die zwei passen zusammen, sie verdienen sich und ich glaube nicht, dass es dir leid tun muss, dass sie sich von dir abwenden.

Kevin schaute ihn mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Verärgerung an. „Ach? Weißt du, was sie über dich sagen? Du seist weinerlich, nicht kritikfähig, albern und kindisch. Wer hat nun recht?“

Felipe blickte verdutzt auf, sagte aber nichts, denn er merkte, dass Kevin verletzt war und dass er selbst vielleicht etwas taktvoller hätte vorgehen können, anstatt zu lästern.

„Du kennst die beiden überhaupt nicht! Jedenfalls nicht privat“, sprach der Däne weiter. „Du kennst sie nur von der Rennstrecke und woher willst du dann wissen, wie sie wirklich sind? Marcus ist ein sehr netter Kerl und auch mit Jo kann man prima auskommen. So schwierig wie du sie darstellst, sind sie längst nicht. Außerdem haben wir alle doch irgendwo unsere Marotten, ich bin eben vergesslich und unordentlich, na und? Sie sind anders als du, aber das heißt nicht, dass einer von euch nur schlecht oder nur gut ist. Für mich jedenfalls nicht.“

„Sicherlich, jeder hat seine Macken, allerdings kann man mit manchen leichter umgehen als mit anderen“, gab Felipe zu bedenken. Es stimmte, dass er Marcus und Jolyon nicht privat kannte, aber er hatte immerhin bereits seit fünf Jahren mit ihnen zu tun. So oder so lernte man in einer derart langen Zeit den Charakter eines Menschen kennen, nicht vollständig, doch gut genug um einschätzen zu können, ob man denjenigen mochte oder nicht.

„Klar, aber ich hatte keine Probleme mit ihnen. Bis zum Februar“, Kevin ließ es mit der Andeutung bewenden, er hatte gewiss nicht vor, Felipe die Geschichte zu erzählen. Auf der einen Seite drängte es ihn, einfach mal mit einer neutralen Person über die ganzen Geschehnisse reden zu können, auf der anderen Seite wusste er, dass er das nicht durfte. Dass er mit Jolyon geschlafen hatte, war eine heikle Information und er wusste nicht, in wessen Händen sie gut und sicher aufgehoben wäre. Felipe hielt zwar nie viel vom Tratschen, dafür konnte er Jolyon nicht ausstehen. Somit war er nicht neutral.

„Es ist nicht zu übersehen, dass du seit Monaten nachdenklich bist und wegen irgendetwas haderst. Zum ersten Mal ist es mir in Baku aufgefallen, als wir zusammen im Café saßen und danach Tischtennis gespielt haben, erinnerst du dich? Du hattest den Kopf nicht frei, du hattest ihn seitdem nie mehr richtig frei, wenn wir uns begegnet sind. Hatte das alles was mit den beiden zu tun?“

Kevin musterte das Gras zu seinen Füßen. „Möglich.“

„Auch wenn das jetzt hart klingen mag“, setzte Felipe an und zögerte einen Moment, um die passenden Worte zu finden. „Mir ist aufgefallen, dass sich deine Stimmung auch auf der Strecke wiederspiegelt...“

„Was soll denn das heißen?“, entfuhr es dem Jüngeren ungewollt bissig.

„Na ja... überleg mal, wie du Jolyon zu Beginn der Saison im Griff hattest und wie oft er dir mittlerweile das Wasser abgräbt. Merkst du nicht, dass du der Einzige bist, der unter diesem ganzen Streit leidet? Ist es das wert, dafür deine Karriere zu riskieren? Marcus und er haben offenbar keine schlaflosen Nächte deswegen, du schon.“

„Du spinnst! Das Eine hat mit dem Anderen überhaupt nichts zu tun. Ich kann das sehr wohl trennen und beim Fahren entsprechend abschalten“, stellte der 24-Jährige klar. Jolyon hatte im Verlauf der Saison ein besseres Verständnis fürs Auto entwickelt, sich dadurch gesteigert und zu Kevin aufgeschlossen. Zudem hatte er die europäischen Strecken in der GP2 jahrelang bis zum Erbrechen geübt, so dass diese ihm leichter fielen. Für Kevin war das eine plausible Erklärung der Situation.

„Echt? Dann muss es Zufall sein“, gab sich Felipe wenig überzeugt. „Wie dem auch sei, denk einfach mal drüber nach, ob es das alles wirklich wert ist. Deine Grübelei, deine Niedergeschlagenheit. Und ob nur du was falsch gemacht hast, denn scheinbar gibst du dir ja die Schuld an eurem Streit, dabei gehören meines Wissens nach zum Streiten meistens mindestens zwei...“, Felipe lehnte sich zurück und atmete durch. Ein paar Minuten schwiegen sie. „Die Formel 1 ist nicht gemacht, um Freunde zu finden... oder um sie zu behalten, dafür ist das Business zu hart“, er biss sich leicht auf die Zunge, denn er wollte nicht so belehrend klingen, aber das was er gesagt hatte, war immer seine Devise gewesen und er fuhr gut damit. Es gab Kollegen, mit denen er sich verstand, doch er ließ nie einen allzu nah an sich heran aus Sorge, in genauso einer verzwickten Lage wie Kevin zu landen. Das durfte sich kein Pilot leisten.

„Du magst recht haben, so reden ja viele, aber bisher hatte ich nie Stress deswegen“, er war einfacher gestrickt und mit seiner lockeren Art fiel es ihm leicht, schnell Freunde zu finden. Er sah das nicht so eng mit Freundschaften innerhalb der Formel 1. Was sprach dagegen, solange am Ende jeder sein Rennen fuhr? Rivalität kannte er zur Genüge, aber sie war für ihn nicht gleichbedeutend mit Hass. Trotzdem gaben ihm Felipes Worte zu denken, denn selbst wenn er davon überzeugt war, dass seine Leistungen in den letzten Rennen nichts mit Jolyon und Marcus zu tun hatten, so konnte er zumindest nicht leugnen, dass sich ein großer Teil seiner Gedanken dieses Jahr um die beiden gedreht hatte. Brachte ihn das tatsächlich zu sehr aus der Spur?

„Was hältst du von ein wenig Ablenkung?“, wechselte Felipe unvermittelt das Thema und klopfte Kevin auf die Schulter.

„Was für welche?“

„Wir gehen zurück in den Club, trinken ein bisschen was, labern über alles was nichts mit unserer Arbeit zu tun hat und du vergisst mal für einen Abend die Namen Marcus und Jolyon?“

„Warum machst du das eigentlich?“, hakte Kevin jetzt doch mal nach.

„Was?“

„Na zu versuchen, mich aufzuheitern. Ich dachte, du willst keine Freunde im Fahrerfeld?“

Felipe grinste. „Nein, aber deswegen muss ich nicht zu jedem unfreundlich sein oder?“, antwortete er. In Wahrheit hatte er ein klein wenig Mitleid mit Kevin, selbst ohne zu wissen worum es genau ging. Vielleicht war es bloße Solidarität, weil er mit Jolyon und Marcus selber schon seine Runden im Ring hinter sich hatte.

„Da ist was dran“, entgegnete sein Kollege und zum ersten Mal an diesem Abend lächelte er. Als er von der Bank aufstand und Felipe folgte, fühlte er sich ein Stück weit befreit, obwohl die Tatsache, dass er Marcus verloren hatte, nach wie vor an ihm zehrte. Aber ihm war klar geworden, dass nur die Zeit diese Wunden heilen konnte.

Er beherzigte Felipes Rat und ließ sich ablenken, was erstaunlich gut tat. Das hatte ihm gefehlt, mal auf andere Gedanken zu kommen. Er hatte ein kräftezehrendes Jahr hinter sich, doch nun musste er nach vorn schauen, um wieder zu sich zu kommen. Und genau das wollte er auch tun.

Nach vorn schauen.


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*Ende*
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