Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Kuchinawas Rückkehr

von Hobbit91
KurzgeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
21.08.2016
30.09.2016
3
12.266
 
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
21.08.2016 3.474
 
Mehr als zwei Jahre waren vergangen. Genug Zeit, damit die Wunden, die Kuchinawa ihr während des Zweitkampfes auf der Insel der Entscheidung zugefügt hatte, verblassen konnten. Nur beschränkte sich dies eher auf die körperlichen und nicht auf die seelischen, denn der Gedanke, Kuchinawa, mit dem sie vor Jahren so gut befreundet gewesen war, könnte sie für immer hassen, machte Sheena Fujibayashi doch sehr zu schaffen, was sie sich als neues Oberhaupt von Mizuho jedoch nicht anmerken ließ.Trotzdem ging ihr diese Sache mit Kuchinawa einfach nicht aus dem Kopf und sie fragte sich, wo er sich jetzt wohl befinden mochte und was er so machte. Aber vor allen Dingen wollte sie wissen, was er über sie dachte. Hasste er sie noch immer, weil sie damals nicht in der Lage gewesen war, einen Pakt mit Volt zu schließen? Wenn sie vor Jahren nicht im Tempel des Blitzes so kläglich gescheitert wäre, dann wären all die Menschen, die sie auf ihrer Reise begleitet hatten, auch nicht gestorben. Wenn sie damals nicht versagt hätte, dann würden auch Kuchinawas Eltern noch leben. Dies war nämlich der Grund, weshalb Kuchinawa sie hasste. Deswegen hatte er sich ihren Untergang gewünscht und war sogar bereit dafür gewesen, sie alle zu verraten.

Auf der Insel der Entscheidung schließlich sollte alles ein Ende finden. Ein letztes Mal hatten sich die beiden gegenüber gestanden. Der Kampf war hart und brutal gewesen und beinahe hatte Sheena den Kampf verloren. Nur mit Mühe und Not hatte sie schließlich gesiegt. Seiner Ehre beraubt hatte sich Kuchinawa einen Dolch gegen die Kehle gepresst, um sich das Leben zu nehmen, was allerdings weder Sheena, noch Lloyd, der sie auf die Insel begleitet hatte, zulassen konnten. Kuchinawa wurde entwaffnet und nachdem sie beide ihm ins Gewissen geredet hatten, war er gegangen und hatte Mizuho nie wieder betreten. Sheena war danach zwar noch viel durch das Land gereist, doch ihren Freund von damals hatte sie bis heute nicht mehr gesehen.



Das Leben als große Anführerin war nicht leicht und eigentlich dachte Sheena nur noch daran endlich schlafen zu gehen. Mal wieder hatte sie bis spät in die Nacht hinein gearbeitet und nun machte sich die Erschöpfung bemerkbar. Doch noch bevor sie sich zurückziehen konnte, betrat Orochi das Zimmer, in dem sie arbeitete. Sheena unterdrückte das Verlangen, ihre Augen zu verdrehen. Dies bedeutete dann wohl, dass sie noch ein bisschen länger aufblieben musste.

„Was gibt es?“, fragte sie und hoffte Orochi würde ihr ihre Müdigkeit nicht anmerken. Des Weiteren betete sie, dass er sich kurzfasste. Sie war kaum noch aufnahmefähig und musste ganz dringend ins Bett.

Zu ihrem Glück kam Orochi sofort zur Sache. „Es gibt Neuigkeiten von meinem Bruder“, verkündete er.

Urplötzlich war Sheena wieder hellwach. „Was ist mit Kuchinawa?“, fragte sie beinahe atemlos.

„Einer meiner Späher will ihn gesehen haben. In der Nähe von Ozette. Allerdings war er auch gleich wieder verschwunden. Mein Späher hat noch versucht, die Verfolgung aufzunehmen, aber das war erfolglos. Er ist mal wieder entwischt.“

„Ozette also“, murmelte Sheena.

Orochi sah sie skeptisch an. „Sheena!“, rief er aus. „Du denkst doch jetzt nicht wirklich darüber nach, ob...“

„Wieso denn nicht?“, entgegnete sie daraufhin.

Für eine Weile herrschte Schweigen. Dann jedoch fasste Sheena einen Entschluss. Sie würde gehen und nach Kuchinawa suchen. Sie musste ihn einfach sehen, musste wissen, ob er noch immer der war, der sich für den Tod seiner Eltern rächen wollte oder ob er vielleicht sogar einen kleinen Sinneswandel durchgemacht hatte. Es wäre so schön, wenn er endlich mit dieser Vergangenheit abgeschlossen hätte. Doch konnte sie sich wirklich solche Hoffnungen machen? Ja, entschied sie, denn auch Lloyd war immer so optimistisch gewesen und hatte an das Gute geglaubt. Und daran sollte sie sich auch halten, wie sie fand.

Der entschlossene Ausdruck, der sich nun auf Sheenas Gesicht zeigte blieb auch Orochi natürlich nicht verborgen. „Du willst es wirklich tun, oder?“, frage er.

„Das muss ich einfach. Kuchinawa ist ein Bürger unseres Dorfes und als neue Anführerin ist es meine Aufgabe...“

„Aber allein wirst du nicht gehen“, sagte Orochi streng. „Ich werde ein paar Leute zusammentrommeln, die dich begleiten sollen.“

Doch das wehrte Sheena kategorisch ab. „Glaubst du denn, ich könnte nicht allein mit ihm fertig werden, wenn es zum Kampf kommen sollte? Erinnere dich! Ich habe ihn schon einmal besiegt.“

„Ja, aber...“

„Du vertraust mir doch, oder?“

„Natürlich, aber...“

„Na also.“

„Das ist aber nicht der Punkt.“

Sheena atmete tief durch. Schließlich meinte sie: „Versteh es doch, Orochi. Ich muss das hier alleine durchziehen.“ Sie hatte ganz ruhig gesprochen und Orochi mit einem festen Blick angesehen, der es ihm einfach unmöglich machte, ihr ein weiteres Mal zu widersprechen. Orochi atmete tief durch, ehe er schließlich seine Einwilligung gab, die sie eigentlich gar nicht brauchte, da sie hier ja sowieso das Sagen hatte.

Und so hatte sie sich kurz darauf auf den Weg nach Ozette gemacht. Ozette war damals ein hübsches kleines Dorf mitten im Wald gewesen, doch kurz nachdem Sheena einen Pakt mit Celsius, dem Elementargeist des Eises, geschlossen hatte, wurde dieses Dorf fast komplett zerstört, wobei nur ein Haus übrig geblieben war. Doch nun ist ein Stück entfernt ein weiteres Ozette entstanden, das sogar noch schöner aussah als das alte.Sheena gefielen die mit Hängebrücken verbundenen Baumhäuser sehr, doch heute war sie nicht hier, um dieses Dorf zu bewundern, sondern um etwas in Erfahrung zu bringen. Nur gelangte sie dort nicht an. Ozette lag noch einige Meilen von ihr entfernt, als es plötzlich im Gebüsch raschelte und vier Monster auf Sheena zugesprungen kamen. Die junge Frau machte sich sofort zum Kampf bereit und zückte ihre Spruchkarte, doch im Endeffekt war der Kampf nur von kurzer Dauer gewesen. Sheena schaffte es zwar, zwei der Monster zu besiegen, doch gerade als sie sich dem dritten zuwenden wollte, bekam sie einen Schlag mit einer Keule genau auf den Hinterkopf und die junge Frau ging zu Boden.

Als Sheena gerade die Sinne schwanden, sah sie noch, wie eine sehr große Spinne auf sie zugekrochen kam und schließlich zubiss, wobei sie ihr gefährliches Gift in den Körper der jungen Frau spritzte. Als ob es noch nicht genug war, dass noch zwei Monster um sie herumstanden, die sie zerfleischen wollten. Sheena wusste, dass dies nun ihr Ende war.

Von der Gestalt, die nur wenige Sekunden später angelaufen kam, bekam sie schon gar nichts mehr mit. Sie hörte keine Kampfgeräusche und sie spürte nicht, wie sie schließlich hochgehoben und tiefer in den Wald hineingetrragen wurde, wo sich ihr mysteriöser Retter in einer kleinen Hütte häuslich niedergelassen hatte. Dort angekommen, wurde Sheena auf das einzige Bett im ganzen Haus gelegt und anschließend so gut es eben ging verarztet. Ihr Retter versorgte und verband ihre Wunden und gab ihr ein Mittel gegen das Spinnengift. Der junge Mann verstand sein Handwerk. Er wussste genau, was er tat. Sheena würde diese Sache überleben, dafür würde er sorgen. Schließlich konnte er sie doch nicht einfach sterben lassen, wo er doch noch so viel mit ihr zu bereden hatte.



Die Behandlung schlug an und Sheena erwachte am frühen Abend des nächsten Tages. Das erste, was sie spürte war der feuchte Lappen, den ihr der Mann, der sie gerettet hatte, auf die Stirn gelegt hatte. Ganz langsam öffnete sie die Augen und stellte fest, dass sie in einer kleinen Kammer in einem Bett lag. Auf einem Stuhl in der Ecke erkannte sie ein paar ihrer Kleidungsstücke. Sie selbst hatte nur ein dunkelblaues Hemd und ihre schwarze Hose an.

Da öffnete sich die Tür und ein junger Mann mit langen schwarzen Haaren betrat den Raum. „Na, aufgewacht, Sheena Fujibayashi?“, fragte eine tiefe Männerstimme Sheena erkannte sie sofort wieder. Hätte der Mann nicht gesprochen, dann hätte sie wahrscheinlich etwas mehr Zeit benötigt, um ihn zu erkennen. Schließlich sah man nur einen kleinen Teil seines Gesichtes, wenn er seine übliche Kleidung trug. Nun jedoch trug er nur ein weißes Hemd und eine rote Hose.

„Kuchinawa“, keuchte Sheena, nahm sich den Lappen von der Stirn und setzte sich auf. Sie hatte ihn gesucht, doch nun hatte stattdessen er sie gefunden.

Als sich Sheena aufsetzte, wurde ihr sofort schwindelig, was noch von den Nachfolgen der Kämpfe gegen die Monster herrührte.

„Bleib ganz ruhig liegen“, sagte Kuchinawa und drückte Sheena zurück aufs Bett. „Du bist doch noch völlig erschöpft und brauchst viel Ruhe.“

„Ich möchte in ein Haus der Besinnung oder zu einem Arzt“, rief Sheena.

„Was denn?“, fragte Kuchinawa und klang leicht gekränkt. „Ist das jetzt etwa der Dank dafür, dass ich dich die letzten Stunden gepflegt habe?“

„Du hast...“

Kuchinawa nickte.

„Warum? Sind wir auf einmal etwa keine Feinde mehr?“

„Gegenfrage: Warum hast du mich damals davon abgehalten, mir das Leben zu nehmen, wo wir doch Feinde sind?“

Sheena schwieg.

„Siehst du?“ Kuchinawa sah Sheena mit einem Blick an, den diese nicht zu deuten wusste. Schließlich machte er sie auf die Tasse aufmerksam, die auf einem kleinen Tischchen beim Bett stand und befahl ihr geradezu, einen Schluck zu nehmen. „Das wird dir guttun“, fügte er noch hinzu, bevor er sich wieder zur Tür wandte. Als er jedoch bemerkte, wie skeptisch Sheena die Tasse beäugte, wurde er wieder etwas ärgerlich. „Schon gut, das ist kein Gift“, brummte er. „So niederträchtig bin ich nun auch wieder nicht. So ein Giftmord an einer geschwächten Person ist doch eine ziemlich feige Angelegenheit, findest du nicht auch? Nein. Besser wäre es, wenn meine sogenannte Feindin bei Kräften ist.“ Und mit diesen Worten verließ er das Zimmer.

Sheena blieb noch eine Weile regungslos liegen, ehe sie sich im Bett aufsetzte, nach der Tasse griff und an der dunklen Flüssigkeit schnupperte. In ihrem Kopf begannen sich zwei Stimmen miteinander zu streiten. Die eine befahl ihr, dieses Zeug nicht zu trinken, während die andere meinte, dass Sheena Kuchinawa einfach glauben sollte. Wie sollte sie sich entscheiden?

Nach einem kurzen inneren Kampf nippte sie einmal kurz an der Flüssigkeit. Es schmeckte etwas bitter, schien ansonsten aber vollkommen in Ordnung zu sein. Also nahm Sheena noch einen Schluck. Tatsächlich war die Tasse bald schon leergetrunken und in Sheenas Körper breitete sich eine angenehme Wärme aus. Plötzlich fühlte sie sich sehr entspannt.

Sheena legte sich wieder hin und döste noch ein bisschen, doch das Knarren der Tür weckte sie wieder auf. Sie öffnete leicht das linke Auge und sah, wie Kuchinawa das Zimmer betrat und sie betrachtete, wobei sein Blick nicht zu deuten war. Kuchinawa hatte es schon immer verstanden, seine Gefühle vor anderen zu verbergen. Sie wartete darauf, dass er irgendetwas tat, doch anscheinend wollte er einfach nur nach ihr sehen. Sorgte er sich etwa um sie? Konnte das möglich sein? So wie es aussah schon, denn nach wenigen Augenblicken verließ er das Zimmer wieder.

„Du hast dir die Haare wachsen lassen“, flüsterte Sheena, noch bevor Kuchinawa ganz durch die Tür getreten war. „Steht dir gut.“

Kuchinawa fuhr sich mit einer Hand durch die Haare und warf der jungen Frau, die auf seinem Bett lag ein kleines Lächeln zu. „Findest du das wirklich?“, fragte er. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ein Kompliment von meiner Feindin zu werten habe. Vielleicht sollte ich sie mir wieder abschneiden.“

„Ich finde aber wirklich, dass es dir steht. Lass sie doch einfach so.“

Kuchinawa grinste. „Na wenn du meinst...“Dann verließ er das Zimmer und kehrte erst ein paar Stunden später wieder zurück, um erneut nach Sheena zu sehen. Auf diese Weise vergingen schließlich zwei Tage und bald schon war Sheena wieder kräftig genug, um aufstehen zu können. Kuchinawa hatte sie tatsäclich wieder gesund gepflegt und womöglich verdankte sie ihrem Feind nun auch noch ihr Leben.

Sheena ging ein wenig im Zimmer auf und ab und näherte sich schließlich dem Stuhl, auf dem ihre Sachen lagen. Erstaunt stellte sie fest, dass sich darunter auch ihre Karten befanden, die ihre bevorzugte Kampftechnik bildeten. Sie zog sich ihre Sachen an, nahm ihre Karten und verließ ihr Zimmer.

Nun befand sie sich in einem etwas größeren Raum , dessen einzige Einrichtung aus einem Tisch mit Stühlen bestand. Kuchinawa hockte vor dem kleinen Kamin und starrte in die Flammen. Es schien, als würde er gerade über etwas nachdenken. So genau ließ sich das nicht sagen. Vielleicht döste er ja auch. Oder er war in Wirklichkeit hellwach und wartete nur auf einen bestimmten Augenblick.

„Wie du siehst bin ich jetzt kräftig genug“, sagte Sheena kalt. „Wenn du also vorhast erneut gegen mich zu kämpfen, dann bin ich bereit.“ Mit diesen Worten zog sie eine beliebige Karte und begab sich in Kampfposition,.

Kuchinawa drehte sich nur ein Stückchen zu ihr um. Seine Augen wirkten irgendwie teilnahmslos. „Du würdest vielleicht sogar gewinnen, Sheena“, meinte er. „Aber wer weiß? Vielleicht habe ich meine Fähigkeiten in der Zwischenzeit ja so gut verbessert, dass du nun gegen mich keine Chance mehr hast. Ich bin nur gerade nicht in der Stimmung gegen dich zu kämpfen, also steck deine Karte weg und setz dich doch ein bisscen zu mir. Ich möchte mit dir reden.“

Etwas verunsichert setzte sich Sheena neben ihn. Worüber er wohl mit ihr reden wollte? Gab es nach all den Ereignissen, die geschehen waren überhaupt noch etwas für sie zu bereden?

„Sheena“, meinte Kuchinawa plötzlich. „Weißt du noch wie es war, als wir beide Kinder waren? Da habe ich dir geschworen, dass ich immer an deiner Seite sein werde.“

„Ja, ich erinnere mich“, sagte Sheena trocken und fragte sich, worauf er wohl hinauswollte.

„Ich habe mein Versprechen gebrochen, Sheena“, rief Kuchinawa wütend auf sich selbst. „Aber nicht nur das. Ich war fest entschlossen, dich bis aufs Blut zu bekämpfen, weil ich dir die Schuld am Tod meiner Eltern gegeben habe.“

„Aber das war doch auch meine Schuld“, flüsterte Sheena. „Es gibt keine beschönigenden Worte, keine Form der Entschuldigung. All die Menschen sind gestorben, weil ich versagt habe und...“

„Jetzt hör schon auf!“, schrie Kuchinawa sie an. „All die Menschen sind nur deshalb gestorben, weil man einfach zu viel von dir verlangt hat. Du warst einfach noch nicht bereit für den Pakt mit Volt, was die anderen aber nicht wahrhaben wollten. Sie meinten eine Beschwörerin zu brauchen und haben dich zu dieser Aufgabe gezwungen.“ Stille trat ein. Das Holz im Kamin knackte. Draußen war das Heulen des Windes zu hören. „Nach unserer Auseinandersetzung habe ich mich auf eine Reise begeben“, fuhr Kuchinawa schließlich mit seinem Bericht fort. „Und dabei ist mir etwas klargeworden. Dich trifft keine Schuld am Tod meiner Eltern. Ich kann nicht vergessen, was passiert ist. Aber ich habe aufgehört, dich zu hassen. Jetzt kann ich dir endlich verzeihen.“ Kuchinawa legte den Kopf in den Nacken und ließ einen Seufzer hören. „Leider kommt all diese Reue ein wenig zu spät. Mein Wunsch nach Rache führte nur dazu, dass ich mich selbst vergaß und bereit war schlimme Dinge zu tun. Was ich wollte war deine Vernichtung, Sheena und das ist einfach unverzeihlich.“

Es vergingen ein paar Minuten, bis Kuchinawa den Mut fand, Sheena wieder anzusehen. Doch was er sah, erstaunte ihn einfach nur. „Sheena!“, rief er überrascht aus. „Weinst du etwa?“

„Ach was! Ich meine... Ach, Scheiße!“ Sheena wischte sich eine dicke Träne von der Wange. Dann atmete sie einige Male tief durch, um sich wieder zu fassen. Dann sagte sie es: „Du bist damals mein bester Freund gewesen, Kuchinawa und zu spüren wie sehr du mich hasst, war schlimmer als all die Schmerzen, die ich im Laufe meines Lebens zu spüren bekommen habe. Ich wollte nie gegen dich kämpfen, Kuchinawa, aber du hast mich dazu gezwungen. Dies war einfach nur eine Qual für mich.“

„Sheena!“, rief Kuchinawa bestürzt. Damals wollte er ihr Schmerzen zufügen und jetzt – ein paar Jahre später – erfuhr er, dass er es tatsächlich geschafft hatte. Und das alles ohne ihrem Körper eine Wunde zuzufügen. Die Verletzungen waren stattdessen in Sheenas Seele entstanden.

„Mein sehnlichster Wunsch war es, dass du mir eines Tages verzeihen kannst“, sagte Sheena und sah endlich wieder Kuchinawa direkt an. „Ich habe mir nie große Chancen ausgerechnet, diese Worte einmal aus deinem Mund zu hören, doch trotzdem habe ich die Hoffnung nie aufgegeben, denn das war es, was ich auf meiner Reise gelernt habe. Es gibt immer Hoffnung! Und da du mir verziehen hast, werde auch ich dir sicher verzeihen können. Schließlich ist es nie zu spät für einen Neuanfang, nicht wahr?“

„Sheena“, flüsterte Kuchinawa und rückte näher zu ihr heran. Er sah in ihr Gesicht, das vom Kaminfeuer erleuchtet wurde. Ihre schönen dunklen Augen, die voller Lebenskraft funkelten, ihre kleine Nase, ihre Lippen...

„K-Kuchinawa, w-was?“, stammelte Sheena, als ihr der junge Mann seine Hand auf die Wange gelegt hatte. Dann sah sie, wie sich sein Gesicht ihrem näherte.

„Du bist einfach nur wunderschön, Sheena“, flüsterte Kuchinawa. „Ich muss damals vor Hass so blind gewesen sein, dass ich diese Tatsache einfach nicht wahrgenommen habe.“ Und er drückte seine Lippen auf die Sheenas.

Sheena riss die Augen auf und wich etwas zurück. Sie schnappte nach Luft. Dann schien ihr Denken auszusetzen. Sie schlang die Arme um den Mann, der einmal ihr bester Freund und dann ihr Feind gewesen war und küsste ihn. Beide hatten sie ihre Münder ein Stück weit geöffnet, damit sich ihre Zungen umspielen konnten.

Das nächste, was Sheena bewusst wahrnahm war, wie sie auf den Boden gedrückt wurde. Kuchinawa lag auf ihr und küsste sie weiter, während er seine eine Hand auf ihre bedeckte Brust legte. Die andere begann er bereits unter ihre Kleidung zu schieben und bald schon lag diese auf Sheenas nacktem Bauch. Doch als sie sich weiter bewegte, begann Sheena plötzlich unruhig zu werden und sich zu wehren. „Halt! Kuchinawa, nein! Lass das!“

Er ließ sofort von ihr ab. Sheena sprang auf, richtete ihre Kleidung wieder ordentlich her und stürmte aus der Haustür, wo sie die kühle Nachtluft empfing. Schwer atmend ließ sich Sheena gegen die Hauswand fallen.

Kurz darauf öffnete sich die Haustür und Kuchinawa trat zu ihr. „Es tut mir Leid“, beeilte er sich. „Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist. Ich wollte nicht...“

„Ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt nach Mizuho zurückkehre. Man vermisst mich sicher schon. Und außerdem muss ich mir erstmal über das klarwerden, was hier gerade passiert ist.“

„Wirst du den anderen verraten, wo ich mich befinde?“, fragte Kuchinawa.

Sheena schüttelte den Kopf. „Dieses Geheimnis ist bei mir sicher, Kuchinawa. Zumindest vorerst.“ Dann erschien ein spöttisches Grinsen auf ihrem Gesicht. „Du könntest natürlich auch verhindern, dass ich wieder ins Dorf zurückkehren kann, indem du mich hier gewaltsam festhältst.“

Doch Kuchinawa schüttelte den Kopf. „Nein“, erwiderte er. „Könnte ich nicht. Nicht mehr.“

Sheena nickte nur, ehe sie ihm noch einen Kuss auf die Wange gab, ihm eine gute Nacht wünschte und davoneilte. Kuchinawa sah ihr nach, bis sie in der Dunkelheit verschwunden war und ärgerte sich über sich selbst. Warum nur hatte er diese ganze Sache so überstürzen müssen?



Als Sheena sich einige Stunden später – es war schon kurz vor Sonnenaufgang – auf ihr Lager bettete, schwirrten ihr die Gedanken nur so im Kopf herum, sodass es für sie einfach unmöglich war einzuschlafen. Kuchinawa hatte gesagt, er würde sie nicht mehr hassen, doch das war nur ein Teil der Wahrheit gewesen, denn in Wirklichkeit schien er noch viel mehr zu empfinden. Sheena fragte sich, wie stark seine Gefühle für sie wohl sein mochten. War er etwa in sie verliebt? Konnte das sein? Kuchinawa schien damals all seine Gefühle weggesperrt zu haben. Jedenfalls alle mit Ausnahme des Hasses, den sie mit aller Macht zu spüren bekommen hatte. Und nun war er nach all den Monaten als völlig neuer Mensch zurückgekehrt. Doch nein! Das stimmte nicht ganz. Kuchinawa ist nicht als neuer Mensch zurückgekehrt. Um genau zu sein hatte Kuchinawa plötzlich wieder Ähnlichkeit mit dem Jungen, der er einmal gewesen war. Der Junge, dem sie vertraut hatte und der ihr bester Freund gewesen war.

Dies schien das Ende ihrer großen Feindschaft zu sein, aber konnte sie Kchinawa tatsächlich wieder so vertrauen wie damals, als sie noch Kinder waren? Doch zurück zu dieser anderen Sache! Wie sah es in ihr selbst aus? Was empfand sie für Kuchinawa? War es für se wirklich so einfach, ihm zu verzeihen, wie sie es behauptet hatte? Sie war sich nicht sicher, weshalb sie sich also zunächst über ihre Gefühle klar werden musste. Für sie stand fest, dass sie Kuchinawa wiedersehen musste. Sie musste herausfinden, ob er sich wirklich so sehr verändert hatte. Sie hoffte auf jeden Fall, dass dies so war, aber konnte sie sich da sicher sein?

Sheena nahm sich vor, Kuchinawa so bald wie möglich wieder aufzusuchen, was sie auch tat, allerdings ohne Orochi oder Tiga etwas genaueres mitzuteilen, denn diese sollten noch nichts von dieser Sache wissen. Es war eine Sache, die Sheena alleine klären musste. Das stand für sie fest. Irgendwann würde es sich schon zeigen, wie es um Kuchinawa wirklich stand. Und sollte er tatsächlich etwas Böses im Schilde führen, dann würde Sheena bereit sein. Sie hatte es schon einmal alleine mit ihm aufnehmen müssen und sie würde es wieder tun, sollte das nötig sein.



Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast