Das Leben ist kein Ponyhof - Das Geheimnis von Whitehorse Castle (MMFF-Anmeldung geschlossen)

MitmachgeschichteMystery, Freundschaft / P16 Slash
02.08.2016
15.08.2020
27
167.122
8
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Dieses Kapitel
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22.03.2020 9.525
 
Hey ihr Alle!
Also erst einmal vorne weg: Die Geschichte ist natürlich nicht abgebrochen und es tut mir total Leid, dass ich soooooo lange gebraucht habe um das neue Kapitel zu schreiben. Ja, ich habe ein paar ganz gute Ausreden (2 Jobs, Computer kaputt, Weihnachten, Baum....) aber wie auch immer, jetzt endlich habe ich es doch noch geschafft. Ich hoffe, ihr seid mir nicht böse und ich würde mich sehr freuen, wenn ihr Lust habt, weiterzulesen.

Nachdem ja die Geschichte jetzt bei der heiß ersehnten Rallye angekommen ist, habe ich die Homepage aktualisiert, da könnt ihr die ersten Rallyeaufgaben angucken - der dritte Teil kommt dann noch.

Bis dahin alles Liebe,
Art

***



„Ok, das war's, Mädels“, stellte Jack zufrieden fest und warf seinen Hammer in den Schubkarren, der ein paar Meter entfernt stand. Er hob die Hand gab erst Claire und dann Rebecca ein High Five. Dann traten sie alle wie auf Kommando ein Stück zurück und begutachteten ihr Werk.

Bereits die ganze Woche hatte Jack die beiden Jobberinnen bei Wind und Wetter auf den Ländereien herumgescheucht und mit ihnen das Gelände auf Vordermann gebracht. Sie hatten Weidezäune repariert, Stalltore gestrichen, Kies gerecht, Büsche gestutzt und alles, was Ramona sonst noch so in den Sinn gekommen war. Und dann hatten sie natürlich noch die Hindernisse für die Rallye aufgebaut. Es gab zwei Parcours für die ersten beiden Aufgaben und Jack hatte die glorreiche Idee gehabt, alle Hindernisse selber zu bauen.

Anfangs hatte Becks sich ziemlich gesträubt und war nur höchst widerwillig hinter ihm und Claire hergedackelt. Doch sie musste zugeben, dass sich die Vorfreude auf die Rallye, die überall spürbar war und von Tag zu Tag zunahm, allmählich (auch gegen ihren Willen) auf sie übertrug. Es war ein Gefühl, dass sie ein wenig an die Vorweihnachtszeit erinnerte, früher, als sie noch klein gewesen war und auf den Weihnachtsmorgen und die Geschenke hinfieberte. Becks hatte sich schon lange nicht mehr so gefühlt und fand es irgendwie merkwürdig. Aber zumindest boykottierte sie vorerst einmal nicht mehr alles, was ihr aufgetragen wurde. Im Gegenteil, als sie und Claire gemeinsam ein paar der Hindernisse mit hübschen Motiven (natürlich wieder Pferdekram, aber naja...) bemalen sollte, blühte Becks richtig auf. Ganz überrascht stellte sie fest, dass Claire eine ähnliche Leidenschaft wie sie selbst  für das Zeichnen hegte und so kamen die beiden für ein paar Tage richtig gut miteinander aus.

Und nun war ihr Werk also endlich vollendet und alles war bereit für die große Rallye.

„Noch einmal schlafen“, kam es Becks in den Sinn und unwillkürlich musste sie grinsen. Die Sonne, die sich in den letzten Tagen endlich wieder hatte blicken lassen, stand schon ziemlich tief am Himmel, sodass die Hindernisse lange Schatten warfen. Jack streckte sich geräuschvoll, dann schnappte er sich die Schubkarre mit dem Werkzeug darin. Er bat Claire und Becks, noch einmal im Gras zu gucken, ob sie nicht irgendwelche Nägel oder Werkzeuge vergessen hatten, und dann nach oben zu kommen um den abendlichen Stalldienst zu erledigen. Die Mädchen drehten schweigend eine Runde über den Platz, suchten den Boden rund um die Hindernisse ab und machten sich dann auf den Weg zum Stall. Bis auf eine Unterlegscheibe hatten sie nichts mehr gefunden.

„Freust du dich auf die Rallye?“, fragte Claire, während sie durch die Zäune zu den Pferden in den Auslauf stiegen. Rebecca zuckte mit den Schultern. Ja, tat sie, aber sie wollte es nicht vor Claire zugeben. Und Claire begnügte sich mit dieser Antwort und begann schweigend, ihre abendlichen Pflichten zu erledigen.

Tatsächlich hatten sich die Mädchen mittlerweile ganz gut als Team eingespielt. Jede wusste, was sie wann zu tun hatte. Claire machte eher die Arbeiten, bei denen sie wenig Kontakt mit den Pferden hatte – sie kannte immer noch nicht alle – während Becks das Rein- und Rausbringen der Tiere übernahm. Es war schon eine Weile her, dass Rebecca zum letzten Mal ein Pferd geführt hatte, bevor sie nach Whitehorse gekommen war, aber irgendwie war es wie Fahrradfahren – man verlernte es wohl nicht. Und nachdem Jack, dieser Mistsack doch tatsächlich eine, wie Becks fand, recht fiese Erpressungsmethode gefunden hatte, um sie zur Arbeit zu bewegen, hatte auch sie mittlerweile eine gewisse Routine entwickelt. So dauerte es nur noch etwa eine halbe Stunde, bis sie sich zu den anderen zum Abendessen gesellten.

Als sie den Speisesaal betraten, wehte ihnen aufgeregtes Geschnatter und Besteckgeklapper entgegen.  Heute Abend waren deutlich mehr Leute zum Abendessen anwesend als sonst. Denn nicht nur Hedwig hatte sich wieder einmal zur Gruppe gesellt, auch Faolán, Daryl und Paul saßen mit am Tisch. Sie hatten die Köpfe zusammengesteckt und diskutierten wild durcheinander. Und irgendwie hatte Becks das Bedürfnis, sich einfach dazuzusetzen, mitzureden, mitzulachen. Annie, die aufgesehen hatte, als die Tür ins Schloss fiel, grinste zu Becks und Claire hinüber und winkte ihnen wild zu. Bevor Becks es vermeiden konnte, war ihr ein kurzes Grinsen entwischt. Sie musste zugeben, dass sie recht überrascht war, dass die ganze Geschichte, die auf der Party für Unruhe gesorgt hatte, kein Nachspiel mehr gehabt hatte. Sie war sicher gewesen, dass jemand von den Erwachsenen sie noch einmal wegen der Tic-Tac Sache ansprechen würde. Doch die Einzige, die zu Beginn den einen oder anderen bissigen Kommentar abgelassen hatte, war Hedwig gewesen. Das war Becks herzlich egal und sie war eigentlich ganz froh, dass niemand weiter nachgeforscht und Jack offenbar den Mund gehalten hatte.

So hatte Becks sich eigentlich bereits entschieden, heute mal über ihren eigenen Schatten zu springen und sich einfach mal in die Gruppe zu integrieren. Claire und sie luden ihre Teller voll. Claire steuerte einen Stuhl neben Paul an, der extra zur Seite gerutscht war. Becks nahm es ihr nicht übel. Sie hatte das Gefühl, dass Claire irgendeinen Narren an diesem Freak gefressen hatte. Sie selber wollte gerade auf die Bank neben Annie rutschen, die wie wild auf das Holz neben sich klopfte, als sie jemanden bemerkte, der ihr bis dahin nicht aufgefallen war.

Nicht nur die Jugendlichen und Ramona saßen an dem Tisch zusammen. In der Ecke saß – Mister Montgomery.

Wie erstarrt blieb Becks stehen. Sie konnte diesen Mann nicht leiden. Noch weniger als Elisabetta, die zwar ebenfalls in der Gruppe saß, sich aber als einzige in keinster Form an den Gesprächen beteiligte. Nein, dieser Mann löste eine andere Form von Abneigung in ihr aus. Wut, Unbehagen und doch die absolute Machtlosigkeit. Becks schüttelte sich kurz unwillkürlich, dann drehte sie sich ganz langsam um. Sie bemerkte zwar Annies enttäuschten Blick, aber sich mit Mister Montgomery an einen Tisch zu setzen, erschien ihr absolut unmöglich. Und so war auf einen Schlag alle gute Laune dahin. Becks verzog sich in eine Ecke möglichst weit weg von den anderen, setzte sich absichtlich mit dem Rücken zu ihnen und begann, lustlos in ihrem Auflauf herumzustochern. Die Kids hatten ihr Gespräch nicht unterbrochen und sie konnte das Lachen und Kichern hören.

„Warum sitzt du ´ier so allein?“ Becks sah auf. Jack setzte sich ungefragt auf den Stuhl ihr gegenüber und sah sie durchdringend an. Becks antwortete nicht, aber nickte leicht  in Richtung Mister Montgomery. Jack sah hinüber, dann begann er zu grinsen. „Mister M? Ach komm Rebecca. Der ist nicht so schlimm wie er wirkt.“ – „Finde ich schon“, grummelte Becks. „Ich kann ihn nicht leiden.“ Jack hob zwar die Augenbrauen, aber sagte nichts mehr dazu. Stattdessen wechselte er das Thema.

„Wegen morgen. Wird in der Früh vermutlich ziemlich stressig. Kann ich mich darauf verlassen dass du pünktlich da bist?“

Becks analysierte in Gedanken seine Frage. Sie war sich nicht sicher, ob ein versteckter Vorwurf darin versteckt gewesen war, weil sie doch nach wie vor gerne mal eine halbe Stunde später als vereinbart auftauchte, doch sie hatte das Gefühl, dass nichts dergleichen aus Jacks Tonfall herausgeklungen war.

Daher zuckte sie die Schultern und nickte dann. „Denk‘ schon…“

Diese Antwort schien Jack zu reichen, denn er lächelte. „Ich muss noch mit Claire und Paul reden“, sagte er dann und war schon  halb aufgestanden, als er innehielt. „Ah. Das ist deins.“ Er steckte die Hand in seine Hosentasche und zog die kleine Tic-Tac Dose heraus. Becks bemerkte sofort, dass einige der Bonbons fehlten. „Arsch!“, murmelte sie, aber wirklich sauer war sie nicht auf Jack. Als er sich zu den anderen gesellte, fühlte sie nur Leere in sich. „Noch einmal schlafen“, murmelte sie, „auch wenn du weißt, dass Weihnachten scheiße wird…“



*




Am Samstagmorgen herrschte bereits sehr früh ziemliches Gewusel. Schon um kurz nach sieben war das Frühstückbuffet quasi leergeräumt. Wie schon am Vorabend saß nicht nur Ramona, sondern auch Leland Montgomery mit den Ferienkids am Tisch. Gut gelaunt erklärten er und Ramona Annie, Dennis und Mo den Ablauf des Tages. Auch Faolán und Hedda, die in Whitehorse übernachtet hatten, saßen in der Runde. Mo versuchte, sich alles zu merken, was er und die anderen heute noch einmal eingetrichtert bekamen, doch er war so aufgeregt, dass kaum etwas hängen bleiben wollte. Voller Vorfreude rutschte er auf seinem Stuhl hin und her. Am liebsten wäre er direkt nach draußen gestürmt um sein Pferd herzurichten, doch Mister Montgomery bestand darauf, dass alles noch einmal genauestens besprochen wurde.

Gegen halb acht wurde die Tür zum Speisesaal geöffnet. Die drei Mädchen, die hereinkamen, hatte Mo die letzten Tage über bereits öfters gesehen. Es waren Reitschülerinnen von Ramona und Mister Montgomery, die ebenfalls an der Rallye teilnahmen, mit den Schulpferden, die noch übrig waren. Mos Blick huschte verstohlen zu seiner Schwester. Wie erwartet war das Grinsen von ihrem Gesicht verschwunden und sie sah aus, als hätte sie gerade etwas sehr Bitteres gegessen. Der Grund war das schwarzhaarige Mädchen, das, soweit Mo sich erinnerte, Penny hieß. Annie war schon die letzten Tage wegen ihr angefressen gewesen. Denn Penny durfte mit Blue teilnehmen. Mo konnte seine Schwester schon ein wenig verstehen, denn immerhin war Blue ihr Lieblingspferd, aber er musste auch zugeben, seit er Penny einmal bei einer Reitstunde beobachtet hatte, konnte er verstehen, warum Annie Blue nicht mehr bekam. Penny konnte wirklich viel besser reiten. Aber das hatte Mo natürlich nicht laut ausgesprochen. Annie hatte auch so schon genug schlechte Laune.

Die drei Mädchen nickten den Kids am Tisch kurz zu und setzten sich dann zu ihnen. Mo rückte ein Stück zur Seite, so dass eines der Mädchen neben ihm auf die Bank rutschen konnte. Er hatte ja kurz gehofft, dass sich Penny zu ihm setzen würde, aber sie hatte sich bereits einen Stuhl geschnappt.

„Ah, schön, dass Sie da sind“, begrüßte Mister Montgomery die drei Mädchen. „Das sind Penny Miller, Jessica Blanks und Nancy Sparks“, stellte er die drei vor. „Sie werden ebenfalls an der Rallye teilnehmen mit Speedy, Blue und Santana, deswegen habe ich sie eingeladen, sich zu uns zu gesellen, dann können wir alles Wichtige gemeinsam  besprechen. Zunächst zum Ablauf des Tages. Die Prüfungen beginnen um 9:30 Uhr. Den Vormittag über werden Sie den Reit- und den Bodenarbeitsparcours absolvieren. Wann Sie dran sind, entnehmen Sie den Starterlisten, die Jack und die Mädchen hoffentlich bereits überall auf dem Gelände ausgehängt haben. Sehen Sie zu, dass sie pünktlich bei der jeweiligen Station erscheinen! Sonst verzieht sich der gesamte Zeitplan!“ Mister Montgomery fixierte Mo und Annie mit seinem Blick, doch während Mo heftig nickte, schien Annie irgendwie unbeteiligt. Als Mo sie mit dem Ellbogen anrempelte, grummelte sie nur ein leises „Jaja, pünktlich sein, schon kapiert!“

Mister Montgomery hob kurz die Augenbrauen, fuhr dann aber unbeirrt fort: „Für die Bodenarbeitsprüfung darf Ihr Pferd keinen Sattel auf dem Rücken haben. Ob Sie ein Halfter oder das Zaumzeug verwenden wollen, ist Ihre Entscheidung. Vor der Reitprüfung müssen Sie ihr Pferd ausreichend  lange aufwärmen. Hierzu stehen Ihnen Halle und Reitplatz zur Verfügung. Nehmen Sie Rücksicht auf die anderen Reiter, besonders die mit Hof-fremden Pferden!

Die Prüfungen sind durchaus anspruchsvoll, also seien Sie konzentriert bei der Sache! In beiden Prüfungen, Bodenarbeit und Reiten sind Konzentration, Koordination und VOR ALLEM ein guter Umgang mit dem Pferd gefordert. Es geht darum, sich und das Pferd realistisch einzuschätzen und einen Schwierigkeitsgrad zu wählen, der dem eigenen Können und dem Ausbildungsstand des Pferdes entspricht. Das bedeutet: Sowohl in der Bodenarbeit, als auch beim Reiten gibt es für jede zu lösende Aufgabe drei Schwierigkeitsgrade. Je höher der Grad, desto höher die Punkte, die sie bei korrekter Lösung sammeln können. Andersherum werden Ihnen aber auch für jeden Fehler mehr Punkte abgezogen, sollten Sie den höheren Schwierigkeitsgrad nicht lösen können. Sie haben für jede Aufgabe drei Versuche, dürfen allerdings nicht den Schwierigkeitsgrad wechseln, wenn Sie bereits einen Fehlversuch hatten. Ist das soweit klar?“

Mo versuchte, Mister Montgomery zu folgen, aber es klang irgendwie fürchterlich kompliziert.

Eines der neuen Mädchen meldete sich zu Wort.

„Also… ich habe eine Frage. Muss ich zu Beginn der Prüfung dann schon festlegen, welche Schwierigkeitsstufe ich wähle oder darf ich das pro Hindernis entscheiden?“

„Das entscheiden Sie pro Hindernis. Es ist also durchaus möglich, dass sie zum Beispiel zwei Aufgaben mit Level eins, zwei Aufgaben mit Level zwei und eine Aufgabe mit Level drei lösen.

Ich würde Ihnen empfehlen, vor Beginn der Prüfungen die beiden Parcours einmal zu besichtigen, so können Sie sich bereits vorweg Gedanken machen, welches Level Sie sich zutrauen. Wenn Sie möchten, können wir diese Begehung auch gemeinsam machen. Und nein Miss Lancester, das ist nicht gegen die Regeln“, fügte er hinzu und zwinkerte Hedwig zu.

„Ich glaube, das ist eine gute Idee…“, murmelte Mo, der jetzt doch sichtlich besorgt war.

Mister Montgomery nickte. „Gut, dann treffen wir uns um 9:15 am Bodenarbeitsparcours, alle, die dabei sein möchten, dürfen dabei sein.

Nun zu Ihnen und den Pferden. Dies ist eine öffentliche Veranstaltung und Sie alle präsentieren Whitehorse Castle. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie dies mit Stolz und Fleiß tun werden. Dementsprechend bitte ich Sie, die Pferde nach bestem Wissen und Gewissen herauszuputzen – und sich selbst natürlich auch! Mister und Miss McKenzie, Mister Macblair, wir hatten ja über Ihre Outfits bereits gesprochen. Haben Sie alles, was Sie brauchen oder fehlt Ihnen noch etwas?“ Mo, Annie und Dennis schüttelten die Köpfe. Sie hatten ein paar Tage zuvor gemeinsam mit Ramona ihre Klamotten durchgesehen und herausgesucht, was turniertauglich ist. Da Annie und Mo allerdings hauptsächlich ausrangierte Jeans dabei hatten, musste Ramona ihnen Reithosen aus ihrem Vorrat heraussuchen. Außerdem hatten sie – genau wie Dennis und Hedda – weiße Poloshirts mit dem Logo von Whitehorse bekommen. Mo war unglaublich stolz darauf.

„Und wie läuft das mit dem Geländeparcours?“, fragte das gleiche Mädchen, das zuvor auch wegen der Hindernisse nachgehakt hatte.

„Dazu komme ich nun, Miss Sparks. Die Geländeprüfung findet am Nachmittag statt. Beginn ist um 14:00 Uhr. Jack hat eine Geländestrecke mit unterschiedlichen Herausforderungen für Sie vorbereitet. Für die gesamte Strecke brauchen sie etwa eine Stunde, vorausgesetzt, sie verreiten sich nicht. Die Geländerallye ist eine Teamaufgabe. Sie können in Gruppen von zwei bis vier Teilnehmern starten, aber ich denke, das hast du schon mit ihnen besprochen?“, fragte er jetzt direkt an Ramona gewandt, die neben ihm saß und nickte.

„Damit Sie sich nicht mit vorausreitenden oder nachfolgenden Teams in die Quere kommen, werden sie im Abstand von jeweils zehn Minuten starten, und zwar immer in entgegengesetzte Richtung. So ist ausreichend Zeit zwischen den Teams. In der Geländeprüfung bekommen Sie zum einen Punkte dafür, wie lang sie für die komplette Strecke brauchen, zum anderen natürlich für die Lösung der Aufgaben, die Sie unterwegs erwarten.“ – „Und was sind das für Aufgaben?“, wollte jetzt Penny wissen. Mister Montgomery schmunzelte. „Nun, das kann ich Ihnen jetzt natürlich noch nicht verraten. Aber so viel will gesagt sein, Sie benötigen Teamgeist, Kombinationsgabe und Geschicklichkeit.“

Mo lachte auf. „Geschicklichkeit? Dann bist du raus, Annie!“ Hedda lachte. Doch Annie sah aus, als wollte sie ihn gleich schlagen. So finster hatte er sie noch selten dreinblicken sehen. Ehe die Situation eskalieren konnte, ergriff allerdings Ramona das Wort.

„Okay, ich denke das Wichtigste ist gesagt. Wenn ihr zwischendurch Fragen habt oder euch unsicher seid, könnt ihr natürlich jederzeit zu Leland oder mir kommen und fragen. Jack könnt ihr theoretisch auch fragen wenn ihr ihn erwischt, aber der ist die meiste Zeit auf dem Gelände unterwegs… Ach ja, die Teams für die Geländeprüfung stehen noch nicht fest. Bis zwölf Uhr könnt ihr euch noch an der Meldestelle eintragen lassen, wenn ihr noch etwas verändern möchtet… Wie dem auch sei.“ Sie sah auf ihre Uhr. „Ich denke, es ist Zeit, dass ihr eure Pferde holt. Immerhin sollen die richtig schick aussehen. Ich bin mit dabei und helfe euch, saubere Satteldecken einzubauen und wobei ihr eben sonst noch Hilfe braucht. Alles klar?“ Alle nickten. Alle bis auf Annie, die offenbar schmollte. Ramona ignorierte das und klatschte in die Hände. „Dann mal los!“

Und als hätte man einen Bienenstock geöffnet, wuselten alle los und drängten sich nach draußen in die klare, wenn auch noch kühle Morgenluft.

Nur wenig später war der Putzplatz so voll, wie Mo es noch nie erlebt hatte. Nicht nur er, Annie, Dennis, Hedda, Faolán und die drei anderen Mädchen waren anwesend. Daryl und Adrian hatten ihre Pferde ebenfalls nach draußen geholt, genau wie Chelsea VanSaller, Gladiola McAllistor und die etwas seltsamen Riedls. Aufgeregtes Geschnatter schallte durch die Leute. Nicht nur die Menschen, auch die Pferde schienen aufgeregter als sonst zu sein. Blue, die, wie Annie mit ziemlich schadenfroher Miene festgestellt hatte, extrem schmutzig war, wollte kaum ruhig stehen, drehte sich hin und her und wieherte von Zeit zu Zeit. „Wo sind eigentlich die anderen Teilnehmer?“, kam es Mo plötzlich in den Sinn und er blickte fragend in die Runde. Ramona hatte gesagt, dass immer einige Leute von außerhalb teilnahmen, aber wenn Mo sich den Putzplatz so besah, konnte er sich nicht vorstellen, dass ein ganzer Haufen fremder Pferde noch darauf Platz gefunden hätte. Das Mädchen, das zuvor neben ihm gesessen hatte und nun die gescheckte Santana putzte, antwortete ihm als erstes. „Hinterm Stall sind die Koppeln so geöffnet, dass sie mit ihren Pferdehängern von der Straße aus dorthin fahren können. Die machen ihre Pferde dann am Hänger fertig.“

Mo wäre zu gerne mal nach unten gelaufen, um sich das anzusehen. Er konnte sich gar nicht vorstellen, wie das funktionieren sollte. Aber er hatte den Eindruck, dass die Montgomerys das nicht gern gesehen hätten. Außerdem flog die Zeit nur so dahin und er wollte sich den Parcour-Rundgang mit Mister Montgomery auf keinen Fall entgehen lassen.

Das Gelände füllte sich langsam. Anscheinend gab es auch für Besucher ohne eigene Pferde einen extra Parkplatz, denn immer mehr Menschen kamen durch das Haupttor auf den Hof geschlendert, plauderten, sahen sich ein wenig um und schlugen dann den Weg an der Reithalle vorbei in Richtung Prüfungsgelände ein.

„Komm schon Mo! Wir treffen uns in zehn Minuten am Parcours!“, hörte er Hedda neben sich. Er fuhr herum. Ihm fiel auf, dass ein paar der Pferde bereits gesattelt waren und wollte gerade losstürmen und seine Ausrüstung holen, als Hedwig ihn am Arm festhielt.

„Warte! Hast du überhaupt schon auf die Liste geschaut wann du dran bist?!“

Mo klatschte sich mit der Hand gegen die Stirn. „Oh Mann, habe ich voll vergessen! Wo sind die Listen gleich wieder?“ Hedwig kicherte. „Kann es sein, dass du total nervös bist?“, stichelte sie.

Ja, war er. Und wie. Es wunderte ihn, dass Hedwig und Faolán so entspannt wirkten. Waren sie gar nicht aufgeregt? Oder lag das einfach daran, dass sie schon mehrmals teilgenommen hatten, wie sie am Vorabend ausschweifend berichtet hatten?

Hedwig zupfte ungeduldig an Mos Arm. „Jetzt kohomm! Los!“ Mo nickte, dann fiel ihm etwas ein. „Weißt du, ob Annie schon in die Liste geschaut hat?“ Er sah sich auf dem übervollen Putzplatz um und suchte nach seiner Schwester. Freddy, Annies Pferd, das recht groß war, war schwer zu übersehen, es sah sauber aus, aber von Annie fehlte jede Spur. „Wo ist die überhaupt?“, murmelte er, eher zu sich selber als zu Hedwig.

„Also wenn sie nicht mit uns reden will, ist das ihr Problem und jetzt komm, nicht dass uns die Zeit knapp wird!“ Bestimmt zog Hedwig Mo hinter sich her zum Reiterstüberl. Dieses war den Bewohnern, Einstellern und Feriengästen von Whitehorse vorenthalten. Eine Liste lag auf dem Tisch. Sie sah aus, als hätte jemand versucht, etwas darauf zu kritzeln mit einem nicht funktionierenden Kugelschreiber. Mo hatte eine dunkle Ahnung, um was es sich handelte, machte sich aber nicht die Mühe, das unvollendete Kunstwerk weiter zu begutachten. Mit der Zunge zwischen den Zähnen ließ er seinen Finger über die erste Liste gleiten. „Okay, Bodenarbeit habe ich um kurz nach halb elf, nach Annie. Und Reiten um fünf nach zwölf… Dann muss ich ja noch gar nicht satteln.“ Hedda kicherte. „Deswegen habe ich gesagt, du sollst in die Liste gucken! Hey, hast du auch geschaut, wann unsere Geländeprüfung ist?“

Gemeinsam beugten die beiden sich über die dritte Liste. Hedda hatte die Position schnell gefunden.

„Da, Team Nummer sieben um drei. Mit Faolán und Annie, sollte sie auftauchen.“ Mo überflog den Rest der Listen. Fast dreißig Starter pro Prüfung. Ihm war etwas mulmig  zumute. Er war so in die Liste vertieft, dass er nicht merkte, dass jemand eintrat und sich neben ihm über die Liste beugte. Erst, als ein ihm unbekannter Duft seine Knie auf merkwürdige Art weich werden ließ. Er blickte auf und stolperte beinahe rückwärts, als er Penny Miller erkannte, die sich mit einem Fineliner ihre Startzeiten auf ihr Handgelenk schrieb. Sie sah ihn kurz überrascht an, widmete sich dann aber wieder der Liste.

Hedda stand neben ihr. Aus irgendeinem Grund feixte sie. „Geländeprüfung mit Nancy Sparks? Na, das wird ja ein Vergnügen.“

Penny sah auf und rollte mit den Augen.

„Ja ich weiß, zum Kotzen! Aber Ramona hat erst so knapp Bescheid gesagt, dass Blue frei ist und da hattet ihr eure Teams schon. Und ganz ehrlich, ob ich dann mit Nancy oder mit Daryl und Adrian ein Team bilde, ist dann auch schon egal.“

Mo fiel auf, dass Penny, die ziemlich klein und schmächtig war, eine überraschend raue Stimme hatte. Er fand, dass sie toll klang.

Penny besah sich noch einmal das Blatt. „Hey Hedda, es gibt keine Möglichkeit, dass wir irgendwo tauschen können? Ich wär voll gern mit dir in einem Team…“

Hedda kratzte sich am Kinn. „Hm ich wär auch gern mit dir in einem Team, aber auch mit Mo und ich habe es Faolán versprochen… Aber wir können mal die beiden anderen suchen und fragen, ob sie tauschen wollen, oder ob wir zwei Teams draus machen! Bis eins können wir es ja noch ummelden!“

Pennys Blick hellte sich auf und Mo wollte am liebsten sagen, dass er das Team freiwillig verlassen würde, wenn Penny dann glücklich wäre, aber irgendwie hatte seine Stimme wohl in den Stummmodus geschaltet. Hedda fischte ihr Smartphone aus der Tasche und sah aufs Display. „Oh, höchste Zeit, dass wir zum Parcours runter gehen! Nicht, dass Mister M ohne uns loszieht! Penny, kommst du auch mit?“

„Logo“, grinste Penny. Hedda winkte Mo hinter sich her und er folgte den beiden, nach wie vor nicht in der Lage, seine Stimme zu benutzen. Als sie ein paar Minuten später am Bodenarbeitsplatz ankamen, war dort bereits einiges los. Offenbar war es Gang und Gäbe, dass die Turnierteilnehmer sich die Hindernisse bereits vor Beginn ansahen. Einige begutachteten die Aufgaben alleine, andere waren zu zweit oder in kleinen Grüppchen unterwegs. Mo fiel auf, dass nicht nur Teenager anwesend waren, auch deutlich jüngere Kinder, sowie Erwachsene verschiedenen Alters waren unterwegs, machten sich Notizen oder besprachen sich mit ihren Begleitern.

Mo hatte das Gelände noch gar nicht fertig aufgebaut gesehen und war zugegebenermaßen beeindruckt davon, was Jack mit Claire und Rebecca auf die Beine gestellt hatte. Vor lauter schauen wäre er beinahe über ein Kind gestolpert, das plötzlich vor ihm aufgetaucht war. Gerade wollte Mo sich entschuldigen, als der Zwerg den Mund öffnete. „Hast du keine Augen im Kopf du Blödmann? Oder hängen die noch in deiner Pornosammlung fest?“, piepste der Zwerg. Mo, völlig aus dem Konzept gebracht, blinzelte irritiert. Hatte dieser Winzling das gerade wirklich gesagt?

„Mo! Los jetzt!“

Es dauerte nicht lange, bis sie die Whitehorse-Gruppe gefunden hatten.  Dennis, Daryl, Adrian, Gladiola MacAllistor und Chelsea VanSaller, sowie eines der beiden anderen Mädchen, dessen Namen Mo sich nicht gemerkt hatte, standen gemeinsam ein paar Meter vom Eingang zum Parcours entfernt. Während das Mädchen, Dennis und Adrian schweigend das Treiben auf dem Platz zu beobachten schienen, schnatterten Gladiola, Chelsea und auch Daryl pausenlos durcheinander, offenbar damit beschäftigt, sich gegenseitig Ratschläge zu geben und Strategien auszutauschen.

Penny, Hedda und Mo stellten sich zu der Gruppe. Mit halbem Ohr lauschte Mo dem Gequassel, war aber mehr damit beschäftigt, sich die bunten Gegenstände auf der ordentlich gemähten und umzäunten Wiese genauer anzusehen. Er hatte keine Ahnung, was ihm bevorstand. Überrascht stellte er fest, dass vieles, das dort angeordnet war, gar nicht nach Pferdehindernissen aussah, sondern es sich vielmehr um ganz normale Alltagsgegenstände handelte. Zum Beispiel hing ein Haufen Schwimmnudeln in einer Art Torbogen aus Ästen herunter, auf dem Boden ein paar Meter weiter lagen mehrere Isomatten und in einem Eimer steckten ein Regenschirm und ein Fahrradlenker.

„Hey da vorn ist Faolán… war ja klar, dass der nicht mit uns mitgeht, sondern dass seine Mutti da ´ne Extrawurst draus machen muss… die weiß es schließlich besser als Mister M.“

Mo sah zu Penny, die mit verschränkten Armen zu Faolán schaute, der hinter seiner Mutter her über den Parcours stiefelte. Zu seiner anderen Seite grunzte Hedwig irgendetwas Unverständliches.

Gerade, als die drei sich zum Rest der Gruppe umdrehen wollten, erklang eine recht verärgerte Stimme hinter ihnen.

„Da bist du, Penny! Ich suche dich schon die ganze Zeit!“ Es war das Mädchen, das beim Frühstück die vielen Fragen gestellt hatte. Penny verdrehte die Augen. „Chill mal, Nancy. Du bist nicht meine Mum und…“ – „Ja, aber wir sind ein Team und ich habe keine Lust, dass Jessy und ich dich die ganze Zeit suchen müssen! Also bitte hau nicht einfach ab, okay?“

Ohne auf eine Antwort zu warten rauschte das Mädchen namens Nancy an den dreien vorbei zu den anderen. Penny sah Hedda an und beide verdrehten die Augen. Mo hatte den Eindruck, dass Nancy nicht sonderlich beliebt bei ihnen war. „Jetzt versteht ihr, warum ich mit der nicht in einem Team sein möchte, oder?“, murmelte Penny. Mo nickte heftig.

„Hey, da ist Mister Montgomery! JUUUUUUHUUUUUUU! MISTER MONTGOMERY!“, kreischte es hinter ihnen. Chelsea VanSaller winkte wild in Richtung des Parcours. Jetzt sah auch Mo Mister Montgomery, der zwischen den Hindernissen stand und sie zu sich winkte. Mo spürte, wie die Aufregung in ihm anstieg. Jetzt ging es tatsächlich los. Er, Hedda und Penny schlossen sich dem Rest der Whitehorse-Gruppe an, die sich bereits in Bewegung gesetzt hatte. Sie waren allerdings erst ein paar Schritte gegangen, als hinter ihnen eine Stimme erklang.

„Ey, ihr Pisser! Habt ihr nicht etwas vergessen?“

*




Wenn Annie ehrlich war, hatte sie eigentlich gar keine Lust mehr auf die Rallye. Als Ramona ihnen vor zwei Wochen das Event angekündigt hatte, war sie noch ganz Feuer und Flamme gewesen. Annie hatte sich echt gefreut. Auch wenn sie nicht mit Blue mitmachen durfte, hatte sie sich doch wirklich zusammengerissen, sich angestrengt und versucht, alles umzusetzen, was sie von Ramona, Jack und Mister Montgomery in den Reitstunden gesagt bekam. Sie hatte sich, wie sie fand, ganz gut mit Freddy arrangiert und ganz im Geheimen hatte sie sich auch eingestanden, dass sie mit Blue bei so einem Ereignis wirklich noch überfordert gewesen wäre. Sie hoffte ja immer noch, dass Ramona ihr nach der Rallye noch eine Chance geben würde, wenn sie sich mit Freddy gut anstellte. Eigentlich hatte sie auch ein ganz gutes Gefühl gehabt. Sogar Mister Montgomery hatte sie ein ums andere Mal in den Springstunden gelobt!

Und dann war Penny aufgetaucht. Ramona hatte ihnen irgendwann gesagt, dass sie ein paar Reitschüler zur Rallye eingeladen hatte, um mit den freien Schulpferden teilzunehmen und Annie war sich sicher gewesen, weil ja mit Freddy alles so gut klappte, dass sie damit klarkommen würde. Und sie war sicher, hätte jemand anderes mit Blue teilnehmen dürfen, dann wäre es auch okay gewesen. Aber diese Penny tat immer, wenn sie da war so, als wäre Blue ihr eigenes Pferd. Redete immer, als wüsste sie als einzige, wie man mit Blue richtig umgehen musste, was das Pony mochte und überhaupt als wäre sie die Einzige, die eine Berechtigung hatte, etwas mit Blue zu machen.

Annie hatte sich sehr bemüht, Penny einfach zu ignorieren und ihr, so gut es irgendwie ging aus dem Weg zu gehen, aber leider waren die Montgomerys wohl der Meinung, es sei eine erstklassige Idee, die drei mit zu Annie, Mo und Dennis in die Vorbereitungsreitstunden zu stecken. Und als wäre das alles nicht schon ätzend genug gewesen, musste Annie nun auch noch zugeben, dass Penny Blue wirklich gut reiten konnte. Klar, sie suchte ununterbrochen nach Fehlern, freute sich jedes Mal einen Keks, wenn Mister Montgomery Penny kritisierte, aber insgeheim wusste sie genau, dass sie mit Blue bei Weitem nicht so gut zurechtgekommen war.

Alles in allem hatte Annie sich die ganze Woche in erster Linie damit bemüht, den anderen gute Laune vorzugaukeln. Hedda, Faolán und Mo waren so aufgeregt, so besessen von der Rallye, es gab quasi kein anderes Gesprächsthema mehr. Und weil Annie sich nicht ausklinken wollte, stecke sie ihren Frust so gut sie konnte weg, lachte mit, wenn die anderen lachten, konzentrierte sich in den Reitstunden so gut sie konnte auf sich und redete sich einfach ein, dass es bestimmt richtig cool werden würde. Anscheinend war Annie auch überzeugend genug, denn nicht einmal Mo, der seine Schwester ja gewöhnlich lesen konnte wie ein offenes Buch, schien nicht zu bemerken, dass Annie innerlich nur noch schreien wollte.

Und so spielte sie auch an diesem Samstagmorgen mit, ignorierte Penny, gab sich alle Mühe, Freddy auf Hochglanz zu polieren und versuchte, sich von der aufgeregten Stimmung anstecken zu lassen. Das klappte auch tatsächlich ganz gut. Tatsächlich musste sie zugeben, dass in erster Linie Gladiola und Chelsea dafür verantwortlich waren, dass sie nach kürzester Zeit vor sich hin grinste, während sie Freddys Mähne entwirrte. Die beiden führten schon wieder die abgedrehtesten Diskussionen darüber, was sie am heutigen Tag als besonders wichtig erachteten und Annie schielte sogar mal hinüber, als Gladiola Chelsea ihre neu erworbene Kollektion für ihr fettes Pony zeigte. Sie hatte für Bobby eine neue Satteldecke inklusive zugehörigem Halfter, Strick, Bandagen und Fliegenöhrchen spendiert. Annie fand alles unglaublich hässlich. Die blassroafarbenen Rosenmuster erinnerten sie sehr an das alte Sofa, das im Wohnzimmer ihrer Oma stand. Auch Chelsea schien das Muster nicht zu gefallen, denn sie faselte irgendetwas darüber, dass unruhige Muster die Pferde verwirrten. Annie war sich mittlerweile sicher, dass beide Frauen nicht mehr alle Tassen im Schrank hatten.

Kopfschüttelnd schlüpfte sie zwischen den Pferden hindurch. Sie hatte sich auf ihrem Handy einen Wecker gestellt, um die Zeit nicht zu verpassen und wollte unbedingt, bevor sie mit den anderen zum Parcours hinunter ging, noch einmal auf die Toilette gehen. Sie hatte sich sogar schon ihre Startzeiten auf einen Zettel geschrieben, den sie in die Schutzhülle ihres Handys gesteckt hatte. Annie war richtig stolz darauf, wie organisiert sie war. Sie schlüpfte ins Haus und überprüfte, bevor sie wieder hinaus lief, sogar noch einmal, ob ihr Zopf ordentlich aussah. Ihre Uhr sagte acht nach neun, also noch perfekt Zeit. Sie würde Hedda und Mo Bescheid sagen, dass es Zeit war, hinunterzugehen. So war der Plan.

Doch als sie vor die Tür trat, war niemand mehr da. Sie blinzelte irritiert. Nur noch die Pferde standen dort angebunden, die meisten dösten in der Sonne, nur Bobby zerlegte eifrig den Putzkasten, der vor ihm auf dem Boden stand.

Annie kratzte sich am Kopf. Die konnten doch jetzt nicht ohne sie gegangen sein? Ein seltsames Gefühl breitete sich ihrer Magengegend aus. Ein unangenehmes Kribbeln und Ziehen, als würde sich gerade etwas ziemlich Großes, Schweres verknoten.

„Vielleicht sind sie in der Sattelkammer oder schauen ihre Zeiten nach“, überlegte sie, wandte sich langsam um und machte sich im Zeitlupentempo auf den Weg zum Stüberl. Niemand war dort. Auch die Sattelkammer war menschenleer.

Annie konnte es nicht fassen. Wie konnte es sein, dass sie einfach ohne sie gegangen waren? Nicht nach ihr gesehen oder auf sie gewartet hatten? War es ihnen egal, dass sie nicht da gewesen waren? Hatten sie sie einfach vergessen?

Und mit einem Mal wallte der ganze Frust in ihr hoch, den sie die letzten zwei Wochen so erfolgreich verdrängt hatte. Bevor Annie etwas dagegen unternehmen konnte, liefen ihr bereits die Tränen übers Gesicht. Sie fühlte sich vollkommen unfähig, irgendetwas zu tun. Ihre Knie wollten nicht mehr, gaben einfach nach. Und so saß sie da, mitten in der Sattelkammer auf dem kalten Steinboden, mit zitternden Händen und weinte. Etwas, das Annie eigentlich nicht tat. Mo war die Heulsuse von den beiden, nicht sie. Sie war die Starke. Sie zeigte keine Schwäche.

Aber jetzt war das alles egal. Es war niemand hier, der darüber urteilen konnte, ob ihre Reaktion angemessen war oder nicht. Ganz ungestört konnte sie einfach ihrer Enttäuschung über die letzten Tage und Wochen freien Lauf lassen.

Und während sie dort saß und die Tränen vor ihr auf den Boden tropften, wurde ihr klar, dass sie gar nicht mitmachen wollte. Sie wollte nicht einmal mehr hier sein. Annie hatte niemals Heimweh gehabt, egal, wo und wie lange sie weg gewesen war. Aber jetzt, in diesem Moment, wollte sie nur noch eines: Nach Hause. Zu ihrer Mum und ihrem Dad, zu ihrer kleinen Schwester und in ihr eigenes Zimmer. Sie wollte die Tür zu machen und ihre Ruhe haben können, ohne, dass Elisabetta ihr dauernd an den Kopf warf, dass sie ihre Sachen aufräumen oder leiser sein oder am besten aufhören zu atmen sollte. Sie wollte ihren Bruder wieder für sich haben, ihn nicht mehr mit Hedda teilen müssen und nicht ununterbrochen gute Laune vortäuschen müssen.

Annie hatte kein Gefühl dafür, wie lange sie auf dem kalten Boden saß, bis die Tränen endlich langsam versiegten. Es kam niemand vorbei. Alle waren unten auf dem Gelände.

Annie schniefte, wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. Dann stand sie langsam auf. Ihre Knie fühlten sich immer noch irgendwie schwammig an und auch der Knoten in ihrem Bauch schien noch da zu sein, aber irgendwie fühlte sich alles dumpf und leer an. Annie hatte eine Entscheidung getroffen.

Langsam schlurfte sie hinaus in die Sonne, die zwar angenehm wärmte, aber Annie nicht richtig zu erreichen schien. Sie band Freddy los und führte ihn an den anderen Pferden vorbei in den Auslauf.

„Es liegt nicht an dir, weißt du?“, murmelte sie mit brüchiger Stimme, während sie ihm das Halfter abnahm. Der Wallach stupste ihre Hand mit seiner weichen, rosa Nase an, als wollte er sie aufmuntern. Annie musste ein wenig lächeln, obwohl ihr schon wieder die Tränen in die Augen schossen. Sie streichelte Freddy zwischen den Augen. Der schloss die Augen und senkte den Kopf. Mit ihrer freien Hand wischte Annie sich die Tränen weg. „Na komm schon Kumpel“, nuschelte sie, „genieß deinen freien Tag, während die anderen arbeiten müssen. Du kannst dich doch an den Zaun stellen und sie auslachen, meinst du nicht?“

Sie klopfte Freddy noch einmal den Hals, dann wandte sie sich zum Gehen.

„Was was  was, Annie, haste kalte Füße?“

Annie fuhr herum. Sie hatte keine Ahnung, wo Becks hergekommen war und wie lange sie sie schon beobachtet hatte. Mit verschränkten Armen lehnte sie an der Heuraufe ein paar Meter entfernt und sah Annie mit einem undefinierbaren Blick an. Annie überlegte kurz, ob sie antworten sollte, doch sie wurde aus Becks einfach nicht schlau und hatte wirklich keinen Nerv, sich einen blöden Kommentar anzuhören. Deswegen drehte sie sich wieder um und ging weiter.

„Hey, jetzt warte mal!“ Sie hörte schnelle Schritte und im nächsten Moment stand Becks vor ihr und versperrte ihr den Weg. Annie fiel auf, dass Becks ein ganzes Stück kleiner war als sie selbst. Sie hätte sich wohl mit Leichtigkeit an ihr vorbeidrängeln können. Aber ihr fehlte die Energie. Und so blieb sie einfach resigniert stehen, starrte auf den Boden und fummelte an dem Strick in ihren Händen herum.

„Was ist los Annie? Warum bist du nicht mit den anderen Zombies unten beim Parcours?“

Annie sah auf. Kein Spott, kein Sarkasmus klang in Becks‘ Stimme mit. Sollte sie es wagen und ihr erzählen, was sie bedrückte? Eigentlich war ihr nicht nach reden zumute. Aber auch nicht nach Diskussion oder Kampf. Und schweigen schien nichts zu bringen. Also holte sie Luft und begann zu erzählen.

Annie war sich nicht sicher, ob Becks verstand, wovon sie sprach. Sie merkte selber, dass sie wirr hin und her hüpfte zwischen den Ereignissen. Immer wieder  stockte sie oder brach ab, weil schon wieder die Tränen hochstiegen. Als sie dazu kam, dass die anderen einfach ohne sie gegangen war, brach ihre Stimme ab. Sie schluckte.

„Also hab ich das richtig verstanden, du bist pissed, weil wer anders dein Lieblingspony hat und sich aufführt wie Gott in Frankreich und weil die anderen sich wie Arschlöcher benehmen und dich einfach sitzen lassen?“

Annie nickte. Wenn Becks es so sagte, klang es irgendwie peinlich und kindisch, sich deswegen so aufzuführen.

„Und deswegen willst du jetzt nicht mehr bei der Rallye mitmachen, für die du dich so krass angestrengt hast die letzten Wochen?“

Wieder nickte Annie.

„Verstehe.“

Einen Moment lang schwiegen beide. Dann ergriff wieder Rebecca das Wort.

„Okay also ich versteh voll, dass du sauer bist. Sind ja auch echt Vollpfosten. Solltest du denen auch sagen. Aber dass du jetzt einfach aufgibst, das check ich nicht.“

„Ich gebe nicht auf“, murmelte Annie. „Ich habe einfach keine Lust mehr.“

„Pffffff. Das ist Schwachsinn.“ Annie sah auf. Becks sah sie herausfordernd an. „Du hast dich die ganze Zeit drauf gefreut. Also machst du jetzt auch mit.“

Annie verzog das Gesicht. „Ich will aber nicht! Ich will einfach meine Ruhe!“ Rebecca lachte auf. „Ja, das will ich auch gern, aber hey, das Leben ist halt kein Ponyhof oder?“

Annie musste ein klein wenig lachen. „Eigentlich hier ja schon, oder?“, murmelte sie. Jetzt grinste auch Becks. „Ja, allerdings, aber so hatte ich mir das nicht vorgestellt.“ Sie lachte, dann, ohne zu fragen, nahm sie Annie das Halfter aus der Hand und ging auf Freddy zu, der genau da stand und döste, wo Annie ihn abgestellt hatte. Becks streifte ihm das Halfter über und führte ihn zu Annie, die sie etwas ratlos ansah. Becks hielt ihr den Strick vor die Nase. Als Annie nicht reagierte, wedelte sie damit.

„Los. Hier.“ Langsam und mechanisch hob Annie die Hand und nahm den Strick. Sie sah Rebecca fragend an.

„Jetzt schau nicht so blöd, Annie. Du bringst den jetzt raus, dann gehst du runter und schaust dir den Parcours an und dann reitest du mit und zeigst denen allen mal, was abgeht.“ Fast mehr aus Trotz als aus Überzeugung schüttelte Annie den Kopf. Becks hob die Augenbrauen. „Muss ich dich nach draußen prügeln, Annie?“

Jetzt musste Annie tatsächlich lachen. „Ich bin größer als du, du hast keine Chance!“ Becks grinste. „Das glaubst auch nur du. Los, komm, du bist eh schon spät dran. Wenn du willst, komm ich auch mit runter und polier denen allen mal die Fresse!“

Annie seufzte. „Okay, okay.“ Sie brachte Freddy raus und band ihn wieder an. Dann lief sie Rebecca hinterher, die bereits an der Ecke der Reithalle auf sie wartete. Im Laufschritt eilten sie hinunter auf das Gelände, denn natürlich war Annie zu spät dran. Zu ihrer Erleichterung sah Annie, dass die anderen noch am Zaun standen. Als sie fast dort waren, machten sie sich gerade auf den Weg auf den Prüfungsplatz. Obwohl Becks neben ihr schon ziemlich keuchte und hustete – Annie wusste, dass Rebecca ziemlich viel rauchte – rief sie etwas hinter der Gruppe her.

„Ey, ihr Pisser! Habt ihr nicht etwas vergessen?“

Mo, Hedda und leider auch Penny, die das Schlusslicht bildeten, blieben stehen und drehten sich mit überraschten Gesichtern um. Annie bemerkte mit Genugtuung, wie sich Heddas Miene versteinerte, als sie Rebecca sah. Mo hingegen wirkte schuldbewusst, was Annie tatsächlich ärgerte. Penny hingegen wirkte genervt und irgendwie überheblich.

„Hey Annie… wir… wir haben dich gesucht, aber du warst einfach weg … äh…“, stammelte Mo, dann sah er hilfesuchend zu Hedda, die aber damit beschäftigt war, Becks böse anzustarren.

„Ich war nur kurz auf dem Klo, so genau könnt ihr nicht gesucht haben!“, schoss Annie zurück und klang dabei schärfer, als sie geplant hatte. Allerdings gefiel es ihr durchaus, dass Mo zusammenzuckte und sogar Hedda aufhörte, Becks mit Blicken töten zu wollen und stattdessen Annie ansah. „Du hättest ja auch was sagen können!“, versuchte Mo sich zu verteidigen.

„Muss ich mich jetzt schon abmelden, wenn ich aufs Klo muss?“, giftete Annie ihn an und fühlte sich dabei richtig gut.

„Könnt ihr euch nachher weiterstreiten? Ich würde gern hören was Mister M zu sagen hat. Außerdem wollten wir noch die Geländegruppen tauschen“, mischte sich jetzt Penny ein.

„Was wollt ihr bei den Gruppen tauschen?“, fragte Annie irritiert, während sie näher kam. Mo druckste herum, doch dieses Mal antwortete Hedda. „Penny will nicht mit Nancy in einem Geländeteam sein, deswegen wollten wir unser Team aufteilen, damit sie bei uns mitmachen kann.“

Annie stockte. „Aha? Werde ich da auch zu gefragt?“

„Du warst ja nicht da“, gab Mo zurück. „Außerdem fragen wir dich doch gerade.“

„Und was, wenn es für mich nicht okay ist?“, gab Annie schnippisch zurück.

„Ach komm, Annie, wir verteilen es ja nur. Du kannst doch mit Faolán ein Team machen und Mo, Penny und ich…“

Doch Annie hatte genug. Genug von Hedda, die Mo in Beschlag nahm, als wäre es ihr Hund, genug von Mo, der einfach nicht den Mund aufbekam und genug von Penny sowieso.

„Ja ganz tolle Idee! Schiebt mich ruhig ab, bin ja eh bloß ein Klotz am Bein! Ich wette, eigentlich würdet ihr viel lieber ein Viererteam mit Faolán machen und mich ganz rauskicken, oder?“

Jetzt war es offenbar auch Mo zu viel. Er stampfte mit dem Fuß auf und machte einen Schritt auf seine Schwester zu.

„Ehrlich gesagt, Annie, so, wie du dich in letzter Zeit benimmst hätten wir das auch! Du zickst dauernd nur rum und bist ständig schlecht gelaunt! Und ich habe keine Lust, mich immer nur von dir anmeckern zu lassen! Echt, wir geben uns hier voll die Mühe immer nett zu dir zu sein und du bist immer nur kacke drauf! Das NERVT!“

„Ach, ICH nerve? Weißt du was, du nervst mich auch! Du und Hedda, ihr hängt immer zusammen und schließt mich total aus! Und dann seid ihr ‚nett‘ zu mir, wenn mich das stört! Wie gnädig von euch! Aber weißt du was? Ich brauche eure scheißblöde Gnade nicht!“

Jetzt mischte sich auch noch Hedwig ein. „Ach ja? Fein, dann ist es ja beschlossene Sache! Dann ist Penny jetzt bei uns im Team und du bist raus! Wir müssen uns das echt nicht von dir gefallen lassen, Annie!“

„FEIN!“ Annie brüllte jetzt und sie hatte das Gefühl, dass endlich der ganze Frust, der sich angestaut hatte, von ihr abfiel. Es interessierte sie auch nicht im Geringsten, dass die ganzen Leute um sie herum stehen geblieben waren und sie anstarrten und dass Mister Montgomery auf sie zugeeilt kam. „IHR KÖNNT MACHEN, WAS IHR WOLLT! MIR DOCH EGAL! ICH WILL EH MIT KEINEM VON EUCH MEHR REDEN!“

Hedda und Mo machten zeitgleich den Mund auf, um etwas zu erwidern, doch in diesem Moment ging Mister Montgomery dazwischen.

„Was ist hier los?“

Wie auf Kommando begannen Annie, Mo und Hedda sich zu rechtfertigen. Mister Montgomery hörte sich das kaum fünf Sekunden an, ehe er sie mit einem gebieterischen „HALT!“ unterbrach. Obwohl Annie noch einiges zu sagen hatte, verstummte sie.

„Okay, hören Sie, wir regeln Ihre kindischen Streitereien nach der Rallye. Heute ist ein großer Tag, Sie alle vertreten diesen Hof und ich verlange, dass Sie sich dementsprechend benehmen! Verstanden?“

Mister Montgomerys Ton ließ keinen Widerstand zu und so nickte Annie nur widerwillig, genau wie Mo und Annie.

„Gut“, fauchte Mister Montgomery. „Dann kommen Sie jetzt, wir müssen uns die Parcours jetzt im Schnelldurchlauf ansehen, damit wir pünktlich starten können.“

„Vielen Dank auch, Annie“, zischte Hedda, als sie sich hinter Mister Montgomery einreihte. Annie zeigte ihr – ganz in Becks-Manier – den Mittelfinger.

Während sie durch den Parcours hetzten und Mister Montgomery im Eiltempo ein paar Dinge erklärte, legte Annie Wert darauf, so viel Abstand zu Hedwig, Mo und Penny zu halten wie nur irgendwie möglich. Sie hatte gehofft, dass Becks sie noch ein wenig begleiten würde, aber als Annie sich nach Mister Montgomerys Ansage umgedreht hatte, war Becks schon verschwunden.

Nachdem sie auch im Eiltempo den Reitparcours besichtigt hatten, kehrte die komplette Gruppe zum Putzplatz zurück. Annie war sich nicht sicher, ob sie sich nun freute oder nicht. Der Aufenthalt auf den Prüfungsplätzen hatte dazu geführt, dass es sie in den Fingern juckte, endlich loszulegen und mitzureiten. Doch auf der anderen Seite drückte die Tatsache, dass sie jetzt kein Team mehr für die Geländeprüfung, auf die sie sich am meisten gefreut hatte, stark auf ihre Stimmung.

Als sie um die Ecke zum Putzplatz bog, tauchte plötzlich Becks neben ihr auf. „Na, alles gut gelaufen?“ Annie sah sie an. „Hmmm…“, murmelte sie. „Was ist los?“

Annie zuckte mit den Schultern. „Naja, ich kann halt jetzt bei der Geländeprüfung nicht mehr mitmachen, hab ja kein Team mehr…“

„Was habe ich da gehört?“, trällerte eine Stimme hinter ihnen. Becks und Annie fuhren herum. Chelsea VanSaller, in voller Reitmontur, tauchte aus der Reithalle auf. „Meine kleine Löwin hat kein Team mehr? Ach Schätzchen, wenn du möchtest, nehmen wir dich natürlich gerne mit! Gladiola und Alfred haben da sicherlich kein Problem mit!“

Annie fand allein die Vorstellung so verstörend, dass sie nicht mal in der Lage war, etwas zu sagen. Stattdessen schüttelte sie nur schnell den Kopf. Chelsea hob die Augenbrauen. „Bist du sicher? Du musst dir auch keine Sorgen machen, weil du  vielleicht beim Reiten noch nicht so fit bist! Wir nehmen da selbstverständlich Rücksicht drauf!“

Annie dachte fieberhaft nach, was zur Hölle sie darauf antworten sollte, als Becks sie am Arm packte und wegzog. Aus dem Augenwinkel erkannte Annie, dass Becks grinste.

Als sie außer Hörweite waren, begann sie zu lachen. „Weil du beim Reiten noch nicht so fit bist? Also ich würde mir eher Sorgen machen dass die den Ritt nicht schaffen!“

Annie kicherte ein wenig. Als Becks sich von ihrem Lachanfall erholt hatte, blieb sie stehen und sah Annie an. „Also Annie, jetzt ernsthaft. Willst du bei dem Geländeding mitmachen?“ Annie zuckte mit den Schultern. „Eigentlich schon, aber nicht mit denen…“ Becks legte den Kopf schief. „Aber wer anders wäre ok?“ Annie zögerte, nickte dann langsam. „Denke schon…?“ Rebecca nickte, dann zog sie Annie hinter sich her zur Putzstange, geradewegs auf Daryl zu. „Ey Quarktasche!“ Daryl fuhr herum und sah Becks leicht pikiert an. „Entschuldige… aber meinst du etwa mich?“ – „Nein, deine Oma, du Dumpfbacke! Ja natürlich mein ich dich! Ey sag mal an, du und die zwei anderen Sesselpupser, ihr habt doch noch nen Platz frei in eurem Geländezeugsteam , oder?“ Daryl hob überrascht die Augenbrauen und Annie war sich nicht sicher, ob Rebeccas Strategie, ihn zu beleidigen, die beste war.

„Nicht für mich du Hohlbirne!“, antwortete sie auf seinen irritierten Blick. „Für Annie.“

Daryl sah von Becks zu Annie und wirkte ausgesprochen überrascht. „Ich dachte, du bist mit deinem Bruder, Hedda und Faolán im Team?“ – „Nicht mehr…“, murmelte Annie. Daryl zögerte, dann hob er eine Hand. „Warte kurz Annie.“ Er huschte zu Adrian und Dennnis, deren Pferde nebeneinander standen und sprach leise mit ihnen. Es dauerte nicht einmal eine Minute, bis er wieder kam. Er lächelte breit. „Du kannst sehr gerne bei uns mitmachen, wenn du möchtest!“, flötete er. Annie konnte nichts dagegen tun, dass sich ein Strahlen auf ihrem Gesicht ausbreitete. Sie nickte. Mit Daryl, Adrian und Dennis in einem Team zu sein war zwar sicherlich nicht das Highlight des Tages, aber es war immer noch besser als gar nicht teilnehmen zu dürfen.

„Na dann, herzlich Willkommen im Team Sonnenvogel!“, strahlte Daryl. Ein Blick zu Adrian und Dennis verriet Annie, dass dieser Name wohl nicht abgesprochen war, aber es störte sie nicht. Hauptsache, sie war dabei. Daryl zwinkerte ihr zu. „Dann sehen wir uns spätestens heute Mittag, liebe Annie! Ich wünsche dir viel Glück für deine anderen Prüfungen!“ Mit diesen Worten wandte er sich wieder seinem Pferd zu.

Annie sah Becks an. „Ähm… danke!“, murmelte sie. Becks lächelte. Eine Geste, die Annie bei ihr bis jetzt noch nicht gesehen hatte. Am liebsten hätte sie sie umarmt, aber sie war sich nicht sicher, ob sie das überlebt hätte. „Hey, musst du nicht langsam mal dein Pferd fertig herrichten?“, fragte Becks plötzlich. „Ou, ja…“ Annie nickte. „Bist du noch eine Weile hier?“, fragte sie vorsichtig, doch Becks schüttelte den Kopf. „Ich müsste eigentlich schon längst unten irgendwo sein. Jack dreht mir vermutlich eh den Hals um weil ich Blondie so lange allein gelassen habe.“

„Oh okay.“ Annie schaffte es nicht ganz, ihre Enttäuschung zu verbergen, doch Becks grinste. „Ich schau dann mal zum Parcours wenn du dran bist, okay?“

Annie strahlte und nickte. „Dann bis später“, zwinkerte Becks und machte sich davon. Annie sah ihr noch kurz nach, dann wandte sie sich Freddy zu. Er war fertig geputzt und Annie hatte entschieden, ihm keine Zöpfe zu flechten, wie ein paar der anderen es taten, denn erstens war Freddys Mähne irgendwie dünn und zibbelig, so dass das Geflochtene nicht richtig hielt und zum anderen bekam Annie eh keine gleichmäßigen Zöpfe hin. Sie beschloss daher, mit Freddy schon mal ein wenig auf dem Gelände spazieren zu gehen und ihm schon mal den Parcours zu zeigen. Sie sagte niemandem Bescheid und war selber fast ein wenig überrascht, dass es sie gar nicht wirklich störte, dass sie sich soeben mit den anderen verkracht hatte. Tatsächlich fühlte sie sich in diesem Moment einfach frei. Frei und bereit, es bei der Rallye allen zu zeigen!



*




Es war noch nicht mal zehn Uhr und Elisabetta hatte bereits die Migräne ihres Lebens. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, ihre Hilfe für die Organisation der Rallye anzubieten? Sie hätte sich auch einfach einen gemütlichen, freien und vor allem RUHIGEN Tag in ihrem Zimmer machen können, ohne Annie, ohne Pferde und ohne Stress. Aber irgendwie hätte sie dann wohl ein schlechtes Gewissen gehabt, befürchtete sie. Also hatte sie sich einen Job ausgesucht, der zu Beginn eigentlich recht entspannt geklungen hatte: Kaffee und Getränke verkaufen. Aber Elisabetta hatte nicht zu Ende gedacht. Denn zum Einen fiel ihr irgendwann auf, dass es sich ja nicht um ein Stündchen handelte, sondern das Event den ganzen Tag andauerte. Zum anderen wurde ihr dann auch klar, dass sie stundenlang in der schwülwarmen Hitze und einer beständigen Lärmkulisse nett zu Fremden sein musste. Immerhin hatten sie zwar ein Zelt und mussten nicht in der prallen Sonne stehen, aber das machte es nur geringfügig besser.

Das Schlimmste aber war, dass sie nicht darüber nachgedacht hatte, dass sie ja irgendjemand noch unterstützen sollte. Und dieser irgendjemand entpuppte sich ausgerechnet als die durchgeknallte und irgendwie verwirrt wirkende Despina Red, die ab dem Moment, da sie zu Elisabetta ins Verkaufszelt geschlüpft war, ununterbrochen redete. Anfangs hatte Elisabetta sich noch bemüht, ihr zuzuhören und ein ums andere Mal höflich genickt, aber mittlerweile hatte sie auf Durchzug geschaltet. Despina schien das nicht im Geringsten zu jucken. Sie plapperte munter weiter, während sie geschäftig in dem kleinen Zelt herumwuselte. Den einzigen Vorteil, den es hatte, dass Despina sie unterstützte war, dass diese anscheinend ausgesprochen gerne den Kontakt zu anderen Menschen suchte. So waren die beiden irgendwie von selbst zu der Übereinkunft gekommen, dass Despina die Bestellungen aufnahm, während Elisabetta den Kaffee zubereitete und die gewünschten Getränke aus dem extra herbeigeschafften Kühlschrank suchte. Sie hoffte, dass der Besucheransturm weiterhin so gut verteilt blieb, damit sie nicht in die Verlegenheit kam, ebenfalls mit den Leuten reden zu müssen.

Eine Frau bestellte einen Kaffee und eine Limonade. Wortlos stellte Elisabetta die Flasche auf den Tisch, der als Tresen diente und rieb sich die Schläfen, während sie darauf wartete, dass der Kaffee komplett in die Tasse gelaufen war. Gerade, als sie die Tasse aus der Maschine nahm, klang eine lautsprecherverstärkte Stimme über das Gelände.

Liebe Gäste, liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer, wir begrüßen Sie recht herzlich zu unserer diesjährigen Sommerrallye! Wir hoffen, Sie haben einen schönen und erfolgreichen Tag. Die ersten Prüfungen beginnen in Kürze. Wie jedes Jahr werden wir mit der Bambiniklasse für unseren Nachwuchs starten. Wir wünschen Ihnen einen schönen Tag!“

Hier und da brandete ein wenig Applaus auf und es kam Bewegung in die Leute, die auf dem Gelände herumstanden und sich unterhielten. Einen Vorteil hätte Elisabettas Arbeitsplatz gehabt, hätte sie Interesse an dem Geschehen gehabt: Das Getränkezelt war so zwischen den beiden Prüfungsplätzen platziert, dass sie beide Parcours zumindest zum Teil sehen konnte. Die Leute sammelten sich nun mehr und mehr an den Zäunen rund um die Plätze. Einige Pferde hatte sie auch schon gesehen und sie hoffte inständig, dass niemand auf die Idee kam, seinen Gaul mit zum Getränkezelt zu schleppen.

„Oooooh schau doch nur, wie niedlich die sind!“,  trällerte Despina entzückt. Elisabetta sah reflexartig in die Richtung, in die Despina zeigte.  Am Rand des Geländes waren mehrere recht kleine Pferde aufgetaucht. Ein paar von ihnen wurden von winzigen Kindern in Reitklamotten geführt, andere trugen die Zwerge bereits auf ihrem Rücken.

Elisabetta verzog das Gesicht. Sie fand, noch schlimmer als Pferde mit Erwachsenen und Teenagern waren Pferde mit Kindern. Trotzdem beobachtete sie die Truppe, die sich langsam verteilte. Ein paar blieben bei dem Bodenarbeitsparcours, andere zogen weiter zur Reitaufgabe. Vier der Kinder kamen auf dem Weg unterhalb des Zeltes vorbei. Eines fiel Elisabetta besonders ins Auge. Es war ein ziemlich winziges Mädchen, das auf dem größten der Ponys saß und von einer irgendwie resigniert wirkenden Frau geführt wurde. Das Mädchen war in ein, wie es schien nagelneues Turnieroutfit gekleidet, weiße Hose, rosa Bluse, schwarzes Jackett mit Strasssteinchen besetzt. Glänzende schwarze Lederstiefel, auf die Elisabetta, wäre es ihre Größe gewesen, vielleicht sogar ein bisschen neidisch gewesen wäre und ein überdimensional wirkender Reithelm, auf dem ebenfalls rosa Strasssteinchen funkelten.

Das Pferdchen unter ihr war zart, es sah irgendwie aus wie einem Barbiefilm entsprungen. Sein Fell war glänzend und hellgolden (anders konnte sie die Farbe nicht beschreiben) und das Pferd schien ebenfalls zu glitzern. Elisabetta fand, das Tier wirkte unwahrscheinlich teuer. Sie hob die Augenbrauen. „Na ob ein Kind in dem Alter schon so ein Pferd braucht? Die scheinen echt zu viel Kohle zu haben…“, stellte sie trocken fest. Despina sah sie an. „Aber das ist doch gar nichts Schlechtes, wenn Eltern ihren Kindern viele ermöglichen können! Ich habe als Kind nie die Gelegenheit gehabt zu reiten, obwohl ich es mir so gewünscht hätte…“

Despina laberte weiter, aber Elisabetta hörte ihr nicht mehr zu. Ihre Schläfen pochten und just in diesem Moment begann das kleine Mädchen auf dem Barbiepferd zu kreischen.

„Miss Bell! Das Mädchen hat eine Glitzergerte! ICH WILL AUCH EINE GLITZERGERTE!“ Die Frau, die das Kind führte, sah aus, als würde sie am liebsten anfangen zu weinen. Mit merkwürdig hohler Stimme antwortete sie: „Nein Bridget, das geht jetzt nicht mehr. Ich kann dir jetzt keine neue Gerte mehr besorgen.“

Das Mädchen begann, mit den Fäusten auf ihren Sattel zu schlagen und schrie: „Ich WILL ABER! ICH WILL WILL WILL! MIS BE-HELL!“ Sogar Elisabetta, die sich ja nun wirklich nicht mit Pferden auskannte, konnte sehen, dass das Pony kurz davor war, das Kind abzuwerfen und sich aus dem Staub zu machen. Und sie fand, das Tier hätte durchaus Recht gehabt. Doch die Frau, die nun kurz vor einem Nervenzusammenbruch zu stehen schien, hielt das arme Pony fest und versuchte, das Kind zu beruhigen. „Schau Bridget, jetzt haben wir doch für dich extra die Gerte mit dem Pferdekopf dran gekauft. Die wolltest du gestern noch unbedingt haben! Und du bist noch gar nicht damit geritten und…“ – „ABER DIE GLITZERT NICHT!“, kreischte das Kind und hackte nun auch noch mit ihren kleinen Fersen in den Bauch des Pferdes.

„Bridget! Was haben wir darüber gesagt, was passiert wenn du deine Wut an deinem Pony auslässt?“

„ICH-WILL-EINE-GLITZER-GERTE!!!“ – „BRIDGET! Hör jetzt zu!“ Jetzt schien die Frau wirklich drauf und dran zu sein zu weinen. „Wir machen heute deine Prüfungen mit der wunderschönen neuen rosa Pferdegerte. Und am Montag besorgen wir dir eine Glitzergerte okay? Wenn du möchtest sogar zwei!“

Das Mädchen namens Bridget hielt inne. Sie schien nachzudenken. Das Pony sah aus, als hätte es schon mindestens zwei Herzinfarkte in den letzten zwei Minuten erlebt.

„Also… Daddy kauft mir am Montag zwei neue Gerten und einen neuen Stirnriemen für Bubblegum und dafür reite ich heute mit der blöden Pferdegerte?“ Das Gesicht der Frau entspannte sich ein wenig.

„So machen wir das, Bridget. Genau so. Und jetzt komm, wir müssen doch als erstes in den Parcours!“

Sie setzte sich wieder in Bewegung und Elisabetta hörte noch, wie das Kind rief: „Ich will aber nicht als erstes!“

Zum Glück verschwanden Pony, Kind und Frau aus Elisabettas Hörweite. Sie hatte das Bedürfnis, ihren Kopf gegen irgendetwas Hartes zu schlagen, aber nachdem sie sowieso schon so starke Kopfschmerzen hatte, war es vermutlich keine so gute Idee. Anscheinend hatte auch Despina das Gespräch verfolgt.

„Ist das nicht niedlich, wenn ein so kleines Kind schon so einen starken Willen hat?“, fragte sie verzückt. Und spätestens jetzt war Elisabetta sich absolut sicher: Sie war definitiv im Irrenhaus.
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