Im Ferienlager

GeschichteFreundschaft, Horror / P12
19.08.2016
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Im Ferienlager


Ich trinke den letzten Schluck des leckeren Eistees und setze dann das Glas ab. Während ich mir mit dem Ärmel den Mund abwische schaue ich die anderen vier Mitglieder meines Teams an. Wir nicken uns zu. Dank der Ruhepause und der Getränke sind wir bereit, uns auf den Rückweg zu machen. Selbst Leah, die der Aufstieg schon ziemlich fertig gemacht hat, sieht entschlossen aus. Sie ist noch ziemlich rot im Gesicht, aber hechelt nicht mehr ganz so erschöpft. Außerdem wird es abwärts ja bestimmt schneller und leichter gehen.

„Vielen Dank für den Tee, Mr. Jones, wir sind jetzt bereit!“ Wie automatisch ergreife mal wieder ich das Wort. Wahrscheinlich, weil ich der Älteste aus Hütte Nummer 4 bin. „Sehr schön, dann solltet ihr das Schwerste ja hinter euch habe!“, lobt uns Mr. Jones. „Ich zeige euch, wo es ‘runter geht, kommt mit!“ Er führt uns um sein Holzhaus herum, bis wir an einen kleinen Pfad kommen, der den Berg hinunter führt. Die ersten ungefähr 50 Meter kann man dem Verlauf noch folgen, danach verschwindet der Weg im Wald. „Am Anfang müsst ihr einfach den Weg entlang, es gibt eigentlich keine Möglichkeit, sich zu verirren, so lange ihr nicht einfach in den Wald läuft. Dort hinten, wo der Himmel anscheinend zu Boden stürzt, gibt es allerdings eine Kreuzung. Hinter dem Weltuntergang geht es dann links weiter.“ Er gluckst und wir folgen mit unseren Blicken seinem ausgestreckten Zeigefinger. Der Anblick, der sich uns bietet, ist wirklich etwas seltsam. Über einem kleinen abgegrenzten Gebiet fällt ein heftiger Regenschauer, während die Umgebung von der sinkenden Spätnachmittagssonne beschienen wird. „Hoffentlich hat es aufgehört zu regnen, bis wir da sind!“, murrt Ruth, und im Stillen stimme ich ihr zu. Wir tragen alle leichte Kleidung, doch wie warmer Sommerregen sieht das da hinten wirklich nicht aus.

„Na dann mal los, Kids! Länger als eine knappe Stunde solltet ihr nicht mehr brauchen. Und ihr seid gut in der Zeit, vielleicht seid ihr sogar als erstes Team im Camp zurück!“, ermutigt uns Mr. Jones. „Alles klar!“ Ich grinse mein Team an. „Habt ihr alles? Habt ihr eure Wasserflaschen aufgefüllt?“ – „Boah, Carl, du bist nicht unsere Mutter!“ Henry rollt mit den Augen und beginnt, als Erster dem Pfad bergab zu folgen.

Nach der Pause beklagen sich meine Muskeln, wieder in Bewegung gesetzt zu werden. So sportlich hatte ich mir den Aufenthalt in Camp Gromley eigentlich nicht vorgestellt, aber vielleicht hätte ich die Broschüre auch genauer lesen sollen. Ich habe mich hauptsächlich von den Hochglanzfotos überzeugen lassen, und mir vorgestellt, jeden Tag am See zu liegen, ab und an ein paar Runden zu schwimmen, und, wenn ich mich wirklich mal ganz sportlich fühlte, vielleicht mit den anderen Basketball zu spielen. Stattdessen gab es hier fast jeden Tag sportliche Übungen, in denen die Hütten gegeneinander antreten mussten. Wir waren schon um die Wette Kanu gefahren, hatten in der Mittagshitze einen Staffellauf veranstalten müssen und mussten uns sogar im Baumklettern messen. Doch da meist genug Zeit blieb, sich einfach mal zu erholen, fand ich das alles nicht so schlimm. Auch hatte ich mit meiner Hütte ein echt gutes Team erwischt. Die anderen vier waren ziemlich nett, und zum Glück auch nicht so übertrieben ehrgeizig, wie ich das von den anderen Teams schon mitbekommen hatte. Wir alle waren etwas überrascht gewesen, von dieser Wettkampfmentalität, die uns hier anscheinend antrainiert werden sollte. Die einzige, die zumindest dieses Ausmaß an Sport erwartet hatte, war Leah, die von ihren Eltern ins Ferienlager geschickt worden war, um „endlich mal abzunehmen“, wie sie resigniert erzählt hatte. Ich kann mir zum Glück nicht vorstellen, wie es ist, Eltern zu haben, die kein gutes Haar an einem lassen, und sogar die Sommerferien dazu nutzen, ihr Kind zu „verbessern“. Leah redet nicht gerne von Zuhause und schreibt auch keine Briefe, doch hier mit uns scheint sie sich wohlzufühlen. Wir haben schon alle Adressen ausgetauscht, damit wir auch nach den Ferien in Kontakt bleiben können.

Ich betrachte unsere kleine Gruppe, die in relativ gemächlichem Tempo vor mir her schlendert, immer noch von Henry angeführt. Ein Blick auf meine Armbanduhr zeigt mir, dass Herr Jones uns mit seiner Aussage, wir lägen gut in der Zeit, nur Mut machen wollte. Wahrscheinlich würden wir schon wieder die letzten sein. Naja, mir ist das egal. Und auch, wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass die anderen das als große Katastrophe sehen, sage ich noch nicht Bescheid. Das muss ja nicht sein, dass wir jetzt schon anfangen, uns Gedanken zu machen, wie die anderen Teams uns wohl dieses Mal verspotten würden. Ich bin echt froh, in Hütte Vier gelandet zu sein. Wir sind alle das, was ich, weil mir bessere Worte fehlen, als „normal“ bezeichnen würde. Normale Jugendliche halt. Die Ferien machen wollen, sich mit Gleichaltrigen erholen, den Alltagsstress vergessen und so. Die manchmal schlecht drauf sind, aber nicht absolut bösartig. Für die meisten anderen hier scheint das Camp aber ein einziger großer Konkurrenzkampf zu sein. Ganz abgesehen von den Wettkämpfen, die die Camp-Leiter veranstalten, nehmen sich viele noch jede verfügbare Sekunde an Freizeit, um gegeneinander anzutreten oder zu trainieren. Wer sich schönere Freizeitbeschäftigungen vorstellen kann, wird dementsprechend runtergemacht. Gestern hat so ein Spinner aus Hütte Zwei einen Teamkameraden, der bei der Staffel nicht schnell genug war, so lange angeschrien, bis der höchstens zwölf Jahre alte Junge vor dem versammelten Camp in Tränen ausgebrochen ist … Ich fühle mich jetzt noch ziemlich schlecht, dass ich nicht eingegriffen habe, aber in dem Moment war ich einfach zu perplex und überfordert gewesen. Um mich von diesen unangenehmen Gedanken abzulenken, wende ich meine Aufmerksamkeit der Umgebung zu. Einfach krass. Auch nach einer Woche quasi mitten in der Wildnis bekomme ich nicht genug. Der Wald riecht so gut nach Erde und Bäumen und an dem Sonnenlicht, das durch die Blätter fällt, kann ich mich nicht sattsehen. Besonders nicht am frühen Abend, wenn das Licht besonders golden ist! Da laufe ich echt lieber langsam und genieße all das, als mich auf so eine blöde Wettwanderung einzulassen.

So sieht das auch Chris, der dritte Junge in unserem Team, der jetzt etwas langsamer läuft, sodass ich zu ihm aufschließe. „Ist das nicht der Hammer?“, fragt er und beschreibt mit seinen Händen eine Geste, die alles um uns rum einschließt. „Ich meine, wenn ich Natur will ist für mich unser wohlgeordneter Garten das höchste der Gefühle. Das ist das Problem, wenn man in einer Kleinstadt lebt: es ist schon zu zivilisiert, um schnell einen Abstecher in die Natur machen zu können, aber noch nicht groß genug, für richtige Parkanlagen und so.“ Ich seufze mitleidig. „Ja, das muss echt blöd sein! Ich meine, ich wohne schon relativ naturnah, aber das ist ja kein Vergleich zu all dem hier!“ Jetzt gesellt sich auf Leah zu uns und schaltet sich in das Gespräch ein: „Der Wahnsinn, nicht wahr?! Gestern Abend am Lagerfeuer habe ich sogar Fledermäuse gesehen! So niedlich! Das war das erste Mal in meinem fünfzehn Jahren, in denen ich welche gesehen habe. Und sind euch die ganzen Geräusche aufgefallen, die man nachts hört? In diesen Wäldern könnte sonst was leben, aber ich finde es viel zu cool, um Angst zu haben!“ Ruth, die diesen Satz gehört hat, grummelt nur. In der ersten Nacht hat sie wohl gehört, wie ein Tier ganz nah an unserer Hütte vorbeigestreift ist, sie meint sogar, sie habe gesehen, wie etwas durch das Fenster geschaut hat. Leider war sie, nach eigener Aussage, vor Angst ganz erstarrt gewesen und konnte niemanden von uns wecken, weshalb kein Mensch außer ihr dieses Tier gesehen oder gehört hat. Ich sage es ihr nicht direkt, aber um ehrlich zu sein, kann auch ich ihr nicht so ganz glauben. Die Betreuer haben uns versichert, dass sich wilde Tiere nicht in die Nähe des Camps begeben. Außerdem, welches Tier wäre schon intelligent genug, durch ein Fenster in eine dunkle Hütte zu spähen?

Auch jetzt gerade wirkt Ruth etwas nervös. „Findet ihr nicht auch, dass es schon deutlich dunkler geworden ist? Dabei ist es doch erst Nachmittag und im Sommer geht die Sonne doch eh erst nachts ganz unter!“ – „Ohhh hast du wieder Angst? Mal wieder irgendwelche Tiere gesehen?“, spottet Henry. Er ist ja echt nett und witzig, aber manchmal weiß er einfach nicht, wann es besser wäre, die Klappe zu halten. „Sie hat ja recht, es scheint wirklich etwas dunkler geworden zu sein!“, mische ich mich schnell ein. „Aber das liegt wohl eher daran, dass der Berg auf dieser Seite dichter bewaldet ist und die Blätter einfach nicht so viel Licht zu uns lassen. Außerdem kommen wir ja langsam näher an diesen komischen Regenschauer ran, den uns Herr Jones gezeigt hat, wahrscheinlich ist es über uns schon viel bewölkter als vorhin.“Wie auf Kommando schauen wir alle nach oben, doch das dichte Blätterdach lässt wirklich keinen Schluss darauf zu, ob der Himmel über uns grau oder blau ist.

Chris reibt sich über die Arme. „Also, kühler ist es auf jeden Fall geworden. Das war echt schlau, ein Langarmshirt anzuziehen, Carl, den Tipp hättest du uns ruhig auch geben können.“ Ich zucke grinsend mit den Schultern. „Du weißt ja, ‚vernünftig‘ ist mein zweiter Vorname.“ Das wurde mir echt schon oft genug vorgehalten. Vielleicht ist es einfach eine dieser Angewohnheiten, die damit kommt, der Älteste von vier Geschwistern zu sein.

Plötzlich bleibt Leah stehen. „Hey, shh, hört ihr das auch?“ Wir lauschen. „Oh, ja, ich glaube, ich höre den Regen! Dann haben wir’s ja bald geschafft!“, freut sich Ruth. „Nein, das meine ich nicht“, unwillig schüttelt Leah den Kopf. „Das ist doch dieses Lied!“ Ein bisschen schief beginnt sie, die Melodie zu pfeifen. „Ah, ja, In der Halle des Bergkönigs! Das habe ich grad letztes Schuljahr mit dem Blasorchester gespielt“, hilft Henry ihr aus und spielt eine pantomimische Trompete zu ihrem Pfeifen. Mir kommt die Melodie auch bekannt vor. Sie ist nicht wirklich mein Geschmack. Könnte eigentlich fröhlich sein, ist dafür aber einen Tick zu hektisch und gerät gegen Ende ganz und gar außer Atem. Da bevorzuge ich Musik, die weniger panisch wirkt! „Dass das so heißt, wusste ich nicht“, gibt Leah zu, „ich kenne es nur, weil es Mr. Stynes Klingelton ist! Und dafür, dass für uns keine Handys erlaubt sind, bekommt er ja ziemlich oft Anrufe, das hat mich schon die ganze Zeit geärgert.“

Das stimmt. Am ersten Tag, kaum waren wir aus dem Bus gestiegen, hatte der Campleiter Mr. Styne sich daran gemacht, sämtliche Handys und andere elektronischen Geräte einzusammeln. Wir sollten uns nur miteinander und mit der Natur beschäftigen, und so weiter. Dieses Zeug halt, das Erwachsene von sich geben, wenn sie mal wieder die Augen über die Jugend von heute verdrehen. Mir war auch schon aufgefallen, dass der anscheinend so umweltverbundene Styne erstaunlich viele Anrufe oder Sprachnachrichten erhält.

„Jetzt höre ich es auch! Aber was will der hier? Nachschauen, ob wir uns nicht verirrt haben? Solche Fürsorge sähe dem ja gar nicht ähnlich …“, sagt Chris, aber recht leise, als fürchte er, Mr. Styne würde gleich hinter dem nächsten Baum hervorspringen. Das wäre wirklich unangenehm. Während er nicht direkt absolut unsympathisch ist, ist er eben auch die treibende Kraft hinter all dem Ehrgeiz, den Wettkämpfen, dem „Besiege die Natur!“-Quatsch, die das Camp ein bisschen anstrengender machen, als die anderen, an denen ich bisher teilgenommen habe.

Nun laufen wir nicht mehr so entspannt wie noch ein paar Minuten zuvor. Als würden wir uns vor wilden Tieren verstecken schleichen wir möglichst leise vorwärts, doch natürlich möchte sich niemand die Angst anmerken lassen. Und dann kommen wir dort an, wo der Regen anfängt. Oder aufhört, kommt drauf an, aus welcher Richtung man kommt. „Krass!“, entfährt es Henry, wir anderen stehen nur da und nicken und staunen. Ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, dass jeder Regenschauer auch irgendwo ein Ende haben muss, schließlich regnet es ja nicht überall auf der Welt zur gleichen Zeit. Aber hätte ich raten müssen, hätte ich eher gedacht, dass der Übergang fließend ist, von Trockenheit über ein Tröpfeln zum Platzregen. Stattdessen kommt hier, nur ein paar Schritte vor uns, wie eine graue Mauer ein Regenguss herab. Das Plätschern ist nun ein lautes Rauschen geworden. Trotzdem hören wir wieder, jetzt unmissverständlich, die klassische Melodie, den Klingelton. Dann ertönt deutlich hörbar Mr. Stynes Stimme, er kann sich nur ein paar wenige Meter von uns entfernt befinden. „Ja. Ja, sie sind jetzt da. Es sollte nicht lange dauern. Bis gleich!“ Dann herrscht wieder Stille.

Wir schauen uns ratlos an, dann ergreift Leah zögerlich das Wort: „Hallo? Mr. Styne? Sind Sie da?“ Natürlich wissen wir alle die Antwort, schließlich haben wir ihn eben sprechen hören, dennoch zucken die meisten von uns erschrocken zusammen als der Campleiter aus dem Regenvorhang tritt und uns ernst ansieht.

„Ja, wie ihr seht, bin ich hier,“ antwortet er lakonisch. „Und könnt ihr euch vielleicht sogar denken, wieso?“ Wir warten kurz, doch es ist wohl keine rhetorische Frage, er möchte wirklich eine Antwort. „Hm, vielleicht, um dafür zu sorgen, dass wir uns bei diesen seltsamen Wetterverhältnissen nicht verirren?“, rate ich. Statt zu antworten, bricht Styne erst mal aus tiefstem Herzen in Gelächter aus. Ich spüre, wie ich erröte. Klar, ich hatte nicht wirklich geglaubt, Recht zu haben, aber auslachen muss er mich ja trotzdem nicht gleich!

„Tja, wenn ihr euch verirren würdet, wäre das Problem ganz ohne mein Zutun gelöst,“ meint er, als er sich wieder gefangen hat. „Doch bei dem Pech, das wir mit euch hatten, hättet ihr wahrscheinlich alleine zum Camp zurück gefunden und wir hätten auf die nächste Gelegenheit warten müssen, euch los zu werden.

Das klingt überhaupt nicht gut. Wir wagen nicht, uns anzusehen, doch ich spüre, wie Ruth näher an meine Seite heranrückt. Mr. Stynes Blick ist immer noch ernst, doch ich kann mir auch vorstellen, dass so eine ominöse Aussage seine Idee von einem Scherz ist.

„Was meinen Sie damit?“ Es ist Henry, der sich ein Herz fasst, nachdem wir alle fast eine Minute geschwiegen haben – ich habe instinktiv in meinem Kopf die Sekunden mitgezählt, wie ich es in peinlichen Gesprächspausen manchmal tue.

Mr. Styne seufzt. Er wirkt mitleidig und fast ernsthaft besorgt. „Was ich meine, ist, dass euer Team in allen Wettkämpfen mit Abstand am schlechtesten abgeschnitten hat. Ob Rennen, Schwimmen, Klettern – ihr seid einfach nicht gut genug! Doch hier in Camp Gromley wollen wir keine Zeit mit Verlierern verschwenden, die weder kämpfen können noch wollen.“

Was?! „Also, das ist doch krank!“, entfährt es mir, doch ich bin einfach zu empört um zu schweigen. „Wir sind hier, um Ferien zu machen, nicht, um zu kämpfen!“

Styne sieht uns verächtlich an. „Falsch. Ihr ward ihr gewesen, um zu kämpfen. Das habt ihr nicht getan, also seid ihr nun hier, um zu sterben.“

Das kann doch nicht wahr sein. Der vernünftige Teil in mir will immer noch glauben, dass das alles ein blöder Scherz ist, doch die gesamte Situation, der Anblick des nun unverdeckt hasserfüllten Mr. Styne vor dem stahlgrauen Regenvorhang ist unmissverständlich real. Ruth greift plötzlich nach meiner Hand und drückt sie so sehr, dass es weh tut. Ansonsten wagt keiner, sich zu rühren. Oder die anderen sind, wie ich, vor Angst erstarrt. Auf einmal jedoch stößt Chris einen kleinen Schrei aus und rennt los, an Mr. Styne vorbei in den Regen. Bevor jemand anderes reagieren kann greift der lässig hinter sich, man hört noch einen Schrei, diesmal erschrocken und schmerzhaft, dann ein leises Röcheln. Als ich Styne wieder genauer ansehe, ist seine rechte Hand rot, wie in Blut getaucht. Das Ganze hat höchstens zwei Sekunden gedauert.

„Habt ihr … habt ihr das gesehen? Sein Arm! Der war plötzlich ganz lang, er hat ihn ausgefahren, was ist das, ich-‘‘ Auch wenn wir wahrscheinlich alle schon im Bruchteil einer Sekunde begriffen haben, dass das gerade nicht die klügste Idee ist, rennt nun auch Henry los, doch nach hinten, in die Richtung, aus der wir gekommen sind.

Styne sieht mich und die beiden Mädchen kurz drohend an, als warne er uns, es den anderen beiden gleich zu tun, dann macht er sich an Henrys Verfolgung und wir sehen, wie seine Gliedmaßen mit jedem Schritt auf groteske Länge anwachsen.

„Kommt, wir müssen rennen und uns aufteilen! Wenn wir hier stehen bleiben, kriegt er uns alle kampflos, doch in drei Richtungen gleichzeitig kann er seine Monsterarme auch nicht strecken!“ Leahs Stimme zittert, doch sie wirkt entschlossen. „So hat vielleicht einer von uns eine Chance,“ setzt sie noch hinzu und versucht, ihre Mutlosigkeit zu verbergen.

Ich nicke. „Ok, alles klar! Viel Glück!“ Ich möchte losrennen, doch Ruth krallt sich an meiner Hand fest. „Bitte, lass mich nicht alleine, ich hab‘ solche Angst!“ Ich beobachte aus den Augenwinkeln, wie Leah im Wald verschwindet, dann schaue ich Ruth an. Inzwischen laufen ihr Tränen über das Gesicht. „Ist in Ordnung, wir bleiben zusammen, jetzt aber schnell!“

Wir rennen los, auch in den Regen hinein. Ich habe die Hoffnung, dass Styne, was auch immer er ist, uns in den grauen Strömen schlechter sehen und verfolgen kann. Auch ich sehe kaum etwas, bin fast sofort vom Weg abgekommen und muss mein Tempo nun etwas drosseln, weil ich sonst haltlos in die Bäume krachen würde, die immer wieder überraschend aus dem Regen auftauchen, als hätten sie auf uns gelauert. Ich ziehe Ruth hinter mir her, höre ihr Keuchen durch das Prasseln des Regens.

Plötzlich verstummt sie ruckartig und das sich eben noch bewegende Mädchen an meiner Hand wird zu einem Gewicht, das mich zum Stolpern bring. Ich brauche mich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass sie tot ist. Ganz dichter hinter mir ertönen die ersten Klänge von Griegs In der Halle des Bergkönigs.



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Wettbewerb: Was knistert da?, Runde 2

Vorgaben:

- Das einzubringende Zitat lautet: "Hinter dem Weltuntergang geht es dann links weiter."
-die erzählte Zeit muss sehr kurz sein, sie darf maximal eine Stunde umfassen
-die Melodie aus „In der Halle des Bergkönigs“ von Edvard Grieg muss eine Rolle spielen
-alle Charaktere müssen im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sein
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