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Ein normaler Tag eines normalen Gottes

von Funkensee
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
05.08.2016
05.08.2016
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"Tu es!", sagt mein rechtes Gesicht.
"Tu es nicht!", sagt mein linkes Gesicht.
Und der Mensch vor mir sagt gar nichts. Er schaut nur mit leichter Verzweiflung in seinen Kleiderschrank. Und weiß nicht: Soll er den dunklen Anzug anziehen oder den hellen? Gerade will er nach dem dunklen greifen.
Mein rechtes Gesicht findet, er harmoniert gut mit seinen ebenfalls dunklen Haaren.
Mein linkes Gesicht findet, draußen scheint die Sonne viel zu schön, um etwas Dunkles anzuziehen.
Ich weiß, der Mensch kann mich nicht sehen. Ich kann nicht direkt in das Geschehen eingreifen. Also stehe ich nur hinter ihm und flüstere ihm ins Ohr. Er soll sich entscheiden. Das ist es, was ich will. Das ist meine Aufgabe.
Vielleicht sollte ich mich erst einmal vorstellen. Hallo.
Mein Name ist Janus. Ich bin über 2000 Jahre alt. Manche glauben an mich. Manche nicht.
Ich bin eine römische Gottheit. Ich bin der Gott der Entscheidungen. Der Türen. Der Verwirrung. Der Gegensätze. Anfang und Ende. Nord- und Südpol. Tag und Nacht. Links und Rechts.
Ich habe zwei Gesichter. Zwei Gesichter, die immer anderer Meinung sind.
Ich verbringe meine Tage damit, den Menschen bei ihren Entscheidungen beizustehen. Ihnen die Möglichkeiten zeigen, ihnen Türen zu öffnen.
Und wenn es nur so banale sind, wie der dunkle oder der helle Anzug.
Ich will diese Anzug-Aufgabe schnell hinter mich bringen. Es warten wichtigere Dinge auf mich. Ich kann eine Frau sehen, die an der Entscheidung verzweifelt, ob sie ihren Verlobten heiraten soll oder nicht. Einen jungen Mann, der überlegt, ob er Selbstanzeige erstatten soll und der Polizei erzählen, dass er der geheimnisvolle Dieb ist, der die Uhren aus dem Antiquitätenladen ein paar Ortschaften weiter gestohlen hat.
Ich bleibe weiterhin ganz dicht hinter dem Mann stehen. Ich weiß, dass er meine Anwesenheit spüren kann. Er hat ein seltsames Gefühl im Magen, als hätte er etwas zu Heißes gegessen.
"Hell", "Dunkel", "Hell", "Dunkel", sagen meine Gesichter, mit zunehmender Angriffslust gegeneinander. Wenn sich der Mensch nicht bald entschieden hat, dann wird diese Aggressivität ihn treffen. Ich spüre schon, wie sich die Spannung in der Luft aufbaut.
Die Augen des Mannes wandern immer hektischer zwischen den beiden Kleidungsstücken hin und her. Ich kann die Gedanken in seinem Kopf durcheinander wirbeln sehen. Wie farbige Ströme fließen sie ineinander, immer fahrig, immer hektisch, wie die Menschen selbst.
Man hat viel zu tun in diesen Tagen, da bleibt nicht viel Zeit für die alltäglichen Entscheidungen des Lebens. Ja, die meisten bemerken überhaupt nicht, wie sie innerhalb eines Augenblickes Entscheidungen treffen, die sich auf ihr ganzes Leben auswirken.
Immer wieder höre ich sie sagen: "Hätte ich mich doch bloß anders entschieden ..."
Aber sie realisieren die Tragweite der winzigsten Entscheidungen nicht, und solange sie das nicht tun, werden sie sich diese dumme Frage bis in alle Ewigkeit stellen.
Ich bin nur da, um ihnen zu helfen, die Entscheidung zu treffen. Aber ich kann nicht dafür garantieren, ob es auch die richtige ist.
Der Mann fühlt sich langsam durch eine ihm unsichtbare Präsenz in die Enge getrieben, nun weiß er, dass er viel zu viel Zeit verschwendet hat und die Entscheidung innerhalb weniger Sekunden fallen muss.
"Tu es", flüstert mein rechtes Gesicht ihm noch einmal zu, dann muss ich gehen.
Ich sehe den Menschen einige Augenblicke noch von oben, dann wird er kleiner und ich konzentriere mich darauf, dorthin zu kommen, wo ich am dringendsten gebraucht werde.
Der Wind führt mich zu der Wohnung einer jungen Frau. Er flüstert mir zu, dass sie knappe 24 Jahre alt und verlobt ist. Ich sehe sie auf ihrem Bett sitzen, mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck auf einen Ring an ihrem schmalen Ringfinger starren. Sie dreht den Ring hin und her, betrachtet ihn von allen Seiten. Ihr Gesicht ist ein offenes Buch für mich. Sie fragt sich, ob sie ihren 15 Jahre älteren Verlobten heiraten soll.
Ich freue mich über meine Aufgabe, ihr bei dieser Entscheidung helfen zu können. Ich setze mich neben sie und lege meinen Arm um ihre Schulter.
"Heirate ihn. Er hat so viel Geld für dich ausgegeben. Das musst du wertschätzen", flüstert mein rechtes Gesicht ihr liebenswürdig ins Ohr.
"Er hat dich geschlagen", fährt mein linkes Gesicht hitzig dazwischen.
Die junge Frau schaut auf. Auch sie kann eine fremde Aura in ihrem kleinen Schlafzimmer spüren. Sie wird davon eingehüllt und scheinbar in zwei verschiedene Richtungen gezerrt, zwischen denen sie sich nicht entscheiden kann. Meine Anwesenheit bringt ihre Gedanken zum Rasen. Leuchtende Gedankenströme verknoten sich in ihrem Gehirn miteinander, versuchen, sich gleichzeitig für beides zu entscheiden.
"Er ist böse" - "Er will nur das beste für dich" - "Lass ihn fallen solange du noch kannst" - "Du wirst glücklich mit ihm werden", konkurrieren die beiden Meinungen meiner Gesichter gegeneinander.
Kaum scheint die Frau eine Idee gefasst zu haben entgleitet sie ihr wieder wie ein Fisch im Wasser, der nicht gefangen werden will.
"Entscheide dich doch endlich", will ich der Frau zuflüstern. Aber es ist ihre Entscheidung und ich bin nur da, um ihr dabei zu helfen. So wie ich es schon vor zwei Jahrtausenden getan habe und auch immer tun werde.
Das ist mein Alltag, nicht immer laufen die Entscheidungen so harmlos ab, wie diese, aber die Menschen heutzutage verlieren sich viel zu viel in Details.
Und so werde ich wohl bis zu den letzten Tagen dieser Erde alle Hände voll zu tun haben.
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