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von Eternity-
KurzgeschichteDrama, Romanze / P12 Slash
Lawless / Hyde Licht Jekylland Todoroki
17.08.2016
17.08.2016
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Dieses Kapitel
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Es ist eine Woche her seitdem Tsubaki getötet worden ist und dich jagen immer noch düstere Bilder hinaus aus der Traumwelt zurück in den Wachzustand. Jedes Mal drehst du dich um, vergräbst dein Gesicht in die Bettdecke, versuchst dann deinen Herzschlag zu beruhigen, wohl wissend dass ich ihn hören kann, und deine Atmung zu stabilisieren, damit ich meine Aufmerksamkeit nicht auf dich lenke.

Dabei vergisst du, dass auch wir Vampire träumen. Manchmal schweißgebadet aufwachen, um sich nur einen Moment später einzureden, dass das alles nicht echt war. Ich glaube, dass du immer noch nicht verstanden hast welche Stellung ein Eve innehat. Und ich denke auch, dass ich erst jetzt verstehe wie wichtig die Bindung zwischen uns ist. Ich werde dir nie erzählen wie groß die Angst um dich war als Tsubaki und seine Handlanger uns in die Finger bekamen.

Ich höre wie du dich im Bett umdrehst - jeden Abend das gleiche Spiel. Mein Blick gleitet von deiner Gestalt hinaus aus dem Fenster, das bis zum Boden reicht, hinauf zu den Sternen, die heute besonders zahlreich am Abendhimmel sind. Auch wenn du mir nicht erlaubst in deinem Zimmer zu verweilen, bist du dennoch froh, dass ich jeden Abend am Fensterbrett sitze, nur damit meine Präsenz dich beruhigt. Obwohl deine Augen geschlossen sind nimmt mich dennoch dein Unterbewusstsein wahr. Meistens reicht es aus…doch so wie heute will sich dein pochendes Herz nicht beruhigen. Gesteh dir doch einfach ein Engelchen, dass du Angst hast. Niemand würde dich dafür richten…

Ich verlasse meinen Platz am Fenster und setze mich behutsam ans Ende des Bettes. Unwillkürlich drückst du dein Gesicht tiefer in die Bettdecke. Wir beide wissen, dass ab diesem Moment sich jeder hätte denken können, dass du nur den Schlafenden spielst.

Spätestens als ich ein gemuffeltes Schluchzen höre mache ich mir wirklich Sorgen. Wo ist mein starkes Engelchen geblieben, dass sogar vor mächtigen Subklassen keine Angst hat? Ich seufze leise, erhebe mich, um nur einen Augenblick später die Bettdecke hochzuheben und mich zu dir zu legen. Ich spüre wie sich dein Körper anspannt, darauf wartet was ich als nächstes tue. Doch ich bleibe ruhig liegen, behalte „meine Pfoten“, wie du sie liebevoll immer nennst, bei mir und warte meinerseits darauf, dass du irgendeine Reaktion zeigst. Etliche Minuten passiert einfach gar nichts und als ich denke, dass du bereits wieder eingeschlafen bist, trotz des wild schlagenden Herzen, drehst du dich zusammen mit der Bettdecke zu mir um und presst dich nahe an mich. Ich bin dermaßen erstaunt über dein Verhalten, dass ich einen Moment brauche um zu registrieren, was du gerade getan hast. Erst dann lege ich meinen freien Arm um deine zierliche Gestalt und streiche dir sanft über den Rücken. Mit der anderen Hand stütze ich meinen Kopf und muss mir eingestehen, dass ich diesen Moment genieße. Insgeheim frage ich mich, ob die anderen Servamps das gemeint hatten, als sie vor etlichen Jahrhunderten vorwarfen, ich wüsste nicht wie man einen Eve behandelt.

In Gedanken schüttle ich den Kopf und verscheuche den Gedanken. Unsere Verbindung ist ganz anders als all die Bindungen, die ich zu den anderen Eves gehabt hatte. Reiner, stärker…fast wie bei Ophelia…

„Ich habe keine Angst“, kommt es leise von dir. Weil ich nicht weiß, ob dieser Satz an mich oder dir selbst gerichtet ist, muss ich kurz ein Lachen unterdrücken. Ich beschließe für heute meinen Humor beiseite zu schieben und drücke vorsichtig die Decke auseinander, um dein Gesicht besser sehen zu können. Zu meiner Verwunderung wehrst du dich noch nicht einmal. Behutsam streiche ich dir einzelne nasse Strähnen aus dem Gesicht, als du plötzlich meine Hand festhältst und sie zu deinem Mund hinziehst. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass vertraute Gerüche den Menschen beruhigen sollen, obwohl doch eurer Geruchssinn so schwach ausgeprägt ist.

Du murmelst etwas mir unverständliches in meine Hand und ich spüre wie sich langsam dein Herzschlag beruhigt. Deine Atmung wird flacher und endlich hebst du dein Gesicht, öffnest die Augen und schaust in die Richtung in der du meine Augen vermutest. Es ist für deine Augen viel zu dunkel, um mehr als nur meine Silhouette zu erkennen.

„Du gehst?“, fragst du leise und ich bin für etliche Sekunden wirklich verwirrt. Ich verstehe deine Frage nicht, und bin kurz daran dich zu fragen, was du genau meinst. Denn ich habe nicht vor mich heute noch irgendwohin zu bewegen. Und als mir schon die Worte auf der Zunge liegen, fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Es ist nur natürlich, dass du denkst, dass ich irgendwann wieder meine tägliche Routine aufnehme und über Nacht wieder sämtliche Clubs abklappere, die mir interessant erscheinen. Aber du solltest bemerkt haben, dass ich nicht mehr Lawless bin, sondern einfach nur mehr Hyde.

Ich schüttle den Kopf und merke erst viel zu spät, dass du mich ja nicht sehen kannst. Als ich dir ein leises nein zuflüstere, zuckst du leicht zurück. Wir hätten wohl beide nie gedacht, dass wir uns einmal so nahe kommen könnten…

Du schiebst sanft meine Hand weg und hebst die Bettdecke hoch, nur um sie einen Moment später über unsere Schultern zu werfen und näher an mich heranzurobben. Ich merke schon, dass diese Nacht heute anders ist…dass wir beide anderes sind…ruhiger…weniger angriffslustig…Du presst deine Stirn gegen mein Schlüsselbein und deine Wimpern berühren bei jedem Blinzeln mein Hemd und verursachen ein dermaßen leises Geräusch, dass du es nie vernehmen würdest, außer ich würde dich zu einen meiner Untergebenen machen…und das wäre verboten. Irgendwann wirst auch du sterben und lässt mich zurück. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob der Bruch dieser Regel dein Leben retten würde, wenn du am Rande des Todes schwebst. Genervt muss ich feststellen, dass ich mir gerade selbst die gute Laune verderbe und diesen Moment zerstöre. Denn jetzt ist jetzt hast du gesagt und nur das Jetzt zählt und jetzt in diesem Augenblick sind wir glücklich und jetzt in diesem Moment mache ich dir stumm ein Versprechen, dass ich ihr damals gegeben habe, mit dem Unterschied, dass ich es dir gegenüber nie laut aussprechen werde. Du mein Engelchen solltest dich auf deine Karriere konzentrieren und nicht auf das irgendeinem Gebrabbel eines alten Vampirs  hören. Und irgendwann werde ich einen Weg finden uns beide unsterblich zu machen…

Als du endlich wieder einschläfst, liegen wir eng verschlungen unter der Bettdecke und Wolken beginnen allmählich den wunderbaren Sternenhimmel zu überdecken. Wenn wir morgen aufwachen, was werden wir wohl übereinander denken? Wahrscheinlich wirst du einfach ganz normal den Tag beginnen und ich werde versuchen nicht zu sehr darüber enttäuscht zu sein, dass dieser Abend nie angesprochen wird. Ich werde dich wieder necken und du wirst mir Verwünschungen an den Kopf werfen.

Und ich werde lachend mit dir streiten und mich verprügeln lassen und dann werden wir müde auf dem Boden liegen und unsere Finger werden sich berühren. Und dann werden mich wieder diese Erinnerungen einholen…Du wirst still neben mir liegen, den Blick an die Decke gerichtet…Hast du keine Fragen? Menschen sind doch immer so furchtbar neugierig.

Was ist passiert? Wie? Wo? Wann? Mit welchen Folgen?...

Doch du fragst nie nach. Am Anfang dachte ich noch, dass es dich einfach nicht interessiert…Aber das stimmt nicht…oder?

Erst jetzt fällt mir auf, dass ich auch nie nach deinem Leben gefragt habe. Wozu auch, wenn ich der Meinung gewesen war, dass du ohnehin das Jahresende nicht mehr erleben würdest.

Aber jetzt ist alles anders und jetzt, in diesem Augenblick, beschließe ich dich besser kennenzulernen…Ein Menschenleben ist so kurz…Und heute liegst du noch neben mir, deine warme Stirn gegen meinen Körper gedrückt, aber was wird morgen sein? Wirst du deine Augenbrauen immer noch vor Zorn zusammenziehen und deine Füße mich in Grund und Boden stampfen? Wirst du erschöpft, nach kurzem Zögern, deinen Kopf gegen meine Schulter lehnen? Wirst du morgen noch dem Klavier einen wunderbaren Ton entlocken?

Ich kann dir nicht versprechen, dass du morgen noch leben wirst. Aber ich verspreche dir, dass ich alles erdenkliche tun werde damit du dieses morgen noch erlebst.



Damit jeden Tag jetzt ist. Damit jetzt Unendlichkeit wird.
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