Das Leben ist kein Ponyhof - Das Geheimnis von Whitehorse Castle (MMFF-Anmeldung geschlossen)

MitmachgeschichteMystery, Freundschaft / P16 Slash
02.08.2016
22.04.2019
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Sie sah aus dem Fenster. Der Himmel war rot gefärbt von den riesigen, lodernden Flammen, die sich ihren Weg durch das Stalldach bahnten. Unten im Hof rannten Menschen. Sie konnte sehen, dass sie etwas riefen, aber das Krachen des Feuers war mittlerweile so laut und durchdringend, dass es alle anderen Geräusche erstickte. Sie spürte auch die brennende Hitze bis hier her, konnte den beißenden Rauch riechen. Selbst das kalte, schwere Etwas in ihren Armen heizte sich langsam auf.
Sie musste weg. Weg von hier. Niemand wusste, dass sie noch hier oben war. Wenn die Flammen auf das Gebäude überschlugen, war sie verloren. Aber was war mit dem Geheimnis? Niemand wusste, was sie hier bei sich trug und niemand durfte es erfahren! Sie musste es verstecken! Sie hastete los. Ein Krachen hinter ihr verriet ihr, dass irgendetwas zusammengebrochen war. Bestimmt das Stalldach. Hoffentlich hatten sie die Pferde alle gerettet!
Sie hastete den Gang entlang, weg von den Geräuschen. Sie eilte hinunter in den zweiten Stock. Doch kaum, dass sie den Fuß der Treppe erreicht hatte, schlug ihr beißender, heißer Rauch entgegen. Das Feuer musste bereits auf das Wohnhaus übergegriffen haben!
Mit einem Arm klammerte sie ihre schwere Last an sich, mit der anderen Hand versuchte sie sich den Schal, der um ihren Hals hing, über Mund und Nase zu halten. Sie hustete. Doch sie musste weiter. Sonst war sie verloren!
Während sie sich am Geländer in den ersten Stock hinuntertastete, wurde der Rauch immer dichter. Sie musste nur noch ein Stockwerk tiefer.
Grauen durchfuhr sie, als sie die Treppe hinunterspähte. In der Eingangshalle loderten bereits die Flammen. Noch nicht so riesig, wie im Stall, aber mehr und mehr züngelten sie in ihre Richtung.
Sie nahm allen Mut zusammen und stolperte, so schnell die schlechte Sicht es zuließ, die letzten Stufen hinab.
Der dichte Qualm raubte ihr den Atem, die Hitze wurde schier unerträglich. Kaum spürte sie den Fliesenboden unter sich, stürzte sie los. Sie sah nicht, wohin sie lief, aber sie kannte das Haus gut genug, um sich auch blind zurechtzufinden.
An ihrer Wade spürte sie einen brennenden Schmerz, als ein Funke ihren Strumpf versengte und das Material sich in ihre Haut fraß. Doch sie durfte nicht anhalten. Der Haupteingang war sicher nicht mehr passierbar, deswegen hetzte sie in die Richtung, in der sie die Hintertür vermutete.
Sie konnte ihr Glück kaum fassen, als sie tatsächlich im nächsten Moment ins Freie taumelte. Noch einige Meter schaffte sie, dann strauchelte sie und fiel ins kalte, nasse Gras. Sie hustete. Eine ganze Weile lag sie dort und rang nach Atem. Sie hatte kein Gefühl dafür, wie viel Zeit vergangen war, als sie sich endlich in der Lage fühlte, sich aufzurichten. Langsam stützte sie sich hoch und drehte sich um. Sie fürchtete sich vor dem, was sie erwartete.
Sie konnte das edle Gehöft oben am Hügel sehen. Es stand lichterloh in Flammen. Sie war erstaunlich weit gekommen, viel weiter weg von dem Feuer, als sie gedacht hatte. Wie in Trance tastete sie um sich, konnte den Blick nicht von dem brennenden Haus abwenden. Ihre Finger fanden, wonach sie suchte – das Leintuch, in das ihr Geheimnis eingewickelt gewesen war. Doch es war leer. Was auch immer sie hatte beschützen wollen, sie hatte es verloren. Im selben Moment, als ihr dies klar wurde, hallte ein gellender Schrei über das Gelände. Ein Schrei, wie sie ihn noch nie gehört hatte, so hoch, so schrill, als käme er nicht von dieser Welt. Ein Schrei, der ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Ramona saß aufrecht im Bett, kalten Schweiß auf der Stirn. Wieder einmal hatte einer dieser Träume sie aus dem Schlaf gerissen. Einen Moment noch blieb sie regungslos sitzen, wartete, bis ihr Herzschlag sich wieder einigermaßen beruhigt hatte. Dann rieb sie sich mit einer Hand über das Gesicht und tastete nach ihrem Wecker.
Es war noch gar nicht so spät. Sie konnte noch nicht lange geschlafen haben. Ihr Blick glitt hinüber zu der anderen Seite des Bettes – sie war leer. Leland war anscheinend noch gar nicht schlafen gegangen.
Ramona fröstelte. Draußen trommelte der Regen laut gegen die Scheiben. Das Rauschen des Windes war ebenfalls durch das gekippte Fenster klar und deutlich zu hören. Ramona schüttelte den Kopf, stand langsam auf und schloss das Fenster komplett. Gleich wurde es stiller. Nicht ganz still, denn von unten hörte man das Wummern der Musik, aber das störte sie nicht. Unschlüssig stand sie da. Sie war müde, aber wollte sich nicht hinlegen. Der Schrei aus ihrem Traum hallte noch in ihren Gedanken nach. Grässlich. Sie schauderte. Dann fasste sie einen Entschluss. Sie schnappte sich ihren Morgenmantel, warf ihn sich im Gehen über und schlüpfte nach draußen in den Flur. Hier hörte sie die Musik deutlicher, auch die Stimmen der Kids, die unten feierten. Ein kurzes, trauriges Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht.
Sie stieg die Treppe hinunter und klopfte kurz darauf an die Tür von Lelands Büro. Sie wartete nicht ab, bis er sie hereinbat, sondern öffnete direkt.
Ihr Mann saß am Schreibtisch, eine Lesebrille auf der Nasenspitze, und sah zu ihr auf.
„Ramona, Liebes, alles okay? Du bist fürchterlich blass!“
Er stand eilig auf, doch Ramona hob die Hand. „Alles gut. Ich habe schlecht geträumt. Möchtest du nicht langsam ins Bett kommen?“
Leland verharrte, halb sitzend, halb stehend. „Schlecht geträumt?“ wiederholte er zweifelnd.
Ramona hatte Leland in all den Jahren niemals von ihren Träumen erzählt. Sie hatte es nie für nötig gehalten. Die Träume kamen, wenn sie gestresst war, und gingen, wenn sich die Situation wieder entspannte. Die Bilder spukten meistens noch kurz in ihren Gedanken umher, ehe sie sich in Luft auflösten. Doch etwas hatte sich verändert. Die Träume waren realer geworden. Immer mehr Bilder, mehr Eindrücke, blieben ihr im Gedächtnis, unheilvoll, gruselig, viel zu real. Und auch die Abstände, in denen die Träume kamen, waren viel kürzer als sonst.
„Ja... schlecht geträumt“ wiederholte sie, und jetzt fühlte es sich fast kindisch an, dass sie wegen einem Alptraum nach ihrem Mann rief. Sie schüttelte den Kopf. „Es ist alles okay, Leland. Entschuldige die Störung, ich gehe wieder schlafen. Aber mach nicht mehr so lange.“
Leland ließ sich wieder auf den Stuhl fallen und nickte. Ramona verließ das Büro und schlich langsam die Treppen hinauf. Bilder des Traumes holten sie ein. Treppen. Rauch. Feuer. Als sie schließlich wieder im Bett saß, war ihr ganz merkwürdig zumute. Gerade, als sie sich überwunden hatte, das Licht zu löschen, ließ ein Rumpeln sie herumfahren.
„Leland!“ stellte sie überrascht fest.
Er lächelte. „Ich dachte mir, du hast Recht. Ich sollte wirklich nicht jede Nacht so lange arbeiten.“
Ramona konnte ihm nicht sagen, wie erleichtert sie über seine Anwesenheit war. Er schlüpfte zu ihr ins Bett und sie löschte das Nachtlicht. Und sie tat etwas, das sie lange nicht mehr getan hatte. Sie schmiegte sich an ihn, legte den Kopf auf seine Brust. Lelands warme Arme schlossen sich um sie, gaben ihr Sicherheit. Sie hörte seinen Herzschlag, gleichmäßig, ruhig, vertraut. Eine Woge von Geborgenheit überkam sie, ihre Augen wurden schwer, das Wummern der Musik verwischte. Und die schlimmen Träume blieben zumindest für diese Nacht fern.

*


Währenddessen drehten die Kids im Partyrausch erst so richtig auf. Die Musik wurde immer lauter und die irgendwie erschien es Paul, als würden auch die Jugendlichen die Lautstärke ihrer Stimmen hochdrehen. Das präparierte Jenga-Spiel war das Highlight des Abends. Paul war eigentlich davon ausgegangen, dass sie ein paar Runden spielten, die Kids irgendwann die Lust daran verloren, noch ein paar Gespräche führten und dann irgendwann von sich aus müde genug waren, schlafen zu gehen. Doch da hatte er sich gewaltig getäuscht.
Lediglich Elisabetta hatte sich nach ein paar Runden unter dem Vorwand verabschiedet, starke Kopfschmerzen zu haben. Paul war sich nicht sicher, ob das eine Ausrede war oder nicht, aber eigentlich hatte sie den Abend über recht amüsiert gewirkt.
Paul gähnte herzhaft. Er selber fühlte sich träge und ein wenig schwummerig. Schlafen wäre durchaus eine Option, wie er fand. Er ließ seinen Blick durch die Runde wandern. Claire doktorte bereits seit mehreren Minuten an einem der Steine herum, während der Jengaturm bedrohlich schwankte. Während Faolán, Daryl und Dennis ihr gut zuredeten, johlten Mo und Hedda jedes Mal schadenfroh auf, wenn der Turm wieder in bedenkliche Schieflage geriet. Jack grinste nur stumm vor sich hin.
Paul kratzte sich am Kopf. Dann zählte er noch einmal die Runde durch. Sech Kids. Sechs...? Das waren doch nicht alle... Er dachte nach. Elisabetta war oben und Rebecca war … irgendwo. Aber es fehlte doch noch jemand....
„Wo ist eigentlich Annie?“ fragte er plötzlich.
Das Gejohle und Gelächter verebbte schlagartig und sieben Augenpaare waren auf ihn gerichtet. Selbst Jack schien Annies Abwesenheit nicht bemerkt zu haben.
„Na... sich umziehen, oder?“ rief Hedda plötzlich und begann, laut zu kichern, vermutlich bei der Erinnerung an die verschüttete rosa Bowle auf Annies T-Shirt.
„So lange?“ hakte Paul ungläubig nach. „Das ist doch jetzt schon mindestens eine dreiviertel Stunde her, seit sie gegangen ist.“
„Aaaaaach“, winkte Mo ab, „wahrscheinlich ist sie über eines ihrer Bücher gestolpert und daran hängen geblieben. Das passiert ihr häufiger. Die kommt schon wieder!“
Doch während allen anderen diese Erklärung zu reichen schien, blieb bei Paul ein flaues Gefühl im Magen. Hatte Mo irgendwie... gelallt? Oder war ihm das nur wegen der Lautstärke so vorgekommen? Und konnte es wirklich sein, dass Annie während ihrer eigenen Geburtstagsfeier die Zeit vergaß? Ihm schien das nicht sonderlich glaubwürdig. Er versuchte, eine logische Erklärung zu finden, aber seine Gedanken stolperten träge, blieben andauernd hängen und irgendwie wollte sich kein klares Bild ergeben. Er ließ noch einmal den Blick kreisen, schweifte Claire, die es natürlich nicht geschafft hatte, den Stein unfallfrei umzulegen und nun kleckernd einen Becher Bowle exte, als ihm ein beunruhigender Gedanke kam. Unbemerkt von den Jugendlichen, die sich johlend lustig machten, schnüffelte er an seinem Becher. Paul verzog das Gesicht. Man konnte den Überschuss an Zucker förmlich riechen.
„Was machst du da, Kumpel?“ Er fuhr herum. Jack hatte sich zu ihm gesellt. Paul zögerte nicht. Er hielt Jack den Becher unter die Nase. „Riecht das für dich nach Alkohol?“, fragte er ohne Umschweife.
Jack sah ihn einen Moment mit hochgezogenen Augenbrauen an, dann begann er, zu grinsen. „'ast du was reingeschummelt?“, feixte er.
Paul verdrehte die Augen. „Spinnst du? Nein, aber das Zeug ist mir suspekt!“
Jack schien zu begreifen, dass Paul es ernst meinte, denn er schnappte sich den Becher und roch daran. Genau wie Paul verzog er das Gesicht. „Riecht meiner Meinung nach künstlich, rosa und definitiv nach zu viel Zucker“, erklärte er, dann gab er Paul den Becher zurück. „Wie kommst du darauf, dass da Alko'ol drin sein könnte?“ Paul blinzelte, dann schaute er in die Gruppe der Jugendlichen, die immer enger zusammengerückt waren. Mo hing wie eine Klette an Heddas Arm und Dennis schien irgendwie ein bisschen zu schielen.
Jack folgte Pauls Blick, kratzte sich am Kopf. „Meinst du nicht, die sind einfach nur in Feierlaune? Ich meine... wie sollte jemand Alko'ol in die Bowle geschmuggelt 'aben? Wir waren doch alle die ganze Zeit 'ier...“
Paul nickte. Das stimmte schon, wäre hier jemand mit einer Flasche Schnaps hereinspaziert, wäre es Jack und ihm wohl aufgefallen... oder? Gerade wollte er Jack seine Bedenken mitteilen, als er aus seinen Gedanken gerissen wurde.
„Paul! Jack! Noch eine Runde?“ Hedda schnippste vor ihren Gesichtern herum. „Oder wollt ihr lieber draußen knutschen gehen?“ Sie feixte und Jack schnappte nach ihrer Hand, die sie aber schnell wegzog.
„Eh werd nicht frech!“, grinste er zurück. Sie streckte ihm die Zunge raus. „Also ihr spielt beide noch mal mit?“, fragte sie dann, und Paul glaubte irgendwie sicher zu wissen, dass er sowieso keine Möglichkeit gehabt hätte, es abzulehnen. Er seufzte und versuchte also, sich einzureden, dass er Gespenster sah. Es war sicher nur der Zucker und die gute Laune.
Gerade, als die Runde wieder beisammen saß und Mo beginnen wollte, wurde die Tür des Speisesaals mit einem lauten Krachen aufgestoßen. Alle fuhren herum.
„Annie!“, rief Mo. „Maaaaann, du brauchst immer eeeeeewig für alles!“
„Achpapperlapapp“, wiedersprach Annie ihrem Bruder, schlug die Tür (mit einem nicht minder lauten Krach) hinter sich zu und drängte sich zwischen Claire und Faolán an den Tisch.
„IhrhabtjanochnichtangefangenoderDannkannichjanochmitspielenHeyichbindasGeburtstagskindundbisjetztdurfteimmernurMoanfangendasheißtdiesesMalbinichdranIstokayoder?“
Paul blinzelte. Annie hatte in einer Geschwindigkeit gesprochen, die sogar für sie ungewöhnlich schien. Paul sah verwundert Claire und Jack an, die neben ihm saßen und ähnlich entgeistert dreinblickten. „Was war das?“, fragte Jack.
„Ich glaube, das waren Worte...“, antwortete Claire. Einen Moment später mussten alle drei Lachen. Doch Paul fühlte sich nach wie vor unbehaglich. Jetzt sogar noch mehr als zuvor. Was ging hier nur vor sich?

*


Im Gegensatz zu Paul fühlte Annie sich grandios. Noch nie in ihrem ganzen Leben war sie so klar im Kopf gewesen. Sie konnte gar nicht genau in Worte fassen, was genau so anders war. Fakt war nur, dass sie plötzlich alles viel deutlicher wahrzunehmen schien. Als wären die Windungen in ihrem Gehirn heute auf Autobahn geschaltet. Alle Informationen, die sie um sich herum aufnahm, schienen binnen Bruchteilen von Sekunden verarbeitet und abgespeichert zu werden. Sie hatte das Gefühl, dass sie sich viel besser bewegen und koordinieren konnte. Da kam es ihr gerade recht, dass die anderen immer noch Jenga spielten. Annie hatte wohl am häufigsten an diesem Abend den Turm umgeworfen. Doch nun hatte sie das Gefühl, sich revanchieren zu können.
Ehe einer der anderen ihr widersprechen konnte, hatte sie sich an den Tisch geschoben und suchte sich einen Stein heraus. Mit sicheren, ruhigen Fingern zog sie ihn aus dem Turm, las die Aufgabe vor (TanzdeinenNamen!), legte den Stein sicher ab und tanzte dann etwas, das sie zumindest als ihren Namen definierte.
Erst, als sie sich wieder auf ihren Platz fallen ließ, bemerkte sie, dass alle sie anstarrten. Annie blinzelte.
„WasistloshabeichwaszwischendenZähnenoderklebtmirwasaufderStirnOHOHOHoderhabtihreinenAliengesehen?“
Ratloses Starren. Was hatten die bloß? Annie beobachtete, wie Hedda und Mo in Beinahe-Zeitlupe ihre Köpfe zusammensteckten und Mo etwas flüsterte. Hedda schüttelte als Antwort nur (beeindruckend langsam, wie es schien) den Kopf. „Was?“, fragte Annie noch einmal, leicht ungeduldig. Was war denn nur los mit denen?
„Wie... wie hast du das gemacht?“, fragte Mo (ermüdend langsam) und deutete auf den Turm.
Annie runzelte die Stirn. „Wasgenaumeinstdudenn?“
Ihr Bruder kratzte sich am Kopf. „Naja... also... ich kenne dich jetzt ja schon ziemlich lange... fünfzehn Jahre, um genau zu sein, und in all diesen Jahren hast du es noch nie. Also wirklich NOCH NIE geschafft, einen Jengastein unfallfrei zu verlegen...“ Annie verstand das Problem nicht. Ja, vielleicht war ihr gerade ein besonders guter Zug gelungen, aber das war doch noch lange kein Grund, da so ein riesen Ding draus zu machen, oder? Sie hörte, wie Hedda „Vielleicht war es ja nur Glück“, zischte.
Annie hob die Augenbrauen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis Mo auf Heddas Kommentar reagierte und heftig mit dem Kopf nickte. „Ja, stimmt, bestimmt nur Glück! Hey Annie, wir haben beschlossen, dass du noch mal dran bist!“
„Tssssssss“, zischte Annie, die natürlich gecheckt hatte, was die anderen bezwecken wollten. Sie gönnten ihr einfach nicht, dass ihr mal etwas so gut gelang. Aber sie hatte keine Lust auf unnötige Diskussionen, zuckte mit den Schultern und operierte einen weiteren Stein („OoooochnureinJoker“) perfekt aus dem Turm.
Hedda und Mo sahen sie immer noch skeptisch an, doch bevor es eskalieren konnte, rettete Daryl die Situation. „Wollen wir einfach weiterspielen?“
Das hielten alle für eine gute Idee. Allerdings war die rosa Bowle mittlerweile aufgebraucht, und so einigten sie sich darauf, statt das klebrige Zeug zu trinken sich in Form von Liegestützen sportlich zu betätigen. Annie hatte einen Lauf. Jeder Zug gelang ihr mit Leichtigkeit. Aber was war nur mit den Anderen los? Selbst Dennis brauchte ewig für jeden Zug. Annie rutschte auf ihrem Stuhl herum. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis schließlich Hedwig den Turm zu Fall brachte. Kaum war die Runde zu Ende, sprang Annie auf. Was wiederum zu erstaunten Blicken der Anderen führte. „Sag mal Annie, was hast du eigentlich genommen? Du hast ja noch mehr Hummeln im Hintern als sonst!“ Annie fuhr herum. Paul sah sie mit geneigtem Kopf und verschränkten Armen an. Annie musste kichern. Machte er jetzt etwa auf strengen Oberaufseher?
„Ichhabegarnichtsgenommen!“, kicherte sie. „NurdasrosaZeugundzweiTicTacsvonBecks.“
Annie hatte nicht damit gerechnet, was für eine Reaktion diese Worte auslösen würden.
„WAS?“, brüllte Hedda und sprang auf. Blankes Entsetzen spiegelte sich nicht nur auf ihrem Gesicht. Auch Faolán und Mo schienen alarmiert. Im Nachhinein dachte Annie, wäre es wohl klüger gewesen, Becks nicht zu erwähnen. Mo, Hedda und Faolán glaubten ja eh, dass sie ein abgestürzter Drogenjunkie war. Aber es war ihr einfach viel zu schnell herausgerutscht.
„Du... du hast etwas geschluckt, dass REBECCA dir angeboten hat?“ Hedda schrie beinahe.
Annie blinzelte. Sie schaute in die Runde und musste feststellen, dass auch Paul, Claire und Daryl besorgt aussahen und Jack misstrauisch den Kopf schief gelegt hatte. Nur Dennis bekam nichts von dem sich anbahnenden Drama mit – er war mit dem Kopf auf dem Tisch eingeschlafen, seine Brille hing etwas schief auf seiner Nase und er schnarchte leise. Wären gerade nicht alle so entsetzt, hätte Annie jetzt gelacht – Dennis sah einfach zu komisch aus. Doch die Reaktionen insbesondere von Mo und Hedda ärgerten sie so sehr, dass sie nicht lachen konnte. Es frustrierte sie. Gerade erst hatte sie das Gefühl gehabt, dass die Zeit mit ihrem Bruder und ihrer liebsten Ponyhof-Freundin doch ganz gut werden würde, da hatten die beiden sich schon wieder so bescheuert gegen Annie zusammengeschlossen. Und Faolán hing da jetzt auch noch mit drin. Und dann diese ganzen besorgten Gesichter, als wäre sie schwer krank! Was sollte das?
„Es-waren-nur-Tic-Tacs!“, wiederholte sie deswegen, betont langsam. Anscheinend waren ja schließlich alle hier heute etwas schwer von Begriff.
„Bist du dir da ganz sicher?“, fragte Faolán und sah dabei aus, als läge Annie bereits auf dem Sterbebett. Annie sah ihn ungläubig an. Natürlich war sie sicher. Sie wusste ja wohl noch, wie ein TicTac aussah und schmeckte. Okay zugegeben, sie hatte die beiden weißen Bonbons nicht genauer angesehen und für einen kurzen Augenblick hatte sie den Eindruck gehabt, etwas mehlig-bitteres zu schmecken, doch der Pfefferminzgeschmack war eindeutig da gewesen. Becks hatte noch während sie ihr die Bonbons in die Hand geschüttet hatte, entschuldigend mit den Schultern gezuckt und gemurmelt: „Sorry, falls sie ein bisschen alt schmecken.... sind schon eine Weile offen.“

„Ja-ich-bin-mir-sicher!“, beteuerte sie ihre Aussage und verschränke demonstrativ die Arme. „Könnt-Becks-ja-fragen-wenn-ihr-mir-nicht-glaubt!“
„Pffffff!“, zischte Hedwig. „Als würde Rebecca zugeben, wenn sie irgendwas Illegales tut! Echt hey, die Alte ist doch kriminell!“
Wie auf ein Zeichen fiel in diesem Moment die Tür zum Speisesaal ins Schloss.

„Wenn man vom Teufel spricht...“, murmelte Faolán.
Rebecca höchst persönlich stand in der Tür, eingewickelt in eine riesige Lederjacke und blitzte feixend in die Runde.
„Was habe ich jetzt schon wieder verbrochen?“, spottete sie und ohne eine Antwort abzuwarten marschierte sie zum Buffet – oder dem, was davon übrig war – und klaubte ein paar Tortenkrümel zusammen.

*


Claire hatte die Situation bis jetzt relativ neutral und schweigend beobachtet. Auch sie fühlte sich schwummerig, fast so, als wäre sie angetrunken. Ein unangenehmes Gefühl, das schlechte Erinnerungen in ihr wachrief. Sie versuchte, diese zu verdrängen, indem sie sich auf die Geschehnisse des Abends konzentrierte.
Und Claire musste zugeben, dass ihr die Party bis jetzt tatsächlich gefallen hatte. Zu Beginn war sie ja sehr skeptisch gewesen und eigentlich nur des Friedens Willen mitgegangen mit der festen Absicht, sich relativ bald wieder aus dem Staub zu machen. Doch mit der Zeit fand sie Gefallen an den Aktionen und Spielen und sie ließ sich von der guten Laune der Zwillinge anstecken. Zudem fühlte sie sich in Pauls Gesellschaft erstaunlich wohl. Paul erinnerte sie sehr an ihren Bruder Jason. Sie konnte nicht genau ausmachen, woran das lag, denn eigentlich waren die beiden extrem unterschiedlich. Aber vielleicht war es einfach die Selbstverständlichkeit, mit der Paul mit ihr sprach, sie mit einband in Gespräche, selbst wenn Claire nur passiver Zuhörer war.
Und noch etwas hielt sie auf der Feier. Etwas, das sie nicht erklären konnte. Zu Beginn der Ferien hatte Jack sich sehr viel Zeit für sie genommen. Er hatte nicht viel gesprochen, aber er war irgendwie immer in der Nähe gewesen, wenn sie Unterstützung gebraucht hatte. Ähnlich wie Paul hatte er ihr ein ganz eigenartiges Gefühl von Sicherheit gegeben. Und doch irgendwie anders. Paul war ja recht gesprächig, und auch, wenn er wenig von sich erzählte, konnte man allein durch die Unterhaltungen mit ihm schon viel über ihn erfahren. Claire wusste mittlerweile, dass Paul mal in Deutschland beim Militär gewesen war. Sie wusste auch, dass er sich von seiner Familie losgesagt hatte (warum, das hatte er aber nicht gesagt), dass er die Einsamkeit der Highlands liebte, aber dass er trotzdem gerne mit Menschen zusammen war. Deswegen war er auch so häufig hier in Whitehorse. Außerdem hatte er mal erzählt, dass Ramona häufiger mal mit Reitgruppen zu seinem kleinen Anwesen kam und dort übernachtete.
Über Jack wusste Claire immer noch genau so viel wie am ersten Tag: Er mochte Pferde. Wow. Und doch hatte sie anfangs das Gefühl gehabt, dass Jack sie irgendwie mochte. Sie war davon ausgegangen, dass er immer so ruhig und verschlossen war. Claire hatte das nicht gestört, sie war ja selber auch eher verschwiegen.
Sie hatte sich ziemlich schnell an die tägliche Routine der Stallarbeit gewöhnt. Und auch daran, dass Jack ihr mehr oder weniger ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen ließ. Claire hatte es selten erlebt, dass jemand sich wirklich nur um sie kümmerte. Und auch wenn das natürlich albern war, immerhin musste Jack sie ja einarbeiten, gab es ihr doch das Gefühl, für ihn wichtig zu sein.
Und dann hatte sich alles verändert. Denn auf einmal, Claire hatte keine Ahnung, wie Jack das fertig gebracht hatte, tauchte auch Becks sporadisch im Stall auf.
Claire hatte sich bis dahin noch keine großartigen Gedanken über Becks gemacht. Natürlich hatte sie das eine oder andere Mal gefragt, was Becks passiert sein musste, dass sie so abweisend, so unfreundlich, so unsympathisch war, aber Claire war abends immer viel zu erschöpft, als dass sie sich wirklich darum hätte kümmern wollen. Im Grunde genommen interessierte es sie auch nicht. Sie hatte ja nichts mit Rebecca zu tun. Außer, wenn die wieder irgendwelche Gegenstände nach Claire schleuderte, aber sie hatte festgestellt, dass das wirksamste Mittel war, Rebeccas Launen einfach zu ignorieren.
Doch auf einmal tanzte Becks mit im Stall herum. Von Arbeiten wollte Claire nicht sprechen, denn Becks schien kaum eine Aufgabe wirklich zu Ende bringen zu können. Ständig verschwand sie ohne Absprache, tauchte irgendwo anders wieder auf, fing eine neue Arbeit an, die sie dann doch wieder unvollendet liegen ließ und die letztendlich Claire dann zu Ende bringen musste.
Aber das war es nicht, was Claire irritierte. Vielmehr war es die Art, wie Jack damit umging.
Claire hatte den Eindruck gewonnen, dass Jack zwar immer freundlich war, aber dass er trotzdem eine gewisse Ordnung und Zuverlässigkeit erwartete – aber offenbar nicht von Becks. Im Gegenteil. Tatsächlich wurde aus dem stillen, ernsten Jack jedes Mal, wenn Rebecca sich in den Stall bequemte, ein ziemlich alberner Kindskopf. Jack war dann wirklich kaum wieder zu erkennen. Er und Rebecca zogen sich gegenseitig auf, foppten sich, gingen sich gegenseitig auf die Nerven. Einmal hatte Jack sich Becks über die Schulter geworfen und sie auf dem Misthaufen abgeladen. Claire schien dann plötzlich unsichtbar zu sein. Und als ob das noch nicht frustrierend genug gewesen wäre, verschwand Jack tatsächlich auch während der Stallzeiten mit Rebecca hinter das Gebäude, um eine Zigarette zu rauchen. Claire durfte unterdessen alleine weiterarbeiten.
Claire wäre jetzt nicht so weit gegangen zu sagen, sie sei eifersüchtig auf Rebecca. Und doch erwischte sie sich immer wieder dabei, wie sie sich vorstellte, selber auch so selbstverständlich, so vertraut mit dem blonden Stallburschen zu sein. Und noch etwas war da. Ein eigenartiges Ziehen in der Magengegend, jedes Mal, wenn sie Jack und Becks zusammen sah.
So war es an diesem Abend in der Tat ein kleines bisschen Eigennutz, dass sie nicht versuchte, Becks zu der Party zu überreden. Und ihr Plan schien ja auch aufzugehen. Sie saß fast den gesamten Abend mit Jack und Paul zusammen, und Jack schien erstaunlich offen und gesprächig zu sein. Und als sie schließlich beim Jenga spielen sein Hemd überzog, stellte sie etwas überrascht fest, dass ihr Herz für einen Moment etwas schneller zu schlagen schien. Allerdings versuchte Claire sofort, dieses merkwürdige kribbelige Gefühl zu verdrängen und widmete ihre volle Aufmerksamkeit ganz schnell wieder dem Spiel.

Der Abend war also bis dahin für Claire eigentlich ganz gut gelaufen. Sie hatte sich keine Gedanken über Rebecca machen müssen, hatte sie für die kurzen Momente, in denen sie aufgetaucht war, gekonnt ignoriert und hatte sich auch nicht über die egoistische und unhöfliche Art ihrer Zimmerpartnerin ärgern müssen.
Und dann, gerade, als sie dachte, der Abend würde gemütlich auf ein entspanntes Ende zuplätschern, da ging es plötzlich doch wieder um Becks. 'Eigentlich', dachte Claire zynisch, 'ist es schon beinahe grotesk, wie keiner Interesse an Rebecca hat und sich doch ständig alles um sie dreht.'
Allerdings musste Claire zugeben, dass auch sie ein wenig beunruhigt darüber war, dass Annie irgendetwas geschluckt hatte, das Rebecca ihr angeboten hatte. Auch wenn Claire noch nie gesehen hatte, dass ihre Zimmerkameradin außer Nikotin noch etwas anderes konsumierte, so hätte es sie doch nicht gewundert, wenn genau dies der Fall war. Auch wenn Claire sich kaum vorstellen konnte, dass Becks irgendwelche illegalen Substanzen hätte einschmuggeln können. Claire wusste nichts Genaueres, warum Rebecca hier war, aber sie bekam natürlich jedes Mal mit, wenn diese in ihrer Tasche kramte und sich über die „dumme Kuh vom Amt“ beschwerte, die offenbar ihre Tasche vor ihrer Abreise durchsucht hatte.
Und doch. Annie war, als sie vom Umziehen zurückkam, wirklich schräg drauf. Noch schräger, als sie es sonst war. Und das sollte schon etwas heißen. Zwar wurde Claire irgendwie den Eindruck nicht los, dass ihr eigenes Hirn etwas langsamer arbeitete als gewohnt und sie auch irgendwie schwummerig beieinander war, aber Annie sprach und bewegte sich in einer Geschwindigkeit, die schon fast an einen Actionfilm erinnerte. Als hätte jemand auf der Fernbedienung auf Vorspulen geschaltet.
Als Annie schließlich die TicTacs erwähnte, erinnerte Claire sich, dass auf Becks Nachttisch fast immer eine kleine Dose davon lag. Allerdings hatte Claire dem Ganzen nie Beachtung geschenkt. Sie war sich nicht mal sicher, ob Rebecca überhaupt davon aß. Bewusst gesehen hatte sie es auf jeden Fall noch nicht.
Kurz dachte sie darüber nach, das mal in die Runde zu werfen, aber die Stimmung wirkte schon angespannt genug und so hatte sie gerade beschlossen, sich aus der Sache rauszuhalten, als Becks höchstpersönlich in der Tür erschien. Und wieder spürte Claire ein Ziehen. Ein Ziehen und den seltsamen Drang, zu schreien. Oder zumindest etwas zu werfen. Nach Rebecca im besten Fall. Und sie war sicher, dass dieses Gefühl nichts mit Annies seltsamen Verhalten zu tun hatte. Es war die große Jacke, in die Becks eingewickelt war. Claire (die selber noch in einem riesigen, karierten Hemd steckte) wusste, dass dies Jacks Jacke war. Sie spürte ein leichtes Brennen in den Augen. Ihr Blick huschte kurz hinüber zu dem Blonden, der Becks mit verschränkten Armen musterte. Doch in seinem Gesicht spiegelte sich nicht – wie bei allen anderen – Misstrauen und Ärger. Claire fand, dass er eher ein wenig belustigt wirkte. Sie ballte die Hände zu Fäusten und blinzelte. Bloß keine Tränen! Wieso fand ihr Körper überhaupt, dass es genau jetzt Zeit war, grundlos zu heulen? Sie war doch sonst nicht so nah am Wasser gebaut...
Glücklicherweise war selbst Paul, der ansonsten eine Art Radar für Claires Stimmung zu haben schien, so sehr auf Rebecca, die argwöhnisch von einem zum anderen sah und anscheinend nicht so ganz erfasste, was das Problem war, fixiert, dass er nicht mitbekam, wie Claire sich abwendete und schnell mit der Hand über ihre Augen wischte. Sie brauchte nur ein paar Sekunden, dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle. Gerade, als sie sich wieder dem Geschehen zuwandte, ergriff Hedwig das Wort. Sie war einen Schritt vorgetreten und deutete anklagend auf Annie. „Was hast du ihr gegeben, du Wahnsinnige?“, kreischte sie.
Becks hob die Augenbrauen und sah Hedwig erstaunt an. „Wie, was habe ich ihr gegeben?“, fragte sie mit Unschuldsmiene.
„Annie sagt, sie hat TicTacs von dir bekommen und jetzt benimmt sie sich total schräg!“, mischte sich jetzt auch Mo ein und trat neben Hedwig. Hinter ihm begann seine Schwester zu protestieren, doch Claire sah, dass Faolán sie am Arm festhielt. Er sah sie an und bedeutete ihr mit einer Geste, sich herauszuhalten. Annie sah ziemlich sauer aus, fand Claire. Doch Becks zog ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich, als sie anfing, leise zu lachen. Sie hatte die Arme verschränkt und ein provokantes Grinsen umspielte ihre Mundwinkel.
„Ach, sieh an. Einer von euch benimmt sich schräg – wobei ich da jetzt nicht genau weiß, wo der Unterschied zu sonst sein soll – und schon heißt es, ich hätte irgendwas Böses gemacht? Ja klar, das passt natürlich.“
„Hast du Annie etwas angeboten?“, mischte sich nun Paul ein. Seine Stimme war allerdings deutlich ruhiger als die der beiden Jugendlichen. Mo hatte die Fäuste geballt und war ganz rot im Gesicht und Hedda sah aus, als würde sie Becks jeden Moment an die Gurgel gehen wollen. Claire bemerkte, dass Paul sich strategisch klug so positioniert hatte, dass er nun zwischen Becks und Hedda und Mo stand. Wie eine menschliche Barriere.
Claires Blick huschte kurz zu Jack, der ein klein wenig abseits stand und alles ruhig beobachtete. Und immer noch schmunzelte. Dieser Idiot! Da war es wieder, das blöde Ziehen in ihrem Bauch. Doch Rebeccas Stimme ließ sie sich wieder herumdrehen.
„Und wenn es so wäre?“, zischte sie gerade Paul an. „Ist es neuerdings verboten, Süßigkeiten zu verteilen?“ Sie sah sich kurz in dem verwüsteten Speisesaal um, in dem immer noch Unmengen von verpacktem Süßkram und leeren Bonbonpapieren lagen. Theatralisch schlug sie sich die Hand vor den Mund. „Oh mein Gott! Bin ich hier in eine illegale Süßigkeiten-Orgie geplatzt? Ich rufe sofort die Polizei!“
Paul streckte seinen Arm aus und fing gekonnt Hedda ab, die ein paar Schritte auf Becks zu gemacht hatte. Claire bemerkte den vorwurfsvollen Blick, mit dem er Jack bedachte, der ja eigentlich für die Kids verantwortlich war. Doch dieser zuckte nur leicht mit den Schultern.
Paul seufzte, dann wendete er sich wieder an Rebecca. Mit betont ruhiger Stimme erklärte er: „Nein, Süßigkeiten sind nicht verboten. Aber sehr wohl verboten ist es, Minderjährigen irgendwelche illegalen Substanzen anzubieten.“
Rebecca schnaubte. „Ihr denkt also, ich setzte hier Kinder unter Drogen?“ Im Hintergrund begann Annie, zu protestieren. Offenbar war sie mit dem Wort 'Kinder' nicht einverstanden. Doch Rebecca sprach unbeirrt weiter.
„Ganz ehrlich, glaubt ihr Pfosten ernsthaft, wenn ich irgendwas hätte, womit ich mir hier die Birne wegballern könnte, dann würde ich das verschwenden, um einfach nur aus Spaß irgendwen unter Drogen zu setzen? Bist du noch ganz sauber oder hat dein Heli dir das Hirn wegrasiert? Alter, wenn ich so was hätte, dann würde ich mir das Zeug selber einwerfen, dass ich diesen ganzen Kindergarten hier besser ertragen könnte! Und überhaupt, wenn ihr euch unbedingt wegen irgendwem verrückt machen wollt, ich würde mich ja an eurer Stelle mal um Babyboy kümmern, der sieht auch nicht mehr so ganz fit aus.“ Sie pfefferte das angebröselte Stück Kuchen, das sie die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, hinter sich auf den Tisch. Claire beobachtete aus dem Augenwinkel, wie sich schlagartig alle zu Dennis umdrehten hatten, der mit dem Gesicht auf der Tischplatte vor sich hin schnarchte. Claire dachte über Rebeccas Worte nach. Es war nicht so, dass sie ihr nicht zugetraut hätte, dass sie Annie irgendetwas andrehte, aber ihre eigene Begründung klang – wenn man es aus Rebeccas Sicht beurteilte – durchaus logisch.
Claire sah zu Jack – und hätte am liebsten losgeheult. Er und Rebecca fixierten sich und es schien, als würden sie wortlos kommunizieren. Was war da nur, dass Jack sie so mochte, fragte Claire sich und spürte wieder, wie Wut in ihr aufstieg.
Als hinter ihr etwas rumpelte, fuhr sie herum. Faolán und Daryl hatten Dennis gestützt, der beim Aufstehen seinen Stuhl umgeworfen hatte. Er sah wirklich nicht gut aus. Er war wahnsinnig blass und machte den Eindruck, als könne er kaum auf seinen eigenen Beinen stehen. 'Hoffentlich kotzt er nicht gleich los', schoss es Claire durch den Kopf, denn genau so sah er gerade aus.
Ein keckerndes Kichern ließ sie herumfahren. Becks hatte die Arme wieder verschränkt und lehnte an dem Buffettisch.
„Uiuiui, da hat der Kleine wohl vergessen, wie man läuft... doof, dass Mami nicht da ist, um ihm zu helfen...“
Claire blinzelte. Hatte Becks das wirklich gesagt? Sogar Hedwig, die ja Rebecca gegenüber immer einen bissigen Kommentar auf den Lippen hatte, schien aufgrund dieser Geschmacklosigkeit die Sprache verschlagen zu haben. Erstaunlicherweise war es Jack, dem bei Dennis' Anblick das Grinsen vergangen war, der leise murmelte: „Becks.“
Für Claires Ohren klang es wie eine leise Ermahnung. Sie hatte diesen Tonfall noch nicht von Jack gehört. Rebecca allerdings schien dies nicht zu bemerken oder zumindest nicht zu interessieren, denn sie stichelte fröhlich weiter.
„Verträgt der kleine Denny-Schnuckiputzi etwa so viel Zucker vor dem Schlafengehen nicht?“ - „Becks!“
„Oder ist dem kleinen Mausibär vielleicht so schlecht, weil Mami nicht das gewohnte Fläschchen ans Bett bringt?“ - „REBECCA!“
„Na was, Denny-Pupsi, willst du nicht mit mir reden? Soll ich dir ein Gute-Nacht-Lied singen? Was singt Mami denn immer?“
Rebeccas Tonfall war ekelhaft bissig geworden. Mit jeder Silbe, jedem Ton, den sie von sich gab, spürte Claire, wie die Wut in ihr hochkochte. Selbst Jack hatte jegliche Gelassenheit verloren. Sein Tonfall war warnend, doch Becks schien es nicht zu kümmern. Dennis sah wirklich erbärmlich aus. Er hing in Faoláns und Daryls Armen und konnte sich kaum selber tragen, doch schaffte er es immerhin, auf Rebeccas Provokation hin den Kopf zu heben und sie anzusehen. Claire betete innerlich, dass er doch endlich etwas erwidern möge, sich mal endlich wehren würde. Sie konnte es kaum ertragen, wie Becks Dennis jedes Mal fertig machte, wenn sie ihn sah.
Doch Dennis wehrte sich nicht. Er hatte die Lippen zusammengepresst. Claire sah, wie sein Kinn bebte. Oh nein. Gleich würde er anfangen zu heulen. Auch Rebecca hatte das natürlich gemerkt.

Es kam Claire im Nachhinein vor, als wären die letzten Sekunden in Zeitlupe abgelaufen und als hätte erst der kribbelnde Schmerz in ihrer Hand die Zeit wieder auf normale Geschwindigkeit geschaltet.
Sie hatte genau beobachten können, wie sich Rebeccas Gesichtsausdruck veränderte, als die erste Träne über Dennis' Gesicht lief. Ein diebisches Grinsen breitete sich über ihr Gesicht aus. Mit sadistischer Freude setzte sie zum tödlichen Stoß an. Claire merkte, wie die Wut ihren Herzschlag beschleunigte, ihren Adrenalinspiegel in die Höhe trieb.
Da stand sie, diese widerliche Person, eingehüllt in Jacks warme, kuschelige Lederjacke, die so unerklärlich gut roch – Rebecca hatte diese Jacke nicht verdient! Sie hatte überhaupt nicht verdient, dass irgendjemand hier freundlich zu ihr war!
Becks hatte den Mund geöffnet und holte Luft. „Was denn, Dennylein, du heulst doch jetzt nicht etwa? Pass auf, Mami will sicher keine Heulsuse haben! Wenn du so weitermachst, dann tauscht sie dich vielleicht aus, gegen einen besseren Sohn!“
Rebecca hatte eine wunde Stelle getroffen. Claire hatte es sofort an Dennis' Gesicht gesehen. Niemand griff ein. Oder vielleicht doch, aber für Claires Empfinden nicht schnell genug. Bevor jemand sie daran hätte hindern können hatte sie die Distanz zu der überraschten Rebecca überbrückt, ausgeholt und ihr einen so gepfefferten Schlag verpasst, dass ihre Hand augenblicklich taub wurde. Sie bemerkte neben sich eine Bewegung, es musste Jack sein, der wohl eingreifen wollte, und sah, wie Becks sich beide Hände vor den Mund schlug, sich wegdrehte.
Es war totenstill im Raum. Einige Herzschläge lang schienen alle die Luft anzuhalten – und dann kehrte das Gefühl in Claires Knöchel zurück. Zuerst ein Stechen, dann ein Brennen. Sie schüttelte die Hand aus, dann sah sie sich um. Hedda, Mo, Annie, Daryl, Faolán und auch Paul und Jack starrten sie fassungslos an, nur Dennis baumelte mit hängendem Kopf zwischen seinen beiden menschlichen Stützen. Und dann begann Hedda mit grimmiger Miene zu klatschen. Mo und Annie stimmten ein, Daryl nickte anerkennend und Faolán hob den Daumen seiner freien Hand in die Luft.
Paul klatschte nicht. Und Claire selber fühlte sich auch in keinster Weise so, als hätte sie gerade einen Gewinn davon getragen. Denn quasi im selben Moment, als das Gefühl in ihre Hand zurückgekehrt war, hatte sich auch das schlechte Gewissen gemeldet. Sie drehte sich zu Becks um und stellte entsetzt fest, dass Blut über ihre Hände, die sie sich immer noch vor den Mund gepresst hatte, rann. Claire wollte schon den Mund aufmachen und sich entschuldigen, also jemand sie grob an der Schulter packte und einen Meter nach hinten zog. Sie stolperte beinahe. Mit einem grauenvollen Stechen in der Brust stellte sie fest, dass es Jack gewesen war, der sie nun mit einer Mischung aus Entsetzen und Ärger ansah.
„Seid ihr eigentlich beide irre?“, fauchte er, dann packte er Rebecca an der Schulter und bugsierte sie – mindestens ebenso unsanft, wie er auch Claire zur Seite geschubst hatte – in die Küche. Sie hinterließen eine Spur aus spritzenden Blutstropfen.
Sie hörten, wie in der Küche ein Wasserhahn aufgedreht wurde. Vor Claires Augen schien sich der Raum zu drehen. Ihre Atmung ging ungleichmäßig. Ihr Pulsschlag war zu schnell. Das Ziehen in ihrem Bauch war unerträglich. Sie befürchtete, gleich umzukippen oder sich zu übergeben. Mit aller Kraft versuchte sie, sich gegen die aufsteigende Panik zu wehren. Sie bemerkte, dass die anderen angefangen hatten, durcheinander zu reden, konnte aber kein Wort verstehen. Alles verschwamm vor ihren Augen. Gerade, als sie glaubte, sich fallen lassen zu müssen, legte sich eine warme Hand beruhigend auf ihre Schulter. Ruckartig drehte sie sich um. Paul sah sie aus seinen dunkelgrünen Augen durchdringend an.
„Claire. Atmen“, flüsterte er. Claire gehorchte. Genau wie Jason hatte Paul etwas unheimlich Beruhigendes an sich. Sanft, aber bestimmt führte er sie zum nächstbesten Stuhl. „Setz dich. Warte, bis ich zurück bin, okay?“, murmelte er. Claire nickte. Sie konzentrierte sich aufs Atmen. Langsam wurde ihr Blick wieder klarer. Der Raum hörte auf, sich zu drehen. Ihr Puls schien wieder normal zu sein.
Sie beobachtete Paul. Er war zu den anderen zurückgeeilt und gab jetzt Anweisungen. Sein Ton war zwar ruhig, aber sehr bestimmt. Er schickte Mo, der nun anstatt Faolán Dennis stützte, seinen Zimmerkameraden gemeinsam mit Daryl nach oben zu bringen. „Jack oder ich kommen später hoch um nach ihm zu sehen. Daryl, bitte bleib noch dort, bis Dennis sicher im Bett ist. Wenn euch irgendetwas unheimlich oder komisch vorkommt, sagt sofort Jack oder mir Bescheid. Oder ihr weckt Ramona. Alles kein Ding, okay?“
Mo und Daryl, der sich erstaunlich kleinlaut unterordnete, nickten, dann schleppten sie Dennis gemeinsam nach draußen. Kurz darauf hörte man sie die Treppe nach oben rumpeln.
Paul hatte sich nun an die drei Verbliebenen gewendet. Hedda, Annie und Faolán sahen betreten gen Boden.
„Okay“, begann Paul. „Damit wir uns es nicht mit der Haushälterin verscherzen, schlage ich vor, ihr drei helft noch zusammen und wir räumen zumindest alles an Müll weg und sammeln die restlichen Süßigkeiten ein, damit es hier morgen nicht mehr aussieht wie nach dem Dreißigjährigen Krieg.“
Claire hörte, wie Annie den anderen zuraunte: „Demwas?“
Doch Faolán legte einen Finger auf seine Lippen und Hedda schüttelte den Kopf. Dann begannen die Drei wortlos, zusammenzuräumen. Claire fühlte sich mittlerweile nicht mehr schwindelig. Sie war schrecklich erschöpft und wollte eigentlich nur ins Bett, aber sie hatte das Gefühl, es wäre absolut unverschämt, abzuhauen ohne zu helfen. Daher stand sie langsam auf, atmete durch. Es ging. Sie stand sicher.
Schweigend wie die anderen auch begann sie, benutzte Servietten, leere Plastikbecher und durchgeweichte Pappteller einzusammeln. Paul kam mit einer Rolle Müllsäcke aus der Küche. Ihm folgten Jack und Becks, die sich einen großen Knödel aus zusammengeknülltem Küchenpapier auf den Mund drückte.
Zu Claires Überraschung grinste sie... und kam dann direkt auf Claire zu.
Was hatte sie vor? Würde sie sie nun verprügeln? Sie beschimpfen? Ausflippen? Claires Knie wurden weich.
Rebecca blieb etwa zwei Meter von Claire entfernt stehen. Die beiden Mädchen fixierten sich. Natürlich hatten alle anderen sofort inne gehalten und beobachteten die zwei argwöhnisch.
Und dann tat Becks etwas, das Claire nicht erwartet hatte. Sie hob kurz die Küchenrolle zur Seite, so dass Claire einen Blick auf ihre aufgeplatzte Unterlippe erhaschen konnte, die immer noch blutete. Dann senkte sie den Kopf – beinahe, als wolle sie eine Verbeugung andeuten – und murmelte so leise, dass es vermutlich nur Claire hörte: „Chapeau – hätte ich dir gar nicht zugetraut, Blondi!“
Sie sah Claire an, zwinkerte... und lächelte. Dann drehte sie sich um und marschierte zur Tür. Als sie nach der Klinke griff, hielt sie inne und sah sich zu den anderen um.
„Wenn niemand Einwände erhebt, würde ich mich nun ins Bett begeben, denn aus unerfindlichen Gründen ist mir ein wenig schwindelig.“
Sie wartete keine Antwort ab und war schon fast aus dem Raum, als Hedwig das Wort ergriff und ihr hinterher rief: „Hey, Rebecca! Was hast du Annie gegeben?“
Rebecca steckte den Kopf durch die Tür herein und antwortete: „Na, TicTacs.“
Sie warf eine kleine Dose in den Raum, dann verschwand sie.
Faolán und Hedwig stürzten sich sofort auf die kleine Plastikdose, in der noch ein paar wenige weiße Pillen waren. Annie hatte die Arme verschränkt und Claire beobachtete Jack und Paul, die sich einen Moment lang ansahen und dann beinahe zeitgleich eingriffen
„Keiner von euch schluckt was davon!“, kommandierte Paul und Jack zog die Dose aus Hedwigs Hand. Sie hatte sie geöffnet und war bereits im Begriff, die kleinen Bonbons auszuleeren.
Jack hob die Dose hoch und betrachtete mit zusammengekniffenen Augen deren Inhalt. Paul sah ihm skeptisch über die Schulter. Auch Claire spähte hinüber, doch konnte sie von ihrem Standpunkt aus nur erkennen, dass etwas Weißes darin war.
„Hm“, murmelte Paul, „sieht meiner Meinung nach aus wie...“
Er hielt inne, als Jack sich eine der Pillen auf die Hand schüttete und dann in den Mund warf.
„TicTac“, beendete er Pauls Satz. „Eindeutig TicTac. Auch eins?“ Er hielt Paul die Dose hin, doch der schüttelte nur mit entsetztem Blick den Kopf.
Jack zuckte mit den Schultern, nahm sich noch ein Bonbon und ließ die Dose mit dem restlichen Inhalt in seiner Hosentasche verschwinden.
Hedda und Faolán sahen sich an. „Das kann doch nicht sein...“, flüsterte Hedda. Annie hatte die Arme verschränkt. „Ich habe es euch ja gesagt!“, fauchte sie.
Doch ehe erneut ein Streit entbrennen konnte, griff Jack ein.
„Ich würde vorschlagen, ihr geht alle langsam ins Bett. Der Abend war lang. Faolán, du und Daryl könnt, wenn ihr möchtet im Zimmer ganz rechts schlafen, das 'at Ramona 'errichten lassen. 'edwig... möchtest du bei Annie schlafen? Sonst ist das zweite Zimmer von rechts auch frei.“
Hedda und Annie sahen sich kurz an. „Ich schlafe bei Annie“, antwortete Hedda schließlich. Jack nickte und die Drei machten sich auf den Weg. Claire stand immer noch an derselben Stelle wie zuvor. Sie war sich nicht sicher, ob Jack auch sie gemeint hatte, als er „ihr alle“ gesagt hatte. Er sah in ihre Richtung und für einen Sekundenbruchteil trafen sich ihre Blicke. Claire fiel erst jetzt auf, dass sie immer noch Jacks Hemd trug. Er hatte mittlerweile ein graues T-Shirt an, aber Claire hatte keine Ahnung, wann er es übergezogen hatte.
„Kannst du kurz mal nach Dennis se'en?“, wandte sich Jack an Paul und Claire wurde schlagartig bewusst, dass sie dann alleine mit Jack sein würde. Jetzt würde er sie sicher zur Sau machen. Wegen Becks. Wie sollte sie sich rechtfertigen? Was sollte sie sagen? Sie spürte wieder das Ziehen. Ihre Augen wurden heiß. Claire heulte nie und nun stiegen ihr heute schon zum zweiten Mal die Tränen in die Augen! Was sollte das bloß?
Die große Flügeltür des Speisesaals fiel hinter Paul ins Schloss. Jack sah noch ein paar Sekunden die Tür an, dann drehte er sich zu Claire um. Sie sah ihn bangend an. Doch er sah nicht sauer aus. Viel mehr … besorgt?
Er machte ein paar Schritte auf sie zu, fixierte sie mit seinen dunklen Augen.
„Bist du okay?“, fragte er leise.
Claire versuchte, die Tränen wegzublinzeln, doch es wollte ihr nicht so richtig gelingen. Sie starrte auf den Boden.
„Claire?“ Er stand jetzt ganz nah bei ihr. Doch sie blickte stur nach unten. Sie spürte, wie sich die ersten Tränen ihren Weg über ihre Wangen bahnten. Claire schluckte.
„'ey Claire. Ist schon gut.“ Wie ruhig er mit einem Mal wieder klang. Und dann umarmte er sie. Ziemlich vorsichtig, zögerlich, ja fast unsicher. Doch Claire war in diesem Moment für diese tröstende Geste so dankbar, dass sie sich einfach gegen ihn lehnte. Der Stoff seines T-Shirts war in wenigen Sekunden ganz nass von den Tränen, die stumm über ihr Gesicht liefen und einfach nicht aufhören wollten.
Jack sagte nichts dazu. Er ließ sie gewähren. Nach einer Weile begann er wieder, leise zu sprechen.
„Weißt du... ich denke, Rebecca 'at verdient, dass sich mal jemand gegen sie wehrt und ihr sozusagen die Fresse poliert. Oder eben auch im wahrsten Sinne des Wortes. Aber … naja ich darf natürlich nicht unterstützen, wenn jemand zuschlägt.“
Er hielt inne und Claire hob unsicher den Kopf. Jack sah sie an und seine schwarzen Augen funkelten. Er grinste.
„Also sagen wir, ich darf es nicht unterstützen, so lange die anderen Kids im Raum sind. Aber … glaub jetzt ja nicht, dass ich damit einverstanden bin, dass du ihr jedes Mal eine rein'aust, wenn sie sich daneben benimmt! Gewalt ist keine Lösung, Clary, merk dir das!“
Er hatte jetzt die Stimme verstellt und hob belehrend einen Finger. Claire konnte nicht anders. Obwohl die Tränen immer noch liefen, musste sie lachen. Sie klopfte mit der flachen Hand gegen seine Brust. „Du bist doof“, schniefte sie und Jack lachte. Er kramte in seiner Hosentasche herum und reichte ihr ein Taschentuch.
Claire nahm es dankbar an, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und putzte sich die Nase. Dann sah sie Jack wieder an. Er lächelte leicht. „Du siehst echt scheiße aus“, grinste er. „Vielleicht solltest du auch schlafen ge'en. Ich muss 'ier vielleicht noch zumindest das Blut wegwischen, nicht, dass die Köchinnen morgen einen 'erzinfarkt bekommen.“
Claire bekam sofort wieder ein schlechtes Gewissen und ihr Blick huschte zu der Blutspur, die Rebecca hinterlassen hatte. Jack stupste sie an.
„Ach schau nicht so, sie wird nicht dran sterben. Geh schlafen, und wenn du morgen um 'alb neun fit bist, kommst du in den Stall, okay?“
Claire zögerte, dann nickte sie. Sie machte sich auf den Weg, als Jack sie noch einmal aufhielt.
„Oh und Claire...“ Sie sah ihn an.
Er grinste. „Schlagt euch nicht die Köpfe ein, okay? Das ist in den Zimmern immer so eine Sauerei!“
Claire streckte ihm die Zunge heraus. Dann schlüpfte sie nach draußen. Auf der Treppe traf sie Paul, der ihr noch leise eine gute Nacht wünschte.
Im Zimmer war es ruhig und dunkel. Becks lag im Bett. Claire wusste nicht, ob sie schlief oder nur so tat, aber eigentlich war es ihr egal. Sie wollte eh nicht mit ihr sprechen. So schnell sie konnte vergrub sie sich unter ihrer Decke. Hoffentlich konnte sie schnell schlafen.

*


Jack und Paul hatten schweigend zusammengeholfen und die Reste der Party soweit es ging beseitigt. Jack hatte die Blutspur noch aufgewischt, es sah wirklich brutal aus. Nun war der Speisesaal zumindest wieder als solcher erkennbar. Zwischendurch hatten sie noch abwechselnd nach Dennis geschaut. Dieser hatte, kaum, dass er mit Mo und Daryl im Zimmer angekommen war, angefangen, sich zu übergeben. Mittlerweile hatte Paul aber Entwarnung gegeben – als er zuletzt nach ihm gesehen hatte, hatte er geschlafen.
Nun saßen sie zusammen an einem der Tische. Jack hatte sich noch ein Bier geholt, das er auf Ramonas Anweisung hin ja nur trinken durfte, wenn keine Kids mehr anwesend waren. Paul, der grundsätzlich nichts von Alkohol hielt, schlürfte Wasser.
„Das war heute echt eine komische Stimmung, oder?“
Jack sah auf. Er war mit den Gedanken wo anders gewesen. Paul sah ihn bohrend an.
„Die Stimmung“, wiederholte er, „war echt komisch heute, oder?“
„Hmm...“, nickte Jack, „aber das ist sie schon seit ein paar Tagen. 'atten Glück, dass es nicht noch weiter eskaliert ist...“
Er betrachtete die Bierflasche in seiner Hand.
„Waren das wirklich nur TicTacs, das Zeug von Rebecca?“, hakte Paul nach.
„Was?“
„Jack, was ist los? Wo bist du denn mit deinen Gedanken?“ Paul schnippste mit den Fingern vor dem Gesicht seines Kumpels herum. Dieser verdrehte die Augen und schob Pauls Hand zur Seite.
„Nirgendwo, bin nur müde“, murmelte er und schaute zur Seite, in der Hoffnung, dass Paul das kurze Lächeln, dass sich ganz von selber auf Jacks Gesicht stahl, nicht bemerkte.
Entweder hatte Paul es wirklich nicht gesehen, oder aber er war einfach ein guter Freund und hielt die Klappe. Er streckte sich und gähnte.
„Ich glaube, ich mache mich jetzt langsam mal auf“, erklärte er. „Wie spät ist es überhaupt?“
Jack fischte ein altes und ziemlich mitgenommen aussehendes Handy aus seiner Tasche und sah darauf. „Kurz nach vier“, antwortete mit einem leisen Stöhnen.
„Wann fängst du wieder an?“, fragte Paul. Jack grunzte als Antwort. Paul lachte. „Ach, doch so genau?“
„Irgendwann zwischen 'alb acht und acht?“, versuchte Jack, seine Aussage zu präzisieren.
Paul schnaubte. „Na dann hast du doch gar keinen Grund, dich so aufzuführen! Sind doch noch ganze drei Stunden, die du schlafen kannst!“
Jack sah Paul an, dann hob er den Mittelfinger. Paul grinste, dann stand er auf. Jack tat es ihm gleich. Er nahm sein Bier, das noch halb voll war mit und folgte Paul nach draußen. Auf dem Weg löschte er das Licht im Speisesaal. Das Haus lag nun ganz ruhig und dunkel da. Nur draußen prasselte der Regen. Paul schnappte sich seine Sturmjacke, die er neben die Tür gehängt hatte.
„Bist du sicher, dass du noch zu deinem 'eli 'ochstapfen willst?“, fragte Jack. „Kannst auch 'ier auf der Couch pennen, 'at Ramona gesagt.“
Doch Paul schüttelte den Kopf. Jack wusste, dass sein Kumpel eine ganz besondere Beziehung zu seinem Helikopter hatte und Paul zog es vor, in der Maschine zu schlafen, ehe er sie die ganze Nacht unbeaufsichtigt irgendwo stehen ließ.
Jack zuckte mit den Schultern und sah sich nach seiner Jacke um – bis ihm wieder einfiel, dass die ja noch bei Rebecca war. Paul hatte mittlerweile die Tür aufgezogen. Es goss wie aus Kübeln.
Jack seufzte.
Paul sah ihn kurz an und hob die Augenbrauen, doch auch er schien sich zu erinnern, wo Jacks Jacke war, denn er grinste schadenfroh. Die beiden Männer traten gemeinsam hinaus in die Nacht. Jack zog die Tür hinter sich zu. Mit einem Nicken verabschiedeten sie sich voneinander und während Paul sich auf den Weg zur Straße machte, schlug Jack den Pfad ein, der zu seiner Hütte führte.
Während er gegen den Regen durch das pitschnasse Gras stiefelte, ließ er den Abend Revue passieren. Die Stimmung war wirklich seltsam gewesen. Er dachte noch einmal daran, dass Paul gefragt hatte, ob in der Bowle Alkohol sein könnte. Jack konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie er da hätte rein kommen sollen. Und doch, jetzt, wo er gesehen hatte, wie Dennis beinander war... war es möglich, dass jemand etwas eingeschmuggelt hatte? Becks vielleicht? Aber bei ihr verhielt es sich mit Alkohol doch genau wie mit Tabletten: Sie würde das Zeug eher selber konsumieren, als es irgendwem unterzujubeln. Oder?
Völlig durchweicht erreichte er seine Hütte. Er sperrte die Tür auf und wurde von einem lauten, vorwurfsvollen Miauen begrüßt. Der fette Kater strich an seinen Beinen vorbei nach draußen. Als der erste Regentropfen ihn traf, kehrte er schlagartig um, flitzte zwischen Jacks Beinen durch und sprang auf Jacks Bett.
Jack musste ein wenig über die Katze grinsen. Er knippste das Licht an – und sein Grinsen erstarb.
Auf dem kleinen, vollgeräumten Esstisch lag etwas, das dort nicht liegen sollte. Langsam machte er einen Schritt auf den Tisch zu. Es waren zwei leere Flaschen, um die mit buntem Geschenkband ein Zettel gebunden war. In krakeliger Handschrift stand darauf:
Amusez-Vous avec le punch


'Viel Spaß mit der Bowle'. Jack hob den Zettel hoch und betrachtete die Flaschen genauer. Alkohol. Es waren zwei Flaschen Partyspirituosen, ein mit so viel Zucker und Aromen versetzter Wodka, dass man den Alkohol nicht mehr herausschmeckte.
„Scheiße“, murmelte Jack. Denn er wusste jetzt, wer dafür verantwortlich war.


***

So, ups. Jetzt hat es doch wieder ziemlich lange gedauert. Ich hoffe, ihr habt trotzdem noch Spaß dran :-)

Und noch eine Frage an alle: Über wen würdet ihr gerne ein bisschen mehr erfahren? Über die Vergangenheit, das Leben... In einem der nächsten Kapitel würde ich mal ein bisschen mehr von einem der Charaktere preisgeben ;-)

Alles Liebe, Art
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