U-Bahn fahren mit süßen Mücken

OneshotHumor, Schmerz/Trost / P12
17.08.2016
17.08.2016
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U-Bahn fahren mit süßen Mücken


Liebe LeserInnen,

hier ein etwas alternativer Oneshot, der sich mit einer Begebenheit beschäftigt, die ihresgleichen sucht... U-Bahn fahren ist etwas ganz Besonderes, doch ist es nur so erheiternd, wie man es sich eigenhändig gestaltet.

Ich persönlich bin immer mit Ohrstöpseln anzutreffen, damit ich auf gar keinen Fall auch nur ein einziges Wort meiner Mitmenschen um mich herum mitbekomme. Gespräche anderer Menschen interessieren mich nur nicht, sie sind manchmal regelrecht unangenehm und rauben mir innerhalb von wenigen Sekunden den Verstand.

Nicht genug, dass ich mir mit der lautesten Musik, die sich auf meinem mobilen Musik-Endgerät befindet, die Hirse zuballern muss. Immer häufiger lese ich währenddessen auch noch, um optisch ebenfalls nicht abgelenkt oder belästigt zu werden, doch habe ich hier feststellen müssen, dass es am einfachsten ist die Augen zu schließen.

(Soziologie ist einmal mehr ein Rätsel für mich – so viel Interesse an meinen Mitmenschen könnte ich gar nicht aufbringen, to be honest... Vor allem, weil es sich leider bei den meisten um Deppen handelt. Klingt bescheuert, ich weiß.)

Eines Abends war ich aber mit einer Freundin unterwegs. Weil man ein höflich erzogener Mensch ist, lässt man dementsprechend jegliches elektronisches Gerät in der Tasche (ein weiteres Rätsel ist mir, warum mir immer mehr junge Menschen begegnen, die eigentlich in einer Gruppe unterwegs sind, sich aber alle mindestens einen Kopfhörer ins Ohr stecken), doch ist man dann auch der Gefahr ausgesetzt, Gespräche oder auch Telefonate mithören zu müssen.

Zu müssen, ja.

An diesem Abend saß nämlich eine ältere Frau in der U-Bahn (Ü50, auftoupierte, blond gefärbte Haare, weiße Leggins, die leider keine besonders rege Fantasie mehr forderte und Fingernägel bis zum Boden, Handy am Ohr), die mit einer jüngeren Gesprächspartnerin zu kommunizieren schien.

Die Person am anderen Ende schien relativ aufgelöst zu sein, denn es drehte sich in den ersten paar Minuten, die ich mitbekam, um die Ausbildung, die sie momentan wohl machte. Kurz darauf fanden meine Begleitung und ich heraus, dass die Aufgelöste wohl Kosmetikerin werden wollte.

So weit, so uninteressant.

Da wir uns aber leider nicht des Mithörens erwehren konnten, erfuhren wir kurz darauf, dass die Ü50-Tante ihre Kommunikationspartnerin gerade trösten wollte.

„Nein, die hat sowieso keine Ahnung. Ich kann mich ja auch irgendwie vor so ein paar junge Leute stellen und von einem Manuskript ablesen, was ich denen beibringen muss. Deshalb ist die noch lange keine Lehrerin oder hat Ahnung.“

Ok, also kannst du anderen Leuten besser Sachen beibringen, die du eigentlich sowieso persönlich vorher formuliert haben musst? Das macht ein Dozent an der Uni oder die Ausbildungsleiterin nämlich nicht anders, aber deshalb sind sie doch jetzt nicht minder qualifiziert, oder?

„Nein, an der Uni, die machen das ganz anders. Die müssen ja auch Ahnung haben von dem, was die da erzählen.“

Mh, ok. Aber die Lehrerin wird ja auch eine Ausbildung gemacht haben, um überhaupt vor Auszubildenden referieren zu dürfen, oder? Nicht?

„Quatsch, das darfst du dir überhaupt nicht erzählen lassen. Allgemeinwissen musst du dir selber erarbeiten.“

Ja, das ist in der Regel so.

„Da hat dann dein Papa kein Wert drauf gelegt. Meiner schon, weshalb ich mir mein ganzes Allgemeinwissen angearbeitet habe. Darum weiß ich heute auch, was Kafka bedeutet.“

Na ja, Kafka ist zuerst einmal ein Nachname. Der bedeutet an und für sich erst einmal gar nichts. (Meine Begleitung und ich teilten dieses illustre Gespräch per SMS den nächsten Liebsten mit. Eine Antwort auf meine SMS war: 'Ich weiß auch, was Kafka bedeutet: Keine Ahnung Fon Komischen Autoren ;D') Das F bei 'von' schoben wir einfach auf Kafka, der ja noch gar keine Ahnung haben konnte, was sein Name bedeutet. So ein Idiot...

Im nächsten Abschnitt des Gespräches ging es dann darum, dass die Gesprächspartnerin viel mehr an ihrer Bildung arbeiten sollte, was keine schlechte Idee an sich ist, denn ich persönlich mache das in meiner Freizeit auch. (Guter Rat, Frau Ü50, wenigstens einer.)

Der Papa der angehenden Kosmetikerin kam dann auch noch einmal ins Gespräch. Wir erinnern uns: Er hat angeblich nicht besonders großen Wert auf den Bildungsgrad seiner Tochter gelegt. Nun stellte sich aber heraus, dass er einen Doktor-Titel trägt.

„Den hat der ja auch nicht geschenkt bekommen. Den hat der sich hart erworben.“

Ja, gegen ein kleines Entgelt? Oder in der Kellogg's-Packung gefunden?

„Nein, du musst da auch mal mehr aus dir herausgehen, denn den meisten ist es egal, was du zu sagen gehabt hättest, wenn du es nicht sagst.“

Richtig, Mund aufmachen hat noch niemandem geschadet. Das ist der zweite gute Rat, herzlichen Glückwunsch!

„Die meisten denken bei dir ja eh 'Die ist total die oberflächliche doofe Kuh.'“

Ok, jetzt hat sie das Gegenteil heraufbeschworen. Hat sie das jetzt gerade wirklich gesagt? Damit sind die beiden ersten guten Ratschläge wieder hinfällig geworden, schade.

„Aber ich habe dich ja ganz anders kennengelernt. Du bist schon 'ne süße Mücke.“ (lacht in einer Lautstärke, die Hunde töten kann)

Was will ich mit dieser Sache hier mitteilen?

Nicht, dass ich jemanden verurteile, der einer Person in Not oder mit Sorgen irgendwie zu helfen versucht. Auch nicht, dass ich Kosmetikerinnen verurteile; die Kreativität, die dieser Job erfordert, ist etwas, das mich überfordern würde.

Doch meine persönliche Moral von der Geschichte: Könnt ihr Leute dieser Welt nicht einfach zu Hause telefonieren? Ist das wirklich so schwer? Oder findet ihr das wunderbar, wenn Wildfremde eure Probleme – oder noch schlimmer, die Probleme eurer Freunde – mitbekommen?

Deshalb lasse ich mir auch nicht mehr sagen, dass ich doch bitte die Musik etwas leiser stellen soll, da man sie durch die Kopfhörer auch draußen noch hören kann. Meine Antwort darauf hat sich schon des Öfteren bewährt: „Damit ich dein/Ihr Gequatsche anhören muss? Nein.“

Mund aufmachen hat wirklich noch niemandem geschadet.

Einfach mal ausprobieren.

Doch nur, wenn einer danach fragt. Und nicht, wenn die halbe Welt in der U-Bahn sitzt und sich eigentlich nicht dafür interessiert.

Bitte.

Danke.
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