Ein ganzes halbes Jahr - und viele Jahre mehr

von Mira02
GeschichteRomanze, Übernatürlich / P18
07.08.2016
10.08.2020
22
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02.11.2016 1.668
 
Völlig fertig und ausgelaugt lag Louisa in Will Trainers zwei Meter breitem Kingsize Bett und starrte an die von Stuck besetzte Decke, deren Mitte ein alter, dekadenter Kronleuchter zierte.

Irgendwie hatte sie sich das Leben in der Burg anders vorgestellt. Als sie nach dem Schwimmwettkampf hier her kam, hatte ihr ein Hausmädchen die Tür geöffnet und sich nach einem tiefen Knicks schnell entfernt. Von Wills Eltern fehlte jede Spur. Etwas unschlüssig stand sie in dem großen Saal und begab sich dann einer Eingebung folgend in Wills Räumlichkeiten. Sein Zimmer strahlte eine leere Kälte und eine beklemmende Vertrautheit zugleich aus und Louisa setzte sich unschlüssig auf das große Bett, eines der wenigen Möbelstücke in diesem Raum.

Traurig dachte sie an die familiäre Atmosphäre in ihrer kleinen Wohnung, die eigentlich immer voll war. Armer Will. Wie hielt er es hier nur aus? Und jetzt hatte sie auch noch seinen Schwimmwettkampf verloren. Louisa biss sich auf die Unterlippe und dachte an die letzten Stunden, die sie im Wasser verbracht hatte.

Es fing bereits an als sie die Männerumkleide betrat. Ihre feste Überzeugung, dass Männer im Gegensatz zu Frauen eine gewisse Distanz untereinander pflegten und Schamgefühl besaßen wurde im Keim erstickt, als sie zur Begrüßung gleich mehrere Klapse auf den Hintern bekam. "Yo, Will altes Haus!" "Schön dich zu sehen, Bro!" "Alter, was geht" , hieß sie eine Horde nackter, aber durchaus ansehnlicher Männer  willkommen. Louisa verschlug es bei dieser geballten Ladung Testosteron für einen Moment die Sprache.

Etwas verschämt wühlte sie in ihrem Sportbeutel nach ihrem gelben Bikini, bis ihr plötzlich bewusst wurde, dass sie diesen in Wills Körper wohl kaum tragen konnte, ohne ihn lächerlich zu machen. Naja, zumindest nicht mit Oberteil, dachte sie dann und schlüpfte schnell in das gelbe Höschen. Etwas eng, aber daran sollte es nicht scheitern. Auch ihre Badesandalen saßen knapper als sonst, bemerkte Louisa auf dem Weg in die Dusche.

"Alter…ist das dein ernst?", vor ihr stand ein braungebrannter Typ mit honigblondem Haar und einem dreitage Bart. "was meinst du?", fragte Louisa nervös und strich sich eine nichtvorhandene Strähne hinters Ohr. "Wieso trägst du diesen knappen knallgelben Schlüpfer und keine Shorts?! Du gibst damit mehr Preis als ..", "hör mal…Alter.", unterbrach ihn Louisa. " Ein bisschen Farbe würde dir auch nicht schaden. Und wenn du keinen Fußpilz möchtet ziehst du besser schnell deine Badelatschen an.", zickte sie und schritt schnippisch an ihm vorbei Richtung Dusche.

Als sie in die Halle kam hatte die Mannschaft sich bereits an den Beckenrändern aufgeteilt und ein älterer Mann mit einer Pfeife um den Hals kam aufgebracht auf sie zu. "Traynor! Wo bleiben Sie, verdammt, die Mantarochen sind bereits da!" "Manta..wer?" "Die gegnerische Mannschaft, Traynor und jetzt Marsch auf ihr Podest! Und ziehen Sie diese Sandalen aus, Traynor!", keifte der Alte und sah ungläubig auf Wills Füße.

"Meiiiin Gott ich geh ja schon, müssen Sie gleich so schreien?", beleidigt verschränkte Louisa die Arme vor der Brust und zog eine Schnute, bevor sie aufreizend langsam und mit wiegenden Hüften zu den anderen Jungs schlenderte. Einige blickten ihr entgeistert und mit offenem Mund entgegen. Als der Startpfiff ertönte sprangen plötzlich alle zugleich mit einem gekonnten Köpper ins Wasser. Entgeistert starrte Louisa ihnen nach bis ihr Blick auf die hecktischen Handbewegungen des Trainers fiel. "Los, los, los Traynor, worauf warten Sie!!!!!" schrie er sie etwa schon wieder an?! "Hoaaah ist ja gut, ich geh ja schon!", Louisa rollte mit den Augen und hielt eine Zehe ins Wasser. Die anderen Jungs schwammen bereits von ihrer ersten Bahn zurück. Dabei tauchte ihr Kopf ständig unter Wasser und kam dann prustend wieder hervor. Wie scheiße sieht das denn aus, dachte Lou. Dann ließ sie sich langsam vom Beckenrand ins Wasser plumpsen und machte ein paar zögerliche Schwimmzüge.

"Traynoooorrrr! Was ist heute los mit Ihnen, schwimmen Sie verdammt schwimmen sie schon!!!", schrie sie der unfreundliche Trainer vom Beckenrand aus an. "Ich schwimme doch man!, keifte Louisa zurück. "Will, was ist los mit dir, du musst kraulen!", rief ihr der honigblonde Typ von vorhin zu, der bereits zum dritten Mal an ihr vorbei schwamm. "Wen soll ich denn kraulen?!", rief Louisa ihm hinterher. "Mach mir einfach nach!", prustete der Typ, bevor sein Kopf wieder unter Wasser verschwand. Och nee. Das hieß, dass sie ihre Haare nass machen musste. Louisa hatte gehofft das vermeiden zu können. Seufzend und im mäßigen Tempo schwamm sie weiter und steckte dabei ihr Gesicht artig bei jedem zweiten Zug unter Wasser. Das Ganze machte absolut keinen Sinn, aber anscheinend gehörte es zum Wettkampf dazu.

Als der Schlusspfiff ertönte, war Louisa am Ende ihrer Bahn angelangt und hielt sich prustend und außer Atem am Beckenrand fest. Irgendwie hatte sie eine Menge Wasser geschluckt. Erschöpft zog sie sich die Leiter hoch und schnappte sich ihr Handtuch, das sie einmal fest um ihren Oberkörper wickelte. Der keifende Trainer kam gefolgt von einigen Jungs auf sie zu, aber bevor er sie wieder anschreien konnte hielt ihm Louisa entschlossen die Hand vor den Mund. "Stop!", sagte sie entschieden. "Sie verbreiten schon die ganze Zeit eine extrem schlechte Stimmung, Sir. Ich hab mein bestes gegeben und wenn sie das nicht respektieren können sollten sie vielleicht den Beruf wechseln. Oder wissen sie was? Schwimmen Sie das nächste Mal doch einfach selbst." Mit diesen Worten rannte sie schluchzend Richtung Duschen, während der Trainer ihr entgeistert und irritiert nachschaute.

Als Louisa einige Minuten später schlecht gelaunt die Halle verließ, wartete der honigblonde Typ auf sie vor der großen Drehtür. "Will, warte mal…" "Was willst du…" "ich..jetzt warte doch mal." Louisa blieb unentschlossen stehen und drehte sich um. "du hast 3 Minuten.", sagte sie schnippisch und stemmte beide Hände in die Hüften. "Will..ich weiss ja nicht was heute mit dir los war…die gelbe Badehose…dass du mit Absicht verloren hast und deine Ansage an Mr. Blair…ich will nur sagen – ich finde es total gut, dass du nicht immer nur den harten Kerl raushängen lässt, sondern auch mal Gefühle zeigst." "Danke…" "Nick." "Danke, Nick. Sorry. Namen waren noch nie meine Stärke.", lächelte Louisa entschuldigend. "Ist schon ok. Es ist schön zu wissen, dass du auch nicht perfekt bist." Gott, war er süß, dachte Louisa und starrte ihn für einige Sekunden verzückt an. Als Nick skeptisch zurückblickte wurde ihr schlagartig wieder klar, dass sie nicht in ihrer Gestalt war und sie schaute verlegen auf den Boden und überlegte fieberhaft was Will jetzt sagen oder tun würde.

"Alter, jetzt werd' nicht sentimental. Ich hab heute schon genug geheult.", dabei klopfte sie ihm ungeschickt auf die Schulter, so hatte ihr Vater das mal bei Pat gemacht. Nick schaute verstört auf seine Schulter und dann zurück in Wills Gesicht.  Ein warmes Lächeln breitete sich auf dem seinen aus. "Will..vielleicht sind wir beide uns ähnlicher als wir denken. Sag Bescheid, wenn du mal reden möchtest." "klar, Bro. Morgen auf ein Bier im Tonkas?", fragte Louisa, machte ein paar Rapbewegungen mit ihren Händen und klapste Nick zum Abschied auf den Hintern, so wie sie es heute in der Umkleidekabine gelernt hatte. Dann ließ sie ihn stehen, drehte sie sich um, streckte zwei Finger in die Luft und rief:"Peace".

Was für ein Tag, dachte Louisa und warnte Will mit einer SMS schon mal vor, dass sie den Wettkampf verloren hatte, bevor er es morgen in den Zeitungen erfuhr. Kurz darauf erschien eine SMS von Will. Er wollte sie sehen. Louisa wünschte sich nichts mehr als ein wenig Gesellschaft in der kalten verdammten Burg und so lud sie ihn zu sich ein. Eine gefühlte Ewigkeit später hörte sie ein knacken am Balkon. Gleichdarauf sprang die Tür auf und ihre eigene kleine Gestalt huschte verschwörerisch hinein. "Wieso kommst du nicht durch die Tür?", fragte Louisa. "Mom mag es nicht wenn ich Frauen mit nach Hause bringe. Sie ist da sehr…konventionell.", antwortete Will. "Deine MOM ist nicht hier. Keine verdammte Menschenseele ist hier. Wieso trägst du überhaupt Treenas Sachen??", fragte Louisa und besah sich Will von Oben bis Unten. Er trug Treenas schwarzen Mantel, schwarze Highheels und einen tiefroten Lippenstift zu offenen Haaren. "Deine Sachen waren alle in der Wäsche.", murmelte Will und bevor Louisa etwas einwenden konnte fuhr er fort:"erzähl, wie war dein Tag?"

"ich…hatte einen total harten Tag. Dein Trainer ist ein riesen Arschloch." "Mr. Blair? Er ist eigentlich super nett und hält sehr viel von mir." "Aha..", Louisa schluckte und mied Wills Blick. "Lou..", Will setzte sich neben Louisa auf das Bett und legte den Arm um sie. "Hör mal, ich weiss dass du keine Sportskanone bist. Dass du heute trotzdem für mich zum Wettkampf gegangen bist bedeutet mir mehr als ich sagen kann. Ich weiss nicht, warum wir plötzlich im Körper des Anderen stecken. Vielleicht, um uns besser kennenzulernen. Ich habe heute eine Menge über dich erfahren, Louisa Clark.", traurig blickte Will sie an. "Was denn?", fragte Louisa unangenehm berührt. Will seufzte.

"Du hast es nicht leicht zu Hause, Liebes. Irgendwie verstehe ich langsam warum du bist, wie du bist." Louisa wusste nicht genau warum, aber plötzlich füllten sich ihre Augen mit Tränen. Mit dem tiefen Verständnis das Will ihr entgegen brachte war sie für einen Moment überfordert. "Verdammt. Jetzt heule ich schon zum dritten Mal an diesem Tag.", schniefte sie. Will schmunzelte. "Warum lachst du?" "ich glaube ich habe mich noch nie weinen gesehen. Außer an dem Tag als…" Will verstummte und wurde schlagartig ernst. "der Unfall", sagte Louisa tonlos. "Lou du…du kannst dich erinnern?"
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