Second chances

GeschichteDrama, Romanze / P12
Aria Montgomery Jason DiLaurentis
07.08.2016
13.10.2016
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Aria dreht sich skeptisch vor dem Spiegel. Wie war sie nur hier her gekommen? Am Montag war sie noch alleine durch die Flure der Rosewood High geschritten und nun befindet sie sich in einem Raum mit vier anderen Mädchen.

Sie befindet sich in einem Raum voller Klamotten, Parfümduft und dem aufregten Stimmen der anderen Mädchen, während sie selbst stumm dem Durcheinander zusieht. Aria hatte sich gewundert, als Alison auf einmal mit den drei anderen Mädchen auf sie zugesteuert war. Alison vorne weg und die anderen Mädchen wie treue Hunde immer einen kleinen Schritt hinter ihr.

Diese Mädchen lachen über jeden Witz ihrer Anführerin und wagen es nicht, auch nur ein Wort, das sie sagt, anzuzweifeln. Aria findet nicht, dass sie dazu passt. Sie hofft auch nicht, dass irgendjemand dieser Meinung war. Für sie ist es schon immer wichtig gewesen, sich nicht nach anderen zu richten und nach ihrem eigenen besten Wissen zu entscheiden, was sie selber wollte. Außerdem sieht sie ganz anders aus und benimmt sich auch anders.

Sie trägt gerne schwarz und hat leuchtend pinke Strähnen in ihrem Haar. Alison dagegen war das Abbild einer Barbie. Goldblonde lange Haare, ein bereits sehr weiblicher Körper und ein stark geschminktes Gesicht blicken Aria jeden Tag an.

Alison genießt es, ihre Untergebenen zu scheuchen. Aria hat dazu keine Lust. Obwohl sie Alison erst gerade mal fünf Tage kennt, ist sie schon mehrere Male mit ihr aneinandergeraten. Aria will nicht schweigen, wenn sie anderer Meinung ist.

Es wundert sie, dass Alison sie noch nicht wieder fallen gelassen hat. Wahrscheinlich denkt sie noch, dass Aria irgendwann aufgeben wird und sie sie noch brechen kann. Doch das wird nicht passieren. Da ist Aria sich sicher.

Und wie war sie nun hier her gekommen? Warum hatte sie sich nur überreden lassen mitzukommen? Sie wollte nicht auf diese Party. Vielleicht war sie doch nicht so standhaft wie sie sich selbst einredete? Oder vielleicht wollte sie doch zu dieser Party und konnte es sich selbst nicht eingestehen, weil es doch eigentlich gar nicht zu ihr passte?

Partys dieser Art finden in Rosewood jedes Jahr statt. Das hat sie in der Schule bereits herausgefunden. Die beiden Kahn-Bruder veranstalten sie in der Waldhütte ihrer Eltern. Die erste findet jedes Jahr zum Start der Sommerferien statt.

Aria verflucht den Schulleiter, der auf die dumme Idee gekommen ist, sie eine Woche vor den Ferien noch in ihre Schule zu schicken. Doch der Schulleiter ist der Meinung, dass neue Schüler so schon vor den Ferien, die Möglichkeit haben, neue Freunde zu finden und den Sommer nicht alleine verbringen müssen, um so einen besseren Start in das neue Schuljahr
zu haben.

Und nun wird Aria auf ein riesen Besäufnis gehen. Sie zupft weiter unsicher an ihrem Top. Eigentlich sieht sie aus wie immer. Sie trägt schwarze Chucks, eine dunkle enge Jeans und ein einfaches schwarzes Top. Eigentlich würde sie sich wohl fühlen, wenn Alison nicht ständig an ihrem Top ziehen würde, weil sie der Meinung ist, Aria müsse mehr zeigen.

Außerdem hat es Alison mit Arias Make-up doch sehr gut gemeint. Sie sieht aus wie immer, aber doch älter. Ihre langen schwarzen Haare sind zu einem lockeren Zopf zusammengebunden. Lose Strähnen und hängende Ohrringe umspielen ihr Gesicht.

„Aria, hör auf an deinem Top zu ziehen“, fordert Alison sie schließlich auf und reißt sie damit aus ihren Gedanken. „Vertrau mir einfach, auf dieser Party sind nicht nur die kleinen Jungs, die du kennst. Die Männer auf der Party kannst du mit diesem prüden Outfit nicht beeindrucken. Da musst du schon etwas mehr Haut zeigen“, sagt Alison. Aria rollt nur mit den Augen und zieht ihr Top doch noch ein kleines Stück höher.

„Was ist das für eine Party?“, fragt Aria. So ganz ist ihr der Sinn dieser Partys noch nicht aufgegangen. Außerdem scheint es für sie das Beste zu sein, so gut vorbereitet wie möglich, die Hütte der Kahns zu betreten, um den Schock zu verringern.

„Noel und Eric Kahn schmeißen jeden Sommer mehrere Partys. Eine davon ist immer direkt zu Beginn der Sommerferien. Ihre Eltern besitzen eine Hütte im Wald. Eric lädt seine Freunde ein, die mittlerweile alle zum College gehen und Noel lädt noch seine Freunde von der Highschool ein. So wie uns und diese kleinen Jungs. Aber wie gesagt es gibt genug ältere Alternativen“, erklärt Alison Aria mit einem Zwinkern.

Aria ist sich nicht sicher, ob diese Vorbereitung ihr wirklich geholfen hat. Für sie klingt das alles immer noch nach einem Besäufnis, auf dem dann auch noch junge Mädchen sich älteren Kerlen an den Hals werfen. Du entscheidest selbst, was du tust, versucht Aria sich immer wieder einzureden.

„Also seid ihr dann mal alle fertig, dann können wir los“, schlägt Alison vor, was ihre Gefolgten dazu bringt, nach ihren Taschen zu greifen und ihrer Anführerin die Treppe hinunter zu folgen, während Aria nur kopfschüttelnd hinterher trottet.

Noch bevor die Mädchen in der Hütte angekommen sind, kann Aria die dröhnende Musik hören, die innen aus den Boxen strömt. Sie läuft als letzte durch die Eingangstür. Innen drinnen ist es genauso wie sie es erwartet hatte.

Die Räume, die sicherlich einmal ordentlich hergerichtet waren, sind bereits der tanzenden Menge zum Opfer gefallen. Überall verstreut auf den Tischen, Regalen und auf dem Boden liegen große Plastikbecher. Teilweise scheint ihr Inhalt sich über die Möbel und den Boden ergossen zu haben. Das würde zumindest den starken Geruch nach Alkohol erklären.

Neben dem Geruch und der lauten Musik sind es vor allem die Menschen auf dieser Party, die ihr ins Auge fallen. Die Mädchen haben wirklich nur das absolut nötigste bedeckt und tänzeln verführerisch vor den Männern, die sie ansehen wie Tiere, die ihre Beute betrachten.
Was hatte sie sich nur angetan? Alison verabschiedet sich noch an der Eingangstür von ihren Freundinnen. Sie sagt nur, dass sie verabredet sei und sie sich amüsieren sollen. Dann verschwindet sie in der Menge.

Aria hat sich nur einen kurzen Moment umgedreht, als sie bemerkt, dass auch die anderen Mädchen bereits in der Menge verschwunden sind. Am liebsten würde sie direkt wieder gehen. Da sie jedoch gemeinsam gekommen waren, bleibt ihr nichts anderes übrig, als zu warten, bis die anderen bereit sind zu gehen.

Sie lässt sich in den nächsten freien Sessel fallen. Doch das Vorhaben, die Zeit einfach mit Warten verstreichen zu lassen, ist leichter gesagt als getan. Aria wird fast schlecht, als sie beobachtet wie die Frauen sich den Männern anbiedern.

Als Aria ihren Blick durch die tanzende Menge schweifen lässt, bleiben ihre Augen für einen kurzen Moment an einem Mann hängen, der versteckt hinter den vielen Menschen auf der anderen Seite steht und mit einem ähnlich gelangweilten Blick an seinem Bier nippt.

Sie muss zugeben. Er ist ihr nicht nur aufgefallen, weil er ähnlich gelangweilt aussieht wie sie selbst. Er sieht unheimlich gut aus. Seine dunkelblonden Haare trägt er kurz und seine grünen Augen stechen bis zu ihr hervor. Die einfache Jeans und das dunkle T-Shirt stehen ihm wahnsinnig gut und schmeicheln seinem muskulösen Körper.

Doch Aria wird aus ihren Gedanken gerissen, als ein betrunkener Partygast über seine eigenen Füße fällt und auf ihrem Schoß landet. „Sorry, meine Süße“, lallt er hervor. Aria stößt ihn nur genervt und angewidert von sich. Sie hat wirklich genug.

Sie steuert geradewegs auf die nächste Tür zu, die sie findet und schlüpft in das Zimmer. Als sie das Licht anschaltet, sieht sie erst welchen Raum sie betreten hat: eine Abstellkammer. Na super! Egal, hauptsache sie ist einfach kurz alleine und weg von diesem schrägen Zirkus, der sich ihr hinter der Tür bietet.

Sie lässt sich einfach auf den Boden sinken und lehnt sich seufzend gegen die Wand. Sie ist kaum einen Moment alleine gewesen, als sich die Tür wieder öffnet. Schreckhaft setzt Aria sich auf und starrt auf den Türspalt, als sie sein Gesicht erblickt und er geräuschlos die Tür hinter sich schließt.

Aria spürt, wie sich ihr Herzschlag beschleunigt hat. Und er beruhigt sich auch nicht, jetzt wo sie sieht, wer den Raum betreten hat.

„War das hier nicht als Party gedacht, auf der man Spaß hat?“, fragt er Aria. „Du bist einem Mädchen gefolgt, das sich alleine in einer Abstellkammer verkriecht. Also scheinst du die Party auch nicht sehr zu genießen“, kontert sie. „Punkt für dich“, antwortet er und lächelt sie an.

„Willst du dich meiner Party anschließen?“, fragt Aria ihn. Er überlegt kurz, zuckt aber dann nur mit den Schultern, als er hätte er sich selbst die Frage gestellt, was dagegen sprechen würde und setzt sich ihr gegenüber auf den Boden. Er lehnt sich ebenfalls mit dem Rücken an die Wand.

„Also ich hab dich vorher noch nie auf einer der Partys gesehen“, stellt er fest. „Ich war auch noch nie auf einer. Meine Familie hat vorher in Island gewohnt“, erzählt sie ihm. „Island?“, wiederholt er beeindruckt.

„Ja, mein Vater hatte dort einen Job“, erzählt Aria ihm. „Ok, aber warum gehst du auf eine Party, um dich dann in der Abstellkammer zu verstecken?“, fragt er immer noch ratlos. „Meine…ähm…Freundinnen haben mich mit geschleppt“, erklärt sie ihm. Er nickt nur, als wüsste er genau, was sie damit sagen will.

„Auf welches College gehst du?“, fragt er ganz selbstverständlich. College? Er denkt, sie geht zum College? Gott, wieviel so ein bisschen Make-up und ein tiefer Ausschnitt doch anrichten können. Lüg einfach, Aria. Er ist offensichtlich älter als du. Lüg einfach. „Princeton. Ich studiere Jura“, schießt es plötzlich aus ihr heraus.

Hoffentlich hatte er nicht gesehen, wie sehr sie ihre eigene Lüge verblüfft hat. Wie kommt sie nur die auf die Idee, dass sie Jura in Princeton studieren würde? Ferner von der Wahrheit könnte diese Aussage nicht liegen.

„Wow, das hätte ich nicht erwartet. Also dass heißt nicht, dass ich denke, dass du nicht intelligent genug dafür wärst, aber ich hätte mehr auf etwas Kreatives getippt“, erklärt er ihr. Aria lächelt nur. Sie lächelt auch deshalb, weil er sie so schnell so richtig eingeschätzt hat.

„Willst du einen Schluck?“, fragt er und hält ihr seinen Becher hin. Er bemerkt sofort ihr Zögern. „Oh minderjährig und gut erzogen nehme ich an“, vermutet er lachend.
„Wie alt bist du?“, fragt er interessiert. Aria merkt, wie sie nervös wird. Hoffentlich fällt es ihm nicht auf. Lüg einfach. Lüg, Aria. Aber nicht zu sehr.

„Ich bin 19“, sagt sie dann und versucht langsam zu atmen. Hatte sie es übertrieben? Konnte man sie wirklich für 19 halten. Tatsächlich war sie gerademal 15. „Ok, also ich bin 21. Also trinkst du unter Aufsicht eines Erwachsenen“, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln.

Auch Aria fängt an, zu lachen. Vor allem deshalb, weil ihre Lügen noch nicht aufgefallen waren und er ihr tatsächlich alles glaubt, was sie sagt. Doch auf der anderen Seite ihres Kopfes hallt immer noch sein Alter. 21. Er ist schon 21. Sie ist 15. Gott, wieso musste Alison nur Recht haben? Wieso fand sie ihn viel interessanter als die Jungs in ihrem Alter?

Er hält ihr den mit Bier gefüllten Becher wieder hin und sie nimmt einen kräftigen Schluck, bevor sie ihm den Becher wiedergibt. „Also warum bist nicht bei den anderen, sondern bei mir in der Abstellkammer?“, fragt Aria.

Er nimmt selber einen Schluck aus dem Becher und denkt anscheinend jetzt tatsächlich darüber nach, warum er bei ihr in der Abstellkammer sitzt und sich nicht zwischen all den anderen auf der Party befindet. „Die Leute draußen interessieren mich nicht. Die eine Hälfte sind kleine Highschool-Kinder und die anderen sind Leute, die ich alle irgendwie kenne und alle davon sind Idioten oder Frauen, die sich einem an den Hals werfen“, erklärt er Aria.

Wieder hallen seine Worte in ihren Worten. Eines ganz besonders. Highschool-Kinder. Das hatte er gesagt. Kleine Highschool-Kinder. Und sie gehört auch dazu. Wieder versucht sie langsam weiter zu atmen und sich nichts anmerken zu lassen.

„Was machst du dann hier auf der Party?“, fragt Aria verwundert. Er überlegt kurz. „Gratis Drinks“, sagt er dann schlicht. Aria lacht und er stimmt in ihr Lachen ein, damit sie nicht merkt, dass seine Antwort kein Witz sein sollte.

Plötzlich wird die Tür zur Abstellkammer aufgerissen und einer der Partygäste bleibt abrupt im Türrahmen stehen, als er die beiden auf dem Boden sitzen sieht. „Oh, tut mir Leid. Ich will nicht stören. Ich brauche nur einen Eimer für… naja ihr wisst schon“, stottert er herum. Vorsichtig schlängelt er sich ihren Beinen hindurch und greift einen Eimer aus dem Regal. Schnell verschwindet er wieder aus dem winzigen Raum.

„Vielleicht sollte ich mal gucken, wo meine Freundinnen sind“, sagt Aria. Jason nickt nur. Mühelos stemmt er sich hoch und reicht ihr die Hand, um sie hochzuziehen. Lächelnd greift Aria danach und steht sekundenschnell auf ihren Füßen. Sie hält die Türklinke schon in den Händen, als er plötzlich nach ihrem Handgelenk greift um sie zurückzuhalten.

„Hey, verrätst du mir deinen Namen?“, fragt er. „Aria“, antwortet sie einsilbig. Er lächelt. „Aria“, wiederholt er. „Ein wirklich schöner Name. Ich bin Jason.“ „Es war schön dich kennenzulernen, Jason“, erwidert Aria bevor sie die Tür öffnet und aus dem Raum in die Menge der Menschen geht.

Die tiefen Bässe der Musik dröhnen aus der Box neben ihm in sein Ohr. Doch es hat keinen Sinn, sich weiter wegzusetzen. Der ganze Raum ist voll mit Menschen, die mit ihren Stimmen die Musik beinahe noch übertreffen.

Junge Collegestudenten und noch jüngere Highschool Schüler, die alle mit einem Becher in der Hand um ihn herum stehen oder dicht gedrängt auf dem Sofa sitzen. Junge Menschen, die sich anlächeln, manche aus Höflichkeit, manche aus der tatsächlichen Freue heraus, sich wiederzusehen.

Die ganze Zeit schon redet das Mädchen neben ihm auf ihn ein. Ständig redet sie von irgendwelchen Lehrern oder Mitschülern aus der Highschool, an die er sich doch erinnern muss. Doch tatsächlich erinnert sich Jason an keinen einzigen dieser Namen.

So verschwommen wie seine Erinnerungen sind, so wenig klar nimmt er auch jetzt seine Umwelt war. Die Menge der Menschen kommt ihm vor, wie eine undefinierbare Masse.

Doch dann für einen kurzen Moment hat er sie in dieser undefinierbaren Masse gesehen. Nur einen Bruchteil einer Sekunde ist sie aus der Menge für ihn hervorgetreten und jetzt heftet sein Blick an ihr. So sehr, dass es nur einen weiteren Augenblick dauert, bis er ihn neben ihr stehen sieht.

Noel Kahn, den Bruder von Eric. Auch wenn Eric ihn jedes Mal zu diesen Partys einlädt und er jedes Mal kam. Genauso wenig, wie er die Partys eigentlich mochte, mochte er auch Eric. Und sein Bruder scheint kein bisschen besser zu sein. Doch ist er eigentlich besser als die beiden? Kann er sich eigentlich anmaßen über sie zu urteilen?

Diese Frage schlägt sich sofort wieder aus seinem Kopf, als er sieht wie Noel einen Schritt auf Aria zugeht und jetzt gefährlich nahe vor ihr steht. Jason richtet sich auf, um besser sehen zu können. Zerknirscht sieht er, wie Noel seine Hand hebt und Aria lächelnd eine Haarsträhne hinter das Ohr streicht. Jasons Blick konzentriert sich auf sie.

Das flirtende Lächeln, das auch sie eben noch auf den Lippen hatte, war für den Bruchteil einer Sekunde verschwunden und durch ein gespieltes und höfliches Lächeln ausgetauscht worden. So schnell, dass es Noel bestimmt nicht bemerkt hat.

Doch Jason war es aufgefallen. Und ihm war auch aufgefallen, wie sie bei seiner Berührung ganz leicht unbehaglich zusammengezuckt ist und einen kleinen Schritt nach hinten getreten ist. Hinter ihr befindet sich allerdings sofort die Arbeitsplatte der Küchenzeile, sodass sie ihm nicht weiter ausweichen kann. Jason beobachtet, wie Aria weiterhin nervös lächelt, während Noel keinen Schritt von ihr zurückweicht.

Entschlossen steht er auf und läuft entschlossen auf Aria zu. Er hat keine Ahnung, wie er auf die Idee kommt, dass sie ihn nicht genauso nervös anlächeln wird, dass sie seine Nähe nicht genauso unangenehm finden wird oder dass sie ihm nicht eine Ohrfeige geben wird, sobald sie wieder dazu in der Lage ist. Er weiß es nicht.

Doch als er direkt vor ihr steht, zögert er keine Sekunde. Er greift Noel von hinten an die Schulter und zieht ihn kraftvoll zurück. Aria sieht ihn erstaunt an. Eine Sekunde lang steigt Unsicherheit in ihm auf, doch als er seine rechte Hand an ihre Wange legt, stößt sie ihn nicht weg.

Stattdessen legt sie ihre Hände impulshaft an seine Hüfte. Jason spürt, wie sie ihn mit ganz leichtem Druck gegen sich drückt. Jason legt seine linke Hand an ihre Taille und presst seine Lippen ohne eine Vorwarnung auf ihre.

Für einen kurzen Moment kann er sehen, wie ihre Augen schreckhaft aufreißen und ihr Körper sich unter seiner Hand anspannt. Für den Bruchteil einer Sekunde zieht er seine Lippen zurück und wartet auf ihre Reaktion. Die aufgerissen Augen weichen einem sehnsuchtsvollem Blick, der Jason seine Zweifel aus dem Weg räumen lässt.

Wieder nähern sich seine Lippen langsam ihren. Als ihr ein leises Wimmern entweicht, bereitet sich ein amüsiertes Lächeln auf seinem Gesicht aus. Mit einer Leichtigkeit hebt er sie hoch und setzt sie auf der Arbeitsplatte der Küchenzeile ab.

Aria schlingt ihre Arme um seinen Nacken und merkt wie sich eine Gänsehaut auf ihrem gesamten Körper ausbreitet, als er sie endlich wieder anfängt zu küssen. Aria vergisst die Menschen um sie herum, während sie Jasons warme Hände auf ihrem Rücken spürt. Als sich seine Lippen ganz langsam von ihren lösen, greift er nach ihrer Hand und zieht sie vorsichtig von der Anrichte. „Kommst du mit raus?“, flüstert er in ihr Ohr. Aria nickt, während sie sich auf die Lippe beißt, um ein Lächeln zu unterdrücken.

Erst jetzt fällt Aria auf, dass Noel sich von den beiden entfernt hat und sie verärgert ansieht, als sie auf die Hintertür zugehen, neben der er mit einer Gruppe steht. „Ich glaube, du hast sie gelangweilt“, flüstert Jason ihm spöttisch entgegen, was Noels Blick nur noch finsterer werden lässt.

Sie war so dumm gewesen. Lügen fliegen immer auf, hat ihre Mutter immer gesagt. Sie hätte besser auf sie gehört. Denn wenn sie das getan hätte, würde sie jetzt vermutlich nicht in dieser Situation sein.

Doch weil sie gelogen hat, starrt er sie jetzt an. Er durchbohrt sie mit seinen Augen. Seinen wütenden, funkelnden Augen, die nach einer Erklärung verlangen. Sie hat die Luft angehalten, als sie ihm nur wenige Minuten zuvor zum ersten Mal gegenüber gestanden hat. Sie schenkte gerade für alle ein Glas Orangensaft für das Frühstück ein, als er die Treppe runtergekommen war.

Nichtsahnend hat sie sich umgedreht und ihm direkt in die Augen geblickt. Um ein Haar hätte sie vor Schreck die Flasche fallen lassen. Sein Kopf dröhnte und schmerzte, doch Jason war sich sicher, dass das keine Wahnvorstellungen seines Gehirns waren.
Vor ihm stand Aria. Das Mädchen, das er die ganze Nacht geküsst hatte. Mit der er in der Abstellkammer gesessen hatte. Das Mädchen, das ihm erzählt hatte, sie wäre 19 und würde aufs College gehen.

Am liebsten hätte er sie sofort zur Rede gestellt. Doch das war nicht möglich. Nicht, nachdem er nun weiß, dass sie eine Freundin seiner Schwester ist. Alison darf nicht erfahren, woher er Aria kennt.

Nun sitzt er schräg gegenüber von ihr und durchbohrt sie so subtil mit seinen Blicken, dass es niemanden am Tisch auffällt. Als Aria als letzte den letzten Bissen ihres Brötchens runtergewürgt hat, springt Jason auf. Es kümmert ihn nicht, ob er unhöflich wirkt. Es kümmert ihn nicht, dass seine Mutter ihm verärgert hinterher ruft. Er will weg. Sofort.

Aria hat etwas Zeit verstreichen lassen, bevor sie sich von ihren Freundinnen aus dem Garten entfernt hat, um sie wie sagte, zur Toilette zu gehen. Doch deshalb war sie nicht ins Haus gegangen. Stattdessen steht sie nervös vor seiner Zimmertür.

Es war nicht schwer zu erraten, welches der vielen Zimmer im Haus Jasons ist. Die laute Musik, die aus dem Raum bis draußen auf den Flur hallt, hat ihn verraten. Aria klopft zaghaft an das Holz der Tür.

„Wer ist da?“, fragt Jason von innen gereizt. „Ich bin‘s, Aria“, antwortet sie ihm leise. Statt sie hereinzubitten, reißt er die Tür auf und starrt sie wütend an. Am liebsten wäre sie umgedreht.

Der Jason, der jetzt wütend vor ihr steht, hat nichts mehr mit dem Mann zu tun, den sie gestern kennen gelernt hatte. Der ihr in die Abstellkammer gefolgt war, der sie vor Noel gerettet hat und der sie die ganze Nacht geküsst hat, bis ihr schwindelig wurde.

Wortlos geht Jason ein Schritt zurück, um ihr anzudeuten, dass sie das Zimmer betreten darf. Aria folgt dieser Aufforderung. „Es tut mir Leid“, entschuldigt sie sich sofort, während sie nervös mit ihren Fingern spielt. „Es tut mir Leid, dass ich dich angelogen habe“, wiederholt sie. Jason antwortet nicht, sondern starrt sie nur weiter wütend an. Seine Lippen sind vor Wut zu schmalen Linien zusammengepresst.

„Wusstest du, wer ich bin?“, fragt Jason. Aria schüttelt schnell mit dem Kopf. „Nein, ich wusste nicht, dass du Alis Bruder bist“, versichert sie ihm. Jason sieht sie an, um zu erkennen, ob sie dieses Mal die Wahrheit sagt oder ihn wieder anlügt.

„Also wer bist du?“, fragt er. „Ich bin Aria. Ich bin aus Island hergezogen. Aber ich studiere nicht Jura. Ich studiere überhaupt noch nicht“, sagt sie leise.

„Wie alt bist du wirklich?“, fragt er weiter kühl. „Fünfzehn“, antwortet Aria einsilbig, während sie beschämt, weil sie ihn angelogen hat, zu Boden guckt. „Es tut mir Leid“, wiederholt sie erneut, doch sie weiß, dass Jason ihr ihre Lügen noch nicht verziehen hat.

„Du sagst niemanden etwas, klar? Das bleibt unter uns und wir versuchen das einfach zu vergessen“, sagt er bestimmt. Aria starrt ihn einfach nur an. Sie ist sicher, dass es ihm genauso gefallen hat, wie ihr. Dass er es am liebsten direkt wiederholen möchte. Dass das Einzige, was ihn daran hindert, die Erkenntnisse sind, die jetzt seinen Kopf und seinen Verstand sein Herz und seinen Bauch übertönen lassen.

Aria starrt ihn einfach nur an. Langsam kann er ihr Verhalten nicht mehr einordnen. Sie muss doch verstehen, dass es nicht geht. „Das müssen wir nicht“, flüstert sie ihm plötzlich leise entgegen. Ihren vorher schon geringen Abstand, hat Aria noch mehr verkleinert, indem sie einen Schritt auf ihn zugegangen ist. Ihre Hände legt sie vorsichtig auf seine Brust und lässt sie an seinen Schultern hochfahren, bis sie seinen Hals mit ihren Fingern im Nacken umschließt.

Jason könnte einfach zurückgehen oder sie wegstoßen, aber das tut er nicht. Stattdessen bleibt er stehen und starrt sie an. „Ich will es nicht vergessen. Und ich will auch nicht damit aufhören“, sagt Aria leise. „Ich werde es niemandem sagen. Keinem der Mädchen und erst Recht nicht Alison. Aber ich will, dass wir damit aufhören“, sagt sie lächelnd.

„Das kann unser Geheimnis sein“, flüstert sie ihm jetzt ins Ohr. Ihre warmen Lippen wandern mit leichten Küssen von seinem Ohr seinen Hals hinab. Jasons schließt genießend die Augen. Vielleicht hat sie Recht, schießt es ihm durch den Kopf. Es kann ihr Geheimnis sein. Keiner wieder davon wissen, aus ihnen beiden.

Sie will es doch. Sie schlägt es doch selbst vor. Dann ist es doch ok, oder nicht? „Keine Gefühle, keine Eifersuchtsanfälle und kein Wort zu irgendjemand“, flüstert er, während er die Augen immer noch geschlossen hält. Aria lächelt. Sie hat ihn überzeugt. „Ja“, haucht sie ihm ins Ohr.

„Versprich es“, fordert er von ihr. Aria sieht ihn kurz irritiert an. Warum war ihm das so wichtig? Doch wenn es wollte, war sie ihm bereit auch ein Versprechen zu geben. „Ich verspreche es“, erwidert sie. Jason zögert nun keine Sekunde mehr. Er umgreift ihr Gesicht mit seinen Händen und presst seine Lippen auf ihre vor Aufregung geröteten, weichen Lippen.
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