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Gesichter im Schatten

OneshotFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 Slash
OC (Own Character) Old Shatterhand Winnetou
09.08.2016
22.11.2020
10
25.766
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22.11.2020 5.007
 
Um mal eine Erklärung vorweg zu nehmen: ich bin mir natürlich dessen bewusst, dass Halloween vorbei ist. Ja, ich spinne gelegentlich, und es macht mir viel Freude. ;-)

                                                                             *******************************

Sie bemerkten das eigentümliche Anwesen erst spät, viel später als für gewöhnlich, da keine Straße, ja nicht einmal ein Waldpfad daraufhin zu führte. Die waldige Landschaft hier im nördlichen Arkansas lag menschenleer und war nur von wenigen kleineren Ansiedlungen unterbrochen, in denen sich mehrheitlich Farmer, Pelzjäger und eine zu vernachlässigende Anzahl an Handwerkern und Gewerbetreibenden niedergelassen hatten. Allgemein wirkte es so, als sei der einsame Landstrich von den großen Besiedlungswellen der vergangenen Jahrzehnte verschont worden.

Wieder einmal waren es Winnetous scharfe Augen und feinen Instinkte, welche die Blutsbrüder auf die Überraschung hinwiesen. „Uff! Scharlih, sieh nur!“

Auch Old Shatterhand richtete nun seinen Blick in das Waldesdickicht zu ihrer Linken, und auch ihm fiel schlussendlich der Giebel eines Hauses auf, der fast vollständig vom Blattwerk verdeckt lag und nur matt vom goldenen Abendlicht beleuchtet wurde. „Ein Haus in der Einöde, ganz ohne Anzeichen auf die Bewohner? Aber wie gut, dass du es bemerkt hast, vielleicht können wir in der Nähe Unterschlupf finden, falls sich noch keine Landstreicher hier eingenistet haben.“ Denn wo eine menschliche Ansiedlung stand, war allzu oft auch ein Bach oder eine andere Leben spendende Wasserquelle zu finden.

Ohne ein weiteres Wort lenkten beide Reiter ihre Pferde näher an den Waldsaum heran, jetzt jederzeit wachsam und möglicher Gefahren gewärtig. Die überhängenden Tannenzweige waren dicht genug, dass sie kurz absteigen mussten, um Iltschi und Hatatitla weiter am Zügel zu führen. Jedoch verwehrte der natürliche Widerstand ihnen nur auf kurzer Strecke den Zutritt, nach wenigen Metern schon öffnete sich das Gelände und gab den Blick auf das frei, was vor ihnen lag.

„Uff!“ stieß der Apache hervor und verstummte dann.

Old Shatterhand dagegen fand erst gar keine Worte der Erwiderung. Vor ihnen lag ein Steinhaus mittlerer Höhe, das Mauerwerk und die Fensterscheiben der oberen Stockwerke unversehrt, das Ziegeldach gut in Schuss. In diesem Gebäude hätte man gut und gerne noch etliche Jahre wohnen können, bevor der Zahn der Zeit eine Renovierung unerlässlich machte. Ein letzter Sonnenstrahl fiel sehnsüchtig auf das Fensterglas eines kleinen Erkers und ward dort gebrochen. Fast wirkte es so, als würde in jenem Fenster eine letzte Kerze brennen. Beinahe so, als würden sie dort bereits erwartet.

Was den beiden Männern die Sprache verschlug, war jedoch weniger das Gebäude an sich, sondern das, was sich in ungeahnter Pracht davor entfaltete. Ein sichtlich von Menschenhand angelegter Rosengarten wuchs und gedieh dort in aller Unbändigkeit, zu der die Natur des üppigen Spätsommers ihn befähigt hatte. Viele voll erblühte Rosen in tiefstem Rot, in kräftigem Gelb, aber auch in anderen Farben trotzten stolz den trockenen Wetterverhältnissen der letzten Wochen. Es waren ihrer so viele, dass man sich des Eindruckes nicht erwehren konnte, dieses Fleckchen Erde würde vom Verlauf der Jahreszeiten verschont, auf dass die Blumen immer weiter wuchsen. Der leise Abendhauch bewegte ihre Köpfe sacht, so dass es aussah, als würden sie tanzen. Das gesamte Bild war unwirklich schön und reizvoll, ja fast schon betörend.

Und doch war außer ihnen kein Mensch weit und breit zu sehen; die steinerne Einfassung des Gartens bröckelte leicht.
 
‚Aber das ist unmöglich’ dachte Old Shatterhand für sich und starrte doch wie gebannt auf die Farbenpracht vor ihm. Jäh fiel ihm seine schon vor vielen Jahren verstorbene Großmutter ein, die Rosen sehr geliebt und ihren eigenen, einzigen Rosenstock mit unermüdlicher Hingabe gepäppelt und gepflegt hatte. Wie lange war das doch her! Die unwillkürlich in ihm aufwallende Sehnsucht nach der Heimat seiner damals noch behüteten Kindheit trieb ihm fast das Wasser in die Augen.

‚Genug!’ entschied Old Shatterhand endlich und wandte sich an Winnetou: „Wir müssen diesen Ort untersuchen, solange es noch ausreichend hell dafür ist.“

Der Häuptling der Apachen nickte still. Auch er konnte den Blick kaum von den wild blühenden Rosengewächsen abwenden, und ein nachdenklicher Zug lag auf seiner sonst so glatten Stirn.  

Schweigend ließen sie die Rosse zurück, die sofort das duftende Gras abzurupfen begannen. Es war nicht nötig, die Pferde anzubinden, da sie sich ohne ihre menschlichen Begleiter nicht von der Stelle entfernen würden; also nahmen Winnetou und Old Shatterhand lediglich ihre Gewehre aus den Futteralen und wandten sich dann dem geheimnisvollen Gebäude zu.

Die Eingangstüre lag um die Ecke. Old Shatterhand schob zögerlich die unverschlossene Holztür auf und trat voran in das Halbdunkel. Sein kurzer, lauter Ruf, als Frage nach den Besitzern dieses Anwesens, der Höflichkeit halber, brachte keine Antwort. Unscheinbare weiße Wände begrüßten sie, ein Herrendiener diente als Garderobe. Von dem kleinen Empfangsraum aus gingen zwei weitere Türen auf dieser Etage in weitere Räumlichkeiten ab, eine Diele führte klar erkennbar in den Keller, sowie eine Treppe mit elegant geschwungenem Geländer in das Obergeschoss. Kein Geräusch, das einen etwaigen Bewohner verraten hätte, ließ sich vernehmen.

Fragend blickten sich die beiden Männer an, um gemeinsam zu einem Entschluss zu finden. Winnetou wies mit dem Kopf fast unmerklich auf die ihnen direkt gegenüberliegende Tür, also zögerte sein Blutsbruder nicht länger, sondern drückte vorsichtig die gusseiserne Klinke herunter. Kurz darauf fanden sie sich in einem Raum wieder, der klar erkennbar als Küche des Gebäudes gedient hatte.
Alles war verlassen; eine staubbedeckte Anrichte schmiegte sich einsam an eine Wand. Eine Feuerstelle, einem offenen Herd ähnlich, bildete das Herzstück dieses Zimmers. Offensichtlich war der Herd einstmals gut und gerne benutzt worden, da sich Kohlestaub überall auf dem Boden verteilt hatte. Ganz nahe am Herd musste das einstige Feuer einiges seiner Glut wieder verloren haben, denn Teile des Estrichs waren versengt und die Asche lag schwarz und dick in einem Halbkreis um die Feuerstelle, wie ausgespuckt. Als wäre die Feuerglut nicht friedlich verloschen, sondern hätte sich wie in einem gewaltigen Aufbäumen ihrer selbst gegen den Untergang gewehrt. Ganz ähnlich einer dunklen Vorahnung. Old Shatterhand schauderte es.

„Hier ist nichts“ murmelte der Weiße und machte entschlossen auf dem Absatz kehrt, woraufhin der Apache ihm ruhig folgte. Diese Etage bot den Besuchern nun nur noch einen weiteren verlassenen Raum zur Besichtigung, welcher jedoch keinen Anlass bot, um sich tief in das Gedächtnis einzugraben.

Schließlich wandten sich die Blutsbrüder einmütig der Diele zu, die in den Keller führte. Da das Obergeschoss mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls verlassen war, machte es hier keinen großen Unterschied mehr, welche Etage sie sich als nächstes vornahmen, im Untergeschoss mochten aber womöglich noch Ausrüstungsgegenstände oder sonstige Hinweise auf die früheren Bewohner zu finden sein.

Winnetou übernahm jetzt die Führung. Er wirkte in sich gekehrt, jedoch legte er seinem Scharlih in einer unnachahmlich sanften Geste eine Hand auf den Oberarm. Der Weiße spürte sofort die große, tiefe Wärme dahinter, die der Apache stets nur ihm erwies. Und endlich konnte er durchatmen und die dunklen Schatten, die sich seiner bemächtigt hatten, abschütteln. Beruhigt, fast schon beschwingt, schritt er hinter dem Indianer die unbeleuchteten, sachte unter ihrem Gewicht knarrenden Stufen herunter.

Als Winnetou in die Tiefe hinab stieg, spürte er bereits, dass sich ihre Umgebung mit jeder einzelnen Treppenstufe, mit jedem Atemzug veränderte. Kein einziger Lichtstrahl erhellte die Düsternis. Und doch war es nicht nur die düstere Atmosphäre eines alten Kellergewölbes, das sie umfing. Da war mehr. Furchtlos richtete er seine Aufmerksamkeit auf das, was vor ihnen lag, als er die letzte Stufe verließ und der Steinboden sie in Empfang nahm. Er wusste Scharlih dicht hinter sich, und die Anwesenheit des Freundes gemahnte ihn daran, welche Verantwortung er aus Liebe auch für den Weißen trug, der bis jetzt von derlei Dingen nahezu unberührt war.
Der Apache tat in der Stille einen tiefen Atemzug und vergewisserte sich dessen, was er schon auf der Treppe erfasst hatte: hier verweilte noch eine Präsenz, eine Anwesenheit, die hier nicht sein sollte. Sie erinnerte ihn an den Tod seiner Familie, und doch war nichts Bedrohliches oder Beängstigendes dabei. Es war mehr wie ein Echo, das noch nicht verhallt war, ein Schatten der Vergangenheit, der vollkommen mit der hiesigen Dunkelheit verschmolzen war.

Die klagende Stille, gänzlich in Schwärze gekleidet, schien zu atmen. Einen Moment noch verharrte der Apache und ließ sie auf sich wirken, sog sie beinahe genießerisch in sich auf. Auch der düstere Aspekt konnte ihn nicht schrecken. Dies war für ihn nur eine kurze Flucht aus der Wirklichkeit, welche doch oft noch soviel dunkler und erschreckender war.

Winnetou tat dann einen kurzen Entschluss und schob den Blutsbruder zurück in Richtung der Treppe. „Lass uns nach oben gehen; hier ist nichts, das sich zu untersuchen lohnt.“

Fast wollte Winnetou sich selbst schon einen Lügner schelten, jedoch galt ihm das Wohl seines Blutsbruders mehr als die Befriedigung seiner Neugier. Wäre er alleine hier gewesen, hätte er zweifellos versucht, diese Empfindungen zu verstehen, die ihn bestürmt hatten, um ihre Ursache voll zu erfassen und beseitigen zu können. Er hätte sich bemüht, den einsamen Schatten einen Weg ins Licht zu weisen. Nicht der Hauch eines Zweifels überkam ihn, dass er diese Macht besaß.

Und doch erfasste der Häuptling der Apachen nicht, wie viel diese Schatten in Wirklichkeit eigentlich mit ihm selbst zu tun hatten, und wie sehr er sich selbst damit Gutes tat, indem er erwogen hatte, Linderung zu verschaffen.

Wieder standen die Blutsbrüder Seite an Seite im Foyer des Anwesens.

„Nun bleibt uns also nur noch das Obergeschoss“ bemerkte Old Shatterhand beiläufig. Winnetou nickte, und schon schickten sich die Blutsbrüder an, die noch verbliebene Etage des Gebäudes in Augenschein zu nehmen.

Der Weiße betrat schnellen Schrittes die Treppe nach oben, brachte auch rasch die ersten Treppenstufen hinter sich, musste dann aber seine Geschwindigkeit beträchtlich reduzieren. Die Kraft fehlte ihm unvermittelt, um die restlichen Stufen flugs zu überwinden. Das Gewehr auf seinem Rücken behinderte ihn beträchtlich, schien ihn fast zu Boden ziehen zu wollen. Er stutzte. Hatte er sich beim heutigen Ritt etwa unbeabsichtigt überanstrengt? Es konnte doch wohl noch nicht das Alter sein!
Aber jede Treppenstufe schien höher zu sein, war schwieriger und unter größerer Auferbietung seiner Kräfte zu bezwingen, als die vorherige. Es mutete ihm lächerlich an und beinahe konnte er es nicht glauben, obwohl das mühsame Ziehen in seiner Beinmuskulatur und die Schwere, die ihn erfasste, ihn eindrücklich davon unterrichteten, dass dies keine Geisteseinbildung war. Schlussendlich musste er sich auch noch am Geländer festhalten.

„Mein Bruder, ist dir nicht wohl?“

Winnetous besorgte Frage gab ihm erneut Auftrieb. „Doch, ich muss nur kurz verschnaufen.“

„Scharlih kann es mir mitteilen, wenn er tagsüber öfter zu ruhen wünscht. Iltschi und Hatatitla gaben keine Zeichen der Ermüdung, deswegen meinte Winnetou, noch weiter reiten zu können.“

Old Shatterhand hörte Winnetous unausgesprochene Frage nach dem Grund für sein Unwohlsein deutlich heraus, und er wusste kaum eine vernünftige Antwort darauf. Es bedeutete gleichsam, dass es dem Apachen nicht genauso erging wie ihm. „Nein, das ist es nicht. Es ist, als ob die Treppe mich davon abhalten will, das Obergeschoss zu betreten. Ich verstehe es einfach nicht.“

Er drehte sich um und schaute im Halbdunkel in Winnetous gleichmütiges, fast regungsloses Gesicht, ganz dicht vor ihm. Der Apache schien ausgeglichen, jedoch war sein dunkler Blick äußerst wach und rege. Die immense Intelligenz hinter diesen schwarzen Augen, die nur selten wirklich ruhte, wirkte aufmerksam und bis aufs Äußerste wachsam, wie als würde sie auf etwas lauern.

„Du spürst es auch, nicht wahr?“ hauchte da der Weiße, endlich verstehend.

„Es ist das Haus“ bestätigte Winnetou nickend.

Ein Zwiespalt tat sich in Old Shatterhand auf. Dies konnte nicht sein! Es gab keine Spukhäuser oder ähnlichen Unsinn! Alles nur eine Ausgeburt närrischen Aberglaubens, der mehrheitlich dazu diente, die Menschheit zu geißeln, auf dass sie sich nicht von ihren Ketten befreie und erhebe.
Aber wenn er sich schon den Auswirkungen unbekannter Kräfte ausgesetzt sah, dann wollte er diese wenigstens verstehen lernen. Vielleicht gab es ja doch eine ganz einfache Erklärung, und ihn hatte eine hoffentlich kurierbare Erkrankung der Muskulatur befallen. Sobald sie dieses Gebäude hinreichend erkundet hatten, konnte er sich von Winnetou und gegebenenfalls auch von einem Doktor untersuchen lassen.

Sein teurer Blutsbruder musste ihm also schon wieder als Mittel der Wahl zur Abhilfe dienen, und er lächelte den Apachen herzlich an. „Bitte reich mir deine Hand, dann ist es leichter.“

Winnetou nahm augenblicklich Scharlihs Hand in seine und übernahm dann die Führung. Sofort ging es leichter, und die letzten, zuvor unbezwingbaren Stufen schmolzen unter ihren Füßen nur so dahin.

Dann standen die beiden Westmänner in einem kleinen, dunklen Vorzimmer. Das vergehende Abendlicht glühte noch mild hinter abgenutzten Gardinen der schmalen Fensteröffnung, auf ein baldiges Wiedersehen zum kommenden Morgen.

Der Apache tat die Tür vor ihnen auf, der Weiße dicht hinter ihm. Nun fiel es diesem wieder leichter, mit dem Freund Schritt zu halten, wie als wäre es nie anders gewesen. Seite an Seite betraten sie eine ärmliche leere Kammer, mit von der Decke herabgefallenen Putzresten, die den Boden da und dort bedeckten. Old Shatterhand schüttelte still und verständnislos den Kopf. Wozu dieser blühende Rosengarten, wenn im Inneren des Hauses fast alles erbärmlich war?

Sie durchschritten still die Kammer bis zum gegenüberliegenden Ende des Raumes, wo sich eine weitere Tür zum darauf folgenden Gemach befand. Als sie auch diese auftaten, wurde ihnen zumindest gewiss, dass nicht alle Räume alt und heruntergekommen aussahen. Dieses Zimmer war einfach und leer, aber in besserem Zustand und mit feinen Fenstersimsen und einer raffiniert gearbeiteten, gebeizten Holztür, die in den nächsten Raum führte.

„Schon wieder eine Tür“ meinte Old Shatterhand verdutzt zu Winnetou.

Der Angesprochene nickte leicht und sah dem Freund bedeutsam in die blauen Augen. Wieder durchmaßen die Blutsbrüder mit festem Schritt den Raum, und erneut öffnete sich ihnen ein weiteres Zimmer. Dieses mochte einst als Herrenzimmer, Atelier oder Salon gedient haben. Trotz der gähnenden Leere versprühte es einen außerordentlichen Charme, der von der weißen Stuckdecke und dem edlen, von gusseisernen, geschwungenen Gittern umgrenzten Kamin herrührte. Und wieder ließ eine hölzerne, mit Intarsien versehene Tür an der ihnen gegenüberliegenden Wand auf einen weiteren Raum schließen.

„Das gibt es doch nicht! Das sind zu viele, Winnetou, einfach zu viele! So groß ist das Gebäude gar nicht, als dass sich derartig viele Zimmer aneinander reihen können, ohne dass man seitlich abbiegen muss.“

Der Apache zwang Worte aus seinem Inneren, die zu sprechen ihm schwer fielen: „Es ist ein eigenartiger Zauber, den Winnetou nicht versteht. Er hat auch bisher nicht gewusst, dass es Bleichgesichter gibt, die diese Kunst beherrschen. Aber er weiß, dass wir diesen Zauber bezwingen müssen, damit er uns entlässt.“

„Den Zauber bezwingen? Aber wir können doch einfach zurückgehen“ widersprach Old Shatterhand und wandte sich geistesgegenwärtig zurück zu dem Raum, den sie gerade verlassen hatten. Die Tür war hinter ihnen zugefallen. Jedoch, als er die Klinke aufdrücken wollte, musste er mit schlagartigem Erschrecken feststellen, dass sie sich nicht öffnen ließ, obwohl nicht einmal ein Schlüssel im Schlüsselloch steckte.

Ein jäher Laut der Bestürzung entfuhr dem Weißen, dann rüttelte er kräftig an der Tür und trat schlussendlich auch dagegen. „Das ist nicht möglich! Hier ist doch niemand außer uns, wir hätten doch jeden anderen Menschen sofort bemerkt!“

„Kein Mensch hat solche Macht, Scharlih. Es gibt aber auch sonst keine Macht, die es vermöchte, Winnetou und Old Shatterhand ungestraft und auf Dauer einzusperren. Also müssen wir weitergehen, um das Rätsel zu lösen.“

„Immer tiefer in die Höhle des Löwen also?“ bäumte sich der Weiße gegen das Ansinnen seines Blutsbruders intuitiv auf.

„Uns bleibt keine andere Möglichkeit.“

War dem tatsächlich so? Der Deutsche zweifelte. Aber war es nicht gleichsam wahnsinnig, sich aus dem Fenster stürzen zu wollen, bloß um dem Ungeheuerlichen zu entkommen, und dabei aber trotzdem das Verderben zu finden? „Und warum bleibst du so ruhig und gelassen? So etwas sollte gar nicht möglich sein, Winnetou! Ein solches verfluchtes Gebäude sollte nicht existieren! Oh, hätten wir es doch nur niemals betreten…“ bekümmert wandte er sich ab, blickte sehnsüchtig in das schimmernde Dämmerlicht vor dem Fenster.

Winnetou ging zu ihm und nahm ihn vertrauensvoll an der Hand. „Scharlih. Winnetou hat immer gewusst, dass es Mächte gibt, die kaum zu erfassen sind. Er hat sie gespürt in der Versenkung der Nacht, wenn er an Tatellah-Satahs Seite oder auch allein auf den Höhen über dem Pecos weilte. Sie allein bedeuten noch kein Unheil. Es sind die Urkräfte der Erde, die alles gedeihen lassen, und sie sind viel weiter als alles, was man sich denken kann. Und-„ dies sagte der Apache mit Nachdruck, die Hand des Bruders drückend, „Winnetou weiß auch, dass alle Kreaturen nicht getrennt von diesen Kräften sind. Wir selbst tragen diese Kräfte ins uns, die lange schlummern, bis sie erweckt werden. Daher werden wir von hier entkommen.“

Der Weiße sah dem Freund zweifelnd, aber auch hoffend ins ernste Gesicht. „Du weißt, wie ich darüber denke, Winnetou. Bitte nimm’ meine Worte nicht übel. Für mich ist das reiner Aberglaube, so sehr ich dir auch sonst zugetan bin. Wohl mag es Erdkräfte geben, die wir nicht verstehen, aber sie sind nicht beseelt.“

„Aber wie will Scharlih denn die Seele vermessen, so wie die Bleichgesichter sonst das Land oder die Meerestiefe oder den Luftdruck in den Maschinen der Feuerrösser messen? Die Weißen können beinahe alles messen, aber noch haben sie die Seelen nicht gezählt und ihre Eigenschaften nicht zu Papier gebracht.“

Dem wusste er vorerst nichts entgegen zu setzen. „So komm’, lass’ es uns versuchen“ erklärte er nachgebend.

Hinter der nächsten Tür erwarteten sie Marmorsäulen, die den weiten, in klassizistischem Stil gehaltenen Raum einfassten. Das Parkett und die Kassettendecke waren unerhört an Pracht, außerdem beleuchtete ein Kronleuchter festlich das Halbdunkel.

Die Blutsbrüder staunten nur stumm, beeilten sich aber, ihren Blick nirgends zu lange verweilen zu lassen, sondern weiterhin den Weg durch den ’Irrgarten’ zu beschreiten. Es nahm aber immer noch kein Ende. Die Eleganz des Interieurs steigerte sich mit jedem weiteren Raum fortlaufend, bald schon sahen sie auf barocke Wandteppiche, vergoldete Türeinfassungen und kostbarste Mosaike in Sälen, die den äußerlichen Ausmaßen des Gebäudes, in dem sie sich maßgeblich aufhielten, gänzlich spotteten.

Jedes Tageslicht war inzwischen verloschen, aber wie durch ein Wunder war jede Räumlichkeit, die sie passierten, beleuchtet. Trotzdem besahen sich die Blutsbrüder nur wenig von der Einrichtung, bis sie schließlich in einem Marmorsaal anlangten, den die kostbare, antike Statue eines Bacchus schmückte. Der Faltenwurf seiner Tunika war formvollendet; ein Panther schmiegte sich um seine schlanken Waden. Er war von so großem Liebreiz, sein von Weinblättern und Früchten umkränztes Gesicht so gütig, als wolle er seine Anmut über alle Erdenmenschen ausgießen.

‚Es ist eine Falle’ war Old Shatterhands sofortiger Gedanke bei diesem Anblick. Trotzdem blieben beide Männer kurz stehen, um das Kunstwerk staunend zu betrachten. „Solche Statuen stehen in den großen europäischen Museen, aber nicht in den ‚dark and bloody grounds’. Wir müssen uns irren, Winnetou. Wir sind einer Illusion erlegen. Womöglich hat uns das Mittagsmahl nicht bekommen, oder es war etwas Giftiges darin.“

Winnetou maß ihn mit einem fast amüsierten Blick. „Und doch stehen wir beide hier. Winnetou hätte kein Gift zu sich genommen, und niemals hätte er zugelassen, dass sein Bruder derartiges zu sich nimmt. Aber-„ mit dem rechten Arm deutete der Apache auf die Statue, „was weiß mein Bruder über Kunstwerke dieser Art?“

„Oh, dieser hier ist ein Gott. Ein heidnischer Gott aus früherer Zeit, als es in Europa noch keine, oder nur sehr wenige Christen gab. Er ist der Gott des Weines, der Freude und Ausgelassenheit. Bisweilen foppt er auch die Menschen“ gab Old Shatterhand zur Antwort.

„Er foppt sie“ schloss Winnetou ohne weitere Anmerkungen.

Da drängte der Weiße zum Aufbruch: „Lass uns also weitergehen. Er hier kann uns doch nicht weiterhelfen.“

Dann geschah sobald das Unerhörte. Die Blutsbrüder schritten Seite an Seite durch den nächsten Eingang, Winnetou nur einen halben Schritt hinter Old Shatterhand, aber eine einzige Sekunde später spürte der Weiße schon, dass etwas anders war als zuvor. Winnetou war nicht bei ihm.
Er war gänzlich alleine hier. Die Tür hinter ihm hatte sich schon wieder verschlossen, geräuschlos war sie ins Schloss gefallen, um ihm die Umkehr zu verweigern.

Fassungslos starrte er um sich, drehte sich zweimal komplett im Raum um. Erneut ein vornehmer Salon, mit edlen Seidenteppichen an den Wänden, welche vornehmlich Vögel asiatischer Herkunft zeigten. All dies sah der Weiße kaum, er starrte wie gebannt auf die Tür, als könne er sie mit reinem Wunschdenken aus den Angeln heben. Aber innerlich fühlte er sich jäh leer und ausgebrannt, bar jeder Vernunft und Besonnenheit, und in Sekundenschnelle um Jahre gealtert.

Wo mochte der Apache nur sein? In einem anderen Teil dieser Illusion? Gab es das überhaupt, dass eine einzelne Tür in zwei verschiedene Realitäten führte?

Er rief nach Winnetou, laut und beständig. Er horchte in seine Seele, begierig auf Antwort. Niemand antwortete ihm außer sein eigenes schlagendes Herz, das vor dumpfer Furcht erzitterte. Schlussendlich ging er kopflos weiter, hetzte durch die Gänge ohne Unterlass. Kein Anzeichen von dem Apachen ließ sich finden. Und hätte er nur eines seiner wunderbaren schwarzen Haare verloren, Old Shatterhand hätte es zu finden gewusst. Aber da war nichts, nichts außer der unerhörten Pracht und Eleganz um ihn, welche seiner Seelenpein zu spotten schien.

Vielleicht waren schon Stunden, vielleicht auch nur Minuten vergangen, als der Weiße endlich in einem Raum anbelangte, der ihm Einhalt gebot, und fast war er dankbar dafür, dass er einen Anlass fand, um innezuhalten und zu verschnaufen. In der Zimmermitte stand ein Brunnen, aus dem das Wasser munter sprudelnd aus dem Schnabel eines Phönix floss und sich zu Füßen der Vogelgestalt in einem Becken sammelte. Old Shatterhand warf sich davor zu Boden und trank gierig, ungeachtet dessen, welche Gefahr das Wasser für ihn bedeuten mochte.

Lange saß er da in der Einsamkeit, resigniert und fast besinnungslos ins Leere stierend. Er konnte nicht mehr, er wusste nicht mehr weiter! Seinen geliebten Blutsbruder, das einzige, das er in diesem Leben mehr liebte als sich selbst, hatte er aus den Augen verloren. Und er kannte die Lösung auf das Rätsel dieses verwunschenen Anwesens einfach nicht! Er war ein Westmann, kein Magier oder Spieler! Was verlangte man denn noch von ihm? Hatte er nicht schon viele Jahre seines Lebens dafür gegeben, um Menschen aller Rassen Hilfe zu verschaffen und allerorten für Gerechtigkeit zu sorgen?

Das schwere Gewehr war ihm längst entfallen, es half ihm sowieso nicht in dieser Angelegenheit. Gerne hätte er alles verloren, wäre auch vollkommen nackt und entblößt weiter gegangen, wenn ihm dies dabei geholfen hätte, Winnetou wieder zu finden.
Ein Alptraum war wahr geworden. Die Schatten der Vergangenheit, die er jahre- und jahrzehntelang so mühsam und unter Aufbietung aller Kräfte aus seinem Leben vertrieben hatte, kamen zu ihm zurück. Längst spürte er, dass sie schon da waren, um sich seiner hinterrücks zu bemächtigen. Vielleicht hatte er sie nie wirklich abgestreift. Nicht umsonst hatte er sich so sehr bemüht, zu dem fähigen, selbstsicheren, kaltblütigen Westmann zu werden, der er nun war. Weiß Gott, er hatte es nötig gehabt! Waren all diese Kämpfe nichtig und vergebens gewesen?
Er wollte nicht mehr der strebsame, hoffnungsvolle Heranwachsende sein, der hinter der Fassade der herausragenden geistigen Begabung abgrundtiefe Furcht und Seelenqualen verborgen hatte! Und auch seine Hoffnung war damals nur aus der aussichtslosen Verzweiflung geboren worden. Jahre hatte er gebraucht, um aus den seelischen Schmerzen herauszuwachsen, die ihm die räumliche wie auch die gefühlsmäßige Enge des Elternhauses beschert hatten. Sämtliche Errungenschaften ab dem Schulalter hatten ihm lediglich dazu gedient, ihn materiell und seelisch zu befreien.

Und dann hatte er Winnetou gefunden, der ihm endlich Liebe schenkte. Ein Liebe so rein, so aufopferungsvoll, dass er gar nicht anders gekonnt hatte, als sie in sich aufzusaugen wie den letzen Sonnenstrahl und sie dankbar zu erwidern. Erst Winnetou hatte ihn zu einem ganzen Menschen gemacht!  

Und nun war er allein und ganz auf sich gestellt. Heiße Sehnsucht nach seinem Blutsbruder erfüllte ihn. Aber er sah sich momentan nicht in der Lage dazu, sich aufzuraffen, um weiter zu suchen. Die Dunkelheit in ihm war undurchdringlich. Scharlih gab für den Moment auf und ließ es zu, dass sich das Wasser in seinen Augen sammelte und ihm ungehindert über die Wangen rann. Die ersten Tränen seit Jahren.

Er fühlte sich nun wieder wie der Heranwachsende, der sich jeden Pfennig zusammenkratzte und dem Abitur entgegen eiferte, um endlich, endlich seiner biederen Herkunft zu entfliehen. Aber er war auch der erfahrene Westmann, geschlagen auf seinen eigenen Fachgebieten der Orientierung und des Spurenlesens, die er meisterlich zu verstehen geglaubt hatte. Er war beides, und er wehrte sich nicht mehr länger dagegen. Schwach und müde ergab er sich der nächtlichen Stille dieses verwunschenen Anwesens, bis ihn ein gnädiger Schlaf in noch tiefere Finsternis mitnahm.


Scharlih träumte bald schon. Der Phönix begann, seine weiten, in Gold getauchten Schwingen auszubreiten, um seine Flugkraft zu erproben. Das Wasser aus dem Brunnen war über die Einfassung getreten und hatte den ganzen Raum überschwemmt, umgab ihn auch in sanften Wellen. Es war unerwartet warm und schenkte ihm ein Gefühl des Angekommenseins, das er sonst nur in Gegenwart des unvergleichlichen Apachen kannte. Das Seltsamste daran aber war, dass die Flüssigkeit in allen nur erdenklichen Farben leuchtete. Diese Farben bewegten sich mit- und gegeneinander, verschmolzen und wandelten sich beständig, wie in einem nie enden wollenden Spiel. Es war das reinste Spektakel, und der Weiße ließ sich bereitwillig davon ablenken. Er vergaß alles, versonnen lächelnd.

Als er schlussendlich wieder erwachte, fühlte sich Old Shatterhand zwar noch etwas matt, aber auch erfrischt und hoffnungsvoller als noch kurz zuvor. Seine Waffen zurücklassend, machte er sich auf den Weg.



Winnetou durchfuhr ein tiefer Schreck, als er sich unversehens alleine wieder fand. Die schicksalhafte Ahnung beschlich den Apachen, hier nun alleine seinem Ende entgegen zu sehen, ohne den geliebten Blutsbruder, der ihm die Welt bedeutete. Aber er wusste, ihr Ende war seit jeher vorherbestimmt. Also nahm er den Schmerz an, der drohte, ihn innerlich zu versengen.
Das schummrige Kerzenlicht von den Leuchtern zu beiden Seiten des langen Korridors machte es ihm leichter, diesen schweren letzten Gang anzutreten, mit festem Schritt, die Schultern aufrecht, das Haupt stolz erhoben. Fast feierlich betrat er schließlich den Eingang zu diesem letzten Gemach, das ihn erwartete.
Es war ein Spiegelsaal. Eine breite Spiegelfront begrüßte ihn stumm. Das Licht kam von Kronleuchtern, die ihre weichen Strahlen geheimnisvoll nur einige Handbreit weit warfen und vor dem Spiegel aber Halt zu machen schienen. Der Spiegel, er leuchtete wie von selbst.

Der Häuptling der Apachen trat still näher zu dem Geheimnis, dem er nicht zu widerstehen vermochte, denn das hier war größer als er selbst. Er erkannte sich im Spiegel, zweifellos. Aber gleichzeitig wusste er, dass er sich selbst noch nie so gesehen hatte wie jetzt.

Fassungslos starrte Winnetou auf die silbrige Oberfläche. Fast wollte er die Hand heben, um sein Spiegelbild zu berühren, doch etwas hemmte ihn. Es war die Verwunderung, mit einer gehörigen Portion Ehrfurcht gemischt, die ihn zurückhielt. Ehrfurcht vor der beinahe unverständlichen Wahrheit, die ihm soeben begegnete. Das war also sein wirkliches Selbst, oder das, was die Bleichgesichter als ’Seele’ bezeichneten. Er erkannte da keine Spur des Kampfes, keine Spuren der mentalen und körperlichen Anstrengungen, denen er sich stets ausgesetzt sah. Selbst seine schmerzvolle Sorge um Scharlih schien wie weggeblasen. Sein Spiegelbild machte im Gegenteil einen sehr friedlichen, harmonischen und zufriedenen Eindruck. Die dunklen, einnehmenden Augen vor ihm wirkten glückerfüllt, ja, sie strahlten geradezu vor Liebe.

Winnetou hatte sich so noch nie gesehen. So etwas hatte er überhaupt noch nie zu Gesicht bekommen. Es machte ihn misstrauisch, und doch starrte er immer weiter auf sein Spiegelbild, unaufhörlich.

Dieses Gemach war schon fast schlicht zu nennen im Vergleich zu der Pracht der vorangegangenen Räume. Und doch fühlte er sich hier endlich wohl und heimisch. Auch, obwohl es bei den Apachen keinerlei Spiegel gab und nur die Wasseroberfläche zum Betrachten des eigenen Gesichts benutzt wurde. Winnetou verstand das nicht, aber er gab nach. Er war bereit, das Unbekannte anzunehmen und ihm vorurteilsfrei zu begegnen.

Der Apache ahnte mittlerweile, dass dieses seltsame Haus etwas mit ihm zu tun hatte. Er konnte es nicht ergründen, aber dieses Anwesen besaß einen mächtigen Zauber, ihm seine eigene Seele zu offenbaren. Alle Räume, die er hier zusammen mit Scharlih durchschritten hatte, glichen den unterschiedlichen Stationen ihrer beider Leben, waren aber zugleich auch ihrer beider Lehrmeister. So musste es sein. Das war nicht notwendigerweise einem Fluch oder einer schwarzen Hexenkunst geschuldet. Aber es war auch der Grund dafür, dass er Scharlih unterwegs verloren hatte. Jeder musste seinen inneren Kampf selbst beschreiten, um siegreich daraus hervor gehen zu können. Er musste hier nur lange genug ausharren, bis sein Blutsbruder zu ihm kommen würde. Winnetou war sehr geduldig. Den Blick fortwährend auf den Spiegel fixiert, wartete er.


Dann plötzlich, endlich, nach ungezählter Zeit, war Scharlih bei ihm. Winnetou musste sich nicht extra umdrehen, um zu spüren, dass der Blutsbruder schlussendlich zu ihm gefunden hatte. Der Weiße lehnte sich von hinten schwer an ihn und schlang die Arme leicht um Winnetous Taille, so als sei es das Natürlichste auf der Welt.
So verharrten sie. Beinahe schwerelos.

Winnetou fand jetzt Scharlihs Gesicht neben seinem im Spiegel. Und obwohl sich der Weiße schwer auf ihn stützte, wirkte das hellere Gesicht im Spiegel friedlich und ausgeglichen. Strahlend, kristallklar, blendend fast vor Schönheit.
Der Apache war zufrieden, und ein kleiner Funke des vollkommenen Glücks, der vollkommenen Liebe strömte durch seine Adern.

Unversehens flammten die vorher verhalten glimmenden Kronleuchter auf, tauchten den Raum in ein gleißendes Licht. Alles war festlich geschmückt. Und nun entdeckte Winnetou noch weitere Spiegel, die sie umgaben, und in ihnen weitere Spiegelbilder mit weiteren Facetten ihrer selbst, in denen man sich hätte verlieren können. Aber Winnetou verlor sich nicht. Er hatte sich endlich gefunden.



Den Ausweg aus diesem Gebäude zu finden, war nun denkbar leicht.

Viel, viel später lagen sie Seite an Seite neben dem soeben verloschenen Lagerfeuer, zum Schlafe gebettet. Ihre Körper waren müde, aber noch waren nicht alle Fragen verstummt.

„Warum bist du in dem Haus eigentlich so viel schneller am Ende angekommen als ich?“ ließ sich der Weiße noch ein letztes Mal vernehmen.

Winnetou gab nach einem langen Moment des Überlegens nur eine kurze Antwort darauf. Ein karger Satz nur, der doch alles erklärte: „Ich habe das Dunkel meiner Seele schon oft durchschritten.“
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