Norwegisch blau

GeschichteDrama, Romanze / P18
13.08.2016
10.11.2019
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Diese Geschichte ist für all diejenigen,
die sich in neue Abenteuer wagen, die der Vergangenheit verzeihen und um ihr Glück kämpfen.
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Irgendjemand Kluges hat einmal gesagt, dass Liebesgeschichten nur dann wirklich groß sind, wenn sie unerfüllt bleiben oder tragisch enden. Mit Blick auf die Hochzeitseinladung meines Exfreundes frage ich mich, ob derjenige jemals eine Trennung durchgemacht hat. Ich für meinen Teil hätte darauf verzichten können betrogen zu werden, genauso wie darauf auch noch eine verdammte Einladung zu ihrer Vermählung im Briefkasten vorzufinden. Doch die Hochzeitseinladung, die mich am Beginn der letzten Woche erreicht hat, ist nicht der Grund, weshalb sich meine kleine Schwester Charlotte zur Krisensitzung auf dem heimischen Balkon eingefunden hat. Es ist ein zweiter, sehr viel verstörender Brief, der mich zu einer Flasche Wein, zwei Tafeln Schokolade und zum Telefon hat greifen lassen, um meine Mutter aus ihrem Ashram in Indien zu klingeln, in dem sie gerade über das Ende ihrer letzten Beziehung philosophiert. Denn es passiert nicht alle Tage, dass man von seinem verstorbenen, norwegischen Vater ein Haus in der Nähe von Bergen erbt, vor allem wenn einem von der eigenen Mutter stets versichert wurde, dass man von einem trunksüchtigen Dänen abstammt, den sie  vor einunddreißig Jahren über einen Gartenzaun in Aalborg hängend, kennenlernte und mit dem sie eine heftige, aber kurze Affäre hatte.

Meine Schwester schüttelt nicht zum ersten Mal an diesem Abend den Kopf. „Himmel, wer weiß denn nicht, was für eine Nationalität der Erzeuger ihres Kindes hatte!“

„Esther. Scheinbar sind Dänen und Norweger in ihren Augen das gleiche.“ Ich breche mir noch ein weiteres Rippchen Schokolade ab. In den knapp dreißig Jahren in denen ich nun schon die Tochter von Esther Hegenbuch bin, die sich vom ersten Tag an geweigert hat, dass Charlotte oder ich sie „Mama“ nennen, dachte ich eigentlich, dass ich schon alles mitgemacht habe. Doch einmal mehr bin ich eines besseren belehrt worden. Auch mit knapp fünfzig Jahren ist meine Mutter noch nicht fertig damit mein Leben auf den Kopf zu stellen, dass ich so sorgfältig im Boden verankern wollte.

„Immerhin gehört dir jetzt ein Haus.“ Charlotte, die sich an ihrem Weinglas festhält, lächelt aufmunternd.

„Mitten im Nirgendwo, in der Nähe der regenreichsten Stadt Europas“, entgegne ich ihr trübsinnig und nehme den Rest der 200 Gramm Schokoladentafel in die Hand, weil es auf die restlichen Kalorien nun ohnehin nicht mehr ankommt. Mein Arsch von einem Ex heiratet die Frau mit der er mich betrogen hat und ich bin Halbwaise, ohne dass ich meinen Erzeuger jemals kennengelernt habe.

„Ich bin mir sicher, so schlimm ist es gar nicht. Und die Bezahlung soll dort für Krankenschwestern auch richtig gut sein. Wesentlich besser als hier.“

„Willst du mich loswerden?“

„Alles was ich sage ist, dass es da oben vielleicht regenreich ist, aber du jetzt immerhin weißt, wo du herkommst. Das ist mehr, als ich sagen kann.“ Sie klopft mir aufmunternd aufs Knie. „Und wenn du wolltest, dann könntest du einfach morgen losfahren und da oben ein neues Leben anfangen. Fern von deinem ätzenden Ex  mit seiner Traumhochzeit und fern von unserer Mutter mit ihren Männerproblemen und all ihren Pseudo-Emanzen-Groupies.“

Vielleicht habe ich eine Überdosis an Endorphinen durch den hemmungslosen Genuss von zu viel Schokolade abbekommen, doch unter diesem Gesichtspunkt erscheint mir die neue Situation beinahe verheißungsvoll. Charlotte hat recht. Ich könnte neu anfangen. Ohne Exfreund, dem ich tagtäglich bei der Arbeit im Krankenhaus begegnen muss. Objektiv betrachtet ist das keine vollkommene Schnapsidee. Und da oben wäre ich vielleicht auch nicht nur die Tochter von  Esther Hegenbuch, der Selbsthilfebücher- Göttin, sondern einfach nur Moyo, eine bald dreißigjährige Krankenschwester mit einem miesen Männergeschmack.

„Norwegisch soll auch gar nicht so schwer sein.“ Charlotte hat ihr Handy gezückt und ist offenbar schon einen ganzen Schritt weiter als ich selbst, denn sie ist schon dabei nach einem Sprachkurs zu suchen.

„Lotte, das ist verrückt.“

„Ach. Pappalapp! Du willst es. Du weißt es nur noch nicht!“

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Man liest sich im nächsten Kapitel.

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