Imagine My Love

GeschichteRomanze, Freundschaft / P18 Slash
Timothy Tiberius "Timmy" Turner
12.08.2016
12.08.2016
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„Timmy, jetzt mach schon. Du wirst sonst noch zu spät kommen!“. Meine Mutter rief an diesem Morgen nun schon das gefühlte millionste Mal nach mir, als ich gerade damit beschäftigt war, ein paar letzte Sachen in meine Schultasche zu schmeißen. Ich war ein bisschen in Eile, da mein Wecker mal wieder seinen eigenen Willen gehabt und sich leider Gottes dazu entschlossen hatte, den großen Schweiger zu spielen und nicht zu klingeln.
Eilig stopfte ich noch ein paar Blätter in die Tasche, darunter unter anderem den fünfseitigen Bericht über die afrikanische Lebenskultur, den unsere Geschichtslehrerin Ms. Mittens uns für heute aufgegeben und den ich am Abend zuvor mit Mühe und Not, sowie sich in Grenzen haltendem Interesse zusammengestopselt hatte.
Natürlich war mir bereits zum jetzigen Zeitpunkt klar, dass ich dafür mal wieder eine Sechs kassieren würde, wie schon so oft in der letzten Zeit, und mir einen weiteren Vortrag darüber anhören konnte, wie wichtig eine gute Eigeninitiative war.
Aber offen gestanden machte ich mir deswegen keine allzu großen Sorgen, da in der letzten Zeit ohnehin schiefging, was schiefgehen konnte und es da auf eine schlechte Note mehr oder weniger nun auch nicht mehr ankam. Hin und wieder beschlich mich schon das Gefühl, dass sämtliche Anti-Elfen der Anti-Elfenwelt ihr Augenmerk ausschließlich nur noch auf mich gerichtet hatten und sich keine Chance entgehen ließen, um mir aus purer Absicht übel mitzuspielen.
Begonnen hatte diese Pechsträhne vor knapp drei Wochen, als ich trotz intensivster Konzentration und unter exakter Einhaltung sämtlicher Verkehrsregeln durch die Fahrprüfung gerasselt war, weil ich auf den letzten vier Kilometern Fahrstrecke in freudiger Erwartung meiner vorläufigen Fahrerlaubnis einem schwarzen PKW die Vorfahrt genommen und dadurch um ein Haar einen Unfall verursacht hatte.
Zu meinem Glück konnte ich noch rechtzeitig auf die Bremse treten und so das Schlimmste verhindern, allerdings auch gleichzeitig meinem bestandenen Führerschein adieu sagen. Denn trotz mehrfacher Erklärungs- und Beteuerungsversuche meines bis dahin makellosen Fahrverhaltens ließ der Prüfer sich nicht dazu erweichen, über diesen groben Fehler hinwegzusehen und mir die vorläufige Fahrerlaubnis auszuhändigen.
Dementsprechend wutgeladen waren meine Eltern an diesem Tag gewesen, als ich ihnen von meiner missglückten Prüfung berichtet und ihnen erklärt hatte, dass es mit dem Traum vom eigenen Führerschein fürs Erste wohl nichts werden würde und ich ein halbes Jahr warten musste, ehe ich es noch einmal versuchen und die Prüfung wiederholen durfte. Einzig Cosmo, Wanda und Sparky waren auf meiner Seite gewesen und hatten alles in ihrer Macht Stehende getan, um mich irgendwie aufzumuntern, indem sie mir versichert hatten, dass die ganze Sache halb so schlimm wäre und ich mich von dieser kleinen Niederlage nicht entmutigen lassen dürfte.
Klar hatte ich gehofft, dass sie Recht behalten würden und mir selbst eingeredet, dass ich einfach einen schlechten Tag gehabt hatte und die Fahrprüfung beim nächsten Versuch mit Sicherheit bestehen würde. Aber natürlich konnte ich nicht auch nur im Traum erahnen, dass mit diesem Ereignis das Grauen erst seinen Lauf nehmen sollte.
Denn seit diesem Tag schien ich das Unglück geradezu magisch anzuziehen und von einem Fauxpas geradewegs in den nächsten zu schlittern. So hatte ich mir bereits wenige Tage später Nachsitzen eingehandelt, weil ich dummerweise mein Forschungsprojekt für den Chemieunterricht zu spät abgegeben hatte und darüber hinaus noch eine schlechte Note dafür bekommen, da es laut Aussage meines Lehrers nicht überzeugend genug gewesen war und ich mein Potential nicht ausreichend ausgeschöpft hatte.
Aber was bitte hatte er denn von mir erwartet? Den Bauplan für einen Teleporter? Immerhin hatte ich mein Möglichstes versucht und wenn ihm das nicht genügte, dann konnte ich ihm beim besten Willen auch nicht helfen. Nichtsdestotrotz hatte ich es als ungerecht empfunden, mich wegen eines versehentlich zu spät abgegebenen Forschungsprojekts gleich mit Nachsitzen zu strafen.
Dass dies jedoch erst die Spitze des Eisbergs gewesen war, erfuhr ich am darauffolgenden Freitagnachmittag nach dem Sportunterricht, als mein geschätzter Mitschüler und Erzfeind Francis sich dazu entschieden hatte, mir einen Streich zu spielen und meine Klamotten im Schwimmbecken zu ersaufen, sodass ich entweder die Möglichkeit hatte, mit nichts weiter als einer Boxershorts bekleidet nach Hause zu gehen oder meine verschwitzten Trainingsklamotten anzubehalten und durch die brütende Sommerhitze noch mehr ins Schwitzen zu kommen als ohnehin schon.
Zu Hause angekommen hatte ich dann eigentlich vorgehabt, mich zusammen mit Sparky für den Rest des Tages in den Swimmingpool zu legen und abzuschalten. Doch mein Dad hatte dieses Vorhaben ziemlich rasch untergraben, indem er mich dazu genötigt hatte, ihn und Mom bei ihrer wöchentlichen Radtour zu begleiten, da ich seiner Meinung nach ein bisschen Bewegung gut gebrauchen könnte. Auch wenn ich aufs Heftigste dagegen protestiert und den beiden geschildert hatte, dass ich nach so einem anstrengenden Tag einfach nur noch meine Ruhe haben wollte, schien ihn das herzlich wenig zu beeindrucken, was schlussendlich dazu führte, dass wir zu dritt bei dreißig Grad im Schatten durch Dimmsdale radelten und dabei von den an uns vorbeilaufenden Passanten angestarrt wurden als hätten sie unsere Gesichter auf einem Fahndungsfoto wiedererkannt.
Wie bescheuert musste ich auch ausgesehen haben mit diesem vermaledeiten, babyblauen Fahrradhelm auf einem ebenso vermaledeiten, babyblauen Fahrrad – gegen deren Entsorgung mein Dad mit Leib und Seele rebelliert als ginge es um sein Leben –, während meine Zunge langsam Bekanntschaft mit dem brennend heißen Asphalt gemacht und meine Mom mir ununterbrochen ins Ohr geplärrt hatte, dass ich mich nicht so anstellen und froh darüber sein sollte, etwas mit meiner geliebten Familie unternehmen zu können?
Kein Wunder, dass die umstehenden Leute uns angeschaut haben als hätten wir einen Sprung in der Schüssel. Die haben sich bestimmt alle ihren Teil dabei gedacht, als wir zu dritt an ihnen vorbeigeradelt sind, mein Dad dabei fröhlich die Melodie von „Bonanza“ vor sich hinpfeifend, meine Mom pausenlos auf mich einplappernd, was für ein lieber Junge ich doch sei und ich in der Hoffnung, dass sich irgendwo ein Loch auftut, in das ich dann schleunigst verschwinden kann.
Das einzige wirkliche Glück, das ich hatte, war, dass keiner meiner Mitschüler uns bei dieser Unternehmung gesehen hat. Ich wäre vermutlich auf der Stelle vor Scham in die Luft geflogen, wenn uns plötzlich ein Mädchen – oder noch schlimmer – ein Typ aus meiner Stufe über den Weg gelaufen wäre und mich in diesem Aufzug erblickt hätte.
Ein sechzehnjähriger Junge, der zusammen mit seinen Eltern, an einem glühend heißen Tag, auf einem babyblauen Fahrrad mit einem babyblauen Fahrradhelm, quer durch die gesamte Stadt jagt und dabei schwitzt wie ein Esel in der Sauna, während seine Mutter ihm unaufhörlich ins Ohr plärrt und sein Vater es nicht lassen kann, der gesamten Welt eine Kostprobe seiner grauenerregenden Pfeifkünste darzubieten. Eine noch peinlichere Lage könnte ich mir wohl kaum ausmalen.
Den Gipfel dieser sagenhaften Pechsträhne erreichte ich allerdings vor zwei Tagen, als Francis mich in der Mittagspause vor versammelter Schülerschaft gedemütigt hatte, indem er mir – seines Bekundens nach natürlich nur aus Versehen – ein Bein gestellt hatte, sodass ich ins Stolpern gekommen und mit voller Wucht in meiner Portion Spargel mit Sauce hollandaise gelandet war und damit mein Shirt, sowie meine neue Jeans, die ich mir erst wenige Tage zuvor gegönnt hatte, komplett ruinierte. Die anderen ließen es sich selbstverständlich nicht nehmen, mich für den Rest des Tages damit aufzuziehen und sich darüber lustig zu machen, wie ungeschickt ich doch wäre.
Als ich dann am Nachmittag nach Hause gekommen war, hatte ich mich trotz Protest meiner Eltern in meinem Zimmer verkrochen und mir überlegt, wie ich es Francis am besten heimzahlen konnte. Ich wollte mir einen Plan ausdenken, mit dem ich ihn genauso bloßstellen konnte, wie er es seit Jahren mit mir machte. Ich wollte Rache. Schreckliche Rache. Ihn dafür leiden lassen, dass er es mal wieder geschafft hatte, mich komplett lächerlich zu machen.
Aber egal, in welche Richtung ich auch spekulierte, mir wollte einfach kein guter Plan einfallen. Zwar hatte ich schon die ein oder andere Idee im Kopf, die sich auch relativ einfach umsetzen ließ, allerdings war ich jedes Mal der Meinung, dass diese nicht grausam genug war. Ich wollte ihm eine Lektion erteilen, die er sein ganzes Leben lang nicht mehr vergessen würde. Die ihn endlich dazu bringen würde, mich in Ruhe zu lassen und damit aufzuhören, mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu traktieren.
Schlussendlich war es Sparky gewesen, der mich von meiner Rachsucht abgebracht und mir versichert hatte, dass es nicht das Geringste bringen würde, jetzt irgendetwas Unüberlegtes zu machen. Er hatte mir geraten, die Sache auf sich beruhen zu lassen und mir vorgeschlagen, Francis in Zukunft einfach zu ignorieren. Wenn ich ihm die kalte Schulter zeigen und mich nicht mehr provozieren lassen würde, meinte er, würde Francis irgendwann von alleine das Interesse an seinen Gemeinheiten verlieren. Ich hoffte nur, dass er mit dieser Aussage Recht behielt.
„Timmy, wo bleibst du denn?“, hörte ich meine Mom noch einmal rufen und schreckte augenblicklich aus meinen Gedanken hoch. „Bin schon unterwegs, Mom!“, rief ich genervt zurück, während ich mir eilig meine Tasche umschwang. Dann ging ich noch einmal zum Bett hinüber, an dessen Fußende Sparky lag und mir ein verschlafenes Lächeln zuwarf. „Schönen Tag, Timmy“, wünschte er mir mit einem Gähnen und streckte sich, woraufhin ich kurz über seinen Kopf streichelte und ihm ein kleines Küsschen auf die Wange gab. Unser typisches Verabschiedungsritual.
„Danke, Sparky“, erwiderte ich und versuchte, zuversichtlich und gut gelaunt zu klingen, obgleich ich mich am liebsten wieder zu ihm ins Bett gelegt und weitergeschlafen hätte. „Bis später“. Mit diesen Worten drehte ich mich um und warf einen letzten flüchtigen Blick zu Cosmo und Wanda hinüber, die noch immer friedlich und seelenruhig schlummerten.
Dann holte ich noch einmal tief Luft, bevor ich mich schließlich auf den Weg nach unten machte und währenddessen versuchte, mir selbst gut zuzureden. Was soll's, sagte ich mir. Du kannst ja nicht ewig vom Pech verfolgt sein. Irgendwann muss die Sonne auch dir wieder scheinen. Irgendwann hat das alles ein Ende und du bist wieder mit Glück gesegnet. Und wer weiß, vielleicht ist ja schon heute der Tag, an dem das Blatt sich endlich wieder wendet. Vielleicht wird es heute gar nicht so schlimm.
Natürlich konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass ich an diesem Morgen eine Begegnung machen würde, die ich so schnell nicht wieder vergessen und die mein Leben völlig auf den Kopf stellen würde.

Die Fahrt zur Schule verlief ohne besondere Vorkommnisse oder Zwischenfälle. Ich hatte es ziemlich eilig, weswegen ich heftig in die Pedale trat, um noch rechtzeitig im Klassenzimmer zu erscheinen und mir nicht wieder unnötigen Ärger einzuhandeln, weil ich mal wieder verschlafen hatte. Dies war mir in den letzten Wochen leider bereits zwei Mal passiert, was jedoch nicht meine Schuld, sondern die meines verflixten Weckers war, ein uralter Apparat, der langsam den Geist aufzugeben drohte.
Allerdings bestand meine Mom mit Haut und Haaren darauf, dass ich ihn benutzte, weil es sich dabei um ein Familienerbstück handelte, das sie einst von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte als sie so alt gewesen war wie ich. Da ich ohnehin wusste, dass jeder Protestversuch dagegen erfolglos bleiben würde, behielt ich ich also das blöde Ding, um meine Ruhe vor ihr zu haben.
Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als ich schließlich außer Atem das Schulgebäude erreichte – die Dimmsdale Eastpark High. Hastig hechtete ich zur Eingangstür und stieß dabei fast mit zwei Mädchen zusammen, die mir entgegenkamen und so in ihr angeregtes Gespräch vertieft zu sein schienen, dass sie mich gar nicht bemerkten.
„Tschuldigung“, rief ich ihnen nach, als ich sie aufgebracht irgendetwas murmeln hörte und flitzte dann durch die Tür, den Korridor entlang zu meinem Schließfach. Dort angekommen verschnaufte ich erst einmal eine Runde und warf einen kurzen Blick zu der riesigen Wanduhr auf der rechten Seite.
7:53 Uhr. Gerade noch rechtzeitig. Rasch wandte ich mich meinem Spind zu und holte zwei Bücher daraus hervor, die ich in der zweiten und dritten Stunde benötigen würde, als ich meinen Freund Chester aufgeregt zu mir herüberlaufen sah.
„Timmy!“, rief er mir zu, während er wie wild mit den Armen durch die Gegend wirbelte. „Hey Timmy!“. „Hey Chester“, erwiderte ich gedankenversunken, während ich mich mental schon einmal auf die erste Stunde vorbereitete – Geografie. „Was gibt's denn?“. „Gut, dass ich dich noch erwische, Mann“, antwortete er und lehnte sich gegen die Schließfächer. „Ich muss dir dringend was erzählen. Hab's grad vor ein paar Minuten erfahren“.
„Was?“, fragte ich und versuchte, möglichst interessiert zu klingen, wenngleich es mir im Grunde genommen egal war, was Chester zu berichten hatte, da die meisten seiner vermeintlichen Sensationsmeldungen nichts weiter als heiße Luft waren.
„Wir kriegen nen Neuen“, antwortete er aufgeregt und zog ein breites Grinsen, das seine silberglänzende Zahnspange entblößte. „Was? Lehrer?“, fragte ich sarkastisch nach und warf einen kurzen Blick auf die Wanduhr, um mich zu vergewissern, dass ich noch nicht zu spät dran war.
Aber ich lag gut in der Zeit, hatte noch knapp sechs Minuten, bis die erste Stunde begann und konnte mir somit also noch in aller Ruhe Chesters Neuigkeiten anhören. „Nein, du Hirsch“, antwortete er und gab mir einen leichten Klaps auf den Kopf, woraufhin meine Mütze verrutschte und ich ihm einen verärgerten Blick zuwarf.
„Anfassen verboten“, erklärte ich ihm, während ich sie wieder zurechtrückte und danach die Arme vor der Brust verschränkte. „Einen neuen Schüler also, ja?“, wollte ich wissen, was er mit einem grinsenden Nicken bestätigte. „Yep“, stimmte er mir dann zu und starrte mich mit einem Blick an, der mir auch ohne jedes Wort erzählte, was er in diesem Augenblick dachte.
„Ein süßer Bursche“, ließ er mich wissen und kicherte wie ein kleines Kind. „Ich hab ihn vorhin kurz gesehen, als er im Sekretariat verschwunden ist. Ein steiler Zahn sag ich dir“. „Chester, nicht schon wieder“, seufzte ich und schüttelte unbeholfen den Kopf. „Hör doch bitte endlich damit auf. Hast du es nicht langsam satt, mich ständig verkuppeln zu wollen, hm?“.
„Aber Timmy, der ist ganz genau dein Typ. Das weiß ich einfach“, erwiderte er und grinste selbstzufrieden, mal wieder in der irrtümlichen Annahme, dass ich mich über diese Bekanntgabe freuen und ihm aus Dankbarkeit um den Hals fallen würde. Doch genau das Gegenteil war der Fall. Ich hatte Chesters überflüssige und ohnehin stets erfolglose Verkupplungsversuche wirklich mehr als nur satt und wäre ihm stattdessen lieber an die Gurgel gesprungen.
Seit ich mich vor einem halben Jahr nach zahlreichem Hin- und Herüberlegen, sowie langen Gesprächen und Diskussionen mit Cosmo, Wanda und Sparky geoutet hatte – was mir ohnehin nicht besonders leicht gefallen und der wahrscheinlich entscheidendste und zugleich aufregendste Moment meines gesamten Lebens gewesen war –, ließ er absolut nichts unversucht, um mich auf schnellstem Wege irgendwie mit irgendwem zusammenzubringen und ignorierte dabei vollkommen, dass mir das überhaupt nicht in den Kram passte.
Natürlich hatte ich ihm schon mindestens eine Million Mal gepredigt, dass ich seine Hilfe nicht brauchte und mir selbst aussuchen wollte, mit wem ich mir was vorstellen konnte und mit wem nicht. Natürlich hatte ich ihn bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass ich es nicht leiden konnte, wenn er sich in Dinge einmischte, die ihn überhaupt nichts angingen und ihn darum gebeten, es zukünftig zu unterlassen.
Aber genauso gut hätte ich all das meinem Spind erzählen können. Er wollte es nicht kapieren. Er wollte es partout nicht kapieren. Egal, wie verzweifelt ich ihn darum anflehte, seine Partnervorschläge für sich zu behalten, er konnte es einfach nicht lassen. Immer wieder kam er mir mit einem Typen um die Ecke, der seiner Meinung nach einfach perfekt zu mir passen und mit dem ich mich bestimmt gut verstehen würde. Aber ich hatte die Nase voll. Gestrichen voll. Es reichte. Endgültig.
„Chester, bitte!“, rief ich zur Antwort aus und schüttelte erneut heftig den Kopf. „Bitte fang nicht schon wieder damit an, mir einen Kerl aufschwatzen zu wollen. Ich brauche und will noch keinen Freund. Ich bin glücklich so, wie es im Moment ist“. „Ja, das sagst du jetzt“, erwiderte er mit einem schelmischen Grinsen. „Aber warte nur ab, bis du ihn kennengelernt hast. Ich schwöre dir, du wirst hin und weg sein. Du wirst...“.
„Chester!“, fiel ich ihm ins Wort und schlug mir in einer Verzweiflungshandlung beide Hände vors Gesicht. „Mmmh, ja... ich weiß ja...“, erwiderte er verlegen und zuckte kurz mit den Schultern. „Tut mir Leid, Timmy. Ich wollte dir ja bloß behilflich sein“. „Danke, aber ich brauche keine Hilfe“, meinte ich. „Ich hab es dir schon tausendmal gesagt, dass ich das nicht leiden kann. Also lass jetzt einfach gut sein, okay?“.
Er nickte nur, antwortete aber nichts, als er sich die Hände in die Hosentaschen steckte. „Wie... wie heißt er denn eigentlich?“, fragte ich nach kurzem Überlegen und versuchte, so beiläufig wie möglich zu klingen. Auch wenn ich es wirklich nicht gern zugab, aber Chester hatte es mal wieder geschafft, die Neugier in mir zu wecken.
„Hab keine Ahnung“, antwortete er mit einem Schulterzucken. „Hab ihn nur ganz kurz von hinten gesehen, als er ins Sekretariat gegangen ist. Aber ich schätze mal, das wird man uns gleich sagen“. Er wies mit seinem Blick Richtung Wanduhr und bedeutete mir, ihm zu folgen, da wir bereits ein paar Minuten zu spät dran waren. Hastig liefen wir den Korridor entlang bis zum unserem Klassenraum, aus dem wie üblich das laute Stimmengewirr unserer Mitschüler, sowie unserer Lehrerin Ms. Clark zu vernehmen war, die sich vergeblich darum bemühte, den „bunten Haufen“, wie sie uns immer gerne nennt, zum Schweigen zu bringen.
„Ah, schau an“, rief sie über den Lärm der Klasse hinweg, als wir das Zimmer betraten. „Turner und McBadbat. Wie schön, dass Sie uns auch die Ehre erweisen“. „Verzeihung, Ms. Clark“, entschuldigte ich mich unangenehm berührt. „Chester und ich haben uns irgendwie verquatscht und...“. „Das sind ja mal ganz außergewöhnliche Neuigkeiten“, unterbrach sie mich und wies dann mit der Hand auf unsere Plätze. „Setzen“, fügte sie forsch hinzu, ehe sie sich wieder dem Rest der Klasse zuwandte und versuchte, eine Ankündigung zu machen.
„Wahrscheinlich haben sie mal wieder rumgeknutscht“, hörte ich Francis flüstern und im Anschluss daran schadenfroh über seinen eigenen Kommentar lachen. Doch ich versuchte, mich zusammenzureißen und tat so, als hätte ich es überhaupt nicht gehört. Von heute an, beschloss ich, würde ich Sparkys Ratschlag befolgen und ihn zukünftig einfach ignorieren. Wenn er merkte, dass ich mich von seinen Sticheleien und Streichen nicht mehr beeindrucken ließ, hörte er vielleicht ganz von allein damit auf und ließ mich in Frieden.
Chester warf mir von einem Platz aus einen kurzen Blick zu, der mir verriet, dass auch er diesen Kommentar mehr als deutlich verstanden hatte. Ich rollte nur mit den Augen und zuckte die Schultern, was ihn unweigerlich zum Grinsen brachte.
Francis war Chester ebenso verhasst wie mir. Denn auch ihn tyrannisierte er nach allen Regeln der Kunst und ließ sich keine Gelegenheit entgehen, um ihn lächerlich zu machen. Angefangen hatte die Sache vor einem halben Jahr, als ich mich öffentlich geoutet und zu meiner Homosexualität bekannt hatte. Für Francis war dies natürlich ein gefundenes Fressen gewesen, sodass er kurzerhand beschlossen hatte, mich so oft wie nur möglich damit aufzuziehen.
Anfangs hatte er nur stichelnde oder zweideutige Bemerkungen darüber fallen lassen, die zwar bei weitem auch nicht lustig, aber immerhin noch erträglicher gewesen waren als das, was er im Moment mit Chester und mir abzog. Denn seit einiger Zeit hatte er mehr oder minder Spaß daran gefunden, den anderen weiszumachen, wir beide wären ein festes Pärchen und würden in den Pausen herumknutschen, was das Zeug hält.
Sowohl Chester als auch ich wussten selbstverständlich, dass dies völlig an den Haaren herbeigezogener Schwachsinn war. Wir beide waren lediglich gute Freunde. Nicht mehr und nicht weniger. Ich meine, natürlich mochte ich ihn und würde lügen, wenn ich nicht sagte, dass er auf eine gewisse Art und Weise attraktiv auf mich wirkte. Aber mehr als Freundschaft war da eben nicht. Zwischen uns spielte sich nicht das Geringste ab, schon gar keine feste Beziehung.
Zu unserem Glück hatte dies inzwischen auch der Großteil unserer Mitschüler begriffen, die zu Beginn allesamt auf diese Behauptung hereingefallen waren und mich darauf angesprochen hatten, ob sie denn tatsächlich der Wahrheit entspräche. Doch nachdem wir beide das konsequent verneint und klargestellt hatten, dass rein gar nichts davon stimmte, war dieses Gerücht zumindest weitestgehend aus der Welt geschafft und man ließ uns mit neugierigen Fragen oder spöttischen Bemerkungen darüber in Ruhe.
Ein paar Armleuchter gab es natürlich immer noch, die es vermeintlich besser wussten und sich hinter unserem Rücken das Maul darüber zerrissen, dass wir beide das perfekte Schwuchtel-Pärchen abgeben würden. Aber mit der Zeit hatte ich es mir angeeignet, über solche Kommentare und Beleidigungen einfach hinwegzusehen und sie zu ignorieren. Hatte ich mich zuerst noch hineingesteigert und mir solche Beschimpfungen zu Herzen genommen, hörte ich mittlerweile gar nicht mehr hin und stand einfach darüber, ganz frei nach dem Motto: Man ist, wie man ist.
Und ich war nun einmal schwul. Das war eine unwiderlegbare Tatsache. Wer das nicht ernst nehmen konnte oder sich darüber lustig machen wollte, hatte bei mir ohnehin den letzten Joker verspielt. Denn auf solche Leute konnte ich in meinem Leben herzlich gerne verzichten.
Fairerweise muss ich allerdings anmerken, dass der Großteil der Klasse mein Outing bedenkenlos hingenommen und sich sogar für mich gefreut hatte, dass ich endlich erkannt habe, in welche Richtung es mich zieht. Natürlich hatte es die ersten paar Wochen hier und da ein bisschen Getuschel gegeben und mir war auch nicht entgangen, dass einige mich manchmal für längere Zeit angestarrt oder beobachtet hatten, wenn ich an ihnen vorübergegangen war.
Aber nach einiger Zeit hatte sich das wieder gelegt und alles war wieder so, wie es schon immer gewesen war. Man hatte sich damit zurechtgefunden, dass mein Augenmerk auf Jungs gerichtet war und vor allem die Mädchen hatten mich darauf angesprochen, wie mutig sie es fanden, dass ich mich so öffentlich dazu bekannte.
Lediglich Francis konnte sich köstlich darüber amüsieren und sich einen Spaß daraus machen, mich damit aufzuziehen. Aber egal, was er mir auch an den Kopf warf, ich beschloss, mich fortan nicht mehr davon unterkriegen zu lassen. Wenn er realisierte, dass es mir nichts ausmachte, was er dachte, würde er es irgendwann von allein gut sein lassen, da war ich mir sicher.
Ein Klopfen an der Klassenzimmertür riss mich aus meinen Gedanken und ließ das laute Geplapper und Gelächter wundersamerweise für einen Augenblick verstummen. Ms. Clark trat hinter ihrem Lehrerpult hervor und klatschte kurz in die Hände, um auch den Rest der Klasse zum Schweigen zu bringen, ehe sie zu ihrer großen Bekanntmachung ansetzte. „Meine Lieben, ich habe Ihnen allen etwas Wichtiges zu sagen“, begann sie schließlich und ein Lächeln legte sich auf ihr Gesicht. „Wie sich bestimmt bereits herumgesprochen hat, dürfen wir ab heute einen neuen Schüler an der Eastpark High willkommenheißen“.
„Frischfleisch“, hörte ich Francis sagen, woraufhin sie ihm einen wütenden Blick zuwarf. Er kann es einfach nicht lassen, dachte ich bei mir, hielt mich jedoch zurück und wandte meine Aufmerksamkeit dann wieder zurück nach vorne. Zugegeben, ein bisschen gespannt war ich ja schon darauf, wie der Neue wohl aussah. Chester hatte es mal wieder geschafft, meine Neugier zu wecken, auch wenn ich mir schon x-mal geschworen hatte, mich nicht mehr von ihm beeinflussen zu lassen.
„Jedenfalls bin ich mir sicher, dass Sie alle Ihr Bestes geben werden, um ihn herzlich in die Gemeinschaft aufzunehmen und zu integrieren“, setzte Ms. Clark fort und marschierte dann zur Tür. Mit einem Schwung öffnete sie und legte dann ein sanftmütiges Lächeln auf. „Bitte, kommen Sie nur“, sagte sie zu dem Neuen, der kurz darauf das Zimmer betrat und natürlich erst einmal sämtliche Blicke auf sich zog.
Auch ich konnte der Versuchung selbstverständlich nicht widerstehen und musterte ihn ausgiebig von oben bis unten. Er hatte in etwa meine Größe und schwarzes, mittellanges Haar, das vorne nach oben gekämmt war. Er trug ein weißes Tank Top, darüber eine rote Lederjacke, Blue Jeans und schwarze Sneakers. Auf der Nase saß eine ebenfalls schwarze Sonnenbrille und im rechten Ohr baumelte ein silberfarbener Ohrring.
Er sieht wirklich gut aus, stellte ich überrascht fest, während ich meinen Blick mehrfach an ihm auf- und abwandern ließ. Sogar sehr gut. Chester hat die Wahrheit gesagt. Er hat mir tatsächlich die Wahrheit gesagt. Ein hübscher Junge. Ziemlich hübsch sogar.
Jetzt bleib mal auf dem Teppich, Turner, schalt ich mich selbst und wandte mich kurzzeitig von ihm ab. Das ist Chesters Einfluss, der da aus dir spricht, nichts weiter. Er hat es mal wieder geschafft, dich halb verrückt zu machen. Nur deswegen hast du jetzt diese Gedanken. Weil du sie einfach haben willst. Du kennst diesen Jungen doch überhaupt nicht. Du hast keine Ahnung von ihm, von seinen Interessen und seiner Persönlichkeit. Du hast keinen Schimmer, wie er drauf ist. Also hör damit auf, dich selbst mit solchen Überlegungen zu plagen. Schluss damit. Auf der Stelle.
Doch auch wenn ich mich ehrlich darum bemühte, mich auf etwas anderes zu fixieren, ertappte ich mich immer wieder dabei, wie mein Blick zu ihm zurückschweifte und mich dazu zwang, ihn zu mustern. Irgendwie hat er was, ging es mir durch den Sinn. Er wirkt so lässig. Cool. Aufregend. Und irgendwie so... vertraut.
Obwohl ich nicht die geringste Ahnung hatte, woran es lag, aber während ich ihn mir so anschaute, bekam ich plötzlich das Gefühl, als hätte ich ihn schon mal gesehen. Als würde ich ihn von irgendwoher kennen. Auf eine gewisse Art und Weise hatte er etwas Bekanntes, etwas Vertrautes, geradezu Familiäres. Irgendetwas in mir sagte, dass ich ihm schon einmal begegnet war, aber ich hatte nicht den geringsten Schimmer, wo.
Angestrengt konzentrierte ich mich auf ihn, versuchte, mir irgendwie darüber klarzuwerden, aus welchem Grund er mir so bekannt vorkam. Betrachtete sein Gesicht, seine Statur, seine Kleidung. Seine Sonnenbrille, bei der er allem Anschein nach nicht vorhatte, sie abzunehmen. Er war mir vertraut. Er war mir aus irgendeinem rätselhaften Grund vertraut. Irgendwo waren wir uns schon einmal über den Weg gelaufen. Das wusste ich nicht nur, das spürte ich.
„Vielen Dank, Ms. Clark“, hörte ich ihn in diesem Augenblick sagen. „Es freut mich wirklich sehr, hier zu sein“. Mein Körper erstarrte urplötzlich, während seine Worte in meinen Ohren nachklangen. Diese Stimme. Diese warme, weiche Stimme. Sie klang so herzlich. Kam mir ebenfalls so bekannt vor. Ich hatte sie schon einmal gehört. Ich kannte sie von irgendwoher. Kannte ihn von irgendwoher. Aber wer war er? Wer zum Teufel war er? Und warum hatte ich plötzlich so ein komisches Gefühl in der Magengegend?
„Wir freuen uns auch, dass Sie hier sind, Gary“, antwortete Ms. Clark lächelnd. „Wir werden unser Bestes dafür geben, um Sie herzlich in die Klassengemeinschaft aufzunehmen und zu integrieren“.
Gary. Als Ms. Clark diesen Namen ausgesprochen hatte, spürte ich mein Herz einen Schlag lang aussetzen und plötzlich wurde mir bewusst, warum ich das Gefühl hatte, ihn zu kennen. Plötzlich war mir klar, warum er mir so vertraut vorkam. Warum ich geglaubt hatte, ihn schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Es machte Sinn. Es machte auf einmal alles einen Sinn.
Ein weiteres Mal fixierte ich meine sämtlichen Sinne auf ihn und bemühte mich vergeblich darum, meinen Herzschlag unter Kontrolle zu halten. Ich hatte doch gewusst, dass ich ihn kannte. Ich hatte gewusst, dass ich diese Lederjacke und diese Sonnenbrille schon einmal gesehen hatte. Aber war das denn tatsächlich möglich? Konnte das wirklich Realität sein? War das wirklich mein Gary, der da vorne in unserer Klasse stand?
Mehrere kalte Schauer jagten meinen Rücken hinunter, während ich die Augen schloss und meinen Kopf mit den Händen abstützte. Eine Welle von Erinnerungen brach über mich herein und machte es mir unmöglich, mich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren. Erinnerungen, die ich bis zum heutigen Tag weggesperrt und verdrängt gehabt hatte, waren mit einem einzigen Schlag wieder da. Erinnerungen, die ich niemals wieder hervorholen und auf ewig aus meinem Leben streichen wollte.
Bilder blitzten vor meinem inneren Auge auf und ließen meine sämtlichen Muskeln mit einem Schlag verkrampfen. Gary. Wieder und wieder hörte ich diesen Namen in meinem Kopf, während sich in meinem Bewusstsein ganze Filme abspielten und mich in vergangene Zeiten zurücktrugen. In längst vergangene und vergessene Zeiten...

Rückblende
„Achtung, Tim-Tim, ich werfe jetzt!“. Wie fast jeden Nachmittag spielten Gary und ich eine Runde Frisbee im Garten vor dem Haus. Die Sonne stand bereits tiefer am Himmel und zog unsere beiden Schatten in die Länge. „Hey, nicht so fest!“, beklagte ich mich mit piepsender Stimme, als das Frisbee an meiner Brust abprallte und mich kurz aufkeuchen ließ.
„Tut mir Leid, Tim-Tim“, entschuldigte sich Gary und senkte seinen Blick zu Boden. „Hab ich dir wehgetan?“. „Nein, alles prima!“, rief ich mit einem glücklichen Kichern, als ich das Frisbee zu ihm zurückwarf und dabei zuschaute, wie es hoch über seinen Kopf hinwegsegelte und schließlich hinter ihm im Gras zu Boden kam. „Diesmal hast du zu fest geworfen!“, beschwerte er sich und verschränkte für einen Augenblick die Arme vor der Brust, ehe er sich umdrehte und nach der roten Frisbeescheibe bückte. „Ich weiß“, bestätigte ich ihm kichernd und klatschte aufgeregt in die Hände.
„Das macht Spaß, Gary!“, rief ich in kindlicher Euphorie, als das Frisbee wieder zu mir zurückgeflogen kam und ich es mit beiden Händen abfing, ehe es über mich hinwegschweben konnte. „Hab ich es dir nicht gesagt?“, erwiderte er lächelnd und warf mir durch die dunklen Gläser seiner Sonnenbrille einen zufriedenen Blick zu. „Ich hab dir doch versprochen, dass dir das gefallen wird. Und du wolltest lieber drin bleiben und dir diese doofe Katze Minkie anschauen“.
„Hey, Katze Minkie ist nicht doof“, protestierte ich und stampfte mit meinem kleinen Füßchen auf den Boden. „Ich hab dir doch gesagt, dass du das nicht sagen sollst! Ich finde sie cool“. „Sorry, Tim-Tim“, entschuldigte er sich bei mir, als er auf mich zukam. „Das habe ich nicht so gemeint, okay? Lass uns lieber weiter Frisbee spielen, in Ordnung?“.
„Klar, Gary!“, stimmte ich ihm rasch zu und klatschte noch einmal in die Hände. Dann schleuderte ich die Frisbeescheibe ein weiteres Mal hoch in die Luft. Leider ein bisschen zu hoch. Sie verfing sich im Geäst unseres Apfelbaumes und blieb hängen.
„Nein, unser Frisbee!“, rief ich aufgeregt und lief eilig durch den Garten. Angestrengt streckte ich meine kurzen Arme nach der Scheibe aus und sprang mehrmals am Baum hoch. Doch natürlich war ich viel zu klein, als dass es mir gelungen wäre, sie zu erreichen. „Unser Frisbee!“, schrie ich wieder und fühlte Tränen in meinen Augen. „Gary, unser Frisbee!“. Ich fing an zu weinen, enttäuscht über den Verlust unseres Lieblingsspielzeugs und schlug mir beide Hände vors Gesicht.
Gary kam auf mich zu und legte mir von hinten die Hand auf die Schulter. „Nicht weinen, Tim-Tim“, flüsterte er mir zu und lächelte mich aufmunternd an. „Bitte nicht weinen, okay? Ich hol es uns wieder herunter, ja?“. „Aber... aber es ist zu hoch!“, protestierte ich schluchzend. „Wir kommen da nie im Leben ran!“. Daraufhin lächelte er mich nur noch breiter an und tupfte mir vorsichtig die Tränen weg.
„Nicht weinen, Tim-Tim“, wiederholte er dann. „Ich hole uns das Frisbee. Und weißt du auch, wie ich das mache?“. Ahnungslos schüttelte ich den Kopf und schaute ihm fragend in die Augen. „Durch Zauberei“, antwortete er breit grinsend, woraufhin ich ihn ungläubig musterte. „Du kannst nicht zaubern, Gary!“, entgegnete ich protestierend.
„Aber natürlich kann ich das“, erwiderte er, scheinbar unbeeindruckt von meinem Einwand. „Ich werde es dir beweisen. Mach mal deine Augen zu“. „Du schummelst!“, warf ich ihm vor und schüttelte noch einmal heftig den Kopf. „Wenn ich die Augen zumache, schummelst du!“. „Das tue ich nicht“, versicherte er mir und hob wie zum Schwur seine Hand. „Ich verspreche es, Tim-Tim. Im Namen unserer Freundschaft. Ich werde nicht schummeln, okay?“.
„Mmmh... na gut“, gab ich schließlich widerwillig nach und schloss für einen Moment beide Augen. „Simsalabim“, hörte ich ihn laut ausrufen, kaufte ihm seine Nummer mit der Zauberei jedoch immer noch nicht ganz ab. „So, Tim-Tim“, fuhr er fort und ich spürte seine Hand auf meiner. „Jetzt darfst du deine Augen wieder aufmachen“.
Zögernd kam ich seiner Anweisung nach und öffnete langsam die Augen. „Tada!“, rief er aus, während er mit dem Frisbee vor meiner Nase herumwedelte. „Wow!“, jubelte ich beeindruckt und klatschte aufgeregt in die Hände. „Wie hast du das gemacht, Gary?“. „Zauberei“, antwortete er kichernd. „Ich hab dir doch gesagt, dass ich zaubern kann. Aber du wolltest es ja nicht glauben“.
Auf diese Worte hin fiel ich ihm überglücklich und dankbar um den Hals und drückte ihn eng an mich heran. „Danke, danke, danke!“, quietschte ich fröhlich, wodurch ich ihn zum Lachen brachte. „Langsam, Tim-Tim“, kicherte er und löste sich von mir. „Immer langsam, ja? Das hab ich doch gerne gemacht. Ist ja schließlich auch mein Spielzeug“.
„Danke, Gary“, wiederholte ich noch einmal und lächelte ihn freudestrahlend an. „Du bist der beste Freund, den man sich wünschen kann. Ich hab dich ganz, ganz doll lieb“.
„Ich hab dich auch ganz doll lieb, Tim-Tim“, erwiderte er sanft und streichelte zärtlich über meine Wange. „Und ich werde dich auch immer ganz doll lieb haben, egal, was auch passiert“.


Ich hatte ihn vergessen. Ich hatte ihn einfach vergessen. Hatte all die schönen Erlebnisse mit ihm aus dem Gedächtnis verdrängt. Die vielen Jahre, die wir zusammen verbracht hatten. All die Spiele, die ich mit ihm gespielt hatte. Die Abenteuer, die wir gemeinsam bestanden hatten. Die vielen Geburtstage, die wir zusammen gefeiert hatten. All die besonderen Ereignisse mit ihm.
Weihnachtsfeste. Verkleidungen zu Halloween. Ferien auf Hawaii. Das gegenseitige Erzählen von Gute-Nacht-Geschichten im Bett. Monsterjagd im Kleiderschrank. Planschen in der Badewanne. Therapiesitzungen.
So viele Erinnerungen. So unzählig viele kostbare Momente. Mein Gary. Mein wundervoller Gary. Mein bester Freund. Wie hatte ich ihn nur aus meiner Erinnerung verdrängen können? Wie hatte ich unsere gemeinsame Zeit einfach so vergessen können? Wie hatte ich den Tag vergessen können, an dem ich mir gewünscht hatte, das er wirklich existierte? Den Tag, als ich ihn aus meiner Fantasie in die reale Welt geholt hatte? Wieso hatte ich mich all die Jahre nicht mehr an ihn erinnert?
Unglaublich viel Zeit war seit diesem Wunsch vergangen. Fast sechs Jahre war es jetzt her, dass ich ihn von Cosmo und Wanda in die Wirklichkeit hatte zaubern lassen. Fast sechs Jahre lang hatte ich jegliche Erinnerung an ihn aus meinem Kopf verbannt. Sechs Jahre lang war ich in dem Glauben gewesen, ihn niemals mehr wiederzusehen, seit ich damals seinem Racheplan entkommen war und ihn auf der Insel der Unerwünschten zurückgelassen hatte.
Und jetzt war er hier. Hier in meiner Klasse, nur wenige Meter von mir entfernt. Sah so cool und lässig aus wie damals. Hatte dieselbe Frisur wie damals. Dieselbe Kleidung. Dieselbe, pechschwarze Sonnenbrille. Nur der Ohrring war neu. Dieser silberne Ohrring, der mir bereits beim ersten Hinschauen direkt ins Auge gestochen war.
Darüber hinaus war er älter geworden. Er war sechs Jahre älter geworden, seit ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Das musste wohl damit zu tun haben, dass er sich jetzt in der Realität befand. Er konnte nicht mehr ewig zehn Jahre alt bleiben. Er alterte, genau wie jeder andere normale Mensch auf dieser Welt. Er war sterblich geworden. Ein sterblicher Teenager. Genauso wie ich.
Aber wie konnte er jetzt hier auftauchen? Wie war er von der Insel der Unerwünschten heruntergekommen? Wie hatte er das bloß angestellt? Und was wollte er bitteschön hier in meiner Klasse? Verfolgte er mich schon wieder? War es das? Wollte er sich immer noch dafür rächen, dass ich ihn damals fünf Jahre lang in meinem Kopf eingesperrt hatte? Hatte er immer noch die Absicht, mir zu schaden?
„Nun, Gary, im Namen der gesamten Klasse möchte ich Sie noch einmal aufs Herzlichste bei uns willkommenheißen!“, rief Ms. Clark mit einem Lächeln und schreckte mich damit aus meinen Überlegungen hoch. „Ich bin sicher, dass Sie sich relativ zügig in die Gemeinschaft integrieren werden“. „Danke, Ms. Clark“, erwiderte Gary und ließ seinen Blick erneut durch das ganze Klassenzimmer schweifen.
Eilig schaute ich zu Boden, um direktem Blickkontakt mit ihm aus dem Weg zu gehen und tat so, als wäre ich gerade mit irgendetwas beschäftigt. Warum, Gary?, fragte ich mich dabei im Stillen und spürte mein Herz laut beben. Warum bist du hier? Was willst du von mir? Warum verfolgst du mich schon wieder? Warum lässt du mich nicht endlich in Ruhe?
>Weil du mir gefehlt hast, Tim-Tim<, hörte ich seine Stimme in meinem Kopf sagen und mir stockte für einen Moment der Atem.
Er empfängt meine Gedanken, wurde mir mit einem Schlag bewusst und diese Erkenntnis ließ mich laut aufkeuchen. Er weiß, was in meinem Kopf gerade vor sich geht. Er weiß, woran ich gerade denke. Er kennt mich. Er kennt mich in- und auswendig.
„Mr. Turner, ist etwas nicht in Ordnung mit Ihnen?“, wollte Ms. Clark wissen, die mein Keuchen allem Anschein nach mitbekommen hatte. „Wie bitte?“, fragte ich nach, da ich ihr gar nicht richtig zuhören konnte. Ich war viel zu fixiert auf die Tatsache, dass Gary allem Anschein nach dazu in der Lage war, all meine Gedanken zu lesen.
„Ist etwas nicht okay mit Ihnen?“, wiederholte Ms. Clark ihre Frage und schaute erwartungsvoll zu mir herüber. „Geht es Ihnen vielleicht nicht gut?“. „Doch“, antwortete ich rasch, um mir weitere unnötige Fragereien zu ersparen. „Doch, Ms. Clark. Alles in bester Ordnung“. „Fein“, meinte sie und wandte sich mit einem Lächeln wieder an Gary.
„Also, im Namen Ihrer zukünftigen Mitschüler heiße ich Sie noch einmal auf das Herzlichste bei uns willkommen!“, rief sie aus und schüttelte ihm dazu demonstrativ die Hand. „Ich bin sicher, Sie werden sich relativ schnell hier eingewöhnt haben, Mr... oh, Verzeihung, wie war noch gleich Ihr Nachname?“.
„Sie können mich ruhig Gary nennen“, erwiderte er und warf ihr durch seine Sonnenbrille einen schmeichelnden Blick zu. „Alle nennen mich so“. „Gut, wie Sie wünschen“, stimmte Ms. Clark ihm zu, während sie seine Hand losließ und auf den leeren Stuhl direkt neben mir deutete. „Bitte nehmen Sie doch neben Mr. Turner Platz, ja?“, bat sie ihn höflich und ließ ihren Blick dann zu mir herüberschweifen.
„Ich bin sicher, Mr. Turner ist gerne bereit dazu, Sie in der Mittagspause ein bisschen herumzuführen. Nicht wahr?“. Erwartungsvoll blickte sie mir ins Gesicht und kniff kurz ihre Augen zusammen, als ich nicht direkt antwortete. „Ähm... ja... natürlich“, würgte ich dann rasch hervor, während ich Gary dabei beobachtete, wie er langsam auf mich zukam. Bitte nur das nicht, betete ich im Stillen, in der Hoffnung, dass sich irgendwo ein freier Platz hervortun und mich vor ihm retten würde. Bitte lass dieses Ekel nicht ausgerechnet neben mir sitzen. Bitte nicht!
>Doch, Tim-Tim<, geisterte seine Stimme erneut durch meinen Kopf und jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken. >Ich setze mich direkt neben dich. Hast du es nicht gern, wenn ich neben dir sitze?<.
>Verschwinde aus meinem Kopf, Gary!<, dachte ich und warf ihm einen wütenden Blick zu. >Verschwinde aus meinem Kopf und aus meinem Leben! Lass mich endlich in Frieden! Lass mich in Frieden und hau ab!<.
>Das ist aber nicht nett<, hörte ich ihn erneut, als er direkt neben mir Platz nahm und mir ein vorgetäuscht fröhliches Lächeln zuwarf. >Das ist gar nicht nett von dir, Tim-Tim. Hast du mich denn überhaupt nicht vermisst? Ich für meinen Teil habe dich schrecklich vermisst<.
>Warum, Gary?<, fragte ich ihn in Gedanken, da er ohnehin alles mithören konnte, was ich gerade dachte und schaute ihn misstrauisch an. >Warum bist du wieder da? Was willst du von mir? Wie hast du mich überhaupt gefunden?<.
>Ich finde dich immer und überall, Tim-Tim<, antwortete er, während er mich mit diesem falschen Lächeln eindringlich musterte, als würde er mich das erste Mal in seinem Leben zu Gesicht bekommen. >Ich weiß immer, wo du gerade bist und was du machst. Ich bin ein Teil von dir, schon vergessen?<.
>Was willst du?<, fragte ich weiter und wandte mein Gesicht von ihm ab. Ich ertrug es einfach nicht, ihn noch länger anzuschauen. >Ich will meinen Tim-Tim zurück<, meinte er, so als wäre das die selbstverständlichste Sache auf der ganzen Welt. >Ich will mich mit dir versöhnen. Wir waren doch mal beste Freunde, Timmy. Erinnerst du dich nicht mehr?<.
>Vor ewigen Zeiten!<, dachte ich wütend, was das aufgesetzt freundliche Lächeln augenblicklich aus seinem Gesicht weichen ließ. >Das ist lange vorbei, Gary. Du hast versucht, mich umzubringen. Zweimal. Erinnerst DU dich denn noch daran?!<.
>Das hab ich nicht vergessen<, erwiderte er gedanklich und legte durch die Gläser seiner Sonnenbrille hindurch einen reumütigen Blick auf. >Glaub mir, Tim-Tim, das hab ich nicht vergessen. Mir ist klar, dass ich dich dadurch unheimlich verletzt habe. Aber ich war so wütend auf dich. Fünf Jahre hast du mich in deinem Gedächtnis eingesperrt. Fünf lange Jahre habe ich darauf gewartet, dass du dich wieder an mich erinnerst. Ich war enttäuscht. Enttäuscht, weil du damals einfach aufgehört hast, mit mir zu spielen. Weil du mich vergessen hast. Dabei bist du doch mein bester Freund, Timmy. Beste Freunde vergessen einander nicht einfach<.
>Beste Freunde trachten dem anderen auch nicht nach dem Leben!<, konterte ich wütend und verschränkte die Arme vor der Brust. >Du wolltest mich umbringen, Gary. Du kannst von mir nicht erwarten, dass ich das vergesse und so tue, als sei es nie passiert. Das kann ich nicht. Das kann ich einfach nicht<.
>Ich weiß, dass ich damit zu weit gegangen bin<, gab er zu und senkte beschämt seinen Blick. >Ich hätte nicht so ausrasten dürfen. Ich weiß, das war falsch von mir. Aber ich habe mich geändert. Glaub mir, Tim-Tim, ich habe mich wirklich geändert. Bitte gib unserer Freundschaft noch eine Chance, ja? Wir haben uns damals doch versprochen, dass sie für immer halten wird, weißt du denn nicht mehr?<.
>Du willst noch eine Chance?!<, dachte ich aufgebracht und wäre am liebsten von meinem Platz aufgesprungen. >Erst versuchst du, mich in meiner eigenen Fantasie einzusperren, dann kidnappst du meine Eltern und Freunde, um mich dadurch zu dir zu locken und auslöschen zu können. Und da erwartest du allen Ernstes von mir, dass ich dir noch eine Chance gebe?!<.
>Ich habe Fehler gemacht, ja<, gab er beschämt zu und versuchte, wieder Blickkontakt zu mir zu bekommen. >Große Fehler sogar. Ich weiß, dass ich dich wie das letzte Stück Dreck behandelt und deine Gefühle verletzt habe. Ich weiß, dass ich dir in meiner Rachsucht Dinge angetan habe, die man nicht einmal seinem schlimmsten Feind wünscht. Ich bin zu weit gegangen. Ich bin viel zu weit gegangen<.
>Findest du, ja?<, entgegnete ich verächtlich, würdigte ihn dabei jedoch nicht eines Blickes, sondern konzentrierte mich stattdessen auf Ms. Clark, die bereits mit Geografie angefangen hatte und irgendetwas zu einer Ansichtskarte des Staates Nebraska erklärte.
>Ich habe dich ungerecht behandelt<, hörte ich erneut Garys Stimme und räusperte mich kurz, in der Hoffnung, ihn damit überblenden und mich auf den Unterricht konzentrieren zu können. Doch egal, wie sehr ich es versuchte, seine Stimme saß in meinem Bewusstsein fest. Er war einst in meiner Fantasie geboren worden und konnte sich somit auch dort einschmuggeln, wann immer es ihm beliebte. Auch wenn ich mich dagegen sträubte, mir blieb wohl oder übel keine andere Wahl als ihm zuzuhören. Ob ich es nun wollte oder nicht.
>Ich habe viele Fehler gemacht<, teilte er mir mit und brachte mich durch eine kurze Berührung dazu, ihm wieder ins Gesicht zu schauen. >Aber gehört zu einer Freundschaft nicht auch, Fehler zu verzeihen? Gehört es nicht dazu, die Vergangenheit zu vergeben und zu vergessen? Macht das nicht die wahren Werte einer Freundschaft aus?<.
>Da mag schon was Wahres dran sein<, stimmte ich ihm gedanklich zu, während ich kurz darüber nachdachte. >Vielleicht hast du ja Recht damit, dass man Fehler verzeihen muss. Vielleicht muss man in manchen Fällen einfach über seinen Schatten springen und dem anderen vergeben. Aber nicht in unserem Fall. Nicht nach allem, was zwischen uns vorgefallen ist. Nicht nach den ganzen Kämpfen, die wir ausgetragen haben. Du kannst das nicht von mir verlangen, Gary. Das kannst du einfach nicht<.
>Bitte, Tim-Tim<, flehte er mich noch einmal an. >Ich tue alles dafür, um dir zu beweisen, dass ich mich geändert habe. Wirklich alles. Bitte glaub mir, ich bin nicht mehr derselbe wie vor sechs Jahren. Auf der Insel der Unerwünschten hatte ich genügend Zeit, um über meine Fehler nachzudenken und einzusehen, dass ich mich falsch verhalten habe. Darum bitte, gib mir die Chance, dir zu beweisen, dass ich es ernst meine. Gib mir die Chance, meinen geliebten Tim-Tim zurückzubekommen. Bitte<.
Gerade als ich ihm in Gedanken eine Antwort übertragen wollte, rief Ms. Clark meinen Namen und holte mich dadurch zurück in die Wirklichkeit. „Ist mit Ihnen wirklich alles in Ordnung, Mr. Turner?“, erkundigte sie sich aufs Neue und sah mich ein bisschen besorgt an. „Irgendwie wirken Sie heute so abwesend. Geht es Ihnen wirklich gut?“. „Natürlich, alles bestens, Ms. Clark“, log ich und versuchte, entspannt zu wirken, wenngleich ich am liebsten laut geschrien hätte.
Dann konzentrierte ich mich noch einmal auf Gary, um ihm mitzuteilen, dass dieses Thema fürs erste beendet und das hier ohnehin der falsche Ort war, um darüber zu diskutieren. >Hör zu, Gary<, meinte ich und sah ihn flüchtig an. >Ich mach dir ein Angebot. Ich bin dazu bereit, in der Mittagspause in Ruhe mit dir zu sprechen, wenn du dafür jetzt endlich aufhörst und nicht ständig in meine Gedanken eindringst. Dann kannst du mir meinetwegen sagen, was du sagen willst und dann sehen wir schon, was daraus wird. Einverstanden?<.
>Einverstanden, Tim-Tim<, stimmte er mir zu und lächelte mich erneut durch die Gläser seiner Sonnenbrille hindurch an. >Ich danke dir. Du hast eben doch ein Herz aus Gold. Genau so wie damals<.

Die vier Stunden bis zur Mittagspause schienen im wahrsten Sinne des Wortes dahinzukriechen. Fast schon im Minutentakt schielte ich hinüber zur Wanduhr und betete, dass die Klingel mich endlich aus dieser Situation erlösen würde. Vom Unterrichtsgeschehen bekam ich natürlich herzlich wenig mit, war die ganze Zeit über in meinen Gedanken versunken und fixiert auf Gary, der mir bei jedem flüchtigen Blick in seine Richtung dieses aufgesetzte Lächeln zuwarf.
Das einzig Positive war, dass er damit aufgehört hatte, sich in mein Bewusstsein zu schleichen und mir läppische Entschuldigungen für sein ach so unangebrachtes Verhalten von damals zuzustecken.
Meiner Konzentration half dies jedoch auch nicht wirklich weiter, da all meine Gedanken stetig um die zentrale Frage kreisten, wie dieses Ekel es fertiggebracht hatte, von der Insel der Unerwünschten herunterzukommen und hier an meiner Schule aufzutauchen. Soweit ich richtig erahnen konnte, bekam er natürlich all meine Spekulationen darüber mit, hielt sich jedoch an unsere Abmachung und ließ mich mit seiner Meinung dazu in Ruhe. Wartete geduldig bis zur Mittagspause, um mich dann mit weiteren fadenscheinigen Erklärungen und Entschuldigungen zu überschütten.
Allein schon die Vorstellung, nachher mit ihm sprechen und mir sein billiges Gesäusel von wegen Einsicht und Vergebung anhören zu müssen, trieb mich zum Wahnsinn und ich überlegte ernsthaft, ob es nicht besser war, mich für den Rest des Tages einfach krankzumelden. Ob ich nicht einfach nach Hause gehen und Cosmo und Wanda alles erzählen sollte. Ihnen erzählen sollte, dass Gary wieder da war. Dass er eine Möglichkeit gefunden hatte, der Insel der Unerwünschten zu entkommen und mir ein weiteres Mal das Leben schwer zu machen.
>Bitte nicht, Tim-Tim<, hörte ich ihn in diesem Augenblick in meinen Gedanken und warf ihm einen missbilligenden Blick zu, den er so arglos und unschuldig wie nur möglich erwiderte. >Bitte gib mir die Chance, dir alles zu erklären<, flehte er mich an und tastete unter dem Tisch nach meiner Hand, die ich augenblicklich vor ihm zurückzog. >Bitte hör mich ein letztes Mal an. Hör dir an, was ich dir zu sagen habe. Bitte, Tim-Tim. Ich brauche dich<.
Für einen Moment starrte ich ihn an, ehe ich schließlich kurz nickte, um ihm dadurch zu signalisieren, dass ich einverstanden war und wandte mich dann wieder von ihm ab, versuchte, meine Aufmerksamkeit wenigstens für den Rest der Stunde auf Ms. Clark zu richten und so zumindest noch ein bisschen was von dem mitzubekommen, was sie uns über wirtschaftliche Strukturen erzählte.
Doch auch wenn ich mich ehrlich anstrengte und versuchte, ihr meine gesamte Konzentration zu schenken, es wollte partout nicht funktionieren. Egal, wie sehr ich meine Überlegungen rundum Gary auszublenden und mich auf die Stunde zu fixieren versuchte, ich schaffte es beim besten Willen nicht. Es war wie verhext. Es war wirklich wie verhext. Einerseits wollte ich mich überhaupt nicht mit ihm beschäftigen und ihn aus meinem Kopf verbannen, doch andererseits wiederum konnte ich auch nicht leugnen, dass es mich ein bisschen neugierig machte, was er mir wohl zu sagen hatte und warum er ausgerechnet jetzt wieder in meinem Leben aufgetaucht war.
Immerhin hatte er so viele Jahre auf der Insel der Unerwünschten verbracht und nie auch nur die geringsten Anstalten gemacht, sich noch einmal in meinem Leben blicken zu lassen. So viele Jahre hatte ich nichts mehr von ihm gehört, seit ich ihn und ein paar andere rückgängig gemachte Wünsche, die sich ebenfalls an mir rächen wollten, dort zurückgelassen und mit ein paar Klonen von mir versorgt hatte, an denen sie ihre Wut auf mich auslassen und abreagieren konnten.
So lange hatte ich daran geglaubt, ihn niemals wiedersehen, geschweige denn, noch einmal mit ihm sprechen zu müssen und endlich meine Ruhe vor ihm zu haben. Ich hatte ihn aus meinem Leben und meinem Gedächtnis gelöscht, in der Hoffnung, mich niemals wieder an ihn oder seine Rachegelüste erinnern zu müssen.
Und plötzlich war er hier. Hier an meiner Schule. Saß direkt neben mir, als wäre zwischen uns nie irgendetwas vorgefallen. Verlangte von mir, dass ich ihn anhörte. Dass ich ihm sein Geschwätz von Einsicht und Reue über seine Taten abkaufte und mich wieder mit ihm versöhnte. Verlangte, dass ich ihm seine Fehler verzieh und mich darüber freute, dass er wieder da war. Dass ich alles vergaß, was zwischen uns passiert war und ihm eine zweite Chance gab.
Wie kam er überhaupt auf den Gedanken, sich so etwas zu erlauben? Wie kam er darauf, dass ich ihm verzieh, nur weil er nach sechs Jahren wieder vor mir stand und mir weiszumachen versuchte, dass er sich grundlegend geändert hatte?
Er hatte verdammt noch einmal versucht, mich umzubringen! Er hatte zweimal versucht, mich auszulöschen. Hatte mir bittere Rache dafür geschworen, dass ich ihn damals einfach vergessen und jahrelang in meinem Kopf eingesperrt hatte. Hatte sich mit ein paar anderen Feinden von mir verbündet und meine Familie und Freunde gekidnappt. Und jetzt erwartete er allen Ernstes, dass ich ihm das verzieh? Dass ich mich mit ihm versöhnte und so tat, als wäre nie etwas geschehen?
Er musste verrückt sein, wenn er tatsächlich glaubte, dass ich nach allem, was er sich mir gegenüber geleistet hatte, dazu bereit war, ihm noch eine Chance zu geben. Das konnte er vergessen. Das konnte er sowas von vergessen. Was er mir angetan hatte, ließ sich einfach nicht verzeihen. Auch nicht nach sechs Jahren.
Nichtsdestotrotz wusste ich, dass ich keine andere Wahl hatte, als in der Mittagspause mit ihm zu sprechen. Ich wusste, dass er mir keine Ruhe lassen würde, bis ich mich nicht darauf einließ, ihn noch einmal anzuhören. Dass er jeden Tag in meine Gedanken eindringen und mich um Vergebung anflehen würde, bis ich mich endlich geschlagen gab und mit ihm sprach.
Also fügte ich mich schweren Herzens und mit gemischten Gefühlen seinem Willen und kam seiner eindringlichen Bitte nach. Ich würde ein letztes Mal mit ihm sprechen, um ihm ein für alle Mal klarzumachen, dass er von mir nichts mehr zu erwarten hatte. Dass er nichts weiter als Abschaum für mich war und sich auf schnellstem Wege aus meinem Leben scheren sollte. Dass ich ihn verabscheute für all das, was er sich vor sechs Jahren geleistet hatte.
Ich wollte ihm endgültig meine Meinung geigen und ihn davon überzeugen, dass wir beide uns nichts mehr zu sagen hatten. Dass er schnellstmöglich seine Sachen packen, zurück zur Insel der Unerwünschten verschwinden und dort verrotten konnte. Ich war fertig mit ihm. Für immer.

Eine Dreiviertelstunde später beendete Mr. Blake, unser Französischlehrer, gerade seinen Vortrag über die temporalen Formen französischer Verben und teilte uns eine kurze Zusammenfassung darüber aus, die wir bis zur nächsten Stunde auswendig lernen sollten.
Kurz bevor es zur Mittagspause klingelte, beauftragte er uns außerdem damit, uns den Anhang auf Seite 257 unseres Buches genauer anzusehen und ich wusste genau, worauf er mit dieser Andeutung hinauswollte. Ich kannte ihn bereits lange genug, um zu wissen, dass er wahrscheinlich zeitnah eine Klausur darüber schreiben würde und dass er uns durch diesen versteckten Hinweis wissen ließ, auf welche Themengebiete es ihm darin besonders ankam.
Eilig nahm ich mein Buch zur Hand und schlug die entsprechende Seite auf, um mir ein Bild davon zu machen, welche Menge an Lernstoff mich wohl erwarten würde. Die anderen – einschließlich Gary – waren bereits damit zugange, in die Pause zu verschwinden und plapperten dabei angeregt über dies und jenes, wie etwa die noch anstehenden Schulstunden, oder tauschten ihre Pläne für das kommende Wochenende miteinander aus.
Trace Milton, ein Mädchen aus den hinteren Reihen, lächelte mich kurz an, als sie an mir vorüberging und wandte sich dann zu ihrem Freund Michael Kennedy um, der ihr die Hand auf die Schultern gelegt hatte und sie bat, ihr zu folgen.
Nachdem ich die Seite kurz überflogen und mir einen groben Gesamtüberblick verschafft hatte, schlug ich das Französischbuch zu und ließ es kurzerhand in meiner Schultasche verschwinden. Gerade als ich mich erheben und ebenfalls in die Pause verschwinden wollte, lief Francis an mir vorbei und warf mir dabei einen verächtlichen Blick zu. „Angenehme Pause, du Schwuchtel“, rief er, ehe er zusammen mit seinen Freunden Chris Carfield und Seth Farret aus dem Klassenraum verschwand.
Doch ich schenkte dieser abfälligen Bemerkung keinerlei Beachtung, war viel zu fixiert auf das, was mich erwartete, sobald ich das Zimmer verließ. Auf die Tatsache, dass Gary wieder da war und mit mir sprechen wollte. Sich mit mir vertragen wollte. Mich darum gebeten hatte, ihn anzuhören.
Aber egal, was er sagte oder welche Geschichte er mir auftischen würde, ich würde ihm nicht verzeihen. Egal, wie sehr er mir einzureden versuchte, dass er sich geändert hatte – auf keinen Fall würde ich diesem Dreckskerl noch eine Chance geben. Das hatte er nicht verdient. Er verdiente es nicht, dass ich ihm alles verzieh und einen Neuanfang mit ihm machte. Er verdiente es noch nicht einmal, dass ich überhaupt mit ihm sprach.
Vielmehr hatte er es verdient, dass ich ihn grün und blau schlug für alles, was dieser Bastard sich geleistet hatte. Dass ich ihm jedes seiner pechschwarzen Haare einzeln ausrupfte und ihm mit den Fingernägeln die Augen auskratzte. Das hatte er verdient. Aber bestimmt nicht meine Vergebung.
Ein Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus, während ich mir vorstellte, wie ich Gary misshandelte. Wie ich ihn quälte. Ihm endlich all das zurückzahlte, was er mir einst angetan hatte. Mich endlich an ihm rächte. Ich konnte seine Schmerzensschreie buchstäblich hören. Konnte hören, wie er mich kreischend darum anbettelte, dass ich aufhörte. Ich konnte die Tränen sehen. Die unglücklichen Tränen in seinem Gesicht, die mir ohne jeden Zweifel bestätigten, wie qualvoll er litt.
Zufrieden mit diesen Gedanken machte ich mich schließlich auf den Weg zur Tür und trat einen Augenblick später in den Flur hinaus. Leiden soll er, dachte ich dabei und malte mir weitere grauenhafte Dinge aus, die ich ihm antun wollte. Ja, leiden! Bezahlen. Bezahlen für all seine Taten. Für seinen Egoismus.
„Timmy?“. Eine Stimme schreckte mich aus meinen Vorstellungen hoch, als ich den Korridor entlanglief und ließ mich schlagartig herumfahren. Eine Stimme, die ich aus tausenden ohne den geringsten Zweifel wiedererkennen würde. Eine Stimme, die mir einmal so vertraut und nah gewesen war wie noch keine andere in meinem Leben. Seine Stimme.
Seinen Körper gegen die Wand gelehnt und die Arme lässig vor der Brust verschränkt stand er da und warf mir durch die dunklen Gläser seiner Sonnenbrille einen unsicheren Blick zu. „Hallo, Tim-Tim“, sagte er und versuchte, mich anzulächeln, was ihm allerdings nicht so richtig gelingen wollte.
Mit zusammengekniffenen Augen starrte ich zu ihm hinüber, musterte ihn, genau wie heute Morgen, noch einmal ausgiebig von oben bis unten, ehe ich schließlich ein paar kleine Schritte auf ihn zumachte und dann, mit ausreichend Sicherheitsabstand zwischen uns, vor ihm stehenblieb.
„Meine Güte, wie groß du geworden bist“, setzte er fort und wollte nach meiner Hand greifen, doch ich zog sie reflexartig weg. „Spar dir dein Gesäusel“, erwiderte ich barsch und blickte ihm finster ins Gesicht. „Du weißt ganz genau, dass ich nur mit dir spreche, damit ich endlich meine Ruhe vor dir habe. Also hör mit deinem blödsinnigen Geschwafel auf und lass uns zum Punkt kommen. Ich hab auch noch was Wichtiges vor“.
„Gibt's einen Ort, wo wir ungestört reden können?“, wollte er wissen, scheinbar ein bisschen gekränkt von meinen harten Worten. Doch diese Show nahm ich ihm nicht ab. Kein weiteres Mal mehr würde ich auf einen seiner billigen Tricks hereinfallen. Meinetwegen konnte er auf der Stelle tot umfallen. Das war mir egal. Genauso egal wie er mir war.
„Komm mit“, antwortete ich und bedeutete ihm mit einem kurzen Wink, mir den Korridor entlang zu folgen. Ich wollte diese Sache so schnell wie nur möglich hinter mich bringen und ihm ein für alle Mal klarmachen, was ich von ihm hielt. Ob ihm das jetzt passte oder nicht.
Vor dem Aufenthaltsraum am Ende des Korridors blieb ich kurz stehen und lauschte, um mich zu vergewissern, dass er leer war. Danach schwang ich mit einem schnellen Ruck die Tür auf und wies Gary mit einem Blick an, einzutreten. „Nach dir“, sagte ich kühl, woraufhin er zu Boden schaute, meiner Anweisung aber schließlich Folge leistete und zögernd in den Raum spazierte.
Ich holte noch einmal tief Luft, ehe ich es ihm gleichtat und die Tür hinter uns ins Schloss fallen ließ. Gary hatte sich inzwischen auf einen der Stühle gesetzt und beide Hände angespannt in seinen Schoß gelegt, erwartete offensichtlich von mir, dass ich zu ihm kommen würde. Doch das konnte er vergessen. Ich blieb hier stehen. Ich fiel auf keinen seiner Tricks mehr herein. Niemals wieder.
„Also“, sagte ich kalt, während ich meinen Blick auf ihn fixierte. „Du willst reden? Dann rede. Sag, was du zu sagen hast. Ich habe nicht ewig Zeit“. „Tim-Tim...“, erwiderte er zögernd und schluckte schwer. „Ich... ich weiß überhaupt nicht, wo ich anfangen soll. Ich weiß nicht, wie ich dir erklären soll, wie Leid mir das alles tut. Ich...“.
„Ach, es tut dir Leid, ja?“, unterbrach ich ihn spöttisch. „Was genau tut dir denn Leid, hm? Dass du versucht hast, mich in meiner eigenen Fantasie einzusperren? Dass du meine Eltern und Freunde entführt und auf der Insel der Unerwünschten festgehalten hast? Dass du mich umbringen wolltest? Das tut dir Leid, hm?“.
„Tim-Tim, bitte...“, wollte er ansetzen, doch abermals fiel ich ihm ins Wort. „Sei still, Gary!“, zischte ich kalt. „Sei einfach still. Du lügst sowieso, wenn du nur den Mund aufmachst. Also lass uns diese Sache einfach abkürzen und verschwinde. Verschwinde aus meiner Schule und aus meinem Leben. Für immer!“.
„Bitte, Tim-Tim...“, flehte er mich mit zitternder Stimme an. „Ich weiß, ich habe Fehler gemacht. Schlimme Fehler. Ich weiß, dass man seinen besten Freund nicht so behandelt wie ich dich behandelt habe. Ich weiß, dass ich zu weit gegangen bin und dein Vertrauen schamlos ausgenutzt habe. Aber das ist sechs Jahre her. Ich habe mich geändert. Ich habe mich wirklich geändert, das musst du mir glauben“.
„Ich glaube dir nicht ein einziges Wort!“, keifte ich ihn an und versuchte, trotz meines immensen Zorns auf ihn nicht allzu laut zu sein, um zu verhindern, dass man uns erwischte. „Nicht ein Wort glaube ich dir, Gary. Du bist ein Lügner. Ein dreckiger, mieser Lügner bist du“. „Aber Tim-Tim“, konterte er und schaute mir dabei tief in die Augen. „Wir waren doch einmal beste Freunde. Erinnerst du dich denn nicht mehr daran?“.
„Du sagst es, wir WAREN!“, keifte ich zur Antwort und ballte die Hände zu Fäusten. „Das ist vorbei, Gary. Das ist lange vorbei. Du kannst nicht erwarten, dass ich dir all deine Fehler von damals einfach so verzeihe. Du kannst nicht nach sechs Jahren einfach wieder auftauchen und verlangen, dass ich alles vergesse, was zwischen uns passiert ist. Das bist du nicht wert, Gary. Das bist du einfach nicht wert“.
„Tim-Tim“, flüsterte er enttäuscht und wischte sich kurz über die Wange. „Bedeute ich dir denn gar nichts mehr? Hast du all die schönen Erlebnisse von damals schon vergessen? Weißt du nicht mehr, wie schön wir beide oft zusammen gespielt haben?“. „Komm mir jetzt ja nicht auf die Tour“, entgegnete ich abweisend. „Fang jetzt bloß nicht mit damals an. Was damals war, ist längst vorbei. Dazwischen ist so viel passiert, das sich nicht einfach so mir nichts, dir nichts vergeben lässt. Du hast meine Gefühle verletzt, Gary. Mein Vertrauen hast du schamlos ausgenutzt und missbraucht. Gequält hast du mich. Ausgelacht und verspottet. Und da erwartest du allen Ernstes, dass ich dir verzeihe? Oh nein, mein Lieber. So nicht. Nicht mehr mit mir. Für mich bist du nichts weiter als ein dreckiger, egoistischer Lügner. Und wenn du es genau wissen willst – nein, du bedeutest mir nichts mehr. Du bedeutest mir rein gar nichts mehr, Gary. Nicht das Geringste, hast du verstanden? Wenn ich überhaupt noch etwas für dich übrig haben sollte, dann allerhöchstens Abscheu und abgrundtiefe Verachtung“.
Ein Winseln drang zu mir herüber, als ich ihm diese Worte entgegengeschleudert hatte und ließ mich verwundert eine Augenbraue hochziehen. Weinte er etwa? Konnte das wirklich der Fall sein? Mr. Gary Supercool weinte tatsächlich? War nicht er es stets gewesen, der gesagt hatte, dass Tränen nur etwas für Schlappschwänze waren und mich ausgelacht hatte, wenn ich traurig gewesen war?
Und jetzt heulte er selbst. Er heulte, weil er es nicht aushielt, dass ich so von ihm dachte. Dass ich nicht einmal mehr das kleinste bisschen für ihn übrig hatte. Weil er wahrscheinlich immer noch davon überzeugt war, dass ich ihm verzeihen würde, wenn er nur lange genug flennte. Aber da hatte er sich gründlich geschnitten. Das konnte er sich abschminken. Er war für mich gestorben. Und damit Ende.
„Tim-Tim...“, schluchzte er leise und nahm seine Sonnenbrille ab. „Tim-Tim, ich habe dich doch lieb“. „Einen Dreck hast du!“, zischte ich aufgebracht und schlug mit der Faust gegen die Wand. „Einen verdammten Dreck hast du, Gary! Wenn du mich wirklich lieb hättest, hättest du damals nicht zweimal versucht, mich umzubringen. Du hättest mit mir geredet, anstatt deine Rachepläne an mir umzusetzen und mir das Leben zur Hölle zu machen“.
Erneut stieß er einen Schluchzer aus und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Tim-Tim...“, setzte er noch einmal an, doch wieder fiel ich ihm barsch ins Wort. „Halt deine Klappe, Gary!“, fuhr ich ihn rasend vor Wut an. „Halt endlich deine dreckige Klappe! Ich habe wirklich gedacht, dass du mein Freund bist. Ich habe gedacht, dass ich dir wirklich was bedeute und du niemals irgendetwas tun würdest, um mir zu schaden. Aber du hast mir zweimal mehr als klargemacht, dass ich mich geirrt habe. Du hast mir bewiesen, was für ein arrogantes Ekel du in Wirklichkeit bist. Darum tu mir einen Gefallen und scher dich aus meinem Leben. Scher dich zum Teufel, damit ich deinen jämmerlichen Anblick niemals wieder ertragen muss!“.
„Bitte...“, flehte er mich noch einmal an und sank auf die Knie. „Bitte, Tim-Tim. Ich...“. „Hör auf, mich so zu nennen!“, keifte ich in Rage. „Hör verdammt noch einmal endlich damit auf. Ich bin nicht mehr dein Tim-Tim und ich werde es auch nicht wieder sein, hast du das verstanden? Ich hasse dich, Gary. Ja, ich hasse dich. Und ich bete zu Gott, dass du eines Tages auf dieselbe Art und Weise verreckst wie du mich umbringen wolltest, du Dreckskerl. Also hör damit auf, mir zu erzählen, dass du deine Fehler ach so sehr bereust. Wenn hier jemand etwas bereut, dann bin ich das. Ich bereue den gottverdammten Tag, an dem ich dich erfunden habe, du billiges Hirngespinst!“.
Mit diesen Worten schwang ich die Tür auf und stürmte in den Flur hinaus. Ließ ihn schluchzend und jammernd im Aufenthaltsraum zurück. Ich musste hier aus. Ich musste hier einfach nur raus und mit jemandem sprechen. Jemandem erzählen, was Gary für ein Ekel war. Meine ganze Wut und Enttäuschung über ihn mit jemandem teilen. Mit jemandem, der das, was ich sagte, ernst nahm. Der mir zuhörte und mich verstand. Mit jemandem, bei dem ich mir sicher sein konnte, dass er es für sich behielt.
Ich musste zu Ms. Meadows und ihr die ganze Geschichte schildern. Sie war die Vertrauenslehrerin an unserer Schule. Sie wusste mit Sicherheit, was ich tun konnte, um mit der Situation besser klarzukommen. Sie hatte bestimmt einen Rat für mich, wie es mir am besten gelang, Gary zukünftig aus dem Weg zu gehen.
Ein letztes Mal warf ich einen Blick in den Aufenthaltsraum, in dem Gary immer noch auf die Knie gesunken vor sich hinschluchzte. Geschieht dir recht, du Bastard, dachte ich für mich, als ich mich umwandte und den Korridor entlang zum Sekretariat lief. Hoffentlich sehe ich dich nie wieder.
Ich hatte ja nicht die leiseste Ahnung davon, dass diese Hoffnung sich schneller bewahrheiten sollte als mir lieb war.

Kurze Zeit später kam ich bei Ms. Meadows' Büro an und blieb mit gemischten Gefühlen vor der Tür stehen. Zögernd hob ich den Arm, um zu klopfen, hielt dann allerdings in meiner Bewegung inne und dachte nach.
Sollte ich das jetzt wirklich tun? Sollte ich wirklich da hineinmarschieren und ihr alles über Gary erzählen? Sollte ich ihr erzählen, dass ich ihn noch von früher kannte und ihn auf den Tod nicht ausstehen konnte? Sollte ich ihr von seinen Intrigen berichten und ihr sagen, dass er bereits zweimal versucht hatte, mich umzubringen? Dass er mir finstere Rache dafür geschworen hatte, dass ich ihn fünf Jahre lang in meinem Kopf eingesperrt hatte?
Nein, beschloss ich in diesem Augenblick für mich. Nein, das konnte ich ihr einfach nicht sagen. Ich konnte nicht da reingehen und ihr weismachen, dass Gary mein ehemaliger Fantasiefreund war und dass ich ihn im Prinzip erst zum Leben erweckt hatte.
Sie würde mich für bekloppt halten. Sie würde mich ohne jeden Zweifel für bekloppt halten. Mich höchstwahrscheinlich fragen, ob ich Medikamente oder anderweitig Drogen konsumiert hatte. Sie würde meine Eltern anrufen und ihnen verklickern, dass es das Beste für mich war, zu einem Therapeuten zu gehen. Die gesamte Schule würde sich das Maul über mich zerreißen, wenn irgendjemand Wind davon bekam.
Timmy Turner, der Junge mit den Wahnvorstellungen. Ich konnte das nicht tun. Ich konnte Ms. Meadows einfach nicht die Wahrheit über Gary sagen. Ich konnte nicht sagen, dass er nichts weiter als ein Hirngespinst war, das erst durch Magie zu richtigem Leben erwachte. Sie würde mir nie im Leben Glauben schenken. Mich für geisteskrank halten. Für unzurechnungsfähig. Verrückt.
Aber war ich das im Prinzip nicht auch? War ich nicht ohnehin vollkommen meschugge, wenn man bedachte, dass meiner lebhaften Fantasie eines Tages ein Monster wie Gary entsprungen war? War es da nicht egal, was andere über mich dachten oder was sie von mir hielten? War ich nicht sowieso total plemplem? Kam es mir da wirklich noch auf eine zusätzliche Bestätigung seitens einer Lehrkraft an?
Erneut hob ich die Hand und klopfte dann vorsichtig an Ms. Meadows' Bürotür an. Ich musste einfach mit ihr sprechen. Ich musste ihr erzählen, dass ich Streit mit meinem neuen Mitschüler Gary gehabt hatte. Musste ihr erzählen, dass ich ihn nicht leiden konnte. Sie brauchte ja nun wirklich nicht jedes kleine Detail zu wissen. Bestimmte Sachen konnte ich ja einfach überspringen und so das Risiko umschiffen, für verrückt gehalten zu werden.
„Immer herein“, hörte ich sie schließlich nach kurzem Warten sagen und schwang mit zitternden Händen und klopfendem Herzen die Tür auf. „Guten Tag, Ms. Meadows“, begrüßte ich sie mit piepsender Stimme, im Unklaren darüber, wie es mir gelang, mein Anliegen am besten vorzubringen.
„Mr. Turner“, erwiderte sie, als sie von ihrem Schreibtisch aufsah und lächelte mich freundlich und zuvorkommend an. „Was kann ich denn für Sie tun, mein Lieber?“. „Ich... ich glaube, ich habe da ein Problem“, antwortete ich und senkte meinen Blick rasch zu Boden, um sie nicht ansehen zu müssen. „Hätten Sie vielleicht einen Moment Zeit für mich?“. „Aber selbstverständlich, Mr. Turner“, erwiderte sie freundlich und bat mich mit einer raschen Handbewegung, mich zu ihr an den Schreibtisch zu setzen.
Unsicher kam ich ihrer wortlosen Aufforderung nach und nahm ihr gegenüber Platz, vermied jedoch nach wie vor jeglichen Blickkontakt. „Also, Mr. Turner, worum geht es denn bitte, wenn ich fragen darf?“, erkundigte sie sich gespannt und rückte rasch ihre Brille zurecht.
„Es... es geht um einen Mitschüler von mir“, antwortete ich leise und legte beide Hände in meinen Schoß, während ich mit den Füßen nervös auf- und abwippte. „Sein Name ist Gary“. „Ah, der Neuankömmling“, meinte sie lächelnd, während sie ihre Arme auf dem Tisch verschränkte. „Ein netter Junge, nicht wahr?“.
„Nun, sehen Sie... genau das ist das Problem...“, versuchte ich ihr zu erklären und nagte aufgeregt auf meiner Unterlippe herum. „Ich weiß, es mag sich bestimmt eigenartig anhören, aber ich kenne ihn noch von früher. Wir sind quasi Sandkastenfreunde, verstehen Sie?“. „Ach, ein alter Bekannter?“, erkundigte sie sich mit einem Lächeln, woraufhin ich zögernd nickte. „So was in der Art, ja“, stimmte ich ihr dann zu und schluckte schwer.
„Wissen Sie, wir... wir sind damals im Streit auseinandergegangen“, setzte ich fort und atmete tief durch. „Wir haben uns all die Jahre nicht mehr wiedergesehen und nie die Chance dazu gehabt, uns richtig auszusprechen“. „Ich verstehe...“, erwiderte sie laut denkend und legte ihre Stirn in Falten. „Mr. Turner, bitte verzeihen Sie mir diese indiskrete Frage, aber worum ging es denn bei diesem Streit?“.
„Belanglosigkeiten“, improvisierte ich etwas zu rasch, was sie dazu brachte, mich verwundert anzuschauen. „Ich... ich meine, das waren so Sachen wie wer das bessere und tollere Spielzeug hat oder wer die größere Sandburg bauen kann“, erklärte ich, um nicht unnötig ihr Misstrauen zu wecken. „Sie wissen schon. Worüber kleine Kinder sich eben so streiten“.
„Und danach ist der Kontakt zu ihm abgebrochen?“, wollte Ms. Meadows wissen, was ich ihr durch ein Nicken bestätigte.
„Nach diesem Vorfall sind wir getrennte Wege gegangen“, erzählte ich weiter. „Gary ist dann umgezogen. Ich weiß nicht einmal genau, wohin überhaupt. Und seit diesem Tag habe ich nichts mehr von ihm gehört. Bis heute“. „Das war bestimmt eine große Überraschung für Sie, Mr. Turner“, vermutete sie und legte wieder ein Lächeln auf.
„Das können Sie laut sagen“, stimmte ich ihr nickend zu, während ich gedanklich die richtigen Worte für den Rest meiner Geschichte suchte. „Ich... ich habe ihn zuerst gar nicht wiedererkannt. Erst, als Ms. Clark seinen Namen gesagt hat, ist mir plötzlich alles wieder eingefallen. Ich weiß nicht, warum, aber irgendwie schien ich es verdrängt zu haben“. „Das ist ein völlig natürlicher Verarbeitungsprozess“, erklärte sie mir verständnisvoll. „Unser Gehirn versucht ständig, unangenehme oder schlechte Erfahrungen auszublenden und sie aus dem Bewusstsein zu entfernen. Aber auch wenn wir sie verdrängen, sie sind immer in unserem Kopf vorhanden, ganz tief abgespeichert in den Strukturen unseres Gedächtnisses. Und sie können auf unterschiedlichste Art und Weise wieder hervorgerufen werden. Dies kann etwa durch Nennung eines einzelnen Begriffs der Fall sein oder durch erneutes Erleben einer gewissen Situation, mit der man diese Erfahrungen verbindet. Oder wie in Ihrem Fall auch durch Wiedererkennen einer bestimmten Person“.
„Da haben Sie vermutlich Recht“, musste ich ihr zustimmen, während ich über ihre Worte nachdachte. Das erneute Treffen auf Gary hatte all die alten Erinnerungen wieder in mir geweckt. All die Erlebnisse und Momente, die ich längst vergessen geglaubt hatte. Aber sie waren nicht vergessen. Sie waren immer noch da. Tief drin in meinem Kopf waren sie immer noch da. Ms. Meadows hatte Recht. Sie hatte mit allem Recht, was sie da sagte.
>Tim-Tim<, rauschte es plötzlich wieder durch meine Gedanken und ließ mich vor Schreck zusammenzucken. >Nicht du schon wieder, Gary!<, dachte ich wütend und schüttelte meinen Kopf, als könnte ich ihn dadurch verjagen. >Hau ab! Verschwinde! Lass mich endlich in Frieden, verdammt noch einmal!<.
>Mach dir keine Sorgen, Tim-Tim<, antwortete er mir leise. >Ich werde bald aus deinem Leben verschwunden sein. Bald wirst du mich niemals wieder sehen und nie wieder meine Gegenwart ertragen müssen. Bald wird dein Wunsch sich erfüllt haben. Ich werde diese Welt verlassen. Dann bist du mich für immer los<.
Irgendetwas an diesen Worten jagte mir einen eiskalten Schauer über den Rücken. Sie klangen so kalt. So leer. So verzweifelt. Was meinte er damit, dass er diese Welt verlassen wollte? Was deutete er mir damit an? >Wie meinst du das, Gary?<, fragte ich ihn in Gedanken, während sich ein ganz komisches Gefühl in meiner Magengegend ausbreitete und meinen gesamten Körper verkrampfen ließ.
>Ich verschwinde aus dieser Welt<, bekam ich nach einiger Zeit die Antwort übertragen. >Ich mache Schluss mit meinem Leben und erfülle dir deinen Wunsch. Ohne dich hat es sowieso keinen Sinn mehr, weiterzuleben<.
Er will sich umbringen, wurde mir entsetzt klar und ließ mich erneut vor Schreck zusammenfahren. Er hat vor, sich das Leben zu nehmen. Er will sich etwas antun. Und das alles nur meinetwegen. Ich bin zu hart gewesen. Ich bin viel zu hart zu ihm gewesen. Ich habe ihn dazu getrieben. Es ist meine Schuld.
„Mr. Turner?“, unterbrach Ms. Meadows meine Gedanken. „Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“. Doch ich war nicht in der Lage, ihr etwas darauf zu antworten. Stattdessen fixierte ich mich mit all meinen Sinnen auf Gary, versuchte, ihn von seiner Verzweiflungshandlung abzubringen.
>Gary, wo bist du?<, fragte ich ihn mental und spürte, dass mein Herz zu rasen begann. >Wo bist du, Gary? Bitte antworte mir. Sag mir, wo du bist. Bitte!<. >Was spielt das denn noch für eine Rolle?<, kam nach einigen Augenblicken, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen, seine Antwort. >Was kümmert es dich, wo ich bin oder was ich tue? Du willst mich doch ohnehin loswerden. Du hasst mich doch sowieso<.
>Nein, Gary!<, protestierte ich und fühlte in meinem Kopf totales Chaos ausbrechen. >Das ist nicht wahr. Das ist nicht wahr, glaub mir! Bitte sag mir, wo du bist. Sag mir, wo du dich aufhältst, damit ich zu dir kommen kann. Lass uns ganz in Ruhe über alles reden, Gary. Bitte!<. >Wozu soll das gut sein?<, antwortete er mir wieder nach einiger Zeit. >Du hast doch gesagt, dass ich sterben soll und dass du dir wünscht, ich hätte nie existiert<.
>Das habe ich nicht so gemeint! Bitte glaub mir, das habe ich nicht so gemeint!<, warf ich ein und betete, dass er mir irgendein Zeichen geben würde, durch das ich herausfinden konnte, wo er sich gerade aufhielt. Ich musste um jeden Preis zu ihm. Ich musste ihn davon abhalten, eine riesengroße Dummheit zu begehen. Ich durfte nicht zulassen, dass er sich meinetwegen das Leben nahm. Ich brauchte ihn. Egal, was ich ihm vorgeworfen hatte. Ich brauchte ihn. Ich liebte ihn.
>Gary, bitte<, setzte ich hinzu und schloss meine Augen, um mich besser auf ihn konzentrieren zu können. >Bitte glaub mir. Ich brauche dich. Ich brauche dich, Gary. Bitte sag mir, wo du bist. Lass uns noch einmal über alles reden. Ich flehe dich an. Bitte!<.
>Es ist nur ein Schritt, Tim-Tim<, erwiderte er und jagte mir damit noch mehr Angst ein. >Nur ein Schritt, dann bist du von mir erlöst. Und ich werde den Schritt machen. Ich mache ihn, um dich endlich von mir zu befreien. Ich tue es aus Liebe, Tim-Tim. Aus echter Liebe zu dir. Damit ich dir niemals wieder schaden und dein Leben ruinieren kann<.
>Nein, Gary!<, bettelte ich ihn gedanklich an und fühlte Verzweiflung in mir aufsteigen. >Wo auch immer du bist und was auch immer du vorhast, tu es nicht. Wenn du mich wirklich liebst, dann tu es nicht!<.
Einige Momente verstrichen, doch er antwortete mir nicht. Das ließ mich erst recht in Panik geraten und ich sprang ruckartig aus meinem Sessel hoch. „Um Gottes Willen, Mr. Turner!“, rief Ms. Meadows aus, die sich dabei fast zu Tode erschreckte. „Was um alles in der Welt ist denn in Sie gefahren?“. „Gary!“, brachte ich mit bebender Stimme hervor, während ich mir das, was er mir telepathisch übertragen hatte, noch einmal durch den Kopf gehen ließ.
Nur ein Schritt, hatte er gemeint. Er musste nur einen Schritt machen, um sich von dieser Welt zu befreien. Aber was hatte er damit bloß angedeutet? Einen Schritt wohin? In welche Richtung? Was konnte er denn nur vorhaben?
>Gary<, versuchte ich noch einmal, eine Verbindung zu ihm zu bekommen. >Gary, bitte. Antworte mir. Ich flehe dich an. Sag mir, wo du dich befindest. Bitte sag es mir. Gib mir die Möglichkeit, noch einmal mit dir zu sprechen. Bitte, Gary. So antworte mir doch!<.
„Gary?“, hakte Ms. Meadows nach, die mich die ganze Zeit über verdutzt ansah. „Er ist in Gefahr!“, rief ich aus und begann am ganzen Körper zu zittern. „Er ist in großer Gefahr, Ms. Meadows! Wir müssen ihn finden!“. „Ganz ruhig, Mr. Turner“, erwiderte sie und versuchte vergeblich, mich irgendwie zur Ruhe zu bringen. „Wovon reden Sie denn da eigentlich?“.
„Er wird sich etwas antun!“, schluchzte ich aufgelöst und spürte kühle Tränen in meinem Gesicht. „Er wird sich umbringen, wenn wir ihn nicht finden!“. „Mr. Turner, bitte beru...“. „Ich kann mich aber nicht beruhigen!“, schrie ich sie tränenblind an und schlug mit dem Fuß hart gegen ihren Schreibtisch. „Gary ist in Lebensgefahr! Er wird sich umbringen! Bitte, Sie müssen mir helfen, ihn zu finden!“.
„Aber Mr. Turner, was reden Sie denn da? Woher wollen Sie das überhaupt wissen?“, erwiderte sie, ratlos über mein rätselhaftes Verhalten. „Ich... ich weiß es einfach, okay?!“, kreischte ich laut. „Ich weiß, dass er in Gefahr ist. Bitte helfen Sie mir! Sie müssen mir helfen!“.
Während meiner aufgelösten, verzweifelten Schreie und Bitten bemerkte ich gar nicht, dass hinter uns die Tür aufschwang und unser Direktor Mr. Steinman hereingestürmt kam. „Harriet“, rief er Ms. Meadows aufgeregt zu, während er sich darum bemühte, wieder zu Atem zu kommen. „Harriet, du musst auf der Stelle mitkommen. Einer unserer Schüler steht oben auf dem Dach und will sich herunterstürzen!“.
„Gary!“, schrie ich tränenüberströmt, woraufhin sowohl Ms. Meadows als auch Mr. Steinman mir einen verwunderten Blick zuwarfen. „Woher wissen Sie...?“, begann Mr. Steinman, unterbrach sich dann allerdings, als ich ihn beiseite stieß und hastig aus dem Zimmer stürmte. „Mr. Turner!“, rief Ms. Meadows mir noch nach, doch ich schenkte ihr gar keine Beachtung.
Ich musste rauf aufs Dach. Ich musste zu Gary. Musste ihn daran hindern, sich das Leben zu nehmen. Ihn dazu bringen, mich anzuhören. Ihm sagen, wie Leid es mir tat, was ich ihm im Zorn alles an den Kopf geworfen hatte. Und dass ich ihn liebte. Dass ich ihn über alles liebte. >Ich komme, Gary<, übermittelte ich ihm, während ich die vielen Treppenstufen hinaufstürmte. >Hast du gehört? Ich komme. Bitte spring nicht. Spring bitte nicht, Gary. Tu mir das nicht an. Ich liebe dich doch. Ich liebe dich über alles<.
Zwei Mädchen kamen mir entgegen und schauten mich verblüfft an, als ich in Windeseile an ihnen vorbeiraste. >Halte durch, Gary<, sandte ich einen weiteren Gedanken an ihn. >Bitte halte durch. Ich bin gleich bei dir. Ich bin gleich da und wir reden ganz in Ruhe über alles, okay? Es wird alles wieder gut. Bitte mach keinen Scheiß. Verdammt nochmal, Gary, mach keinen Scheiß!<.
Den Rest der Treppenstufen sprang ich förmlich hinauf und überschlug mich fast, als ich auf dem letzten Absatz hängenblieb. „Mr. Turner!“. Von unten hörte ich Ms. Meadows und Mr. Steinman nach mir rufen, doch ich achtete gar nicht auf sie, rannte stattdessen den Korridor entlang, der am Ende aufs Dach hinausführte. Außer Atem keuchend umfasste ich den Türgriff und zog dann die schwere Glastür so weit wie möglich auf, bis ich schließlich hindurchschlüpfen konnte.
Wie gebannt schaute ich mich auf dem Dach um, ließ meinen Blick in alle Richtungen schweifen, bis ich ihn schließlich auf der rechten Seite entdeckte, die hinunter zum Schuleingang führte. „Gary“, rief ich laut und rannte ein paar Schritte auf ihn zu. „Gary, bitte!“. „Stehenbleiben, Tim-Tim“, forderte er und hob seine rechte Hand, wandte mir allerdings weiterhin den Rücken zu. „Stehenbleiben, sonst kannst du mir dabei zuschauen, wie ich fliege“.
„Gary!“, schrie ich unter Tränen. „Bitte nicht! Bitte!“. „Warum nicht?“, erwiderte er gleichgültig und kalt. „Du willst mich doch sowieso nicht haben. Wozu also noch weitermachen?“. „Gary, bitte“, flehte ich ihn erneut an. „Bitte hör mir zu...“. „Sinnlos, Tim-Tim“, unterbrach er mich mit völlig emotionsloser Stimme. „Ich werde meinem Leben ein Ende machen. Du hast ja selbst gesagt, dass das dein ausdrücklicher Wunsch ist. Also tue ich dir den kleinen Gefallen. Das tun beste Freunde nämlich, weißt du?“.
„Gary, ich flehe dich an!“, schrie ich ihm zu und fühlte die Tränen an meinen Wangen herunterkullern. „Bitte lass uns über alles reden. Lass uns reden und zusammen eine Lösung finden!“. „Wozu noch reden?“, erwiderte er kühl. „Es ist doch schon alles gesagt. Ich weiß jetzt, was ich tun muss, um dein Leben wieder besser zu machen“.
„Nein!“, erwiderte ich heulend. „Nein, Gary, dadurch machst du es nicht besser. Dadurch machst du es schlimmer. Du darfst mich nicht alleinlassen. Du bist doch mein bester Freund! Mein allerbester Freund!“. „Ach, auf einmal wieder, ja?“, warf er mir entgegen und ich konnte hören, dass auch er in Tränen ausgebrochen war.
„Ich weiß, ich habe Fehler gemacht“, setzte ich fort und wagte mich noch einen Schritt auf ihn zu. „Ich weiß, ich habe Dinge gesagt, die dir das Herz gebrochen haben. Ich habe dich schlecht behandelt. Dich verachtet und verletzt. Ich habe dir wehgetan, Gary. Dabei war das immer genau das, was ich niemals wollte. Ich liebe dich, Gary. Bitte glaub mir das. Ich liebe dich“.
„Du lügst!“, schrie er mich an und fuhr mit einem Ruck herum. „Du hasst mich. Ganz tief in deinem Herzen hasst du mich. Gib es doch zu. Gib zu, dass du es gar nicht erwarten kannst, bis ich endlich runterspringe!“. „Das ist nicht wahr!“, wiederholte ich verzweifelt. „Das ist nicht wahr, Gary! Ich liebe dich. Bitte glaub mir das doch, ich liebe dich über alles!“.
„Lügen!“, kreischte er erneut mit bebender Stimme. „Alles nur Lügen! Du hast dir gewünscht, dass ich sterbe. Also sterbe ich auch, genau, wie du es willst. Ohne dich macht es ohnehin keinen Sinn, weiterzuleben. Du bist der einzige Mensch auf der Welt, den ich wirklich liebe. Und wenn du mich schon nicht mehr haben willst, wofür bin ich dann eigentlich noch am Leben?“.
„Du... du liebst mich?“, hakte ich nach, um ihn so lange wie nur möglich in ein Gespräch zu verwickeln. „Du meinst... richtig?“. „Was spielt das denn noch für eine Rolle?!“, zischte er unter Tränen und wollte sich von mir abwenden. „Gary!“, rief ich hastig, um den Blickkontakt nicht zu verlieren. „Gary, bitte schau mich an. Schau mich an und sag es mir. Meinst du wirkliche Liebe? Die Art von Liebe, bei der man Schmetterlinge im Bauch hat?“.
„Wozu ist das noch wichtig?!“, fauchte er mit zusammengebissenen Zähnen. „Für mich ist es wichtig“, erwiderte ich und bemühte mich, so besänftigend wie nur möglich zu klingen. „Es ist sogar sehr wichtig. Bitte sag es mir, Gary. Hast du Schmetterlinge im Bauch? Bist du in mich verliebt?“.
„Verdammt, ja!“, schleuderte er mir zur Antwort entgegen und ballte seine Hände zu Fäusten. „Ja, das bin ich, okay? Bist du jetzt zufrieden?!“. „Deswegen bist du zurückgekommen“, wurde mir in diesem Moment klar und mein Herz begann zu beben. „Deswegen bist du zu mir zurückgekommen. Du hast dich verliebt. Du hast dich wirklich in mich verliebt“.
„Jeden Tag“, erwiderte er schluchzend. „Jeden gottverdammten Tag habe ich an dich gedacht. Jeden Tag wurde dieses Gefühl stärker, bis es mich irgendwann ganz einnahm und ich mich nicht mehr dagegen wehren konnte. Ich musste zu dir zurück! Ich konnte nicht anders, verdammt!“. „Oh Gary...“, flüsterte ich, während tausend Emotionen durch meinen Körper schossen und alles plötzlich einen Sinn für mich ergab.
Darum war er also hierher zurückgekommen. Darum war er hier aufgetaucht und hatte mich angefleht, ihm zu verzeihen. Darum war es ihm so wichtig, dass ich die Vergangenheit vergaß und einen Neuanfang mit ihm machte. Er hatte sich verliebt. Mein kleiner Gary hatte sich tatsächlich in mich verliebt.
Eine merkwürdige, aber dennoch angenehme Wärme breitete sich in mir aus und ließ mich noch einen Schritt nach vorne machen. Er liebt mich, ging es mir noch einmal durch den Kopf und ließ meine Gefühle Achterbahn fahren. Er liebt mich wirklich. Er tut das alles nur, weil er verzweifelt ist. Weil er nicht mit dem Gedanken leben kann, dass ich nicht dasselbe fühle wie er. Weil ich ihm durch meine eiskalten Worte vorhin das Herz gebrochen und ihm jeglichen Lebensmut genommen habe.
Dabei tut er das alles nur aus Liebe. Nur aus Liebe ist er zu mir zurückgekommen. Aus Liebe hat er meine Vergebung gesucht. Aus Liebe steht er jetzt hier oben und will sich in die Tiefe stürzen. Weil er sich verliebt hat und ohne mich nicht leben kann. Genauso wenig wie ich ohne ihn.
So vorsichtig wie möglich machte ich ein paar weitere Schritte auf ihn zu, bis ich schließlich nur noch wenige Meter von ihm entfernt war. „Gary“, flüsterte ich ganz ruhig, woraufhin er mir über die Schulter einen kurzen Blick zuwarf. „Gary, bitte hör mir noch einmal zu. Ich möchte dir etwas ganz Wichtiges sagen. Bitte schau mich an. Schau mir tief in die Augen, Gary“.
Zögernd wandte er seinen Kopf in meine Richtung und wunderte sich, als er das Lächeln auf meinen Lippen bemerkte. „Gary...“, flüsterte ich leise. „Ich liebe dich auch“. Auf diese Aussage hin starrte er mich für einen Augenblick an, konnte gar nicht fassen, was er da gerade gehört hatte.
„Du lügst doch!“, protestiere er dann, woraufhin ich heftig den Kopf schüttelte. „Nein, Gary“, wehrte ich ab. „Nein, ich lüge nicht. Ich lüge wirklich nicht. Ich liebe dich. Das hat mein Herz mir gerade deutlich zu verstehen gegeben“. „Das ist nicht wahr!“, konterte er, doch ich merkte, dass er sich mit dieser Behauptung allem Anschein nach nicht ganz sicher war.
„Es ist wahr“, versicherte ich ihm. „Es ist wahr, Gary“. Mit diesen Worten streckte ich ihm meinen Arm entgegen und versuchte, ihn zärtlich anzulächeln. „Bitte gib mir deine Hand“, bat ich ihn und ging noch einen kleinen Schritt auf ihn zu, damit er mich erreichen konnte. „Gib mir deine Hand und ich beweise dir, dass ich dir die Wahrheit sage“. Zögernd ließ er sich auf meine Worte ein und streckte den Arm kurz nach mir aus, hielt dann jedoch in seiner Bewegung inne und sah mich an.
„Bist du noch mein Tim-Tim?“, wollte er dann wissen, während ein paar kühle Tränen seine Wangen hinunterliefen. „Das bin ich, Gary“, versprach ich ihm und berührte ganz vorsichtig seine Hand. „Glaub mir, Gary. Das bin ich. Und das werde ich auch immer sein, das verspreche ich dir“.
„Tim-Tim!“, rief er mit einem lauten Schluchzen aus und sank in meine Arme. Er krallte sich an mir fest und weinte sich die Seele aus dem Leib. „Mein Gary“, flüsterte ich ihm unter Tränen zu, während ich ihm zärtlich über den Rücken streichelte. „Mein kleiner Gary“. Er erwiderte nichts darauf, schluchzte nur und klammerte seine Hände in meine Schultern. „Ich liebe dich“, wisperte ich aufgelöst. „Bitte glaub mir, Gary. Ich liebe dich“.
Einige Augenblicke lang hielten wir uns fest in den Armen und streichelten einander. Ich hatte über die Jahre ganz vergessen gehabt, wie sehr ich seine Nähe immer geliebt hatte. Diese zärtliche Nähe, die ich nur bei ihm finden konnte. Bei meinem Gary. Meinem wunderbaren, kleinen Gary.
„Oh Tim-Tim...“, flüsterte er, als er sich aus unserer Umarmung löste und schaute mir in die Augen. Und in diesem Augenblick entschied ich mich dazu, es einfach zu tun. Es einfach aus dem Bauch heraus zu tun, ohne dabei über falsch oder richtig nachzudenken. Ich hatte ihm gesagt, dass ich ihn liebte. Und ich wollte alles in meiner Macht Stehende dafür geben, damit er an dieser Aussage nie wieder den Glauben verlor.
Rasch schloss ich meine Augen und tat dann das, was meine Gedanken von mir verlangten. Ich küsste ihn. Ich küsste ihn einfach mitten auf seinen Mund. Ich wusste nicht, warum. Ich tat es einfach. Weil ich mich verliebt hatte. Weil ich mich richtig in ihn verliebt hatte und absolut alles dafür gab, um es ihm zu beweisen. Um ihm zu zeigen, dass meine Worte ehrlich gemeint waren. Dass ich sie nicht einfach so dahergesagt hatte, sondern dass sie tief aus meinem Herzen kamen. Mein Herz hatte sich in ihn verliebt. Ich hatte mich in ihn verliebt. Und ich wollte ihn nie wieder verlieren. Nie wieder in meinem Leben.
Ich spürte sein Herz lauter klopfen, während ich ihn tiefer und tiefer in diesen Kuss hineinzog. Mich mit ihm verband und ihn spüren ließ, dass er nicht allein war. Dass ich immer für ihn da sein würde, wenn er mich brauchte. Dass ich ihn liebte. Ihn aus ehrlichem Herzen liebte.
Zärtlich streichelte ich durch sein schwarzes Haar, als ich unseren Kuss auflöste und lächelte ihn sanft an. „Für immer, Gary“, hauchte ich zärtlich, was ihn noch einmal schluchzen ließ. „Ganz fest versprochen, okay?“.
Er antwortete nicht, sondern legte stattdessen den Kopf auf meine Schulter, während wir auf die Menschenmenge aus Schülern und Lehrern hinabschauten, die sich vor der Schule versammelt und jede unserer Bewegungen genaustens unter Beobachtung hatte. Doch ich konzentrierte mich nur auf ihn, hielt ihn so fest ich nur konnte und schaltete das Stimmengewirr da unten einfach aus.
Alles, was in diesem Augenblick zählte, war er. Und die Tatsache, dass er noch am Leben war. Dass ich ihn von seinem Vorhaben abbringen und sein Leben hatte retten können. Ihm hatte beweisen können, dass er mir nicht egal war. Dass ich ihn brauchte und liebte. Ihn über alles auf dieser Welt liebte.
„Mr. Turner!“, erklang plötzlich eine Stimme hinter uns und ließ mich ruckartig herumwirbeln. Ms. Meadows und Mr. Steinman kamen auf uns zugestürmt und starrten mich vollkommen durcheinander an, als ihr Blick auf Gary fiel, der den Kopf noch immer auf meiner Schulter liegen hatte und sich leise weinend mit beiden Händen an mir festhielt. „Was... was ist denn hier passiert?“, wollte Ms. Meadows wissen, die sichtlich verwirrt von der Situation war. Ich gab Gary einen kurzen Kuss auf seinen Kopf, ehe ich mich schließlich an sie wandte, um ihre Frage zu beantworten.
„Das ist eine lange Geschichte, Ms. Meadows“, erklärte ich ihr und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. „Eine sehr lange Geschichte“.

„Bitte, setzen Sie sich doch erst einmal hin“. Ms. Meadows führte uns zu dem Sofa im Aufenthaltsraum hinüber und bat uns mit einem flüchtigen Wink, dort Platz zu nehmen. Dann schnappte sie sich einen Stuhl und setzte sich uns direkt gegenüber, während sie ihren Blick immer wieder zwischen uns beiden hin- und herschweifen ließ.
Gary hatte sich immer noch an mir festgeklammert und seinen Kopf gegen meine Schulter gelehnt, während ich meine Finger zärtlich durch sein Haar gleiten ließ und ihm dadurch klarmachte, dass ich für ihn da war. Dass ich ab heute immer für ihn da war, wenn er mich brauchte und ihn niemals wieder aus meinem Leben gehen lassen würde. Ich ertrug den Gedanken einfach nicht, ihn noch einmal zu verlieren, jetzt, nachdem ich endlich wusste, was er in Wirklichkeit für mich empfand.
Er war gar nicht zu mir zurückgekommen, um seinen Racheplan von damals zu Ende zu bringen. Er war zurückgekommen, weil er sich in mich verliebt hatte. Weil er einfach nicht ohne mich leben konnte und für immer mit mir zusammen sein wollte. Genau wie ich mit ihm. Als ich ihn vorhin auf dem Dach gesehen hatte, so einsam und verzweifelt, da war mir plötzlich klargeworden, dass ich überhaupt nicht dazu in der Lage war, ihn zu hassen.
Ich liebte ihn. Ich liebte ihn mehr, als ich es mit Worten jemals zum Ausdruck bringen konnte. Ich brauchte ihn, genau wie er auch mich brauchte. Und ich schwor mir, dass ich ab dem heutigen Tag alles dafür geben würde, um ihn meine Liebe spüren zu lassen. Um ihn spüren zu lassen, dass mein Herz nur noch für ihn schlug. Nur noch für ihn ganz allein. Für meinen Gary. Meinen kleinen, wundervollen Gary. Ich hatte mich in ihn verliebt. Ich hatte mich wirklich in ihn verliebt.
„Also, Mr... Mr. Turner...“, begann Ms. Meadows zögernd und holte mich damit aus meinen Gedanken zurück in die Wirklichkeit. „Ich... ich bin immer noch etwas durcheinander“. Erneut ließ sie ihren Blick zwischen Gary und mir hin- und herschweifen und stieß ein erleichtertes Seufzen aus, ehe sie Gary an die Hand nahm und ihn dazu brachte, sie anzusehen. „Zunächst möchte ich Ihnen sagen, wie froh wir alle darüber sind, dass Sie noch leben“, teilte sie ihm mit und versuchte, dabei ruhig zu klingen, wenngleich sie bestimmt mindestens so aufgewühlt war wie ich.
Er erwiderte nichts darauf, ließ stattdessen nur ein leises Schluchzen verlauten, woraufhin ich ihn noch einmal streichelte. „Ist ja gut, Gary“, flüsterte ich, obwohl ich selbst noch immer mit Tränen kämpfte. „Ist alles wieder gut, okay?“. Ms. Meadows warf mir einen Blick zu, der mich bereits vermuten ließ, was sie als nächstes zu mir sagen würde.
„Bitte verstehen Sie mich nicht falsch“, begann sie und bestätigte dadurch meine Vermutung. „Ich kann nachvollziehen, dass Sie beide nach allen Ereignissen dieses Tages viel Ruhe brauchen. Aber ich habe noch immer nicht ganz verstanden, in welcher Beziehung Sie beide eigentlich zueinander stehen. Das ist alles ein bisschen rätselhaft“.
„Wie ich Ihnen bereits geschildert habe, kennen Gary und ich uns noch von früher“, erklärte ich ihr, weil ich wusste, dass er noch viel zu aufgelöst war, um jetzt antworten zu können. „Wir waren damals beide zehn Jahre alt, als sich unsere Wege aufgrund eines heftigen Streits schlagartig getrennt haben. Dabei habe ich ein paar unschöne Dinge gesagt, die mir heute entsetzlich Leid tun. Wenn ich gewusst hätte, wie sehr ich ihn damit verletzt habe, dann...“.
Es gelang mir nicht, meinen Satz zu Ende zu sprechen und ich musste noch einmal laut schluchzen. „Also, soweit habe ich das verstanden“, meinte Ms. Meadows mit einem verwirrten Blick. „Aber ich verstehe immer noch nicht richtig, was das zwischen Ihnen beiden genau ist. Wenn ich Ihre Worte nun richtig interpretiere, dann also eine Freundschaft?“.
Auf diese Frage hin schüttelte ich nur kurz den Kopf und tauschte mit Gary einen Blick aus. „Nein, Ms. Meadows“, antwortete ich dann und versuchte, trotz meiner Tränen zu lächeln. „Es ist Liebe. Es ist echte, unzerstörbare Liebe“.
„Wie darf ich das nun verstehen?“, entgegnete sie meine Aussage und zog ein nachdenkliches Gesicht. „Das bedeutet also, dass Sie beide früher einmal ein Pärchen waren?“. Erneut schüttelte ich meinen Kopf, wodurch ich sie noch mehr verwirrte. „Nein, waren wir nicht“, antwortete ich dann und legte meine Hand an Garys Wange. „Aber jetzt sind wir eins“. Mit diesen Worten zog ich ihn an mich heran und küsste ihn noch einmal auf die Lippen, was ihn überwältigt zurückschrecken ließ.
„Tim-Tim...“, flüsterte er überrascht und konnte anscheinend gar nicht glauben, dass ich das wirklich gesagt hatte. „Ich liebe dich, Gary“, flüsterte ich leise und umschloss so fest ich konnte seine Hand. „Ich habe dich damals geliebt und ich werde dich auch immer lieben, solange ich lebe“.
„Es ist ja sehr schön, dass Sie sich wiedergefunden haben“, meinte Ms. Meadows, die unseren Kuss natürlich beobachtet hatte. „Aber ich verstehe immer noch nicht...“. Rasch hob ich meine Hand, um sie dadurch zu unterbrechen. „Bitte keine Fragen mehr“, bat ich sie und zog Gary ein Stück näher an mich heran. „Es war ein aufregender Tag für uns alle. Bitte lassen Sie uns dieses Gespräch ein anderes Mal weiterführen. Ich verspreche, dass wir Ihnen dann alles ganz in Ruhe erklären“.
Einen Augenblick lang ließ sie sich meine Worte durch den Kopf gehen, ehe sie schließlich kurz seufzte und sich von ihrem Stuhl erhob. „Einverstanden, Mr. Turner“, stimmte sie uns zu und lächelte uns sanft an. „Gönnen Sie sich Ruhe. Nehmen Sie sich Zeit und sprechen Sie sich miteinander aus. Ich bin sicher, dass zwischen Ihnen noch eine Menge Dinge zu klären sind“.
Mit diesen Worten marschierte sie zur Tür hinüber und wandte sich dann noch einmal an uns. „Lassen Sie sich Zeit“, meinte sie, während sie mit der Hand den Türgriff umschloss. „Und wenn Sie irgendetwas brauchen, Sie wissen ja, wo Sie mich finden“.
„Danke“, entgegnete ich, ihr Lächeln erwidernd. „Danke für alles, Ms. Meadows. Wir werden auf Ihr Angebot zurückkommen“. Sie nickte uns zu und wandte sich zum Gehen, hielt dann jedoch inne, drehte sich noch einmal um und schaute mich an. „Eine Frage noch, Mr. Turner“, meinte sie, während sie mich kurz musterte. „Woher haben Sie gewusst, dass Ihr Freund vorhatte, sich etwas anzutun? Wie konnten Sie wissen, dass er in Gefahr ist?“.
Gary und ich tauschten einen Blick, im Unklaren darüber, was wir ihr darauf für eine Antwort geben sollten. „Nennen Sie es übersinnliche Wahrnehmung“, erwiderte ich schließlich, während ich noch einmal über seine Wange streichelte. „Ich kann es Ihnen nicht genau erklären. Ich wusste es einfach. Ich habe es gespürt. Ich habe es ganz tief in mir gespürt“. „Wenn das so ist, muss Ihre Liebe zueinander ja etwas ganz Außergewöhnliches sein“, entgegnete sie, obwohl ich nicht eindeutig sagen konnte, ob sie mir diese Aussage nun glaubte oder nicht. „Das ist sie durchaus“, stimmte ich ihr zu und lächelte Gary erneut an. „Glauben Sie mir, Ms. Meadows, das ist sie“.

Es war schon später Nachmittag und die anderen waren bereits vor zwei Stunden nach Hause gegangen, doch Gary und ich saßen noch immer auf dem Sofa im Aufenthaltsraum. Er hatte sich eng an mich herangeschmiegt und seinen Kopf gegen meine Brust gelehnt, während ich meine Finger zärtlich durch seine schwarzen Haare gleiten ließ und seine rechte Hand fest umschlossen hatte.
Inzwischen hatten wir uns beide wieder etwas beruhigt und noch einmal ganz ausführlich über die Fehler der Vergangenheit, sowie unsere neu entwickelten Gefühle füreinander gesprochen. Ich hatte ihm alles verziehen, was zwischen uns passiert war, weil ich überhaupt gar nicht anders konnte. Ich konnte nicht mehr wütend auf ihn sein und so tun, als wäre er mir völlig gleichgültig.
Denn das war er nicht. Das war er niemals gewesen. Ich hatte ihn immer auf die ein oder andere Weise geliebt, egal, wie weit wir auch voneinander entfernt gewesen waren. Und seit dem heutigen Tag wusste ich, dass diese Liebe so viel tiefer ging als ich bisher angenommen hatte. Sie war echt. Sie war ohne jeden Zweifel echt. Mein Herz hatte mir mehr als deutlich gemacht, dass Gary der eine war, zu dem es gehören wollte. Daran würde sich nie wieder etwas ändern.
„Tim-Tim“. Garys leises Flüstern riss mich aus meinen Gedanken und brachte mich dazu, ihn anzusehen. „Ja?“, wollte ich wissen und hielt kurz mit meinen Streichlern inne, um meine volle Aufmerksamkeit auf ihn zu konzentrieren. „Kannst du mir was versprechen?“, bat er mich und ich sah dabei wieder ein paar kleine Tränen in seinen hübschen Augen funkeln.
„Ich verspreche dir alles, Gary“, antwortete ich und bemühte mich, die Fassung zu behalten. „Alles, was du willst“. „Versprich mir, dass wir uns niemals wieder verlieren“, bat er mich und ließ ein leises Schluchzen verlauten. „Versprich, dass es zwischen uns wieder wie früher sein wird. Versprich, dass du für alle Zeit mein Tim-Tim sein wirst“.
„Versprochen“, erwiderte ich bewegt und warf ihm unter Tränen ein Lächeln zu. „Ganz fest versprochen, Gary. Ich werde es nie wieder zulassen, dass sich irgendwer oder irgendwas zwischen uns stellt. Ich liebe dich und werde alles dafür tun, um dich glücklich zu machen“.
Mit diesen Worten küsste ich ihn noch einmal auf die Wange und wischte ihm seine Tränen weg. „Es wird wieder wie früher, Gary“, versprach ich ihm und drückte ihn noch fester an mich heran. „Wir werden wieder jeden Tag zusammen verbringen und die aufregendsten und verrücktesten Sachen unternehmen. Wir spielen Frisbee im Garten oder machen ein Picknick im Park. Wir steigen auf unsere Räder und fahren zusammen hinunter zum See. Und wenn es mal regnet, dann ziehen wir einfach die Schuhe aus und tanzen barfuß über das klatschnasse Gras. Genau wie früher“.
„Du erinnerst dich noch“, stellte er mit einem gerührten Lächeln fest. „An alles, Gary“, antwortete ich, während ich ihm tief in die Augen schaute. „Ich erinnere mich noch an jedes wunderschöne Erlebnis mit dir. Ich habe unsere Zeit nie vergessen. Und das werde ich auch nie. Solange du an meiner Seite bist, werde ich mich immer daran erinnern. Immer, Gary. Das verspreche ich dir“.
Mit diesen Worten nahm ich ihn an die Hand und erhob mich danach vom Sofa. „Komm mit, mein Süßer“, meinte ich und warf ihm ein verspieltes Lächeln zu. „Komm mit mir. Wir beide haben so unglaublich viele Dinge nachzuholen“. „Süßer?“, fragte er und senkte kurz seinen Blick. „Tim-Tim... heißt das, du...?“.
„Mhm“, antwortete ich und küsste vorsichtig seine Hand. „Genau das heißt es, Gary. Ich will mit dir zusammen sein. Ich will bis in alle Ewigkeit mit dir zusammen sein und dich aus tiefstem Herzen lieben. An jedem einzelnen Tag meines Lebens“.
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