Ein ganzes halbes Jahr - und viele Jahre mehr

von Mira02
GeschichteRomanze, Übernatürlich / P18
07.08.2016
22.01.2020
21
15.010
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07.08.2016 577
 
Eine Stunde später schreitete Louisa hoheitsvoll und mit einem spitzbübischen Lächeln auf dem Gesicht aus dem Hotelzimmer und verfiel in einen tiefen Knicks. Will hielt den Atem an und starrte sie sprachlos an. Die Haare zu zwei hohen üppigen Zöpfen geflochten umschmeichelten ihr stark mit Rouge geschminktes Gesicht. Sie trug ein rotschwarz gepunktetes Top, einen karierten Kakirock mit einem pinken Gürtel und die schwarzgelb gestreiften Strumpfhosen, die ihr Will zum Geburtstag letztes Jahr geschenkt hatte. Neongrüne Highheels bildeten den Abschluss ihres Outfits.

Will schmunzelte. Seit sie hier auf Mauritius überwiegend am Strand lagen, essen gingen oder Bungee sprangen, war Louisa ein paar Mal ausgiebig Shoppen gewesen und jedes Mal mit einem weiteren schrillen Outfit zurückgekehrt, welches sie abends im Foyer stolz präsentierte. Wenn sie sich dann einmal um die eigene Achse drehte nickte Will zustimmend und Nathan und seine Freundin Jacky verfielen in vielsagende „Ooh!“ und „Aaah!“ Rufe.

„Können wir?“, fragte Will. Irritiert erhob sich Louisa aus ihrem albernen Knicks„Du sagst ja gar nichts, Will, gefällt dir mein Outfit nicht?!“, ihre Unterlippe zitterte verdächtig und Will wer sich am liebsten nervös mit der Hand durchs Haar gefahren, wäre diese nicht, wie auch wie der Rest seines Körper, gelähmt. Sein linkes Auge begann nervös zu zucken.„Äh..natürlich gefällt es mir, Clark..“ „Wieso nennst du mich eigentlich ständig beim Nachnamen? Nathan nennt Jacky doch auch ‚Honey‘ und nicht ‚Köpke‘.“ Beschwerte sich Louisa weinerlich.

Jackline Köpke, eine deutsche Steuerfachangestellte mit langen blonden Haaren hatte damals eingewilligt mit Nathan, Louisa und Will auf Mauritius zu bleiben, statt wie geplant nach ihrem zweiwöchigen Urlaub zurück in den Altag zu kehren. Dabei hatte die langweilige Jacky, wie Will sie heimlich für sich nannte, ohne mit der Wimper zu zucken ihr unbefristetes Arbeitsverhältnis gekündigt und sich ihre wenigen Habseeligkeiten von ihrer Großtante herschicken lassen. Inzwischen war sie Louisas beste Freundin geworden. Die beiden waren sich in ihrer Häuslichkeit und ihrem ausgeprägten Putzsinn sehr ähnlich, wie Will fand.
Ein unsafter Tritt gegen seinen Rollstuhl ließ Will aus seinen Gedanken hochschrecken. „Hörst du mir eigentlich zu, Will Traynor?!“, fragte Louisa mit schriller Stimme. „Klar, Clark..ich meine Lulu-Fee“ sagte Will schnell und Louisas Miene glättete sich augenblicklich, als sie ihren Lieblingsspitznamen vernahm. Ihren zweitliebsten Spitznamen ‚fleißiges Bienchen‘ verwendete Will nur ungern, da Louisa vor nicht allzu langer Zeit unter diesem Nick sein trauriges Schicksal in etlichen Foren und Internetchatrooms hinausposaunt hatte. Durch ihre subtilen Anspielungen und die Bekanntheit seiner Person wurde bald klar, um wen es sich wirklich handelte. Aber was solls, sie hatte es ja nur gut gemeint…

Als Louisa ihn Richtung Foyer schob kam ihnen Nathan schon entgegen gerannt. „Will du…du hast Besuch“, sagte er außer Atem und seine besorgte Miene verriet nichts Gutes. Etwa wieder eine seiner Ex-Freundinnen? Besorgt schielte Will zu Louisa die anscheinend dasselbe dachte, denn ihr Unterkiefer verkrampfte sich merklich und ihre dunklen Brauen saßen tiefer denn je. Zielstrebig schob sie seinen Rollstuhl um die Ecke. Zunächst sah Will nur Jacky, die wie immer als erste am Tisch saß, Kaugummi kaute und gelangweilt mit einer ihrer langen hellblonden Haarsträhnen spielte.

Dann sah er sie. Wie ein Audi A6 Baujahr 1999 im Vorhof eines Leipziger Plattenbaus stand Camilla Traynor im Eingang des Foyers. Ihr kühler Blick lag auf seiner Gestalt und wanderte dann langsam hoch zu Louisa. „Mutter?“, krächzte Will überrascht und mit zugeschnürter Kehle. An die Stelle seines Herzens trat ein dumpfes, schweres Gefühl. Was hatte sie hier verloren? Was wollte sie von ihm?
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