Overwatch Tales 02 - Bürde

GeschichteDrama, Sci-Fi / P12
Mei Widowmaker
05.08.2016
05.08.2016
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05.08.2016 3.111
 
Ein Donnerkeil zerschnitt die Luft und der Sturm wurde immer heftiger. Zwar waren die Kanadier an so manch einen Blizzard gewöhnt, doch dieser Orkan aus Hagel, Blitzen und gefrierendem Regen war selbst ihnen surreal. Der Helikopter flog direkt über dem Zentrum des Wirbelsturms. Der Pilot musste all seine Kräfte aufwenden um den Steuerknüppel gegen die Turbulenzen anzustemmen. Wie in einem Boot bei hohem Seegang wurden er und die Wissenschaftlerin hinter ihm immer wieder heftig durchgeschüttelt.

„Okay. Können sie diese Position für einen Moment halten?“, fragte Mei.

„Ich tue mein Bestes, aber dieser Sturm ist abgefahren!“, brüllte Derick zurück. Ein junger Pilot Ende Zwanzig mit dem richtigen Maß Wagemut, Respekt und Verrücktheit um diese Mission auszuführen. Mei kannte ihn erst seit kurzem, aber sein Ehrgeiz hat sie beeindruckt.

Nun war der Moment gekommen. Die Sturmböen schlugen immer höher. Hagelkörner so groß wie Golfbälle knallten an den Hubschrauber. Mei hatte einen Gurt um ihre Taille gewickelt und befestigte diesen anschließend an einem Haken im Innenraum. Der Karabiner schnappte ein und die Wissenschaftlerin nahm einen letzten tiefen Atemzug, bevor sie mit einem Ruck die Tür öffnete. Sofort blies ihr ein unsagbar kalter Sturm entgegen. Ihre Augenlieder zusammenpressend ließ sie sich langsam aus dem Helikopter gleiten und stand nun horizontal zum Meer unter ihr. Der Hurrikan raste immer schneller auf die Ostküste Kanadas zu und jede Sekunde zählte. Mit einer schnellen Handbewegung justierte sie die Einstellungen am Apparat, den sie gerade aus dem Inneren mitgenommen hatte. Ein dunkelgrauer Würfel mit allerlei Knöpfen und Anzeigen an dessen Seite eine Art Antenne herausragte. Da sie nun uneingeschränkten Blick in das Auge des Sturms hatte, konnte sie jede Kleinigkeit beachten. Ihre Finger rasten über die Tasten und mit einem beherzten Wurf schickte sie den Würfel fliegen. Im nächsten Moment zog sie sich rasch wieder empor und schleuderte die Tür zu. Obwohl diese natürlich die gesamte Zeit über geöffnet war, so fühlte sich die Luft auf ihrem Gesicht viel wärmer an, als draußen.

„Geschafft. Jetzt sollten wir etwas Abstand gewinnen!“

„Geht klar. Ich bring uns hier raus!“

Das Fluggerät setzte nach vorne und mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit und in gewundener Flugbahn, schaffte es Derick schließlich dem Orkan zu entkommen. Mei blickte gespannt durchs Fenster nach draußen. Die tiefschwarzen gewirbelten Wolken wirkten bedrohlich und schienen das Ende der Welt anzukündigen. Doch just in diesem Moment erhellte eine kleine Explosion aus Licht das Innere des Sturms. Ihre Mission war erfüllt. Zwar würde es noch einige Stunden dauern, bis sich das Gewitter vollständig auflösen würde, doch war die größte Gefahr vorbei. Bereits nach wenigen Minuten konnte man erkennen, dass die Sturmböen langsamer wurden und seit der Aktivierung von Meis Apparat war kein einziger Blitz zu sehen.

Stunden später, es war inzwischen drei Uhr nachmittags, wartete Mei im Büro des Sicherheitschefs von Montreal. Er wollte sich persönlich bei ihr Bedanken, doch etwas an seinem Anruf erschien ihr seltsam. Als würde er etwas verbergen. Das Büro des Direktors selbst war recht schlicht gehalten. Es war zwar wirklich groß, aber die sterilen weißen Wände und der graue Boden, versprühten nicht gerade Glücksgefühle. An der Wand hinter dem schwarzen Schreibtisch hingen einige Fotos. Das einzige neben einem gigantischen Gummibaum, das den Raum etwas mit Leben erfüllte. Auf einem dieser Fotos, sah man den Sicherheitschef zusammen mit einigen ehemaligen Overwatch Agenten. Alte Gesichter. Freunde von früher. Doch die Organisation war Geschichte. Mei war nun auf sich alleine gestellt. Gerade, als Mei tief in ihren Gedanken versank, riss das Öffnen der Tür sie auf ihrer Konzentration.

„Aah. Frau Zhou! Tut mir Leid, dass sie warten mussten, aber mein Geschäftsmeeting dauerte etwas länger als geplant“, entschuldigte sich Michael Connor. Er war nicht sonderlich groß, aber versprühte doch die Aura einer Autoritätsperson. Mit seinem hellgrauen Anzug und dem Schnurrbart, sah er zwar etwas aus, wie ein Mafiosi aus alten Hollywood Filmen, gleichzeitig verlieh ihm dies jedoch auch einen nicht absprechbaren Charme.

„Kein Problem Mr. Connor. Es ist mir eine Ehre von Ihnen persönlich eingeladen zu werden und ich freue mich über die erfolgreiche Durchführung des Auftrags.“

„Wunderbar, wunderbar. Ich wusste, dass es die richtige Wahl war sie in diesem Fall zu konsultieren.“

Er trat an seinen Schreibtisch und bat Mei auf dem schwarzen Lederstuhl davor Platz zu nehmen. Er bot ihr etwas zu trinken an, doch Mei lehnte dankend ab. Dann aktivierte er einen großen Bildschirm an der rechten Seite seines Büros. Die große Fensterfront auf der anderen Seite wurde augenblicklich verdunkelt und auch Connors Tonfall wurde finsterer.

„Frau Zhou!“

Sie unterbrach ihn: „Bitte nennen sie mich doch einfach Mei“

„Gut. Also Mei. Ich bedanke mich erneut im Namen aller Bürger für ihre Initiative. Wie besprochen erhalten sie eine großzügige Summe um ihre Forschungen zu unterstützen. Doch an dieser ganzen Sache gibt es auch etwas Beunruhigendes. Sehen sie sich diese Aufzeichnungen an“

Er startete den Bildschirm und eine Luftaufnahme vom Osten Kanadas wurde sichtbar.

„Sehen sie. Der Sturm, den sie heute bekämpft haben, existierte schon seit einigen Tagen. Wir haben diese Bilder heute erhalten und allem Anschein nach zeigen sie dasselbe Gewitter vor sechs Tagen.“

Tatsächlich. Als der Sicherheitschef die Aufnahme der letzten Woche im Zeitraffer abspielte, konnte man den genauen Weg des Sturms zurückverfolgen. Erst wanderte er gemächlich übers Land, bis er sich schließlich auf dem Ozean stärkte und nach zwei Tagen am offenen Meer schlussendlich wieder Kurs aufs Festland nahm. Auf keinen Fall sah dies nach einem natürlichen Wetterphänomen aus.

„Leider haben wir keine genaueren Aufnahmen. Wir haben den Ort der ersten Sichtung großräumig untersucht da wir glauben, dass der Sturm wohl künstlich erzeugt wurde. Anscheinend liegt die Entstehung jedoch weiter zurück als unsere Aufnahmen reichen. Wir konnten nichts finden. Die Suche dauert an. Jedoch reichen unsere Experten nicht aus um den Fall zu untersuchen. Aus diesem Grund vertraue ich ihnen auch diesen Auftrag an. Natürlich nur wenn sie damit einverstanden sind“

Mei war immer noch gebannt von den Satellitenaufnahmen.

„Das kenn nicht sein“, murmelte sie.

Der Sicherheitschef schien ihre geistige Abwesenheit zu ignorieren und setzte seine Rede weiter fort: „Wir stellen ihnen hier alles zu Verfügung, was sie brauchen. Gleich in Nebengebäude finden sie ein hochmodernen Labor und einige Assistenten die ihnen zur Hand gehen. Außerdem“

Connors Rede hielt weiter an, doch Mei konnte sich nur noch auf die immer wiederholenden Bilder konzentrieren. Sollte ihre Befürchtung wahr werden, so würde sie dieser Vorfall wohl auch persönlich betreffen.

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Der Morgen war angebrochen und Mei war unterwegs im Landesinneren. Die Ereignisse hatten ihr keine Ruhe gelassen. Aus diesem Grund hatte sie die gesamte Nacht durchgearbeitet und den möglichen Ursprung des Sturms rekonstruiert. Vom Labor erhielt sie einen schwarzen Jeep, den sie inzwischen unter einem Baum abgestellt hatte. Hier draußen gab es nur Wald und Felsen, Seen und Flüsse. Mei befand sich nördlich von Montreal und das berechnete Ziel lag direkt vor ihr. Irgendwo in diesem Wald muss die Lösung des Problems liegen und diesem wollte sie auf den Grund gehen.

Die Sonne stand noch nicht recht hoch und der gefrorene Morgentau auf Nadeln und Blätter der Bäume schimmerte golden. Die Luft war frisch und erfüllte Meis Geist mit Wachsamkeit und schaffte einen klaren Kopf. An ihrem linken Handgelenk trug sie eine Gerätschaft, die Objekte orten konnte. Wie in Trance hämmerte sie aufs Display und blätterte sämtliche Optionen durch, während sie wortlos durch den Wald stapfte. Dann plötzlich schlug die Anzeige aus. Das Device hatte etwas gefunden. Eine Einrichtung direkt vor ihr. Vom Ehrgeiz gepackt lief Mei auf den felsigen Hügel zu. Hier gab es doch tatsächlich ein unterirdisches Gebäude. Doch wo war der Eingang? Genauestens inspizierte sie jeden Stein, jede Unebenheit, doch den versteckten Eingang hinter einem unscheinbaren Busch entdeckte sie erst nach einer halben Stunde. Eine kleine metallene Luke. Ursprünglich durch ein Codeschloss gesichert, öffnete sie sich mittlerweile mit einem simplen Druck auf den blauen Knopf daneben. Das Sicherheitssystem schien jedenfalls deaktiviert zu sein.

Im Inneren offenbarten sich Mei erst die Ausmaße der Einrichtung. Ein komplexes unterirdisches Forschungslabor mit einem weitläufigen Innenareal. Sie stand oben an einer Brüstung. Lehnte sich an ein Geländer und blickte über einen Garten aus Forschungslaboren. Diese Einrichtung musste seit langem verlassen sein. Trotzdem sah sie merkwürdig bewohnt aus. Auch die Luft hier drinnen war unüblich war. Garantiert über zwanzig Grad stellte die Wissenschaftlerin für sich fest.

‚Wie kann das möglich sein?‘

Mit höchster Vorsicht schlich sie behände durch die Anlage. Sie inspizierte jeden Raum, jeden Winkel und jede Nische. Dann gelangte sie zum großen Arbeitsplatz in der Mitte des Hauptraums. Als sie das Foto im weißen Holzrahmen entdeckte, konnte sie ihren Augen nicht trauen. Es zeigte eine Gruppe junger Forscher etwa in ihrem Alter. Inmitten des Teams erspähte sie einen alten Bekannten. Dr. Lang. Als damals der Polarsturm hereinbar und sie sich selbst in Kryostase versetzten, war er in ihrem Forschungsteam. Mei verbrachte viel Zeit mit ihm und innerhalb der Gruppe nahm er immer eine Art Vaterposition ein. Das Foto musste also mindesten zwanzig, wenn nicht sogar dreißig Jahre alt sein. Sie hatte ihn sofort an seinem markanten Kinn erkannt. Wie eine Schaufel, kantig und scharf, ragte es stets aus seinem Gesicht. Damals war er noch athletisch. In den Jahren in denen Mei ihn kennengelernt hatte, war er viel rundlicher geworden.

In diesem Moment kam alles wieder hoch. Der Tag der Katastrophe. Der Polarsturm traf sie damals völlig unvorbereitet. Die Kryostase war ihre letzte Hoffnung. Das gesamte Team hatte demokratisch entschieden diesen Weg zu gehen. Erst Jahre später, als Mei wieder erwachte, bemerkte er, dass Lang die gesamte Energie seiner Kapsel auf sie umgeleitet hatte. Nach heute hört sie seine letzten Worte: „Und jetzt rein da mit dir Kleine! Wir sehen uns in ein paar Tagen!“

Das Lächeln auf seinem Gesicht hatte sie schon damals verunsichert. Heute wusste sie, dass der alte Mann das von Anfang an geplant hatte. Um ihr Überleben zu gewährleisten verzichtete er auf sein eigenes Leben. Auch die anderen vom Team hatten es nicht geschafft.

All jene Erinnerungen lasteten seither schwer auf Meis Seele. Sie versuchte immer einen kühlen Kopf zu behalten und versteckte ihre Trauer hinter einem fröhlichen Äußeren. Doch tief in ihrem Herzen war diese Leere. Diese eisige Leere die ihr auch jetzt die Tränen aus den Augen drückte. Zwei, drei Tropfen landeten auf dem Foto und Mei musste ihre Brille abnehmen. Sie legte sie vorsichtig auf den Tisch und setzte sich, nachdem sie ihren Mantel abgelegt hatte auf den Drehstuhl daneben. Alle waren tot. Nur sie hatte das Glück weiterleben zu dürfen. Dies war ihre Bürde. Die Bürde mit der sie leben musste.

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Eine Stunde war vergangen und nachdem Mei die Konfrontation mit ihrer Vergangenheit halbwegs verkraftet hatte, begann sie in den Computern nach Antworten zu suchen. Tatsächlich waren diese Anlage seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr aktiv genutzt worden. Doch vor genau neun Tagen gab es einen Zugriff. Da sämtliche Sicherheitssysteme abgestellt waren, konnte sich dieser Jemand leichten Eintritt verschaffen. Nicht einmal ein Passwort war nötig gewesen. Mei war kein Computergenie, aber selbst sie konnte erkennen, dass der mutmaßliche Eindringling wohl keine bösen Absichten hatte. Er aktivierte lediglich die Lebensversorgung samt Heizung und stöberte etwas in den Dateien. Den verschlüsselten Ordner ließ er bis auf zwei vergebliche Versuche unangetastet. Dann fand sie etwas Interessantes. Vor genau einem Tag wurde auch die Stromversorgung im Westtrakt wiederhergestellt. Die schmerzlichen Erinnerungen hatten sie vollkommen davon abgebracht sich auch dort weiter um zu sehen.

Mei würde ihre Spurensuche auf der Festplatte später weiter fortsetzen, doch jetzt galt es dort weiter zu suchen. Mit dem Gefühl eine Spur zu haben, schlich sie sich leise zum Durchgang. Von dort aus gelangte sich in den Westtrakt. Dieser entpuppte sich als Lebens- und Wohnbereich der Forscher. Doch etwas an dem länglichen Raum mit all seinen Tischen, Betten und Schränken war merkwürdig. Mei verspürte eine Energie. Eine Anwesenheit. Hier drin war jemand!

„Hallo? Ich weiß, dass hier jemand ist. Zeig dich. Mir ist bewusst, dass du keine bösen Absichten hast. Auch ich bin dir nicht feindlich gesinnt“

Es dauerte einige Minuten, doch tatsächlich erschien vor Meis Augen eine fremde Person. Ein Mann um die vierzig, er trug einen abgetragenen braunen Mantel, ging vorsichtig aus den Schatten auf sie zu.

„Und sie tun mir auch wirklich nichts? Ich schwöre ihnen, ich habe nichts angefasst!“, dementierte er.

Es stellte sich heraus, dass der Fremde Sam hieß und ein Extremsportler war, der nach einem Unfall beim Survival-Training hier Zuflucht fand. Eher zufällig, so sagte er, fand er nach seinem Sturz den Eingang zur Forschungseinrichtung. Er hatte sich am Bein verletzt und konnte nicht richtig gehen. Weil er zudem alleine unterwegs war, hatte er kurzerhand beschlossen einige Zeit hier zu bleiben. Inzwischen sah sein Bein recht gesund aus und Mei versprach ihm ihn mit nach Montreal zu nehmen, sobald sie fertig sei. Die gesamte Geschichte erschien der Wissenschaftlerin so absurd, dass sie gar nicht mehr daran zweifelte. Denn weiter gestand er ihr, dass er wohl einige Apparaturen beschädigt hätte. In diesem Moment erschloss sich Mei die ganze Wahrheit. Sie fand im verschlüsselten Ordner die Pläne eines ihr bekannten Projektes namens Zeus. Ihr ehemaliger Kollege und Freund Dr. Lang hatte früher daran gearbeitet. Dabei handelte es sich um ein Gerät, welches Stürme und Unwetter manipulieren und lenken konnte. Leider war die Gerätschaft zu unsicher und alle Tests hatten verheerende Nebenwirkungen weshalb das Projekt abgebrochen wurde. Allem Anschein nach befand sich in dieser Einrichtung ein funktionierender Prototyp des Projektes. Auch die eigentlich gänzlich gelöschten Baupläne fand Mei schließlich auf einem verschlüsselten Memory-Stick.

„Unglaublich. Dr. Lang hatte damals wirklich eine faszinierende Theorie. Leider hatte er einige wichtige Faktoren übersehen, weshalb die Stürme unberechenbar würden.“

Der funktionstüchtige Prototyp war tatsächlich in die Anlage integriert und Sam hatte, unwissend wie er nun mal war, eine Testsequenz gestartet. Sein Pech war allerdings, dass sich an der besagten Stelle über dem Forschungslabor gerade ein Sturm zusammenbraute. Eins führte zum anderen und so entstand der Megasturm vor der Küste Kanadas. Mei hatte sich inzwischen mit dem Programm zu Steuerung von Projekt Zeus vertraut gemacht und befand sich nun in den tieferen Einstellungen. Sam hatte sie inzwischen völlig aus den Augen verloren. Er hatte ihr lediglich gesagt, dass er inzwischen eine Runde gehen möchte und sein Bein wieder an die Bewegung zu gewöhnen. Sie hatte dieses Vorhaben nicht hinterfragt. Er wirkte auf sie etwas zurückgeblieben, aber durchaus liebenswert und alles andere als bösartig. Aber inzwischen war er bereits über eine halbe Stunde unterwegs. Etwas stimmte ganz und gar nicht.

Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch verließ Mei den Arbeitsplatz. Die Luft im Komplex war angespannt und eine greifbare Dunkelheit wurde spürbar. Mei wurde hektischer und stürmte durch die Tür. In den Unterkünften fand sie Sam schließlich. Es lag regungslos neben einem Tisch.

„Sam? Sam? Was ist passiert?“

Zum Glück lebte der Extremsportler noch. Auch wenn sein Puls schwach war. Er hatte keine oberflächlichen Verletzungen. Vielmehr schien ihn jemand ausgeknockt zu haben.

Er keuchte: „Diese… Diese Frau sie…“

Die Stimme versagte ihm und Mei spürte wie ihr das Blut in den Adern gefror. Die Zeus Steuerung. Sie hatte sie aktiviert und am Terminal herrschte immer noch Zugriff. Wie vom Blitz getroffen raste machte Mei auf dem Absatz kehrt und raste zurück in den Hauptraum. Wie befürchtet stand bereits jemand am Terminal. Ein langer Pferdeschwanz und eiskalte blaue Haut. Mei zückte ihren endothermischen Strahler und schoss einen eisigen Strahl auf die Feindin. Diese war jedoch schneller und machte einen Satz nach hinten. Blitzschnell ging auch Mei in Deckung und beim nächsten Blick nach vorne war ihre Kontrahentin verschwunden.

Mei riskierte einen genauen Blick und nach eingehender Analyse riskierte sie es nach vorne zur Steuerung zu sprinten. Plötzlich schlug direkt vor ihren Füßen ein gewaltiges Projektil ein.

„Nanana Chérie. Du wirst doch wohl nichts Unüberlegtes tun oder? Vielen Dank übrigens, dass du mich hergeführt hast. Ohne dich hätte ich dieses Labor wohl niemals gefunden“

„Was hast du vor Amelie?“, rief Mei zurück.

„Diese Frau ist tot. Und meine Auftraggeber sind sehr an diesem Projekt interessiert, das dein einstiger Freund geleitet hat“

„Aber woher?“

„Wir wissen über alles Bescheid. Das Projekt, seine letzte Arbeit und auch sein schmählicher Tod um dich zu retten. Kannst du mit dieser Schuld leben?“

Ohne sich zu bewegen verharrte Mei genau in der Position in der sie sich gerade befand. Amelie war eine tödliche Schützin und jeder Schritt könnte ihr letzter sein. Andererseits war Projekt Zeus viel zu gefährlich um es irgendjemandem in die Hände zu geben.

‚Verdammt‘. Innerlich fluchte Mei. Doch dann erinnerte sie sich an Dr. Langs Gesicht. Seine letzten Wort und das aufgesetzte Lächeln. Er durfte nicht umsonst gestorben sein. Er wusste, dass sie sich um seine Fehler kümmern würde und genau das hatte sie nun vor zu tun. Von neuer Kraft beflügelt brüllte sie zurück: „Dr. Lang ist nicht umsonst gestorben. Er hat mich gerettet um seine Fehler wieder gut zu machen und auch um für diese Welt zu kämpfen. Ich lasse nicht zu, dass seine Arbeit irgendein Unrecht bewirkt. Sein Tod ist keine Bürde für mich sondern eine Ehre. Ich habe ihm mein Leben zu verdanken und das weiß ich auch zu verteidigen!“

Nach einem kurzen Griff an ihre Waffe aktivierte Mei einen alternativen Feuermodus. Vor ihr schien die Luft zu gefrieren und ein Eiswall fuhr förmlich aus dem Boden. Sie nutzte die wenigen Sekunden um zum Terminal zu gelangen. Ihre einzige Chance war es die gesamte Steuerung zu überlasten und den ganzen Apparat unbrauchbar zu machen. Mit einem festen Knopfdrück schaffte sie es schließlich gerade noch rechtzeitig das Projekt Zeus zu eliminieren. Der ganze Komplex begann zu zittern und einige Lampen gaben ihren Geist auf. Amelie war Meis Verteidigung umgangen und gab nun einen weiteren Schuss ab. Die Wissenschaftlerin hechtete im letzten Augenblick hinter einen Tisch und versteckte sich dort. Das Projekt war vernichtet. Amelies Auftrag gescheitert.

Wie ein erster Regentropfen, der den Regen ankündigt, kam auch Mei plötzlich zu einer düsteren Einsicht. Auch wenn sie den Prototyp zerstört hatte. Am Stick befanden sich immer noch die Daten für die Baupläne. Ihr wurde augenblicklich warm um die Brust und sie tastete all ihre Taschen ab. Als sie hinter der Deckung hervor lugte konnte sie nur noch sehen, wie ihre Kontrahentin den Stick zwischen ihre Finger nahm.

„Suchst du etwa das hier?“, gab diese spöttisch von sich. Das Zittern des Komplexes hatte sich inzwischen eingestellt und bevor Mei irgendwie reagieren konnte, zog sich Amelie mit einer Art Haken an einem Seil in Richtung Ausgang. Ein letzter abfälliger Blick signalisierte ihren Triumpf.

Mei blieb in ihrer Niederlage zurück. Die Pläne für Dr. Langs Prototyp waren jetzt in den Händen von weiß Gott wem. Fast musste sie eine Träne vergießen weil sie ihren einstigen Freund enttäuscht hatte. Doch noch war der Kampf nicht vorbei. Die Wissenschaftlerin ballte ihre Fäuste und schwor sich auch weiterhin für eine bessere Zukunft zu kämpfen.