Ein ganzes halbes Jahr - und viele Jahre mehr

von Mira02
GeschichteRomanze, Übernatürlich / P18
07.08.2016
10.08.2020
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08.08.2016 1.108
 
Als Will an den Tisch der drei Freunde zurückrollte, sahen diese ihn neugierig und erwartungsvoll an. „Und?“, fragte Louisa, „was wollte sie von dir?“ „Hat irgendwas von meiner Schwester gefaselt und dass es anscheinend nicht immer nur um mich ginge…spätestens da hab ich abgeschaltet.“

Louisa begann Will während er sprach ganz beiläufig zu füttern. „Der Tunfisch ist viel zu zäh! Ober!“, schrie Will und wurde immer blasser unter seiner Bräune. Louisa sah Nathan besorgt an. Als Wills bester Freund und Pfleger wusste dieser oft am besten was mit dem zynischen Legastheniker los war.

„Will, kann es sein, dass du uns etwas verschweigst? Hast du unseren Schwur vergessen?“, fragte Nathan mit ernstem Gesichtsausdruck. Richtig, der Schwur…Will dachte an jenen verhängnisvollen Tag zurück, der alles verändert hatte.

Es war der Tag ihrer geplanten Abreise. Louisa hatte in Mauritius alles versucht, um Will umzustimmen und war, als Will ihr gestand, dass nichts ihn hätte umstimmen können, weinend am Strand zusammengebrochen. Ihre Lebensfreude war dahin und das, obwohl sie nicht gelähmt war, obwohl sie all die schönen Dinge tun konnte, von denen Will träumte und die er gleichzeitig vergessen wollte, weil die Erinnerungen schmerzten.

Es war dieser Moment, in dem Will klar wurde, dass er nicht gehen konnte, weil Louisa ihn brauchte. Sie wirkte so schwach und hilflos wie sie vor ihm auf dem Boden lag und Rotz und Wasser heulte, als hätte sie gerade erfahren, nie wieder Laufen zu können.
Später an diesem Abend saßen Louisa, Nathan, Jacky und Will am Feuer etwas abseits von den anderen Touristen und schworen sich, von nun an immer zusammen zu bleiben, auf einander acht zu geben und keine Geheimnisse voreinander zu haben. Es war etwas komisch, weil sie Jacky damals eigentlich gar nicht richtig kannten, aber Nathan hatte anscheinend einen Narren an ihr gefressen daher gehörte sie von nun an dazu.

Ohne es je auszusprechen, hatte jeder der vier eine Aufgabe, die von großer Wichtigkeit war. Louisa war von nun an Wills feste Freundin und übernahm die schönen Seiten seiner Pflege. Dazu gehörten seine tägliche Rasur, ab und an ein Haarschnitt und das Waschen seines Oberkörpers.

Nathan übernahm als sein langjähriger Pfleger die weniger schönen Aufgaben, das Wechseln von Wills Kathetern war nur eine davon. Jacky hielt Nathan bei Laune und Will, ja, der finanzierte das Ganze.

Seitdem war ein Jahr vergangen, in welchem nichts aber auch nichts spannendes oder gar merkwürdiges passiert war. Das einzig komische passierte an dem Tag des Schwurs. Denn als  die vier Freunde am Feuer saßen und ihren Schwur besiegelten, indem sich jeder mit Nathans Taschenmesser in die Hand ritzte und ein paar Tropfen Blut in einen Becher laufen ließ, erschien plötzlich ein alter bärtiger Mann, der verschwörerisch nach links und rechts schaute, bevor er sich ihnen nährte.

Ohne ein Wort riss er der überrumpelten Jacky den Becher aus der Hand und trank das Blutgemisch, welches Jacky gerade ins Feuer werfen wollte in einem Zug aus. Ein kleines Rinnsal lief über sein Kinn und tropfte auf den Boden als er mit starrem Blick zu den vier Freunde sagte:“ heute in einem Jahr werdet ihr mich wieder sehen. Und dann hat euer langweiliges Dasein ein Ende.“ Mit einem fiesen Lachen verschwand er zurück in die Büsche. Da das Hotel aber zahlreiche und ständig wechselnde Animateure einstellte, dachten die vier Freunde sich nichts dabei und gingen bald darauf schlafen. Trotzdem hatte Will die Szene nie ganz vergessen können und in derselben Nacht wirre Träume gehabt.

„Will?“, weckte ihn Louisa aus seinen Gedanken. „Nathan hat recht, wir haben uns geschworen immer ehrlich zueinander zu sein. Also. Was wollte deine Mum wirklich??“ Will seufzte. War es ihm so leicht anzusehen wenn er log? „Ok, dann sag ichs euch, aber flippt bitte nicht gleich aus. Besonders du Louisa, du bist immer so emotional und impulsiv..“ „stimmt überhaupt nicht…Arschloch!“ heulend rannte Louisa Richtung Toilette. Jacky blickte noch einmal sehnsüchtig auf ihren randvollen Teller, bevor sie der Freundin wie gewohnt nacheilte.

„Musste das sein?“, fragte Nathan seufzend. „du weißt doch ganz genau wie sie ist. „alles nur Taktik, Bruder“, Will zwinkerte ihm zu und Nathan hob interessiert eine Augenbraue. Anscheinend wollte Will mit ihm alleine sprechen. „Was ist passiert…“, fragte Nathan tonlos und beugte sich vor, damit niemand das Gespräch der beiden mitbekam.

„Nathan irgendwas stimmt hier nicht..das vorhin war nicht meine Mutter, das hab ich sofort gespürt. Sie hat erst so getan als ginge es um meine Schwester. Dann, als wir alleine waren hat sie sich eine Maske abgerissen und zum Vorschein kam der alte Mann.“ „welcher alte Mann??“ „Man, der Animateur damals am Tag des Schwurs der unser Blut getrunken hat.“ „Ach der…“

„ja der. Er meinte heute sei es soweit, heute sei der Tag vor dem er uns damals gewarnt hätte.“ Nathan starrte Will mit angehaltenem Atem an. „Und dann??“ Will leckte sich nervös über die trockenen Lippen und fuhr fort: „vorgestellt hat er sich als alter Magier aus Timbuktu. Er sagte, dass er uns schon länger beobachtet und bereit ist mir zu helfen. Er habe damals lange überlegt, wem von uns vieren er einen Wunsch gewährt und hat sich dann für mich entschieden. Durch das vermischen unseres Blutes, so sagte er, seien unsere Schicksale unweigerlich aneinander gebunden. Alle für einen, einer für alle.“

„Hä? Was soll das bedeuten, Will?“ „Das habe ich ihn auch gefragt. Er gewährte mir einen Wunsch und sagte ich solle gut nachdenken, denn sobald ich meinen Wunsch aussprechen würde, seien auch eure Schicksale besiegelt.“ „Und was hast du dir gewünscht?“, fragte Nathan mit rauer Stimme. Die Spannung die in der Luft lag war fast greifbar.

„Na was wohl, du Trottel. Natürlich habe ich mir gewünscht, dass es meinen Unfall damals nie gegeben hat! Was denn sonst???“ „Na geklappt hat es anscheinend nicht, denn du bist immer noch gelähmt, Alter.“ Nathan sah seinen Freund mitleidig an, dieser rollte nur mit den Augen. „Nathan ein Wunsch mit solch einer Tragweite ist nicht einfach mal so eben umsetzbar. Das braucht Zeit. Eine ganze Menge Dinge die passiert sind werden durch die Rücknahme des Unfalls umgewürfelt. Auch ihr seid betroffen. Könnte sein, dass du Jacky ohne meinen Unfall nie kennengelernt hättest.“

„Was zum..seit wann kennst du dich eigentlich so mit Esoterikkram aus? Hauch mich mal an, Will“, Nathan beugte sich noch mehr zu Will und hielt ihm auffordernd seine Nase ins Gesicht. „Nimm deinen Zinken aus meiner Fresse ich glaub es hackt! Ich hab als Kind mal einen Hexenkurs belegt, so, jetzt weisst du’s. Ich geh jetzt schlafen, der alte meinte morgen früh ist mein Wunsch erfüllt.“ Will rollte langsam Richtung Tür und bemerkte den mitleidigen Blick von Nathan nicht mehr, der ihm kopfschüttelnd nachsah.
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