Geschichte: Fanfiction / Prominente / Musik / K.I.Z / Charly

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Charly

von vino
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Nico Seyfrid OC (Own Character)
08.08.2016
28.01.2019
24
38.353
8
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Dieses Kapitel
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08.08.2016 815
 
Ich rauchte noch schnell den Rest meiner Zigarette auf, bevor ich sie an der Steinwand ausdrückte und mich widerwillig und sichtlich unmotiviert zurück hinter den Tresen begab, aber nicht ohne vorher noch die Schleife meiner Schürze festzuziehen. Ich arbeitete erst seit kurzem in der kleinen Bar im Herzen Neuköllns, nachdem ich meinen anderen Kellner-Job durch ein schlichtes Missverständnis, wie ich es in Erzählungen gerne bezeichnete, verloren hatte.

Außerdem war mein neuer Chef, Rolf, das Klischee eines Kneipenbesitzers, der wohl verständnisvollste Arbeitgeber, den man sich vorstellen konnte. Wenn man eine halbe Stunde vor Schichtbeginn anrief und erklärte, man habe sich die Grippe eingefangen, reagierte er gefasst, suchte Ersatz und wünschte gute Besserung. Dies führte schon oft dazu, dass einige Kellnerinnen seine Gutmütigkeit ausnutzten und lieber feiern gingen anstatt zu arbeiten.

Ich rappte beim Spülen der Gläser gedankenverloren den Eminem-Song mit, der leise aus den an der Wand angebrachten Boxen dröhnte, als sich ein junger Mann, ich schätzte ihn auf Anfang dreißig, direkt gegenüber von mir an die Bar setzte.

„Ein waschechter Hip-Hop-Fan, was?“, grinste der Fremde mich schelmisch an.

Er trug ein rot-schwarzes Karohemd und eine schwarze Cap, die Haare darunter waren kurz geschoren. Ich war schon massenhaft Typen wie ihm in dieser Bar begegnet. Anfangs waren sie freundlich, aber nach dem zweiten Bier erlaubten sie sich dann einen anzüglichen Kommentar und nach dem fünften landete ihre Hand „zufällig“ auf meinem Hintern. Ich erwiderte sein Lächeln nicht und bemerkte dabei, dass er mir irgendwie bekannt vorkam. Ich wusste jedoch nicht, wo ich ihm einmal begegnet sein könnte.

„Nicht wirklich.“

„Ich bin mit Hip-Hop aufgewachsen, es gibt weitaus besseres als Eminem.“

Da mir heute nicht nach Smalltalk zumute war, warf ich ihm einen sichtlich genervten, fragenden Blick zu, damit er mir endlich seine Bestellung nannte.

„Ist Freundlich sein nicht eigentlich dein Job?“, scherzte er und trug dabei immer noch dieses breite Lächeln auf den Lippen, das mich langsam ankotzte. Warum war dieser Typ so verdammt fröhlich?

„Mein Job ist es Getränke auszuschenken und das würde ich liebend gerne tun, wenn du bestellen würdest, anstatt mich so beschissen vollzuquatschen.“

Vorsichtig sah ich mich um, nur um sicherzugehen, dass Rolf meine harschen Worte nicht mitbekommen hatte.
Wenn er eins hasste, dann war es, wenn eine seiner Angestellten unfreundlich zu den Gästen war.
Vermutlich wäre ich höflicher gewesen, wenn ich auf dem Weg zur Arbeit nicht knapp meine Bahn verpasst hätte und dann am späten Nachmittag nicht auch noch von einer Gruppe betrunkener Gäste, die gerade einen Junggesellenabschied feierten, belästigt worden wäre.
Sie waren etwa im Alter des Gastes, der mir gegenübersaß. Dieser wirkte verwirrt und auch das Lächeln auf seinen Lippen verschwand langsam. „Dann nehme ich ein Bier.“ Natürlich, was auch sonst?
Ich zapfte das Bier und schob es ihm unsanft rüber, so dass es etwas Flüssigkeit überschwappte, bevor ich mich den Bestellungen zwei junger Frauen widmete, die vor wenigen Minuten an Tisch 2 Platz genommen hatten.
Es war Dienstagnacht, deshalb war in der Bar nicht viel los. Die Reisetaschen der Mädchen ließen die Vermutung zu, dass sie wohl Touristinnen waren. Der fremde Gast im Karohemd sprach in starkem Dialekt, war deshalb ziemlich sicher gebürtiger Berliner. Musste er morgen nicht arbeiten?

Normalerweise hätten wir um diese Uhrzeit schon längst geschlossen, aber Rolf dehnte die Öffnungszeiten gerne ein wenig aus. Je später es ist, desto mehr zahlen die Leute, pflegte er immer wieder zu sagen.

„Jetzt musst du niemanden mehr bedienen und ich kann dich weiter vollquatschen.“

„Hast du keine Freunde?“, fragte ich mit einem Augenrollen, während ich die vorhin gespülten Gläser sorgfältig abtrocknete und zurück in einen großen Holzschrank unter der Theke stellte.

„Ich wollte eigentlich gar nicht herkommen. Ich war auf dem Weg nach Hause und hab dich dann vor der Kneipe stehen sehen und bin einfach reingegangen.“

„Toll.“

„Willst wohl wirklich nicht mit mir reden, was?“

Der Fremde lächelte verschmitzt und ich spürte seinen Blick im Rücken, als ich das letzte Glas einräumte.
Er kramte schließlich in seiner Hosentasche und zog seine Geldbörse hinaus, ohne auch nur einen Schluck von seinem Bier getrunken zu haben. Er legte einen geknickten Fünf-Euro-Schein auf den Tresen. „Für die freundliche Bedienung.“ Danach verließ er die Kneipe ohne sich noch einmal umzudrehen.
Ich zögerte eine Sekunde, bevor ich ihm schnellen Schrittes nachlief, den Geldschein fest mit der Faust umschlossen.

„Hey, du, warte mal!“

Der Fremde drehte sich tatsächlich um und trotz der Dunkelheit, konnte ich das Lächeln auf seinen Lippen erahnen. Ich streckte meine Hand aus, um ihm das Geld zurückzugeben. „Das hab ich mir gar nicht verdient.“
Er lachte, griff aber nicht nach dem Geld. „Wenn du noch eine mit mir rauchst, kannst du’s behalten.“
Ich stieg in sein Lachen mit ein, bevor ich mir synchron mit ihm eine Zigarette anzündete.

„Ich bin übrigens Nico“, stellte er sich nach ein paar Zügen vor. „Wo hab ich bloß meine Manieren gelassen?“

„Charly.“
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