Wenn der Tod das Leben liebt

GeschichteMystery, Romanze / P18
Geister & Gespenster
06.08.2016
10.02.2018
8
29475
2
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
Oh Gott, jetzt schreibt sie noch eine Geschichte?!
Ja, mach ich :)
Ich hoffe, ihr könnt damit überhaupt etwas anfangen und habt Interesse daran, die Geschichte zu verfolgen! Viel Spaß.
_____________________________________________________________________________


Jonathan

“Schaut an, seht her, der Magier ist in der Stadt!
Er wird euch verzaubern und begeistern,
Ihr werdet lachen und niemals von dem Anblick satt!
Und wenn der Zeiger sich Richtung Zwölfe regt, dann dein letztes Stündlein schlägt.
Er wird dich holen ganz und gar,
Ihr solltet dran glauben, denn diese Geschichte ist wahr!”


Verächtlich schnaubend werfe ich die Tageszeitung auf meinen Schreibtisch und lehne mich in meinem bequemen Ledersessel zurück. Dieser Tunichtgut, der sich selbst “Magier” nennt, ist nur ein verrückter Frauenmörder, der denkt, er könne in meine Arbeit hineinpfuschen. Niemand außer meiner Wenigkeit, Jonathan Harvey, weiß, was es heißt, richtige Magie zu beherrschen. Dieser Stümper ruiniert mir noch mein Einkommen mit seinen Morden!
“Reg dich ruhig weiter auf, dann hole ich dich noch früher zu mir, als dir lieb ist.”
Die sehr tiefe, rauchige Stimme des Todes erklingt in meinen Ohren und lässt mich schmunzeln. Ich richte mich auf und sehe zu der schattenhaften Gestalt meines stetigen Begleiters. Er verfolgt mich Tag für Tag, seitdem ich das Licht der Welt erblickte, er wurde mein Freund und ich schätze ihn sehr. Durch seine Anwesenheit kann ich Dinge vollbringen, die niemand sonst vollführen kann. Als kleiner Bühnenmagier verdiene ich somit meinen Lebensunterhalt. Vor dem Publikum erscheint es alles wie eine geschickte Täuschung. Aber es ist keine Täuschung, die sie sehen. Es ist alles echt und das darf niemals jemand erfahren. Nicht einmal mein Zwillingsbruder, der mich regelmäßig in seine Polizeiarbeit einbindet, weil ich mich in meiner Freizeit gern mit den Morden der Stadt beschäftige. Während er sich stets dazu berufen fühlte, den Mörder unseres Vaters zu finden, wollte ich jedoch einfach nur in Ruhe leben. Sofern das mit dem Tod an der eignen Seite möglich ist.
Gemütlich lege ich meine Füße auf den Tisch vor mir und sehe hinüber zum Kaminsims, von dem aus mich der Tod abschätzend beobachtet. Seine Gestalt ist die eines pechschwarzen Wolfes mit riesigen Fängen, dessen Körper sich an den Rändern in dunklen Nebel auflöst. Seine hellblauen Augen stechen leuchtend aus den Löchern seiner hellen, hölzernen Maske hervor, welche die obere Hälfte seines Gesichts bedeckt.
Ein normaler Mensch würde sich bei seinem Anblick bestimmt in die Hose scheißen, doch da ich ihn schon als Kleinkind bewusst wahrgenommen habe, hatte ich nie Angst vor ihm. Als ich einigermaßen verstand, dass es nicht normal ist, einen Begleiter wie diesen zu haben und Vater mir regelmäßig einredete, ich würde nur schlecht träumen oder fantasieren, erklärte der Tod mir, dass ich nicht über ihn sprechen sollte. Er hatte mich erwählt, um sein Diener zu sein. Was genau dies bedeutete, wollte er mir bis heute nie sagen.
“Aaron wird gleich hereinkommen”, kündigt Tod an.
“Mir doch egal”, seufze ich entnervt und verschränke entspannt die Arme hinter dem Kopf.
“Er hat eine Frau bei sich”, fügt er mit einem fiesen Grinsen hinzu. Augenblicklich nehme ich die Füße vom Tisch und setze mich kerzengerade in den weichen Ledersessel.
Wie aufs Stichwort klopft mein Bruder an der Tür zu meinem Büro. Durch die Milchglasscheibe in der oberen Hälfte kann ich ihn und die rätselhafte Frau sehen, die er mit sich führt. Ohne meine Antwort abzuwarten, senkt sich die Klinke der Tür und er öffnet diese.
“Guten Morgen, John. Ich habe wieder Arbeit für dich”, begrüßt mich mein großer Bruder voller Freude. Er findet es immer wahnsinnig amüsant, wenn er mich mit seinen Problemen nerven kann.
“Das sehe ich. Jedoch sind die Leute, die du mir normalerweise als Arbeit lieferst, weniger lebendig”, erwidere ich mit einem Blick zu der bildschönen Frau neben ihm. Sie kann nur wenige Jahre jünger als wir sein und ihre kupferblonden Haare, die sich wie dunkler Honig um ihre Schultern in sanften Wellen ergießen, lassen meine Gedanken einen Moment zu lange bei ihrem Anblick verweilen.
“Mach den Mund zu und spitz die Ohren, du Lustmolch”, holt mich Aaron wieder ins hier und jetzt. Augenrollend greife ich nach einem Füller auf meinem Schreibtisch und rolle ihn zwischen Daumen und Zeigefinger, um mich von dieser Frau abzulenken.
“Irgendetwas stimmt nicht mit ihr”, knurrt Tod laut vor sich hin, sodass ich fast zusammenzucke. Ich sehe mir die Dame, die den Kopf gesenkt hält, noch einmal genau an, während Aaron fortfährt: “Wir haben sie bei einem Mann aufgegriffen, der tot in seinem Bett aufgefunden wurde. Er wurde völlig zerfetzt. Wir wissen noch nicht, wie es passiert ist. Unser Fräulein hier saß völlig teilnahmslos im Salon des Hauses und starrte ins Leere. Sprechen will sie mit uns auch nicht. Ich dachte, du hättest vielleicht Lust, Fräulein Schweigsam etwas auf die Sprünge zu helfen.”
“Vielleicht versteht sie auch einfach nur unsere Sprache nicht?”, werfe ich mit Bedenken ein.
“Wir wissen es nicht. Allerdings lag auf dem Tisch vor ihr ein Umschlag mit mehreren tausend Pfund und darauf stand der Name Yvaine.”
“Unsere hübsche Dame dort heißt also Yvaine und ist voraussichtlich dem Handel zum Opfer gefallen”, stelle ich mit Bedauern fest, denn ich persönlich finde diesen Menschenhandel furchtbar.
“Ich lasse sie hier bei dir. Du wirst schon eine Lösung finden, denn ich muss wieder zurück zur Wache. Informiere mich, sobald sie den Mund aufmacht.”
Ich springe von meinem Sessel auf und will protestieren, da fliegt die Tür schon hinter ihm zu. Manchmal hasse ich meinen Bruder dafür. Wie kann er nur erwarten, dass ich seine Arbeit für ihn mache. Mit einem Blick zu Yvaine stelle ich jedoch fest, dass dies durchaus eine angenehmere Tätigkeit werden könnte, als sich zerstückelte Leichen anzusehen und Tathergänge zu rekonstruieren.
Das arme Ding sieht immer noch auf den Boden. Ratlos umrunde ich meinen Schreibtisch und gehe zum Wandschrank.
“Hast Du Durst?”, frage ich etwas lauter, in der Hoffnung, sie würde eventuell besser verstehen, doch sie zeigt keinerlei Reaktion.
“Ich will sie töten!”, zischt Tod zwischen seinen Fängen hindurch. Sein plötzlicher Hass auf die Dame erschüttert mich, denn er hat noch nie dermaßen sensibel auf ein anderes Lebewesen reagiert. Es liegt in der Natur, dass er gerne Menschen tot sehen will, aber er hat noch nie explizit danach verlangt.
Vorsichtig nähere ich mich unserer schweigsamen Schönheit, die am ganzen Leib zittert und ich erhebe langsam die Hand, weil ich ihr die Haare aus dem Gesicht streichen will, damit sie mich ansehen kann.
“Fass sie nicht an! Sie wird dich töten!”, wettert Tod los. Ich hadere kurz und zerzause mir unsicher die eigenen Haare.
“Unsinn”, murmle ich vor mich hin und streiche ihr die Strähnen auf beiden Seiten hinter ihre Ohren. Als sie immer noch den Holzboden unter uns anstarrt, lege ich meinen Zeigefinger unter ihr Kinn und hebe es an. Diese Berührung erschüttert mich, als würde man mir einen Schlag in die Magengrube verpassen. Ich verziehe das Gesicht vor Schmerz, schnappe kurz nach Luft und endlich fixieren mich ihre kastanienbraunen Augen. Lange sehen wir uns neugierig an, vielleicht auch mit Skepsis und Furcht, doch trotz des unangenehmen Gefühls bei unserer Berührung, habe ich das Bedürfnis, sie wieder anzufassen. Ich verliere mich in diesen wunderschönen Augen, bis sie ihr Augenmerk auf Tod richtet, ihr Gesicht fürchterlich blass wird und ein spitzer Schrei aus ihrem Mund ertönt.
Meine Arbeit als Gehilfe der Polizei, brachte mich schon oft zu Schauplätzen der grausamsten Verbrechen: zerstückelte Frauenleichen, bis zur Unkenntlichkeit zusammengeschlagene Männer, einfache Tote, die an Krankheiten starben, doch keine Begegnung setzte mir so zu, wie die mit Yvaine. Ich dachte, ich war der einzige Mensch, der den Tod mit sich führt, ihn sehen und hören kann, doch ich wurde eines Besseren belehrt.


Yvaine

Wieder schleppt man mich woanders hin. Dieses Mal zum Büro eines gewissen “Jonathan Harvey”. Ich kann auf dem Weg dorthin kurz einen Blick auf sein Namensschild erhaschen, bevor man mich zu ihm führt. Der Polizist scheint, seiner Begrüßung und dem Geplänkel nach zu urteilen, den Mann bereits näher zu kennen.
“Irgendetwas stimmt nicht mit ihr”, höre ich plötzlich eine sehr, sehr tiefe Stimme von der anderen Seite des Raumes knurren. Ich will niemanden sehen. Ich will allein sein. Niemand wird verstehen, was dort geschehen ist, selbst wenn ich es erklären würde.
Der Polizist neben mir ignoriert das Kommentar des Herren und fährt unbehelligt fort: “Wir haben sie bei einem Mann aufgegriffen, der tot in seinem Bett aufgefunden wurde. Er wurde völlig zerfetzt. Wir wissen noch nicht, wie es passiert ist. Unser Fräulein hier saß völlig teilnahmslos im Salon des Hauses und starrte ins Leere. Sprechen will sie mit uns auch nicht. Ich dachte, du hättest vielleicht Lust, Fräulein Schweigsam etwas auf die Sprünge zu helfen.”
Natürlich möchte ich nicht darüber sprechen! Man würde mich für verrückt halten. Ich verstehe es doch selbst nicht einmal...
“Vielleicht versteht sie auch einfach nur unsere Sprache nicht?”, fragt der Mann namens Jonathan vor uns. Kurzerhand erzählt der Polizist von dem Umschlag mit meinem Namen.
“Unsere hübsche Dame dort heißt also Yvaine und ist voraussichtlich dem Handel zum Opfer gefallen”, stellt Jonathan fest und wenn ich mich nicht täusche, klingt er dabei sogar etwas traurig. Es wird entschieden, dass ich bei dem, für mich, fremden Mann bleiben solle, bis ich mich offenbare. Zwar fühle ich mich wie ein ausgesetzter Hund, aber überall ist es besser, als dort, wo ich herkomme. Wenn Sie wüssten, was ich getan habe, würden sie mich töten, da bin ich mir sicher.
Ich lausche seinen federleichten Schritten, als er durch den Raum schreitet.
“Hast Du Durst?”, fragt er ziemlich laut, doch ich sehe weiter auf den glänzenden Holzfußboden. Ich zucke jedoch zusammen und bekomme es mit der Angst zu tun, als der andere Mann das Wort erhebt: “Ich will sie töten!”
Vielleicht weiß er, was geschehen ist. Erhalte ich jetzt meine gerechte Strafe? Starr vor Angst, wage ich es nicht das Haupt zu heben, auch nicht als der Mann namens Jonathan vor mir steht.
“Fass sie nicht an! Sie wird dich töten!”, warnt der andere Mann lautstark. Plötzlich streicht mir dieser Jonathan die Haare hinter die Ohren und zwingt mich dazu, ihn anzusehen. Seine Berührung ist sanft, sogar angenehm und ich gebe mich dem Gefühl hin. Ihm scheint dies jedoch sehr zu missfallen, wie ich niedergeschlagen feststellen muss. Ich sehe ihm unverhohlen in seine blauen Augen. Es ist eine Mischung aus Entsetzen und Begierde, die ich dort erkennen an. Vorsichtig wende ich mich der Quelle der tiefen Stimme zu und erblicke dort das Grauen in Form eines furchterregenden Wolfes. Er erinnert mich an die schreckliche Tat, die ich begang. Sie verfolgen mich. Ich bekomme Panik und schreie los.
Review schreiben