Mit all deinen Farben

GeschichteDrama, Freundschaft / P16 Slash
Grace Cardinal Miles Hollingsworth Tristan Milligan Zoe Rivas
13.08.2016
13.08.2016
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Mit all deinen Farben

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Anmerkung: Die Geschichte spielt in der Zukunft. Zoe, Grace und ihre Freunde sind jetzt 39 Jahre alt. Wenn ihr die Vorgeschichte "Wieder auf dem Schuldach" noch nicht kennt, würde ich empfehlen sie zuerst zu lesen.

Disclaimer: Dies ist eine Fangeschichte. Die Serien und die Figuren gehören Epitome/DHX Media. Sie haben nur bei mir vorbei geschaut um mit meiner Fantasie zu spielen.

Warnung: Tod einer Hauptfigur. Haltet also Taschentücher bereit. Für die richtige Stimmung kann ich noch das Lindsey Stirling Cover von My Immortal empfehlen.

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23 Jahre später

Zoe starrte auf den leeren Bildschirm. Gab es überhaupt Worte für die Leere, die sie empfand? Sie stand auf und ging hinüber zum Fenster. Tristan hatte sie bereits angerufen. Sie hatte gedacht, es würde einfacher sein allen anderen zu schreiben.

Sie schloss ihre Augen, dann ging sie zurück zum Schreibtisch. Dann atmete sie tief durch und begann zu schreiben:

Liebe Freunde,
gestern ist das wertvollste, was ich hatte, aus meinem Leben verschwunden. Aber ich bin dankbar für jeden Tag, den ich mit Grace verbringen durfte. Gestern hat sie den Kampf gegen die Krankheit verloren, mit der sie so lange gelebt hat.
Die Beerdigung ist nächsten Donnerstag. Sie hat immer gedacht, dass niemand zu ihrem Grab kommen wird, also hoffe ich, dass viele von euch kommen werden um ihr das Gegenteil zu beweisen.
                         Zoe

Ohne es noch einmal zu lesen, drückte Zoe auf senden. Danach kamen ihr wieder die Tränen. Sie stand auf, weil sie irgendwie ihre Wut loswerden musste. Entschlossen ging sie zur Wand und schlug mit ihren Fäusten dagegen, bis sie schließlich an der Wand entlang zu Boden rutschte, geschüttelt von Weinkrämpfen.

So fanden Tristan und Miles sie. Tristan war sofort bei ihr um sie in seine Arme zu ziehen. "Warum?", fragte Zoe, "sie war der tollste Mensch, den ich gekannt habe. Warum musste ausgerechnet sie krank sein?"

Miles hockte sich zu ihnen und legte tröstend seinen Arm um ihre Schultern, während er die andere Hand auf Tristans Arm legte. So ließen sie sie weinen, weil sie nicht wussten, was sie sonst tun sollten. Sie hatten ja auch mit ihren eigenen Tränen zu kämpfen.

Zoes Tränen versiegten erst, als sie endlich einschlief. Tristan trug sie zum Bett und Miles deckte sie zu. Dann legten sie sich jeder zu einer ihrer Seiten auf die Bettdecke und legten jeweils einen Arm um sie.

***

Tristan war auch eingeschlafen, als es an der Tür klopfte. Miles setzte sich auf und als Graces Mutter den Raum betrat, stand er auf. "Mein Beileid", sagte er.

Sie nickte. "Es ist gut, dass Sie beide so schnell kommen konnten."

"Kann ich Ihnen mit irgendetwas helfen?", bot Miles an.

Sie schüttelte den Kopf. "Kümmern Sie sich einfach um sie." Sie deutete mit dem Kopf auf Zoe. "Grace hat das meiste im Voraus entschieden, also müssen wir es dem Bestatter nur mitteilen. Sie wollte nur, dass Zoe die Musik auswählt, vielleicht können Sie sie darauf ansprechen, sobald sie dazu bereit ist."

Miles nickte. "Machen wir."

Sie gab ihm ein trauriges Lächeln. "Danke. Ich werde dann jetzt kochen. Irgendwelche Wünsche?"

Miles schüttelte den Kopf. "Nein. Was auch immer Sie machen, passt schon."

"In Ordnung", sagte sie. Sie nickte ihm zu und verließ den Raum.

Miles drehte sich um und stellte fest, dass Tristan aufgewacht war. Ihre Augen trafen sich für einen Augenblick. Sie wussten beide, dass sie jetzt für Zoe stark sein mussten. Miles legte sich wieder hin und verschränkte seine Finger mit Tristans.

***

Später lagen die Teller und die Reste der selbstgemachten Pizza auf Zoes Bett verteilt. Sie hatte nur ein paar Bissen gegessen, aber dafür ging sie jetzt Graces Playlist durch, während Tristan und Miles das Zimmer aufräumten. Es war das Gästezimmer der Cardinals. Als Graces Zustand sich ein paar Wochen zuvor verschlechtert hatte, waren sie wieder hierher gezogen. Zoe war ins Gästezimmer gezogen für den Fall, dass Grace oder sie mal Zeit für sich brauchten.

Während sie eines von Graces Lieblingsliedern hörte, beobachtete sie Miles und Tristan und erinnerte sich an den Tag, an dem Grace ihnen von ihrer Krankheit erzählt hatte.

Es war sechs oder sieben Jahre her. Sie hatten auf einer Klippe gesessen, geredet und gelacht. Und als für einen Augenblick Stille eingekehrt war, war Grace, die an Zoe gelehnt da gesessen hatte, ernst geworden. "Ich hab´ Mukoviszidose und ich weiß nicht, wieviel Zeit ich noch haben werde."

Es war ohne Vorwarnung gekommen und Tristan und Miles hatten sie geschockt angesehen. "Seit wann...", hatte Tristan schließlich gefragt und Grace hatte ihn mit einem traurigen Lächeln angesehen. "Seit ich geboren wurde."

Tristan und Miles hatten zu Zoe gesehen und sie hatte gewusst, welche Frage ihnen durch den Kopf ging. "Seit der Schulzeit", hatte sie geantwortet und Graces Hand, die sie hielt, gedrückt, während diese kurz zu ihr aufgesehen hatte.

Miles und Tristan waren eine Weile still geblieben, während sie verdauten, was sie beide ohne ein Wort zu sagen, so lange zusammen getragen hatten. Zoe hatte Grace näher zu sich gezogen. Sie hatte auch ohne Worte gewusst, dass Grace es ihnen nicht für sich selbst erzählt hatte, sondern damit sie für Zoe da sein konnten, wenn es soweit war.

Und jetzt taten sie genau das. Und nicht nur das. Sie waren wirklich gut mit ihrem Wissen umgegangen. Es hatte kein Mitleid gegeben und sie hatten keine Angst vor dem Thema gezeigt, aber sie hatten es auch nicht unnötig angesprochen. Zu Schulzeiten hätte Zoe nie gedacht, dass Grace je eng mit Tristan und Miles befreundet sein würde, aber es war passiert und von daher war es keine große Überraschung, dass sie die beiden ausgewählt hatte um ihnen davon zu erzählen.

Sie sah, wie Miles am Schreibtisch anhielt und nach einem Bild griff auf dem sie zu viert fröhlich lachend zu sehen waren. Und dann sah sie wie plötzlich Tränen sein Gesicht hinunter liefen. Tristan war bei ihm um ihn zu umarmen. Sie hatten eben auch eine gute Freundin verloren. Ein paar Jahre zuvor hatte Miles Grace gesagt, dass er sie vermissen würde, wenn sie ging und hatte versucht einen Witz daraus zu machen, aber Grace und Zoe hatten beide gewusst, dass er es so gemeint hatte.

Schweigend legte Zoe ihr iPhone zur Seite und stand auf um ebenfalls ihre Arme um die beiden zu legen. Sofort waren da zwei Arme, die sie ebenfalls näher zogen, während sie ihre Köpfe aneinander legte.

***

Am Abend rief Maya an. Zoe gab ihr Handy an Tristan weiter und er klärte Maya über Graces ZF auf. Nachdem Zoe während ihrer Schulzeit versucht hatte Zig zu verführen und Grace beschlossen hatte trotzdem mit ihr zusammen zu sein, waren sie auseinander gedriftet. Aber Grace hatte immer noch hin und wieder mit ihnen Mailkontakt gehabt.

Drei Jahre zuvor hatten Zig und Maya sich getrennt. Zig hatte Kinder gewollt, Maya ihre Karriere. Aber soweit Zoe hören konnte, war Zig jetzt gerade bei Maya. Beide zu geschockt von den Neuigkeiten um jetzt alleine zu sein.

Das letzte Mal, dass Tristan so lange mit Maya gesprochen hatte, war gewesen, als Zig und sie sich getrennt hatten. Während sie ihm mit halbem Ohr zuhörte, ging Zoe die Liste mit den Liedern durch, die sie gemacht hatte und strich welche, bis nur noch drei übrig waren.

Sie sah mit einem schwachen Lächeln zu Miles und stand dann auf um nach unten zu den Cardinals zu gehen. Amia war am Kochen, während Josephe den Abwasch machte. Sie sahen beide fertig aus.

Zoe stand einen Augenblick lang schweigend in der Tür, bis die beiden sich zu ihr umdrehten. Sie hielt die Liste hoch. "Ich habe die Lieder ausgewählt", sagte sie und wieder stiegen Tränen in ihre Augen.

Amia wischte ihre Hände ab und kam zu ihr um sie zu umarmen und ihr über den Kopf zu streichen. "Wie geht es dir?" Sie löste sich ein Stück von ihr um sie anzusehen.

Zoe schüttelte langsam den Kopf. "Ich habe gedacht, dass ich darauf vorbereitet bin, aber das bin ich nicht."

"Darauf vorbereitet sein, heißt nicht, dass du die Trauer überspringen kannst", sagte Amia, "wir waren darauf vorbereitet, seit sie klein war. Trotzdem tut es weh. Und das ist auch richtig so, weil wir sie geliebt haben."

Zoe nickte, während ihr die Tränen die Wangen hinunter liefen. Amia schenkte ihr ein trauriges Lächeln und strich ihr über die Wange, bevor sie das Thema wechselte. "Morgen wird eine Freundin von mir kommen. Sie wird auf der Couch schlafen. Kannst du Tristan und Miles unterbringen?"

Zoe atmete durch. "Ich werde morgen wieder in unsere Wohnung zurück gehen."

"Das musst du nicht", sagte Amia, "du kannst bleiben, so lange du willst."

Zoe schüttelte den Kopf. Sie brauchte Abstand. Abstand von dem Raum, in dem Grace gestorben war. Der Raum, den sie nicht betreten hatte, seitdem Grace hinaus getragen worden war. "Ich brauche Abstand", sagte sie.

Amia nickte mit einem traurigen Lächeln. "Was auch immer du brauchst."

"Danke", sagte Zoe und erwiderte das traurige Lächeln. Dann kehrte sie nach oben zurück.

Als sie den Raum betrat, lagen Tristan und Miles schlafend auf dem Bett. Miles hatten seinen Arm um Tristan gelegt. Zoe blieb in der Tür stehen und betrachtete die beiden.
Nachdem sie in der Schulzeit ständig zwischen Freundschaft und Beziehung gewechselt hatten, hatten sie irgendwann entschieden, dass, wenn es ihnen wirklich wichtig war, einander in ihrem Leben zu haben, sie das als Freunde besser hinbekommen würden. Aber sie hatten sich dennoch immer näher gestanden, als übliche Freunde.

***

Am nächsten Tag halfen Tristan und Miles Zoe wieder in die Wohnung zurück zu ziehen, die sie zusammen mit Grace bewohnt hatte. Die beiden hatten sich für zwei Nächte ein Hotelzimmer gebucht. Sie wollten ihr Rückzugsraum lassen ohne zu weit weg zu sein.

Während Zoe auch noch ein Apartment für während der Arbeit in der Torontoer Innenstadt hatte, hatte sie die meiste Zeit mit Grace hier draußen, etwas außerhalb von Toronto, gelebt. Einige ihrer Freunde lebten hier und Grace hatten die Stadt und die Natur gefallen. Es hatte ihre kreative Arbeit befeuert. Deshalb hatten sie beschlossen hier raus zu ziehen.

Nachdem Tristan und Miles sich verabschiedet hatten und gegangen waren, zog Zoe langsam ihre Schuhe aus und setzte sich gegen die Wand gelehnt auf den Wohnzimmerboden. Sie umarmte ihre Knie und saß eine ganze Weile still da. Sie fühlte sich leer und im Augenblick war sie dafür dankbar, denn sie war emotional völlig erschöpft.

Am Nachmittag ging sie ins Bett und schlief bis zum nächsten Tag. Sie hatte immer noch keinen Appetit, deshalb aß sie nur eine Orange. Danach checkte sie ihre Mails und las die Antworten auf ihre Nachricht. Sie hatten Freunde auf dem ganzen Kontinent, da sie viel zusammen gereist waren. Einige drückten nur ihre Trauer aus, andere versprachen zur Beerdigung zu kommen. Es waren mehr Mails von der zweiten Sorte und Zoe musste wieder weinen. Es würden viele Leute an Graces Grab sein.

Später riefen einige von ihnen auch an. Einige Freunde aus dem Künstlerzentrum in der Stadt boten ihre Hilfe an, aber Zoe wusste nicht, was sie noch tun konnten.

Am Nachmittag riefen Tristan und Miles an. "Sollen wir rüber kommen?", fragte Tristan.

"Nein", Zoe zögerte, "ich brauche Zeit für mich."

"Okay", hörte sie Miles antworten.

"Maya und Zig und Tiny und seine Frau kommen am Mittwoch", sagte Tristan.

Zoe war nicht sonderlich erfreut darüber. "Könnt ihr... euch um sie kümmern?", bat sie, "ich... kann das jetzt einfach nicht."

"Sie sind nicht auf dich sauer oder so", sagte Miles, "wenn sie sauer sind, dann auf sich selbst."

"Nein, das ist es nicht", sagte Zoe, "es ist nur... ihre ganzen Fragen..."

"Wir kümmern uns um sie", versprach Tristan.

Zoe versuchte zu lächeln. "Danke."

"Wir haben übrigens dein Lieblingsessen bestellt", wechselte Tristan das Thema, "es sollte in zehn Mins da sein."

"Ich habe keinen...", begann Zoe.

"Hunger?", fragte Tristan, "jetzt komm schon, Zoe, was hast du heute gegessen?"

"Eine Orange", gab sie zu.

"Wenn du willst, dass wir dir Zeit für dich lassen, dann musst du versprechen, dass du etwas isst", sagte Tristan streng.

Sie seufzte. "Okay."

"Gut." Tristan war zufrieden.

"Ruf einfach an, wenn du etwas brauchst", fügte Miles hinzu.

"Mache ich", versprach sie und sie verabschiedeten sich von einander.

***

An den folgenden zwei Tagen besuchte Zoe Graces Eltern und Miles und Tristan versuchten sie von der kommenden Beerdigung abzulenken. Am Mittwoch war sie jedoch trotzdem erleichtert, dass die beiden damit beschäftigt waren, sich um Maya, Zig und Tiny zu kümmern und sie noch einen Tag für sich hatte.

Sie setzte sich wieder auf den Platz auf dem Wohnzimmerboden, auf dem sie am ersten Tag gesessen hatte und öffnete den Bilderordner auf ihrem Handy. Das erste Bild, das sie aufrief, zeigte Grace und sie vor einem alten Auto stehend. Sie hatten die Arme umeinander gelegt und lächelten glücklich in die Kamera. Das war direkt nach ihrem Schulabschluss gewesen. Anstatt zur Uni zu gehen, hatten sie beschlossen ein Jahr lang zu reisen.

Es war ein tolles Jahr gewesen. So viele Erfahrungen, die sie nicht missen wollen würde. Wenn Grace nicht gewesen wäre, dann hätte sie es nie gewagt auf diese Weise auszubrechen. Sie klickte weiter und betrachtete liebevoll die Bilder von ihrer Reise. Bei einem musste sie sogar lächeln.

Sie hatten mitten im Nirgendwo einen Platten gehabt. Zoe hatte ein riesiges Theater veranstaltet, aber Grace hatte es wie immer mit einem Lächeln an sich abprallen lassen und den Reservereifen aus dem Kofferraum geholt. Sie hatte Zoe sogar dazu gebracht ihr zu helfen und am Ende hatten sie das neue Rad am Wagen gehabt und waren beide von oben bis unten dreckig gewesen. Lachend hatte Grace sie ans Auto gelehnt um sie zu küssen und einfach eine Weile im Arm zu halten. Grace mochte kein Interesse an Sex gehabt haben, aber sie hatte ihre Nähe immer genossen.

Zoe suchte nach einem neueren Bild von Grace und legte ihr Handy auf den Boden um es anzusehen. "Ich liebe dich immer noch so sehr", sagte sie leise, während wieder Tränen über ihr Gesicht liefen.

Sie konnte sich immer noch gut an den Tag erinnern, an dem sie diese Worte zum ersten Mal gesagt hatten. Nachdem sie sich auf dem Schuldach ausgesprochen hatten, hatten sie ein Jahr gebraucht, bis sie sich sicher genug waren, dass sie auch ohne Sex funktionieren würden. So sehr sie auch in allen anderen Bereichen miteinander auf einer Welle waren, war das eine Unsicherheit gewesen. Aber je mehr Zeit vergangen war, desto sicherer hatten sie sich in ihrer Beziehung gefühlt.

Sie hatten an einem der Tische vor der Schule gesessen und Zoe hatte sich wegen irgendetwas völlig unwichtigem aufgeregt. Grace hatte sie nur mit einem kleinen Lächeln beobachtet und dann gesagt: "Ich würde es echt vermissen, wenn du nicht hin und wieder eine Szene hinlegen würdest. Das bist einfach so du."

Zoe hatte sie nur angestarrt, da sie ihr völlig den Wind aus den Segeln genommen hatte und Grace hatte gelächelt. "Ich liebe all deine Farben."

Ihr Blick hatte sich getroffen und Zoe waren Tränen in die Augen gestiegen. Dann hatte sie sich Grace in die Arme geworfen. "Ich liebe dich. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr."

"Ich habe eine Ahnung", hatte Grace mit einem Grinsen geantwortet, während sie sich ein Stück von einander gelöst hatten.

Zoe hatte geschnaubt. "Warum kannst du das nicht ernst nehmen?"

Grace hatte gelächelt. "Das tue ich. Wirklich. Ich bin nur nicht gut in dem ganzen kitschigen Kram."

Da hatte auch Zoe lächeln müssen. "Und das bist einfach du."

Zurück in ihrer Wohnung umarmte Zoe ihre Knie und schloss ihre Augen. Auf irgendeine Weise waren diese Erinnerungen tröstend. So als wäre etwas von Grace immer noch bei ihr.

***

Zoe war mit den Cardinals zur Kirche gefahren. Miles, Tristan und ihre restlichen Schulfreunde kamen kurz darauf zusammen an. Graces Künstlerfreunde kamen nach ihnen und winkten Zoe, während Tristan und Miles zu ihr kamen um sie zu umarmen. Zig und Maya nickten nur in ihre Richtung, während Tiny nach vorne kam um ihr und den Cardinals die Hand zu geben. Dann gingen ihre Freunde zurück zu ihrer Bankreihe. Zoe selbst saß bei den Cardinals.

Von Zeit zu Zeit sah sie sich um und sah, wie die Kirche sich mit Leuten füllte. Sie erkannte viele, die sie von ihren Reisen kannten. Dann begann schließlich die Messe. Der Pfarrer und ein Anishnawbe Ältester hielten sie gemeinsam, aber Zoe konnte ihnen kaum folgen. Ihre Gedanken wanderten wieder in die Vergangenheit.

Als Grace sich der Kunst zugewandt hatte, hatte sich in ihr auch eine Tür zu ihren Anishnawbe Wurzeln geöffnet. Manchmal hatte Zoe sie zu dem Zentrum begleitet. Oder sie hatte mit geschlossenen Augen im Wohnzimmer gesessen, während Grace getrommelt und eines der alten Lieder gesungen hatte, das sie dort oder von ihren Eltern gelernt hatte.

Sie blinzelte und ihr wurde klar, dass das letzte der drei Lieder, die sie ausgesucht hatte, lief. Es war ein fröhliches Lied und es war eigentlich zuerst eines ihrer eigenen Lieblingslieder gewesen. Aber Grace hatte es auch geliebt und sie hatten es oft fröhlich zusammen mitgesungen.

Nach dem Lied sprachen der Pfarrer und der Älteste ihre letzten Gebete. Dann standen alle auf um die Kirche zu verlassen und zum Friedhof zu fahren.

Als sie dort angekommen aus dem Auto stiegen, kamen einige der Freunde aus dem Künstlerzentrum zu ihnen. Sie trugen ein schweres, zusammen gefaltetes, farbiges Stofftuch. "Wir...", begann Leah, "wir haben gedacht, dass wir damit vielleicht den Sarg zudecken könnten. Wir haben es gestern gemalt."

Die Geste brachte Zoe fast wieder zum Weinen. Sie hätte selbst auf so etwas kommen können. Fragend sah sie zu den Cardinals. Amia nickte. "Gerne", sagte sie zu der Gruppe. Josephe nickte ebenfalls. Man sah ihm an, dass ihn die Geste berührte.

Gemeinsam gingen sie zum Sarg und Josephe sprach kurz mit dem Bestatter, der mit einem Nicken sein Einverständnis gab. Zwei ihrer Freunde breiteten das Tuch aus und legten es über den Sarg. Jetzt wo sie das Banner als ganzes zum ersten Mal sah, konnte Zoe nicht anders, als zu weinen. Es war bunt, mit einem Friedenszeichen in der Mitte und darunter zwei Hände, die einander hielten.

Miles legte eine Hand auf ihre Schulter, während Tristan seine Hand auf das Banner legte. "Was für eine verdammt schöne Idee."

Zoe trat einen Schritt heran und während sie ihre Hand auf das Banner legte, trat Tristan einen Schritt zurück. Zoe strich über das Tuch. "Ich liebe dich", flüsterte sie.

Dann trat sie zurück und sechs Männer traten vor um den Sarg zu dem offenen Grab zu tragen. Langsam begleiteten sie sie.

Am Grab hielten der Pfarrer und der Älteste eine weitere Rede, sprachen ein weiteres Gebet und dann ließen die Männer den Sarg hinab ins Grab. Zoe verbarg weinend ihr Gesicht an Tristans Schulter.

Graces Eltern traten an das Grab um sich zu verabschieden. Sie warfen Rosen und eine Handvoll Erde auf den Sarg. Zoe war die nächste. Sie trat vor. Sie hatte keine Rose, sondern eine von Graces Lieblingsblumen. Sie sah hinunter auf den Sarg. Das Banner gehörte genau dorthin. Dann nahm sie Erde aus der Schüssel und hockte sich hin um sie gemeinsam mit der Blume hinab zu werfen.
Sie trat zur Seite und Amia legte ihr tröstend eine Hand auf den Rücken, während sie dabei zusahen, wie andere Verwandte an das Grab traten. Miles und Tristan waren die ersten ihrer Freunde. Zoe sah, wie Tristan seine Tränen weg blinzelte, während Miles still weinte. Sie warfen ihre Rosen und Erde auf den Sarg und kamen dann zu ihr.

Es dauerte eine Weile, bis die letzten das Grab passiert hatten und die Leute sich etwas verteilten um zu reden. Amia und Josephe gingen zu der Künstlergruppe um sich für das Banner zu bedanken und Tristan ging zu Zig und Maya, während Miles in Zoes Nähe blieb. Tiny und seine Frau kamen zu ihr um mit ihr zu sprechen.

"Hey, wenn du was brauchst, kannst du jederzeit anrufen", bot er an, "ich kann auch für ein paar Tage herkommen, wenn du Graces Sachen zusammen packen musst oder so."

"Das hat noch Zeit", antwortete Zoe, "außerdem haben wir auch Freunde hier."

Erst dann begriff sie, dass Tiny einfach irgendetwas beitragen wollte, auch wenn es nur etwas kleines sein würde. "Grace wollte ihre alten Instrumente immer der Degrassi spenden. Ich will sie nicht mit der Post schicken. Vielleicht kannst du sie hinfahren."

Tiny nickte dankbar. "Mache ich."

Zuerst wollte er ihr nur die Hand geben, aber dann umarmte er sie spontan. Seine Frau gab Miles und ihr die Hand und dann gingen sie weiter. Jetzt konnten sie auch das Gespräch von Tristan, Maya und Zig hören.

"Warum hat sie uns nicht vertraut?" Maya klang beinahe hysterisch. "Und warum hat sie ihr schon so lange vertraut?"

"Weil sie sie geliebt hat", erklärte Tristan die Fakten.

"Aber wir hätten ihr helfen können." Maya weinte, während Zig versuchte sie fest zu halten.

Tristan schüttelte den Kopf. "Sie hat keine Hilfe gebraucht. Ihr hättet nichts tun können." Als Maya wieder aufbegehren wollte, sah er sie ernst an. "Sie war glücklich. Sie ist nicht wie Cam gestorben, verstehst du das?"

Maya starrte ihn an. Erst jetzt begriff sie, was mit ihr los war. Tränen liefen ihr über die Wangen und sie lehnte sich endlich an Zig. "Tut mir leid."

"Vielleicht solltest du das ihr sagen", sagte Tristan und deutete auf Zoe, "sie ist diejenige, die am von uns allen trauert und sie ist diejenige, die am meisten dazu beigetragen hat, dass Grace glücklich war. Vielleicht solltet ihr endlich anfangen das zu akzeptieren."

"Er hat recht", sagte Zig jetzt und Maya nickte.

Zusammen gingen sie zu Zoe. Sie sprachen nicht lange miteinander, aber am Ende umarmte Maya sie sogar. Zig und sie boten ebenfalls ihre Hilfe an und dann verabschiedeten sie sich.

Zoe bat Tristan und Miles sie Heim zu bringen. Sie warf einen letzten Blick auf das offene Grab und verabschiedete sich von den Cardinals. Dann verließen sie gemeinsam den Friedhof.

***

Später am Abend machte Zoe sich bettfertig und irgendwie fühlte es sich richtig an, endlich Graces Zimmer zu betreten - zum ersten Mal, seit sie gestorben war. Sie hatten beide eigene Zimmer in der Wohnung gehabt, auch wenn sie oft zusammen in einem davon geschlafen hatten.

Sie öffnete die Tür und betrachtete den Raum. Graces Lieblingsbild stand auf der Staffelei - wie üblich, wenn sie nicht gerade an einem neuen arbeitete. Zoe trat näher und ließ ihre Hand über die Farben gleiten, die Grace auf die Leinwand geworfen hatte, bis sie das untere Ende erreichte, wo Grace den Titel und ihre Signatur hinterlassen hatte: "All meine Farben" von "Grace"

"Du bist die einzige, die alle meine Farben kennt und du liebst sie", hatte Grace ihr mit einem Lächeln erklärt, "genauso wie ich all deine Farben liebe."

Bei dieser Erinnerung musste Zoe lächeln, auch wenn es ein trauriges Lächeln war. Grace hatte das Malen auf ihrer ersten Reise für sich entdeckt. Sie hatten einen Straßenlivekünstler getroffen und der hatte sie mit zum dortigen Künstlerzentrum genommen. Und es war, als hätte es eine Tür in Grace geöffnet, von der sie noch nicht einmal gewusst hatte, dass sie existierte.
Trotzdem hatte sie später Informatik studiert und gerade so genug gearbeitet um davon zu leben. Aber das Malen war ihr immer sehr viel wichtiger gewesen.

Zumindest für diesen Augenblick fühlte Zoe eine Art Frieden. Sie drehte sich zum Bett, legte sich hin und zog die Decke über sich, die immer noch nach Grace roch. Sie strich mit der Hand darüber und lächelte. Dann schloss sie die Augen und obwohl es noch nicht spät war, schlief sie ein.

***

In den nächsten Wochen beschloss Zoe aus der Wohnung aus zu ziehen. Zuerst hatte sie in ihr eigenes Apartment in der Torontoer Innenstadt ziehen wollen, aber Miles hatte ihr angeboten für eine Weile bei ihm zu wohnen. Sein Haus war für ihn alleine ohnehin zu groß. Nachdem sie eine Weile darüber nachgedacht hatte, hatte sie beschlossen, dass es ganz gut war, wenn sie zumindest für eine Weile nicht alleine war.

Auch die Cardinals kamen um beim Umzug zu helfen und einige von Graces Sachen zu holen, die nicht in Zoes Apartment passen würden. Als sie sich später vor dem Haus von Zoe verabschiedeten, umarmte Amia sie. "Du bist immer bei uns willkommen", sagte Amia und löste sich ein Stück von ihr um sie anzusehen, "wir wollen nicht auch noch dich verlieren."

Zoe konnte nicht sagen, wie viel ihr diese Worte bedeuteten. Desto mehr sie sich damals von ihrer eigenen Mutter entfremdet hatte, nachdem sie ihr erzählt hatte, dass sie mit Grace zusammen war und nicht im geringsten vorhatte etwas daran zu ändern, desto besser war ihr Verhältnis zu Graces Eltern geworden. Und sie hatte nicht im geringsten vor jetzt zu ihnen den Kontakt abzubrechen. "Das werdet ihr nicht", sagte sie mit einem Lächeln.

Amia nickte und Josephe legte Zoe die Hand auf die Schulter. Er hatte nie viele Worte gemacht. Dann verabschiedeten sie sich, stiegen in ihr Auto und fuhren davon. Einen Augenblick stand Zoe einfach nur da und sah ihnen nach. Bis Miles kam und ihr einen Arm um die Schultern legte. "Fertig zur Abfahrt, Mitbewohnerin?"

Sie drehte sich zu ihm und nickte mit einem schiefen Lächeln. "Gleich. Ich muss mich noch verabschieden." Er nickte und ließ sie los. Als sie zum Haus zurückkehrte, kam Tristan ihr mit der letzten Kiste an der Haustür entgegen. Er wusste, warum sie noch einmal hinein ging und nickte ihr nur zu.

Oben in der Wohnung angekommen, ging sie durch die leeren Räume. Es war, als könnte sie immer noch das Echo ihrer Stimmen hören. Lachend, streitend, redend. Sie sah zu dem Platz auf dem Boden, an dem sie so oft gesessen hatte, seit Grace nicht mehr da war.

Sie drehte sich um und sah sie beide jeweils auf ihrem jeweiligen Couchende sitzend und in angenehmer Stille arbeiten. Oder sich lachend und küssend über die Couch rollen, die jetzt nicht mehr da war. Sie wusste, dass es richtig war, aus zu ziehen. Auf diese Weise würde diese Wohnung in ihrer Erinnerung immer der Ort sein, an dem sie zusammen gelebt hatten.

Auf einmal fühlte sie sich unglaublich dankbar. "Danke", sagte sie leise, während ihr Tränen über die Wangen liefen. "Danke."

Zittrig atmete sie ein und drehte sich dann um, um die Wohnung verlassen. Als sie das Haus verließ, wartete Tristan bereits dort um sie in den Arm zu nehmen, was sie dankbar annahm. Dann stiegen sie ins Auto, wo Miles bereits auf sie wartete und während sie losfuhren, sah sie noch einmal zurück zum Haus mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen. Dann lehnte sie sich in ihrem Sitz zurück und schloss die Augen.

*Ende Kapitel 1