Das Leben ist kein Ponyhof - Das Geheimnis von Whitehorse Castle (MMFF-Anmeldung geschlossen)

MitmachgeschichteMystery, Freundschaft / P16 Slash
02.08.2016
22.04.2019
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Elisabetta saß an ihrem Lieblingstisch im erstaunlich aufgeräumten Speisesaal und genoss die Ruhe. Vor ihr stand ihr Laptop, daneben eine dampfende Tasse Tee. Auf der einen Hälfte des Bildschirms war ein Chatfenster geöffnet, über das sie mit ihren Freunden kommunizierte (die sie ehrlich und aufrichtig bemitleideten), die andere Hälfte wurde von einem Webartikel eingenommen, der diverse Statistiken der aktuellen Wirtschaftslage anzeigten. Während sie hin und wieder an ihrem Tee nippte oder eine Antwort an einen ihrer Freunde aus Italien tippte, studierte sie den Beitrag.
Sie genoss es, endlich mal ihre Ruhe zu haben. Nur das Prasseln des Regens draußen und das leise Summen ihres Laptops waren zu hören, ab und an ein leises Klirren aus der Küche.
Ein kurzer Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es bereits halb zehn war. Und immer noch kein Zeichen von den Horrortwins oder einem von ihren Freunden. Wie wundervoll!
Als Elisabetta am Morgen aufgewacht war, hatte sie mit Grauen festgestellt, dass die rothaarige Nervensäge Hedwig schon wieder bei Annie genächtigt hatte. Oder besser gesagt, immer noch nächtigte. Denn beide Mädchen hatten noch tief und fest geschlafen. Zu hören war nur ihr gleichmäßiges, leises Schnarchen gewesen, das bei Elisabetta schon wieder Kopfschmerzen verursacht hatte. Ein Schauer von Ekel war über ihren Rücken gelaufen, als sie den kleinen Spuckefaden bemerkt hatte, der aus Annies halbgeöffnetem Mund hing. Sie hatte sich geschüttelt und war so schnell sie konnte ins Bad und anschließend ins Erdgeschoss geflüchtet, wo sie nun saß. Es war wohl das erste Mal, dass sie endlich mal in Ruhe tun konnte, was sie mochte. War sie in ihrem Zimmer, kamen ständig Annie oder Mo oder Hedwig oder sonst irgendjemand hereingeplatzt, lärmten herum und – da offenbar keiner von ihnen eine Ahnung hatte, was das Wort „Privatsphäre“ bedeutete – schauten über ihre Schulter auf ihren Bildschirm mit der Frage: „Was machst du daaa?“ Was war nur falsch mit diesen Kindern?
Noch einen Tag zuvor hatte Elisabetta die Geburtstagsparty für die beiden Monster für die grässlichste Idee der Welt gehalten, doch mittlerweile war sie ganz dankbar dafür, dass sie doch stattgefunden hatte. Denn offenbar war genau diese Feier der Grund, warum außer ihr noch niemand den Weg in den Frühstücksraum gefunden hatte. Sie war ja sehr viel früher gegangen als der Rest der Truppe. Während Elisabetta bereits um halb eins im Bett gewesen war, hatte lautes Rumpeln ihr verraten, dass die Ungeheuer wohl bis vier in der Früh weiter gefeiert hatten.
Elisabetta las den Artikel in aller Ruhe fertig und hatte sich gerade einen zweiten Tee geholt, als sie Schritte in der Eingangshalle hörte. Irgendjemand war wohl doch aufgewacht. Sie verdrehte die Augen. Dann war es wohl gleich vorbei mit der Ruhe. Sie verkrümelte sich wieder in ihre Ecke, drehte vorsorglich den Laptop so, dass man von der Tür aus nur die Rückseite sah und vertiefte sich in den nächsten Beitrag. Sie machte sich nicht die Mühe, aufzusehen, als die Tür knarzend geöffnet wurde. Erst, als sie nach mehreren Minuten immer noch nichts hörte als leises, halbherziges Kratzen von Besteck auf Geschirr schielte sie über den Rand des Bildschirms. Zu ihrer Überraschung saßen Hedwig und Annie schweigend am äußeren Eck des großen Gemeinschaftstisches. Annie hatte zwar die übliche Menge an Futter auf ihrem überladenen Teller, doch wirkte sie weitaus weniger motiviert zu essen als die letzten Tage. Hedwig knabberte nur an einem trockenen Stück Toast.
Elisabetta konnte sich ein schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen. Den Kids bekam das lange Aufbleiben wohl so gar nicht. Sie sahen fast so aus, als hätten sie die ganze Nacht gesoffen. Elisabetta ertappte sich bei dem Wunsch, dass sie länger in diesem Zustand bleiben mögen. Es war so angenehm ruhig! Sie lehnte sich zurück. Sie war nun seit mittlerweile zwei ganzen Wochen hier und es war das erste Mal, dass sie sich ein klein wenig entspannen konnte. Dabei hatte sie sich wirklich Mühe gegeben, sich auf diesen ganzen Quatsch mit den Pferden einzulassen. Sie hatte Jack zugehört, hatte versucht, zu tun, was er erklärte. Sie hatte ihm ein paar Mal von weitem zugesehen, wenn er mit einem seiner beiden Pferde gespielt hatte - Elisabetta war sich nicht sicher, ob „gespielt“ der richtige Ausdruck war, aber es hatte für sie so ausgesehen. Als würden junge Hunde zusammen spielen (das hatte sie im Tierheim ein paar Mal unter entzücktem Jauchzen ihrer Großmutter beobachten müssen).
Ja, sie war sogar mehrmals auf ein Pferd gestiegen. Aber egal, wie sehr sie auch versuchte, dem Ganzen etwas Positives abzugewinnen – es wollte ihr einfach nicht gelingen. Dieses ständige draußen sein strengte sie an, der Geruch der Tiere bereitete ihr Migräne und die Menschen hier gingen ihr einfach nur auf den Keks. Es war nicht ihre Welt und würde es auch niemals werden. Sie interessierte sich nicht für körperliche Tätigkeiten. Elisabetta liebte es, nachzudenken, zu kombinieren. Sie mochte schwierige Matheaufgaben, interessierte sich für Wirtschaft und führte gerne intellektuell anspruchsvolle Diskussionen (etwas, wozu sie hier definitiv nicht kam - mit wem auch?).
Sie nippte an ihrem Tee und überflog den Artikel gerade ein zweites Mal, als erneut Schritte zu hören waren.
Dieses Mal sah sie direkt auf, als die Tür geöffnet wurde und verschluckte sich fast an ihrem Tee. Claire kam hereingeschlichen, lautlos wie immer. Doch sie war nicht alleine. Ihr hinterher schlurfte Rebecca. Beide hatten pitschnasse Haare und auch ihre Pullover und Hosen waren ziemlich durchweicht. Anscheinend waren sie von ihrer Stallarbeit nicht verschont worden.
Sie suchte Claires Blick, doch die Blonde sah nicht in ihre Richtung. Elisabetta war sich nicht sicher, doch hatte sie den Eindruck, dass Claire sich am Buffet leise mit Rebecca unterhielt. Mit Rebecca. Es war jetzt nicht so, dass Elisabetta übermäßig großen Wert auf Claires Gesellschaft gelegt hätte, aber trotzdem empfand sie eine Verbündung mit dieser Person als absoluten Hochverrat. Und nachdem Claire ja schon am Abend zuvor mehr Interesse an den Kerlen gehabt hatte als an Elisabetta, war für diese nun klar: Claire war für sie gestorben. Sollte sie sich doch mit Abschaum wie Rebecca einlassen. Bitte sehr. Einen Tick zu aggressiv haute sie in die Tastatur, als sie eine Chatantwort an ihre beste Freundin tippte. Das führte dazu, dass für einen Moment alle Blicke auf sie gerichtet waren. Elisabetta bemerkte dies und hielt inne. Hedwig hatte beide Hände auf ihre Stirn gepresst und sah anklagend in ihre Richtung. Annie hatte eine Gabel im Mund, vergaß aber, weiter zu essen. Claire blinzelte, sah dabei wie immer leicht treudoof aus und selbst Rebecca schenkte ihr einen vernichtenden Blick. Allerdings sah Elisabetta in diesem Moment etwas, das ihr die Laune versüßte: Rebeccas Lippe war auf der einen Seite extrem rot und dick geschwollen, sie sah aus, als wäre sie aufgeplatzt gewesen. Offenbar hatte sie endlich mal was auf's Maul bekommen. Allein diese Genugtuung besänftigte Elisabetta so weit, dass sie sich einen bissigen Kommentar verkneifen konnte. Ohne auf die blöden Blicke zu reagieren wandte sie sich wieder ihrem Rechner zu und tippte weiter. Am Geklapper des Bestecks konnte sie festmachen, dass die anderen sich wieder ihrem Frühstück zugewandt hatten.

*



Mo gähnte herzhaft, während er neben Faolán die Treppe hinunterstiefelte. Er war immer noch ziemlich müde, fühlte sich sonst aber wunderbar. Im Gegensatz zu Dennis, der nach wie vor ziemlich grün um die Nase war. Aber immerhin war er wieder in der Lage, zu kommunizieren. Wenn man es so nennen konnte. Mo und Faolán hatten ihn geweckt, bevor sie sich auf den Weg nach unten gemacht hatten, doch Dennis hatte sich die Decke über den Kopf gezogen und etwas gemurmelt, das wie „Nein, Bett“ geklungen hatte. Sie hatten ihm den Wunsch gewährt und ihn in Ruhe gelassen.
Als sie den Speisesaal betraten, waren schon einige Leute dort. Mo bemerkte Elisabetta, die in einer Ecke hinter ihrem Laptop versteckt war. Rebecca und Claire saßen zu Mos Überraschung zusammen am einen Ende des Gemeinschaftstisches. Am anderen Ende erblickte er Annie und Hedda. Zielstrebig marschierte er auf die beiden zu, klatschte seine Hände zwischen ihnen auf die Tischplatte und rief: „Einen wunderschönen guten Morgen!“
Beide Mädchen schreckten hoch. Anscheinend waren sie in einer Art Halbschlaf gewesen... beim Essen?! Mo hatte das Gefühl, dass er die Weiber immer weniger verstand.
Hedwig sah ihn anklagend an. „Zu laut!“, stöhnte sie. Mo blinzelte sie verständnislos an.
„Kopfschmerzen!“, erklärte Annie leise. Mo nickte langsam. Dann zuckte er mit den Schultern. „Hm, ich hol' mir erst mal was zu essen!“
Er gesellte sich zu Faolán, der bereits fleißig damit beschäftigt war, Würstchen, Tomaten und Bohnen auf seinen Teller zu häufen.
Mo hatte auch ordentlich Hunger. Er hatte zwar, seit er aufgewacht war, ein merkwürdig flaues Gefühl im Magen, doch die einzige Erklärung, die er dafür hatte, war, dass er nicht genügend gegessen hatte. Er schaufelte sich seine gewohnte Portion auf einen Teller, dann ließ er sich neben Hedda auf einen Stuhl plumpsen und fing an zu essen. Erst nach ein paar Minuten bemerkte er Heddas Blick. Sie hatte das Gesicht verzogen und irgendwie war sie blasser als sonst. Mo sah sie verständnislos an. „Waschn losch?“, schmatzte er mit vollem Mund. „Willscht du nisch auch wasch eschen?“ Er schluckte den Bissen herunter. Hedda hatte die Lippen zusammengepresst und schüttelte den Kopf. Mo runzelte die Stirn. Doch er hatte keine Lust, sich während des Essens mit so anstrengenden Dingen wie Nachdenken zu beschäftigen. Deswegen zuckte er mit den Schultern und futterte munter weiter. Er kratzte gerade die letzten Krümel Rührei von seinem Teller, als Ramona in den Saal kam und sich zu ihnen an den Tisch setzte. Sie lächelte in die Runde. Einem aufmerksamen, nicht-pubertären und etwas ausgeschlafenerem Beobachter wären sicherlich die dunklen Ringe unter ihren Augen aufgefallen, doch Mo nahm davon keinerlei Kenntnis. Artig legte er seine Gabel beiseite, um zu signalisieren, dass er bereit war für ihre allmorgendliche Ansprache.
„Einen wunderschönen guten Morgen wünsche ich euch“, lächelte sie in die Runde. Mo hörte neben sich ein seltsames Geräusch und schielte zu Hedda. Sie hatte das Gesicht in die Hände gestützt und die Augen geschlossen. Schlief die?! Mo versetzte ihr einen unauffälligen Stoß mit dem Ellenbogen und Hedda schreckte hoch. „Was?“, fragte sie verwirrt. Ramona kicherte leise.
„Also, nachdem ihr alle ziemlich unausgeschlafen ausseht und Jack mich schon gewarnt hatte, dass es gestern sehr spät geworden ist – oder soll ich besser sagen: heute sehr früh? - habe ich beschlossen, dass heute Vormittag keine Pferdeeinheit stattfindet.“
Sie sah alle der Reihe nach an, dann hielt sie plötzlich inne.
„Wo ist eigentlich Dennis?“, hakte sie nach.
„Schläft noch“, antwortete Faolán. „Ging ihm irgedwie nicht so gut gestern, ich glaube der hat zu viel von dem Zuckerzeug verputzt...“
Ramona nickte langsam. „Okay... ich werde gleich nach ihm sehen. Jedenfalls... wo war ich? Ach ja. Also: Vormittag heute: Frei. Legt euch noch mal hin, macht etwas Ruhiges im Gemeinschaftsraum, oder wozu ihr eben Lust habt. Aber: Nicht im Stall.“
Nicht nur Mo hatte den Mund geöffnet, um zu widersprechen. Auch Annie holte bereits Luft, doch Ramona unterbrach sie bereits im Ansatz.
„Nein nein nein, ich diskutiere da gar nicht mit euch. Ihr seid müde und unaufmerksam, es ist viel zu gefährlich, euch in diesem Zustand ans Pferd zu lassen. Und ich möchte auch allgemein nicht, dass ihr heute AUF ein Pferd steigt. Faolán und Hedwig, euch kann ich natürlich nichts verbieten, aber auch euch würde ich empfehlen, das Glück nicht herauszufordern.“ Faolán verschränkte die Arme, doch Hedda sah nur abwesend in Ramonas Richtung. Mo hatte das Gefühl, dass sie gleich wieder einschlafen würde, weswegen er sie vorsorglich in die Rippen piekste. Hedda zuckte so zusammen, dass ihr Ellbogen vom Tisch rutschte und sie um ein Haar mit dem Kopf auf die Platte geknallt wäre. Mo prustete los, auch Annie und Faolán lachten auf. Hedwig hingegen sah gar nicht glücklich aus.
„Ups, sorry!“, kiekste Mo. Angesichts Heddas Killerblick versuchte er, nicht weiter zu lachen, aber der Anblick war einfach zu komisch gewesen. Er presste sich beide Hände auf den Mund, doch ein Glucksen konnte er nicht vollständig unterdrücken. Hedda bedachte ihn erneut mit einem Todesblick, dann strich sie sich mit der Hand über die Augen und murmelte: „Ich geh' noch mal schlafen...“ Sie drückte sich vom Tisch hoch, gähnte und verschwand leicht wankend aus dem Raum. Mo kratzte sich am Kopf. So mürrisch hatte er die sonst immer so gutgelaunte Hedwig wirklich noch nie erlebt. Er sah fragend zu Faolán, doch auch der blickte nur ratlos drein und zuckte mit den Schultern.
Ramona wartete geduldig, bis sie wieder die volle Aufmerksamkeit der verbliebenen Jugendlichen hatte. Als Mo und Faolán sie schließlich wieder ansahen, fuhr sie fort: „Also. Ich habe mir gedacht, wenn ihr Lust habt, könntet ihr den Nachmittag nutzen, mal etwas ganz Neues auszuprobieren. Da ihr alle an der Rallye teilnehmen möchtet, solltet ihr euch nämlich vorher auch schon mal intensiv mit Vertrauensarbeit vom Boden aus befasst haben. Gestern habt ihr ja schon ein bisschen Bodenarbeit geübt, aber Jack würde sich die Zeit nehmen, euch mal etwas Freiarbeit zu erklären.“
„Freiarbeit?“ Annie begann zu kichern. „Das haben wir in der Schule auch manchmal. Da spielen wir dann immer Karten oder machen die Hausaufgaben, die wir vergessen haben!“
Mo prustete los. „Ja oder in Musik, da haben wir mal Papierstücke in die Saiten von dem Klavier geklemmt! Und als der Lehrer nachher was spielen wollte, kam kein klarer Ton heraus!“
„Uh uh uh oder weißt du noch, als wir in Mathe die Geometrieaufgaben lösen sollten und stattdessen alle Formen ausgeschnitten und daraus ein Männchen gebastelt haben?“
„Oh ja, Miss Hover fand das irgendwie gar nicht so lustig. Musste Mum eigentlich das Mathebuch bezahlen?“
„Ihr habt die Formen aus dem Mathebuch ausgeschnitten?!“
Faolán sah die beiden fassungslos an. Mo blinzelte. „Klar. Wo sollten wir sie denn sonst draus ausgeschnitten haben?“
Faolán schaute ein wenig pikiert drein. Offenbar hatte er den Zwillingen nicht so viel kriminelle Energie zugetraut.
„Jaaaa uns ist dann später auch aufgefallen, dass man das ja eigentlich nicht darf, weil Sachbeschädigung und so, aber das haben wir irgendwie in dem Moment vergessen...“ Annie kicherte.
Ein leises Räuspern erinnerte Mo daran, dass eigentlich Ramona am Zuge war, etwas zu sagen. Mit entschuldigendem Blick wandte er sich ihr wieder zu. Ramona hatte die Ellbogen auf der Tischplatte abgestützt und ihr Kinn in die Hände gelegt. Sie lächelte geduldig. Auch jetzt fiel weder Mo, noch den anderen die Erschöpfung in ihrem Blick auf.
Erst, als wieder alle Augen auf sie gerichtet waren, setzte sie erneut an. „Nein, also das mit der Freiarbeit funktioniert bei uns ein bisschen anders. Aber lasst es euch doch einfach heute nach dem Mittagessen mal von Jack erklären, er ist da wirklich gut drin. Und Annie...“ Sie sah das Mädchen an, das etwas überrascht wirkte, direkt angesprochen zu sein.
„Das ist eine Art von Arbeit, in der du auch mit Blue an eurer Beziehung arbeiten kannst.“ Sie zwinkerte Annie zu, der die Kinnlade heruntergeklappt war. „Echt jetzt?!“, quiekte sie fassungslos, mit vor Aufregung knallroten Backen. Ramona lachte.
„Ja, aber nur, wenn ihr den Vormittag nutzt, euch auszuruhen und etwas Ruhiges macht. Verstanden?“
Annie salutierte. „Aye, M'am!“

Wenig später hatten es sich Mo, Annie und Faolán im Gemeinschaftsraum im ersten Stock bequem gemacht. Draußen prasselte immer noch der Regen gegen die Fenster, doch Mo hatte den Eindruck, dass der Himmel langsam aufhellte. Auch die Regentropfen schienen nicht mehr ganz so dick und schwer zu sein wie die Tage zuvor.
Und tatsächlich ließ der Regen im Laufe des Vormittags nach und die Sonne kämpfte sich langsam durch die dicken Wolken, die immer noch träge am Himmel hingen. Mo bemerkte es erst, als ein warmer Sonnenstrahl durchs Fenster lugte und ihn an der Wange kitzelte. Er sah von seinem Superman-Comic, in den er die letzten Stunden vertieft gewesen war, auf und lugte aus dem Fenster. Draußen war zwar alles nass, doch die Sonne ließ die Tropfen auf den Grashalmen glitzern. Es sah schön aus, fand Mo. Er ließ den Blick schweifen. Das Fenster des Gemeinschaftsraumes ging zur Rückseite des Hauses hinaus, in Richtung der Weiden und Ländereien. Mo konnte sich nicht erinnern, schon mal bewusst von hier aus nach draußen geblickt zu haben. Die Gästezimmer waren auf der Frontseite, von dort aus konnte man in den Hof schauen, zu den Ställen, auf den Reit- und Putzplatz. Den Ausblick kannte Mo nur zu gut. Wie oft schon hatten Annie, Hedda und er am Fenster gesessen und sich über die Leute lustig gemacht, die sich draußen stritten, Gerüchte austauschten oder über ihre Pferde ärgerten. Hatten mit offenem Mund Mister Montgomery beobachtet, der auf dem Reitplatz ritt. Bei ihm sah immer alles kinderleicht aus. Natürlich hatten sie sich auch über andere Reitschüler und auch einige Pferdebesitzer lustig gemacht, die offensichtlich weniger gut mit ihren Pferden zurecht kamen als der Chef.
Doch die Aussicht, die sich ihm jetzt bot, war fantastisch. Mo konnte kaum fassen, dass ihm noch nie aufgefallen war, wie schön das Gehöft lag. Klar, er hatte schon oft am Lagerfeuer hinter dem Haus gesessen (die Feuerstelle sah man von oben natürlich auch), aber entweder hatte er nicht darauf geachtet, oder der Blickwinkel war vom ersten Stock aus einfach ein anderer. Er sah die weiten, hügeligen Weiden, die langsam talwärts abfielen. Weit unten schlängelte sich der eiskalte Bergbach, der heute recht grau und aufgewühlt wirkte. Rundherum wiegten sich große, dunkelgrüne Tannen in den immer wieder aufkommenden Windböen. Er sah auch Jacks Hütte mit den wilden Rosen rundherum. ,Superkitschig', dachte Mo und grinste ein wenig. Doch der Kitsch war noch steigerungsfähig. Denn gerade, als er dachte, sich sattgesehen zu haben, galoppierte ein weißes Pferd an Jacks mit rosafarbenen Wildrosen umwucherter Steinhütte vorbei. Eine Schrecksekunde lang glaubte Mo, eines der Pferde sei ausgebüchst. Doch dem ersten Schimmel folgte ein zweiter, deutlich langsamer und irgendwie steifer in der Bewegung. In diesem Moment war Mo klar, dass es sich um Jacks Pferde handeln musste, Yanis und die alte Lana. Anfangs, als Jack neu in Whitehorse war, hatte Mo nicht gewusst, dass er eigene Pferde hatte. Das hatte Hedda ihm dann irgendwann erklärt, als er recht doof gefragt hatte, warum Jack dauernd zwei der Pferde ausbüchsten. Hedda hatte gelacht und geantwortet: „Die büchsen ihm nicht aus, er nimmt sie nur mit raus. Zum Spielen, zum Arbeiten. Mann, ich bewundere Jack ja, wie er das mit seinen Pferden schafft. Ich meine, mit Zorro funktioniert das in der Halle und auf dem Reitplatz auch, dass er mit mir spielt und mir hinterher läuft und so. Aber sobald irgendwo Wiese ist, will er einfach nur noch essen! Jacks Pferde essen nicht! Das ist doch gemein!“ Und dann hatte sie gegrinst.
Mo hatte lange nicht verstanden, was Hedwig meinte. Zum einen sah er keinen Sinn darin, neben dem Pferd herzurennen. Es machte doch viel mehr Spaß, oben drauf zu sitzen! Zum anderen war ihm auch nicht klar, wie man mit Pferden spielen sollte. Etwa so wie mit Hunden? Stöckchen werfen und mit der Leine Tauziehen? Doch dann hatte er Jack mal beobachtet. Und Mo war beeindruckt gewesen. Es war, wie Hedwig gesagt hatte. Wenn Jack ans Weidetor kam und pfiff, kamen beide Pferde angaloppiert. Auch vom hintersten Ende der Weide her. Zuerst Yanis, wild und ungezähmt, dann, mit einigem Abstand, die alte, etwas klapprige Lana. Jack öffnete dann das Tor und beide fegten hinaus auf die Ländereien. Doch wenn Jack erneut pfiff, machten sie kehrt und kamen zurück. Sie folgten ihm wie Hunde. Wenn er loslief, sprang Yanis übermütig an ihm vorbei, machte ein paar Bocksprünge, kehrte dann aber um und schaute mit erhobenem Kopf und aufgestellten Ohren, wo sein Besitzer denn nur blieb. Lana hingegen hatte es nicht mehr so eilig. Sie blieb hinter Jack und steigerte ihr Tempo nur so weit, wie es unbedingt nötig war um nicht abgehängt zu werden. Und manchmal blieb sie einfach nur stehen und schaute Jack und Yanis zu, wie sie auf der Wiese fangen spielten (Mo wusste nicht, ob es wirklich Fangen war, aber es sah zumindest so aus).
Manchmal übte Jack auch Tricks mit den Pferden. Sie konnten auf Fingerzeig die Vorderbeine heben und Mo hatte auch schon gesehen, wie Yanis sich verbeugte oder sich auf die Hinterbeine stellte.

An diesem Tag sprang Jack durch das tiefe, nasse Gras. Mo konnte erkennen, dass seine Jeans sich bereits fast bis zu den Knien mit Wasser vollgesogen hatte. Doch Jack schien das nicht zu stören. Er rannte immer wieder plötzlich los, was dazu führte, dass auch Yanis losstürmte. Dann blieb Jack ohne Ankündigung stehen und machte ein paar schnelle Schritte rückwärts. Und wenig später standen beide Pferde an seiner Seite.
Als Jack antäuschte loszurennen und Yanis an ihm vorbeihüpfte wie ein junger, verspielter Hund, musste Mo kichern.
„Cool, oder?“
Mo zuckte zusammen und fuhr herum. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass Hedda, Faolán und Annie sich neben ihn ans Fenster gekauert hatten. Anscheinend beobachteten auch sie Jack. Er nickte beeindruckt.
„Ich würde das auch gerne können...“, murmelte er. Annie nickte heftig mit dem Kopf. Doch Faolán wirkte skeptisch.
„Findest du das nicht gut?“, fragte Mo. Faolán zuckte zur Antwort mit den Schultern.
„Naja, meine Mum hält nicht viel von Jack“, erklärte er langsam, als Mo in bohrend ansah.
„Was, warum nicht?“, hakte Annie nach. „Er ist doch echt cool und er kann voll gut mit den Pferden umgehen!“
„Naaah es geht meiner Mum ja auch nicht um den Umgang... also nicht primär. Weißt du, es gibt ja ganz unterschiedliche Ansichten, woran man erkennt, dass jemand ein guter Reiter ist... Naja und meine Mum ist da halt sehr klassisch veranlagt. Und ich glaube, dass sie da nicht ganz unrecht hat. Also weil sie meint eben, dass man schon eine gewisse Grundausbildung, reiterlich und theoretisch, braucht, um wirklich zu wissen, was man am Pferd tut. Und auf dem Pferd. Und sie sagt, besonders, wer unterrichtet, der sollte schon eine Ausbildung zum Trainer oder Reitlehrer oder sowas gemacht haben. Oder zumindest auf einem gewissen reiterlichen Leistungslevel sein, damit man überhaupt weiß, wovon man redet. Meine Mum ist ja auch mal auf einem recht hohen Level geritten früher, also sie hat schon echt Ahnung.“
„Und du meinst, weil Jack nicht die gleiche Ausbildung hat wie deine Mum kann er weniger?“, versuchte Mo die Aussage zu verstehen. Faolán zuckte erneut mit den Schultern. „Keine Ahnung, ich weiß nicht, was Jack kann oder gelernt hat. Also ob er irgendeine Ausbildung in Sachen Reiten gemacht hat. Ich weiß eigentlich gar nichts über ihn, hab ja nicht wirklich viel mit ihm zu tun. Und er redet ja auch nicht besonders viel. Aber ich meine, Ramona lässt ihn unterrichten und ich finde eigentlich schon, dass, wenn jemand unter einem so anerkannten Namen wie hier bei den Montgomerys arbeitet, er eine gewisse reiterliche Grundvoraussetzung mitbringen sollte.“
„Ramona vertraut ihm!“, warf Hedwig ein, „und sie traut ihm den Unterricht zu. Und ich bin mir sicher, dass sie weiß, was er kann. Sie lässt ja nicht einfach jeden unterrichten. Außerdem macht Jack ja keine Springstunden oder Dressur oder sowas, nicht wie Ramona und Mister Montgomery. Er macht ja nur Ausritte und ab und zu so Einsteigerstunden für Anfänger.“
„Trotzdem“, erwiderte Faolán und verschränkte die Arme. „Ich finde einfach, es wirft kein gutes Licht auf Ramona, wenn jemand mal nachforscht und merkt, dass hier jemand ohne Trainerlizenz oder sowas arbeitet. Ich meine, er hat ja nichts vorzuweisen! Keine Reitabzeichen, keine Ausbildung der klassischen Reiterei, ja nicht mal eine Ausbildung aus dem Westernreiten!“
„Hältst wohl nicht viel vom Westernreiten?“, hakte Annie nach. Faolán druckste ein wenig herum. „Hmmm njaaah also... keine Ahnung, meine Mum meint immer, eine Ausbildung im Westernreiten ist immer noch besser als gar keine, aber... also... die sind schon alle etwas komisch, diese Möchtegerncoboys...“
Hedwig bekam in diesem Moment einen Hustanfall, der irgendwie verdächtig nach „Alfred Riedl“ klang. „Ja, genau!“, rief Faolán und begann zu lachen. Auch Mo und Annie kicherten. Doch während Hedda und Faolán kurz darauf schon wieder in eine Diskussion über unterschiedliche Reitweisen vertieft waren, sah Mo wieder aus dem Fenster. Der Himmel war wieder etwas zugezogen, doch Jack ließ sich davon nicht beirren. Gerade schaffte er es irgendwie, das Yanis einen Kreis um ihn und Lana, die neben seiner Schulter stand, trabte.
Wie gerne hätte Mo so etwas auch gekonnt!
Hier in Whitehorse waren ja erstaunlich viele Jungs und Männer mit Pferden beschäftigt, aber in Mos Schule war das ganz anders. Da war Reiten eindeutig ein Mädchensport. Und überhaupt waren Pferde eine reine Mädchenangelegenheit. Deswegen war Mo auch schon seit einer Weile unsicher gewesen, ob er überhaupt noch mal nach Whitehorse fahren wollte. Er liebte es, dort zu sein, er mochte die Leute und vor allem Oliver. Aber seit den letzten Jahren musste er sich zunehmend Lästereien von seinen Klassenkameraden anhören, die mitbekommen hatten, dass Mo einmal im Jahr in Reiturlaub fuhr.
„Hey Wendy, bring mir ein Schleifchen mit, wenn du vom Ponyhof zurückkommst!“, oder „Na Moritz, wärst du auch gern ein Mädchen wie deine Schwester und fährst deswegen in Mädchenurlaub zum Ponys streicheln?“, waren nur ein paar der Sätze, die ihm in regelmäßigen Abständen von den anderen Jungs hinterhergerufen wurden. Auch seine Freunde zeigten oft wenig Erbarmen, allerdings konnte Mo es ihnen gut verzeihen. Doch trotzdem fühlte es sich nicht richtig gut an. Als er kleiner war hatte es diese Hänseleien nicht gegeben. Oder er hatte sie nicht bemerkt. Oder sie waren ihm egal gewesen. Er wusste es nicht mehr so genau. Doch besonders das letzte Jahr hatte ihn oft zweifeln lassen, ob Reiten wirklich das Richtige für ihn war. Aber wenn er Jack jetzt beobachtete, mit welcher Selbstverständlichkeit er mit seinen Pferden zusammen war, konnte er sich nicht vorstellen, dass Pferde wirklich „Mädchensache“ sein sollten. Er konnte sich auch nicht vorstellen, dass irgendjemand es wagen würde, sich über Jack lustig zu machen, nur, weil er ritt. Mo schüttelte leicht den Kopf. Er fand diese ganze „Vergeschlechterung“ von Sportarten sowieso total dämlich. Annie zum Beispiel kletterte leidenschaftlich gern auf Bäume oder kroch auf allen Vieren im Dreck herum. Früher schon hatten andere Mütter immer wieder den Kopf geschüttelt und zu Annie gesagt, Mädchen machten so etwas nicht. So ein Unsinn! Mo fand, dass es genau so normal war, dass Mädchen im Dreck spielten, wie das Jungs etwas mit Pferden machten. Jawohl!
Und Jack, entschied er, sollte jetzt sein Vorbild sein. Er rückte näher ans Fenster heran und versuchte, besser zu erkennen, wie genau Jack es schaffte, dass seine Pferde taten, was er wollte. Jedoch – und das faszinierte Mo noch mehr – ließ sich kaum etwas erkennen. Jack drehte sich ab und zu mal weg oder hob eine Hand, aber sonst tat er eigentlich... nichts. Wie Zauberei. Oder Gedankenlesen. Vielleicht würden sie am Nachmittag ja genau das üben!
Mo drückte seine Nase an der Scheibe platt. Jack lief jetzt zwischen seinen beiden Pferden. Plötzlich begann er, im Gehen die Beine übertrieben weit zu heben und nach vorne zu strecken. Zuerst dachte Mo, Jack mache das vielleicht, weil der Boden so nass war. Doch dann begannen beide Pferde, es ihm gleich zu tun. Mo war wirklich beeindruckt. Jack lief noch ein paar Meter, dann blieb er stehen, kraulte beiden den Hals und hüpfte wieder los. Auch die Pferde (dieses Mal auch Lana) sprangen vorwärts. Jack machte ein paar Schritte – und blieb plötzlich wie angewurzelt stehen.

Mo bemerkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Es war nicht das gleiche, spielerische Abbremsen wie die Male zuvor. Jacks Aufmerksamkeit war nicht bei den Pferden. Sein Blick ging starr in Richtung Waldrand, als würde er dort etwas fixieren. Schnell wandte Mo den Blick in die gleiche Richtung. Er konnte die dunklen Bäume sehen, die sich unter dem immer grauer werdenden Himmel bedrohlich im Wind bewegten. Sie waren zu weit weg, als dass er Details hätte erkennen können. Doch dann sah er etwas. Nur den Bruchteil einer Sekunde lang. Im Nachhinein war er sich auch nicht sicher, ob es wirklich da gewesen war, oder er es sich nur eingebildet hatte. Es hatte ausgesehen wie die Silhouette eines Menschen. Doch ehe Mo es – oder ihn – wirklich ins Auge fassen konnte, war es schon im Gebüsch verschwunden gewesen. Mo beobachtete noch kurz den Waldrand, doch er sah nichts oder niemand Auffälligen mehr. Schnell ließ er den Blick zu Jack huschen, der immer noch regungslos da stand. Seine Körperhaltung erinnerte an eine Raubkatze, die sich bereit machte zum Sprung.
Doch im nächsten Moment entspannte er sich. Als eine plötzliche Windböe sein Haar nach vorne wehte, hob er den Kopf. Ohne darüber nachzudenken sah auch Mo in den Himmel. Die Wolken waren wieder schwarz und die ersten Regentropfen bahnten sich bereits ihren Weg nach unten.
Mo sah, wie Jack eine Hand an die Lippen legte und pfiff. Er glaubte sogar, trotz des Windes, den man vor dem Fenster rauschen hörte, einen leisen, schrillen Pfeifton zu vernehmen.
Nur Sekunden später tauchten die beiden Schimmel hinter einem der Wiesenhügel auf. Sie galoppierten auf Jack zu, der sich umdrehte und in Richtung Stall gegen den Wind losstiefelte. Kurz darauf waren er und beide Pferde aus Mos Blickfeld verschwunden. Noch einmal sah er hinüber zum Waldrand, doch nur der immer stärker werdende Sturm bewegte die Büsche und Bäume. Von einem Menschen war keine Spur.


*


Faolán hatte den Schatten am Waldrand selbstverständlich nicht bemerkt, viel zu sehr war er in die Diskussion mit Hedda vertieft gewesen. Er war wirklich kein besonders großer Fan von dem, was Jack so tat, doch im Laufe des Gespräches musste er sich eingestehen, dass er sich auch noch nie wirklich damit beschäftigt hatte, was Jack genau machte.
Natürlich hatte auch er schon oft beobachtet, dass Jack mit seinen Pferden ohne Strick oder Halfter spazieren ging, dass er ohne Sattel und Zügel ritt oder einfach mal eine Weile im Gras saß und die beiden beobachtete. Doch er hatte dem Ganzen noch nie eine sonderlich große Bedeutung geschenkt. Er selber verbrachte zwar schon viel Zeit auf dem Pferd, hatte aber durchaus auch schon einige Übungen vom Boden aus versucht. Allerdings war Odin nicht der geborene Partner für so etwas. Das Kaltblut war zwar unglaublich gutmütig und auch durchaus stark auf Faolán fixiert, doch Nichtsdestotrotz wusste der Wallach sehr genau, wie stark er eigentlich war. Saß man auf seinem Rücken, ließ er sich (meistens) trotzdem relativ unkompliziert handlen, so dass Faolán fast immer das Gefühl hatte, sein Pferd noch beeinflussen zu können. Doch seine Versuche, mit Odin spazieren zu gehen, hatten meistens damit geendet, dass dem Wallach irgendwann die Lust vergangen war und er beschlossen hatte, dass es im Gras am Wegrand ja eigentlich auch ganz schön war.
Auch Callista, Faoláns Mutter, war kein besonders großer Fan von Spaziergängen und Bodenarbeit. Sie sagte immer, das sei Humbug. Ihrer Meinung nach musste das Pferd sich von der Koppel holen lassen, sich beim Putzen benehmen und dem Reiter gehorchen, wenn er oben drauf saß. Sie sah keinen Sinn darin, ein 800 Kilogramm schweres Tier, das man sich zum Reiten kaufte, mit einer dünnen Leine wie einen Hund spazieren zu führen. Da konnte man sich ja schließlich auch gleich einen Hund zulegen.
Faolán hatte es bis jetzt nie in Frage gestellt, einfach, weil es nie notwendig gewesen war. Aber nachdem Hedwig nun fast eine Stunde auf ihn eingeredet hatte, musste er zugeben, dass es ihn doch ein wenig juckte, mehr über Jacks Arbeitskonzept zu erfahren.
Deswegen saß er eine halbe Stunde nach dem Mittagessen gemeinsam mit Hedda und Mo auf der Tribüne der Reithalle und beobachtete Annie, die mit Blue in der Mitte der Halle stand. Jack hatte hier aus etwa zweieinhalb Meter hohen Metallzaunelementen einen Kreis eingezäunt, einen sogenannten Roundpen. Faolán wusste, dass besonders die Westernreiter gerne in diesen Kreisen trainierten.
Jack hatte ihnen erklärt, dass er dort drin arbeiten wollte, um ihnen und den Pferden für den Anfang einen eingegrenzten Rahmen zur Verfügung zu stellen. „Sonst seid ihr zu schnell außer Atem“, erklärte er mit einem schelmischen Grinsen.
Er hatte schon einige Grundlagen erläutert.
„Euer Ziel ist es, dass das Pferd euch freiwillig folgt. Dass es euch als Leittier anerkennt. Wenn ihr eure Bezie'ung und Rangordnung vom Boden aus sicher gefestigt 'abt, wird euch auch das Reiten er'eblich leichter fallen. Aber damit euer Pferd euch anerkennt, müsst ihr euch so ver'alten, wie es ein rang'ö'eres Tier auch tun würde. Ihr braucht eine selbstbewusste, klare und aufrechte Körper'altung. Ihr müsst bestimmt sein, ohne grob zu werden. Emotionen wie Wut 'aben in der Arbeit mit Pferden nichts verloren, merkt euch das!“
Faolán hatte die Arme verschränkt. Er hörte zu, konnte sich aber noch nicht viel vorstellen.
Schließlich hatte Jack ihnen die Aufgabe erklärt.
„Es nennt sich „Platz einnehmen“, oder „Join up“, wie die Cowboys sagen. Ziel dieser Übung ist es, die Position des Leittieres einzunehmen. 'ierzu müsst ihr den Platz des Pferdes einnehmen, indem ihr es wegschickt. Nicht scheucht oder jagt!“ Er hob ermahnend den Finger. „Verstanden?“
Nun sah er Annie an, die schon ganz hibbelig war und anscheinend kaum erwarten konnte, endlich loszulegen. Sie nickte euphorisch.
Auch Jack nickte. Dann schnappte er sich ein Seil, das er am Tor des Roundpens aufgehängt hatte.
„Ich zeige euch einmal, was ich von euch möchte. Annie, bleib bitte einfach 'ier in der Mitte.“
Faolán musste kichern beim Anblick von Annies Gesichtsausdruck. Als wäre sie kurz davor zu platzen.
Doch sie blieb stehen.
Jack hingegen straffte die Schultern und schritt auf Blue zu. Als er etwa zwei Meter von ihr entfernt war, hob er den Arm mit dem Seil darin. Blue, die gerade noch an den Metallstangen herumgeleckt hatte, hob den Kopf, fixierte Jack kurz und sprang dann mit einem Bocksprung los. Nur ein paar Meter, dann blieb sie stehen und sah sich aufmerksam um. Jack wiederholte das Ganze noch zwei Mal, und plötzlich machte Blue kehrt und kam auf ihn zu. Jack sah die Stute nicht an. Er drehte sich um und ging. Und das Pferd folgte ihm.
Faolán hob die Augenbrauen. Es hatte wirklich extrem einfach ausgesehen. Ein bisschen mit dem Seil wedeln und fertig. Faolán vermutete, dass Jack die Übung nicht zum ersten Mal mit Blue gemacht hatte und sie einfach wusste, was von ihr verlangt wurde. Er sah es ja auch bei Ramonas Schulpferden: Selbst, wenn sie den Reitschülern ab und an das Leben schwer machten, wussten sie, wie die Reitstunden abliefen. Sie hätten diese vermutlich auch ohne Reiter bewältigt. Auch Annie machte den Eindruck, fast ein wenig enttäuscht zu sein. Anscheinend hatte sie mehr Hokus Pokus erwartet. Doch als sie das Seil von Jack entgegen nahm, trat ein fester Ausdruck von Entschlossenheit auf ihr Gesicht. Jack erklärte ihr noch einmal irgendetwas, allerdings konnte Faolán das akustisch nicht verstehen. Annie nickte ein paar Mal, während Jack auf verschiedene Stellen deutete. Dann verließ er den Roundpen.
Annie legte los. Auf den ersten Blick, fand Faolán, sah das, was sie tat, genau so aus wie das, was Jack gemacht hatte. Sie straffte die Schultern und tappte auf Blue zu, hob die Hand mit dem Seil – und nichts passierte. Blue leckte immer noch mit Hingabe die Stangen ab. Als sie Annie bemerkte, blickte sie kurz auf, schlabberte dann aber weiter. Annie stoppte, blinzelte irritiert. Jack gab ihr vom Rand aus eine Anweisung. Annie nickte und begann, mit dem Seil zu fuchteln, erst vorsichtig, dann deutlicher. Als Blue immer noch nicht reagierte, holte sie mit dem Seil aus und ließ es durch die Luft schnalzen. Jetzt reagierte Blue. Sie explodierte. Blue sprang mit allen Vieren gleichzeitig in die Luft, schlug mit beiden Hinterfüßen aus und raste dann los. Annie machte einen erschrockenen Sprung zurück, während Blue wie ein wildgewordener Büffel im Kreis raste. Jack versuchte nach wie vor, ihr von außen zu erklären, was sie tun sollte. Es dauerte eine ganze Weile, bis Blue sich wieder beruhigt hatte. Doch sie wirkte mit einem Mal bei Weitem nicht mehr so entspannt wie zuvor. Sie hatte den Kopf hoch erhoben, die Nüstern weit gebläht und prustete immer wieder laut aus. Jede Bewegung, die Annie in ihre Richtung machte, führte ab diesem Zeitpunkt dazu, dass sie wieder in die Luft ging.
Faolán beobachtete aufmerksam, woran es liegen konnte, dass Blue so reagierte. Augenscheinlich machte Annie ja nichts anders als Jack... oder doch? Denn nach einigen Minuten, in denen Blue immer angespannter reagierte, schlüpfte Jack wieder zu Annie in den Roundpen. Erneut erklärte er Annie etwas, korrigierte ihre Haltung, dann führte er sie in Richtung des Ponys. Faolán war ausgesprochen skeptisch. Doch was auch immer Jack getan hatte – es zeigte Wirkung. Blue beäugte die beiden misstrauisch. Doch dann senkte sie langsam den Kopf und reckte ihre Nase in Richtung Annies Hand, die das Mädchen ihr entgegenhielt. Dann schnaubte sie lange aus und schüttelte sich.
Beim nächsten Anlauf blieb Jack zu Beginn noch bei Annie im Roundpen. Erst, als Blue entspannt wirkte, verließ er die Einzäunung wieder.
Dieses Mal lief es besser. Doch Faolán musste überrascht zugeben, dass es bei Annie bei Weitem nicht so einfach aussah wie bei Jack. Es dauerte auch deutlich länger (also VIEL länger), bis Blue die ersten zaghaften Anstalten machte, sich Annie zuzuwenden und ihr sogar ein paar Schritte zu folgen. Obwohl es nur wenige Meter waren, ehe Blue wieder etwas verunsichert stehen blieb und sich umsah, glühten Annies Wangen rot vor Stolz. Jack forderte sie auf, Blue noch einmal ihre Hand anzubieten. Es funktionierte. Blue kam zu dem Mädchen, das ihr begeistert und überschwänglich den Hals kraulte. Jack wirkte zufrieden.
„Das ist genug für 'eute“, erklärte er. Obwohl Annie offensichtlich enttäuscht war, dass sie gerade jetzt, wo es so gut klappte, aufhören sollte, spurte sie, als Jack sie bat, Blue zu versorgen. Dann sah er zu den anderen hinüber. „Wer möchte noch?“, fragte er. Neben Hedwig sprang Mo klatschend auf (Hedda griff sich an den Kopf – sie hatte wohl noch immer Kopfschmerzen). „Ich hol' schnell den Oliver!“, quiekte er und war schon verschwunden.

Um ehrlich zu sein hatte Faolán damit gerechnet, dass es mit Mo und Oliver genau so ablaufen würde wie bei Annie und Blue. Jack erklärte noch einmal die Übung und auch Mo bekam noch ein paar genauere Anweisungen. Auch Mo startete hochmotiviert. Und auch Oliver reagierte erst einmal nicht. Er sah sich im Roundpen um, spähte zu den Tribünen, zu Jack, zu Mo, dann begann er, im Hallenboden zu scharren. Mo wedelte mit dem Seil, doch das Pony interessierte das Gezappel nicht im Geringsten. Stattdessen ließ Oliver sich mit einem lauten „Rums“ fallen und begann, sich ausgiebig im weichen Hallensand zu wälzen. Mo begann, wie ein Rohrspatz zu schimpfen, während Hedda und Faolán in Gelächter ausbrachen. Auch Jack grinste, als er Mo von außen etwas zurief.
Oliver ließ sich nicht beirren. Erst, als er der Meinung war, sich ausreichend gewälzt zu haben, stand er wieder auf, schüttelte sich und schnaubte zufrieden. Mo wirkte absolut entrüstet.
Das Pony hingegen nahm den Jungen jetzt offenbar doch zur Kenntnis, denn es marschierte direkt auf ihn zu und begann, Mos Taschen nach Leckerlis abzusuchen. Ein wenig hilflos tätschelte er Olivers Hals und sah sich nach Jack um. Der schüttelte grinsend den Kopf und erklärte noch mal etwas.
Doch letztendlich musste auch dieses Mal Jack mit in den Roundpen kommen, um Mo zu unterstützen. Sein Problem war nämlich nicht, dass Oliver so wie Blue explodierte, sondern, dass er sich nicht mehr von Mo entfernen wollte. Faolán war etwas verwirrt. Hatte Jack nicht gesagt, das Ziel sei es, dass das Pferd dem Menschen freiwillig folge? Oliver tat genau das, er dackelte hinter Mo her, egal was dieser tat. Aber jetzt verlangte Jack, dass er ihn wieder wegschickte. Faolán sah Hedwig fragend an.
„Ich dachte er will, dass Olly hinter Mo herläuft?“
Die Rothaarige nickte. „Ja schon, aber ich glaube, das Problem ist, dass Oliver jetzt bestimmt und nicht Mo. Ich meine, wenn du die beiden anschaust, ist doch klar, wer die Hosen anhat – nicht Mo!“
Faolán lachte. Er verstand zwar, worauf Hedwig hinaus wollte, aber so richtig nachvollziehen konnte er es nicht. „Aber es ist doch immer die Entscheidung des Pferdes, ob es jemandem folgen will oder nicht, wenn kein Strick dran hängt, oder?“
Hedda verzog nachdenklich das Gesicht. Sie wirkte auf Faolán, als wolle sie etwas erklären, aber suche nach den richtigen Worten.
Annie ersparte es Hedwig. Sie tauchte auf einmal neben den Beiden auf. „So, was habe ich verpasst?“, fragte sie neugierig.
„Nicht viel“, antwortete Faolán. „Oliver hat sich gewälzt und jetzt läuft er ihm nach, was Jack irgendwie nicht passt.“
Annie runzelte die Stirn. „Ich dachte er SOLL ihm nachlaufen?“
„Das habe ich Hedwig auch gerade gefragt...“
Ein Rumpeln aus der Halle ließ sie alle aufblicken. Wie es schien hatte Mo es endlich geschafft, Oliver in Bewegung und vor allem von sich weg zu bringen. Der Wallach war mit ein paar Sprüngen losgerumpelt, blieb allerdings recht schnell wieder stehen, wandte sich Mo zu und machte schon wieder Anstalten, zu ihm in die Mitte zu kommen.
„Nein nein nein!“, rief Jack, der mittlerweile wieder von außen Anweisungen gab. Er war um den Roundpen herum gegangen, so dass er jetzt unter der Tribüne stand, wo Annie, Hedda und Faolán saßen.
„Lass ihn nicht zu dir kommen! Er soll sich bewegen, von dir weg!“
Dann wandte sich Jack den dreien zu. „Mo ist aktuell nicht derjenige, der entscheidet“, erklärte er. „Im Moment entscheidet Oliver, was passiert. Ob er sich bewegt, sich wälzt oder eben Mo nach Futter absucht. Das bedeutet, dass ER das Leittier ist und nicht Mo. Wir möchten aber, dass das Pferd darauf wartet, von uns eingeladen zu werden, uns zu folgen. So lange Oliver nach allen paar Schritten ste'en bleibt und dann in die Mitte kommt, muss Mo ihn wegschicken, um zu zeigen, dass ER entscheidet, wo Oliver als rangniedrigeres Tier sich auf'alten darf und wo nicht. Erst, wenn Olly auf Mos Einladung eingeht, also abwartet, bis Mo ihn auffordert, ihm zu folgen, dann darf er zu ihm kommen.“
Faolán hob skeptisch die Augenbrauen. Ihm war nicht klar, woran Jack diese Unterscheidungen festmachte. Er sah zweifelnd zu Hedda und Annie, die Jack aufmerksam gelauscht hatten und nun begonnen hatten, über das, was Mo gerade machte, zu diskutieren.
„Er ist zu weit vorne!“, murmelte Hedda gerade. „Deswegen stoppt Olly ständig! Er müsste sich mehr zur Hinterhand drehen!“ - „Ja stimmt! Aber er bekommt das mit dem Weitertreiben schon ganz gut hin, oder? Immerhin bleibt der Olly nicht mehr alle zwei Meter stehen!“
Faolán versuchte, die selbe Begeisterung wie die Mädchen an den Tag zu legen, doch selbst, als Jack von außen rief: „Gut! Jetzt 'ast du ihn!“ und Oliver Mo mit ein paar Metern Entfernung folgte, ohne direkt seine Jackentasche plündern zu wollen, war er nicht wirklich überzeugt.
Im Gegensatz dazu schien Heddas Begeisterung jetzt erst Recht geweckt. Als Jack sie auffordernd ansah, flitzte sie sofort los, um Zorro zu holen.
Zwar konnte sogar Faolán hier einen deutlichen Unterschied zu dem, was Mo und Annie gemacht hatten, erkennen, allerdings kannten sich Zorro und Hedwig natürlich auch deutlich besser.
Jack ging noch einen Schritt weiter und erklärte Hedwig, wie sie ihr Pferd dazu bringen konnte, nachdem es ihr folgte, auch rückwärts und seitwärts zu gehen.
„Wow, sieht aus als würden sie tanzen!“, flüsterte Mo beeindruckt, während es Annie sogar ganz die Sprache verschlagen zu haben schien.
Schließlich beendete Jack die Übung und Hedda umarmte ihr Pony mit strahlenden Augen. Faolán hatte die Arme nach wie vor verschränkt, als Jack ihn plötzlich direkt ansah. Etwas Fragendes und irgendwie Aufforderndes lag in seinem Blick. Faolán rang kurz mit sich. Was er bis jetzt beobachtet hatte, hatte ihn nicht überzeugt. Er glaubte immer noch, dass die Pferde einfach schon gelernt hatten, was von ihnen erwartet wurde. Schließlich hatte Hedda auch mit Zorro bereits solche Übungen gemacht.
Andererseits, wenn Jack es schaffen würde, auch Odin dazu zu bringen... Odin kannte diese Übung sicherlich nicht. Er wurde ab und zu longiert, allerdings nicht, um irgendwie die Rangordnung zu klären, sondern um seine Muskulatur zu trainieren, damit er auch in der Lage war, einen Reiter zu tragen.
„Okay“, murmelte Faolán, mehr zu sich selber, dann nickte er Jack kaum merklich zu und stand auf.

Zehn Minuten später saßen Hedwig und die Zwillinge mit dampfenden Bechern mit Kakao auf der Tribüne, während sich Faolán und Odin bei Jack im Roundpen eingefunden hatten. Dieser wirkte mit Odin darin gleich viel enger und kleiner als bei den Ponys der anderen.
Jetzt bekam auch Faolán die letzten Anweisungen.
„Also. Wichtig ist, dass du ihn nicht daran 'inderst, vorwärts zu ge'en. Bleibe zum Treiben immer 'inter der Schulter. Wenn du ihn wegtreiben möchtest, stell sicher, dass er den Weg frei 'at. Du bestimmst damit, von wo aus du auf ihn zugehst, die Richtung, in die er weicht. Und wenn du vor seine Schulter kommst und dich ihm zuwendest, kannst du ihn stoppen. Aber bleib immer in der Mitte des Roundpens. Oft treten gerade die Pferde, die sonst sehr ru'ig erscheinen, mal nach innen aus. Wenn du zu nah bist, kann er dich treffen. Verstanden?“
Faolán nickte zwar, doch insgeheim glaubte er nicht daran, dass es funktionieren sollte. Odin wog stolze 900 Kilogramm, die je nach Tagesform häufig schwer zu motivieren waren. Beim Reiten hatte Faolán immer eine kleine Gerte bei sich, mit der er Faolán ab und an einen Klaps auf den dicken Hintern geben konnte, und wenn seine Mutter ihn auf dem Platz trainierte, kamen auch kleine Sporen zum Einsatz. Doch Jack stellte ihm als einziges Hilfsmittel ein Seil zur Verfügung.
Wie auch die anderen vor ihm ließ Faolán seinem Pferd erst kurz Zeit, sich im Roundpen, der ja nur selten aufgebaut wurde, zu orientieren. Allerdings war Odin von Natur aus gelassen. Es interessierte ihn nur wenig, dass die Umgebung sich verändert hatte. Schmatzend sah er Faolán an, als wolle er sagen: „Joa. Und nu?“
Faolán grinste innerlich. So war Odin eben. Der würde sich sicherlich nicht bewegen lassen.
Und so straffte er die Schultern, hob die Hand mit dem Seil und ging auf Odin zu.
Genau, wie er es erwartet hatte, passierte nichts. Das Kaltblut musterte ihn und schnüffelte schließlich an dem Seil, dann gähnte es.
Faolán war klar, dass Jack das noch nicht als Beweis akzeptieren würde, dass seine komische Übung mit Odin nicht klappen würde, weswegen er es noch mal und noch mal versuchte. Zugegeben, vielleicht probierte er es nicht wirklich mit voller Überzeugung. Aber Odin machte nun mal überhaupt keine Anstalten, mitzuspielen.
Nach einer Weile brach Faolán ab und sah Jack herausfordernd an.
Jack lehnte an der Bande der Reithalle, ebenfalls mit einer dampfenden Tasse Irgendwas ausgestattet.
„Du versuchst es gar nicht richtig“, antwortete er nur. Faolán blinzelte. Hatte Jack wirklich erkannt, dass der Junge nur halbherzig seine komischen Übungen probierte?
Faolán war eigentlich jemand, der immer alles ausprobierte. Nichts war ihm zu langweilig, zu anstrengend oder zu gefährlich. Und je aufregender, desto besser. Er konnte nicht genau sagen, warum er sich so quer stellte gegen das, was Jack von ihm verlangte. War es der Einfluss seiner Mutter, die selten ein gutes Wort für den Stallburschen übrig hatte? Oder hatte es vielleicht damit zu tun, dass Faolán sich ungern reinreden ließ in die Arbeit, die er mit seinem Pferd machte? Faolán hatte seit jeher ein gutes Händchen für Pferde gehabt, er war immer absolut selbstverständlich und angstfrei mit ihnen umgegangen. Er hatte nie ein Problem mit Odin gehabt, hatte ihn seit jeher grundsätzlich gut handlen können (abgesehen von ein paar Auseinandersetzungen, die aber immer im Rahmen des typischen Kaltblut-Charakters geblieben waren).
Und jetzt bildete Jack sich ein, besser zu wissen, wie Faolán mit seinem Pferd umgehen sollte als er selbst?!
„Deine ganze Ausstrahlung schreit förmlich, dass du nicht glaubst, dass es funktioniert“, holte Jack Faolán aus seinen Gedanken zurück. Faolán zuckte mit den Schultern. „Stimmt, ich glaube auch nicht, dass es klappt“, antwortete er kühl.
Jack zuckte mit den Schultern. „Niemand zwingt dich, es zu versuchen. Aber entweder, du probierst es richtig, oder du lässt es bleiben, aber das, was du da gerade machst, verschwendet nur deine und meine Zeit.“
Faolán wurde selten sauer, aber Jacks Worte ärgerten ihn. Einen kurzen Moment zog er in Erwägung, einfach abzubrechen und zu gehen. Denn ja, niemand zwang ihn, hier seine Zeit zu verplempern. Doch etwas in ihm sträubte sich, aufzugeben. War es sein Stolz? Oder interessierte es ihn doch insgeheim, ob Jacks Hokus Pokus funktionierte?
Er atmete aus. Na gut. Dann wollte er es eben noch mal versuchen. Er schloss die Augen und rief sich in Erinnerung, was Jack alles erklärt hatte. Dieses Mal wollte er es beherzigen. Wirklich!
Er öffnete die Augen und straffte entschlossen die Schultern, packte das Seil fester.
„Okay Kumpel“, raunte er seinem Pferd zu, „dann sehen wir mal, wie du reagierst.“
Er machte ein paar zügige Schritte auf Odin zu. Wie schon zuvor hob der Wallach den Kopf und beäugte seinen Besitzer. Er sah beinahe amüsiert aus. Fast wollte Faolán schon wieder stehen bleiben, er kam sich so blöd vor. Doch sein Stolz trieb ihn an. Er hob den Arm mit dem Seil und machte eine energische Bewegung in Richtung Odins Po. Einen Moment schien der Braune irritiert über die seltsamen Anstalten, die sein Besitzer plötzlich machte. Faolán verstärkte die Bewegung noch einmal und schnalzte dabei geräuschvoll mit der Zunge. Odin beobachtete ihn immer noch, doch etwas in seinem Blick hatte sich verändert. Er wirkte viel aufmerksamer als zuvor. Faolán konnte beinahe hören, wie die Zahnräder im Kopf des Kaltblutes ratterten, als er versuchte, herauszufinden, was Faolán von ihm wollte.
„Gut, gib ihm noch einen Impuls!“, hörte er Jacks Stimme von irgendwo her. Faolán nickte. Mit einem Mal war er fest entschlossen, Odin in Bewegung zu bekommen. Mit einem Schnalzen ließ er das Seil dicht hinter Odin vorbei schnalzen. Und endlich passierte etwas.
Der Kaltblüter rumpelte los, so dass der Hallenboden bebte.
„Ja! Lass ihn weggehen, geh nicht direkt 'inter'er!“
Faolán nickte. Er wartete einen Moment, bis Odin wieder stehen geblieben war. Dann wiederholte er, was er zuvor getan hatte. Dieses Mal sprang der Wallach direkt beim ersten Versuch los. Auch die nächsten Male klappte es auf Anhieb. Und irgendwie hatte Faolán das Gefühl, immer weniger deutlich werden zu müssen.
„Jetzt versuche, ihn in Bewegung zu 'alten“, kommandierte Jack von außen.
Auch das klappte erstaunlich gut. Odin, der von der neuen Taktik seines Besitzers überrascht schien, trug den kräftigen Hals hoch und geschwungen, seine Nüstern waren gebläht. Doch im Gegensatz zu Blue zuvor war der Kaltblüter nicht panisch. Eher schien es, als wolle er imponieren, angeben. Wie wunderschön er aussah! Einen Augenblick zu lang war Faolán davon abgelenkt, sein Pferd zu bewundern. Odin bemerkte die kurze Unaufmerksamkeit sofort, blieb stehen und drehte sich nach innen.
„Aufpassen! Faolán, du entscheidest, nicht er! Du stoppst, nicht er!“
Faolán hatte seinen Fehler schon bemerkt und versuchte direkt, ihn zu korrigieren. Odin schien es zu ärgern, dass er weggeschickt wurde, denn mit ein paar gewaltigen Bocksprüngen machte er kehrt.
Faolán war nun besonders bemüht, sich nicht ablenken zu lassen. Immer wieder rief er sich Jacks Worte in Erinnerung. „Wenn du hinter der Schulter stehst, kann er vorwärts laufen, je weiter du nach vorne kommst, desto mehr bremst du ihn.“
Immer wieder rief Jack von außen: „Stoppen und wenden.“
Es fiel Faolán viel schwerer, als er gedacht hatte, Odin genau so zu steuern, wie er es wollte. Andauernd kam er zu weit nach vorne und stoppte sein Pferd versehentlich oder stand in der falschen Position um ihn bremsen zu können. Auch das Wenden klappte nicht auf Anhieb. Es dauerte eine Weile, bis er heraus hatte, aus welcher Position er Odin wie manövrieren konnte. Doch dann wurde es langsam besser. Er bekam ein Gefühl dafür, welche Bewegungen der Wallach verstand und welche er vielleicht falsch deutete.
Nach und nach erkannte er auch ein Muster darin, wann Jack ihn aufforderte, Odin zu stoppen. Jedes Mal, wenn der Wallach seine Aufmerksamkeit nach innen zu Faolán lenkte, sollte er ihn wenden. Bald reagierte Faolán schon vor Jacks Ansage. Und je länger er arbeitete, desto mehr Spaß machte es. Es war ein wirklich unglaubliches Gefühl, dass er ein so gewaltiges Tier wie Odin im Prinzip nur über das Drehen seines Oberkörpers und das abwechselnde Heben der Arme steuern konnte.
Irgendwann – Faolán hatte jegliches Zeitgefühl verloren – wies Jack ihn an, das Tempo herunterzufahren. Das Pferd langsamer zu wenden, weniger Energie aufzubringen, wenn er ihn vorwärts trieb.
„Gut, ausatmen und Schultern hängen lassen!“, kommandierte Jack von außen.
Faolán bemerkte die Veränderung an seinem Pferd sofort. Odin, vor ein paar Sekunden noch in angespannter Imponierhaltung, wurde langsamer, lief locker und entspannt, ließ den Kopf sinken und schnaubte zufrieden ab. Er trabte ein paar Runden um Faolán herum, der sich nun alle Mühe gab, das Pferd genau zu beobachten. Und tatsächlich fand er den richtigen Moment, Odin – wie Jack es nannte – zu sich einzuladen, den Bruchteil einer Sekunde früher als der Stallbursche.
Faolán hätte im Nachhinein nicht zu hundert Prozent erklären können, woher er gewusst hatte, dass genau dieser Augenblick der Richtige war. Es war nur eine winzig kleine Nuance gewesen, die sich in Odins Mimik verändert hatte. Er war in seiner entspannten Haltung geblieben, doch kam es Faolán so vor, als habe er seinen Kopf ein winiges Stückchen weiter nach innen gedreht, um den Jungen besser sehen zu können. Außerdem erkannte er das leichte Zucken seines Mauls. Odin kaute. Jack hatte gesagt, dass dieses Kauen nicht nur ein Ausdruck von Entspannung war, nein. Es war die Anerkennung des Menschen als Leittier.
Faolán tat also das, was Jack ihm erklärt hatte. Er drehte seine vordere Schulter leicht dem Pferd zu, ließ die Schultern entspannt hängen und atmete aus. Und Odin, der schwerfällige Koloss, die Titanic von Whitehorse Castle, stoppte weich und drehte sich zu Faolán. Kurz spitzte er die Ohren, dann senkte er seinen gewaltigen Schädel wieder, schnaubte so stark, dass Faolán das Gefühl hatte, abgeduscht zu werden, und kaute dann wieder, dieses Mal ganz deutlich. Faoláns Herz klopfte. Er hatte wirklich nicht gedacht, dass solche Spielchen mit Odin überhaupt funktionieren konnten, doch noch weniger hatte er damit gerechnet, was für ein gutes Gefühl es war, wenn die Übung funktionierte.
Vom Rand her hörte er Jack sagen: „Jetzt lade ihn ein, nimm ihn mit...“
Faolán streckte die Hand mit dem Handrücken nach oben aus. Odin reckte den Hals und schob seine Nase so weit er konnte nach vorne, doch er erreichte Faolán nicht. Ganz langsam setzte er sich in Bewegung. Nach jedem Schritt, den er machte, musterte er seinen Besitzer, als wolle er fragen: „Ist es okay?“
Schließlich war er so nah heran gekommen, dass er mit seinen weichen Nüstern gegen Faoláns Hand stupsen konnte. Und Faolán konnte nicht anders, er musste lachen. Er strich Odin über die breite Nase, wuschelte durch seinen dichten Schopf und kraulte ihm dann kräftig den Hals. Er hörte Jack leise lachen, doch er ignorierte den „Geht-doch“-Klang. Erst, als Jack ihn anwies, sich umzudrehen und wegzugehen, achtete er wieder auf den Stallburschen. Er machte kehrt und ging davon.
Nun fiel ihm noch etwas auf, das deutlich schwerer war, als es aussah. Wenn Jack über die Felder lief, sah er sich nie nach seinen Pferden um, nicht unterm Gehen. Nur manchmal pfiff er sie heran, aber er wirkte immer, als sei er absolut sicher, dass die Tiere ihm folgten. Annie, Mo und Hedda hatten sich häufig umgedreht oder zumindest über die Schulter geschielt, um zu sehen, ob das Pferd ihnen noch folgte. Jack hatte jeden einzelnen von ihnen getadelt, gesagt, sie sollten den Pferden vertrauen. Faolán hatte sich bei jeder Ermahnung gewundert, warum sie nicht einfach taten, was Jack sagte. Doch jetzt, da er in der gleichen Situation war, merkte er, wie schwierig es war, nicht zu kontrollieren, ob sein Pferd auch wirklich tat, was er sollte. Vorsichtig versuchte er, über seine Schulter zu schielen, doch Jack merkte es sofort.
„Nicht umdre'en!“, schimpfte er. Also versuchte Faolán, Odins Schritten zu lauschen. Das funktionierte. Er hörte die tellergroßen Hufe, die durch den Hallenboden schlurften. Er blieb stehen, lauschte – auch das Schlurfen verstummte. Er ging wieder los, kurz darauf klopften auch Odins Hufe wieder dumpf und gleichmäßig auf dem Boden.
„Du könntest mal schneller laufen“, schlug Jack von Außen zu. Faolán nickte, dann ging er schneller. Noch schneller. Begann, zu joggen, dann zu laufen. Und mit einem Mal veränderte sich das Geräusch hinter ihm. Aus dem Schlurfen wurde plötzlich ein klarer Zweitakt, der den Boden unter Faoláns Füßen erzittern ließ.
„Voll cool!“, hörte er Annie draußen wispern und ein sehr warmes Gefühl durchströmte ihn. Er hatte schon so viel mit Odin erreicht, so viel Blödsinn gemacht, er vertraute seinem Pferd voll und ganz. Und hier war er nun der Beweis, dass der Kaltblüter ihm ebenfalls vertraute. Obwohl Faolán nie daran gezweifelt hatte, war diese Bestätigung doch das Beste, das er je erlebt hatte.
Mit breitem Grinsen im Gesicht stoppte er. Und erst, als er sicher war, dass Odin stand, drehte er sich um. Große braune Augen sahen ihn an, Augen, die er so gut kannte und so sehr liebte. Faolán legte die Arme um den kräftigen Hals des Pferdes, der so warm war. Er sah Jack, der immer noch an der Bande lehnte und lächelte. Jack nickte anerkennend.
Faolán konnte für den Rest des Tages nicht mehr aufhören, zu grinsen. Als er am frühen Abend bei Callista im Auto saß, grinste er immer noch. Seine Mutter fragte ein paar Mal, aber Faolán hatte beschlossen, ihr nichts von Jacks Unterricht zu erzählen. Sie würde sich nur wieder ewig aufregen. Doch insgeheim hatte er beschlossen, diese Übung häufiger mit Odin zu wiederholen.

An dieser Stelle sollte natürlich nun angemerkt werden, dass Jack tatsächlich sehr viel Ahnung von der ganzen Freibarbeitsgeschichte mit Pferden hatte. Sogar etwas mehr, als die Montgomerys. Ramona selbst ließ sich ab und zu von ihm unterstützen. Jedoch war er selbstverständlich nicht der beste Cowboy am Stall. Denn Alfred Riedl hätte natürlich eine sehr viel anspruchsvollere Lehrstunde zum Thema „Hoasmenschipp“ halten können. Aber es regnete. Daher saß Alfred stattdessen gemütlich in seinem Wohnzimmer auf der Couch und schaute bayerisches Lokalfernsehen (ein Hoch auf die Satellitentechnik!), während seine Frau ihn bekochte. Zu schade für die Jugendlichen.

*


Einige Meilen von Whitehorse entfernt hatte jemand im Gegensatz zu Faolán nichts zu grinsen. Paul hatte die Nacht nach der Party in seinem Helikopter verbracht, doch an Schlaf war nicht zu denken gewesen. Draußen hatte der Sturm getobt, hatte gnadenlos an der Außenhülle und den Rotoren des Hubschraubers gerüttelt. Paul wusste, dass der Helikopter dem Sturm standhalten würde, er war schließlich für ganz andere Belastungen gebaut. Doch allein das Wackeln und die Geräusche riefen Erinnerungen in ihm wach, die er gerne verdrängt hätte.
Am liebsten wäre er noch in der Nacht nach Hause geflogen, doch durch Regen und Dunkelheit war das ein nahezu unmögliches Unterfangen. Also hatte er in eine Decke gewickelt ausgeharrt und gewartet, bis der Morgen das erste graue Licht auf die Highlands geworfen und der Wind ein wenig nachgelassen hatte.

Nachdem das Wetter das Wochenende über keine Anstalten machten, sich zu verbessern, beschloss Paul, nachdem er fast den kompletten Samstag verschlafen hatte, den Sonntag lieber in seinem geschützten Häuschen zu bleiben und die Pubertiere in Whitehorse Jack zu überlassen. Er musste sowieso unbedingt mal wieder ein paar Wartungsarbeiten an seinem Helikopter durchführen, besonders nach dem Sturm. Außerdem musste der Hubschrauber ja bis zum nächsten Wochenende so fit sein, dass er im Notfall bei er Rallye eingesetzt werden konnte. Paul hatte Ramona im Jahr zuvor angeboten, als „Rettungsflieger“ bereit zu stehen, nachdem sie ihm erzählt hatte, dass ein paar Jahre zuvor einer der Teilnehmer einen schweren Unfall gehabt hatte und es so schwierig gewesen sei, ihn zu bergen. Ramona war – wie immer, wenn es um Pauls Helikopter ging – zunächst skeptisch gewesen, hatte nach einiger Bedenkzeit aber zugestimmt, dass sie es mal versuchen konnten. Und in diesem Jahr war sie von sich aus auf Paul zugekommen und hatte ihn gefragt, ob er wieder bereit stehen könnte. Natürlich hatte Paul zugestimmt.
Er streifte sich also seinen alten Fluganzug über, den er noch aus seinen Zeiten beim Militär übrig hatte und stiefelte durch den Regen hinüber zu dem Hangar, in dem sein Helikopter gut und sicher untergebracht war. Paul hatte dort auch eine kleine Werkstatt installiert, denn die meisten Reparaturen konnte er mit dem richtigen Werkzeug selber durchführen. Das war damals beim Militär Teil seiner Ausbildung gewesen, immer wieder wurde ihm eingetrichtert, wie wichtig es war, im Notfall im Kampfgebiet selber reagieren und reparieren zu können. Die Wartung seiner Maschine war für Paul schon seit langem Routine geworden, und so drehte er das Radio an und machte sich pfeifend an die Arbeit.
Wie immer, wenn er so vor sich hin arbeitete, hing er alten Erinnerungen nach, die ganz von selber wieder in ihm aufflammten.
Vier Jahre hatte er beim deutschen Militär gedient, eine Zeit, die er häufig vermisste. Er wusste, dass viele Leute nicht nachvollziehen konnten, wie man freiwillig eine berufliche Laufbahn bei der Bundeswehr einschlagen konnte, doch für Paul war es seit jeher ein Traum gewesen. Sein Traum. Seine Eltern hatten ganz andere Pläne für ihn gehabt. Bis heute hatten sie es ihm nicht verziehen, dass er statt zu studieren lieber „Krieg gespielt hatte“, wie sie es nannten. Paul hielt inne. Er hatte lange nicht mehr über seine Eltern nachgedacht. Er versuchte, sich an sie zu erinnern. Es war schon seltsam. Wie konnte man so vertraute Menschen so sehr aus seinem Gedächtnis verbannen? Als er versuchte, sich ihre Gesichter ins Gedächtnis zu rufen, schienen alle Bilder immer zu wütend verzogenen Fratzen zu werden. Paul schüttelte den Kopf, um die Erinnerungen zu vertreiben. Seine Eltern hatten sich entschieden, den Kontakt abzubrechen und Paul würde ihnen sicher nicht den Gefallen tun, winselnd angekrochen zu kommen.
Entschlossen wandte er sich wieder seiner Maschine zu. Er wollte jetzt garantiert nicht sentimental werden.
Gegen Mittag hatte er die Arbeiten an seinem Helikopter beendet. Er holte sich aus dem Haus ein Brot und eine Flasche Almdudler, ein Laster, dass er sich regelmäßig aus Deutschland bestellte und auf das er einfach nicht verzichten wollte, und kehrte dann in sein Hangar zurück. Allerdings nicht auf direktem Weg.
Der Regen hatte nachgelassen, und obwohl noch immer ein kalter Wind über die Hügel fegte, fielen ein paar Sonnenstrahlen auf das Grundstück, das absolut abgeschieden in Mitten der Highlands lag. Paul schätzte die Einsamkeit hier oben sehr. Kaum ein Tourist verirrte sich bis hier, ins absolute Niemandsland. Für die wenigen, die sich so weit hinaus wagten, bot er Verpflegung und Unterkunft für die Nacht, aber am Häufigsten wurde dieses Angebot von Ramona genutzt, die Mehrtagesritte mit Übernachtung in den Highlands anbot. Hierfür hatte Paul auf der linken Seite seiner Hütte einen kleinen Stall gezimmert. Der Hangar, der rechts der Hütte stand, war so angelegt, dass er im Windschatten eines recht steilen Hügels lag, umgeben von ein paar eher spärlich bewachsenen Kiefern, die aber zumindest den ersten Blick auf die Halle abschirmten.
Paul ließ den Blick schweifen, scannte die Umgebung. In seiner Ausbildung hatte er gelernt, worauf er achten musste, wenn er nach unerwünschtem Besuch Ausschau hielt. Er glaubte nicht, dass bei solch einem Wetter Wanderer freiwillig unterwegs waren, aber er hatte in den letzten zwei Jahren gelernt, dass es wirklich die allermerkwürdigsten Leute gab. Doch heute war die Umgebung, wie er es erwartet hatte, frei von Menschen. Nicht einmal ein Tier konnte er sehen. Besser so. Um ganz sicher zu gehen umrundete er seine Hütte noch einmal, folgte das erste Stück dem Kiesweg, der unterhalb des Stallgebäudes nach oben führte und über den man die Hütte theoretisch auch mit dem Auto erreichen konnte, bog schließlich hinter der Hütte in die Wiese ab, dann kehrte er zum Hangar zurück. Doch er schlüpfte an dem großen Haupttor, hinter dem sein Helikopter parkte, vorbei. Weiter hinten, gut verborgen zwischen Steilwand und einigen Gebüschen, lag eine kleine Tür. Paul hatte sie mit einem ziemlich stabilen Vorhängeschloss gesichert. Den Schlüssel trug er immer bei sich. Ehe er die Tür öffnete, sah er ein letztes Mal über die Schulter. Sekunden später fiel die Tür mit einem leisen Klacken hinter ihm ins Schloss.
Leuchtstoffröhren flimmerten und im nächsten Moment wurde der Raum in helles Licht getaucht.
Wäre jemand Paul gefolgt, wäre ihm auf den ersten Blick vermutlich nicht aufgefallen, dass er nicht in der selben Halle war wie zuvor. Schaute man nicht genau hin, sah es hier eigentlich genau so aus wie in dem Hangar auf der Vorderseite. Ein Helikopter des Typs Bo 105, eine vor zwei Jahren vom Militär ausgemusterte Maschine, stand in der Mitte der Halle. An der Wand standen Schränke und Kisten, auf denen Werkzeug ordentlich sortiert lag. Doch der Teil des Hangars wirkte kleiner. Nicht, weil er flächenmäßig wirklich kleiner war, doch die eine Hälfte der Halle war fast bis zur Decke hoch mit Kisten vollgestapelt, die mit Planen abgedeckt waren. Bei genauerem Hinsehen unterschied sich auch die Seite mit den Werkzeugschränken. Die Modelle, die hier standen, waren aus olivgrün lackiertem Metall und wirkten wie frisch aus einer Kaserne eingeflogen. Tatsächlich war das beabsichtigt. Außerdem hingen an der Wand darüber diverse Fotos, auf denen Männer und Frauen, teils in Uniformen, teils in genau den Pilotenoveralls, wie Paul gerade trug, zu sehen waren. Ein Mann war auf jedem der Bilder zu sehen, glatt rasiert und mit kurzen braunen Haarstoppeln, ein glückliches Lächeln auf dem Gesicht.
Auch der Helikopter unterschied sich von dem in der anderen Halle. Den Hubschrauber, mit dem Paul gewöhnlich seine Flüge unternahm, hatte er käuflich erworben unter der Auflage, ihn zu „zivilen Zwecken“ umzurüsten. Hintergrund war, dass es sich ja um einen Kampfhubschrauber handelte, der durchaus Zerstörungspotential hatte.
Paul hatte brav alle Anforderungen erfüllt, die Kriegsmaschinerie ausgebaut und die Außenhülle überlackiert, hatte alles offiziell sowohl von der deutschen, als auch von der schottischen Behörde abnehmen lassen.
Doch der Helikopter, der hier stand, war nicht überlackiert. Er war auch niemals abgerüstet worden. Und er war keinesfalls flugunfähig.
Lucy, wie Paul die Maschine damals in seiner Dienstzeit getauft hatte, war ein voll einsatzfähiger Kampfhubschrauber. Und im Gegensatz zu ihrer Kollegin nebenan war sie natürlich alles andere als legal hier gelandet.
Paul klopfte mit der flachen Hand gegen den Rumpf des Gefährts. „Na, mein altes Mädchen?“, murmelte er, umrundete die Maschine mit prüfendem Blick, ehe er aus den Schränken Lumpen, Putzmittel und einen Eimer holte. Da dieser Helikopter offiziell nicht existierte, konnte Paul ihn natürlich auch nicht ausfliegen. Daher beschränkte er sich aktuell darauf, Lucy zu putzen, zu polieren und soweit es ging instand zu halten. Es machte ihn ein wenig traurig, dass die Maschine hier nur herumstand. Ihm war schon klar, dass andere ihm vermutlich dafür den Vogel gezeigt hätten, dass er so einen starken Bezug zu der Maschine hatte, aber für Paul war Lucy viele Jahre eine treue Gefährtin gewesen . Er hatte mit ihr die schönsten, die spannendsten, die traurigsten und auch die gefährlichsten Momente in seinem Leben erlebt. Das war auch der Grund, warum er nicht akzeptieren konnte, dass sie sonst wo hin verschifft wurde. Nein, dieser Helikopter war sein ganzes Herzblut. Und nichts und niemand würde ihm diese Maschine entreißen können.
Mehrere Stunden schrubbte und polierte er an dem Helikopter herum. Draußen rappelte der Wind an den Wänden des Hangars, ein Geräusch, dass ihn nach wie vor zusammenzucken ließ und den Adrenalinspiegel erheblich hob. Paul hatte zwar schon das Radio lauter gedreht, doch die Bilder von jener verhängnisvollen Nacht schossen mit jeder Böe wieder in seinen Kopf.
Irgendwann gab er auf. Er verräumte seine Putzsachen, kontrollierte noch einmal, dass Lucys Türen alle gesichert und gut verschlossen waren, dann checkte er noch einmal mit sicherem Blick die mit Planen abgedeckten Kistenstapel. Er nickte, alles war, wo es sein sollte. Er löschte das Licht im Hangar, schlüpfte nach draußen in den Wind und verschloss die Tür wieder gewissenhaft. Es war schließlich nicht nur Lucy, die er hier vor neugierigen Blicken versteckte. Denn was in den Kisten unter den Planen lagerte, war bei Weitem brisanter als der Helikopter.
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