Das Leben ist kein Ponyhof - Das Geheimnis von Whitehorse Castle (MMFF-Anmeldung geschlossen)

MitmachgeschichteMystery, Freundschaft / P16 Slash
02.08.2016
15.08.2020
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22.04.2019 12.509
 
Euch allen noch Frohe Ostern :-)

***


Nachdem das Wetter sich auch zu Beginn der Woche kaum besserte, ging es recht ruhig zu in Whitehorse. Kaum einer der Einsteller verirrte sich in diesen Tagen in die Highlands, nicht einmal Hedwig konnte sich aufrappeln. Sie hatte nach der Party wohl einfach nur noch das Bedürfnis, zu schlafen. So war auf dem Gelände nahezu keine Menschenseele zu sehen. Sogar die Pferde blieben die meiste Zeit freiwillig in einem der Unterstände unter Dach, wo sie Regen und Wind entkommen konnten. Zwei Mal am Tag sah man Reitschüler in Regenjacken mit hochgezogenen Schultern ein Pony vom Stall zur Reithalle und etwa eine Stunde später wieder zurück führen (oder – in Mos Fall – eher ziehen) und wenn man sich bemühte, entdeckte man ab und an auch zwei Mädchen und einen jungen Mann, die in Gummistiefeln und mit Schaufel und Schubkarre bewaffnet durch den Auslauf stapften.

Als schließlich am Mittwoch das erste Mal seit Tagen wieder die Sonne hinter den Wolken hervorkroch und die Pfützen im Hof zum Schillern brachte, sich in den vielen Wassertropfen auf den Gräsern der Ländereien brach und die Wiesen glitzern ließ, schien sich das Gelände plötzlich in ein Ameisennest zu verwandeln, in dem es wimmelte und wuselte.
Bereits am frühen Vormittag standen die Parkplätze vor der Reithalle komplett voll, und das lag nicht allein an Chelseas verbeultem, blauen VW-Bus, der wieder einmal sieben Parkplätze in Anspruch nahm. Wäre Paul in diesem Moment mit seinem Helikopter über dem Hof gekreist, hätte er auch Alfreds blitzeblanken BMW, Callistas schwarzen SUV, den schicken Chevrolet von Daryls Eltern, den er sich häufig auslieh, sowie Despinas uralte, verbeulte Suppenschüssel (so nannte Callista das Auto immer) erkennen können.
Dementsprechend kuschelig war es auch auf dem Putzplatz, besonders, da auch noch drei Schulpferde zwischen Odin, Wanathon, Seppl dem Gaul und Charlene an der Anbindestange standen. Ein unabhängiger Beobachter hätte sich sicher gewundert, warum ein einzelnens Pferd die komplette Stange rechts der Stalltür allein in Anspruch nahm, während sieben andere sich die linke Stange teilten. Jeder, der Lady kannte, fragte sich das natürlich nicht.

Auch Gladiola MacAllistor hatte beschlossen, das gute Wetter zu nutzen, denn auch sie hatte die letzten Tage den Stall nicht besucht. Doch die große Sommerrallye stand ja mittlerweile kurz bevor und sie hielt es für sinnvoll, vorher noch ein paar Mal auf dem Pferd gesessen zu haben. Denn natürlich würde auch Gladiola daran teilnehmen! Es kamen ja schließlich viele gute Reiter aus der Umgebung, manchmal sogar von weiter weg – also die perfekte Gelegenheit, um wieder einmal zu beweisen, wie gut sie reiten konnte.
Einen Haken hatte die Sache natürlich: Bobby war nicht der große Fan von Trouble. Es war nicht so, dass er Angst vor etwas hatte, nein. Aber er suchte gerne nach Anlässen, ohne Absprache zum Stall zurück zu kehren (ob mit oder ohne seine Reiterin war in diesem Fall für ihn nebensächlich). Und lärmende, applaudierende Menschen, wehende Fahnen oder große, am Boden liegende Plastikplanen galten durchaus als Anlass.
Doch Gladiola nahm das als Herausforderung. Sie war bereits mehrmals bei der Rallye mitgeritten und hatte durchaus Spaß daran gefunden (auch wenn Bobby und sie nicht immer einer Meinung gewesen waren). Außerdem war es mittlerweile zu einem kleinen, hofinternen Wettstreit geworden. Auch Chelsea nahm regelmäßig daran teil, genau so wie Alfred Riedl. Sogar Despina hatte es einmal versuchen wollen, doch sie war damals bereits daran gescheitert, dass Lady sich gar nicht in die Nähe des Wettkampfgeländes hatte führen lassen.
Kurz gesagt, Gladiola freute sich auf das Wochenende und war hoch motiviert. Natürlich plante sie bereits ihr Outfit, gar nicht so einfach, sich für eines zu entscheiden, denn schließlich wollte sie im Partnerlook mit ihrem Pferd sein. Bobby besaß aber um die fünfzig Satteldecken, und es fiel ihr schwer, eine auszuwählen. Während sie ihr Auto aus der Einfahrt vor ihrem großen Haus (das selbstverständlich ihr Ehemann finanzierte, dieses Weichei) steuerte, überlegte sie, welche Farbe wohl am passendsten wäre. Gelb? Oder vielleicht eher einen kühleren Ton wie blau oder grün? Ein starkes, lautes Rot, um die anderen schon von vorneherein einzuschüchtern? Außerdem passte rot ausgesprochen gut zu Bobbys grau-weißem Fell. Sie könnte natürlich auch noch einmal in das große Reitsportgeschäft in der Stadt fahren und sich etwas Neues für die Rallye kaufen.
Gladiola musste unwillkürlich lächeln. Früher hatte sie sich immer nur Gedanken darüber gemacht, welche hübschen Sachen sie für sich kaufen sollte. Noch vor fünf Jahren hätte sie niemals daran gedacht, dass sie einmal mehr Geld für ein Pferd, als für sich selber ausgeben würde. Denn tatsächlich hatte sie nie geplant, ein Pferd zu besitzen. Gladiola war als Kind ab und zu geritten, und in späteren Jahren hin und wieder im Urlaub. Ihrer Meinung nach war das zwar als Grundlage mehr als genug, um sich selber als gute Reiterin bezeichnen zu können, doch sie war nie ein typisches Pferdemädchen gewesen.
Und so war auch der Kauf von Bobby reiner Zufall gewesen. Gladiola erinnerte sich an den Tag, als wäre er erst gestern gewesen. Sie hatte wieder eine ihrer Phasen gehabt. Phasen, in denen sie sich so fehl am Platz fühlte, eine unbeschreibliche Leere in sich spürte. Dann kamen Emotionen und Erinnerungen in ihr hoch, die sie normalerweise sorgfältig in den Untiefen ihrer Gedanken wegsperrte, dort, wo sie niemals ans Licht kamen. Aber wenn sie gestresst war (also noch gestresster als sonst, sie war schließlich selbständige Unternehmerin, sie war IMMER im Stress) und ihr dann auch noch ihr weinerlicher Mann auf die Nerven ging, dann krochen genau diese Gefühle aus ihren Verliesen und schlichen sich in Gladiolas Gedanken ein. Dann dachte sie oft darüber nach, wie es ihr wohl ergangen wäre, wäre sie in einer anderen familiären Situation, einem anderen Umfeld, einer anderen gesellschaftlichen Schicht groß geworden, wo sie mehr Freiraum gehabt hätte, weniger Konventionen, an die sie sich halten musste, weniger Regeln, die sie zu befolgen hatte.
Doch es war nun einmal, wie es war und so hatte sie über die Jahre eine andere Methode gefunden, die Gefühle zu unterdrücken und die Leere in ihrem Herzen zu füllen: Sie ging shoppen. Und zwar so richtig. Je größer ihr emotionaler Frust war, desto höhere Summen gab sie in der Regel aus. Natürlich kaufte sie gerne ganz gewöhnliche Dinge wie Schuhe, Klamotten oder teures Parfüm, doch hin und wieder reichten diese Kleinigkeiten nicht aus. Dann musste es zum Beispiel mal ein kleiner, schicker Sportwagen sein.
Und an jenem verhängnisvollen Tag, sie war gerade auf dem Weg in die Stadt, um sich dort einen hübschen, kleinen SUV anzusehen, hielt sie an einer kleinen Tankstelle auf der Strecke an, um zu tanken. Da vor ihr an der Kasse eine sehr sehr, SEHR alte Frau stand, die ihre Häkel-Zeitschrift in kleinsten Penny-Münzen bezahlte, hatte Gladiola Zeit, die etwas heruntergekommene Pinnwand mit Verkaufsanzeigen zu studieren. Die meisten Zettel, die dort hingen waren staubig und vergilbt, doch eine Notiz schien ganz neu zu sein.
Schweren Herzens an Bestplatz zu verkaufen, stand fett und rot als Überschrift über dem recht verpixelten Foto eines schwarzen, sehr fetten Ponys (Gladiola bemerkte nicht, dass das Pferd dick war. Sie hatte ja keine Ahnung, woran man erkannte, ob ein Pferd die richtige Figur hatte).
Mehrmals las Gladiola den Text unter dem Bild durch.

„Aufgrund familiärer Umstände müssen wir uns leider von unserem lieben, braven Bobby trennen. Er ist 4 Jahre alt, angeritten, brav beim Schmied und lässt sich problemlos verladen. Platz vor Preis!“


Gladiola bezahlte geistesabwesend, dann stieg sie wieder in ihr Auto. Auf dem Zettel hatte eine Adresse gestanden. Sie kannte die Gegend hier gut und wusste, dass es kaum ein Umweg war, dort vorbei zu fahren. Und so stand sie eine Viertelstunde später auf der Straße vor einem schon etwas in die Jahre gekommenen Gehöft. Auf matschigen Koppeln standen einige Pferde und Ponys, alle bis zu den Ohren voll mit verkrustetem Dreck. Gladiola versuchte, auf die Entfernung das schwarze Pony von dem Foto zu identifizieren, doch mit dem dunklen Dreck sahen alle Pferde gleich aus. Ein wenig suspekt hatte sie diesen Ort schon gefunden, doch gerade, als sie entschieden hatte, dass sie einfach weiter zu fahren, ertönte eine laute, tiefe Stimme.
„Kann man was helfen?“
Es klang nicht direkt unfreundlich, aber die Tonlage ließ deutlich darauf schließen, dass Gäste hier wohl nicht ganz so gerne gesehen waren.
Gladiola hob schnell entschuldigend die Hände.
„Oh, nein, alles gut! Tut mir Leid, ich hatte nur eine Verkaufsanzeige von Ihnen gesehen, und weil ich sowieso auf dem Weg war, dachte ich, ich schaue kurz mal vorbei! Ich hätte vielleicht anrufen sollen...“
Sie machte ein paar Schritte in Richtung ihres Wagens. Doch der Mann war hellhörig geworden.
„Ach... Sie meinen die Anzeige für diesen Mistg... ich meine... für unser liebes Familienpony?“
Sein Tonfall war mit einem Mal viel freundlicher, klang geradezu erleichtert (Eine Tatsache, die für Gladiola eigentlich eine erste Warnung hätte sein sollen). „Na, dann kommen Sie doch rein, ich habe gerade zufällig Zeit, dann zeige ich Ihnen den kleinen Kerl doch mal!“
Und so hatte sich Gladiola ganz ohne Kenntnis oder Erfahrung ein Pferd angesehen. Bobby stand nicht wie die anderen Pferde, die laut des Besitzers alle tolle, hochkarätige Sportpferde waren, auf einer der Matschkoppeln. Er stand alleine in dem düsteren, etwas stickigen Stall (für einen Pferdekenner wäre das Warnung Nummer zwei gewesen) und reckte seinen kurzen, dicken Hals so gut er konnte über die Boxentür. Als er die Besucher bemerkte, wieherte er aufgeregt. Und als Gladiola ihn da so sah, seine großen, braunen Knopfaugen, die selbst in dem dunklen Stall frech funkelten, da war es schon um sie geschehen. Nur noch mit halbem Ohr hörte sie, wie der Mann irgendetwas neben ihr faselte von wegen „hin und wieder ein wenig eigensinnig“ und „aus Versehen vom Reiter getrennt“, doch war es ihr absolut egal. Dieses Pferd musste das Ihre werden. Egal um welchen Preis! Hätte sie doch nur besser zugehört.
Aber Gladiola hatte nur noch eine Frage auf dem Herzen: „Und... was soll der hübsche Bub kosten?“
Gladiola bemerkte nicht die Erleichterung in den Augen des Mannes, ehe er bemerkte: „Ooouh uff, also, uns ist vor allem wichtig, dass er einen guten Platz bekommt, also es wäre gut, wenn ich wüsste, dass Sie bereits einen Stallplatz für ihn hätten, hier kann er ja leider nicht bleiben, also wir haben noch eine Interessentin, die uns jetzt 3000 Pfund geboten hat und sich nun wegen Boxenmieten erkundigt...“ (ihr ahnt es schon, Warnung Nummer vier).
Gladiola unterbrach ihn. „Ich zahle 4000. Und morgen sage ich Ihnen, wo ich ihn unterstelle.“
Der Mann legte den Kopf schief. „Nun, es ist also kein Problem für Sie, dass sie nicht Probereiten können? Ich hätte Ihnen ja unseren hübschen Reitplatz zur Verfügung gestellt, aber leider ist der wegen Bauarbeiten gerade nicht nutzbar...“ (Ja richtig, das wäre Warnung Nummer fünf gewesen).
Gladiola aber schüttelte entschlossen den Kopf. „Nein, das ist kein Problem. Morgen habe ich einen Stallplatz für ihn.“

Einen Tag später war Gladiola wieder vorgefahren. Und tatsächlich hatte sie einen Stallplatz für Bobby gefunden. Der Mann wirkte hocherfreut, ja geradezu euphorisch. Gladiola deutete das einfach als Reaktion darauf, dass das geliebte Familienpony einen guten neuen Platz bekam. Es wunderte sie auch kein bisschen, dass der Mann zwar anbot, Bobby (natürlich gegen einen kleinen Aufpreis) zum neuen Stall zu transportieren, aber nicht wollte, dass sie beim Verladen des Pferdes anwesend war. Und obwohl Ramona damals schon skeptisch fragte, warum Bobby am Hof mit fast drei Stunden Verspätung eintraf (obwohl sein Heimatstall nur etwa eine halbe Stunde entfernt lag), glaubte Gladiola dem Verkäufer, der darauf beharrte, dass für die Verspätung nur ein technischer Defekt am Hänger verantwortlich gewesen war, den er erst hatte beheben müssen, und dass es keinenfalls daran lag, dass Bobby nicht in den Hänger hatte steigen wollen.

Nun ja, jetzt im Nachhinein musste Gladiola sich eingestehen, dass der Mann vielleicht nicht ganz die Wahrheit gesagt hatte was Bobbys Verhalten und Leistungsstand anging. Nicht nur, dass man ihn kaum führen konnte, weil er sich ständig spontan losriss und bockend davon galoppierte. Er machte auch den Eindruck, noch nie einen Reiter auf dem Rücken gehabt zu haben. Gladiolas erster Reitversuch hatte im Sand geendet (der zweite, dritte, vierte und fünfte übrigens auch. Danach hatte sie Mister Montgomery um Hilfe gebeten). Auch beim ersten Hufschmiedtermin hatte sich Bobby nicht gerade von seiner besten Seite gezeigt und stattdessen den Schmied durch den Stall katapultiert (Gladiola hatte dann entschieden, dass Bobby vielleicht keine Hufeisen brauchte).
Aber egal, was der kleine Apfelschimmel auch tat – Gladiola liebte ihn von ganzem Herzen. Und nachdem sich Mister Montgomery dem Pony ein paar Monate angenommen hatte, war Bobby nun zumindest auch reitbar. Und zudem hatte Gladiola noch ein neues Hobby dazubekommen: Sie musste nun nicht mehr immer Schuhe und Handtaschen kaufen, wenn sie wieder einmal das Bedürfnis überkam, zu shoppen. Stattdessen stockte sie nun eben Bobbys Schrank auf mit Schabracken, Halftern, Bandagen, Gamaschen, Decken und Fliegehäubchen in unterschiedlichsten Farben.

Und nun, ein paar Tage vor der großen Sommerrallye, schien es durchaus gerechtfertigt, ihr Sortiment zu erweitern. Gladiola war so in Gedanken versunken, dass sie kaum merkte, wie sie den ihr so bekannten Weg fuhr und hätte um ein Haar einen verbeulten weißen Kleinlaster gerammt, der auf der staubigen Zufahrtsstraße mitten im Nirgendwo am Wegrand parkte. Gladiola schüttelte den Kopf. Diese Touristen parkten wirklich überall, und es war eindeutig ein Tourist, denn er parkte auf der falschen Straßenseite und außerdem hatte er ein ausländisches Nummernschild.
Gladiola konnte natürlich nicht ahnen, dass dies der selbe Wagen war, der ein paar Tage zuvor fast einen Unfall mit einem Linienbus, in dem ein rothaariges Mädchen saß, gehabt hätte, und dass dessen Eigentümer in keinster Weise mit der Absicht hier war, Urlaub zu machen.

*


Auch Despina nutzte das gute Wetter. Sie hatte den Mittwoch Vormittag überraschend frei bekommen und so hatte ihr Entschluss, ihr Pferd zu besuchen, schnell gestanden. Extra früh war sie daher in ihr Auto gesprungen, hatte ein kurzes Stoßgebet, es möge auf Anhieb anspringen, gen Himmel geschickt (es hatte gewirkt!) und war tatsächlich rechtzeitig in Whitehorse eingetroffen. Rechtzeitig in dem Sinne, dass Lady noch nicht in den Auslauf gebracht worden war und sie daher eine Chance hatte, sie zu holen. Wie immer brauchte sie sehr, sehr lange, bis Lady geputzt war, denn wie immer zeigte sie doch recht deutlich, dass sie einfach nicht gerne geputzt wurde. Oder angefasst. Oder angeschaut. Oder aber, wie Pina es gerne ausdrückte: Sie zeigte einfach deutlich, wo sie überall kitzelig war (die Antwort war: ÜBERALL).
Als Pina schließlich schon recht erschöpft die letzte Bürste zurück in den Putzkasten fallen ließ, hatte sich der Putzplatz deutlich gefüllt. Nicht nur die Ferienkids hatten ihre Schulpferde angebunden.
Alfred Riedl stand lässig an die Anbindestange gelehnt, und während seine Frau „den Gaul“ holen war, erzählte er Chelsea und Daryl gerade großspurig davon, was er doch für ein begnadeter „Plescha“-Reiter (Callista, die ebenfalls zum Zuhören gezwungen war, klärte Chelsea später darüber auf, dass „Pleasure“ eine Disziplin im Westernreiten war) sei, und dass er, würden ihm seine Bandscheiben nicht so zu schaffen machen, sicherlich auch erfolgreich an Turnieren teilnehmen könne. Aber das sei ja sowieso nicht seine Welt, das Leistungsreiten, da vergehe einem doch der Spaß an der Sache!
Zumindest in diesem Punkt musste Pina, die dem Gespräch schweigend lauschte, dem bayerischen Cowboy zustimmen. Sie selbst hatte auch keinerlei Turnierambitionen. Sie fand, Turniere seien einfach nur unnötiger Stress für die Tiere. Allgemein schien – zumindest in Ladys Fall – das Reiten allgemein Stress für das Tier zu sein. Je nach Tagesform mal mehr, mal weniger. An diesem Vormittag wirkte Lady wieder besonders gereizt. Despina entschied daher, Lady nicht zu reiten. Stattdessen erinnerte sie sich an eine Sendung, die sie im Fernsehen gesehen hatte. Dort hatte eine Energie - Therapeutin ein ähnlich schwieriges Pferd durch Handauflegen und bestimmte Bewegungen geheilt. Das sah im Fernsehen wirklich sehr einfach aus und so wollte Despina das auch mal versuchen. Leider scheiterten ihre Versuche bereits im Ansatz. Die Therapeutin hatte erklärt, es sei nötig, immer beide Hände auf das Pferd zu legen, um die Energie leiten zu können. Nun, das war bei Lady leider nicht möglich. Denn in der Regel war es so, dass sie eine Hand auf dem Rücken tolerierte, so lange die andere bereit war, sie am Halfter zu packen, wenn Lady den Kopf nach hinten drehte um zu beißen. Und wenn Despina beide Hände auf Ladys Rücken ablegte, war sie leider vollkommen ungeschützt, wenn gebleckte Zähne auf sie zurasten.
Man musste es Despina wirklich als Stärke anrechnen, dass sie sich trotzdem nicht entmutigen ließ und nun bereits seit fünf Jahren Tag um Tag mit Engelsgeduld daran arbeitete, Lady berühren zu dürfen.
Tatsächlich hatte Pina nicht die geringste Ahnung, was die Stute in ihrem Leben bereits mitgemacht hatte. Daher wusste sie auch nicht, wo sie ansetzen sollte um Lady für sich zu gewinnen. Bisher war noch kein Ansatz geglückt.
Sie hatte Jack vor einiger Zeit darum gebeten, mit Lady zu arbeiten. Seitdem hatte sich das Verhalten des Pferdes schon verändert. Nicht deutlich, aber zumindest Jack gegenüber schien sie freundlicher zu sein (soweit das bei Lady das richtige Wort war).
Despina wünschte sich eigentlich, selber einmal so schöne Freiarbeit mit Lady machen zu können, wie Jack es mit Lana machte. Jacks Pferd war ja nur ein paar Jahre älter als Lady und auch bei Despinas Stute war es vermutlich nicht mehr so lange hin, bis sie sie nicht mehr reiten könnte. Doch dann hatte sie Jack zugeschaut, wie er mit Lady gearbeitet hatte. Und es hatte bei weitem nicht so harmonisch gewirkt wie mit Lana. Lady war mit angelegten Ohren rückwärts tretend auf den blonden Stallburschen zugesprungen und hatte aktiv versucht, ihn anzugreifen. Pina hatte so eine Angst um Jack und auch um die Gesundheit ihres Pferdes gehabt, dass sie prompt in Tränen ausgebrochen war. Sie selber hätte wohl die ganze Aktion so schnell wie möglich abgebrochen, um Lady aus dieser ihr so offensichtlich unliebsamen Situation zu befreien. Doch nicht Jack. Er hatte eine Plastiktüte an eine lange Longierpeitsche gebunden und jedes Mal, wenn Lady ihn anzugreifen versucht hatte, hatte er sie wieder weggescheucht.
Jack beendete die Einheit erst, als Lady (bereits klitschnass geschwitzt) den Kopf senkte und sich von ihm über den Hals streichen ließ. Despina war fertig mit den Nerven. Sie beschloss daher, Jack zwar weiter um Hilfe zu bitten, aber sich diese Tortur nicht mehr anzusehen. Leider hatte Jack in der Zeit, wenn die Feriengäste in Whitehorse waren, wenig Zeit, sich um Lady zu kümmern.
Despina wusste, dass Lady zunehmend unleidig wurde, je weniger Bewegung sie bekam, doch das Pferd machte es ihr wirklich nicht leicht, sie ausreichend auszulasten. Da Lady sich momentan wieder kaum putzen ließ, war es geradezu unmöglich, ihr einen Sattel aufzulegen, geschweige denn aufzusitzen. Pina hatte es mit Spazierengehen versucht, aber ohne ein zweites Pferd war Lady so nervös und hysterisch, dass Despina es nicht mal bis zum Waldrand geschafft hatte. Und sämtliche anderen Aktivitäten, die vom Boden aus machbar gewesen wären, waren bei Lady lebensgefährlich.

An diesem Tag jedoch ergab sich zufällig eine Gelegenheit, wie Pina ihrem Pferd doch Bewegung verschaffen konnte. Gerade, als sie resigniert einsah, dass sie auch mit ihren Energietherapieversuchen nicht wirklich weiterkam und sie mit dem Gedanken spielte, Lady wieder aufzuräumen, verkündete Daryl, der offenbar Alfreds Geschwätz Leid war (Alfreds Frau putzte gerade das Pferd, während ihr Mann nach wie vor über seine reiterlichen Fähigkeiten berichtete), er gehe nun mit seiner Dame spazieren. Für Despina war das ein Wink des Himmels. So schnell Lady es zuließ, band sie sie los und wendete das Pferd (dabei wich sie gekonnt dem Hinterhuf aus, den Lady gezielt in Pinas Richtung schnellen ließ).
„Oh, du hast doch sicherlich nichts dagegen, wenn Lady und ich uns dir und deiner Charlene anschließen, oder?“ rief sie voller Erleichterung über die sich bietende Chance. Sie übersah Daryls gequälten Blick, als er mit sich selber rang. Doch letztendlich überwogen seine guten Manieren. Mit perfektioniertem Lächeln antwortete er daher: „Ja aber natürlich, meine Liebe! Charlene und ich freuen uns immer über Gesellschaft!“
Tatsächlich zeigte Lady sich deutlich ruhiger in Gesellschaft des zweiten Pferdes. Nicht unbedingt freundlicher, aber immerhin tänzelte sie nicht mehr ununterbrochen mit aufgestelltem Schweif und geblähten Nüstern um Pina herum. Und auch Daryl war ja ein durchaus angenehmer Zeitgenosse. Nachdem sie den Pfad zum Wald schweigend hintereinander her gegangen waren, holte Despina auf dem breiteren Weg zwischen den Bäumen auf, so dass sie neben dem Jungen und seiner Schimmelstute lief. Sie unterhielten sich über das Wetter, schwiegen wieder eine Weile, sprachen über die Rallye und liefen dann wieder still nebeneinander her. Despina war durchaus gesprächig, aber sie genoss auch die Waldgeräusche, gepaart mit dem gleichmäßigen dumpfen Stampfen der Hufe auf dem moosigen Boden. Lady schien sich mittlerweile ihrem Schicksal gefügt zu haben, denn sie trottete beinahe brav hinter Despina her. Nur hin und wieder drohte sie mit angelegten Ohren zu Charlene hinüber, die allerdings nicht die kleinste Reaktion zeigte, weswegen auch das Lady wohl zu langweilig wurde.
Über eine Stunde waren sie unterwegs, die dichten Tannen schützten sie vor der immer schwüler werdenden Hitze und Despina entspannte sich zunehmend. So hatte sie sich ihre Ausflüge mit Lady immer vorgestellt. Auch Daryl wirkte entspannt, er pfiff beschwingt vor sich hin. Sie waren nur noch wenige Meter von der Weggabelung entfernt, die zurück auf den Pfad nach Whitehorse führte und Despina sinnierte schon ganz euphorisch darüber, dass dies wohl seit fünf Jahren die erste gemeinsame Aktion mit ihrem Pferd war, die zwischenfallfrei verlaufen war, als es passierte:
Irgendwo hinter ihnen knackte es laut im Gebüsch. Weder Daryl, noch Pina reagierten rechtzeitig. Lady, gerade noch beinahe entspannt, riss den Kopf nach oben und machte einen gewaltigen Sprung vorwärts. Nur knapp verfehlte sie Despina, die noch versuchte, den Strick, an dem sie Lady führte, fester zu fassen. Doch es war bereits zu spät. Lady war bereits im Fluchtmodus. Pina hängte sich noch mit aller Kraft an die Leine, doch führte der Gegendruck nur dazu, dass Lady begann, zu steigen, rückwärts zu springen und mit den Vorderbeinen nach Despina zu schlagen. Als Pina schließlich über eine Wurzel stolperte und zu straucheln begann, blieb ihr nur eine Möglichkeit: Sie musste loslassen. Augenblicklich machte Lady kehrt und preschte in Richtung Waldrand davon. Wie gebannt starrte Despina ihrer Stute hinterher, die in halsbrecherischer Geschwindigkeit zwischen den Stämmen verschwand.
Und dann brach Pina in Tränen aus. Daryl tätschelte ihr etwas hilflos die Schulter. Charlene hatte auf das Geräusch nur mit der recht unmotivierten Drehung des einen Ohres reagiert und wirkte so, als verstünde sie nicht, was Lady denn nur hatte.
„Nanana, alles gut!“, versuchte er, Pina zu beschwichtigen. Doch in Pina tobte die Panik. Lady war schon alt, sie war untrainiert und in Panik! Was, wenn sie irgendwo in einen Graben trat und sich ein Bein brach oder sich an einem Ast aufspießte? Allein der Gedanke daran ließ sie hyperventilieren. Keuchend fiel sie auf die Knie, stützte sich mit den Händen auf der feuchten Erde ab. Vor ihrem inneren Auge raste ein Horrorszenario nach dem anderen vorbei. Lady mit abgerissenem Bein. Lady aufgespießt an einem Ast. Lady, die sich in einem Stacheldrahtzaun erhängt hatte.
Despina hatte sämtliches Zeitgefühl verloren. Sie konnte nicht atmen, nicht aufstehen, sich nicht bewegen. Keinen klaren Gedanken fassen. Sie registrierte zwar, dass Daryl sprach, doch schienen die Worte einfach an ihr abzuprallen. In Dauerschleife wiederholten ihre Gedanken ungefragt die schrecklichen Bilder. In ihren Ohren rauschte das Blut, laut und aufdringlich und aus dem Rauschen schienen Worte zu werden. Vorwürfe, die sie sich selber machte.
„Du bist Schuld, weil du nie richtig aufpasst!“
„Du bist unverantwortlich!“
„Du hast ein Lebewesen gefährdet, für das du die Verantwortung übernommen hast!“

Gerade, als Pinas Panik den Höhepunkt erreichen wollte, mischte sich plötzlich ein Geräusch in ihren Gedankenstrom ein. Eine softe Melodie, die sich immer wieder zwischen die Selbstvorwürfe und die Horrorfilme schob.

Nothing you can make that can't be made
Ladys Führstrick hat sich im Dornengestrüpp verfangen.
No one you can save that can't be saved
„Du kannst dich einfach um nichts richtig kümmern!“
Nothing you can do, but you can learn how to be you in time
Lady hat sich an einem Ast ein Auge ausgestochen.
It's easy
„Du hast dein Pferd umgebracht!“
All you need is Love

„Hey Pina, willst du nicht drangehen?“
Daryl hatte sie an der Schulter gepackt und schüttelte sie vorsichtig. Despina blinzelte. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr Handy klingelte. Oh Gott. Das war die Feuerwehr. Oder der Tierschutz. Ganz bestimmt!
Hektisch fummelte sie den Reißverschluss ihrer Jute-Bauchtasche auf und zog ihr Handy heraus. Es war ein schon ziemlich betagtes Modell, aber es hatte fast überall Empfang, wo alle modernen Smartphones schon lange den Dienst quittiert hatten.
Das Wort „Ramona“ blinkte auf dem Display auf, während der Beatles Song fröhlich in schlechter Qualität weiter dudelte. Mit zitternden Fingern drückte Pina auf den grünen Knopf und presste sich das Handy ans Ohr.
„Ramona?“ Ihre Stimme war hoch und brüchig.
Die Hofchefin meldete sich am anderen Ende der Leitung. Sie klang ausgesprochen besorgt.
„Despina, seid ihr okay? Ist etwas passiert? Lady kam hier gerade auf den Hof gebrettert, wir machen uns unheimlich Sorgen! Ich habe schon versucht, Daryl zu erreichen, die Kids sagten ihr seid gemeinsam unterwegs...?“

Despina atmete dreimal durch. Lady war zu Hause angekommen. Sie war zumindest nicht tot oder so schwer verletzt, dass sie es nicht mehr bis nach Whitehorse geschafft hätte.
Nach ein paar weiteren Atemzügen war Pina schließlich wieder in der Lage, zu sprechen. „Ist sie okay? Also Lady, meine ich, hat sie sich verletzt?“
Es dauerte einen Moment bis Ramona antwortete: „Jack schüttelt den Kopf, sie ist zwar pitschnass geschwitzt und fürchterlich aufgeregt, aber sie scheint unverletzt zu sein. Was ist denn passiert? Geht es dir und Daryl gut?“
Despina versuchte, zu antworten, aber schon wieder überkam sie ein heftiger Heulkrampf. Dieses Mal eher aus Erleichterung als aus Angst, aber das änderte nichts daran, dass sie nicht mehr fähig war zu antworten. Glücklicherweise schaltete Daryl und nahm ihr den Hörer aus der Hand. Er schilderte Ramona kurz, was passiert war und dass alle unverletzt waren, dann legte er auf und reichte Pina das Mobiltelefon zurück. Er klopfte ihr aufmunternd auf die Schulter.
„Na komm, wir sehen nach, wovor Lady sich erschreckt hat und dann gehen wir nach Hause, okay?“
Obwohl Pina nervlich am Ende war und sich lieber sofort auf den Heimweg gemacht hätte, nickte sie. Sie war einfach nur dankbar, dass Daryl da war und nicht die Nerven verloren hatte. Für einen so jungen Mann war er wirklich schon sehr erwachsen, fand sie.
Mit Charlene im Schlepptau machten sie sich daran, sich einen Weg durch das Gestrüpp zu bahnen, aus dem das Geräusch gekommen war. Charlene entpuppte sich hierbei als durchaus brauchbare Hilfe, denn mit riesen Eifer knabberte sie die niedrigen, dichten Äste ab. Etwa fünfzehn Meter weit hatten sie sich einen Weg ins Unterholz gebahnt, als sie auf eine freiere Fläche stießen.
Freier nicht im Sinne davon, dass es hier keine Sträucher oder Äste gab. Eher sah es hier so aus, als hätte jemand das Gestrüpp mit ziemlich viel Gewalt platt gedrückt (Wäre Rebecca dabei gewesen, sie hätte mit Sicherheit gemutmaßt, dass Charlene sich einmal ausgiebig gewälzt hatte). Außerdem führte ein schmaler Pfad, der dem glich, den Despina, Daryl und Charlene auf ihrem Weg gebildet hatten, in die andere Richtung davon. Daryl blieb stehen und sah sich um. Auch Despina betrachtete die Stelle und hätte schon wieder heulen können. Unfassbar, welche Gewalt der armen Natur hier angetan worden war. Es sah fast aus, als hätte jemand mit einer Machete die Äste von Bäumen und Büschen gewaltsam heruntergehackt. Gerade überlegte sie, ob sie ein Gebet für die armen, geschundenen Pflanzen sprechen sollte (ja, Despina tat so etwas! Bäume sind schließlich auch Lebewesen!), als Daryl etwas rief.
„Hey schau mal! Sieht so aus, als hätte hier jemand mal ein Feuer gemacht!“
Erstaunt stolperte Despina zu der Stelle, an der Daryl mit dem Fuß Zweige zur Seite schob. Tatsächlich befand sich darunter eine mehr oder weniger kreisrunde Stelle, die voll mit schwarz verkohlter Asche war.
Daryl runzelte die Stirn. „Das ist ganz schön mutig, mitten im Wald ein Lagerfeuer anzuzünden“, murmelte er. „Wobei, mutig ist das falsche Wort... wohl eher lebensmüde! Das waren bestimmt wieder so durchgeknallte Touristen...“
Despina nickte zustimmend und sah sich noch einmal um. Sie mussten recht nah am Waldrand sein, denn aus einer Richtung bahnten helle Sonnenstrahlen ihren Weg durch das Geäst. Pina umrundete den Platz und spähte zwischen den Bäumen hindurch. Sie hatte Recht gehabt: Von hier aus waren es nur ein paar Meter, bis sich das Gestrüpp lichtete und in weitläufige, hügelige Wiesen überging. Man konnte sogar Whitehorse Castle erblicken, wie es sich majestätisch über die den Ländereien erhob. Sie sah über die Schulter, um Daryl zu sich zu rufen, als ihr Blick an etwas hängen blieb. Zwischen den Sträuchern lag etwas am Boden. Erst hatte sie es für ein Blatt gehalten, aber das Licht spiegelte sich ganz ungewöhnlich in dem grünen Material. Sie bückte sich hinunter und fischte ein recht großes, schweres Objekt hervor.
„Was hast du da?“, fragte Daryl und kam in großen Schritten näher. Despina beäugte den Gegenstand skeptisch.
„Ein Fernglas, wie es aussieht“, antwortete sie grübelnd. Es war ein großes, schweres und ziemlich professionell wirkendes Gerät, es erinnerte sie irgendwie an Militärausrüstung. Daryl nahm es ihr aus der Hand und schaute es sich genau an. „Wow, das muss ziemlich teuer gewesen sein!“, stellte er fest. „Wozu braucht man denn hier ein Fernglas? Meinst du, da wollte jemand Vögel beobachten?“ Er schmunzelte. Doch Despina dachte an etwas anderes.
„Von hier aus kann man Whitehorse sehen“, sagte sie langsam. Sie wusste nicht weshalb, aber sie hatte ein ganz merkwürdiges Gefühl. Und das war nun wirklich sehr ungewöhnlich. Despina war ein herzensguter Mensch, mit Sicherheit ziemlich naiv, doch immer darauf fixiert, das Gute in jedem Menschen (und jedem Pferd) zu sehen. Sie misstraute grundsätzlich erst einmal niemandem, denn ihrer Meinung nach gab es doch sicherlich keinen, der absichtlich anderen Leuten Schaden zufügen wollte!
Und doch, wie sie hier nun diesen Platz sah, so gut versteckt, wie es schien, und doch in direktem Sichtkontakt mit dem Hof, beschlich sie der Verdacht, dass irgendetwas nicht stimmte. Sie hatte schon häufiger in den Nachrichten von Menschen gehört, die sich nachts in Pferdeställe schlichen und den Pferden schreckliche Verletzungen zufügten. Ein Schauer lief ihr über den Rücken bei dem bloßen Gedanken daran.
„Wir sollten das Fernglas mitnehmen und Ramona davon erzählen!“, beschloss sie daher. „Was?“, fragte Daryl. Er war abgelenkt gewesen, weil der durch das Fernglas hinüber zum Gehöft gespäht hatte. Dann nickte er.
„Ach so, ja, seh ich genau so. Übrigens ist das Fernglas auf Jacks Hütte scharf gestellt. Vielleicht hat er ja eine heimliche Verehrerin...“ Daryl grinste und Pina musste lächeln. Ja, Daryl hatte Recht. Es könnte natürlich auch so ein ganz einfacher, schöner Grund wie die Liebe sein. Dass Daryl das als Scherz gemeint hatte und man in diesem Fall von dem durchaus gefährlichen Stalking sprechen würde, daran dachte sie selbstverständlich nicht. Genau so wenig konnten sie ahnen, dass sie sich ganz in der Nähe von der Stelle befanden, an der Faolán eine Woche zuvor am Lagerfeuerabend Schritte im Wald gehört hatte und kurz darauf mit Rebecca zusammengestoßen war.

Mit dem Fernglas im Gepäck erreichten sie Whitehorse etwa eine viertel Stunde später. Ramona, die im Hof herumwuselte, schien ausgesprochen erleichtert zu sein, dass sowohl Pina, als auch Daryl und Charlene wohlauf waren. Doch Pina brannte nur eine Frage auf der Zunge: „Wo ist Lady? Geht es ihr gut?“
Ramona lächelte, dann deutete sie auf die Hofeinfahrt. Eines der blonden Mädchen (dass die aber auch fast alle blond waren. Pina konnte sie nicht auseinander halten) führte Lady den Weg hinauf und hinab. Pina mutmaßte, dass es das gleiche Mädchen war, das auch in der Lage war, Lady aus der und in die Box zu bringen. Ramona pfiff kurz durch zwei Finger und als das Mädchen sich umsah, winkte sie ihr zu. Mit missmutiger Miene drehte sie sich um und führte Lady zum Putzplatz zurück. Ohne Pina anzusehen reichte sie ihr den Führstrick und stapfte dann in Richtung Stall davon.
„Danke dir, Rebecca!“, rief Ramona ihr hinterher, aber das Mädchen reagierte nicht.
Despina sah Rebecca hinterher und spürte ein Gefühl von Zuneigung und Mitleid in sich aufsteigen. Dieses arme Ding musste doch irgendetwas Schreckliches erlebt haben, wenn sie in so jungen Jahren schon so negativ und mürrisch war. Sie hätte ihr so gerne geholfen! Doch sie kam gar nicht dazu, darüber nachzudenken, wie sie das anstellen sollte, denn eine große, grobe Pranke klopfte ihr auf die Schulter.
„Joa Despina, guad, dass dia und deim Gaul nix passiert is, gell?“ Despina fuhr herum. Alfred Riedl stand mit gönnerischem Lächeln hinter ihr.
„Also wennst mi frogn dadadst, dat dem Gaul a weng Erziehung fehln! Awer da brauchtst scho an echten Hoasmen so wia mi!“ Er hob die Hand, um Ladys Hals zu tätscheln. Pina kannte ihr Pferd und sah – ganz im Gegensatz zu dem selbsternannten Horseman – Ladys Reaktion kommen, doch sie reagierte nicht schnell genug. Sie hatte den Mund schon geöffnet, um Alfred zu warnen, da hatte Lady bereits ausgeholt und ihr Kopf schnellte mit gebleckten Zähnen auf Alfred zu. Pina schlug sich die Hand vor den Mund, als Lady zubiss.
Zu ihrer Überraschung war das nächste Geräusch, das sie hörte, nicht etwa ein Schmerzensschrei. Nein, Alfred Riedl lachte glucksend. Pina blinzelte in seine Richtung – und atmete erleichtert auf. Lady hatte zugebissen. Aber anstatt des Cowboys hatte sie nur die Krempe seines überdimensionalen Hutes erwischt, was dieser offenbar als Liebkosung missverstand.
„Do schaug, jetzt hots mia sogar a Bussal gem! Do sigt ma hoid wieda, wia guad i mid keiferte Weiba umgehn ko!“
Mit einem tiefen, zufriedenen Lachen wandte er sich ab und marschierte auf sein blank geputztes Auto zu.
„Gerti!“, brüllte er von dort aus quer über den Hof, während er seinen beiden Hunden, die faul im geöffneten Kofferraum lagen, den Kopf tätschelte. „Jetzt stellst endlich den Gaul zurück und gehst weida, i hob hunga! Fahr' ma hoam, dassd ma wos zum Essn macha konnst!“

Despina konnte über dieses Paar nur den Kopf schütteln. Da war sie doch wieder ganz froh, dass sie niemanden zu Hause hatte, der sie herumkommandierte. Und während Gerti Riedl sich beeilte, den Wünschen ihres Göttergatten nachzukommen, betrachtete Pina ihr Pferd. Auf Ladys Fell hatte der Schweiß deutliche Spuren hinterlassen und am liebsten hätte Pina ihr die eingetrockneten Krusten ausgebürstet, aber sie fand, dass ihr Pferd für diesen Tag schon genug Strapazen hinter sich hatte. „Ich denke, du bekommst jetzt nach der Anstrengung noch einen Eimer warmes Mash zur Stärkung und dann darfst du wieder zu deinen Freunden, nicht wahr, Ladyschatz?“, säuselte Pina und machte sich gemeinsam mit ihrem Pferd auf den Weg zum Stall. Ja, sie beide brauchten heute wirklich kein weiteres Abenteuer mehr.

*


Das gute Wetter hielt auch über Mittag an, allerdings wurde es zunehmend schwüler. Adrian war unentschlossen. Er hatte sich, ähnlich wie fast alle anderen Pferdebesitzer, die letzten Tage bei dem schlechten Wetter nicht im Stall blicken lassen. Allerdings war es bei ihm nicht der Regen, der ihn abgehalten hatte. Das Auto seiner Mutter hatte nämlich vor ein paar Tagen angefangen zu streiken und so hatte Adrian keine Möglichkeit gesehen, nach Whitehorse zu kommen. Zum Radfahren war es einfach zu weit und mit dem Bus wollte er nicht fahren. Öffentliche Verkehrsmittel waren ihm zum einen im Allgemeinen unangenehm und nicht geheuer, zum anderen brauchte er dann ewig, denn von Dingwall aus gab es keine direkte Verbindung.
Umso glücklicher war er, als seine Mutter ihm beim Mittagessen mitteilte, dass ein Bekannter, der gerne an Autos schraubte, ihren Familienwagen repariert hatte. Sie hatten beim Essen alles besprochen. Adrians Mum wollte ihn zum Stall fahren und dann nach Inverness, um einzukaufen. Doch als sie endlich soweit waren, brannte draußen die schwüle Luft herab und der Himmel hatte einen merkwürdigen Farbton. Adrian hatte ein flaues Gefühl im Bauch. Er war sicher, dass irgendwann ein Wetterumschwung kommen würde. Aber er vermisste sein Pferd und wollte Aisling unbedingt besuchen.
„Adrian, kommst du?“, rief seine Mum aus dem Flur. Adrian seufzte. Er machte sich einfach immer so viele Gedanken. Warum konnte er nicht einfach mal aufhören, immer überall den Teufel an die Wand zu malen? Er gab sich also alle Mühe, sich zusammenzureißen.
Eine knappe dreiviertel Stunde später knirschte der Kies in der langen Einfahrt nach Whitehorse unter den Reifen des Wagens. Marlene Colville bremste vor dem Stalltor.
„Du rufst an, wenn etwas ist, okay? Sonst bin ich in etwa zwei Stunden wieder hier, okay?“ Sie drückte ihrem Sohn einen Kuss auf die Wange. Adrian rang sich ein Lächeln ab und stieg aus. Er sah seiner Mutter noch hinterher bis ihr Auto aus seinem Blick verschwand. Bevor er seine Sachen holte, schaute er in den Himmel. Ein unschuldiges, klares Blau leuchtete ihm entgegen. Doch er traute dem Braten nicht.
Er schüttelte den Kopf. Quatsch, das Wetter war super. Nur eben heiß und schwül. Entschlossen holte er seine Sachen aus der Sattelkammer und machte sich auf den Weg auf die Weide. Natürlich standen die Pferde alle am hintersten Ende der Koppel. Adrian stapfte am Zaun entlang auf die Herde zu. Aisling stand gemeinsam mit der alten Lana in einem Eck. Nase an Nase grasten sie friedlich. Adrian ging bei solchen Bildern immer das Herz auf. Jack hatte irgendwann mal erwähnt, dass Aisling und Lana sich so gerne mochten, seitdem hatte Adrian gezielt darauf geachtet. Es war wahr. Die beiden Stuten standen ständig zusammen. Aisling verteidigte ihre alte und schon etwas klapperige Freundin sogar vor dem schweren Odin, wenn dieser wieder wie ein wildgewordener Stier über die Koppel tobte.
Adrian hielt inne und beobachtete die beiden noch eine Weile. Es tat ihm fast leid, Aisling jetzt wegzuholen. Er kletterte auf den Zaun und ließ den Blick schweifen. Die Pferde wirkten alle recht ruhig, nur die Schweife zuckten und peitschten in regelmäßigen Abständen, um die Mücken fernzuhalten. Auf der anderen Seite, hinter dem Hof, konnte er Jack und die beiden Ferienjobberinnen in der Ferne erkennen, die das Gelände für die Rallye herrichteten. Sie bauten, so vermutete Adrian, gerade den Bodenarbeitstrail auf, für den sich Jack immer wieder neue Aufgaben ausdachte. Adrain war schon sehr gespannt, was die Teilnehmer in diesem Jahr erwartete.
Auch er war angemeldet. Nach langem hin und her hatte Ellés ihn überredet, teilzunehmen. Wie jedes Jahr. Doch wie jedes Jahr ging es Adrian in keinster Weise darum, auf der Rallye besonders tolle Ergebnisse zu präsentieren oder zu gewinnen. Es war nicht so, dass ihm der Ehrgeiz fehlte, doch er kannte sich und er kannte sein Pferd. Er wusste selber, dass er nicht mehr zu gebrauchen war, wenn er sich unter Druck setzte. Und Aisling, die hochsensibel und ja doch noch sehr jung war, nahm jede Stimmung ihres Besitzers sofort auf und reagierte entsprechend. Deswegen nahm Adrian die Rallye nicht als Wettkampf, sondern nur als Herausforderung für sich selbst. Sein Ziel war es, durch die durchdachte Lösung der Aufgaben das Vertrauen zwischen Aisling und ihm zu festigen. Im letzten Jahr hatte das wirklich gut geklappt. Er hatte nur die Übungen gemacht, die er sich und seinem Pferd zutraute und Aisling hatte es ihm mit Folgsamkeit und Entspannung gedankt. Ein schönes Gefühl! Adrian lächelte bei der Erinnerung daran. Vielleicht hatte seine Schwester doch nicht so unrecht gehabt, als sie so lange auf ihn eingeredet hatte, bis er das Anmeldeformular ausgefüllt und seiner Mutter zum Unterschreiben hingelegt hatte.
Eine Bewegung, die er aus dem Augenwinkel wahrnahm, erregte seine Aufmerksamkeit. Er sah wieder hinüber zu den Pferden. Bobby, der ziemlich runde Ponywallach, hatte Adrian bemerkt und kam nun herübergetappelt. Er beschnupperte Adrians Hose und knabberte an seinen Stiefeln. Adrian musste ein wenig lachen. Er strubbelte dem Pony durch die Mähne, bevor er vom Zaun kletterte. Er wollte Aisling zumindest mal Hallo sagen. Er lief noch ein paar Meter in ihre Richtung, ehe er leise ihren Namen rief. Als die Stute seine Stimme hörte, hob sie den Kopf und sah sich mit gespitzten Ohren um. Mit leisem, brummelndem Wiehern begrüßte sie den Jungen, als sie ihn erblickte. Dann, ganz gemächlich, kam sie ihm entgegen. Sie stupste ihn sanft an, während Adrian den rotbraunen Hals des Pferdes kraulte. „Ich habe dich auch vermisst!“, flüsterte er, ehe er ihr vorsichtig das Halfter überstreifte.
Adrian nahm sich sehr viel Zeit, Aisling zu putzen und zu schrubben. Die Stute stand mit geschlossenen Augen an der Anbindestange, die sie nutzte, um ihren Kopf darauf abzulegen. Adrian genoss die ruhige Stimmung. Aisling schaffte es jedes Mal, ihm den Stress und die Anspannung zu nehmen, die sich bei ihm immer wieder anstaute. Adrian war auch ganz dankbar dafür, dass Annie, Mo und Dennis nur relativ kurz ihre Pferde putzten, bevor sie gemeinsam mit Ramona ausreiten gingen. Er vermutete, dass Ramona sie ebenfalls für die Rallye fit machte.
Adrian hatte anfänglich überlegt, ob er auch ausreiten gehen sollte, doch als er schließlich mit Putzen fertig war, war ein leichter Wind aufgekommen und am Himmel waren die ersten Wolken aufgetaucht. Adrian traute dem Wetter nicht. Daher holte er nur Aislings Trense, brachte die Stute auf den Reitplatz und kletterte ohne Sattel auf ihren Rücken. Adrian kannte Aisling nun seit fast vier Jahren. Als sie als Jungpferd in seine alte Reitschule gekommen war, hatte er sich sofort in sie verliebt. Fast ungeduldig hatte er zugesehen, wie sie eingeritten und ausgebildet wurde, ehe er sie zum ersten Mal reiten durfte. Aisling hatte von Anfang an eine unglaubliche Sensibilität für Adrians Stimmung gezeigt – nicht immer zu seinem Vorteil. Meistens, wenn sie merkte, dass ihr Reiter gestresst, angespannt oder unkonzentriert war, blieb sie stehen und wartete auf eine klare Ansage. Doch ab und zu, wenn ihr der Druck zu stark geworden war, hatte sie auch die eine oder andere Fluchtreaktion gezeigt. Adrian hatte es ihr nie übel genommen, Aisling war ja auch noch ganz jung. Doch gemeinsam hatten sie schon so viel geschafft. Noch vor einem Jahr, als Adrian mit Aisling nach Whitehorse gekommen war, hätte er es sich nie träumen lassen, dass er sich ohne Sattel auf ihren Rücken wagen würde, viel zu unvorhersehbar waren noch ihre Reaktionen auf unklare oder zu starke Hilfen gewesen. Doch mittlerweile, auch durch Ramonas Unterstützung, war das Vertrauen und auch die Kommunikation zwischen Adrian und seinem Pferd so gut geworden, dass er sich bedenkenlos in jeder Situation auf seine Stute verlassen konnte – auch ohne Sattel.
Eine halbe Stunde lang drehte er mit Aisling seine Runden auf dem Platz. Obwohl alles wirklich gut klappte, beendete er dann seine Arbeit mit der Stute. Er wollte seine und Aislings Konzentration nicht überstrapazieren und außerdem ihren Rücken schonen. Außerdem hatte er schon wieder ein komisches Gefühl das Wetter betreffend. Der Wind hatte kaum merklich zugenommen und der eben noch strahlend blaue Himmel schien sich nach und nach stahlgrau zu färben. Obwohl von Wolken keine Spur zu sehen war, hatte Adrian doch die Vermutung, dass es noch mal gewittern könnte. Er versorgte Aisling und brachte sie zurück in den Auslauf. Zum Abschied strich er über ihre weiche weiße Nase. Sie pustete ihn an und er lachte. „Nein nein“, flüsterte er, „ich kann dir nicht ständig Leckerchen geben. Dann wirst du nachher so ungezogen wie der Bobby!“ Als hätte Aisling ihn verstanden, hob sie den Kopf und schüttelte sich. Adrian lachte. Aisling schnupperte noch einmal an seinem T-Shirt und seiner Hosentasche, wohl um sicher zu gehen, dass er wirklich keine Leckerei vor ihr versteckte, doch als sie bemerkte, dass es wohl wirklich nichts zu holen gab, wandte sie sich um und trottete in Richtung Weide davon. Adrian beobachtete sie, bis sie zwischen den Hügeln verschwunden war, dann kehrte er in die Sattelkammer zurück und räumte seine Sachen ordentlich auf. Alles in Adrians Schrank hatte seinen festen Platz und ihm war wichtig, dass niemand seine Ordnung durcheinander brachte.
Als er wieder draußen in der Einfahrt stand, sah er auf die Uhr. Erst jetzt fiel ihm auf, wie viel Zeit vergangen war. Sein Blick huschte hinüber zum Parkplatz, doch außer der Autos der Montgomerys war kein Wagen dort. Seltsam, denn seine Mutter wollte bereits vor einer halben Stunde zurück sein. Und Marlene Colville kam NIE zu spät. Adrian wurde unruhig. Er fuhr sich durchs Haar und dachte an ihre Unterhaltung zurück. Sie hatte doch gesagt „In zwei Stunden“. Oder hatte sie drei gesagt? Nein, Adrian war sich sicher. Er kramte hektisch sein Handy aus seinem Rucksack und sah aufs Display. Keine neue Nachricht. Er überprüfte, ob er Netz hatte – natürlich nicht. Hier in Whitehorse war es nur sehr schwer möglich, eine Stelle zu finden, an der Handys Empfang hatten. Direkt vor dem Stüberl klappte es meistens, deswegen hastete er hinüber und schwenkte das Telefon hin und her. Ihm war egal, ob das funktionierte oder nicht, aber es nahm ihm die Nervosität. Nach ein paar Sekunden blinkten aber tatsächlich zwei kleine Balken auf der Anzeige auf. Er wartete noch einen Moment ab, ob vielleicht doch eine Nachricht ankam, aber nachdem nichts geschah, wählte er mit zittrigen Fingern die Mobilnummer seiner Mutter. Es tutete eine Weile. Adrian trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Er konnte sehr schlecht damit umgehen, wenn etwas nicht nach Plan verlief. Er machte sich Sorgen. Nicht, dass etwas passiert war!
Als er gerade wieder auflegen wollte, knisterte es in der Leitung.
„Ja, hallo?“ Mrs. Colville klang gestresst.
„Mum...?“ - „Hallo? Adrian?“
Irgendetwas raschelte, dann war Marlene Colville deutlicher zu verstehen.
„Adrian, hörst du mich?“, fragte sie. Adrian beeilte sich zu antworten. „Ja, Mum, hallo! Ich wollte nur fragen wo du bist und ob alles okay ist...?“
„Oh, Adrian, Schatz, tut mir Leid, ich habe ganz vergessen, dir Bescheid zu sagen, ich musste mich so ärgern. Hör mal, ich bin immer noch in Inverness. Der Wagen springt nicht mehr an. Ich warte auf den Abschleppdienst, aber der lässt sich Zeit.“
Adrian brauchte einen Moment, um die Informationen zu sortieren. Seine Mum sprach immer so schnell, wenn sie gestresst war, dass Adrian ihr kaum folgen konnte.
„Heißt das... das Auto ist wieder kaputt und du steckst fest?“, fasste er zusammen.
„Leider ja“, antwortete seine Mum. „Es tut mir wirklich Leid, Schatz, ich kann dich jetzt natürlich nicht holen. Schau doch mal, ob jemand da ist, der dich ein Stück mitnehmen kann, entweder nach Inverness oder irgendwo hin, von wo aus du nach Dingwall fahren kannst. Oder du setzt dich ein bisschen rein zu den anderen? Bekommst du das hin?“
Adrian wollte am liebsten schreien. Er hasste solche Situationen, aus denen es keinen eindeutigen Ausweg gab. Es war auch niemand mehr da, der ihn irgendwo hin hätte mitnehmen können. Aber seine Mutter konnte ja auch nichts dafür! Trotzdem hätte er sie am liebsten angeschrien. Gerade, als er ihr erklären wollte, dass er das alles sicher nicht hinbekommen würde, ergriff sie das Wort.
„Oh, der Abschlepper kommt, ich muss aufhören, tut mir Leid, Schatz. Ruf mich bitte an, wenn du nicht weg kommst, ja? Lieb dich!“
Ehe Adrian noch etwas erwidern konnte, erklang in der Leitung bereits der Ton, der ihm signalisierte, dass Marlene aufgelegt hatte. Er nahm das Handy vom Ohr und starrte darauf. Eine ganze Weile stand er einfach nur da.
Adrian war unheimlich gut darin, bekannte Abläufe zu wiederholen und sich an feste Strukturen zu halten. Aber Problemlösung war nicht seine Stärke. Nicht, weil ihm keine Ideen einfallen würden. Das Problem war, dass er mit einem Schlag immer so gestresst war, dass sein rationales Denken einfach nicht mehr funktionierte.
Obwohl das Display seines Smartphones schon lange wieder schwarz war, starrte er immer noch darauf, als eine Stimme neben ihm erklang.
„Was stehst du denn hier herum wie bestellt und nicht abgeholt?“ Er zuckte zusammen und sah auf. Hedwig stand vor ihm, beladen mit Sattel und Trense ihres Pferdes, die Wangen gerötet und ihren Helm noch auf dem Kopf. Adrian hatte gar nicht gemerkt, dass sie gekommen war. Wie immer grinste sie.
Er blinzelte und versuchte, seine Worte zu sortieren, bevor er ihr antwortete.
„Äh … ich... meine Mum kann mich nicht abholen, weil ihr Auto in Inverness abgeschleppt wird und äh... ja...“
„Hat sie falsch geparkt?“, grinste das Mädchen. Adrian war irritiert. Ihm war gar nicht nach grinsen zumute und er bemerkte in dem Moment auch nicht, dass Hedda einen Witz gemacht hatte. „Nein!“ entgegnete er deswegen etwas lauter, als er es eigentlich beabsichtigt hatte. Der Stress machte ihn reizbar. „Nein, das Auto ist kaputt! Es springt nicht mehr an!“
„Hey, das war ein Witz!“, gab Hedwig beschwichtigend zurück, dann drückte sie sich an ihm vorbei nach drinnen. Er konnte hören, wie sie in der Sattelkammer kramte und räumte. Als sie wieder nach draußen kam, bemerkte Adrian, dass ihre roten Locken nass vom Schweiß auf ihrem Kopf klebten. Erst jetzt warf er einen Blick hinüber zur Anbindestange. Auch Zorro war nassgeschwitzt.
„Und was machst du jetzt?“ rief Hedda ihm zu, während sie Zorro zum Waschplatz führte und begann, ihn mit dem Schlauch abzuspritzen. Der Wallach schien sich sehr über die Dusche zu freuen, denn er stand einfach nur da und schloss die Augen. Aisling ließ sich nicht gerne duschen. Das zischende Geräusch des Wasser und die plötzliche Kälte machten sie immer ganz nervös. Adrian beobachtete das wegspritzende Wasser, in dem sich das Sonnenlicht brach und Regenbögen erzeugte. Er zuckte mit den Achseln. Erst als Hedwig inne hielt und ihn über den Rücken ihres Ponys hinweg fragend ansah, fiel ihm auf, dass sie das Schulterzucken vermutlich nicht gesehen hatte. Obwohl er wenig Lust auf eine Unterhaltung hatte – Gespräche fielen ihm schon im nicht gestressten Zustand oft schwer – erinnerte er sich daran, was seine Mutter ihm immer wieder eingetrichtert hatte: Es ist unhöflich, auf Fragen nicht zu antworten. Also riss er sich zusammen und murmelte: „Keine Ahnung.“
„Kannst du nicht mit dem Bus fahren?“, fragte Hedda, während sie hinter Zorro verschwand und den Schweiß aus seinem Fell spülte.
„Dafür muss ich ja erst mal bis zur Bushaltestelle kommen, das ist zu Fuß ganz schön weit. Außerdem weiß ich gar nicht, wann irgendein Bus wo hin fährt“, antwortete er resigniert. Hedda drehte den Schlauch zu und band Zorro los.
„Ich fahre gleich mit dem Rad runter, wenn du willst, nehm ich dich hinten auf dem Gepäckträger mit. Nicht richtig bequem, aber schneller, als wenn du laufen musst. Und dann kannst du mit dem Bus nach Inverness fahren. Das ist der gleiche, den ich nehme. Oder willst du gar nicht nach Inverness? Also, ich dachte nur, weil du gesagt hast, dass deine Mum dort ist. Zu dir nach Hause müsste ich kurz mal googeln wo sich die Linien kreuzen und wie die Verbindung ist...“
Wieder brauchte Adrian einen Moment, um die wichtigsten Informationen aus Heddas Redeschwall herauszufiltern. Dass Mädchen immer so viel und so schnell sprechen mussten, um ganz wenig Infos zu vermitteln! Nach kurzem Grübeln hatte er verstanden: Hedwig hatte ihm Hilfe angeboten, würde ihn mitnehmen und kannte sich mit den Buslinien zumindest besser aus als er.
Er schaute auf und merkte, dass sie ihn erwartungsvoll ansah.
„Und... wann würdest du fahren?“, fragte er zögernd.
„Na, jetzt dann, wenn ich Zorro reingebracht habe. Ey ich bin so durchgeschwitzt, die Mücken fressen mich auf! Je schneller ich eine Dusche bekomme, desto besser!“ Adrian verzog kurz unwillkürlich das Gesicht, aber Hedda bemerkte es entweder nicht, oder sie ignorierte es gekonnt. Adrian rang mit sich. Da er aber keine bessere Lösung sah, nickte er schließlich und zwang sich zu einem Lächeln. „Okay, danke.“ Hedda grinste. „Oki doki, ich bring Zorro rein und dann geht’s los!“ Ohne auf eine weitere Antwort zu warten, marschierte sie mit ihrem Pony im Schlepptau davon. Adrian blieb etwas unschlüssig stehen. Er war nervös. Schnell nahm er seinen Rucksack von der Schulter und sah nach, ob er auch wirklich alles hatte. Hatte er Geld dabei für eine Fahrkarte?!
Zu seiner Erleichterung fand er sein Portemonnaie in der Seitentasche. Gerade, als er den Reißverschluss wieder zuzog, kam Hedda zurück. Sie trug eine alte, schmutzige Satteldecke unter dem Arm. Adrian sah sie fragend an.
„Damit du etwas bequemer sitzt“, erläuterte sie, holte ihr Fahrrad aus dem Eck am Stall, wo sie es immer an die Mauer lehnte und packte die zusammengefaltete Decke auf den Gepäckträger. Mit einer Verbeugung deutete sie darauf.
„Ihr Taxi steht bereit.“ Sie grinste, doch Adrian fühlte sich nicht gut bei dem Gedanken. Er war noch nie auf dem Gepäckträger eines Fahrrades mitgefahren, auch wenn er aus Erzählungen wusste, dass manche Leute das machten. Und auch wenn er Hedda ganz nett fand, so kannte er sie doch viel zu wenig, um sicher zu sein, dass es eine gute Idee war, mit ihr mitzufahren. Immerhin war der Weg steinig und voller Schlaglöcher und ging fast die ganze Zeit bergab, zum Teil auch wirklich steil. Je mehr er darüber nachdachte, desto hirnrissiger erschien ihm der Gedanke, sich vollkommen ungeschützt auf einen wackeligen, leicht rostigen Gepäckträger zu setzen. Doch die Alternative wäre nun mal gewesen, auf unbestimmte Zeit hier herum zu sitzen.
„Hop hop“, drängte Hedda, „wir brauchen zu zweit sicher länger, sonst schaffen wir den Bus nicht! Dann müssen wir eine Stunde warten!“
Adrian riss sich zusammen. Es erforderte wirklich all seine Willenskraft, denn diese Situation entsprach so ziemlich allen seinen schlimmsten Alpträumen. Ungeplant, unorganisiert und ohne eine genaue Vorstellung davon, wie er weiter machte, wenn er denn mal an der Bushaltestelle war, und das ohne einen Menschen, dem er vertraute und der ihm Sicherheit gab. Hätte Faye ihm das Angebot gemacht, wäre es ihm viel leichter gefallen, einzuwilligen. Doch nun folgte er Hedda, die ihr Fahrrad bis auf die Straße schob und dort auf ihn wartete. Etwas ungeschickt kletterte er hinter ihr auf den Gepäckträger. Es war hart und unbequem und er musste die Füße in einem krampfhaften Winkel hochhalten, damit sie nicht am Boden schleiften. Hedda stieß sich ab und ziemlich taumelnd setzte das Rad sich in Bewegung. Zu erst dachte Adrian, sie würden umkippen und hatte einen Fuß bereits ausgestreckt, doch Hedda schien nicht zum ersten Mal jemanden mitzunehmen. Nach wenigen Metern hatte sie das Rad stabilisiert und sie rollten gerade über den unebenen Weg. Adrian krallte sich mit beiden Händen am Sattel ein, so verkrampft, dass seine Arme bereits nach wenigen Metern schmerzten. Jede kleinste Unebenheit stauchte extrem in seinem Rücken und das dünne Metall des Gepäckträgers bohrte sich in seine Oberschenkel. Es war bereits jetzt eine Höllenfahrt. Am liebsten hätte er geschrien, dass Hedwig anhalten sollte, er absteigen wollte. Dann würde er eben laufen! Doch sein ganzer Körper hatte sich so sehr verkrampft, dass er die Lippen nicht auseinander bekam. Es kam ihm vor, als würde Hedda mit halsbrecherischer Geschwindigkeit den Berg herunterrauschen (auch wenn er sicher war, dass sie gar nicht so schnell fuhr). Jede ihrer Bemühungen, Schlaglöchern auszuweichen forderten Adrians Gleichgewichtssinn in ungeahntem Maße heraus – die zum Teil unvorhersehbaren Schlenker ließen ihn mehr als einmal zur Seite rutschen. Und als wäre das noch nicht genug des Grauens, wurden aus dem Wind auch noch sturmartige Böen, die ihnen kalte Luft, Staub und Blätter ins Gesicht wehten und Hedwig mehr als einmal zum Abbremsen zwangen.
Als sie nach einer gefühlten Ewigkeit die kleine, kurvige Teerstraße erreichten, die bis zur Hauptstraße führte und damit auch zu der Kreuzung, an der sich die winzige Bushaltestelle befand, war Adrian am Ende seiner Kräfte – sowohl physisch, als auch psychisch. Und als wäre dies noch nicht genug, begann es just in dem Moment, als Hedwig an dem Bushäuschen bremste, auch noch zu regnen. Adrian sprang fluchtartig vom Rad, wobei fast stolperte, so steif waren seine Beine. Beinahe flehend sah er die Straße hinauf in die Richtung, aus der der Bus kommen sollte, als Hedwig neben ihm fluchte. Mit einer finsteren Vorahnung sah er sie an. Hedda hielt ihr Handy in der Hand und schaute auf's Display.
„Die App sagt, dass die Straße gesperrt ist!“, fauchte sie. „Die leiten jetzt die ganzen Busse nach Inverness um und hier fährt einfach keiner!“
Adrian fühlte, wie sein Magen sich verkrampfte. Am liebsten hätte er geschrien. SO viel Pech konnte man doch gar nicht haben!
Ein paar eisige, schwere Tropfen trafen ihn im Nacken und er sah auf. Der Himmel hatte sich schwarz gefärbt und binnen Sekunden wurde aus dem anfänglichen Getröpfel ein riesiger Wolkenbruch. Ohne Absprachen, aber wie auf Kommando stürzten er und Hedwig in das kleine Häuschen. Es roch hier nach altem Urin, am Boden lag Müll (vermutlich von Touristen) und durch das Dach tropfte es herein. Auch die Seitenwände waren so marode, dass der Sturm, der wieder aufkam, hindurchpfiff, als wären sie gar nicht vorhanden. Eine Weile standen die beiden schweigend nebeneinander, beide mit verschränkten Armen, um sich vor dem Wind zu schützen, beide mit Blick nach draußen, wo in kürzester Zeit Sturzbäche von Regenwasser die Straße hinunterströmten.
„Und jetzt?“, fragte Adrian nach einer Weile. Die Situation erschien ihm vollkommen aussichtslos. Hedda zog ihr Handy aus der Tasche und versuchte, die App zu öffnen, mit der sie die Busverbindungen checken konnte.
„Kein Netz“, murmelte sie. „Sicher wegen dem Unwetter. Telefon geht auch nicht. Wie ist es bei dir?“ Adrian hatte zwar nichts anderes erwartet, aber als er auf seinem Smartphone die Anzeige sah, die statt der Verbindungsbalken nur ein kleines X anzeigte, hatte er das Gefühl, in ein tiefes, dunkles Loch zu stürzen.
„Nichts“, murmelte er. Wieder schwiegen sie eine Weile. Ein paar Mal dachte er, aus dem Augenwinkel eine Bewegung zu sehen, so, als setzte Hedwig an, etwas zu sagen. Doch sie sagte nichts. Eine Sturmböe blies mit voller Wucht in die Hütte und hebelte ein Brett heraus, das nur knapp an Adrians Kopf vorbei flog. Neben ihm zuckte Hedda zusammen, dann drehte sie sich mit einem Ruck zu ihm um.
„Das ist ja echt lebensgefährlich hier!“, wetterte sie. „Okay, pass auf. Es gibt hier in der Nähe einen kleinen Pub, der ist wohl ziemlich runtergekommen, aber soweit ich weiß ist der immer offen. Mit dem Rad brauchen wir vielleicht zehn Minuten, wenn ich mich anstrenge. Da könnten wir uns sicher reinsetzen und abwarten, bis wieder irgendetwas fährt.“ Adrian war von diesem Vorschlag alles andere als begeistert. Er wusste sehr wohl, von welchem Pub Hedda sprach. Wirt MacCain war weitläufig bekannt und berüchtigt. Es gab viele Gerüchte über krumme Geschäfte und kriminelle Machenschaften, aber bin jetzt hatte die Polizei ihm nie etwas nachweisen können.
Wenn Adrian allerdings in Betracht zog, dass die Alternative war, hier in diesem maroden, auseinanderfallenden Häuschen von einer umherfliegenden Holzlatte erschlagen zu werden, fand er den Gedanken an die Kneipe fast einladend. Außerdem war er der Ansicht, dass der Tag eigentlich nicht mehr schlimmer werden konnte.
„Na gut. Aber wäre es okay, wenn ich fahre und du hinten...?“ Er hatte noch gar nicht fertig gesprochen, aber Hedwig nickte eilig. „Hauptsache,wir kommen aus diesem Unwetter raus!“, rief sie.
Obwohl Hedwigs Fahrrad für Adrian deutlich zu klein war und er mehrere Anläufe brauchte, bis er es endlich schaffte, mit ihr hinten drauf überhaupt loszufahren, erreichten sie etwa eine Viertelstunde später den Pub. Nass bis auf die Knochen und durchgefroren, aber unbeschadet. Ohne lange darüber nachzudenken, ließ Adrian das Fahrrad gegen eine Wand fallen und rannte hinter Hedwig her, die bereits fast die Tür zum Wirt erreicht hatte. Gerade, als er die wenigen Stufen hochsprang, erklang hinter ihnen ein gewaltiger Donner. Die beiden fuhren erschrocken herum. In kürzester Zeit blitzte und donnerte es erneut. Hedwig schob die schwere Tür auf und sie schlüpften hinein in einen finsteren, mit alten, rotbraunen Fliesen ausgelegten Gang. Adrian musste leicht angewidert feststellen, dass es wie in dem Bushäuschen roch. Hedda sah den Gang hinauf und hinunter und Adrian tat es ihr gleich, um sich zu orientieren. Anscheinend war dies nicht der Haupteingang. Der Gang führte – laut alter, verblasster Schilder – zu den Toiletten. Eine weitere Tür trug die Aufschrift „Nur für Personal“ und in einem Eck stand eine alte Telefonzelle. Auf der anderen Seite endete der Gang in einer dunklen Flügeltür mit vergilbten Glasfenstern. „Gastraum“, las Hedwig leise vor, was auf dem Schild über der Tür stand. Unsicher blickten die beiden sich an, als hinter ihnen etwas knallte. Adrian und Hedwig fuhren herum. Ein dicklicher, älterer Mann mit Halbglatze und einem dicken, aber ungepflegten grauen Schnauzbart, war aus der Personaltür gekommen. In seinen Armen trug er eine Kiste Bier.
„Was wolld ihr denn hier?“, grunzte er. „Ausschank erst ab ach'zehn! Husch husch, raus mid euch, oder muss ich eure Eltern informieren?“
Adrian hatte bereits den Rückzug angetreten, denn dieser Mann war ihm mehr als nur unangenehm – er machte ihm richtig Angst – doch Hedwig hielt ihn am Arm fest.
„Entschuldigen Sie bitte“, säuselte sie, „aber wir sind in das Unwetter geraten. Es fährt kein Bus und mein Freund hat kein Fahrrad mehr! Wir wussten nur, dass es hier ein Gasthaus gibt und wären total dankbar, wenn wir hier bleiben könnten, bis das Gewitter vorbei ist!“
Wirt MacCain und Adrian blinzelten. MacCain, weil er darüber nachdachte, was er tun sollte. Er hatte persönlich überhaupt kein Problem damit, Minderjährige in seinen Räumlichkeiten zu bewirten und illegal war es ja bis zu einer bestimmten Uhrzeit auch nicht, aber die Polizei reagierte seit einigen (natürlich völlig aus der Luft gegriffenen) Gerüchten darüber, dass er hier Kinder abfüllte, ohne deren Ausweise auf Volljährigkeit zu überprüfen, ziemlich empfindlich darauf, wenn sie unter-Achtzehnjährige in seinem Pub antraf.
Adrian blinzelte, weil er kaum fassen konnte, wie Hedwig von jetzt auf gleich umgeschaltet hatte und ohne mit der Wimper zu zucken die Geschichte zu ihren Gunsten verändert hatte.
MacCain seufzte. „Na jut, kommt rin. Aber kein Alkohol für euch!“ Hedda und Adrian wechselten einen irritierten Blick, zuckten dann aber mit den Schultern und folgten MacCain aus dem finsteren, kalten Gang in die Gaststube.
Auch hier war es recht düster, was aber auch daher kommen konnte, dass der Himmel vor den vollgestellten und mit verstaubten, gelblichen Gardinen verhangenen Fenstern nach wie vor pechschwarz war und der Wind dicke Regentropfen gegen die Glasscheiben peitschte. Das gesamte Mobiliar des Raumes war schon stark in die Jahre gekommen, der Geruch von Zigarettenrauch hing schwer in den Vorhängen und den Polstern auf Bänken und Stühlen und eine Putzfrau hätte der Räumlichkeit auch gut getan. Aber zumindest war es hier warm und sie waren vor Regen, Sturm und Gewitter geschützt. Sie drückten sich auf eine Eckbank an einem kleinen Tisch in der Nähe des Fensters.
„Kann ich euch wat zu trinken bringen?“, rief der Wirt von der Bar aus hinüber. Hedda schüttelte den Kopf und murmelte etwas von „Kein Geld“, doch Adrian sehnte sich nach nichts mehr als irgendetwas Heißes zu trinken.
„Haben Sie heiße Schokolade? Oder Tee?“, fragte er und war von seinem Mut fast selber überrascht.
MacCain hob die Augebrauen. „Heiße Schokolade? Dekadent, ihr Jugendlischen heutztage. Schwarzen Tee hätt ich aber sicherlich noch irgendwo.“ Er begann, geschäftig hinter der Bar herumzukramen. Adrian sah Hedwig fragend an. Als sie den Kopf schüttelte, murmelte er: „Ich leg es dir aus. Kannst es mir ja mit in den Stall bringen.“
Hedwig sagte nichts, aber ein Lächeln zuckte über ihr Gesicht.
„Also zwei Tee?“, rief der Wirt hinüber und Adrian nickte. Nach wie vor fühlte er sich extrem angespannt, aber trotzdem besser als zuvor. Er zog sein Smartphone heraus und schaute darauf. Kein Netz. Ein kurzer Blick zu Hedwig verriet ihm, dass sie ebenfalls ihren Empfang checkte. Gerade, als beide die Telefone wieder eingepackt hatten, erschien schnaufend der Wirt an ihrem Tisch. Er stellte zwei unterschiedliche Tassen auf den Tisch. Es wirkte fast, als habe er sich Mühe gegeben, den Teebeutel, einen Löffel, ein Päckchen Kondensmilch und einen irgendwie alt und bröselig wirkenden Keks auf der Untertasse ansprechend zu drapieren, aber das war ihm nicht sonderlich gut geglückt. Nachdem er die Tassen abgestellt hatte, blieb er unschlüssig am Tisch stehen. Dann, ohne zu fragen, zog er sich einen Stuhl vom Nachbartisch heran und setzte sich schnaufend.
„Also, jez muss ich aber doch ma fragen...“, begann er mit seiner, wie Adrian fand, unangenehm röhrend lauten Stimme. „Ihr seid also bei einer Radtour innen Regen geraten? Hier im Nirgendwo?“
Adrian starrte in seine Tasse und sah zu, wie der Tee sich langsam darin verbreitete. Er wollte mit diesem Mann wirklich nicht reden. Doch Hedwig antwortete neben ihm.
„Nein, nicht Radtour... wir waren bei unseren Pferden! Und auf dem Heimweg hat uns dann das Unwetter erwischt. Also, wir wollten mit dem Bus fahren, aber der kam ja nicht und...“
„Ach bei den Ferden?“, unterbrach MacCain sie. Ungehobelt, fand Adrian. „Da oben bei den Montgomerys in Whitehorse?“
Hedda zögerte einen Moment, dann nickte sie. MacCain kratzte sich an der Brust. „Nette Leute, die Montgomerys. Anständige Leute. Aber nich ganz ungefährlich, mit ihre Hof da oben so abgelegen! Da hat es schon immer viele Geschichten und Gerüchte gegeben, dat könnt ihr mir glauben!“
Adrian rührte seinen Tee um und fischte dann den Teebeutel heraus. Er hoffte, dass MacCain einfach ging, aber der plauderte munter weiter.
„Hat vor vielen Jahren ma angefangen, dat die Leute Geschichten erzählt haben. Oder Legenden, wie es die gute Ramona Montgomery gerne nennt. Kennt ihr die, die Legende von Whitehorse?“
Mit blitzenden Augen schaute er zwischen Adrian und Hedwig hin und her. Adrian bemerkte, dass ein zwar schwacher, aber deutlich wahrnehmbarer Geruch von Alkohol von ihm ausging. Er hatte das Bedürfnis zu gehen.
„Wir kennen die Legende“, antwortete er daher kühl. „Mrs. Montgomery hat sie uns persönlich erzählt!“ MacCain hob eine Augebraue. „Ramona Montgomery, ja? Aber hat sie euch auch die ganze Geschichte erzählt? Glaube ich nämlich kaum! Die Macalistors – Ramonas Familie – neigen seit Generationen dazu, den heiklen Teil der Legende unter den Tisch fallen zu lassen!“ Erwartungsvoll blickte er die beiden an.
Den heiklen Teil?“, wiederholte Hedwig ungläubig. „Was soll an der Legende denn heikel sein?“ MacCain lachte schnatternd auf. „Nu, dat wollt ihr jetzt natürlich gerne wissen! Dann sagt doch ma, wat euch die gute Ramona schon alles erzählt hat!“
Stockend begann Hedwig, zu erzählen, was sie noch wusste. Adrian merkte schnell, dass sie nur noch Bruchstücke wusste und diese irgendwie wirr zusammenbastelte. Adrian war überrascht davon. Es war erst knapp zwei Wochen her, dass Ramona ihnen die Geschichte erzählt hatte. In Adrians Gedächtnis hatte sie sich eingebrannt wie ein Film. Als er merkte, dass Hedwig an der Chronologie verzweifelte, lenkte er ein. Er bemühte sich, sich möglichst kurz zu fassen, ohne dabei unhöflich zu klingen.
„Ramona hat uns von den Vorfahren erzählt, die Anfang des achtzehnten Jahrhunderts begonnen haben, das Gestüt aufzubauen. Dann, als die Zucht schon gut lief, wurde Aherin Macalistor während eines Rittes von einem Unwetter überrascht und begegnete im Wald einem Männlein, dass ihn vor dem Wächter des Waldes warnte und einen Tribut forderte. Als er diesen verweigerte und sich lustig machte, brach in seinem Stall ein Feuer aus. Außerdem geschah ab diesem Tag immer ein Unglück in der Familie Macalistor, wenn jemand über das Männlein spottete. Und schließlich übernahm Philipp Macalistor das Gestüt, ein großer Pferdenarr, der einen Hengst namens Gauvain großzog. Auch er begegnete in einem Unwetter dem Wächter des Waldes, der Gauvain als Tribut forderte, und als Philipp diesen verweigerte, brannte auch sein Stall ab. Und während Philipp versuchte, die Pferde zu retten, brach das Dach ein. Doch ehe er verbrannte, rettet Gauvain ihn, woran er schließlich starb. Seitdem heißt das Gestüt Whitehorse Castle.“
Adrian endete. Während er die Geschichte heruntergerattert hatte, waren die Gefühle zurückgekehrt, die er damals schon gehabt hatte, als Ramona erzählt hatte. Es hatte ihm schon damals die Luft zum atmen genommen, so bedrängend hatte sich alles angefühlt. Doch er wollte sich nichts anmerken lassen.
Zu seiner Überraschung schien MacCain nicht zufrieden zu sein mit Adrians Version.
„Und weiter?“, fragte er.
„Wie, weiter?“, entgegnete Hedwig. „Nichts weiter. Das ist alles, was Ramona uns erzählt hat!“
Ein breites Grinsen erschien auf MacCains Gesicht. Adrian fiel auf, dass ihm ein Zahn fehlte.
„Dat dachte ich mir fast!“, dröhnte er. „Immer nur die halbe Wahrheit erzählen, dat haben sie schon immer gut gekonnt, die Macalistors! Aber wisst ihr wat, wenn ich es mir überlege, dann kann es auch sein, dat die gute Ramona gar nicht die komplette Geschickte kennt!“
Adrian schaute skeptisch zu Hedda. Sie erwiderte den Blick, zuckte unsicher mit den Schultern. Draußen trommelte der Regen unverändert und unbarmherzig gegen die Scheiben.
„Wollt ihr die ganze Geschichte hören?“, fragte MacCain und es war unübersehbar, dass er darauf brannte, sie zu erzählen. Er wartete auch gar nicht ab, ob Adrian und Hedda wollten oder nicht. Er begann einfach.
„Also, passt uff. Von Gauvain habt ihr ja schon gehört. Und davon, dat er für den Herrn Philipp dat Größte war. Nu, dat is alles schön und gut. Allerdings klingt es immer so, als wäre er ein netter Mann mit einer großen Liebe zu Pferden – wat ja auch nicht ganz falsch ist. Aber es ist nu mal so, dat der gute Philipp auch paranoid und ein bisschen ziemlich geizig war. Niemand wusste wirklich, wie viel Geld er damals mit dem Verkauf seiner Pferde verdiente – nur, dat die Summen gigantisch groß waren. Aber er verpflichtete alle Käufer und Mitwisser dazu, Stillschweigen über Preise zu wahren.
Jetzt fragt man sich doch aber, wat er mit dem ganzen Geld anstellte. Er bezahlte natürlich seine Arbeitskräfte, aber die Anzahl war überschaubar, und der Luxus, den er seiner Familie gönnte, war durchaus mickrig. Wat machte er also mit der Kohle? Nun, eines Tages wurden Gerüchte laut, er habe einen Bildhauer vom Festland beauftragt, eine ganz spezielle Figur anzufertigen – aus nichts Geringerem als reinem Gold und Diamanten! Und zwar eine kleine Skulptur seines Pferdes Gauvain. Dat Ding muss – nach allem, wat man so gehört hat – mittlerweile mehrere Millionen, wenn nicht sogar Milliarden wert sein!
Jedenfalls zierte die Skulptur über viele Jahre den Schreibtisch vom Philipp. Ob er sie jetzt erst nach Gauvains Tod oder bereits früher in Auftrag gegeben hat, da scheiden sich die Geister. Genau weiß es aber wohl niemand mehr. Jedenfalls ist sie nach seinem Tod spurlos verschwunden. Da wurden dann relativ schnell Geistergeschichten draus. Angeblich kehrt alle paar Jahre Philipps Geist höchstpersönlich auf seinem Geisterpferd Gauvain zurück und sucht nach dem verschollenen Schatz, um damit seine Schuld bei dem Waldmännchen zu begleichen und endlich Frieden zu finden. Wie dat halt so ist mit den alten Geschichten, nich? Da entstehen immer gleich Gruselmärchen draus! Wie dem auch sei. Noch vor'n paar Jahren, so Ende fufziger, Anfang sechziger, gab es jede Menge Touris, die nur nach Whitehorse gereist sind, um nach dem verschollenen Schatz zu suchen. Die Macalistors behaupten nämlich, nichts über die Existenz dieser Skulptur zu wissen und streiten es als Gerücht ab. Ein gefährlicher Leichtsinn, wie ich finde! Irgendwann, dat sag ich euch, wird ihnen dat mal zum Verhängnis!“
Er brach ab, denn von irgendwo her summte etwas. Adrian merkte erst einen Moment später, dass sein Handy vibrierte. Er hob schnell ab. Es war seine Mutter.
„Adrian? Wo zur Hölle steckst du? Ich versuche dich schon die ganze Zeit zu erreichen!“ Adrian sah nach draußen. Erst jetzt bemerkte er, dass das Unwetter weiter gezogen war und der Himmel sich aufgehellt hatte. Selbst die Gaststube wirkte mit einem Mal viel freundlicher. Er erklärte seiner Mutter kurz, was vorgefallen war und wo er steckte.
„Bei MacCain? Oh Gott... Na gut, bitte bleib dort. Ich habe einen Leihwagen von der Werkstatt, bis unser Auto wieder fährt... ich hole dich gleich ab.“
Adrian bedankte sich, dann legte Marlene auf. MacCain hatte geduldig abgewartet, bis Adrian fertig telefoniert hatte, dann fuhr er unbeirrt fort, als wäre er niemals unterbrochen worden: „Ich meine jedenfalls, die gute Ramona Montgomery sollte sich vorsehen! Immer wieder höre ich von Leuten, die daran glauben, dat die Macalistors nur deswegen die Existenz der Skulptur bestreiten, weil sie so unfassbar wertvoll ist und sie keine Lust auf den Trouble der ganzen Antiquitätenhändler und Museen haben, die Interesse an so einem Schatz hätten.“
Er nickte, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. „Also, Kinder, behaltet meine Worte im Kopf, wenn euch da oben beim nächsten Mal etwas Merkwürdiges auffällt – denn wie ich hörte, kommt es da immer wieder zu seltsamen Zwischenfällen“ - er hob vielsagend die Augenbrauen - „dann haltet die Augen offen und passt auf, dat ihr nicht zwischen die Fronten geratet!“ Er warf einen kurzen Blick auf die Uhr an seinem fleischigen Handgelenk.
„Oi, nu muss ich aber ma langsam weiterarbeiten. War nett mit euch zu plaudern.“ Er grinste und entblößte seine Zahnlücke. „Dat da geht auf's Haus“, sagte er, als er die beiden Tassen vom Tisch nahm. „Seht zu, dat ihr heim kommt und wat Trockenes anzieht!“ Er drehte sich um und wackelte zum Tresen zurück. Adrian sah Hedda an. Ihr Gesicht war ausdruckslos. Sie schwiegen, keiner wagte etwas zu sagen, als von einem dunklen Eck her ein Geräusch ertönte. Jemand schob einen Stuhl zur Seite. Wie auf Kommando sahen beide hinüber. Adrian hatte eigentlich den Wirt vermutet, doch es war ein dunkelhaariger Mann mit Bart, der sich aus der Ecke schälte. Einen kurzen Moment glaubte Adrian, dass er ihn und Hedwig fixierte, dann verschwand er in den Gang, aus dem Hedwig und Adrian gekommen waren.
„Hast du mitbekommen, wann der reingekommen ist?“, flüsterte Hedwig. Adrian schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung“, murmelte er. Er hätte aber auch nicht darauf schwören wollen, dass der Mann nicht schon bei ihrem Eintreffen in der dunklen Ecke gesessen hatte.

Adrian konnte gar nicht in Worte fassen, wie glücklich er war, als seine Mutter den Pub betrat. Sie bedankte sich mehrfach überschwänglich und in einer Adrian unbekannten und irgendwie unangenehmen Stimmlage bei MacCain, dass er den beiden Zuflucht gewährt hatte. Es brauchte auch keine langen Diskussionen darüber, dass sie Hedwig nach Hause brachte. Der Leihwagen war nicht so groß wie das Familienauto, das sie normalerweise fuhren, aber sie schaffte es trotzdem irgendwie, Hedwigs Fahrrad in den Kofferraum zu zwängen. Als sie schließlich die Hauptstraße in Richtung Eskadale, wo Hedda lebte, entlang fuhren, drehte Adrian sich auf dem Beifahrersitz zu Hedda um.
„Was hältst du von MacCains Geschichte?“, fragte er. Irgendwie fiel es ihm mit einem Mal ganz leicht, mit Hedda zu sprechen. Sie sah ihn an und zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, dass MacCain ein alter Spinner ist, der unbedingt Aufmerksamkeit will. Aber keine Ahnung, ich glaube nicht, dass der schlau genug ist, sich solche Geschickten auszudenken. Wir sollten auf jeden Fall mal Ramona fragen, ob sie davon schon mal etwas gehört hat.“
Adrian nickte. „Ja, sehe ich auch so.“
Den Rest der Strecke bis zu Heddas Zuhause schwiegen sie. Erst, als Marlene wieder auf die Hauptstraße abgebogen war, wandte sie sich an ihren Sohn. „Was für eine Geschichte?“, fragte sie. Adrian sah seine Mutter an. Er war erschöpft und fertig mit den Nerven, wollte nur noch nach Hause und seine Ruhe haben.
„Erzähl' ich dir morgen,okay?“, murmelte er. Marlene warf ihrem Sohn einen prüfenden Blick zu, dann nickte sie. „Na, meinetwegen.“ Sie strich ihrem Sohn mit einer Hand durch die blonden Locken, die in alle Himmelsrichtungen von seinem Kopf abstanden. Adrian schloss die Augen. Bilder von brennenden Ställen und verzerrte Fratzen von Geisterreitern tanzten vor seinem inneren Auge vorbei. Doch wirkten sie jetzt, da alles wieder ins Lot kam, nicht mehr so bedrohlich, wie sie noch während der Geschichte bei MacCain gewirkt hatten, als er sie sich zum ersten Mal ausgemalt hatte. Nein, er glaubte auch nicht, dass an MacCains Geschichte etwas dran war. Im Gegenteil zu dem Mann mit Bart, der ebenfalls im Gastraum gesessen und der Geschichte mit großem Interesse gelauscht hatte.
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