Continguity Magica

GeschichteFreundschaft, Tragödie / P12
Homura Akemi Kyouko Sakura Madoka Kaname Mami Tomoe OC (Own Character) Sayaka Miki
07.08.2016
22.07.2018
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31.08.2016 1.512
 
Für die, die sich wundern: Dies ist ein überarbeiteter Prolog. Sämtliche Logiklöcher, auf die ich aufmerksam gemacht wurde, sind nun raus.


Contiguity Magica

Kapitel 00: Das Mädchen und die Zeit


„Zeit – so schätzt man heute mehr als damals – ist ein Mythos, eine Illusion, eine Wahnvorstellung des Menschen, um den Tag zu grenzen und ein Maß an Kontrolle darüber zu erhalten. Mittlerweile ist diese Vorstellung jedoch obsolet. Kontrolle über etwas Unkontrollierbares ist so unmöglich, wie das Verhältnis zwischen Zeit und Raum zu verändern. Man kann es vielleicht abwandeln, aber das Ergebnis bleibt immer dasselbe. Ich habe es viele, viele Male schon versucht und bin immer wieder aufs Neue gescheitert.“
Sie hatte den Blick zur Seite gewandt. Unter einem weinenden Himmel beäugte sie den erkalteten Leichnam der Stadt, die einer Ruine gleich, in Schutt und völlig verloren lag. Zerstörung und Tot, die einzige Konstante in ihren endlosen Versuchen. Eine schwarze Stadt unter einer aschfahlen Wolkendecke.
Das Blut an ihrer Stirn, welches durch das Regenwasser frisch und flüssig gehalten wurde, rann ihre Wange hinab. In dem Rot waren vereinzelt dünne, schwarze Risse zu erkennen, die sich bei genauerem Hinsehen an verklebte Haarsträhnen herausstellten. Die dunklen, blauvioletten Augen waren wieder dem kleinen Wesen zugewandt, welches sich auf einem der zahlreichen, vom einstigen Wirt gewaltsam losgerissenen Brocken abgesetzt hatte. Die immer gleiche Miene, mit der er ihren verächtlichen Blick erwiderte, verlor sich für keinen Moment in so etwas wie Emotionen und trotzdem war ihm die Niedertracht, welche er hinter dieser süßen Fratze verbarg, nicht von der Hand zu weisen.
„Sag mir, Inkubator ...“, sagte das Mädchen mit unheilvoll tiefer Stimme.
„Ja?“
„Was glaubst du? Bin ich verderblich?“ Sie biss sich auf die Unterlippe. „Verschwende ich meine Zeit?“ Es lag so viel Hass und Selbstzweifel in ihren Worten. „Ist es mir nicht bestimmt sie zu retten? Ist es verwerflich sie denselben Alptraum immer und immer wieder durchleben zu lassen, in der Hoffnung, ich könnte wenigstens sie retten?“
„Würde ich dir eine Antwort darauf geben, würde sie dich kümmern?“, erwiderte der Inkubator mit seiner gewohnt quietschigen Stimme. „Eure menschlichen Gefühle sind ein Hindernis für jederlei objektive Handlungs- und Sichtweise. Und dennoch wählt ihr ständig den Weg, der euch den größten Schmerz bereitet. Ihr brecht durch die Tür der Verzweiflung, in der Hoffnung, einen kleinen Funken Licht in der Finsternis zu finden.“ Er gestikulierte mit einem Kopfschütteln die Unverständlichkeit, die er für diese beschriebene Entscheidung verspürte. „Warum ihr einen solchen Weg beschreitet, entzieht sich meinem Verständnisses. Euer und unser Verständnis von Logik ist bis in den Kern identisch und doch wählt ihr stets den irrationalen Pfad. Ihr nehmt die größten Strapazen auf euch, nur um etwas von geringerem Wert in Tausch zu erhalten.“
„Du schätzt das Leben eines einzelnen Menschen so gering und wertlos ein, dass es sich nicht lohnt, dafür zu kämpfen?“, fragte sie zähneknirschend.
„Nicht, wenn der Lohn nicht den Aufwand entschädigt, nein. Es ist der Lauf der Dinge, dass alles einmal vergeht. Und sich an das Vergangene zu klammern, welchen Sinn hat das für euch? Ich muss sagen, es fällt mir wirklich äußerst schwer, dies auch nur im entferntesten nachzuvollziehen. Dem Endgültigen zu trotzen, gar den Tod zu bezwingen. Eine solche Vermessenheit.“
Das Mädchen ballte die Fäuste zusammen. „Versuchst du nicht genau dasselbe? Den Tod zu bezwingen?“
„Den Tod des Universums, ja“, stimmte der Inkubator zu, „aber nicht das Leben an sich, das nur temporär und nicht permanent ist. Wir haben die Aufgabe, die Dauer der Gemeinschaft – also das große Ganze – zu erhalten. Wir denken rational und effektiv. Empathisches Empfinden für den Einzelnen, das scheint nur euch Menschen zu liegen.“ Er erklärte die Sachlage mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass das Mädchen ihm degoutant den Rücken kehrte. „Gefühle sind, was eure Spezies ausmacht. Nur durch euch, ist eine Energiegewinnung für das Universum überhaupt erst möglich. Ihr leistet euren Beitrag zum Erhalt unserer riesigen Gemeinschaft und wir leisten unseren. Das ist der Lauf der Dinge.“
„Ich sehe, es hat wirklich keinen Sinn, sich mit dir darüber zu streiten“, sagte sie mit bebender Stimme. „Wie oft ich mit dir auch zu reden versuche, es endet immer auf dieselbe Art und Weise. Wir schaffen es einfach nicht. Wir könnten noch so oft in denselben Spiegel schauen, wir würden doch nur immer wieder uns selbst sehen. Der jeweils andere, der hinter dem Spiegel steht, wird für uns immer undurchdringlich sein.“
Darauf erwiderte der Inkubator nichts.
„Sei es drum. Ihr habt uns die längste Zeit benutzt. Ich werde es ein für alle Mal beenden.“
Der Inkubator legte den Kopf schief. Die seltsamen Auswüchse aus seinen spitzen Ohren, um die jeweils ein goldener Ring zentral levitierte, zuckten misstrauisch. „Ist dem so? Und wie gedenkst du das anzustellen?“
„So, wie ich es unzählige Male zuvor schon tat“, sagte sie mit bitterlicher Verwünschung in der Stimme und umfasste den kleinen, kreisrunden Schild, der an ihrem linken Handgelenk angebunden war. „Wenn wir uns das nächste Mal wiedersehen“, hier legte sie den Kopf in den Nacken und blickte ihn von oben herab mit verheißungsschwerer Miene an, „werde ich deine Ideologie in einen großen Scherbenhaufen verwandeln.“ Die kleinen, komplexen Zahnräder in ihrem Schild begannen sich zu drehen. „Und ich werde“, sie wurden langsamer, „sie“, stoppten, „nein, alle“, und rotierten nun in die entgegengesetzte Richtung, „retten.“
Und wie der Satz endete, war sie auch schon aus dem Sichtfeld des Inkubators verschwunden und hinterließ nicht mehr, als eine still gewordene, alternative Zeitebene; die eine unter vielen. Sie reiste zurück dorthin, von wo aus ihr Abenteuer begann. Ein tiefblaues Meer, das mit vielfarbigen Sternen in unschätzbarer Geschwindigkeit an ihr vorbeizog, verblasste nach nur wenigen Sekunden und wog sie in tiefste Dunkelheit. Diese war jedoch nur von relativ kurzer Dauer, denn nur einen Augenblick später lichtete sich die undefinierbare Finsternis und wurde von einem gleißenden Lichtschein aus abschätzbarer Richtung verdrängt. Sie lag auf dem Rücken, den Kopf von etwas Weichem abgestützt. Unter ihrer Hand ertastete sie einen nachgiebigen, von Seide bezogenen Untergrund, während die andere still ruhend auf ihrer Brust lag. Mit den Zehspitzen erfühlte sie einen rauen, schweren Stoff, der sie bis zur Brust eindeckte. Routiniert öffnete sie die Augen und warf sich, wie aus einem Alptraum erwacht, in eine aufrechte Sitzposition. Ihre Augen erfassten den ihr wohlbekannten Raum, der, von dem Boden, bis zur Decke und von einer Wand zur anderen, durch und durch weiß war. Alles stimmte. Sie war wieder im selben Zimmer, lag im selben Bett und fühlte denselben frischen Windzug ihr Gesicht liebkosen, der sich durch die engen Spalten der gekippten Fenster zwängte und die himmelblauen Vorhänge beiseite schob. Sie war wieder im Krankenhaus.
Eine hastige Bewegung ihres Kopfes zum Kalender an der Wand sagte ihr, dass sie in der richtigen Zeit war. Zwei Zahlen stachen, neben den rot durchgestrichenen, deutlich hervor. Die erste Zahl war die Sechzehn, die von einem hübsch gezeichneten Blümchen markiert wurde und den nämlichen Tag – nämlich heute – bedeutete, an dem man sie endlich aus der Bettlägerigkeit entlassen würde. Die zweite, sehr viel wichtigere Zahl, war die Fünfundzwanzig, die mit einem blau gezeichneten Stern versehen wurde und der heranrückende Tag der Einschulung war.
„Neun Tage“, sagte sie und warf sofort die Bettdecke von sich. „Es bleiben mir neun Tage, bevor es wieder beginnt.“
Sie machte eine routinierte Drehung und warf sich aus dem Bett. Umgehend hielt sie auf den Wandschrank zu, riss sich den violetten Pyjama vom Leib und stülpte sich ihre Sachen, die aus einem roten Rock, einem schwarzen Pullover auf dem ein rosafarbenes Kaninchen abgebildet war, schwarzen Socken und einem Paar braunen Lederschuhen bestanden, über.
Wenn meine Vermutung stimmt, dachte sie, während sie die Schleifen, die von einer ähnlichen Farbe wie ihr Pyjama waren und die langen, schwarzen Haare zu zwei Zöpfen zusammenhielten, entfernte, dann muss es eine Anomalie in dem Zeitgefüge geben. Sie schritt daraufhin zur Tür hinaus, bog in den langen, ebenfalls weißen Korridor zum Aufzug ein und fuhr damit ins Erdgeschoss. Und wenn das der Fall ist … Der Aufzug hielt, die zwei Türen schoben sich zur Seite und ebneten den Weg in einen großen Empfangsraum, der über und über von Menschen nur so wimmelte, dann muss es auch einen Weg geben, den Ausgang aller Geschehnisse selbst zu verhindern. Sie lief ging teilnahmslos an den vielen Leuten vorbei und hastete mit großen Schritten direkt auf den Ausgang zu. Die mechanischen Glastüren schwangen auf und ließen sie auf den Vorhof hinaus. Dieser bestand aus einem, aus verschiedenen Rottönen zusammengewürfelten Pflaster, einem einsamen, Baum, der in der ungefähren Mitte fröhlich sprießend dem wolkenlosen Himmel entgegenwuchs und einer weißen, knapp zwei Meter hohen Mauer.
Ab der Mauer aus – ungefähr zehn Meter zur linken Seite gewandt – tat sich ihr der Anblick einer einsamen Bushaltestelle auf, die eine gläserne, horizontal gekippte Säule war und auf welcher durchsichtigen Oberfläche sich der Fahrplan in einer orangenen, gepunkteten Schrift holografisch wiedergab. Aus den Lautsprechern, die in der Überdachung fest verbaut waren, ertönte eine gekünstelte weibliche Stimme, die in ihrer Ankündigung so laut war, dass das Mädchen sie auch über die geringe Entfernung deutlich vernehmen konnte:
„Einfahrt: Linie Fünfzehn, nach Kazamino City.“
„Nur neun Tage …“, sagte sie leise und in sich gekehrt. „Bitte, lass mich nicht falsch liegen.“
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