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Continguity Magica

GeschichteFreundschaft, Tragödie / P12
Homura Akemi Kyouko Sakura Madoka Kaname Mami Tomoe OC (Own Character) Sayaka Miki
07.08.2016
22.07.2018
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02.09.2016 4.328
 
Contiguity Magica

Kapitel 01: Homura Akemi


Die ersten Strahlen des Morgens am fernen Horizont erstreckten sich gen Himmel und verkündeten den Aufstieg einer trägen, goldenen Scheibe. Der düstere Schleier über den Häusern hatte sich zu legen begonnen und aus dem Dunkel erwachten die Farben jedes Gebäudes, das groß genug war, um mit der Sonne an Höhe wetteifern zu können. Und mit jeder weiteren Minute malten sich immer deutlich werdende Konturen dieser turmhohen Bauten, die aus den glatten Ebenen herausbrachen. Unterhalb dieser riesigen Majestäten der Architektur, regte sich erstes Leben in den weitaus kleineren Häusern; ebenso auf der Straße. Zeitgleich verstarben die künstlichen Lichter der Laternen, welche über die Nacht hinweg, den zweibeinigen Nachteulen eine kleine Sehhilfe zuteil werden ließen. Über den Himmel malte sich das Morgenrot, welches einen goldenen Schein hinter sich herzog. Erste Schritte hallten in der noch anherrschenden Ruhe, ein dünner Schatten ging ihnen voraus. Die raren Frühaufsteher, zu welchen, vor allen anderen, die geschäftigen Leute gehörten, die mit Anzug, Schlips, Aktenkoffer und einer wertigen Uhr gewappnet, einen jener Büroräume in den obersten Etagen der Wolkenkratzer bewohnten und dort ihren Tagesdienst verrichteten. Sie kamen und gingen mit dem Auf- und Abstieg der Sonne und würden sich in ihrer Vermessenheit wohl selbst als Sonnenkinder bezeichnen, wären sie so religiös und fanatisch, wie zu Zeiten der weitverbreiteten christlichen Heilslehre. Der hektische Schritt, der ständige Blick auf das Handgelenk, die schmierigen, ordentlich zur Seite gekämmten Haare, in denen sich das eingefangene Licht heftiger bewegte, als in dem silbrige Band ihres tickenden Wertstücks und eine steinerne Miene, die leise Flüche losbrach.
Nach diesen hochgradig eitlen Gesellen, die zu der Zeit längst in ihren wohl temperierten Räumlichkeiten verschwunden waren und ordentlich die Hirnzellen mit Tabellen und mathematischen Formeln und Gleichungen in Schuss hielten, traten die ebenso tüchtigen, doch weitaus weniger wertig bezeichneten Normalverdiener auf den Plan. Vom einfachen Mitarbeiter eines Familienbetriebs, über den kleinen Angestellten einer Ladenkette, bis hin zum gemeinen Handarbeiter, der weder Dreck oder Schweiß scheute. Die einen waren, unter objektiven Gesichtspunkten, eher Schlicht gekleidet und blieben es auch über den Tag hinweg, die anderen waren zur Kennzeichnung eher einheitlich gekleidet, hieß mit Hemd und Schürze oder Latzhose.
In dieser Stadt – in Mitakihara – die eine kleine, weiße Wirtschaftsmetropole mit Herzen Japans war, lebten die Menschen mit unvergleichlich hohen Ansprüchen, wie man sie sonst nirgendwo anders fand. Der außenstehende Beobachter würde wohl das Wort „Utopie“, für eine konkrete Beschreibung verwenden. Doch die Menschen lebten hier alles andere, als in utopischen Verhältnissen. Jeder der hier lebte und arbeitete, war für sich genommen schon ein fleißiges Bienchen, das nur seinen Stock zu erhalten versuchte. Das Wort „Großräumig“ würde dahingegen dem Zwecke der Bezeichnung dieser Stadt tatsächlich eher dienlich sein. Wo man hinsah gab es breite Straßen und Gehwege, die dem Gedränge zum Trotz angelegt waren. Nirgendwo anders fand man Einzimmerwohnungen, die so viel Fläche zu billigen Preisen anboten, ohne dahinter eine nämliche Kostenfalle zu vermuten. Nirgendwo anders fand man solch hochmoderne Krankenhäuser und Schulen, die sich rasant weiterentwickelten und mit den neusten Erkenntnissen und Gerätschaften schmückten. Die Menschen hier lebten wahrlich über den gewöhnlichen Standard der Welt hinaus, mussten dafür aber auch ihren Leistungsstandard höher ansetzen. Mitakihara war eine Blüte in der Wüste, ein einsamer Stern am nachtblauen Firmament, ein Ziel, dass es für viele Außenstehende zu erreichen galt. Und dennoch hatte jeder, der diese Stadt stolz seinen Heimatort nannte, mit Problemen zu kämpfen, die mal klein, mal groß ausfielen.
Jeder. Ohne Ausnahme.

Auf einem kleinen, von goldbraunem Pflaster überzogenen Pfad, der einen Verbindungskanal zwischen der Hauptstraße und der, sich nahe der Stadtmitte befindlichen Schule bildete, hatten sich zwei Mädchen in eine themenreiche Unterhaltung vertieft. Sie trugen die Schuluniform der Mitakihara Mittelschule, welche aus einer cremefarbenen Jacke, eine schwarz karierten Kurzrock und eine roten Schleife, die ihren Hals zierte, sowie braunen Schuhen aus feinem Leder bestand. Wie man die Schale einer Orange eifrig von der süßen Frucht abpellte, so arbeiteten sich auch die beiden zum Kern ihrer Konversation vor. Von den unerledigten Hausaufgaben, über den wahrscheinlichen Ärger, den die klasseneigene Lehrerin deswegen machen würde, bis hin zu Späßen über das Liebesleben nämlicher Lehrerin und schlussendlich zum Zielende, auf das sie eigentlich zu Beginn zu sprechen kommen wollten: Hitomis kürzlich erhaltener Liebesbrief.
„Und er will sich heute nach der Schule mit dir auf dem Hof treffen?“, fragte Sayaka Miki. Sie war ein Mädchen von geschätzten dreizehn bis vierzehn Jahren, trug blaues schulterlanges Haar und zeichnete sich unter anderem durch ihre sportliche Figur und ihr unverblümtes Mundwerk aus.
Das andere Mädchen mit den olivgrünen, welligen Haaren und der eher schlanken, zierlichen Statur, das auf den schönen Namen Hitomi Shizuki hörte, bestätigte mit einem verspielten Grinsen. Auch sie hätte man auf dreizehn bis vierzehn, maximal fünfzehn Jahren schätzen können.
„Und, wirst du hingehen? Hat er überhaupt seinem Namen genannt? Was denkst du, wie sieht er aus?“, dürstete es Sayaka in ihrer unstillbaren Neugierde nach Antworten. Sie beugte sich nach vorne, umklammerte Hitomis Hände und strahlte sie Wissbegierig an.
Hitomi schien an diesem, ihr und ihrem heimlichen Verehrer geltenden Interesse, großes Gefallen zu finden. Zumindest bekräftigte ihr Lächeln dies, das zwar schüchterne Zurückhaltung mimte, doch für Freude und Genugtuung stand. Bevor sie aber auf eine der Fragen eingehen konnte, wurden sich beide Mädchen eines leisen, sich monoton wiederholenden Geräusches gewahr, das schnell an Kraft und Lautstärke gewann. Sayaka ließ unverzüglich von Hitomis Händen ab und drehte sich zusammen mit ihr dem Geräusche zu. Beide erspähten sie die Freundin, auf die sie eine kleine Ewigkeit gewartet hatten. Es handelte sich um Madoka Kaname, die sich darum bemühte, das Lauftempo aufrecht zu erhalten. Sie hatte die eine Hand zum Gruß gehoben, während sie in der anderen ihre Schultasche festhielt, die, durch das ständige auf und ab des Laufschrittes, unsanft in alle Richtungen wippte.
„Schönen guten Morgen“, grüßte die in aller Eile Hinzugekommene. Madoka Kaname, sie war ein junges, gleichwohl hübsches, wie zierliches Mädchen, ebenfalls von geschätzten dreizehn bis vierzehn Jahren und hatte rosafarbenes, schulterlanges Haar, das sie zu zwei Zöpfen zusammengebunden hatte.
Hitomi grüßte mit einem ihr typisch charakteristisch schönen Lächeln zurück.
Sayaka machte hingegen ein eher, von inkonsequenter Strenge übergossenes Gesicht und schollt ihre Freundin für das verspätete zustoßen. Im selben Moment war ihr aber eine kleine Veränderung an Madoka aufgefallen, die jedoch eine so bedeutende Auswirkung auf ihr, ohnehin schon süßes aber kleinmädchenhaftes Aussehen hatte, dass sie ihren Ärger umso schneller vergaß und sich mehr dem neuen Look ihrer Freundin verschrieb. So fügte sie also, ohne auf eine Entschuldigung zu warten, mit überschwenkender Überraschung hinzu:
„Oh, das sind ja süße Schleifen.“
Die „süßen Schleifen“ hielten Madokas Zöpfe zusammen. Sie waren rot und dünn, aber auffällig. Sie hatten ähnliche Wirkung auf das Gesicht, wie das hübsche Kleid einer Puppe, das den Gesamteindruck deutlich verschönerte.
Madoka strich sich verlegen über einen ihrer Zöpfe und kam dabei mit der Fingerspitze an das rote Bändchen. „Findest du? Sind sie nicht viel zu auffällig?“
„Nein, sie sind sehr hübsch“, entgegnete Hitomi mit einer gesunden Mischung aus Ehrlichkeit und Schmeichelei.
Es beflügelte Madoka sichtlich, dies von Hitomi zu hören, die ja nicht nur die schönste der Drei, sondern wahrscheinlich die Schönste der ganzen Schule war.
Nun, da Madoka zu ihnen zugestoßen war, konnten sie ihren Weg unbeirrt fortsetzen. Die Zeit, die sie vom goldbraunen Pfad bis zur Schule benötigten, verkürzten sie sich mit einem kleinen, freundschaftlichen Rennen. Sayaka, die die Sportliche unter den ihnen war, führte die Spitze. Hitomi war dicht hinter ihr, während Madoka das Schlusslicht bildete. Alle drei lachten sie unbeschwert und keine foppte die andere dafür, dass sie entweder zu schnell, oder zu langsam war. Es ging wirklich nur um den Spaß an der Freude und konnte eine von ihnen nicht lachen, so hätte das Spiel schnell geendet. So führte Sayaka beispielsweise nicht, um sich als die Schnellste zu beweisen, ebenso nahm es Madoka den beiden nicht übel, dass sie zu schnell liefen. Schließlich war es ein Wettlauf unter Freundinnen, der nicht mit einem Wettstreit unter Gegnern verwechselt werden sollte.
Der Weg selbst, auf dem sie sich befanden, war über und über von saftigem Grün umgeben. Beckenhohe Hecken markierten die Grenze zwischen dem goldbraunem Pfad und den umliegenden Bäumen, die einen kühlen Schatten auf das darunter ruhende Gras warfen. In dem seichten Bach neben dem Weg, der von einem kleinen Grenzwall aus ungleich großen und uneinheitlich geformten, kniehohen Steinen umzäunt wurde, hatten sich kleine Algen und Moos angesammelt, die dem klaren und reinen Wasser eine ungesunde, grünliche Färbung verliehen. Auf der anderen Seite des treibenden Bachs, der sich mit dem Pfad ungefähr dieselbe Breite teilte, fanden sich nur noch weitere Bäume, die ein kleines, unberührtes Fleckchen Wiese einkreisten, das über einen normalen Weg nicht zu erreichen war. Letzten Endes kamen sie an einer großen Überführung vorbei, die aus zwei gleichgroßen Steinplatten bestand, auf denen gut zwei Schüler nebeneinander hätten Platz finden können.
Dann rückte die Schule in sichtbare Nähe und das kleine Rennen endete. Hitomi hatte im Wechsel zum normalen Schritttempo rasch die Führung übernommen, während Sayaka und Madoka an das Ende des letzten Gesprächs anknüpften, das von den Schleifchen handelte. Wie sich herausstellte, hatte Madokas Mutter ihr den Tipp gegeben, dass eine Frau ruhig etwas auffallen dürfe, woraufhin Sayaka sie deswegen aufzog. Dabei kamen sie erneut auf das ausgefranste Thema rundum Liebesbriefe und die dazugehörigen Verehrer zu sprechen. Neid und Verlangen hielten sich dabei konstant die Waage mit dem Hochgefühl, das sie an Hitomis Stelle verspürten.
„Wenn ich nur wüsste, wer mir diese Liebesbriefe schreibt“, entgegnete Hitomi auf das Geschwärme der beiden, machte auf einem Absatz eine Drehung und legte eine weniger betrübte, als mehr enttäuschte Miene auf. „Ach, das wäre schön.“
Sayaka warf indes die Schultasche über die Schulter, während sie mit der freien Hand ihren Oberkörper an ihrer Hüfte abstützte und verlagerte ihr Gewicht auf das linke Bein, wohingegen sie das rechte nach hinten hin anwinkelte. „Also deine Probleme hätte ich gern“, erwiderte sie mit sarkastischem Unterton, den sie nicht an sich zu halten vermochte.
„Meine Güte, hast du es gut“, schwärmte Madoka hingegen unbeirrt weiter. Sie fasste sich sehnsüchtig mit einer Hand an die Wange und legte verträumt den Kopf schräg. „Ich würde mich total freuen, wenn ich auch einmal einen Liebesbrief bekommen würde.“ Ironisch an ihren Worten war, dass ihre Mutter ihr noch am selben Morgen predigte, dass kein Mann etwas taugen würde, der nicht offen über seine Gefühle sprechen konnte. Und dieses Gespräch kam seinerseits nur durch Hitomi und ihren Brief zustande. Der Kreislauf der Liebe; egal wie groß er auch war, er schaffte es immer wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren.
„Du möchtest wohl auch zu einer allseits beliebten Schönheitskönigin werden, wie Hitomi“, analysierte Sayaka mit einem breiten Grinsen. „Jetzt verstehe ich auch dein neues Outfit mit den Schleifen.“
„Das stimmt doch gar nicht! Meine Mama hat –“
„So“, glänzte Sayaka plötzlich auf, „du lässt dir also von deiner Mama geheime Schönheitstipps geben? Wer so fiese Methoden anwendet“, sie hob die Hände über den Kopf, „muss mit Durchkitzeln bestraft werden“, und bekam die bereits zur Flucht ansetzende Madoka rasant zum Packen. Die erklärte Bestrafung folgte auf dem Fuße, ganz gleich, dass sie sich bereits in seh- und hörreichweite anderer Schüler befanden.
Nach dieser kleinen, aber impulsiven Buße, die Madoka tapfer über sich ergehen lassen hatte, erreichten die drei Mädchen das Schulgelände zeitnah zum Unterrichtsbeginn. Sie betraten das Gebäude und suchten ihr Klassenzimmer im ersten Stock auf. Das nämliche Gebäude selbst war kein ach so architektonisches Wunderwerk und wirkte in einer so hochtechnologischen Stadt wie Mitakihara völlig deplatziert, alt und überholt, wenn man es von Außen betrachtete. Eine langweilige, sehr kantige Form, die sich die Waage zwischen Glas und Beton hielt und im Ganzen fünf Stockwerke maß. Das Gelände war komplett mit senkrechten Metallstreben, die aus unterschiedlich langen und breiten Steinplatten herausragten, umzäunt. Als Eingang diente zwei, sich zur Seite verschiebbare Gittertore, über die sich ein metallischer Bogen spannte, an dessen Außenseite das goldene Emblem der Schule angebracht war. Der scharfe Kritiker mochte das Gebäude als sehr einfallslos und monoton beschreiben. Würde er jedoch einen Blick auf sein Innerstes werfen, sähe die Sachlage hingegen vollkommen anders aus. Ein verschachteltes Korridorsystem, verband die Klassenräume, Lehrerzimmer, Umkleideräume und natürlich auch die Treppen zu den anderen Stockwerken miteinander. Die Klassenzimmer selbst ähnelten sich bis aufs kleinste Detail. Sie waren von allen Seiten mit Glaswänden umgeben, sodass man vom Zimmer in den Flur und von dem Flur ins Zimmer blicken konnte. Die Pulte und Stühle, welche in sechs mal fünf Reihen einen gleichen Abstand von etwas mehr als einem Meter zueinander hielten, waren mittels einer Apparatur unterhalb der mattschwarzen Bodenplatten miteinander verbunden und fuhren automatisch hoch, sobald sich der, auf sie registrierte Schüler ihnen näherte. Die Konstruktion war ungewöhnlich stabil, bedachte man, dass beides – Stuhl wie Tisch – jeweils nur von einer Stütze gehalten wurden, die auch noch eine sehr unsichere Biegung machte.
Das Klassenzimmer, in welchem sich Sayaka, Madoka und Hitomi einfanden, war schon zur Hälfte mit den Gesichtern ihrer Klassenkameraden gefüllt, die sich allesamt mit sich selbst beschäftigten. Zwei Jungs waren in ein Gespräch vertieft und nahmen das Erscheinen der drei gar nicht erst wahr, während ein Mädchen, das ihr Haar zu einem Seitenzopf gebunden hatte, Hitomi einen freundlichen Gruß zukommen ließ. Zwei weitere lagen mit den Köpfen auf ihren Pulten und der Rest hatte noch ein offenes Heft vor sich liegen, in welches sie mit eiserner Miene ihr Gesicht vergraben hatten und vermutlich noch einmal die Hausaufgaben durchgingen.
Manch ungeschultes Auge mochte, wenn das Klassenzimmer mit allen dreißig Schülern gefüllt war, schnell den Überblick zwischen den einzelnen Individuen verlieren, sofern man nicht auf die Haarpracht oder die Körperform zu achten wagte da in dieser, wie auch in den meisten anderen Schulen in Japan, die Schüler eine einheitliche Schuluniform trugen. Die jungen Männer waren den Mädchen farblich gemessen völlig unterlegen. Sie waren gänzlich, von der Schulter, bis zu den Fersen, mit beiger Seide überzogen. An den Füßen trugen sie nussbraune, fast ins Schwarze übergreifende Schuhe, während sich auf Höhe ihres Handgelenks ein schwarzer, umgekrempelter Ärmel wiederfand.
Die drei hatten sich schnell zu ihren Sitzen begeben und sofort fuhren ihre Pulte aus dem Boden. Madoka und Hitomi besetzten die Plätze vier und fünf der vorletzten Reihe, während Sayaka den Platz hinter Hitomi belegte, was sie persönlich als vollkommenes Unglück beschrieb, da es die heimlichen Gespräche unter den Dreien zwar nicht massiv erschwerte, aber auch nicht erleichterte.
Binnen der letzten Minuten vor dem Unterricht, drängten sich die Nachzügler hastig durch die mechanischen Glastüren und eilten zu ihren Pulten. Und wie die Schulglocke pünktlich wie immer läutete, trat auch schon Miss Saotome – die Klassenlehrerin – ein. Sie war eine Frau, die mit einem bemerkenswert junggebliebenem Gesicht gesegnet war, bedachte man, dass sie frisch auf die vierzig zusteuerte. Sie hatte hellbraunes, schulterlanges Haar und trug eine Brille, über die sich oberhalb der Gläser ein elegant geschwungener, dicker roter Rahmen schlängelte. Unter der blassgrünen Wolljacke, die ihrem Aussehen nur wenig schmeichelte, lugte ein violettes Kragenhemd hervor. Um ihre Hüfte lag ein weißer Kurzrock, an dessem Saum noch einmal dünne Rüschen angenäht waren. An ihren Füßen trug sie rosafarbene Socken, die sich mit den schwarzen Sandalen modisch überhaupt nicht verstanden. Man erkannte sofort, dass Miss Saotome einen ganz individuellen Modegeschmack besaß, der zwar wesentlich zu ihrem Alter, nicht aber zu ihrem Auftreten passte. Denn zuzüglich ihres Aussehens, war sie auch noch eine sehr energische Frau mit dem Temperament eines zügellosen, jungen Mädchens, das sich auf Biegen und Brechen zu verlieben versuchte. Dies hatte zur Folge, dass ihre Liebesbeziehungen kaum mehr als drei Monate hielten, wofür sie wiederum bei ihren Schülern berühmt-berüchtigt war und was sie auch zur Zielscheibe mancher Lästermäuler machte. Nicht, dass sie nicht ganz unschuldig an dieser Sachlage war, denn Kazuko – so der Name von Miss Saotome – schleppte ihre Beziehungsprobleme nur zu gerne auch mit zu ihrem Arbeitsplatz, um sie dort mit den nämlichen Schülern zu besprechen und ihnen gegebenenfalls einen oder zwei Ratschläge zu erteilen. So auch heute, wo sie den Zeigestock voll Missmut beäugte und mit beiden Händen seinen schlanken Körper würgte, während sie eine scheinbar wichtige Frage an die Klasse richtete, die für ein leises, verwirrtes Raunen sorgte.
„Muss ein Spiegelei braun gebraten sein oder muss es noch weich sein?“ Sie blickte mit strafender Miene in die verdatterten Gesichter ihrer Schüler, als hätte jeder von ihnen eine Antwort zu ihrer Unzufriedenheit gegeben. „Was meinst du, Nakazawa-kun?“, wandte sie sich dann fix an den Jungen, der in der ersten Reihe mittig saß.
Nakazawa, der unter seinen Klassenkameraden als mitleiderregender Pechvogel galt, da er von Miss Saotome wirklich immer bei Fragen ausgewählt wurde, die mit ihren heimischen Problemen synergierten, zeigte sich rasch entrüstet und stotterte nervös: „Also, äh … ich denke … ich denke, beides ist eigentlich okay, oder?“
„Genau so ist es!“, bestätigte sie im aggressiven Tone. „Man kann beides mögen. Wer glaubt, er könne die Anziehungskraft einer Frau an der Konsistenz an Spiegeleier erkennen, irrt sich gewaltig!“ Wieder umgriffen ihre zierlichen Hände den noch zierlicheren Hals des Zeigestocks. Was ihm dieses Mal jedoch sein Verhängnis war, war die aufgebauschte Wut, die mit Miss Saotomes Worten zusammenflossen und die letztendlich dazu führten, dass das Utensil seinen Vorgängern ins Jenseits folgte und sich mit einem lauten Knacken und einer verbogenen Mitte verabschiedete. „Ein Rat an die Mädchen: Lasst euch auf keinen Fall auf solche Männer ein, die behaupten, sie könnten nur weiche Eier essen“, sagte sie weiter und deutete mit der verbogenen Spitze ziellos in den Raum.
Darauf drehte sich Sayaka amüsiert zu Madoka um. „Es scheint wohl vorbei zu sein“, flüsterte sie mit einem gehässigen Lächeln.
„Oh ja, klingt ganz danach“, erwiderte Madoka.
„Und den Jungs“, setzte die Klassenlehrerin mit steinerner Miene fort, während der Stock mit einem zischenden Ton nach unten schwang und sie die Hände in die Hüften legte, „gebe ich den guten Rat, niemals zu Männern zu werden, die an Spiegeleiern rummäkeln, die sie nicht selbst gebraten haben.“ Darauf stöhnte sie entnervt und hielt eine kurze Pause, ehe sich ihr Gesicht so plötzlich und unvorhergesehen aufhellte, als hätte es die letzte, frustrierende Minute gar nicht gegeben. „So, das musste einfach raus. Und jetzt möchte ich euch eine neue Mitschülerin vorstellen.“
„Und das sagt sie uns jetzt erst?“, hörte man Sayaka belustigt wispern.
Klangvolle Schritte nahmen den stillen Raum für sich ein. Wo noch die einen der Zerstreuung verfallen, waren die anderen schon von etwas ganz anderem eingenommen.
„Also, Akemi-san“, sagte Miss Saotome, das Gesicht dem Eingang zugewandt, durch den die Neue gerade eingetreten war, „willkommen.“
Akemi-san. Homura Akemi. Sie hatte schwarzes, langes Haar, das sich zum Ende hin in unterschiedliche Richtungen spaltete und einen Körper, der sich zwischen Sportlichkeit und Grazile bewegte. Sofort war ihr das Interesse der ganze Klasse gesichert. Sie drehte sich erst mit dem Kopf, dann mit ihrem ganzen Leib zur Klasse hin und stand mit dem Rücken zur weißen Tafel. Ihre dunklen, blauvioletten Augen waren schön und finster zugleich.
„Wow, ist die schön“, sagte eines der Mädchen.
„So schön wäre ich auch gern“, schwärmte ein anderes.
„Das haut dich ja um“, ließ da ein Junge verlauten.
„Die ist ja wirklich hübsch“, gab ein anderer von sich.
Sayaka, welche noch nie zuvor ein so vergleichbar schönes Mädchen neben Hitomi gesehen hatte, blickte fassungslos, beinahe eingeschüchtert, zur Seite. „Das ist ja ne Schönheitskönigin.“
Madoka machte hingegen etwas ganz anderes Kopfzerbrechen. Sie stierte wie eine Ungläubige, die den Schatten Gottes Kraft ihrer fähigen Sinne selbst erblickt, seine Stimme deutlich vernommen, seine Hände auf ihren Schultern gespürt hatte, dieses ihr fremde Mädchen an. Als hätte sie sie schon einmal irgendwo gesehen. Hatte sie sie schon einmal gesehen?
„Toll das du bei uns bist, kannst du dich bitte selbst vorstellen?“, fragte Miss Saotome und deutete mit einer Hand vorstellend auf das neue Mädchen.
„Ich heiße Akemi Homura und ich hoffe, wir werden uns gut verstehen.“ Ihre Worte waren wie ein Gefäß aus bittersüßer Galle. Es war keine Freundlichkeit, keine Zuneigung, keine Nervosität, keine Neugierde oder Desinteresse in ihrer Stimme zu vernehmen. Stattdessen schien sie völlig isoliert und geistig absent; als wären Emotionen eine rare Kost für sie. Selbst die blauvioletten Augen, gepaart mit diesem starren, eiskalten Blick, waren wie aus kargem Stein gemeißelt. Dieser kalte, unnachgiebige Blick, der eine schnelle Runde durch die Klasse machte und dann bei einem Mädchen verharrte, dass diesem ängstlich versuchte auszuweichen; Madoka.
Hatte sie sie schon einmal gesehen?

Nach dem Ende der ersten Unterrichtsstunde, wuselten sich fünf der fünfzehn – jetzt sechzehn – Mädchen der Klasse um die frisch Hinzugekommene. Sie sprachen ihre Bewunderung für ihre Schönheit aus, wollten wissen, welche Schule sie zuvor besucht hatte, welches Shampoo sie für ihre Haare benutzte, in welchen Schülerclubs sie aktiv war; die standardisierten Kennenlernfragen eben. Und Homura nahm sich die Zeit, alle offenen Fragen kurz aber wahrheitsgetreu zu beantworten.
Unterdessen blieben Hitomi, Madoka und Sayaka unter sich und besahen das merkwürdige Mädchen von Madokas Platz aus. Sie fühlten sich von ihrer Präsenz seltsam berührt. Besonders Sayaka und Madoka hatten das unbequeme Gefühl, dass mit ihr irgendetwas nicht stimmte.
„Sag mal, Madoka. Kennst du die Neue?“, wandte sich Sayaka Madoka mit misstrauisch-neugieriger Miene zu. „Ich hatte nämlich den Eindruck, dass sie dich vorhin total fixiert hat.“
„Nein, also … ich weiß auch nicht“, versuchte sich Madoka zu erklären, als sich den Dreien plötzlich der sprichwörtlich herbeigerufene Teufel näherte; Homura Akemi. Sie hatte sich von der fünfköpfigen Gruppe ausgeklammert und stierte mit einer finsteren Miene direkt Madoka an. Madoka schluckte eingeschüchtert.
„Kaname Madoka-san“, sagte die Neue mit einer gar unmenschlichen Gleichgültigkeit, „du bist doch die Gesundheitsbeauftragte der Klasse, nicht wahr?“ Sie sprach die Worte so quälend langsam und präzisiert, als würden sie ihr zum Halse heraushängen.
Madoka bestätigte stotternd.
„Könntest du mich bitte zur Krankenstation begleiten?“
Madoka willigte nur ungern ein, konnte sich jedoch dem Amt der Gesundheitsbeauftragten nicht entziehen. Sie nahm ihre Aufgabe ernst und hatte sich auch freiwillig dazu verpflichtet. Und ähnlich wie der Schülersprecher nicht einfach so seine Aufgaben niederlegen konnte, nur weil ihm gerade danach war, konnte auch sie nicht einem Schüler oder einer Schülerin die gesundheitliche Hilfe verweigern. Selbst wenn diese nur darin bestand, den entsprechenden Schüler den Weg zur Krankenstation zu weisen.
Doch auch hier zeigte sich wieder eine Eigenart an Homura Akemi, die Madoka sichtlich verunsicherte. Es war bezeichnend, dass das fremde Mädchen vorausging, während Madoka ihr hinterher trottete, statt dass es umgekehrt der Fall war. Kannte sie etwa den Weg? Und wenn sie es tat, wieso brauchte sie dan Madoka als Begleitung? Homura hatte sich unter dem Vorwand, dass es ihr nicht gut ging, hilfesuchend an Madoka gewandt, doch … sie schien alles andere als hilfsbedürftig.
„Ähm, also …“, versuchte Madoka sich an einem Gespräch mit ihr. „Woher wusstest du, dass ich die Gesundheitsbeauftragte bin?“
Es dauerte zwei unendlich lange Sekunden, bis Homura ihr antwortete. „Die Lehrerin hat es mir gesagt.“
„Ach so, die Lehrerin hat es dir gesagt.“ Diese Antwort erleichterte Madoka ungemein.
Die beiden waren in einen Überweg eingebogen, der die eine Hälfte des ersten Stocks, mit der anderen verband. Dieser bot einen Ausblick auf den inneren Pausenhof der Schule, war mit Wellblechen überdacht und zu beiden Seiten mit nur mit Glas ausgestattet.
„Akemi-san …“
„Du kannst mich Homura nennen.“
Homura-chan …“
„Was ist?“
Madoka knetete aufgeregt ihre Hände. „Na ja, weißt du, ähm … du hast einen merkwürdigen Namen. Nicht, dass du mich falsch verstehst und denkst, er gefällt mir nicht, oder so. Im Gegenteil, ich finde ihn sogar richtig cool. Ich …“
Noch ehe Madoka ihren neuen Satz beginnen konnte, drehte sich Homura ab der Mitte des Überwegs auf einem Absatz um, was Madoka wieder in unsicheres Schweigen zurückdrängte. Homuras Haltung war standhaft, deutete sogar eine Spur von Gewaltbereitschaft an und für einen Augenblick war Madoka wie vor Angst gelähmt.
„Kaname Madoka“, begann Homura erneut in ihrer unheilvollen, tiefen Stimme, „hältst du dein eigenes Leben für wertvoll und kostbar?“
Madoka schrumpfte zu einem kleinen, Häufchen Elend zusammen, während sie meinte zu glauben, dass Homura an Größe deutlich zunahm.
„Und bedeuten dir deine Familie und deine Freunde etwas?“
Madoka schrak um einen halben Schritt zurück und machte ein unentschlossenes Gesicht. „Ähm, also, j-ja natürlich. Sie bedeuten mir sehr viel.“
„Ist das wahr?“
„Ja natürlich“, bekräftigte Madoka ihre Antwort und faltete abermals die Hände zusammen. „Ich habe sie alle furchtbar lieb und sie bedeuten mir unendlich viel.“
„Gut. Falls du wirklich die Wahrheit sagst, dann bleib der Mensch, der du jetzt bist und ändere dich nie. Hast du das verstanden?“
Madokas Lippen bebten. Sie wollte fragen, was sie meinte, wollte um klarere Antworten bitten … doch sie traute sich nicht.
„Du musst Kaname Madoka bleiben. So wie bisher“, Homura drehte ihr den Rücken zu, „so auch in der Zukunft“, und beschritt den Rest des Weges alleine, die von Entsetzen und Verwirrung zerfressene Madoka Kaname hinter sich lassend.

Als Homura um die nächste Biegung verschwunden war, hielt sie für einen kurzen Moment an und sah sich zu allen Seiten um. Niemand war da. Niemand, außer sie …
„Das war ja mega-unauffällig“, hallte plötzlich die vertraute Stimme eines jungen Mannes gehässig in ihrem Kopf wieder. „Also wenn du das arme Ding verstören wolltest, dann hast du deine Aufgabe mit Bravour gemeistert“, lachte er hämisch.
„Furcht zwingt den Geist zur Wachsamkeit. Meine Warnung wird ihren Zweck erfüllen.“
„Nicht, wenn man genannte Warnung hinter kryptischen Worten versteckt hält“, erklärte die Stimme besserwisserisch.
„Bin ich zu direkt, so gerate ich in den Kreis des Misstrauens.“
Die Stimme des jungen Mannes lachte spöttisch auf und verendete in einem Quieken, das dem eines jungen Ferkels glich.
„Kannst du mir sagen, was dich daran so vergnügt?“, fragte Homura in einem Ton, der entweder Gleichgültigkeit oder empörte Zurückhaltung bedeutete.
„Ach, nichts. Ich frage mich nur, ob du dir manchmal selbst zuhörst. In jedem Fall bin ich vor Ort, wenn du mich brauchst.“ Er seufzte. „Gott, langweile ich mich.“
„Befolge einfach nur den Plan.“
„Keine Sorge, ich habe alles im Griff“, sprach die Stimme mit prahlender Selbstverherrlichung. „Dafür bin ich schließlich hier, nicht wahr? Um alles im Griff zu behalten, meine ich.“
„Schön, dass du es insoweit verstanden hast. Also, hab weiterhin ein Auge auf die beiden“, sagte Homura und schritt den Korridor entlang. „Ich verlasse mich auf dich, Shiro.“
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