Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

. Pavel Bleyes' Todesliebe

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteSchmerz/Trost, Tragödie / P16 / Gen
20.08.2016
20.08.2016
1
2.348
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
20.08.2016 2.348
 
. Pavel Bleyes' Todesliebe (mors dilectio) .



Ich bin dort angelangt, wo ich niemals sein wollte.
Als wäre ich nicht schon erschöpft genug gewesen, durch all diese Strapazen, kam auch noch er mir entgegen. Ich kannte ihn nicht, wusste nicht woher er kam und dennoch war mir von der ersten Sekunde an klar, dass er es auf mich abgesehen hatte. Selbst als ich davon laufen wollte; mich retten, einfach nur weit weg von allem und jeden, konnte ich meinem Tod dennoch nicht entkommen. Es würde mein finales Ende sein, das wurde mir nun wieder in dieser Sekunde bewusst.

Auf diesem asphaltglatten Highway kam er immer näher auf mich zu, bis wir uns gegenüber standen. Ich war nicht mehr im Bewusstsein, ob es warm oder kalt war, Tag oder Nacht, alles um mich herum erschien verschwommen. Von der Erschöpfung, der Müdigkeit, meinem Hunger und Durst. Meine Kleidung war zerrissen und beschmutzt mit dem Blut an meinen kaputten Händen. Woher kam das? Ich besaß keine Erinnerung mehr daran, es war so, als hätte ich so vieles vergessen. Ein Hämatom nach dem anderen und Kratzer an jedem Körperteil. Was ist bloß aus mir geworden?

Der Namenlose, so wie ich ihn nannte, stand nun direkt vor mir. In seiner rechten Hand war ein Revolver, wahrscheinlich ein altes Ding von damals. Ich erkannte sein Gesicht nicht, da es durch seine Kapuze verhüllt war. Wie zum Teufel konnte ich bloß hier hineingeraten? Seine Kleidung war so schwarz, als wäre er der Sensenmann höchstpersönlich gewesen, der zum teuflischen Leben aus der Hölle erwacht wurde. Er war größer als ich; einen Kopf, zwei Köpfe? Ich konnte nicht mehr klar denken.
Ich war es mir Leid, weiterhin fortzurennen, war nun im Begriff mit meinem Leben endlich abzuschließen und erinnerte mich an die letzten Dinge die mir wichtig erschienen.

Der Sensenmann richtete nun seine Waffe auf mich und erwähnte kein Wort dabei. Er sagte nichts, selbst sein Atem war kaum zu hören. Ein Schritt, zwei Schritte; der Revolver berührte nun meine Stirn. Die Berührung löste in meinem Herzen einen Stich aus und durchfuhr meinen gesamten Körper.
Es war kalt, die Waffe, die Umgebung, sein Atem, mir selbst. Ich spürte etwas und die Gänsehaut auf meinem Körper machte sich breit.

„Ich kann nicht entkommen. Ich habe es aufgegeben, siehst du."
Er sagte nichts, zuckte nicht mal mit den Schulter, nichts.
Vieles kam nie zustande, ich bereute es nicht, es ist nicht schlimm, nicht von Belangen. Keinen von ihnen würde ich jemals wiedersehen, nicht mal die Dinge, die ich einst so sehr liebte. Alles wäre weg, einfach genommen und der Stumme direkt vor mir, schien ebenfalls kein Interesse daran zu besitzen mir zu Antworten, gar mich zu kommentieren. Überhaupt nichts.

Ich hörte, wie er seine Waffe entriegeln ließ. Also schien er ernst zu machen, nicht davor zurückschrecken mir all das zu nehmen. Alles um mich herum war so still geworden, als würde es nur noch in Zeitlupe ablaufen. Gedanken, überall Gedanken, so viele, dass sie mich geradezu überrannten. Eines. Da war noch etwas. Warum sollte ich es nicht einmal gesagt haben, warum sollte ich damit sterben? Ich wollte es unbedingt sagen, nur einmal.

„Ich liebe ihn."

Ich wartete darauf, dass der Mann vor mir, mich nun endlich in Ruhe lassen könnte, den Abzug drücken und verschwinden würde. Doch er hielt inne.

„Wen?"

Er nahm seinen Revolver nun von meiner Stirn, richtete sie aber dennoch auf mich.

„Er, mit den eisblauen Augen."
Er zog seine Waffe zurück und senkte sie nun wieder. Das war erbärmlich, als hätte er Mitleid gehabt.
„Wie kannst du eine Person lieben, die du gar nicht kennst?"
Warum wusste er wen ich meinte? Er kannte mich, er wusste wer ich bin.
„Weil ich es einmal in meinem Leben sagen wollte. Einmal wollte ich erwähnen, dass ich auch jemanden lieben kann. Oder eher... habe ich es mir gewünscht, es zu denken und sagen zu können. Vielleicht wollte ich einmal der Massenströmung folgen und dazugehören. Doch ich bin es falsch angegangen. Eigentlich… kann ich niemanden lieben. Nicht mal ihn. Es ist nur eine Illusion in die ich mich hineingesteigert habe."
Er schwieg.
„Selbst meine herrische und herzlose Art kann mich nicht hiervor bewahren. Dennoch liebte ich mein Leben."
Immer noch erwähnte er kein Wort.
„Wer bist du, Fremder?", hoffend, auf eine klare Antwort.

Er legte den Revolver auf den Boden und nahm seine Kapuze ab. Als hätte ich es nicht besser wissen können.
„Du kennst mich genauso wenig, warum willst du mich Tod sehen?", fragte ich ihn.
„Deine Vorstellungen, deine Abhängigkeit. Sie bringt einen um den Verstand."
„Mein Gedanke, dir es einmal sagen zu wollen, nur, damit ich endlich von dir loskomme. Du bist wie Nathan, doch anziehender, viel mehr... mein Typ. Ich dachte es, doch genau das wird wieder vergehen. Alles vergeht. Auch du."
„Das mit uns würde nie im Leben funktionieren."
„Ich weiß."
„Dann lass mich in Ruhe, lass mich gehen.", sagte er.
„Dann erschieß mich."
„Ich wünschte, ich könnte es."
„Ich auch."

Selbst in meinen Gedanken hast du mich so sehr gehasst und konntest es mir dennoch nicht beweisen. Wie sollte ich dich jemals gehen lassen können, wenn du mir nicht einmal dabei geholfen hast? Du fandst nichts an mir und dennoch hattest du immerzu diesen Blick. Einen Blick, den ich nie kannte und deuten konnte.
„Pavel, schieß einfach."
„Hunter..."
„Sag nicht mehr diesen Namen, das macht es nicht besser."
Er konnte die Waffe auf mich richten, aber dennoch nicht abdrücken. Er konnte mich abweisen und zurückstoßen, aber Blickte mich dennoch so an. Es war wie immer. Wenn ich fortgehen wollte, war er trotz all dem immer noch da.
Es war so, als wollte uns jemand miteinander verbinden. Als würden wir nicht diesen roten Faden kappen können. Als wäre er aus Stahl, Diamant, Eisen und Granit; aus Blut der Verbundenheit. Irgendwas wollte uns nicht gehen lassen, oder eher jemand? Wir verabscheuten diese Bindung zueinander. Wir haben es so sehr gehasst und dennoch liebte ich ihn vom ganzen Herzen.

Diese Hassliebe war nicht wie die von Nathan. Sie war extremer, brutaler, herzloser, ohne Mitgefühl.
„Vielleicht werden wir eines Tages gemeinsam sterben, Bleyes."
„Vielleicht.", sagte er und drehte den Rücken zu mir, mit dem Wissen, dass wir wieder zueinander gelangen würden.
Ohne Absicht und ohne Wunsch. Wir konnten nicht fortgehen, auch wenn wir es so gern gewollt hätten.

„Ich wünschte, wir wären uns nie begegnet.“, sagte ich.
Er ging, ohne ein Wort. Er hasste unsere Verbundenheit und war dennoch gezwungen bei mir zu bleiben. Mal mehr, mal weniger. Die Momente kamen zu oft und ohne Vorahnung.
„Geht mir genauso. Wenn ich dich lieben könnte, wäre es anders.", antwortete er mir nun.
„Bleyes, das funktioniert nicht."
„Ich weiß."
„Womit habe ich das verdient?“
„Womit haben wir es verdient?“
Er drehte sich um und kam wieder, nahm den Revolver vom dem Boden und ging nun auf mich zu. Er umarmte mich, legte seine Hände um meine Taille und drückte mich an sich. Sein Körper war warm, angenehm, ich hingegen eiskalt, wie immer. Schon wieder tat er es, verschlimmerte es. Doch es war anders. Er hob seine rechte Hand, die mit dem Revolver, und richtete diesen wieder an meine Schläfe. Mir kam ein leichtes Lächeln auf dem Gesicht, dass ich in seiner Brust verbarg.
„Endlich kann ich abschließen. Er erschoss mich damals genauso, ich kenne das Gefühl“, sagte ich mit selbstsicherer Stimme. Er wollte nicht wissen, wen ich damit meine. Das musste er auch nicht. Er musste nicht wissen, dass ich damit Nathan meinte. Ich starb schon so oft auf diese Art und Weise und kannte es nicht anders.
„Tut mir Leid für diese Missstände, Bleyes. Ich wusste nicht, dass du sie so sehr lieben würdest. Ich dachte, ich hätte eine Chance bei dir, ich dachte, ich könnte es dieses Mal schaffen. Doch du warst sogar schlimmer als er. Ich habe mich zu sehr in meine Träume und Hoffnungen verloren, dabei hast du nicht allzu viel dazu beigetragen. Es waren lediglich deine Blicke. Immer wieder.“
„Blicke, die niemals was aussagten.“
„Leider, ich habe alles Missverstanden. Ich sehnte mich so sehr danach geliebt zu werden, von der Person, bei der ich es mir erhofft hatte.“
„Es gibt andere Menschen, die dich ebenfalls-“
„Lieben. Du musst mir nichts sagen, was ich schon seit Jahren weiß. Ich wollte, dass sich auch mal jemand nach mir umdreht.“
„Ich habe schon jemanden. Ich werde mich niemals umdrehen.“
„Ich weiß. Deswegen schieß endlich, lass mich sterben, bitte. Vielleicht liebe ich es mittlerweile so zu gehen.“
„Du bist verrückt.“
„Das ist meine Art, ich liebe sie.“
Er drückte mich noch fester an sich und die Waffe stärker an meine Schläfe. Endlich konnte er mich erschießen, er hatte den Mumm dafür. Endlich konnte ich entkommen und müsste nicht mehr auf ihn hoffen. Es war die Zwecklosigkeit des Jahres und eine riesige Blamage für mich. Doch ich akzeptierte dies, ich musste weiterleben, ich konnte es. Eines Tages würde ich nicht mehr in diese Situation geraten.
„Danke dafür, dass du mich damals zurückgeholt hast. Und zur Hölle mit dir, was du mir angetan hast.“
„Ich wusste das nicht.“
„Keiner wusste das… Außer ich. Hassliebe lag mir schon immer. Sag mir, dass du mich hasst, dass macht es nur noch schöner, Bleyes.“
„Wenn du es dir so sehr wünscht… Ich hasse dich. Ich habe dich immer verachtet mit jedem Blick, der dir damals galt. Niemals hätte ich was für jemanden so wie dich empfinden können. Deine Art war schrecklich, so Anhänglich, Nerv tötend und strapazierend. Mit jedem Satz wollte ich dich mehr sterben sehen, wollte dich in dein Verderben stürzen und habe es schlussendlich auch geschafft. Ich habe das bekommen, was ich wollte. Meine Liebe und deinen Tod. Ich habe es geliebt dich leiden zu sehen, deine Hoffnungen zu zerstören und Gefühlsmäßig so außer Gefecht zu setzten, dass du nicht mehr anders kannst, als in der Zukunft an mich zu denken. Und ich würde es jederzeit wieder tun. Immer. Ich liebe es, dich leiden zu sehen, wie dich der Schmerz zerfrisst und dich gefühlslos werden lässt. Ich hasse dich so sehr.“
Seine Worte waren eine Beruhigung für mich. Ich wusste es, dass er dies immer in Gedanken hatte und bekam schlussendlich diese Abfuhr. All sein Hass ließ wieder das Mitleidskribbeln zu und ich realisierte, dass ich es schlechter getroffen hatte, als mit Nathan. Niemals, hat er mir jemals so eine Hasspredigt gestellt. Dennoch füllten sich meine Augen mit Tränen. Jemand konnte mir so sehr Leid zufügen, obwohl ich diese Person kein Stück kannte.
„Das dümmste daran ist, dass es meine Schuld ist, Pavel. Ich hätte nie gedacht, dass es so Sinnlos mit dir sei. Niemals haben wir miteinander geredet und dennoch warst du immer so prägnant in meinen Gedanken. Weißt du, woher das kommt? Ich erträume mir mein Leben. Jahrelang habe ich von Nathan geträumt, ihn geliebt. Das dachte ich zumindest. Doch ich kann niemanden lieben, das liegt mir nicht.“
„Weil du nie die richtige Person gefunden hast.“
„Weil es keine richtige Person dazu gibt. Ich liebe es allein zu sein.“
„Selbst jetzt versuchst du dir noch etwas einzureden.“
„Die Liebe zu dir habe ich mir auch eingeredet. Ich kann mir alles einreden.“
„Dann würden wir hier jetzt nicht stehen.“
„Du kannst mir wenigstens meinen Stolz lassen, meine Illusion und mich endlich erschießen. Du zögerst zu lange.“
„Du denkst zu viel.“
„Weil du zulange zögerst.“
„Du bist schrecklich. Triffst nicht meinen Geschmack und ich hatte immer das Gefühl, dass du mir keinen Freiraum geben würdest.“
„Schützen brauchen ihren Freiraum, deswegen renne ich vor all ihnen weg.“
„Und ich fliehe vor dir. Damit du mich endlich in Ruhe lassen kannst.“
„Das ist gut, dieser Hass...“
Ich versuchte mich von ihm loszudrücken, doch es gelang mir nicht. Ich schaute nach oben und blickte nun wieder in diese eisblauen Augen. Es war nicht meine Lieblingsfarbe, ich besaß keine. Doch diese Augen sahen so anders aus, so leer. Ich liebte sie.
„Wie kann man bloß so verbittert mit sich selber sein?“, fragte er mich.
„Weißt du was ich mich frage? Ob ich dich auch geprägt habe.“
„Das hast du nicht.“
„Mich kann man ersetzten, dich ebenfalls.“
„Ich hoffe, wir sehen uns nie wieder.“
„Ich ebenfalls.“, antwortete ich ihm.
„Ich hasse dich so sehr.“
„Ich dich auch, Bleyes.“
„Das tust du nicht.“
Mir fuhr die Wut hoch und mit meinen weit aufgerissenen, tränengefüllten Augen blickte ich ihn nun zornig an. Selbst jetzt konnte er mir meinen Hass nicht lassen, als würde er es immer noch genießen mich leiden zu sehen.
„Und du genießt es immer noch, mich so zu sehen. Du bist so sadistisch. Das habe ich nicht verdient!“
„Vielleicht doch, du hast es nur vergessen.“
Mein Blick war leer, mein Körper schwach, alles zerrte an mir. Doch mir kam wieder dieses Lächeln ins Gesicht. Ich war keine Heldin, habe nie etwas Großartiges getan und wollte wenigstens mit diesem Lächeln im Gesicht sterben.
„Warum lächelst du so?“
„So möchte ich fortgehen.“
„Wenn das so ist… Da war nie was.“
„Und wird es auch nie.“
„Wir sehen uns in der Hölle, Hunter.“
„Das tun wir nicht, Pavel. Wir werden uns nie wiedersehen. Das Nichts wird es schon wissen. Verdammt, und ich habe dir gesagt, dass du nicht meinen Namen sagen sollst!“
„Ich verstehe. Wenn es das Nichts ist, dann eines noch.“
„Lass es, ich…“, wollte ich ihn unterbrechen.

„… liebe dich.“, antwortete er mir.

Er wusste, dass ich nie mehr zurückkommen könnte, dass das Nichts mich verschlingen würde. Obwohl er mich hasste, besaß er Mitleid mit mir und wollte mir eine Illusion erfüllen. Er fühlte sich nicht schuldig, doch er wollte noch einmal eine Reaktion in meinem Gesicht sehen, um mich damit zu zerstören. Doch er bekam sie nicht. Ich wusste, dass es dennoch eine Lüge war. Ich glaubte an gar nichts mehr und trotzdem liebte ich ihn tief in meinem Herzen immer noch. Unsere Beziehung zueinander verstand kein Mensch, nicht mal wir selbst.

Das letzte, was ich hörte war der Schuss und das Gefühl, dass er meine Stirn küsste.

Danach kam nichts.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast