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Continguity Magica

GeschichteFreundschaft, Tragödie / P12
Homura Akemi Kyouko Sakura Madoka Kaname Mami Tomoe OC (Own Character) Sayaka Miki
07.08.2016
22.07.2018
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14.10.2016 4.538
 
Contiguity Magica

Kapitel 03: Unter einem wolkenverhangenen Himmel …


„Es ist immerhin keine Schädelfraktur und bleibende Schäden wird der Sturz auch nicht nach sich ziehen. Sie haben dahingehend Glück im Unglück gehabt“, sagte der Arzt mit nüchternem Ausdruck und einer Art, sich gehoben zu artikulieren. Er war ein in die Jahre gekommener Mann, mit einem von Falten erschlafften Gesicht und einem, das blaue Hemd an seine Grenzen der Belastbarkeit bringend, runden Bauch. Eine kleine Lesebrille saß angeschrägt auf seiner Nase, die er sich mehrmals zurechtrücken musste. Sein Blick ruhte halb auf Madoka Kaname, halb auf dem Klemmbrett, welches er mit einer Hand festhielt, während die andere die Blätter umschlug. Dann setzte er fort: „Und das ist Ihnen vorher wirklich noch nie passiert?“
Madoka verneinte, woraufhin der Mann im Kittel eine andächtige Schnute zog und, wie von einer kalkülen Gleichgültigkeit vereinnahmt, nickte. Dann blickte er zu den zwei der vier Menschen, die sich mit dem Rücken zum Fenster gesetzt hatten. Eine dieser vier Personen war Sayaka, die auf dem kratzigen Polster des Stuhls platz genommen hatte. Auf ihrem Schoß der dreijährige Tatsuya, der mit einem sorglosen Lächeln, wie man es von kleinen Kindern her kannte, die die komplizierte Welt der Erwachsenen weder verstehen konnten, noch sie zu verstehen versuchten, fest die Hand seiner großen Schwester Madoka hielt und immer wieder versuchte, sie zu sich herüber zu ziehen.
Die beiden, die auf der anderen Seite des Bettes und mit dem Rücken zum Fenster saßen, waren die Eltern Madokas und Tatsuyas. Junko – die Mutter – war eine geschäftige Frau von schätzungsweise fünfunddreißig bis vierzig Jahre. Sie hatte schulterlanges, hellviolettes Haar, trug Lippenstift in einer eigentümlichen, roten Farbe und trug die Kleidung einer gewichtigen Sekretärin. Tomohisa – der Vater – war hingegen ein hagerer Mann, auch von etwa fünfunddreißig bis vierzig Jahren. Er hatte kurzes, nussbraunes Haar, trug eine kleine, kantige Brille, einen blauen Pullover und eine cremefarbene Hose. Nach Sayakas Anruf waren sie umgehend in das Krankenhaus geeilt, was Madokas anfänglich blässlichem Gesicht allmählich wieder Farbe einhauchte.
„Nun, ich empfehle ihnen beiden, da sie ja selbst die Unstimmigkeit in dieser Aussage und dem Geschehen vernommen haben, dass wir Madoka bis übermorgen hier behalten, damit wir sie auf diverse Symptome testen können.“
„Ist das denn wirklich nötig?“, fragte Junko.
„Das obliegt Ihnen“, erwiderte der Kittelträger mit gewohnter Kalküle, „da ihre Tochter noch nicht volljährig ist. Ich kann nur meinen Rat als Arzt zu Besten geben. Und mein Rat ist, sie lieber bis übermorgen hierzubehalten. Denn ein plötzlicher Nervenzusammenbruch bei einem so jungen und gesunden Mädchen ...“ Er kehrte in sinnierende Stille ein, als wolle er sich die nächsten Worte so hingehend zurechtlegen, damit man ihn nicht im späteren Verlauf als Schürhaken für weitere, vielleicht unnötige Sorgen prozessierte. Dann sagte er weiter, den alten Satz unbeendet lassend: „Sicherlich steht es ihnen frei zu sagen, dass Sie sie wieder mit nachhause nehmen wollen, da wir im Moment nichts festgestellt haben, was uns dazu verpflichtet, sie längerfristig hierzubehalten. Aber, wie bereits gesagt, ist es nicht normal, das sie so plötzlich und unvorhergesehen das Bewusstsein verloren hat.“
„Also denken Sie, es könnte wieder passieren?“, fragte Tomohisa.
„Ich denke“, sagte der Arzt, wobei er einen Seufzer unterdrückte, „das es klüger wäre, die Situation nicht herunterzuspielen. Es könnte ein einmaliges Vorkommnis sein, hervorgerufen durch einen uns unbekannten Faktor, den, wenn überhaupt, nur Ihre Tochter erraten könnte, es sei denn, wir bekommen die Chance sie morgen genauer zu untersuchen. Es könnte aber auch ein zweites und ein drittes Mal auftreten und von da aus dann in immer kürzeren Abständen und längeren Perioden der Bewusstlosigkeit. Alles was ich sagen kann ist, dass es weder ein Kreislaufschock, noch Herzversagen war – dafür sind die Nachfolgesymptome nicht gegeben. Normal sprechen die Fakten eher auf äußere Gewalteinwirkungen, aber laut Ihrer Tochter, kann sie sich keines dumpfen Schlages entsinnen – der ja dem Zusammenbruch vorangeht –, und daher noch dem Gedächtnis erhalten bleiben müsste. Gut, nun könnte man argumentieren, dass ein gut gezielter Schlag fatale Folgen auf das Kurzzeitgedächtnis haben kann – nicht muss –, aber das braucht einen harten Gegenstand und ein Gefühl für die eigene Stärke, damit keine Frakturen am Schädel hinterlassen werden. Ich will sie hier nicht mit unfachmedizinischen Details zu kleistern oder Spekulationen anstellen, die schon in eine sehr unangenehme Richtung gehen; für so etwas gibt es schließlich die Polizei. Wir wollen zu diesem Zeitpunkt nicht von der These lassen, dass die Beule das Resultat des Aufschlags auf dem Boden ist und dieser Aufschlag wiederum einem Kreislaufkollaps zuzuschreiben ist. Die Blutwerte haben diese These nicht ganz bestätigt, aber es gibt noch andere Mittel, um so etwas zu messen. Und als Ärzte sind wir eben dafür zuständig; zu ermitteln, woran es lag, dass das arme Mädchen bewusstlos aufgefunden wurde. Doch dafür brauchen wir den morgigen Tag und selbst der kann uns kein nennenswertes Resultat versprechen. Alles was ich versprechen kann, ist, es zu versuchen. Ob sie uns diesen Versuch lassen, liegt ganz und gar bei ihnen zwei.“
Die beiden Eltern warfen sich einen schweigsamen Moment lang unsichere Blicke zu, als würden sie die Entscheidung allein mit den Augen ausdiskutieren. Dann wandten sie sich Madoka zu. Diese hatte mit ihrem verspielten Bruder ein kleines Spielchen begonnen, in dem es darum ging, das die Spitze seines Zeigefingers die ihre berührte. Madoka hatte indes die Aufgabe, den Zeigefinger in kleinen unstetigen Bewegungen, Tatsuya eine Schwierigkeit in diesem Spiel zu bieten. Nie hatte man eine solche Konzentration in einem so unruhigen Kind vernommen und nie die Freude erahnt, die ihm dieses recht simple doch wirkungsvolle Spiel ihm einbrachte, wenn ihm das erwartete Kunststück dann gelang.
Madoka hatte währenddessen aber auch zugehört. Wohl wissend, dass von ihr eine Antwort erwartet wurde, drehte sie den Kopf, ohne das Spiel zu unterbrechen, zu ihrem Eltern hin und machte ein unentschlossenes Gesicht. Einerseits schien ihr der Gedanke nicht verkehrt, herausfinden warum sie denn jetzt in diesem Bette hier lag, obwohl es ihr noch wenige Stunden zuvor so blendend ging. Andererseits konnte sie Krankenhäusern nur wenig abgewinnen. Die trostlosen Wände in Weiß, die beengten Flure, der sterile Geruch, der sie Kopfschmerzen leiden machte. Es gab nichts famoses an einem Krankenhaus, dass ein Mädchen wie Madoka – wohl generell eigentlich jeden gesunden Menschen – freiwillig dort hielt. Und doch …
„Ich denke, es wäre vielleicht nicht das Schlechteste, wenn ich für einen Tag hierbleibe“, sagte Madoka, sich ein mühseliges Lächeln abringend.
Bist du dir sicher, Schatz?“, fragte Junko, die Hand ihrer Tochter ergreifend, woraufhin Madoka eine bestätigende Geste machte.
„Ja. Ich denke, wenn ich etwas habe, dann sollte das schnell gefunden und behandelt werden. Und wenn ich nichts habe, dann ist das doch ein Glücksfall, oder nicht? Immerhin bedeutet es dann, dass ich gesund bin und es vielleicht wirklich nur ein einmaliges Vorkommnis war.“ Madokas Lächeln gewann an ehrlicher Munterkeit. „Außerdem ist es ja nur für einen Tag.“
Der alte Mann rückte sich die Brille zurecht und brachte mit einem Nicken hohe Achtung vor diesem reifen Entschluss eines noch so unreifen Mädchens hervor.
„Gut“, sagte Junko. „Wenn du dir denn sicher bist, dann will ich dir da nicht reinreden. Bist du dir sicher?“, fügte sie mit Nachdruck hinzu.
„Bin ich“, bestätigte Madoka.
Die Mutter presste die Lippen fest zusammen, als wolle sie, nichtsdestotrotz, einen Einwand vorbringen. Wenn sie dies gedachte zu tun, diese fürsorgliche und von Mutterliebe durchwachsene Frau, wie Groß musste dann der eiserne Griff der Selbstbeherrschung sein, dass sie es nicht tat?
„Wenn Sie mir dann bitte folgen würden, damit wir rasch den Papierkram hinter uns bringen können“, sagte der Arzt, mit einer Geste zu gehen, auf die Tür weisend.
Das Elternpaar erhob sich fast gleichsam und ohne Hast, gab ihrer Tochter je einen Abschiedskuss – es dämmerte bereits und die Besuchszeit neigte sich dem Ende zu –, entließen Tatsuya aus Sayakas Obhut, indem Tomohisa ihn auf dem Arm nahm und schritten dann auf den Flur, der Arzt dicht auf.
Als sich die Tür dann schloss, drehte sich Sayakas Kopf zu Madoka hin und verwies mit einem Fingerzeig auf eben jene, im sterilen Weiß gestrichene Tür. „Kam es mir nur so vor, oder hatte deine Mutter wirklich eine Aversion gegen die Idee, dass du hierbleiben solltest?“
„Nein, die hat sie wirklich“, antwortete Madoka und blickte, wie in andächtige Ruhe versunken, zur Zimmerdecke hin. „Die zwei Male ausgenommen, die sie Tatsuya und mich zur Welt brachte, war sie wegen zig anderer Dinge schon in einem Krankenhaus. Ich denke, mit der Zeit hat sie dagegen wohl eine Abneigung entwickelt, weil sie so viel Zeit dadurch von ihrer Familie getrennt war.“
Sayaka machte große Augen. „Echt?“
„Ja. Die meisten Symptome waren Alkoholvergiftung. Ihr Chef nötigt sie oft zum trinken, weshalb sie ihren Job auch nicht besonders mag. Ich hab mich immer gefragt, warum sie ihn überhaupt macht, hab sie aber nie danach gefragt.“
„Wieso nicht?“
„Ich weiß nicht“, erwiderte Madoka, mit den Achseln zuckend. „Es hat sich irgendwie nie ergeben und wenn, dann habe ich in diesem Moment wohl nicht darüber nachgedacht. Und weil ich sie schon unzählige Male so geschwächt und teilweise auch hilflos gesehen habe, hat sie wohl Angst, genau dasselbe zu empfinden, wie ich. Man beginnt einen Menschen immer anders zu sehen, wenn die Situation eine befremdliche ist. Und vielleicht schließt sie von mich auf sich, wenn sie irgendetwas bei mir finden sollten. Oder vielleicht lehne ich mich auch zu weit aus dem Fenster und es ist wirklich nur reine Abscheu gegenüber einem Krankenhaus.“
„Also, wenn mich mein Chef zu so etwas nötigen würde, würde ich ihm mal so richtig die Meinung geigen. Sie ist doch nicht in dieser Firma angestellt, um ihm sein Glas zu füllen!“, empörte sich Sayaka, mit solcher Heftigkeit gar, dass sie vom Stuhl aufsprang und beide Hände zu Fäusten ballte.
„Ich denke, wenn das so einfach wäre, hätte sie es auch genauso gemacht“, sagte Madoka, resigniert den Kopf schüttelnd.
Es klopfte an der Tür, was die Unterhaltung der beiden Mädchen, wie ein grober Schnitt den dünnen Faden, unterbrach. Eine Krankenschwester, ganz in pinker Montur gekleidet und sich von dem weißen Hintergrund ideal hervorhebend, trat, halb im Türrahmen verweilend, ein und wies Sayaka freundlich aber bestimmt darauf hin, dass die Besuchszeit um sei. Ein schneller Blick zum Fenster zeigte, dass der Himmel sich gerade ins Dunkle verkehrt hatte.
Sayaka verzog auf diesen Hinweis das Gesicht, gab aber keinerlei Widerworte. „Ich komm dich morgen noch mal besuchen, sobald die Schule um ist“, sagte sie, als sie sich die Tasche ergreifend, nach unten beugte.
„Ich freu mich schon“, sagte Madoka.
Sayaka neigte ihr Haupt zum Abschied und eilte auf die Schwester zu und an ihr vorbei. Die Tür fiel zu, die Einsamkeit blieb zurück. Madoka hatte ihr noch hinterhergeschaut, ehe sie wieder ihre ganze Aufmerksamkeit der Zimmerdecke zuwandte. Die Minuten verstrichen daraufhin wie Stunden. Ein einsames Bett in einem einsamen Raum, das von Einsamkeit geschwängert und in unwohlsamer Umarmung fest umklammert lag. Das Zimmer war groß, doch barg es nicht mehr als ein großes, die Außenwand längs ausfüllendes, dreiteiliges Fenster, von welchem man aus den Mond sehen konnte und den Lichtkegel einer Lampe, die am Kopfteil des Bettes befestigt und mit einem biegsamen Hals ausgestattet war. Es gab nicht viel zu sehen, nicht viel zu tun. Es gab keinen Fernseher, kein Buch, keinen Unterhalter für das arme Mädchen weshalb sie sich resigniert die Fernbedienung für das Bettgestell griff, das auf dem unweit von ihr stehenden Nachttisch lag, die Matratze damit in eine Position brachte, in der sie völlig eben lag und dann die Lampe ausknipste. Doch, oh wehe dem Mond, der sein gleißendes Licht in das leere Zimmer warf und den Mund dieses artigen Mädchens mit Flüchen zu füllen gedachte. Ob sie nun die Augen offen hielt oder schloss, der strahlende Himmelskörper blieb unbeugsam in seiner intensiven Leuchtkraft.
Madoka stülpte sich die Decke über den Kopf und versuchte sich so ans einschlafen. Und zu einer späteren Zeit war es ihr auch tatsächlich gelungen. Das zumindest, bis zu jener unmütigen Stunde, in der das junge Mädchen von einem lärmenden Krach aus der Welt der Träume Gerissen und in die Wirklichkeit zurückbeordert wurde.
Über dem nächtlichen Himmel legte sich eine pechschwarze Decke aus Wolken, in deren unförmigen Schwaden sich die verschieden temperierten Luftströme aneinander rieben und Blitze spien. Ein Donnergrollen folgte diesem maliziösen Spektakel, dem bald die ersten dicken Wassertropfen folgten. Wie ein Fingernagel, der unaufhörlich auf einem Holztisch lautstark tippte, so auch der Regen, als der Wind ihn gegen Madokas Fenster warf, während das anfänglich leise Gerassel eines Unwetters immer klangvoller wurde.
Madoka fuhr unter ihrer Decke zusammen, als einer kurzlebigen Lichtzuckung ein gewaltiger Donnerschall folgte. Schwer waren die Lider, der Körper ausgezehrt und der Geist dennoch von der Ruhelosigkeit des Himmels mitgefangen. Das arme Mädchen führte diese Nacht ihren Kampf gegen die Naturgewalten vor ihrem Fenster und verlor ihn mit einer solchen Kläglichkeit, dass es sie elend machte. Über die Nacht hinweg, bis zum Übergang in einem grauen Morgen, war der Regenschauer keinem Sonnenlicht gewichen.

Der angergraute Morgen:


Die dicke graue Decke verstand sich ausgesprochen gut darin, den frühen Morgenstrahlen der Sonne keinen Durchlass durch ihr dichtes Wolkenkleid zu gewähren. Schwer waren die Tropfen geworden, die wie stählerne Hammerschläge auf das trostlose Pflaster der Stadt hernieder prasselten. Das anfängliche Nieselwetter war zum Verkünder einer Sintflut geworden. Die Luft fauchte und zischte wie ein verwundetes Tier und aus allen Richtungen vermengte sich kaltfeuchte Luft zu einer dünnen Nebelbank. Es war wie an jenem verheißungsvollen Tag, als die Stadt unter einem Berg aus Trümmern und Scherben vergraben und von ihren traurigen Blicken berührt lag. Traurig? Nein, eher verzweifelt. Die verzweifelten Blicke eines hilflosen Mädchens, dass sich nichts sehnlicher wünschte, als zu retten, was sie liebte. Ein Mädchen, so verzweifelt, dass es den Schmerz des Verlustes nicht länger in Größe zu messen und in Gewicht zu wiegen wusste.
Der Regenguss peitschte sie, der Wind spaltete sie, doch Homura ließ sich von dieser Unbequemlichkeit nicht aus der Ruhe bringen. Sie saß auf dem angesenkten Dach eines der Nachbarhäuser des Krankenhauses. Das fünfstöckige Gebäude lag blässlich und kalt hinter der dünnen Nebelwand und doch konnte sie es sehen – nein, spüren. Das Zimmer, in welchem sich Madoka Kaname befand, konnte sie nicht länger einsehen, aber das war auch gar nicht ihre Absicht. Sie wollte nicht beobachten, wollte nicht über den Zustand Madokas mit eigenen Augen fortschreitend informiert bleiben. Wieso auch? Sie war nicht in Lebensgefahr und es galt andere Prioritäten zu setzen. Wozu hatte sie denn schließlich ihn, wenn nicht für ihre ständige Überwachung und den Garant der Sicherheit, für den er ständig warb?
Ja, wozu hatte sie ihn eigentlich?
„Dieser verdammte Idiot“, spie sie frustgeladen und vergrub die Zähne in ihrer Unterlippe, um der Verwendung härtere Flüche vorzubeugen. Sie ballte die, auf dem angewinkelten Knie ruhende Hand mit solcher Kraft zur Faust, dass sie einen rohen Brocken Kohle zu einem Diamanten hätte zusammenpressen können. Was nun dieses Mädchen so rasend machte, war nur schwer verständlich für jene, die rational und nicht emotional darüber nachdachten. Madoka lebte, war, bis auf eine kleine Beule am Hinterkopf wohlauf und konnte ihr unbeschwertes Leben weiterhin fortsetzen, sobald sie dem Krankenhaus erst einmal den Rücken zugedreht hatte und ins heimische Heil und in die Arme ihrer treusorgenden Familie zurückgekehrt war. In diesem Moment, als er die eine Gefahr von Madoka abgewandt und ihr jegliche Erinnerung an diese genommen, während sich Homura mit einer ganz anderen Bedrohung befasst hatte, verspürte sie so etwas wie Freude und Dankbarkeit. Er war seiner Aufgabe nachgegangen, so gut sogar, dass sie ihn dafür nur zu gerne gelobt hätte; denn sie hatte ihm das Wichtigste in ihrem Leben anvertraut und er hatte sie nicht enttäuscht.
Nun, soweit so gut, würde jetzt jeder, von blindem Optimismus geprägte Mann sagen, der noch nie zuvor das Schwert der Logik gegen den emotionalen Schild einer Frau erhoben und daran zerbersten gesehen hatte. Denn so sehr Homura auch mit den Leistungen ihres Partners zufrieden, ja gar begeistert war, denn immerhin war dies nicht nur eine Sache von Aktion und Reaktion, sondern wirklich ein von Vertrauen geknüpftes Band, das nunmehr verstärkt wurde, so sehr verfluchte sie ihn auch für das, was er getan hatte. Denn er hatte Gewalt an Madoka ausgeübt, der Beweis war die Beule an ihrem Kopf und das Ergebnis war ein armes und verwirrtes Mädchen, dass nun wahrscheinlich darum bangen musste, dass ihr komatöser Zustand von ihrem Körper ausging und nicht etwa durch einen niederträchtigen Angriff aus dem Schatten.
Homura konnte diesen Anblick nicht mehr aus ihrem Kopfe löschen. Er, wie er über die bewusstlose Madoka gebeugt und dann zu Homura geblickt hatte, als diese gerade am Ort des Geschehens eintraf. Tausend Gedanken und Befürchtungen waren ihr in diesem Moment durch den Kopf gewandert und tausend Flüche hätte sie ihm zukommen lassen, als er so selbstverständlich und mit einer nickenden Kopfbewegung sagte: „Keine Sorge, sie ist unversehrt.“
„Das nennt er unversehrt“, fauchte sie wispernd, als sie wieder in die Gegenwart ankam und noch immer durch den dünnen Nebelschleier, in das Zimmer von Madoka zu blicken versuchte. „Dieser Idiot.“
Als wäre dies die Beschwörungsformel, malte sich hinter ihr das schemenhafte Abbild einer Gestalt auf dem stetig grauen Hintergrund und aus dem undichten Rauchgebilde trat die Gestalt eines jungen Mannes hervor. Sie brauchte nicht den Kopf zu drehen, um zu wissen, dass es Shiro war.
„Das habe ich gehört.“ Er sagte es wie jemand, den es nicht scherte, der es aber erwähnt haben wollte.
Homura verengte die Augen. Wie bereits erwähnt, war sie gleichermaßen stolz und verärgert über ihn. Sie wollte ihm seine gute Arbeit nicht zum Vorwurf machen. Doch ihn sehen und mit ihm reden, wollte sie deshalb noch lange nicht. Zumindest nicht, bis sie sich beruhigt hatte.
„Habe ich dir nicht einen Auftrag gegeben?“, herrschte Homura ihn an, in der Hoffnung, er würde wieder verschwinden.
„Sayaka Miki ist nicht zuhause.“
„Wo ist sie dann?“ Sie hatte ihn in dieser kurzen Zeitspanne, von fünf Tagen so gut kennengelernt, dass sie bereits zu erahnen vermochte, dass er auf diese Frage mit einem gleichgültigen Schulterzucken antworten würde – was er dann auch tat.
„Das wissen Gott und die Welt.“
„Wie wäre es dann mit suchen und finden?“
„Bin ich ein Spürhund?“, maulte er.
Homura schickte sich nicht an, diese Frage zu beantworten, drum trat eine kurze Periode des Stillschweigens ein, der nur das Zerschellen von Wassertropfen die herbeigesehnte Ruhe raubte.
Shiro ließ sich neben Homura nieder und mimte ihr, wie ein Kind seine Umgebung, die steife, verkrümmte Sitzhaltung und den stieren Gesichtsausdruck nach.
„Sag, willst du mich provozieren?“
„War das so offensichtlich?“
Homura drehte ihm darauf das Gesicht zu. Die niederschmetterndem Augen, die ebenso gefährliche Funken und Blitze schossen, wie es der Himmel zu diesem Zeitpunkt tat. Und Shiro wie ein Blitzableiter, der nach immer mehr Elektrizität zu verlangen schien, wenn man diesem frechen Ausdruck, der seine dünnen Lippen umspielte, richtig zu deuten vermochte. Was hätte jeder andere vor Schrecken um sein Leben gebangt, wäre er das Opfer dieses herrischen und zugleich furchteinflößenden Ausdrucks, wie ihn Homura aufgelegt hatte, geworden. Zu einer Zeit, als Rom noch die gefürchtetste Macht in Europa war und der Stand eines Herrn zu seinen Leibeigenen im Verhältnis als noch höher gestellt galt, als der zwischen Senat und Volk, hätte Shiro, in der Position eines Sklaven, ein solcher Blick wie der Homuras, die der Position einer Domina, den sicheren Tod durch das Kreuz wegen Denunzierung bedeutet.
Aber das Schicksal meinte es gut mit diesem jungen Spund, denn dies war nicht das antike Rom, sondern das moderne Japan und er war nicht Homura Akemis Leibeigener, sondern ihr Helfer, Kumpane, Gefährte, Mitstreiter; wenngleich sie seine Gegenwart nur unter Eigenzwang ertrug.
Warum er nun aber solche Missgunst bei eben jener Person zu erwirken provozierte, obwohl der logische Verstand ihm klar zum Gegenteiligen handeln ermutigen sollte, war zwei wesentlichen, grundverschiedenen charakteristischen Eigenschaften Shiros geschuldet. Die erste, welche gleichzeitig sein herausragendstes und für Homura Akemi im höchsten Grade unerträglichstes Merkmal an ihm war, war seine Verschlagenheit, die dem Charme eines Rotzlöffels, der hämisch grinsend in beiden Handflächen eine große Spinne der eigenen Schwester hinhielt, obwohl sie bereits panisch schreiend gegen eine Wand lehnte und ihn unter Tränen anflehte, diese kleine achtbeinige Monster von ihr zu entfernen. Die andere Eigenschaft war einer unscheinbaren und oftmals ungewissen Fürsorge vorausgegangen, der er sich unfähig gab, einfach auf normale Weise zu zeigen. Denn in dem Moment, als Homura ihm das Gesicht ingrimmig zugewandt hatte, hielt er ihr etwas hin.
Homura wechselte bei jedem Blinzeln den Augenkontakt zwischen Shiro und dem, was er in der Hand hielt. „Was ist das?“
„Ein Regenschirm“, antwortete er. Es war ein solcher, den man auf das Dreifache seiner eigentlichen Größe zusammenstauchen konnte und dessen Griff nicht länglich und gebogen, sondern klobig, rund und gerade groß genug war, dass er zwei Fingern Platz zum Greifen bot. Ein kleiner, kompakter, schwarzer Zwergregenschirm.
„Wofür sollte ich einen brauchen?“ Es war so abwertend gesprochen, dass sie genauso gut hätte sagen können: „Nimm ihn und schieb ihn dir irgendwo hin.“
„Du sitzt im Nassen. Es hilft unserer Sache nicht, wenn du dir eine Erkältung zuziehst. Ins Warme bekomme ich dich nicht und aus irgendeinem Grund scheinst du Madokas Gesellschaft eher aus sicherer Entfernung, als aus nächster Nähe zu bevorzugen. Also hier, ein Regenschirm.“
Hormua sah ihn an, schweigend und analysierend, als warte sie darauf, dass er eine alarmierende Bewegung ausführen würde, auf die sofort darauf eine Handlung erfolgte, mit der er noch größere Missgunst ernten würde. Vielleicht würde er ihr den Regenschirm mit ausgestreckter Zunge wieder entziehen, sobald sie nach ihm griff oder er würde ihr damit auf die Finger klopfen. Es wäre nicht das erste und gewiss nicht das letzte Mal, dass er solchen Schabernack mit ihr trieb. Denn außerhalb ihrer geschäftigen Beziehung, hatte er es in den fünf Tagen tatsächlich vollbracht, eine Atmosphäre des Misstrauens aufzubauen.
„Was ist?“, fragte er.
Homura behielt ihm störrisch im Auge.
„Ich kann auch nett sein, wenn ich will.“
Zwischen Können und Sein, mein Lieber, dachte sie und drehte ihm das Gesicht weg und wieder dem Krankenhaus hin. „Ich brauche keinen Regenschirm.“
„Wie? Hast du neuerdings dein Haar imprägniert?“, lachte er spöttisch.
„Sei nicht so blöd“, mahnte sie fauchend. „Ich kann mich nicht erkälten.“
„Bist du dumm? Natürlich kannst du dich erkälten, wenn du hier draußen im Regen sitzt und die Kleidung das Wasser wie ein Schwamm aufsaugt. Also echt, manchmal …“
Homura griff in ihre Jackentasche und holte einen kleinen, ovalen Edelstein hervor, der von einem vergoldeten Standfuß, wie ein Ei im Eierbecher lag und von vier, im gleichen Gold glänzenden Streben umschlossen wurde. Dieser stieß dann und wann einen violetten Schimmer aus. Eigentlich als Warnsignal für einen nahen Feind zu verstehen, doch mit Shiro, der ihre Gegenwart teilte, konnte sie der Ursache für diesen Lichtimpuls einen Namen und somit auch eine Entwarnung geben.
„Der Soul Gem beschützt mich vor so etwas.“
„Der Soul Gem“, pfiff er, „schützt dich vor dem psychischen Auswirkungen einer Erkältung, nicht vor der Erkältung selbst. Dein Körper ist immer noch anfällig für allerhand Viren, Bakterien und selbst für Verletzungen. Und das wird zu einem Problem, wenn du nicht genug Magie hast, um dagegen vorzubeugen. Sieh dich mal an, du hast schon blaue Finger. Dein Körper unterkühlt.“
In der Tat war mit dem Regen auch ein frischer Wind hinzugekommen. Jedoch wäre es weit vermessen gewesen zu behaupten, dass dieser mit einer spät abendlichen Winterluft hätte verglichen werden können. Viel mehr war es die Mischung aus dicken schweren Wassertropfen und den frischen Windstößen, auf die der Körper des jungen Mädchens so empfindlich reagierte. Nichtsdestotrotz …
„Ich habe genug Magie, um mich dagegen zu schützen“, sprach Homura in dieser Art, die nur ihr zu Eigen war, was dem jungen Manne wieder zu missfallen schien. Wahrscheinlich war es sogar die einzige Waffe, die sie gegen sein unverschämtes Lächeln erfolgreich anwenden konnte. Denn, wann immer sie keine Rücksicht auf Betonungen Klangvariationen in ihrer Stimme nahm – also wie von Emotionen verlassen, sprach –, verengte er entweder die Augen oder stieß ein gelangweiltes Seufzen aus.
„Ich könnte ebenso gut mit einem Kind diskutieren, es würde genauso widerborstig und stur sein. Pass auf, ich lass ihn dir hier liegen“, fügte er hinzu, als er sich erhob.
„Und wo gedenkst du jetzt hinzugehen?“
Shiro streckte die Glieder, wie als wäre er gerade erst erwacht und glitt sich durch das kohlschwarze, nasse Haar. „Weiß nicht. Vielleicht stell ich mich unter ein Dach, das mich vor dieser Überschwemmung beschützt.“
„Du könntest auch nach Sayaka Miki suchen“, wandte Homura ein, zu ihm aufblickend.
„Sag mir wo sie ist, dann nehm ich die Überwachung wieder auf. Ansonsten mach ich es jetzt, wie es alle klugen Menschen machen, die bereits viel zu viel Zeit unter einem, von Regen durchnässten Himmel verbracht haben. Ich geh mich irgendwo unterstellen und …“, hier stieß er ein schweinisches Lachen aus, „erfreue mich dem Anblick armer Frauen, die mit ihrer durchnässten Kleidung Schutz vor dem Regen suchen.“
„Tu, was du nicht lassen kannst. Wenn Sayaka Miki aber etwas passieren sollte …“
Darauf verging ihm das dreckige Grinsen und er wandte sich verdattert Homura zu. „Du drohst mir, weil ich meiner Arbeit aus nachvollziehbaren Gründen nicht nachgehen kann?“
Homuras Mund blieb von Worten unberührt. Die blauvioletten Augen waren wiederum wie eine belebte Zunge, die ihn mit spöttischen Ausdrücken bombardierte.
„Boah, ist das deine Wahrheit?“
„Ich habe nichts gesagt.“
„Ist auch nicht nötig, deine stechenden Blicke erzählen mir schon genug“, sagte er verdrossen und wandte sich um. „Mal ehrlich, ich sollte dir einfach die Augen ausstechen und mich mit denen unterhalten.“
„Du klingst wie ein bockiges Kind. Kaum zu glauben, dass du älter als ich bist“, erwiderte Homura mit einem dünnen aber amüsierten Lächeln und glitt darauf, wie eine Geste der Überlegenheit demonstrierend, mit den Fingern durch das triefend nasse Haar, das sich erst in einer eleganten Schwingung von dem Gewicht der Regentropfen losbrach und dann langsam, wie eine Feder mit ihren vielen, feinen Härchen im Wind, wieder zurückschwang.
„Ja, das ist in der Tat unglaublich. Was die Erfahrung uns doch auf unterschiedliche Bahnen leitet, trotz desselben Erfahrungswertes.“ Er lachte süffisant auf. „Und am Ende des Weges sehen wir in einen Spiegel und erkennen, dass wir alt und doch nicht älter geworden sind. Paradox, nicht wahr?“
Er wartete nicht, bis Homura ihm eine Antwort darauf gab. Mit einem Sprung vom Dach, gab er sich, mit den Füßen voran, dem freien Fall zum Boden hin, der schon von einem seichten Nebelschleier verdeckt, seine Silhouette aber noch erkennbar ließ. Homura blickte ihm noch nach, sah, wie er unbeschadet auf dem Boden landete und sich gemütlichen Schrittes in südwestliche Richtung – also der Straße links entlang folgend – aufmachte.
„Wir blicken in einen Spiegel“, wiederholte sie seine Worte leise sinnierend, „ und erkennen dass wir alt und doch nicht älter geworden sind.“ Sie kam nicht umhin, ihr Gesicht mit einem selbstironischen Lächeln zu zieren. „Also manchmal ist es wirklich schwer einzusehen, ob du nur ein poetischer Idiot oder ein idiotischer Poet bist, Shiro.“
Als sie sich etwas gerader machte, die Hand von ihrem Bein nahm und sich auf mit dieser abstützen wollte, erfasste sie versehentlich den von Shiro zurückgelassenen Regenschirm. Sie nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn, als hielte sie etwas Fremdartiges und Exotisches in den Händen.
„Ein Idiot, wie er im Buche steht“, sagte sie und kam nicht umhin zu bemerken, dass ihr Groll auf ihn gemildert war. Er war nicht vollkommen verschwunden, doch ihr schien es, als könne sie ihm zumindest wieder die Augen blicken, ohne den Wunsch zu verspüren, ihm diese auszukratzen.
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