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Vier Säulen

KurzgeschichteAngst, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
Charlie Dalton Knox Overstreet Neil Perry Steven Meeks Todd Anderson
14.08.2016
14.08.2016
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»Ich glaub nicht, dass er das durchsteht.«

Vor Charlies und Camerons Zimmer hat sich eine Schülertraube gebildet. Ich stehe neben Neil, der nervös auf und ab geht. Ich glaube, ich habe noch gar nicht richtig begriffen, was hier auf dem Spiel steht. Unsere Zukunft an der Welton Academy ist das eine, die Zukunft des Clubs der toten Dichter etwas ganz anderes.

Als er schließlich – endlich – auftaucht, versuche ich, mit dem farblosen, verschossenen Putz der Wände zu verschmelzen. Ein Putz, der vermutlich schon da war, als Jeffrey, mein Bruder – Abschiedsredner, Jahrgangsbester – noch hier gelebt und gelernt hat und der auch dann noch da sein wird, wenn ich Arzt oder Jurist oder sonst etwas geworden bin, das ich nicht sein möchte.

Die Jungs flüstern, während er sich uns nähert. Manche grinsen, und in ihren Gesichtern spiegelt sich eine Mischung aus Genugtuung und Schadenfreude. Wie lange warten sie schon darauf, Charlies Fassade bröckeln zu sehen?

Bröckeln?

Nein. Das hier ... Das hier sieht eher so aus, als –

Als habe man sie eingerissen.

Nolan, dieser verdammte ... Bastard.

Charlie geht an uns vorbei, den Kopf erhoben, das Kinn gereckt. Neil bleibt stehen und geht auf ihn zu. Der Ausdruck in seinen Augen ist sanft, einfühlsam, doch darunter lauert noch etwas anderes – etwas, das mir erschreckend bekannt vorkommt.

Angst.

Ich schätze, dass auch er sich fragt, wie es jetzt weitergeht. Nicht nur mit Charlie – die beiden waren nie so eng wie Knox und Charlie oder Meeks und Charlie –, sondern auch mit dem Club.

Ich weiß, wie viel er ihm bedeutet. Das tut er uns allen, aber ihm ganz besonders. Für Neil ist der Club eine Flucht, so wie meine Flucht das Lesen und die Schweigsamkeit sind. Und ohne ihn ...

Ich nehme an, dass das Leben ohne Fluchtmöglichkeiten ziemlich schnell ziemlich ermüdend sein kann.

Charlie geht aufrecht, doch er schnieft. Er hat geweint – das weiß ich, noch bevor ich ihn direkt ansehe. Sein Gang – ganz untypisch und höchst un-Charlie-haft – wirkt nicht dynamisch, sondern langsam, beinahe schwerfällig. Ein Gang, den ich vielleicht von Pitts, aber ganz sicher nicht von ihm erwarten würde.

Aber das ist es nicht, was mich erschreckt – und zugleich fesselt.

Seine Augen, die sonst sprühen und überschäumen – sei es, wenn er Sport treibt, Saxophon spielt oder wieder mal einen seiner Sprüche vom Stapel lässt, die ihm nie auszugehen scheinen –, sind leer und feucht und dunkel verhangen.

Meine Hände – sie zittern. Ich merke es nicht sofort, sondern erst, als einer der Jungs aus dem Englischkurs mir einen fragenden, leicht spöttischen Blick zuwirft. Ich schaue rasch wieder weg und hoffe, dass niemand außer ihm es bemerkt hat. Ich kann einfach nicht anders.

Ich kann nicht aus meiner Haut.

Der Gedanke macht etwas mit mir, schießt heiß und kalt durch meine Adern, und ich balle die Hände zu Fäusten, als könne mir das dabei helfen, das Rauschen des Pulses in meinen Ohren vergessen zu machen.

Charlie geht wortlos an uns vorbei, und ich kann nicht anders, als mich zu fragen, was genau passiert ist. Und doch ... Wenn ich versuchen würde, es mir vorzustellen – ich weiß nicht, ob das so gut wäre.

Gut für wen?

Neil ergreift als Erster das Wort. »Bist du geflogen?«

»Nein«, erwidert Charlie und schiebt sich an Cameron vorbei, der im Türrahmen steht. Seine Stimme ist ungewöhnlich leise, beinahe unhörbar.

Neil macht mit vor der Brust verschränkten Armen einen Schritt auf ihn zu. »Was ist passiert?«

Charlie seufzt. »Ich soll alle, die dabei sind, denunzieren, mich bei der Schule entschuldigen und dann ist alles vergessen«, sagt er, ohne einen von uns anzusehen.

»Und ... was gedenkst du zu tun?« Charlie steht noch immer mit dem Rücken zu ihm – zu uns. Die Tränen, denke ich, es liegt an den Tränen. Aber eigentlich glaube ich nicht, dass es etwas damit zu tun hat. Charlie ist ... anders. Unvorstellbar, dass er sich dessen schämen könnte.

Neil lässt nicht locker. »Charlie?«

»Verdammt, Neil«, erwidert Charlie, und endlich, endlich, schaut er ihn an. Er blinzelt gegen die Tränen an, und dann sagt er: »Ich bin Nuwanda

Charlie grinst. Neil lächelt. Und dann fällt die Zimmertür ins Schloss und ich starre sie an und frage mich, wie es sein kann, dass gerade eben etwas mit mir passiert ist, das die Frage nach der Zukunft des Clubs nebensächlich, beinahe unwichtig erscheinen lässt.
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